XXVI

Hellwach, wie schon den größten Teil der Nacht, lag Valerius neben den glühenden Resten eines nächtlichen Feuers und zählte in der vergeblichen Bemühung, zu vergessen, wo er sich gerade befand und vor allem mit wem und wie es überhaupt dazu gekommen war, die am Nachthimmel verblassenden Sterne.
Es verlangte ihn nach Wein, äußerst dringend sogar, doch Wein gab es nicht. Drei Krüge hatte er von Rom aus mitgenommen, und er war der Ansicht gewesen, dass dies mehr als genug sein würde, um die ganze Reise über zu reichen. Tag und Nacht hatte er die Dosierungen immer wieder sorgfältig abgemessen, hatte sich nur so viel von dem Wein genommen, wie er gebraucht hatte, um die Geister auf Abstand zu halten, die Stimmen zum Schweigen zu bringen und sein schneidendes Lächeln gegen den immerwährenden, ihm von Caradocs Familie entgegenschlagenden Hass aufrechtzuerhalten.
Je länger ihre Reise jedoch andauerte und je mehr sie sich Gesoriacum näherten und damit auch den Erinnerungen an Caligula und Corvus, an Amminios und Iccius, an die Bilder von Hass und Liebe und Rache und Tod, desto mehr Wein hatte Valerius gebraucht, um zumindest noch den Anschein des Gleichmuts zu bewahren. Den letzten Krug hatte er somit vor drei Tagen schon geleert, und seitdem fürchtete er ständig um seine geistige Gesundheit. Überraschenderweise hatte ihm in gerade dieser Situation aber Philonikos geholfen und aus seinem Vorrat an Arzneien einen sehr scharfen Honiglikör hervorgeholt, der so stark war, dass er sich förmlich durch Valerius’ Kehle hindurchfraß und ein Taubheitsgefühl in seinem Körper auslöste, das sich bis in seine Glieder ausbreitete. Angesichts eines so starken Getränks hatte sogar das Flüstern aus der Vergangenheit den Rückzug angetreten, und selbst die Gegenwart schloss sich nicht mehr ganz so erdrückend um ihn. Zwei Nächte lang hatte Valerius ruhig durchgeschlafen. Erst an diesem letzten Abend, als ihr Ziel schon zum Greifen nahe schien, hatte Xenophons Schüler sein Geschenk ganz unverständlicherweise wieder an sich genommen, und Valerius bekam den Verlust bitter zu spüren.
Die Sterne verblassten viel zu schnell. Im Gegensatz zu seiner Zeit in Britannien, als Valerius jede Nacht darum gebetet hatte, dass das Licht der Götter rasch wieder erstrahlen solle und die Träume der Nacht zurück in ihre Verbannung schicken möge, hegte der Dekurio hier, an diesem Ort und in dieser Gesellschaft, so gar kein Bedürfnis danach, so bald einen neuen Tag anbrechen zu sehen. Sogar seine nächtlichen Träume hätte er noch vorgezogen, wenn diese die Erinnerungen an seine erste Reise nach Gesoriacum verdrängt hätten, die Erinnerung an den Menschen, der er einmal gewesen war, bevor er hier an Land ging; und die Bilder dessen, der er wiederum davor gewesen war; und sein Wesen vor dieser Person, und so fort. Oder wenn die Träume doch nur für einen einzigen Augenblick die Anwesenheit Caradocs hätten auslöschen können und die damit einhergehenden ständigen stummen Vorwürfe.
In Caradocs Wohnung und selbst während ihres ersten Tages jenseits des Stadtgebiets von Rom hatte die grenzenlose Ironie dieses Eides, den Xenophon Valerius abgerungen hatte, noch wie ein Schutzschild für ihn gewirkt; mit Beginn der Straße, die sie nach Norden führte, hatte diese Waffe jedoch keinen langen Bestand mehr gehabt. Der Dekurio war es gewohnt, dass man ihn fürchtete - selbst Longinus hatte nun Angst vor ihm bekommen. Allerdings pflegte man ihn auch dann noch immer zu respektieren; sogar die Gallier, die Umbricius unterstützt hatten, taten dies. Bis zu dieser Reise also hatte er nicht gewusst, wie sehr er von diesem Respekt abhängig gewesen war, wie sein Fehlen an ihm zehrte. Doch er musste diesen letzten Tag jetzt durchstehen, und zwar ohne jegliches äußerliches Anzeichen dafür, was ihn dies für Anstrengungen kostete. Dafür aber mit dem Versprechen seines Gottes, ihn stetig weiter auf den erfolgreichen Abschluss dieser Reise zuzuführen, und mit dieser Unterstützung, so hoffte Valerius, würde er es schließlich schaffen können. Tief in seinem Inneren aber wusste er bereits, dass er kaum mehr als diesen letzten Tag noch zu leben hatte.
Mittlerweile waren die Sterne endgültig verblasst. Die Sonne stieg am östlichen Horizont auf, und zwischen die Bäume ergoss sich das Licht der Götter, legte sich dämpfend auf den letzten schwachen Schein des Feuers. Die ganze Nacht über war von ihrem Feuer kein einziges Rauchwölkchen aufgestiegen - Valerius hatte es sehr sorgfältig aufgeschichtet und nur Holz verwendet, das bereits in der Nacht zuvor getrocknet worden war -, dennoch aber schwebte nun ein Schwall der noch erhitzten Luft leicht nach links hinüber und zeigte damit einen Umschwung der Brise an. Als der Wind dann endgültig Richtung Süden drehte, änderte sogar das Lied des Flusses leicht seine Tonlage, und irgendwo, in weiter Ferne, begann ein Hahn zu krähen.
Valerius warf seinen Umhang von sich und stand auf. Es war einfach eine Frage der Ehre, dass er sich morgens stets als Erster erhob, ebenso wie auch er derjenige sein musste, der die Feuer ihrer Verfolger zuerst entdeckte. Denn daran, dass sie verfolgt wurden, bestand kein Zweifel. In diesem einen Punkt war der Dekurio selbst den Kriegern, die er führte, noch überlegen; exakt konnte er das genaue Ausmaß der Gefahr einschätzen, die Stärken des Verfolgers, seine Schwächen und, so glaubte Valerius zumindest, sogar seine Absicht.
In der auf die Nachtruhe folgenden körperlichen Bewegung lag eine gewisse Erleichterung. Lautlos überquerte er die Lichtung und wanderte entlang eines kleinen Pfades durch das spärliche Gehölz. Hinter sich hörte er das leise Tappen der Krieger, die sich nun ebenfalls erhoben hatten und jeder ihren eigenen Weg einschlugen. Schon bald war das Einzige, was Valerius noch vernehmen konnte, die etwas lauteren Schritte von Cunomar, der einfach zu lange in Rom gelebt und darum noch nicht gelernt hatte, wie man sich geräuschlos bewegte.
Nach zehn Tagen beständigen Regens war der Flusspegel mittlerweile recht hoch angestiegen, und der Fluss strömte breit und voller Schlamm dahin. Valerius machte eine kleine Mulde in der Uferböschung aus, in der der wirbelnde Fluss einige Blätter gesammelt hatte. Dorthinein erleichterte er sich und ging anschließend weiter den Strom hinauf, um nach den Pferden zu sehen und um sich sein Gesicht mit dem dort etwas saubereren Wasser zu bespritzen. Danach fühlte er sich schon besser. Der Weg am Ufer entlang führte in südlicher und westlicher Richtung weiter bis zu einer Stelle, wo sich der Fluss wieder verbreiterte und die Strömung langsamer wurde. Vorsichtig überquerte Valerius den Fluss auf glitschigen und tückischen Trittsteinen, wobei er jeden einzelnen davon zuerst nur langsam betrat und den Halt erprobte, den sein Fuß darauf fand. Am südlichen Ufer führte ein Rotwildpfad durch Dorngebüsch und um ein mit Gras bewachsenes kleines, enges Tal herum, das sich am äußersten Ende an einen steilen, bewaldeten Hang schmiegte. Valerius erkletterte den Steilhang und benutzte dabei die Wurzeln des Dorngebüschs als Halt. Schimmernd wie gehämmerte Bronze knirschten die Blätter der Blutbuche unter seinen Füßen. Die Beeren an den Dornbüschen waren in Vorahnung des Winters bereits zusammengeschrumpelt und hielten in schweren Tropfen den Morgentau gefangen, der nun wie Sprühregen an seinen Oberschenkeln hinabrieselte und kühlen Tränen gleich auf seine Wange fiel.
Oben auf dem Kamm des Hangs angekommen, bahnte Valerius sich einen Weg unter tief hängenden Ästen hindurch, bis er schließlich einen Punkt erreichte, an dem er einen guten Blick über eine überflutete Wiese und den dahinter liegenden Buchenund Eichenhain hatte. Über dem Blätterbaldachin stiegen dünne Rauchkräusel auf. Marullus, Zenturio der Zweiten Kohorte der Prätorianischen Garde, hatte es einfach noch nie verstanden, ein Feuer ohne Rauchentwicklung zu entzünden; vielleicht aber wollte er damit auch ganz bewusst auf seine Anwesenheit hinweisen. Als Warnung, die ein Vater einem seiner zahlreichen Söhne schickte, der durch ein ungünstiges Schicksal und einen zu sorglos gegebenen Eid auf die feindliche Seite geraten war, der aber dennoch nach wie vor unter dem segensreichen Schutze Mithras’ stand. Sie lagen noch nicht in offenem Konflikt miteinander, würden vielleicht auch niemals dahin geraten. Ihr Gott, so konnte man nur hoffen, würde dies verhindern.
Für eine Weile lag Valerius einfach nur ganz ruhig unter den Dornbüschen, ließ die kühle Luft und die Erleichterung, endlich einmal allein zu sein, ihr heilendes Werk vollbringen. Nun, nachdem sich sowohl die Nebel in der Außenwelt als auch jene in seinem Kopf zu lichten begannen, entdeckte er auch, wonach er gesucht hatte: eine Hand voll Männer, die sich hastig unter den Bäumen hindurchbewegten und ihre Pferde für die Weiterreise sattelten, sowie jenen ihrer Gefährten, der auf der gegenüberliegenden Seite in Deckung lag und das Gelände beobachtete.
»Sie spielen nur mit uns. Sie wissen, dass wir hier sind.«
Valerius sprang auf, und eine Blase reinen, ungetrübten Zorns stieg in ihm auf und zerplatzte in seinem Schädel. Beinahe hätte er zum Schlag ausgeholt. Das Einzige, was ihn davon abhielt, war ein ganzes Jahrzehnt des Trainings als Offizier und der Eid, den er gegenüber seinem Gott geleistet hatte.
Wenn Cygfa überhaupt die Gefahr wahrgenommen hatte, so zeigte sie doch keinerlei Angst. Geräuschlos hatte sie sich Valerius genähert und setzte sich nun genauso leise einfach nieder. Mehr noch als Caradoc mit seiner kalten Wut oder Cunomar mit seinem alles verzehrenden Hass verunsicherte ihn Cygfa. Sie sprach nur selten mit ihm und niemals freiwillig, und doch hatte er sich nicht ein einziges Mal von den anderen entfernen können, ohne dass sie ihm auf ihren Katzenpfoten gefolgt wäre. Nun hockte sie sich in eine kleine Mulde unter die Dornbüsche und starrte ihn an mit Augen, die ebenso gut die ihres Vaters hätten sein können.
Irgendwann im Laufe ihrer gemeinsamen Reise hatte Cygfa begonnen, ihr Haar nach Art der Krieger zu flechten - etwas, was in Rom strengstens verboten war -, und über Nacht hatte sie sogar drei Krähenfedern gefunden und diese in ihren Zopf mit eingeflochten. Vom Morgennebel befeuchtet, baumelten die Federn nun an Cygfas Schläfe und umrahmten schlicht ihr nahezu geschlechtsloses Gesicht. Valerius musste sich auf die Unterlippe beißen und sich im Geiste immer wieder vorsagen, dass dies eine Frau war und kein Mann - und schon gar nicht Caradoc. Denn niemals würde ihm sein Gott Caradoc so zurückgeben, wie er einst gewesen war - befreit vom Alter, von allem Betrug -, oder einen der anderen, die seinem Verrat anheim gefallen waren. Amminios hatte gelogen … Was hättest du getan, wenn du gewusst hättest, dass Breaca noch lebte …?
Genug. Hört auf jetzt. Er weiß es.
Der Dekurio verhielt sich ganz ruhig und glaubte, dass man ihm äußerlich nichts ansähe.
Cygfa zog auf ihre schon vertraute, spöttische Art eine Braue hoch. »Willst du diese Männer denn nicht niedermetzeln? So wie du auch schon ihren Fährtenleser getötet hast?«
Cygfa fragte dies nur, um ihn zu reizen, nicht, weil sie wirklich an seiner Antwort interessiert gewesen wäre. Noch ganz zu Beginn ihrer Flucht, es war gerade erst zwei Tage her, dass sie Rom verlassen hatten, hatte Valerius seine Schutzbefohlenen für einen halben Abend verlassen, um den einzelnen Angehörigen vom Stamm der Daker, der sie verfolgt hatte, aufzuspüren und ihm die Kehle durchzuschneiden. Zwar hatte Valerius den anderen nichts davon gesagt, aber Cygfa war ihm auch damals schon gefolgt und hatte alles mitangesehen. Sogleich hatte sich unter den anderen die Nachricht vom Tod dieses Mannes herumgesprochen, und vielleicht war dabei auch die Frage nach der Notwendigkeit der Tat aufgekommen. In jedem Fall aber hatte der Fährtenleser mit seinem Tod auch ihre Spur verloren. Hätte man Valerius offen damit konfrontiert, dann hätte er anführen können, dass die Gruppe ohne die Notwendigkeit, immer in Deckung zu bleiben, schneller reisen konnte und dass ein toter Fährtenleser zugleich ein Feind weniger war, der später einmal seine Klinge gegen sie erheben könnte. Doch diese Frage war ihm nie gestellt worden, und er hatte auch nicht die Absicht, sie von sich aus aufzuwerfen.
All dies konnte Valerius nun wieder in Cygfas Augen lesen. An jedem anderen Tag wäre Valerius einfach gegangen, doch ihr Entschluss, sich die Kriegerfedern in die Zöpfe zu flechten, hatte ihre Anwesenheit zu einer größeren Herausforderung werden lassen als sonst, und Valerius hatte die ständigen Herausforderungen einfach satt. Daher beantwortete er einfach ihre Frage - wenn auch nicht den tieferen Sinn dahinter: »Wir können sie jetzt noch nicht angreifen. Wir sind zu wenige, sie sind zu viele.«
»Und trotzdem greifen sie uns noch immer nicht an. Dabei waren wir verwundbar, als Cwmfen krank auf dem Wagen gelegen hat. Jetzt, wo sie wieder gesund ist und wieder reiten kann, sind wir weniger angreifbar«, sagte sie. »Warum also halten sie sich zurück?«
Cygfa dachte genau wie ihr Vater oder vielleicht wie Longinus. An Longinus zu denken war jetzt allerdings keine sonderlich gute Idee. Longinus nämlich war derjenige, dem für die Zeit der Abwesenheit seines Dekurio die Verantwortung für den Kavallerieflügel übertragen worden war. Das Abschiednehmen voneinander war ihnen nicht leicht gefallen, doch andererseits war ihr Verhältnis seit Valerius’ Rückkehr aus Rom und seinem damit gestiegenen Bedürfnis nach Wein ohnehin nicht mehr einfach gewesen.
Valerius schob sich vorsichtig zurück zu einer Stelle, wo er aufrecht sitzen konnte, ohne gesehen zu werden. Zwar war das vielleicht gar nicht nötig, doch in ihrem Verstecktsein lag immerhin ein gewisser Ehrenkodex; der nämlich, dass man einen Krieger einfach nicht sehen durfte. »Sie warten noch auf ein Signal«, erklärte er. »Sobald sie das erhalten haben, werden sie uns angreifen.«
»Oder sie warten, bis Claudius endlich tot ist.«
»Das ist das Gleiche.« Valerius ließ sich nun langsam die Böschung hinabgleiten, bis in die Mulde des kleinen Tales hinein, und stellte dabei fest, dass seine Ausdrucksweise ähnlich hölzern klang wie das einfache Latein Cygfas. »Wenn Claudius stirbt und Nero zum Kaiser gemacht wird, kommt das Signal. Dann stehen sie zweifelsfrei unter dem Kommando von Agrippina und können handeln, ohne die Schande des Verrats auf sich zu laden.«
Cygfa schnaubte verächtlich. »Dann ist es in den Augen der Römer also ehrenhaft, ein vierzehn Tage altes Kind zu töten, wenn der Befehl von der Frau kommt, die die Mutter des Kaisers ist, aber nicht, wenn er kommt, wenn sie nur seine Frau und zugleich seine Nichte ist?«
In der kleinen Mulde hatten sich die abgebrochenen Äste der Bäume gesammelt. In der Mitte lag der hohle Körper eines Buchenstumpfes, übersät mit den giftig leuchtenden Sporen von roten und orangefarbenen Pilzen und den alten Hinterlassenschaften kleiner Nagetiere. Valerius sprang auf den alten Baumstamm und ließ ihn unter seinen Füßen so lange hin- und herrollen, bis dieser langsam immer weiter zerfiel. Er passte den Rhythmus seiner Bewegungen dem Hämmern in seinem Kopf an, konnte den Schmerz dadurch etwas dämpfen. Valerius dachte, dass das Mädchen nun vielleicht allein weiterwandern würde, doch sie wartete noch immer und auch in ihren Augen lag weiterhin diese alberne Frage nach dem römischen Begriff der Ehre - ungeachtet der Tatsache, dass genau dieser Ehrbegriff es war, der sie die vergangenen vierzehn Tage am Leben erhalten hatte.
Ganz unverblümt fragte Valerius sie: »Hast du schon jemals einen Mann im Kampf getötet?«
Der Blick aus Cygfas grauen Augen bohrte sich geradezu in ihn hinein. Dann legte sie einen Finger an die oberste ihrer Federn. »Du hast mich doch dabei beobachtet.«
»Und auch sie waren Männer, die einst vierzehn Tage alte Säuglinge waren. Trotzdem hast du sie, ohne zu zögern, getötet, nicht wahr?«
»Das ist etwas anderes.«
»Ist es das? Ist das Leben eines erwachsenen Mannes, der das Leben liebt und genau weiß, was er zu verlieren hat, denn weniger wert als das eines Säuglings, der nur die Geborgenheit des Mutterleibs kennt und die nährende Wärme der Brust seiner Mutter? Ich denke nicht.« Ein Fuchsrüde hatte den Baumstamm als Markierungsstelle seines Reviers benutzt. Nun, mit den steten, schaukelnden Bewegungen des Baumstumpfes, stieg sein Moschusgeruch geradezu durchdringend empor, so metallisch wie Pferdeschweiß und die Tränen der Toten. Valerius atmete tief ein und fuhr dann fort: »Das ist nun mal die Realität des Krieges. Und ein Kind, das heute getötet wird, kann wenigstens nicht mehr zu einem Krieger heranwachsen, der dir zwanzig Jahre später seine Klinge in den Rücken stößt: Und genau diese Verkettung könnte es sein, die dich dereinst am Leben erhalten wird. Du bist doch eine Kriegerin; du müsstest das also eigentlich wissen.«
»Aber wir würden niemals die Kinder unserer Feinde töten«, entgegnete Cygfa.
»Ich weiß. Und das ist auch der Grund, warum ihr den Krieg verlieren werdet und wir nicht.«
Damit sprang Valerius von dem Baumstamm herunter und begann, sich seinen Weg durch das dahinterliegende Dorngebüsch zu kämpfen. Doch Cygfas Stimme verfolgte ihn noch immer.
»Wenn du uns so sehr verabscheust«, fragte sie, »warum leben wir dann noch?«
Während der gesamten, nun schon einen halben Monat dauernden Reise hatte keiner von ihnen jemals die Frage geäußert, ob Valerius sie letzten Endes nicht vielleicht doch verraten würde. Unvermittelt blieb er stehen. Cygfas Blick durchbohrte seinen Rücken förmlich. Langsam wandte er sich zu ihr um. »Das habe ich dir schon in Rom gesagt«, antwortete er. »Ich habe einen Eid geleistet. Vor meinem Gott. Und solche Dinge sind bindend.«
»Und warum hat man dir diesen Eid abgenommen?«
»Keine Ahnung.« Valerius kämpfte sich weiter voran und von Cygfa fort, hob dabei die Hände, um sein Gesicht vor den Dornen zu schützen. Er hatte gerade gelogen, natürlich. Denn er hatte sogar eine recht konkrete Vermutung, weshalb man ihm den Schwur abgenommen hatte, und dieser Grund schloss Theophilus und Xenophon mit ein - zwei griechische Ärzte, die ihre Verantwortung für die Seele des Menschen genauso ernst nahmen wie die für den Körper, der ebendiese Seele umschließt. Obgleich Valerius in dieser Angelegenheit anderer Ansicht war.
Cygfa folgte Valerius, und als sie die kleine Lichtung wieder verlassen hatten, lief Valerius leichtfüßig über die mit glitschigem Schlamm überzogenen Flusssteine hinweg - für einen Krieger war es natürlich eine Herausforderung, das andere Ufer zu erreichen, ohne auszurutschen.
Valerius erreichte das gegenüberliegende Ufer trockenen Fußes, und dieser kleine Erfolg munterte ihn ein wenig auf. »Um herauszufinden, warum man mir diesen Eid abverlangt hat«, fuhr er nun fort, »müsstest du schon den Kaiser fragen, und der ist jetzt wahrscheinlich bereits tot. Aber vielleicht kann Dubornos ihn ja für dich fragen. Er scheint Freunde unter jenen zu haben, die bereits zu den Göttern eingegangen sind. Ich aber habe die nicht.«
»Nein. Denn im Totenreich gibt es ja auch bloß jene, die dich aus tiefster Seele hassen und bis in alle Ewigkeit warten würden, um schließlich auch deinen Tod zu begrüßen und ihren eigenen damit zu rächen. Das ist doch für jeden offensichtlich.«
»Ach, wirklich?« Valerius hörte, wie seine Stimme erbebte. »Dann bist du vielleicht auch eine Träumerin, dass du die Seelen der Toten sehen kannst?«
»Wohl kaum. Und das brauche ich auch nicht zu sein. Jedes Kind sieht doch die Seelen, die dich umkreisen.«
Daraufhin wandte Valerius sich wortlos ab, ging davon und ließ Cygfa am gegenüberliegenden Ufer zurück.
Der Rest der Gruppe hatte sich schon fertig gemacht und wartete bereits. Cwmfen trug Math als ein Bündel vor der Brust und war ebenfalls abmarschbereit. Dem Kind wuchsen mit der Zeit schon einige fusselige Haare, und sein Blick war nicht mehr ganz so ohne Ziel. Auch seine Mutter hatte unter Philonikos’ Fürsorge gute Fortschritte gemacht.
Cwmfen hatte schon das Feuer gelöscht, seine Überreste zertreten, die Asche mit jenen Grassoden bedeckt, die sie am Abend zuvor ausgestochen hatten, und darüber sogar noch alte Blätter ausgestreut. Der Zenturio und seine Truppe mochten zwar trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen noch immer ihren Lagerplatz finden, aber nur, wenn sie wirklich fleißig suchten, und allein durch diese Suche würden sie abermals Zeit verlieren. Zwar war ihr Ziel ganz offensichtlich, und somit mochte auch die Feuerstelle im Grunde schon wieder egal sein, doch es gehörte nun einmal zu einem echten Krieger dazu, immer und unter allen Umständen in Deckung zu bleiben, und diesen stillschweigenden Ehrenkodex wollte keiner willentlich brechen.
Auch die Männer hatten sich nützlich gemacht. Sie hatten die am Rande der Lichtung stehenden Pferde zusammengetrieben und ihnen die Fußfesseln abgenommen. Die Maultiere vor dem Wagen hatten sie schon vor längerer Zeit verkauft und von dem Erlös eine Stute für Cwmfen erworben, so dass sie nun alle Pferde von gutem Blut ritten. Lediglich Cunomar hatte man einen kleinen, etwas holperig laufenden Wallach gegeben, und auch der Junge stand nun neben seinem Tier bereit und verzehrte unterdessen gemeinsam mit seinem Vater sein Frühstück: den erkalteten, gerösteten Hasenrücken jenes Tiers, das Dubornos in der vergangenen Nacht erlegt hatte. Der Sänger behauptete, er habe den Hasen allein mit seinem Gesang angelockt. In Valerius’ Augen war dies jedoch eine Selbstgefälligkeit, die er Dubornos einfach nicht abnahm. In diesem Augenblick blickte der Sänger auf und winkte freundschaftlich. Valerius blieb abrupt stehen und starrte Dubornos verwundert an, hörte dann aber hinter sich Cygfas leichten Schritt und ihre in zischendem Ordovizisch geäußerte Begrüßung.
Cygfa wollte schon an ihm vorbeieilen, doch Valerius fing sie ab und sprach so laut, dass auch die anderen es hören konnten: »Heute Nachmittag werden wir Gesoriacum erreichen. Und wenn du nicht wegen Aufwiegelei eingesperrt werden willst, musst du die Zöpfe in deinem Haar entweder wieder auflösen oder sie verstecken. Ich möchte dir dringend raten, meine Warnung ernst zu nehmen. Morgen, mit den Iden des Oktober, bricht nämlich der letzte Tag an, an dem das Schiff noch auslaufen kann. Wenn Claudius also bloß noch zwei Tage durchhält, seid ihr in Sicherheit und ich kann wieder zu meiner Einheit zurückkehren. Und wenn ich dann wieder von meinem Schwur entbunden bin, werden wir ja sehen, welche Seite die stärkere ist.«
Caradocs Tochter grinste ihn an, zeigte ihm die Zähne, so wie es schon unzählige andere auf unzähligen Schlachtfeldern getan hatten, und sprach schließlich jene Worte, die jeder Mann und jede Frau, die sich gegen ihn aufgelehnt hatten, in der einen oder anderen Art und Weise schon gesagt hatten: »Den Tag werde ich mit Freuden begrüßen. Aufgespießt auf einen Speer vor dem Rundhaus auf Mona wird sich dein Kopf sicherlich sehr dekorativ ausmachen.«
Von all den Dingen, die Cygfa ihm im Laufe des Morgens gesagt hatte, war es diese Bemerkung, über die Valerius während des langen Ritts, den sie an diesem Tag noch bis zur Küste zurücklegen mussten, am häufigsten nachdachte. Zu jener Zeit, als er noch Bán von den Eceni gewesen war, hatten die Leute die Köpfe ihrer Feinde nämlich nicht als Trophäen aufbewahrt. Selbst die Leichen ihrer verhasstesten Widersacher waren damals noch heil und in einem Stück den Aasfressern und den Göttern des Waldes übergeben worden.
 
Gesoriacum, Hafenstadt und Behördenviertel, hatte sich in den sechzehn Jahren, seit der junge Caligula befohlen hatte, den großen Spitzturm des Leuchtfeuers zu errichten, nicht sehr verändert. Damals hatte Caligula sein Flaggschiff, die Eurydike, aufs Meer hinausgesteuert, um dort Amminios’ Kapitulation zu akzeptieren, und mit dieser Geste sowohl seinen Sieg über Britannien als auch gleichzeitig über Neptun verkündet.
Für Valerius’ Empfinden tat diese Rückkehr seinem von der Reise ohnehin schon zermarterten Verstand nur noch weitere Qualen an. In Britannien waren die alten Erinnerungen von neuen überlagert worden, und so war es ihm möglich gewesen, das, was einst gewesen war, zu vergessen. Hier aber war ihm einfach zu viel zu vertraut. Das Gebiet um die Stadt herum war ruhiger, als er es einst empfunden hatte, doch fehlten nun ja auch jene beiden Legionen, die damals am Stadtrand kampiert hatten. Der scharfe, beißende Geruch der See jedoch ließ seine Augen tränen, wie er es schon immer vermocht hatte, und rief ihm auch gleich wieder diese leichte Übelkeit ins Gedächtnis, die bisher noch jede seiner Schiffsreisen begleitet hatte. Der Wind riss Valerius förmlich die Worte aus dem Mund, und die über ihnen kreisenden Seevögel schrien mit den Stimmen der Toten. Dieses eine Mal war er also tatsächlich erleichtert, dass Cygfa die Stimmen ebenso hören konnte wie er selbst.
Sie erreichten die Stadtmauer am Spätnachmittag, stiegen hinab in das Tal neben dem kleinen Fluss und führten ihre Pferde den mäandernden Pfad bis zum südlichen Stadttor hinauf. Am anderen Ende der Stadt war gerade ein Fischerboot in den Hafen eingelaufen und zog wie immer eine wirbelnde Wolke von Möwen hinter sich her. Ihr schrilles Gekreisch jagte einem wahrhaft eine Gänsehaut über den Rücken. Valerius’ morgendliche Kopfschmerzen - ihm fehlten der Wein beziehungsweise Philonikos’ geistige Getränke - waren mit jeder Meile, die sie hinter sich gebracht hatten, stärker geworden, so dass er nun, da sie die Stadt erreichten, nur noch wie blind ritt und seine Stute sich ihren eigenen Weg suchen ließ. Sein Helm lag unangenehm fest um seine Stirn herum, ganz so, als ob das Metall geschrumpft wäre oder sein Kopf angeschwollen.
Der Himmel war schmerzhaft hell, und Valerius richtete den Blick nach unten und konzentrierte sich auf das zertrampelte Gras und die kleinen, vom Wind zerzausten Herbstblumen, die das Gras mit rosa und weißen Tupfen durchsetzten. Das linke Fesselgelenk seines Pferdes war weiß und der Huf darunter bernsteinfarben, mit braunen Ringen drumherum. Valerius zählte im Stillen die Anzahl der Streifen, wiederholte diese Zahl dann auf Gallisch, Thrakisch und Latein, während er sich krampfhaft bemühte, das Gefühl der Übelkeit zurückzudrängen und sich nicht zu übergeben, als Caradoc, der hinter ihm ritt, plötzlich bemerkte: »Sie haben in den Leuchttürmen Feuer entfacht. Ist das normal, tagsüber?«
Was hättest du getan, wenn du gewusst hättest...
»Was? Wo?«
»Hinter dir und rechts.«
Die Übelkeit verschwand schlagartig wieder, und der Druck seines Helmes ließ augenblicklich nach. Valerius hob den Blick. Von den Plattformen der Leuchttürme nördlich und östlich von ihnen entsandten Eimer mit brennendem Pech ölig-schwarzen Rauch in den taghellen Himmel, ließen giftigen Qualm in die Wolken hoch über ihnen aufsteigen.
»Das ist nur das letzte in einer ganzen Kette von Signalen.« Das wusste Valerius ganz einfach. »Sie werden sich gerade gegenseitig ein Zeichen geben.« Er blickte sich noch einmal um, verfluchte abermals die See und die Möwen und seine vom Weinmangel herrührende Unaufmerksamkeit, und dann, endlich, entdeckte auch er, was er schon lange zuvor hätte bemerken sollen. Valerius riss den Arm hoch und zeigte nach Osten.
»Dort!«
Weit hinter ihnen in den Bergen neigte sich eine graue Rauchsäule unter einer bei ihnen nicht mehr wahrnehmbaren Brise. Der Blätterbaldachin über dem Rauch versteckte diesen fast ganz; wenn sie sich in diesem Moment auch nur eine einzige Meile weiter unten im Tal befunden hätten, wären sie gegenüber diesem Zeichen sicherlich genauso blind gewesen wie jene neun bewaffneten Männer, die in diesem Augenblick auf der anderen Seite des Stromes und jenseits des dort verlaufenden Waldstreifens entlangritten. Schließlich aber hielten auch sie ihre Pferde abrupt an und starrten hinauf zu der Rauchsäule, die sich jetzt über der Stadt erhob.
Valerius spürte, wie sich eine eisige Kälte in seiner Brust ausbreitete. »Claudius ist tot«, sagte er und fügte mit der gleichen Gewissheit hinzu, »jetzt ist Agrippina an der Macht. Und wenn wir hier noch länger auf der Lichtung bleiben, sind auch wir bald tot.« Cwmfen ritt direkt hinter ihnen, den kleinen Math fest an ihre Brust gedrückt. In ihrem Gesicht zeichneten sich Schmerz und Müdigkeit ab, aber Valerius hatte Menschen gesehen, denen es noch weitaus schlechter gegangen war.
»Kannst du im Galopp reiten?«, fragte er sie.
»Wenn ich muss.«
»Du musst.« Valerius riss sein Pferd herum und machte eine Bewegung mit dem Arm, mit der er sie alle gleichzeitig einschloss. »Reitet zum Südtor und folgt mir durch die Stadt hindurch. Jeder, der zurückfällt, fällt Agrippinas Männern in die Arme. Und ich würde nicht davon ausgehen, dass sie allzu freundlich mit euch umgingen.«
 
Gesoriacum war überfüllt von Menschenmassen. Zwar war es unwahrscheinlich, dass sich plötzlich seine gesamte Bevölkerung auf die Straßen ergossen haben sollte, nur um Valerius und seinen Schutzbefohlenen das Weiterkommen zu erschweren, doch es machte zumindest diesen Eindruck. Die Straßen waren schmaler als in Rom, so dass die Sänften der Matronen, die in den Villen ihrer Freundinnen gerade ihre Nachmittagsbesuche abstatteten, die gesamte Breite des Weges von Häuserfront zu Häuserfront einnahmen und damit sowohl die bummelnden Fußgänger aufhielten als auch das Fischervolk, das entweder vom oder zum Hafen strömte, und natürlich die Händler und deren Leiterwagen - denn das in Rom am Tage herrschende Verbot von mit Rädern versehenen Beförderungsmitteln erstreckte sich nicht bis in die Provinzen des Reiches -, sowie die Hunde und die Kinder, die zu ihren Müttern rannten, als die Fremden auf den Pferden sich in ziemlich unzivilisiertem Tempo durch die Straßen drängten. Glücklicherweise machten sie aber alle Platz, langsam zwar, aber es reichte aus. An diesem letzten Tag nämlich hatte Valerius gegen Mittag wieder seine Uniform, die ihn als Mitglied der Stadtwache auswies, aus dem Gepäck geholt und sie über seine Reisetunika gezogen. Selbst diejenigen, die die Bedeutung der Feuer in den Leuchttürmen begriffen haben mochten, würden es noch nicht riskieren, sich einem römischen Offizier in den Weg zu stellen.
Der Hafen von Gesoriacum war nur klein, denn alles, was er bisher erlebt hatte, war das Auslaufen einer halben Invasionsflotte, und dieses Ereignis war nun auch schon wieder ein gutes Jahrzehnt her. Lagerhäuser, Händlerbuden und Fischerhütten drängten sich bis dicht an den Kai heran, und allein ein kopfsteingepflasterter Pfad hielt sie noch davon ab, geradewegs ins Wasser zu stürzen. Ins Meer hinein erstreckte sich eine Mole, auf der sich einige Eichenpoller befanden. An der linken Seite der Mole hatten sich Bug an Heck drei grün gestrichene Fischereiboote aufgereiht, jedes von ihnen leicht in Richtung See geneigt, und obwohl sich ihre rostigen Kiele bereits in den Schlick bohrten, schienen sie sich doch noch immer gegen ihre straff gespannte Vertäuung auflehnen zu wollen. Zur Rechten lag ein von Seepocken befallenes Handelsschiff ganz ähnlich auf Grund. Wütend und die übelsten thrakischen Flüche auf den Lippen starrte Valerius auf die Boote.
»Es ist Ebbe. Wir können nicht auslaufen.« Zwar war eigentlich Caradoc der Seemann unter ihnen, doch selbst Cunomar hätte in diesem Augenblick sagen können, dass das Schiff bei einem solchen Niedrigwasser unmöglich in See stechen konnte. Caradoc schwang sich von seinem Pferd, kniete sich auf die bereits mit Reif bedeckten Steine der Mole, beugte sich hinunter und betrachtete aufmerksam die Anhäufungen von blasigem Seetang und die schlangenförmige Linie der Mollusken. Bis zu genau dieser Linie aus Weichtieren schwappte auch das Wasser hinauf, schien aber keinerlei Eile zu haben, nun entweder ganz abzulaufen oder wieder höher zu steigen.
Caradoc hockte sich auf die Fersen zurück. »Die Gezeiten wechseln bereits«, urteilte er. »Aber erst nach Einbruch der Nacht werden die Schiffe wieder Wasser unterm Kiel haben. Kein Kapitän, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, wird vor morgen früh auslaufen. Bis dahin aber werden Agrippinas Männer längst hier sein.«
Doch Agrippinas Männer waren jetzt schon angekommen. Weit hinten am südlichen Ende der Stadt, wo das Durcheinander der Matronen und der gemächlich schlendernden Fußgänger herrschte, ballten sich die Menschenansammlungen gerade ein zweites Mal zusammen, nur um gleich darauf in heller Aufregung wieder auseinander zu stieben, als eine zweite Gruppe von bewaffneten Männern sich einen Weg zum Hafen bahnte.
Da fluchte Valerius abermals hemmungslos. »Ihr müsst hier aus dem Blickfeld verschwinden. Wenn ihr in Sicherheit seid, werde ich den Kapitän des Schiffes ausfindig machen. Es wird noch heute Abend auslaufen, und wenn ich ihm dazu ein Messer an die Kehle halten muss.«
»Willst du, dass wir alle ertrinken?«, fragte Cwmfen.
»Ich will, dass ihr endlich eine Seemeile Wasser zwischen euch und Marullus und seine Männer bringt. Genau das schreibt mir mein Schwur nämlich vor. Was danach mit euch passiert, ist nicht mehr mein Problem. Und jetzt kommt!« Hastig wendete er sein Pferd. Für einen kurzen Augenblick blendeten ihn einige schräg einfallende Sonnenstrahlen, und Valerius nahm dies freudig als eine Erinnerung seines Gottes wahr, dass seine Mission von Erfolg gekrönt sein würde und dass dieser schon jetzt so nahe war, dass Valerius nur den Arm auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren. Denn er hatte keinen Zweifel daran, dass Marullus sich geschlagen geben würde, sobald das Schiff erst einmal in einiger Entfernung von der Küste war. Solange der Kampf ein fairer gewesen war, konnte ein Vater eine Niederlage gegen seinen Sohn durchaus einstecken, ohne ihm zu grollen. In der Zwischenzeit aber hielt die Aufregung die Geister beinahe ebenso gut in Schach wie der Wein.
Valerius blinzelte noch einmal, und die Sonnenstrahlen waren wieder verschwunden. Inzwischen hatte sich am Kai bereits eine kleine Gruppe Menschen zusammengefunden. Rotznasige Kinder starrten ganz unverhohlen auf seine Rüstung. Valerius hob die Hand, um das Zeichen des roten Stieres auf seiner linken Schulter zu verdecken, und machte eine rasche Kopfbewegung in Richtung Caradoc, der in die Menge starrte. »Schwingt euch jetzt in den Sattel, bevor ihr noch mehr Aufmerksamkeit erregt. Die Prätorianer zahlen für Auskünfte. Wir sollten also zusehen, dass es nicht allzu viel über uns zu erzählen gibt.«
Valerius führte die Gruppe erst in westlicher Richtung, dann ostwärts, und dann wieder zurück nach Westen, kämpfte sich seinen Weg bis in die allerärmsten Stadtteile hinein, wo die Straßen schließlich so schmal wurden, dass man nicht mehr hindurchreiten konnte und sie absteigen mussten, um die Pferde zu Fuß zu führen. Die Tiere ließen sie anschließend im Viehgehege eines Schlachters zurück, bezahlten den Mann reichlich genug, um sich seines Schweigens sicher sein zu können, und jagten ihm vorsichtshalber noch eine gehörige Portion Angst ein, mit der Drohung, dass ein Plaudern womöglich den Unwillen des Kaisers nach sich ziehen könnte, in jedem Fall aber das gar nicht so weit entfernte Messer des Dekurio. Es gab Männer, die einem absolut glaubhaft versichern konnten, dass sie einen töten würden, wenn man ihre Anweisungen nicht befolgte, und im Laufe der vergangenen zehn Jahre hatte Valerius herausgefunden, dass er einer dieser Männer war.
Die Taverne, in die Valerius sie schließlich führte, lag in einer Gasse, die so schmal war, dass auf ihren zertrampelten, mit Hundekot übersäten schlammigen Boden nie das Sonnenlicht fiel. In die Lücke zwischen einer Gerberei und einer Waschstube gezwängt, gab sich der Gasthof schon gar keine Mühe mehr, den Geruch seiner beiden Nachbarn zu verleugnen oder, wie andere es vielleicht noch getan hätten, vorzugeben, dass der Stoffbezug an den Wänden ganz gewiss keine Feuerfalle war oder dass in den Betten normalerweise keine Läuse gefunden würden.
Der Eigentümer war ein Mann von ungewisser Abstammung, der sich - nicht ohne eine gebührende Portion Ironie - Fortunatus nannte. Im Laufe der Jahre hatte Fortunatus die Kunst erlernt, sich nur äußerst schlecht an seine Gäste zu erinnern. Kaum einmal blieb ihm das Gesicht eines Kunden in Erinnerung, und wenn, dann mussten die Begleitumstände, die mit dem Besuch dieses Gastes einhergingen, schon außergewöhnlich gewesen sein. Bisher hatte Fortunatus erst ein einziges Mal den Gastgeber für einen jungen Kavallerieoffizier gespielt; und das schien auch eher ein Zufall gewesen zu sein, herbeigerufen durch die verschlungenen Pfade eines Mannes, der sich, auf der Suche nach sich selbst, in den Gassen verlaufen hatte und bei ihm eingekehrt war, um auf der Suche nach Vergessen und - vielleicht - sogar Reue Wein bei ihm zu trinken. Noch vor allen anderen Gründen aber hatte ihn die absolute Anonymität hierher geführt. Der nun hier eintretende Offizier war älter und von höherem Rang, und selbst wenn die Schwärze seines Haares und die Feinheit seiner Gesichtszüge noch genauso beeindruckend waren wie einst, so brannte das Feuer, das seine Seele nährte, nun doch noch umso lodernder. Als der Inhaber Valerius jetzt in der Tür stehen sah, stieg ihm der Geruch der Gefahr ebenso unverkennbar in die Nase wie seinen Gästen der Gestank von abgestandenem Urin und verfaulenden Häuten - und er hasste ihn sogleich mit derselben Inbrunst.
»Wir brauchen ein Zimmer von jetzt bis zum Einbruch der Dämmerung.«
Die Stimme des Dekurio war ruhig und fest und duldete keinen Widerspruch. Die Münzen, die der römische Offizier daraufhin aus der hohlen Hand auf den mit schmutzigem Stroh ausgelegten Boden fallen ließ, waren mehr wert als die Herberge und ihr halbes Dutzend junger männlicher Huren zusammengenommen. Seine rechte Hand, die locker auf dem Heft seines Dolches lag, machte dem Wirt klar, welche Alternativen ihm blieben. Fortunatus aber hatte sich eine ganz außergewöhnliche Fettleibigkeit zugelegt, zum Teil durchaus als Schutz gegen die Messer der Kunden, und nur eine Waffe mit einer sehr langen Klinge konnte nun noch irgendeines der lebenswichtigen Organe erreichen, die sicher verborgen unter diversen Schichten Speck lagen. Er überlegte gerade ganz gemächlich, was er tun sollte, als der Dekurio eine seiner schmalen Brauen hob und die Hand zu seinem Kavallerieschwert hinübergleiten ließ, das nun eindeutig lang genug aussah, um sich mit Leichtigkeit durch ein Pferd hindurchzubohren und außerdem noch den dahinter stehenden Mann aufspießen zu können. Und so deutete Fortunatus mit dem Kinn auf einen mit einem Vorhang verhüllten Durchgang. Zu dieser Tageszeit war sein einer Raum immer frei.
Das Lächeln des Offiziers war charmant und zugleich bar jeglicher Freundlichkeit. »Wir sind gar nicht hier. Du hast uns weder gehört noch gesehen. Wenn dir dein Leben lieb ist, wirst du das immer schön in Erinnerung behalten, so wie auch der Rest deines … Personals. Außerdem wirst du uns Käse, Brot und Oliven bringen, die frisch genug sind, dass man sie noch essen kann, und einen Krug mit verwässertem Wein, den auch ein Kind unbesorgt trinken kann.«
Der Mann hatte eindeutig keinen Sinn für Humor, denn kein anderer hätte Letzteres sagen können, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. Fortunatus’ Nicken ging über in ein schüttellähmungsähnliches Auf- und Abwippen des Kopfes. Erst als der Vorhang hinter der Frau mit dem Säugling wieder zugefallen war, fiel ihm wieder ein, dass sein Leibesumfang so gewaltig war, dass er sich noch nicht einmal bücken konnte, um die Münzen vom Fußboden aufzulesen. Darum musste er einen seiner »Mitarbeiter« bitten, sie für ihn aus dem Stroh zu fischen.
Er hatte die Münzen, als sie auf den Boden fielen, nicht gezählt. Der Junge, den er sich für diese Arbeit ausgesucht hatte, war einer der wenigen mit ein bisschen Grips im Kopf, und genau das war wahrscheinlich ein Fehler gewesen, denn der Bursche hielt ihm nun eine ganze Hand voll Kupfer und Silber hin, aber kein Gold. Fortunatus jedoch hatte mit Sicherheit Gold gesehen. Er griff gerade hinter die Theke, um sich seine Rute zu schnappen, als plötzlich wie aus dem Nichts eine Messerklinge auftauchte, einen Moment lang waagerecht in der Luft unter seinem Kinn schwebte und ihm wie ein Rasiermesser in die erste Reihe seiner Wammen schnitt. Fortunatus erstarrte, so erschrocken, dass er noch nicht einmal schwitzen konnte.
»Wie viel für den Jungen?«
Nun erkannte Fortunatus den Dekurio wieder, und zwar an seiner unnatürlich ruhigen Stimme. Der Mann stand unmittelbar hinter seiner Schulter, und mit Leichtigkeit konnte er ihn entweder mit dem Messer oder dem Kavallerieschwert oder mit beiden zusammen einfach aufspießen. Wenn der Vorhang sich überhaupt bewegt hatte, hatte Fortunatus jedenfalls nichts davon bemerkt, doch in jedem Fall war der Offizier nun hier und stellte eine Frage, wie sie auch jeder andere Gast hätte stellen können. Der Junge, um den es ging, war einst sehr schön gewesen. Sein Haar, obwohl matt und verfilzt, war immer noch so blond, dass es schon fast weiß war, und selbst die zusammengezogenen Brauen konnten nicht die außergewöhnlichen blauen Augen des Belgiers verbergen. Jetzt hob er den Blick, denn auch er hatte das Geld des Dekurio gesehen, und tat nun, was er konnte, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Beim schummrigen Licht hätte man ihn vielleicht noch immer als attraktiv bezeichnen können. Fortunatus dachte also über einen Preis nach und veranschlagte dann das Doppelte.
»Zehn Denar?« Das war zwar mehr als der halbe Monatslohn eines Legionssoldaten, aber immer noch weniger, als er dort gerade eben in das Stroh hatte fallen sehen. Fortunatus gab sich alle Mühe, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen, doch seine Stimme schalt ihn einen Lügner.
Der Dekurio zischte unangenehm durch die Zähne. Die scharfe Klinge seines Messer rasierte derweil über die Haut an Fortunatus’ Kehlkopf. Die humorlose Stimme fragte noch einmal: »Nicht für den Nachmittag. Um ihn zu behalten. Für den Rest seines Lebens. Wie viel?«
Nun schwitzte Fortunatus aber doch. Ein salzig-heißer kleiner Schweißbach rann ihm in das linke Auge und brannte dort so unangenehm, dass er schon gar nicht mehr denken konnte. Jetzt wanderte auch noch die Messerspitze hinauf, um unter genau jenem Auge innezuhalten. Neben der Messerspitze erschien jedoch auch eine einzelne Goldmünze, das Pendant zu jener, die auf den Boden gefallen war. Vielleicht aber war es auch dieselbe und war daher niemals wirklich auf den Boden geworfen worden. »Das hier gebe ich dir, und du gibst mir dafür den Jungen. Er gehört jetzt mir, von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Ist das klar?«
Endlich einmal eine Frage, die Fortunatus beantworten konnte, und das war gut so, denn es kostete ihn seine gesamte Geistesgegenwart, jetzt nicht zu nicken. Dies war jetzt sogar äußerst wichtig, denn das Messer befand sich so dicht unter seinem Auge, dass er sich überhaupt nicht mehr rühren konnte; es sei denn, er wollte das Auge verlieren.
»Absolut klar«, bestätigte er.
»Vielen Dank.« Sofort wurde das Messer wieder fortgezogen. Nun wagte Fortunatus auch wieder zu atmen. »Jeder der Erwachsenen dort in dem Zimmer ist bewaffnet«, sprach die geradezu tödlich klingende Stimme nun weiter. »Für den Fall, dass sie gestört werden sollten, haben sie Anweisung, dich sofort zu töten; ganz ungeachtet der Tatsache, was dann mit ihnen geschieht. Und für den Fall, dass sie versagen sollten, werde eben ich dich aufspüren und Rache nehmen. Und das wird ganz sicherlich kein Genuss für dich werden. Verstehen wir uns?«
»Ja.«
»Gut.« Damit wandte sich der Dekurio zu seiner neuesten Anschaffung um. »Hast du einen Namen?«
Der Bursche war klug genug, um zu verstehen, dass sein gesamtes Leben soeben für immer eine entscheidende Wendung genommen hatte, und dies durch einen Mann, der mit einem Messer herumwirbelte, als ob er einen Menschen töten könnte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Er schüttelte den Kopf. Seine Lippen bewegten sich, doch es kam kein Laut aus seinem Mund.
»Aber du verstehst Latein. Das ist schon mal gut.« Der Mund des Dekurio verzog sich in einem kalten Lächeln. »Dann heißt du jetzt Amminios. Merk dir das. Dieser Name hat nämlich eine Geschichte, und es gibt Leute, die diese Geschichte kennen und sie verehren. Und jetzt komm mit mir. Auf uns wartet Arbeit.«
Erst als die beiden Schatten, der Mann und der Junge, die Taverne verlassen hatten und in der Gasse verschwanden, sank Fortunatus auf die Knie und tastete sich durch das faulige Stroh, auf der Suche nach den restlichen Münzen. Er fand jedoch kein Goldstück mehr.
Als Valerius wieder zurückkehrte, hatte sich die Taverne bereits gefüllt. Er hatte sich in der Zwischenzeit einen Umhang gekauft und diesen über seine Uniform gezogen, so dass das Kleidungsstück alles verbarg, ausgenommen die Form seines Kavallerieschwertes, was jedoch seiner Sicherheit nur noch zuträglicher war. Am Eingang der Gasse wartete der belgische Junge. Er hatte den ganzen Nachmittag über nicht ein Wort gesagt. Doch obwohl er offenbar sprachlos war, hatte er am Kai immerhin mit dem Appetit eines Halbverhungerten gegessen und getrunken. Valerius war davon ausgegangen, dass der Bursche bei dieser Gelegenheit vielleicht sogar davongerannt wäre, doch die Angst vor den möglichen Folgen und auch das Fehlen eines Ortes, wohin er hätte laufen können, veranlassten ihn, Valerius weiterhin wie ein geprügelter Hund auf dem Fuße zu folgen, bis zurück zur Mündung jener Gasse, die zu der Taverne führte. Dort hineinzugehen, dazu hätte man ihn jedoch nur noch mit roher Gewalt bewegen können.
»Dann bleib hier stehen«, sagte Valerius schließlich. »Und halte Wache. Sieh mal, du kannst doch in dem Eingang zu der Gerberei warten. Hier, nimm das.« Valerius reichte dem Jungen einen Denar aus blitzendem Silber. Der Junge schnappte danach, als ob er etwas Essbares wäre. »Wenn hier irgendjemand in einer Uniform auftaucht und Fragen stellt, sag mir sofort Bescheid.«
Sogleich duckte sich der Bursche in den Eingang zu der Gerberei. Vielleicht würde er dort bleiben, vielleicht auch nicht. Das konnte Valerius nicht voraussagen, darüber hinaus interessierte es ihn aber auch nicht besonders. Er hatte den Jungen einfach nur aus einem Impuls heraus gekauft und gab sich nun einige Mühe, nicht auch noch zu hinterfragen, warum er dies getan hatte. Genau genommen wäre es in vielerlei Hinsicht sogar eher ein Segen, wenn er sich keine weiteren Gedanken mehr über die Zukunft dieses Burschen zu machen bräuchte.
Im vorderen Teil der Taverne, inmitten all der trinkenden, Unzucht treibenden Männer, stand Fortunatus und rang seine dicken Hände: »Das Zimmer … ich habe Gäste … sie brauchen Ruhe.«
»Ach, wirklich? Das hatte ich gar nicht bemerkt«, schallte es ihm entgegen. Der Tavernenbesitzer roch noch schlimmer als der belgische Junge, stank nach altem Schweiß und ungewaschenem Menschenfleisch. Die Versuchung, ihn als Akt der Gnade und um die Welt ein wenig sauberer zu machen einfach umzubringen, war geradezu überwältigend. Valerius hielt beide Hände an seine Seiten gedrückt. »Du bist gut genug bezahlt worden. Aber noch vor Einbruch der Dunkelheit werden wir wieder verschwunden sein.«
»Gut. Werdet Ihr das? Vielen Dank. Gut.« Fortunatus nickte. Seine von Fleischwülsten umringten Augen blitzten auf und sahen offenbar noch größere Reichtümer auf ihn zukommen. Valerius drängte sich an ihm vorbei, sorgsam darauf bedacht, weder Fortunatus noch den neben ihm stehenden Kunden zu berühren, und huschte wieder in die kleine Kammer hinein.
In der Welt hinter dem Vorhang waren Lampen entzündet und Essen verteilt worden. Der geradezu beängstigend enge Raum war sorgfältig aufgeräumt worden, mit frischem Stroh auf dem Boden, die schmutzigen Liegematten zusammengerollt und in die Ecke geschoben. Es waren Brot, Käse und Oliven verzehrt worden und die Reste bereits für später zusammengepackt. In einer der Ecken, auf der Unterlage von sauberem Stroh, versorgte Xenophons Schüler gerade Cwmfen, die seine Fürsorge mit der Geduld einer Mutter ertrug, die dies zur Aufmunterung ihres Kindes über sich ergehen ließ. Neben ihr spielten Cygfa und Cunomar mit kleinen Knöchelchen. In einer unmissverständlichen Geste des Trotzes hatte das Mädchen die Krähenfedern wieder zurück in ihr Haar geflochten. Valerius nahm dies jedoch nur noch am Rande war, registrierte es mit jenem noch nicht funktionsunfähig gewordenen Teil seines Verstandes, dem gleichen Teil, der auch den Krug mit dem Wein wahrnahm und zu der Erkenntnis kam, dass dieser noch halb voll war. Der verbleibende Rest seines Denkvermögens aber registrierte drei Männer, die um den Tisch herum saßen, jeder mit einem Schwert nach gallischer Machart bewaffnet, und von denen jeder automatisch die Hand an die Waffe legte und mit Sprechen innehielt, als sich der Fellvorhang vor der Tür bewegte.
Drei Männer.
Valerius hatte aber nur zwei zurückgelassen.
Darauf war er nun wirklich nicht vorbereitet gewesen. Darauf hätte ihn auch nichts vorbereiten können. Er blieb abrupt stehen. Seine Beine fühlten sich an wie Wasser und Eis zugleich, zu steif und zugleich zu schwach zum Gehen. Am entgegengesetzten Ende des Zimmers, nur eine Speerlänge entfernt, saß Luain mac Calma, der Reiher-Träumer aus Hibernia, Mitglied des Ältestenrates von Mona und einstiger Geliebter von Macha, die nun tot war. Langsam erhob sich der Träumer auf seine langen, gekrümmten Beine. Nachdem er sein Gegenüber einen Augenblick lang wortlos gemustert hatte, hob er seinen Arm zu dem traditionellen Gruß eines Träumers gegenüber einem Krieger.
»Bán mac Eburovic. Willkommen. Sie hatten mir bereits gesagt, dass du dich verändert hättest. Aber ich hätte nicht gedacht, wie sehr.«
Valerius spürte, wie sein Unterkiefer herabsank, und biss sogleich die Zähne fest aufeinander. Bán mac Eburovic. In der Sprache der Hibernier bedeutet sein Name so viel wie »weiß«, Eure Majestät. Hibernia ist das Land, in dem er empfangen wurde. Das hatte er vor langer Zeit einmal gehört, und er glaubte es, denn derjenige, der dies gesagt hatte, hatte keinen Anlass gehabt zu lügen; im Gegenteil hatte er doch allen Grund dazu gehabt, die Wahrheit zu kennen. Im Gegensatz zu dem ihm jetzt gegenüberstehenden Mann mit dem schmalen Gesicht, dem glatten schwarzen Haar und der hohen Stirn, der Valerius die Hand entgegenstreckte und ihn Sohn von Eburovic nannte und der gewusst haben musste, dass Eburovic, Meisterschmied der Eceni, nie in Hibernia gewesen war und weder Macha noch irgendeine andere Frau dort mit einem Sohn hatte schwängern können.
Ich bin Valerius, Dekurio, Kind des eines Gottes und meines Vaters Unter Der Sonne. Der Name und das Wesen desjenigen, der mich gezeugt haben mag, sind vollkommen bedeutungslos. Hämmernd erklangen diese Worte hinter seinen Schläfen, erweckten aufs Neue jenen Kopfschmerz, der doch bereits wieder verflogen war. Unwillkürlich legte er die Hand auf sein Brustbein, drückte mit dem Handballen energisch auf das Brandmal in der Form des Raben und berührte dann flüchtig den Stier auf seiner Schulter. Im Geiste sagte er den Namen seines Gottes.
Laut fragte er nun: »Was machst du hier?«
Mac Calma ließ sein Schwert wieder zurück in die Scheide gleiten. »Wir haben auf deine Rückkehr gewartet. Ihr braucht ein Schiff. Und mittlerweile wirst du wohl auch herausgefunden haben, dass der Kapitän der Gesoriaca nicht vor Sonnenaufgang auslaufen wird. Aber es gibt noch ein zweites Schiff, es liegt ein kleines Stück weiter westlich entlang der Küste vor Anker. Es segelt unter einem Kapitän von größerem Wagemut. Ich werde euch zu ihm bringen.«
»Ach, wirklich? Wie überaus hilfsbereit. Ich bin mir sicher, Caratacus ist nur allzu dankbar, dass sein Träumer die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Bedauerlicherweise aber habe ich andere Pläne.« Valerius’ Stimme war gefährlich sanft geworden, und beim Klang genau dieser Stimme hatte bereits ein gallischer Regimentsschreiber sterben müssen. »Vielleicht habe ich die Frage nicht richtig formuliert. Also, wie kommt es, dass du hier in diesem Zimmer sitzt, in dieser Stadt, wenn unsere Flucht doch nur dem Kaiser und Xenophon bekannt gewesen war?«
»Und der Kaiserin Agrippina. Weißt du denn nicht, dass Marullus die gesamte Stadt von Norden nach Süden durchkämmt, bloß um einen Hinweis auf euch zu bekommen?«
»Und du kennst dafür doch bestimmt das Schicksal eines jeden Träumers, der lebend auf gallischem Grund und Boden festgenommen wird? Außerdem beantwortest du damit noch immer nicht meine Frage. Wie kommt es, dass du von unserer Flucht weißt, und woher genau wusstest du, dass wir hier sind?« Im Geiste erschienen Valerius bereits die Bilder eines wegen Verrats aufgespießten Fortunatus. Er verdrängte diese Bilder jedoch wieder, während er auf eine Antwort wartete.
»Ich habe Freunde hier im Hafen. Sie sagen mir manchmal Dinge, die vielleicht von Nutzen sein könnten.« Luain lächelte. Seine Augen waren die eines Reihers, eines Jägers in stillen Wassern. Im Hafen kreischten die Möwen. Ich habe gehört, dass ihre Geister als weiße Vögel mit dem Wind ziehen können …
Der Träumer fuhr fort: »Du und der belgische Junge könnt euch ja, wenn ihr wollt, im Bordell des Hafenmeisters verstecken. Aber ganz gewiss werde ich nicht zulassen, dass du Caradoc und seine Familie an einen Ort bringst, wo sie geschnappt werden wie in die Enge getriebene Ratten. Die Götter haben mit ihnen noch andere Pläne. Sie werden mit mir kommen. Wenn dir der Schwur, den du im Namen dieses fremden Gottes abgelegt hast, etwas wert ist, dann kannst du mit uns nach Westen zur Bucht von Manannan kommen und sehen, wie sie sicher an Bord jenes Schiffes gehen, das mit der Flut bei Mondaufgang auslaufen wird. Oder du lieferst dich jetzt dem Zenturio aus, der dich verfolgt, und kannst ihn vielleicht davon überzeugen, dass du dem neuen Kaiser genauso treu ergeben bist wie dem alten. Vielleicht lässt er dann ja die Anklage des Verrats, die bereits gegen dich erhoben wurde, wieder fallen.«
Verrat. Sein Gott hatte ihm doch Erfolg versprochen. Was auch immer der Träumer da gerade sagte, so war Marullus lediglich ein Zenturio, und als solcher hatte er gar nicht die Macht, eine Anklage wegen Verrats wieder fallen zu lassen oder die Todesstrafe, die damit einherging, wieder aufzuheben. Allein der neue Kaiser vermochte dies: Nero, dessen Mutter nun an seiner statt regierte. Agrippina aber war nicht gerade bekannt für die Größe ihrer Gnade.
Valerius verschwendete jetzt keine Energie mehr damit zu fragen, woher Luain mac Calma vom Hurenhaus des Hafenmeisters wusste; allein die Tatsache, dass er es wusste, reichte schon aus, um ihm seine unsichere Lage zu verdeutlichen. Valerius wog rasch seine Wahlmöglichkeiten und ihre Risiken gegeneinander ab. Die Anklage allerdings hätte ihn dennoch nicht allzu sehr überraschen sollen. Denn Xenophon hatte sich da sehr deutlich ausgedrückt, und auch die Risiken waren von vornherein klar gewesen: Wenn Valerius unvorsichtig würde, musste er sterben. Allerdings glaubte er nicht, dass er unvorsichtig gewesen war. Angestrengt versuchte er, auf den schmutzigen Verputz der gegenüberliegenden Wand das Bildnis seines Gottes zu projizieren, ganz so, wie er es auch im Palast des Kaisers getan hatte; und doch schaffte er es nicht. Verzweifelt bemüht, eine gewisse Distanz zu Luain mac Calma zu schaffen, fuhr er schließlich fort: »Eine verführerische Auswahl. Was hat dir dein Traum denn gesagt, wofür ich mich entscheiden würde?«
Luain mac Calma starrte auf dieselbe Stelle des abblätternden Verputzes wie Valerius und schüttelte dann den Kopf, als ob Valerius’ Bemühungen und sein Versagen ihm nur allzu bildlich erschienen wären. »Meine Träume sagen mir gar nichts«, erwiderte er. »Es steht noch nicht fest, wofür du dich entscheiden wirst. Zu jedem Zeitpunkt bieten einem die Götter immer mehrere Wege in die Zukunft an. Und sie drängen uns niemals bei der Entscheidung, welchen dieser Wege wir einschlagen sollen.«
Langsam verlor Valerius die Fassung. Sein Lächeln spannte sich zu straff über seine Zähne. Seine Haut schien plötzlich geschrumpft zu sein, oder vielleicht war sein Schädel auch größer geworden, und seine Gelenke waren plötzlich ganz steif. Die Unendliche Sonne, in deren Namen er seinen Eid geschworen hatte, schwieg, und allein der Eid blieb noch zurück. »Dann werden sie sich über unsere Unentschlossenheit sicher amüsieren«, entgegnete er.
Der Träumer schüttelte den Kopf. »Das bezweifle ich.«
Der in der Luft liegende Druck lastete so schwer auf ihnen, dass man damit geradezu eine Walnuss hätte knacken können. Valerius schloss die Augen. In der in seinem Kopf herrschenden Dunkelheit leuchteten plötzlich orangefarbene Schatten auf. Vor ihm erschien seine Mutter, Macha. Sie sprach auf Eceni zu ihm, doch Valerius ignorierte sie. Ihr folgte Iccius, der belgische Sklavenjunge, der in dem römischen Hypokaustum ums Leben gekommen war. Somit war er also nicht in dem kürzlich gekauften Sklavenjungen wieder zum Leben erweckt worden. Wenn Iccius nämlich gelebt hätte, wäre die Welt eine andere gewesen.
Schon vor langer Zeit hatte Valerius gelernt, diese beiden Stimmen aus seinem Bewusstsein zu verbannen, und angesichts ihrer Gegenwart und der gleichzeitigen Abwesenheit seines Gottes gab es für ihn nur noch seinen Schwur, an den er sich halten konnte. Er zwang sich, die Augen wieder zu öffnen. »Ihr solltet von hier verschwinden«, sagte er. »Fortunatus hat die Information, dass ihr euch hier versteckt habt, bereits an die Stadtwache verkauft. Sie warten nur deshalb noch bis zum Einbruch der Dämmerung, damit es so aussieht, als hätten sie uns durch Zufall gefunden, und Fortunatus dann nicht dafür sterben muss.«
»Und du?«, fragte mac Calma. »Was wirst du tun?«
»Ich? Ich werde erst einmal hier bleiben und euch Rückendeckung geben, wenn ihr verschwindet, und die Zeit nutzen, um Fortunatus wieder in Erinnerung zu rufen, dass Verrat nicht geduldet werden kann. Wenn er dann entsprechend geläutert ist und ich mir sicher bin, dass ihr nicht verfolgt werdet, werden der Junge und ich euch folgen.«
Er hatte bereits wieder vergessen, dass er den Jungen Amminios genannt hatte.