XVI
»Wusstest du, dass so viele kommen würden?«
Longinus Sdapeze saß auf seiner kastanienbraunen
Stute, die Unterarme auf den Knauf seines Sattels aufgestützt.
Hinter ihm erstreckte sich, in Reihen zu je acht Mann, der
komplette Flügel der Ersten Thrakischen Kavallerie. Neben ihm,
ebenfalls hoch zu Ross, saß Julius Valerius, der sich - zumindest
rein äußerlich - wieder von der Begegnung mit seinem Gott erholt zu
haben schien. Aufmerksam beobachtete Valerius den Feind sowie die
örtlichen Gegebenheiten eines Schlachtfelds, dessen Auswahl nicht
mit seiner Zustimmung getroffen worden war und das er persönlich
auch niemals ausgewählt hätte. Wieder war es die Lachsfalle der
Eceni. Allerdings, das musste man auch sagen, war dies den
Legionssoldaten schon lange vorher bekannt gewesen; ihre
Inquisitoren hatten es für sie aus den Gefangenen herausbekommen.
Ihr Vorteil lag nun also in genau dieser Vorwarnung und in jenen
anderen Informationen, die sie danach von ihren Spionen und den
gefangen genommenen Kriegern erhalten hatten. Während der Aufmarsch
nun also seinen Fortgang nahm, konnte Valerius nur abwarten und die
Genauigkeit bewundern, mit der die Vorhersage jetzt eintraf.
Mittlerweile waren sie bis zum Fluss vorgedrungen,
den es jetzt zu überwinden galt. Er strömte direkt vor ihnen dahin,
in seiner ganzen, für den Herbst typischen Breite, so dass die
rauschende Kraft des Wassers Teile des Flussufers mit sich riss und
kleine Tümpel, aus denen einige Monate zuvor noch das Rotwild
getrunken hatte, beachtlich angeschwollen waren. Vom Sturm
abgerissene Äste und leichtere Baumstämme aus den hoch über ihnen
liegenden Bergen wirbelten unsichtbar über den Grund des Flusses
und entrissen Pferd und Reiter nur allzu leicht den vermeintlich
sicheren Halt unter den Füßen, um sie schließlich unter die
Wasseroberfläche zu zerren. Selbst an der einzigen Stelle, an der
man den Fluss sonst noch sicher hätte passieren können, sprudelte
und wirbelte das Wasser jetzt recht gefährlich und brach sich
seinen Weg durch Anhäufungen von Gesteinsbrocken und zerklüfteten
Felsen; schon Tage zuvor hatten Caradocs Krieger diese dort
platziert, um die Überquerung des Flusses noch gefahrvoller zu
machen.
Am gegenüberliegenden Flussufer hatten sich
Tausende von Kriegern zu kleinen Gruppen formiert oder saßen
abwartend auf ihren mit Kriegsbemalung geschmückten Pferden.
Jemand, der wusste, wonach er Ausschau zu halten hatte, konnte
anhand der Art, wie sie ihr Haar trugen, an der Farbe ihrer Umhänge
und an den mit farbigen Symbolen bemalten Flanken ihrer Pferde die
einzelnen Gruppen und Unterhierarchien der Stämme ablesen. Ebenso
leicht konnte jemand, der nach einem ganz bestimmten Feind - nach
Caradoc - suchte, diesen an seinem weizenblonden Haar, dem
farbenprächtigen Umhang und der ihn umgebenden Ansammlung von weiß
gekleideten Ordovizern ausmachen. Schließlich aber musste man auch
erkennen, dass die Gerüchte auf Wahrheit beruhten und dass an
Caradocs Seite noch ein zweiter Caradoc ritt, weiß gekleidet,
barhäuptig und auf einem Pferd sitzend, das seit der Invasion schon
an allen wichtigen Schlachten teilgenommen hatte. Nun aber trug es
einen neuen Reiter, dessen Haar nicht mehr von dem Rotbraun eines
Fuchses im Herbst war.
Caradoc und seine Tochter nahmen nicht an dem
Aufmarsch teil, der der übliche Auftakt zu einer Schlacht war. Ein
vom Rang her ebenbürtiger Krieger aus ihren Reihen pflegte dann
nämlich üblicherweise die Herausforderung anzunehmen und
vorzutreten, um dem Feind noch vor Beginn der Schlacht einige
Speere und Beschimpfungen entgegenzuschleudern. Seit der römischen
Invasion hatten die Stämme sogar noch dazugelernt, und die Speere,
die sie nun warfen, waren die von den Legionssoldaten gestohlenen
Wurfspieße, deren Spitzen mit weichem Eisen eingefasst waren, das
sich beim Aufprall verformte, so dass sie kein zweites Mal
aufgenommen und wieder zurückgeschleudert werden konnten. An einem
Tage wie heute, an dem der Fluss bereits so stark angeschwollen
war, machte das aber ohnehin keinen großen Unterschied mehr, denn
nur sehr wenige besaßen die Kraft, einen Speer in gerader Linie bis
ans andere Ufer des Stroms zu schleudern. Ihre Wirkung war vielmehr
eine psychologische, die auf den Mut und das Herz der wartenden
Legionssoldaten zielte, die hilflos dort stehen und das Geschehen
mit ansehen mussten; in der Vorahnung dessen, was ihnen da in Kürze
bevorstand. Schon zweimal hatte sich eine Zenturie von
Legionssoldaten dazu provozieren lassen, bis an das Ufer des
Flusses vorzutreten und ebenfalls dem Feind ihre Wurfspieße
entgegenzuschleudern, diese damit aber gleichermaßen an den Fluss
zu verschwenden.
Der Morgen verstrich viel zu langsam und ohne dass
man schon irgendeinen Erfolg hätte vorweisen können. Irgendwo
außerhalb des Blickfelds der Römer hatte eine der Stammesgruppen
einen schrillen, wehklagenden Gesang angestimmt, der sich durch das
Donnern des Flusses hindurchschlängelte, über ihn hinwegglitt und
die ohnehin schon aufs Ärgste angespannten Nerven der jungen
Rekruten nur noch stärker auf die Probe stellte. Einige der Männer
in den vordersten Reihen der Legionen griffen nach ihrem
Kurzschwert und rückten ihren Schild zurecht, verschwendeten damit
aber bloß ihre Energie und strahlten ihre Angst schließlich auch
auf die anderen aus. Ganz rechts, in einigem Abstand zum Fluss,
wehte knatternd Scapulas Standarte im Wind. Zweimal war der
Statthalter nun schon bis zum Wasser hinuntergeritten, und zweimal
war er unverrichteter Dinge wieder zurückgewichen. Valerius
beobachtete Scapula und spürte, wie dessen Unentschlossenheit sich
jetzt langsam auch in Richtung Süden und durch die Reihen der
Soldaten hindurch ausbreitete. Ebenso spürte Valerius, dass
Longinus noch immer eine Antwort auf seine Frage erwartete, und
wurde sich bewusst, dass er diese offenbar nur im Geiste gegeben
hatte.
»Es sind weniger Krieger aufmarschiert als am
ersten Tag der Schlacht an der Themse«, entgegnete er. »Wir sollten
froh darüber sein, dass er nur die westlichen Stämme um sich
versammelt hat. Wenn Cartimanduas Briganter uns nicht die Treue
geschworen hätten, würden wir uns jetzt zwei- oder dreimal so
vielen Gegnern gegenübersehen.«
Valerius richtete sich hoch im Sattel auf und
blickte nach Norden. Noch immer scheute der hirschhalsige Wallach
des Statthalters vor dem Wasser. Valerius räusperte sich einmal und
spuckte aus; eine ausschließlich thrakische Angewohnheit mit einer
nur für Thraker entschlüsselbaren Bedeutung. »Wenn wir jetzt so
lange warten wollen, bis Scapula sein verdammtes Pferd endlich ins
Wasser gekriegt hat, dann sitzen wir hier noch den ganzen
Tag.«
»Das mag schon sein«, stimmte Longinus ihm zu.
»Zumal wir dann am anderen Ufer ohnehin wieder absteigen müssten
und ich persönlich lieber auf meinem Pferd bleiben würde.«
»Das können wir auch, solange wir die Furt hier
halten können.«
»Dazu müssen wir sie aber erst einmal
einnehmen.«
»Ich weiß.«
Neben Valerius stand ein Reiter mit einer weißen
Armbinde um sein Kettenhemd bereit. Er war für den heutigen Tag als
Melder bestimmt worden und sollte nur im äußersten Notfall an der
Schlacht teilnehmen. Valerius wandte sich zu ihm um und sagte:
»Überbring Scapula die Nachricht, dass der befehlshabende Präfekt
der Ala Prima Thracum der Ansicht ist, dass seine Männer eine Furt
über den Fluss schlagen und diese auch halten können, so dass die
Legionssoldaten dann in der Lage wären, den Strom flussabwärts von
unseren Pferden zu überqueren. Wenn er das Kommando dazu gibt,
werden wir es versuchen. Und wenn er noch einige Männer mit Speeren
erübrigen kann, um uns Deckung zu geben, dann wäre die
Wahrscheinlichkeit, dass unser Versuch glückt, sogar noch
größer.«
Doch dieses Kommando war vom Gegner schon lange
vorausgeahnt worden, und die Träumer des Feindes hatten die ihnen
bekannten Männer bereits markiert. Schon zu Beginn des Aufmarsches
hatte Valerius sie gespürt: jenen Kitzel der aufeinander treffenden
Geister, den gegenseitigen Hass und die Herausforderung, die im
Grunde eher eine Herausforderung der Geister und der Götter war
denn das Wagnis einer Schlacht. Dennoch waren es schließlich die
Schlachten, in denen sich der Wille der Götter manifestierte, und
die verzögerte Übermittlung von Scapulas Antwort verschaffte den
Träumern und Sängern von Mona Zeit, um sich an einem mit Heidekraut
bewachsenen Hang direkt gegenüber der Thrakischen Kavallerie zu
versammeln. Damit konnten sie ihren Zorn und den ihrer
Steinschleuderer genau auf den von ihnen anvisierten einzelnen Mann
sowie auf das Pferd, das er ritt, konzentrieren. Valerius spürte
sie schon, noch lange ehe die ersten Steine den Flusslauf vor ihm
mit kräuselnden Wellen durchsetzten.
»Wenn du da reinreitest«, warnte Longinus, »dann
bist du tot.«
»Ist das wieder eine deiner bösen
Vorahnungen?«
»Nein, das ist gesunder Menschenverstand. Du
solltest am Ufer bleiben und ihnen damit ein Ziel vorgeben und die
Flussüberquerung dem Rest von uns überlassen.«
»Vielleicht, aber wenn es der Wille Gottes ist,
dass ich sterbe, dann werde ich in jedem Fall sterben - egal, wo
ich mich dann gerade befinde. Aber wenn du meinst, dass es mir
Unglück bringt, dann bleibe ich hinten. Oder aber ich reite vorweg
und lenke damit die gesamte Aufmerksamkeit auf mich, und ihr
anderen, die ihr hinter mir herreitet, seid dafür sicherer.«
»Soll uns das nun aufmuntern?«
»Nein, das ist gesunder Menschenverstand.«
»In Ordnung. Dann hast du ja wohl hoffentlich auch
noch Verstand genug, dich daran zu erinnern, was Corvus gesagt hat.
Scapula will Caradoc und seine Familie lebend haben, um sie
anschließend in einer Parade dem Kaiser von Rom vorzuführen. Wenn
man dich dabei beobachtet, wie du Caradoc tötest, dann wird man
dich an ein Brett nageln und einfach dort hängen lassen. Und noch
manch einer außer mir wird dann sagen, dass das eine schreckliche
Verschwendung deines Lebens sei.«
»Ich werd’s nicht vergessen.«
Er hatte es bisher nicht vergessen und würde es
auch niemals vergessen können. Corvus hatte seine Ansprache zwar an
die Offiziere als ganze Gruppe gerichtet; seine Worte, die Drohung,
die in ihnen lag, und sein Blick waren jedoch allein auf Valerius
konzentriert gewesen. Daraufhin war Valerius mit einem Lächeln
davongegangen, das niemand Bestimmtem gegolten hatte, und hatte
sich anschließend daran gemacht, sein eigenes Lanzenfähnchen für
die Schlacht zu entwerfen. Seit seinem Aufenthalt in der Höhle
hatte er die Worte seines Gottes besser zu verstehen gelernt; es
gab noch viel mehr Wege, um einen Mann zu vernichten, als ihn
einfach nur im Kampf zu töten. Über diese verschiedenen
Möglichkeiten hatte er anschließend nachgedacht, hatte sie sich
quasi einzeln auf der Zunge zergehen lassen und sich gewünscht,
dass er mindestens eine von ihnen auch würde vollstrecken
können.
Valerius glaubte fest daran, dass sein Gott ihn
hören könnte und ihn begleitete. Den ganzen Morgen hindurch
flüsterte dieser schon in Valerius’ Kopf. Sein Tod spiegelt
deinen Tod, oder den von jemandem, den du liebst. Doch Caradoc
war ganz offensichtlich noch immer am Leben, und sein goldblondes
Haar erstrahlte weiterhin wie ein Heiligenschein zwischen den
feindlichen Reihen, folglich wähnte auch Valerius sich noch immer
in Sicherheit. Als etwas verspätet dann der Befehl des Statthalters
eintraf, dass man die Flussüberquerung versuchen solle, trieb er
seinen Schecken Schritt für Schritt in den mörderisch wirbelnden
Strom hinein. Zweiunddreißig Männer der ersten Schwadron der Ersten
Thrakischen Kavallerie folgten ihm in einer geschlossenen Reihe
nach.
Als sie in das Wasser eintauchten, sagte Valerius:
»Jetzt haben sie das Banner des roten Stieres gesehen. Wenn du also
jemals Lust verspürt haben solltest, zu Mithras zu beten, dann wäre
jetzt vermutlich der geeignete Augenblick dafür.«
Longinus Sdapeze aber, der ganz und gar keine Lust
hatte, den Stierschlächter anzubeten, und stattdessen den Tag damit
verbracht hatte, zu seinen eigenen Göttern zu beten, hätte schwören
können, dass er seinen Dekurio hatte lachen hören.
Auf dem von Asche bedeckten Gras lagen eine Hand
voll Wurfknöchelchen. Ganz offensichtlich hatte man sie dort
vergessen. Ein Mann, ein Junge und ein ergrauter Kampfhund mit nur
mehr drei Beinen lagen bäuchlings auf einer Felsnase und blickten
hinunter auf kreisende Raben. Unterhalb der Vögel donnerte schwarz
ein Fluss dahin; an seinem nördlichen Ufer huschten, klein wie
Feldmäuse, Männer und Frauen hin und her, kämpften um ihr Land und
um ihr Leben, um Ehre und Ruhm, für die Zukunft ihrer bereits
geborenen und der noch ungeborenen Kinder. Zwischen ihnen -
unzähligen kleinen Käfern ähnelnd - kämpften die Soldaten der
Legionen.
Es war schon lange abzusehen gewesen, dass es zu
diesem Kampf kommen würde. Für eine Weile hatte es für beide Seiten
so ausgesehen, als ob allein diese ungeheure Masse an Wasser sie
schon besiegen würde und als ob Caradocs Lachsfalle sich niemals
wirklich würde bewähren müssen. Dubornos jedoch, der dies alles
beobachtete, fürchtete eher, dass Venutios vielleicht zu schnell
sein würde und dessen Krieger, besonders die kleinen,
undisziplinierten Kampfverbände der Selgovaer, unter Umständen
nicht in der Lage wären, sich zu beherrschen, und folglich zu früh
den Berg hinuntereilen, auf den Feind losstürmen und so den Plan
vereiteln würden.
Erst als die Thrakische Reservetruppe als Nachhut
des feindlichen Feldes heranritt, bekam Dubornos eine erste Ahnung
davon, wie es vielleicht doch funktionieren könnte. Aus der
Sicherheit seines so hoch gelegenen Platzes, dass er schon beinahe
den Himmel zu berühren glaubte, sah Dubornos als Erstes das
gescheckte Pferd, dann dessen Reiter, und dann - dies war unmöglich
und vollkommen unfassbar - sah er hoch oben über dem Kopf des
Reiters dessen persönliche Standarte flattern.
»Möge Briga ihn auf der Stelle niederstrecken! Er
hat das Zeichen des roten Stieres gestohlen.«
Nun hatten auch andere Kämpfer auf dem Feld das
Zeichen erblickt. Unter den Träumern, Sängern und Kriegern
erschallte eine ganze Kette von Flüchen von Norden nach Süden und
wieder zurück. Sollte Briga ihnen an diesem Tag ihr Ohr geschenkt
haben, so müsste sie gehört haben, wie ihr Name in diesen
Augenblicken häufiger angerufen wurde als zu jedem anderen
Zeitpunkt während der gesamten Schlacht. Wenn sie dann auch noch
hinuntergeschaut hätte, würde sie jedoch einen Mann entdeckt haben,
der seine Flüche im Namen eines ganz anderen Gottes aussprach;
einen Mann, der als sein Zeichen das Symbol des Stieres gewählt
hatte, jenes Bild, wie es zum ersten Mal von den Ahnen der Stämme
verwendet worden war, in jenen Tagen, als die Götter noch jung
waren.
Allein diese Götter wussten, was das Symbol für sie
bedeutete, aber in den Stämmen waren die Zeichen der Ahnen allen
heilig, so dass kein Stamm sie allein für sich selbst beanspruchen
durfte und sie stattdessen als Zeichen der Ehrerbietung für all
ihre Götter betrachtete. Besonders der Stier war in seiner
Schlichtheit wunderschön, massig und kühn, voller Stolz und
unerschütterlicher Lebenskraft. Dass nun aber der Feind ganz
unverfroren dieses Zeichen für sich in Anspruch nahm, war das
schlimmstmögliche Sakrileg überhaupt, und die Tatsache, dass nun
gerade Valerius dieses Zeichen in den gestohlenen Farben gehisst
hatte, machte alles nur noch schlimmer; der Hintergrund der Flagge
war das Eisengrau von Mona, und vor diesem prangte in einem
dunklen, tiefen Rot ganz klar die abgerundete, fließende Form des
Stieres der Ahnen - als habe man sie erst kürzlich und mit frischem
Blut auf den Stoff gemalt. Auch Breacas Schlangenspeer war in genau
der gleichen Farbe gezeichnet worden, dem Blutrot des ewigen
Lebens, und zwar schon lange, ehe Claudius zum ersten Mal seine
Legionstruppen nach Britannien geschickt hatte. Diese beiden Dinge
zusammen, Farbe und Zeichen, waren nun die unmissverständliche
Ansage eines Mannes, der Teil der Invasionsschlachten gewesen war
und die seitdem vergangene Zeit darauf verwendet hatte, die Stärken
seines Feindes so genau zu erforschen, bis er sie für seinen
eigenen Zweck missbrauchen konnte. In einer Sprache, die jeder
verstehen konnte, sagte dieses Banner: Was euch einst heilig
gewesen war, ist nun meines. Ich habe es meinem Willen unterworfen.
Lehnt euch ruhig gegen mich auf - wenn ihr es wagt.
»Das wagen wir! Oh, ihr Götter, das wagen wir!«
Ausgeschlossen aus dem Kampf und vor lauter Frustration den Tränen
nahe, schlug Dubornos mit der Faust auf den Felsen über seinem
Kopf. »Efnís, wo immer du auch sein magst, komm zum Flussufer
hinunter und führe die Steinschleuderer gegen diesen einen an. Wenn
wir auch vielleicht keinen von den anderen niederstrecken mögen, so
würde doch allein sein Tod den Kampf schon lohnenswert
machen.«
»Es tut mir Leid.«
»Was?«
Das Herz und die Gedanken des Sängers waren ganz
mit der Schlacht verwoben gewesen. Das Kind hatte er völlig
vergessen. Hinter ihm, mit gekreuzten Beinen, saß Cunomar, Hails
Kopf auf seinen Knien ruhend. Er weinte leise, doch inbrünstig. »Es
tut mir Leid«, schluchzte er abermals. »Es ist meine Schuld, dass
du hier bist. Wenn ich nicht wäre, wärst du jetzt dort unten in der
Schlacht. Dann hättest du diesen gescheckten Dekurio selbst töten
können.«
Dubornos hatte nicht vorgehabt, laut zu sprechen.
Das war nicht Teil seines Schwurs gewesen, dass andere das Gefühl
haben sollten, in seiner Schuld zu stehen. Er stützte sich auf
einen Ellenbogen, riss seine Aufmerksamkeit von den unten
versammelten Armeen los und wandte sich um. »Darum solltest du dir
wirklich keine Gedanken machen. Ich bin hier, weil ich mich dafür
entschieden habe. Da hat niemand einen Fehler gemacht, da gibt es
keine Schuld zu verteilen.«
»Aber trotzdem hat jemand Schuld, nicht wahr?«
Zuweilen zeigte Breacas Sohn eine hartnäckige Selbstbezogenheit,
die sich auf keinen seiner beiden Elternteile zurückführen ließ. In
anderen Augenblicken - so wie in diesem hier - kam er ganz nach
seiner Mutter. Er schürzte die Lippen, und zwischen seine Brauen
grub sich, genauso wie bei Breaca, eine senkrechte Linie. Seine
Stimme war nun nicht länger die eines Kindes, sondern die eines
Erwachsenen, der aus einer Situation gerade seine eigenen
Schlussfolgerungen zog. »Ardacos hat mir erzählt«, begann er, »dass
du in deiner ersten Schlacht Angst gehabt hättest und darum
hinterher, weil du dich deiner Feigheit schämtest, der Lebensart
der Krieger abgeschworen hast und stattdessen Jäger und
Geschirrmacher geworden bist. Später dann, als die Götter dich
sowohl als einen Sänger als auch als einen Krieger gezeichnet
hatten, hast du im Namen Brigas und im Namen Nemains geschworen,
dass du immer die Kinder meiner Mutter beschützen und dein Leben
für das ihre geben würdest, wo auch immer sie hingehen würden. Aber
auf Mona wäre ich in Sicherheit gewesen, und dann hättest du
hierher kommen und gegen den Dekurio auf dem gescheckten Pferd
kämpfen können. Also ist es meine Schuld, dass du das jetzt nicht
kannst.«
Die Sonne brannte nun von Südosten auf sie nieder.
Unten im Tal marschierten die Krieger derweil in die Fluten des
Flusses hinein, um ihre Speere noch besser werfen zu können, und
auf beiden Seiten traten die ersten Seelen der in der Schlacht
Gefallenen bereits ihre Reise in die Welt der Toten an. Auch dort
trafen sie auf einen Fluss, der jedoch breiter und von reißenderer
Strömung war als jeder, dem sie jemals in ihrem Leben
gegenübergestanden haben mochten. Mit Brigas Hilfe würden sie ihn
überqueren können, einige leichter als andere, und im Land der
Lebenden nur noch Erinnerungen zurücklassen. Oben, auf der Spitze
des Berges, erinnerte sich Dubornos mac Sinochos, Sänger von Mona
und dereinst von den Eceni, unterdessen an seinen Vater und an
einen anderen Tag voller Kämpfe. Er hatte dieses Bild noch immer
nicht vergessen. Jeden Morgen erwachte er mit dieser Szene vor
Augen, und ein jeder seiner Tage endete mit der Bitterkeit dieser
Wahrheit. Das Kind, das nun die Stimme seines Gewissens war,
erwiderte seinen Blick ganz ruhig und ersetzte Dubornos’ alte
Schuld durch eine neue.
Die Götter fordern, und es liegt an den Menschen,
ihnen, wenn der Augenblick gekommen ist, ihre Seelen vorbehaltlos
darzubieten. Dubornos durchforschte also die Tiefen seiner Seele
und antwortete schließlich ganz ehrlich.
»Vielleicht hast du Recht«, sagte er. »Wenn du
drüben geblieben wärest, dann wäre ich vielleicht hierher gekommen,
um zu kämpfen. Vielleicht aber wäre ich auch auf Mona geblieben,
mit dir, deiner Mutter und dem Neugeborenen. Weshalb ich letzten
Endes eben doch deinetwegen hier bin und natürlich deshalb, um
alles, was sich nun hier ereignet, genau zu beobachten und
Heldentaten zu sammeln, um damit später das Feuer der Lieder
anzufachen. Ich habe meinen Schwur aus freien Stücken gesprochen,
und die Götter wissen am besten, wie sie mich diesen Schwur
ausleben lassen. Ich bin hier, weil sie das genauso sehr wollten
wie du. Und glaubst du etwa, die Götter könnten sich irren?«
Verblüffenderweise dachte Cunomar über diese Frage
nun mit gerunzelter Stirn ernsthaft nach. »Das könnte man meinen,
wenn sie nämlich die Dinge zerstören, die mir wichtig sind. Oder
wenn sie mich von der Erfüllung meiner Herzenswünsche abhalten. Ist
es wahr, dass du Airmid schon seit deiner Kindheit liebst und dir,
solange sie noch am Leben ist, keine andere Geliebte nehmen
willst?«
Cunomars Worte fielen in eine alles umfassende
Stille, ganz so, als ob die gellenden Schlachtrufe der Krieger
unten im Tal nicht mehr wären als der Seufzer einer sommerlichen
Brise. Aus dem Vogelbeerstrauch ertönte plötzlich der Gesang einer
Drossel, und ihre hohen Töne bohrten sich förmlich in Dubornos’
Schädel hinein. Er starrte den Jungen an, der seinen Blick
schweigend erwiderte. Sehr vorsichtig, denn er war sich nicht
sicher, ob er nun noch sein Temperament zügeln konnte, antwortete
Dubornos: »Wer hat dir das erzählt? War das Ardacos?«
»Nein. Ich habe gehört, wie Braint es Cygfa
erzählte. Das war, während du mit Gwyddhien gesprochen hattest.
Jeder konnte ja sehen, dass du dich in ihrer Gegenwart nicht wohl
fühltest. Cygfa dachte, dass du dich nach Gwyddhien verzehrtest,
und das hatte sie wütend gemacht, denn Gwyddhien gehörte zu Airmid.
Braint sagte dann aber, dass es genau umgekehrt wäre, und Efnís hat
ihr dann erzählt, was passiert war. Er kannte euch alle schon, als
ihr noch Kinder wart in den Heimatländern der Eceni, vor der
Invasion. Das stimmt doch, nicht wahr?«
Dubornos hatte sich geschworen, niemals wieder zu
lügen. Er hatte jedoch nicht geschworen, seine ganze Seele
gegenüber einem Kind zu offenbaren. »Selbst wenn«, entgegnete er,
»wäre das dann von irgendeiner Bedeutung?«
»Für Cygfa ist es von Bedeutung. Sie glaubt
nämlich, dass du sie übersiehst, und ist darüber sehr
traurig.«
Zuweilen sieht ein Kind, was ein Mann nicht sieht,
besonders, wenn die Aufmerksamkeit von Letzterem von etwas ganz
anderem in Anspruch genommen wird. Doch wie auch immer, dies war
nicht die Art von Unterhaltung, die Dubornos mit Cunomar zu führen
wünschte. »Tut sie das? Das ist doch geradezu unmöglich, denn sie
ist quasi die Fleisch gewordene Seele deines Vaters, nur in
weiblicher Form eben, und das sieht auch jeder Krieger, egal ob
Mann oder Frau. Ich denke, sobald deine Schwester ihre langen
Nächte in der Einsamkeit absolviert hat, wird sie sich keine
Gedanken mehr darüber machen, ob ein Mann unter Tausenden sie nun
womöglich nicht auf jene Weise anschaut, wie sie... Was ist
denn?«
Mit großen Augen, das Weiße so hell schimmernd wie
bei einem erschreckten Pferd, die schwarzen Pupillen dunkel
leuchtend, zeigte Cunomar hinunter in den Hexenkessel im Tal. »Der
Dekurio«, sagte er. »Der mit dem gescheckten Pferd und dem Stier im
Banner. Er schwimmt mit seinem Tier durch den Fluss. Und seine
Truppe folgt ihm.«
Cunomar hatte Recht. Einige Dinge erfordern die
ungeteilte Aufmerksamkeit eines Mannes, und die Art und Weise, in
der Scapulas Legionen auf der Jagd nach Caratacus den Fluss bei der
Lahmen Hirschkuh durchpflügten, war eines dieser Dinge. Dubornos
lag nun auf seiner Felsklippe und beobachtete, wie die Thrakische
Hilfstruppe, angeführt von jenem Mann, den er hasste wie keinen
anderen, dessen Mut er aber zugleich auch nicht in Abrede stellen
konnte, auf ihren Pferden in den reißenden Strom hineinritten, sich
dann quer zur Flussrichtung stellten, und schließlich eine Leine
von Mann zu Mann weiterreichten, entlang derer dann die Infanterie
versuchen sollte, den Fluss zu durchwaten, ohne gleich bei dem
Versuch umzukommen.
Der Offizier auf dem gescheckten Pferd stand in der
Mitte des Stroms und hielt den Kriegern am entgegengesetzten Ufer
sein Banner entgegen. Dort stand auch Efnís, der bereits mit
Speeren auf Valerius zielte und ihm Steine entgegenschleuderte. Um
Efnís herum hatte sich die Hälfte der gesamten Träumer von Mona
versammelt, und auch andere Krieger hatten Valerius zu ihrer
Zielscheibe auserkoren, aber nicht ein einziges Mal wurde er
getroffen. Schleudersteine und Speere schossen über den breiten
Strom hinweg, und zu beiden Seiten von Valerius starben
Legionssoldaten und Kavalleristen der verschiedenen Truppen, doch
das Banner des roten Stieres blieb weiterhin aufrecht, ebenso wie
das unter dem Banner ausharrende gescheckte Pferd und sein
Reiter.
Dubornos fluchte inbrünstig und wusste, dass er
nicht der Einzige war. Es war allgemeine Ansicht, dass Briga von
Zeit zu Zeit einen ihrer Boten in der Gestalt eines feindlichen
Kriegers aussandte, um durch ihn die Leben jener zu fordern, die
sie bereits für sich auserwählt hatte. In diesen Fällen konnte der
Auserwählte nicht durch normale Waffen, sondern nur durch einen
Träumer getötet werden, der bereit war, im Gegenzug dafür Brigas
Zorn auf sich zu nehmen. Vielleicht aber war auch Mithras, der
Stiermörder, einfach nur zufrieden mit seinem Diener und beschützte
ihn dafür mit all seiner Macht und selbst auf einem Schlachtfeld in
einem Lande, das nicht sein eigenes war. Oder aber Valerius hatte
einfach nur Glück. Am besten hielt man sich an diesen Gedanken,
denn das Glück eines Menschen konnte sich durch das Eingreifen
anderer Menschen auch durchaus wieder ändern, ohne dass es dafür
der Intervention der Götter bedurft hätte. Zwischenzeitlich waren
die Anstrengungen, Valerius zu töten, verdoppelt worden, jedoch
ohne Erfolg.
Nachdem die Leine erst einmal den Fluss
überspannte, schwärmten die Soldaten sogleich über das Wasser aus.
An ihrer Disziplin zumindest konnte man nichts aussetzen, ebenso
wenig wie an der Formation, in der sie kämpften. Am Nordufer des
Flusses tobten die schlimmsten Kämpfe zwischen Soldat und Krieger.
Das Prinzip der Lachsfalle hatte darin bestanden, dass die
Legionssoldaten achtlos über den Festungswall und direkt in den
Engpass schwärmen sollten; allem Anschein nach jedoch hatte der
Dekurio der Thraker sie vor dieser Falle gewarnt. Die dort ihr Land
verteidigenden Krieger mussten also kämpfen, als ob ihr Leben davon
abhinge und die in ihrem Rücken errichtete Barriere lediglich die
letzte Rückzugsmöglichkeit wäre, und als ob der Kampf in den mit
Geröll übersäten und vom Blut bereits ganz glitschig gewordenen
Ausläufern der Berge entschieden würde. Mit diesem Bewusstsein und
mit einer mit jedem getöteten Soldaten größer werdenden Ehre und
sich mehrendem Ruhm kämpften die Krieger denn auch so wild und
grimmig, wie sie noch nie zuvor gekämpft hatten.
In all dem Chaos war Caradoc aber noch immer gut
erkennbar, sein Haar ein weithin leuchtender Schopf unter der
Sonne. Cygfa blieb dicht bei ihm, beide wie strahlende Leuchtfeuer
im dichtesten Kampfgetümmel. Nun konnte man auch Ardacos’ Bärinnen
hören, die ihren Schlachtruf anstimmten, und dann und wann wurden
auch ein paar von ihnen sichtbar, wenn sie sich zu einem Kreis
zusammenschlossen und ein Häufchen zum Tode verurteilter
Legionssoldaten umzingelten. An den Rändern des Geschehens kämpften
Gwyddhiens Pferdekrieger, indem sie sowohl Infanterie als auch
Kavallerie gleichermaßen angriffen. In der Mitte hielt Braint ein
solides Wehr aus Kriegern aufrecht, die das sie umgebende Areal mit
wie Dreschflegel wirbelnden Schwertern sicherten.
Auf der gegnerischen Seite war Scapula von einer
Hundertschaft von Legionssoldaten umgeben und damit quasi
unantastbar. Der Rest seiner Männer hielt sich streng in seiner
Linie und kämpfte mit dicht an dicht aneinander gelegten Schilden,
ganz so, wie sie es in zahllosen Übungsschlachten trainiert hatten.
So bahnten sie sich langsam über die Körper der Gefallenen hinweg
einen Weg vorwärts. Den Offizier auf dem gescheckten Pferd konnte
man nur noch deswegen ausmachen, weil seine Soldaten das Gelände am
Rand des Wassers verteidigten, und einmal fiel seine Standarte, als
das Pferd des Standartenträgers getötet wurde und zusammenbrach.
Der Reiter aber rollte sich blitzschnell von dem zu Boden
stürzenden Tier fort, und man konnte beobachten, wie der Dekurio
ihn auf sein eigenes Pferd hinaufhievte und einen Mann herbeirief,
der die Fahne so lange halten sollte, bis der Träger ein anderes
Tier gefunden hatte. Danach, mit Schmutz und Blut beschmiert,
konnte man den roten Stier nur noch schwer von den anderen
Standarten unterscheiden. In einem kurzen Augenblick des puren
Hasses betete Dubornos zu Briga, dass Valerius sterben möge.
Plötzlich erschallten Hörner entlang des
Flussufers. Langsam, sehr langsam, rückten die Legionstruppen
vorwärts. Die Kavallerie nahm die Flanken ein, versperrte damit die
Fluchtwege, und die Krieger mussten entweder zurückweichen oder
dort sterben, wo sie gerade standen. Viele der Krieger starben,
doch die Zahl der Legionssoldaten, die mit ihnen starben, war noch
größer. Ungefähr zwei von drei Seelen der Toten stammten von den
Fremden, die, verloren in einem Land, das nicht das ihre war, nach
abwesenden Göttern suchten, von denen sie nicht gedacht hätten,
dass sie sie jemals im Stich lassen würden.
Nun hatten auch die hintersten Reihen der Krieger
die Barriere erreicht. Dahinter aber standen noch mehr, beschützten
die vor ihnen Kämpfenden und schleuderten Speere, um die Soldaten
zurückzuhalten, während ihre Kampfgenossen sich über die äußere
Erhebung des Wehrs verteilten. Die Leitern an der Innenseite
erlaubten ihnen einen leichten Abstieg, und für einen kurzen
Augenblick hörte das Abschlachten in dem überfüllten Tal auf. Beide
Seiten legten eine Kampfpause ein, schöpften Luft und Wasser und
verzehrten einige Hand voll in Malz eingelegter Getreidekörner oder
ein paar Streifen Dörrfleisch. Auf der römischen Seite
übermittelten erhobene beziehungsweise nach unten geneigte
Standarten komplexe Botschaften an die eng zusammengedrängten,
durchnässten Reihen der Soldaten, und die noch am unverbrauchtesten
erscheinenden Legionssoldaten wechselten nach vorn an die
Frontlinie. An den Flügeln des römischen Heeres stiegen die
Kavalleristen von ihren Pferden ab. Alles ereignete sich genau so,
wie es sich auch schon im Land der Eceni ereignet hatte, nur
diesmal in einem etwas größeren Rahmen. Und für den Fall, dass
Scapula die Falle entdeckt haben sollte, hielt er sich nun offenbar
für ebenbürtig. Auf einem Felsvorsprung hoch oben über der Schlacht
wandten in diesem Augenblick ein Krieger und ein Kind ihre Blicke
nach Norden, suchten dort nach einem Anzeichen der versprochenen
dreitausend Krieger. In weiter Ferne, auf dem Kamm eines Berges,
sah Dubornos jedoch nur einen einzigen, kahlköpfigen Mann, der zu
Fuß ging und sein Pferd am Zügel führte. Ganz leicht huschte ein
Gefühl der Vorahnung eines grauenvollen Desasters durch seine
Brust.
Los!
Der Befehl wurde auf Lateinisch ausgesprochen oder
auf Eceni, vielleicht aber auch einfach nur in Gedanken. Sein Echo
aber ließ die Höhenzüge der Berge förmlich erbeben und schoss
regelrecht durch den Engpass hindurch. Die anschließende kurze
Pause war erfüllt von einem kollektiven Einatmen, und das darauf
folgende ohrenbetäubende Gebrüll der Legionstruppen enthielt nur
noch eine einzige Nachricht: Wir sind die Macht Roms, siegreich
und lebendig. Niemand kann sich uns widersetzen!
Die Bären im Wald unterbrachen ihre Streifzüge
abrupt und horchten auf das Tosen im Tal, die Hirschbullen hielten
mitten in ihren Brunftkämpfen inne. Über den höchsten Berggipfeln
kreisten die Adler, schlugen mit ihren Schwingen gegen einen Wind
an, der ihnen nicht von den Göttern gesandt worden war. In dem von
Felsgeröll übersäten Tal schlugen Tausende von Legionssoldaten mit
ihren Schwertern in donnernder Kakophonie auf ihre Schilde ein, und
begleitet von einem Hagel von Steinen, Speeren und Wurfgeschossen
begann die Schlacht um den Festungswall.
Die Römer erhoben ihre Schilde wie Dachziegel und
kauerten sich unter ihnen zusammen. Mit bloßen Händen klammerten
sie sich an den Felsblöcken fest und hieben ihre Klingen in die
Eichenstämme hinein. Viele von ihnen starben, doch diese wurden von
ebenso vielen Nachrückenden ersetzt. In Scapulas Armee galt ein
Mann so viel wie jeder andere, waren alle gleichwertig, von
gleicher Bedeutung. Schließlich, obwohl mit deutlichem
Widerstreben, zogen sich die Krieger immer weiter zurück, während
die römische Infanterie sich in ihr Tal ergoss, zuerst nur wie
einzelne Tropfen, doch dann, als der Damm brach, wie eine
regelrechte Flut. Die Falle hatte funktioniert, alles, was es jetzt
noch brauchte, war ein Hammer, um sie wieder zu schließen. Drüben,
auf dem weit entfernten Bergkamm, schwang sich ein Reiter auf sein
Pferd, horchte noch einmal aufmerksam auf die Schreie der
Sterbenden und ritt dann den Bergpfad hinab.
Felsbrocken wurden aus ihrer Verankerung gerissen
und mitten in die dichtesten Ansammlungen der Feinde geschleudert.
Andere Krieger warfen kleinere Steine und Speere von ihren höher
gelegenen Standpunkten aus und kletterten anschließend hinunter, um
sich in den Kampf zu stürzen. Die Legionssoldaten drängten in das
Tal hinein, unterwarfen es sich. Ihr Rücken war ungeschützt, und
sie hatten keine Nachhut, die sie auch in die entgegengesetzte
Richtung verteidigte, doch der erwartete Hammer kam nicht. Es kamen
keine dreitausend Speere der Briganter und der Selgovaer geflogen.
Kein Venutios war da, der die Lachsfalle zuschnappen ließ. Und
selbst der einzelne Kundschafter war nun wieder hinter dem Kamm der
Hügelkette verschwunden.
Wenn Venutios uns im Stich lässt, dann töten
wir noch so viele, wie wir nur können, und fliehen dann!
Das hatte Caradoc im Vertrauen zu Breaca gesagt,
und dann, nach und nach, auch noch einmal zu denjenigen, die die
einzelnen Untergruppierungen des Sturmes anführten. Jeder der
kämpfenden Männer und Frauen kannte den dreifachen Hornstoß, der
den letzten Rückzug ankündigte, und wusste, wie dieser sich von den
heulenden Tönen des falschen Rückzugs unterschied. Auch Dubornos
hörte die Hornstöße und fluchte lästerlich, und seine Worte hallten
über das Waffengeklirr und die in großen Kreisen träge abwärts
gleitenden Raben hinweg.
»Sie dürfen jetzt noch nicht aufhören!«, sagte
Cunomar. »Der Kundschafter kommt doch! Ich kann sein Pferd sehen.
Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
»Nein. Ein einzelner Reiter ist keine Kriegsarmee,
außerdem ist es bereits zu spät. Sieh doch, die Legionssoldaten
sind schon alle bis in das Tal vorgedrungen. Die Ebene haben sie
eingenommen, und ihre Pioniere tragen bereits den Festungswall ab,
verschaffen ihnen damit eine sichere Rückzugsmöglichkeit. Am
stärksten sind sie, wenn sie in geschlossenen Reihen kämpfen, so
wie jetzt. In kleinen Gruppen können wir sie noch immer töten, aber
wir sind nicht genug, um sie vollends zu überwältigen. Dein Vater
hat Recht. Für jene, die noch übrig geblieben sind, ist es jetzt
Zeit, den Rückzug anzutreten. Die Wälder sind noch sicher. Besser
eintausend lebende Krieger, die an einem anderen Tage erneut
kämpfen können, als ebenso viele tote Helden.«
Damit stand der Sänger auf. Verzweiflung lastete
schwer auf seiner Brust, trug noch zu altem Kummer bei. Zum ersten
Mal in den drei Jahrzehnten, die er nun schon lebte, verspürte er
eine gewisse Steifheit in seinen Schultern und Kniegelenken. Er
schnippte einmal mit den Fingern nach Hail und spürte, wie ihn
prompt eine kalte Nase am Handgelenk berührte.
»Wir sollten aufbrechen«, entschied Dubornos. »Es
ist nicht auszuschließen, dass Scapula oder einer seiner Offiziere
versucht, die Höhenzüge zu erklimmen. Wir sollten deinen Vater an
der verabredeten Stelle bei der Quelle im Wald treffen.«
Uraltes Heidekraut überzog den Pfad mit seinen
knotigen Wurzeln und erschwerte Dubornos und Cunomar das
Vorankommen. Der Boden war übersät von Blaubeeren, die genau den
Weg anzeigten, den zwei Pferde und ein Hund genommen hatten.
Dubornos ritt voran, Cunomar ein oder zwei Pferdeschritte hinter
ihm. Hail schlängelte sich zwischen ihnen hindurch und war auf
seinen drei Beinen noch immer genauso schnell wie auf vieren.
Nachdem sie den Felsvorsprung der Träumer verlassen hatten, waren
sie auf ein langes Feld, bewachsen mit feuchtem, knöcheltiefem
Farnkraut, gestoßen, an dem sie aber seitlich entlanggeritten
waren, statt einfach quer hindurchzureiten. Kurz darauf trafen sie
auf Cygfa und ihre Mutter Cwmfen, die auf einem schräg verlaufenen
Pfad aus dem Tal heraufgeritten kamen. Das Mädchen war schmutzig,
ihr Haar zerzaust, und aus einer flachen Speerwunde an einem ihrer
Oberschenkel sickerte Blut. Ihren Speer und den Schild hatte sie
verloren, stattdessen hielt sie den breiten und schweren, aus
Bullenleder gefertigten und dann schwarz angemalten Schild eines
Mannes umklammert. Auf dem Knauf und dem Leder des Schildes
breitete jeweils ein grauer Falke seine Schwingen aus. Falls sie
Schmerzen hatte oder erschöpft war, so ließ sie sich beides
jedenfalls nicht anmerken. Wie bei ihrem Vater, wenn dieser aus
einer Schlacht kam, strahlte auch von Cygfa eine geradezu
schimmernde Lebensenergie aus, und in ihrem Haar flatterte eine
Krähenfeder. Sie war zwar nur hastig hineingeflochten worden und
sollte auch gar nicht allzu lange halten, doch war sie in sich
bereits eine Botschaft.
Dubornos spürte, wie Cunomar sich versteifte,
beschloss aber, dies einfach zu ignorieren. Wie die erste Liebe, so
erlebte man auch die erste Schlacht nur ein einziges Mal im Leben,
und die sollte man, wenn der Zeitpunkt gekommen war, aufs Beste
genießen. Dubornos entbot Cygfa den Kriegergruß und sah, wie sie
ihn freudestrahlend erwiderte.
»Wie viele?«, fragte er.
»Acht«, antwortete Cygfas Mutter. Der Stolz, der in
ihren Augen leuchtete, überlagerte die Sorgen, die ihr Venutios’
Fernbleiben und ohnehin schon der ganze Tag bereitet hatten. »So
viel ich sehen konnte, hat sie acht feindliche Soldaten getötet und
ebenso viele verletzt. Sie ist ganz zweifellos eine Kriegerin, denn
damit hat sie sogar noch ihren Vater übertroffen. Er hatte in
seiner ersten Schlacht nur drei getötet, und das galt damals als
viel.«
Hail schnappte nach Cunomars Pony, das daraufhin
mit dem Kopf nach dem Hund stieß. Hell und geradezu durchdringend
heulte Hail auf; er war von diesem Tag offenbar ebenfalls ganz
geschafft.
Dubornos war überrascht und erleichtert zugleich
und versuchte auch nicht, dies zu verbergen. »Damit hat sie uns
alle übertroffen«, sagte er. »Und auch alle anderen Krieger bis
zurück zu Cassivellaunos, der noch gegen Caesar gekämpft hatte.
Wenn ihr mir erzählt, wie genau sich das alles zugetragen hat,
werde ich daraus ein Lied für die Winterfeuer machen.«
»Später.« Cygfas Mutter achtete auch auf Cunomar,
der sich seiner Chance auf Ruhm beraubt sah. Nur auf einem so
begrenzten Raum wie dem Tal und mit Soldaten, die ihr eigenes Leben
offenbar für so wertlos hielten wie diese hier, konnte man mit
einer so hohen Zahl von getöteten Feinden rechnen. Solch eine
Gelegenheit aber kam lediglich einmal in einer ganzen Generation,
und er, Cunomar, hatte diese Chance verpasst. Noch immer jaulte
Hail für Cunomar und verlieh damit dessen Kummer und Enttäuschung
Ausdruck.
»Wir müssen zuerst einmal Caradoc finden«,
bestimmte Cwmfen. »Wenn wir ihn noch an der Quelle antreffen
wollen, sollten wir uns beeilen.«
Cwmfens Pferd war müde und lahmte auf einem
Vorderbein, seine Reiterin jedoch trieb es weiter und auf eine
kleine, steinige Felsklippe hinauf, die schließlich in einem Pfad
mündete. Sie hatte all ihre Aufmerksamkeit auf ihre Tochter
gerichtet, auf die jüngste Vergangenheit und ihrer aller Zukunft,
und verweilte damit viel zu wenig in der Gegenwart, wo ein
Lederriemen wie eine Schlange über dem Weg lag und plötzlich sehr
geschickt angezogen wurde, um ihr Pferd zu Fall zu bringen. Cwmfen
stürzte zwar nicht, doch der Ruck und das plötzliche Stolpern
ließen sie für einen Augenblick ihr Gleichgewicht verlieren und
sorgten auch unter den hinter ihr herschreitenden Pferden für einen
Moment der Verwirrung.
Anders als die Frauen war Dubornos noch nicht vom
Kampf erschöpft. Sein lebenslanges Kampftraining und die
vorausschauende, innere Haltung eines Sängers veranlassten ihn,
sein Pferd hastig zur Seite zu stoßen, während er im gleichen
Augenblick sein Schwert zog. Genau diese blitzschnelle Bewegung
rettete ihm das Leben, und der Knüppel, der nach seinem Kopf
gezielt hatte, traf nur seine linke Schulter und ließ den Arm taub
werden. Auch sein Pferd war kampferfahren und wirbelte sogleich auf
der Hinterhand herum, um sich der Gefahr in seinem Rücken zu
stellen. Breitbeinig stand einer der Soldaten der Hilfstruppen auf
dem Pfad, den Knüppel bereits zu einem zweiten Schlag erhoben.
Hinter ihm wiederum stand ein großer, schlanker Mann, der vom Kampf
mit Schmutz und Blut besudelt war, jedoch kein Symbol und auch
keinen Helmschmuck trug, anhand dessen man ihn hätte identifizieren
können. Er war zwar in eine römische Rüstung gekleidet, doch das
bedeutete noch gar nichts, denn die Hälfte aller Stämme trug im
Kampf gestohlene Kavallerieuniformen. Im ersten Moment, als
Dubornos zunächst nur das schmale Gesicht erkennen konnte und das
glatte schwarze Haar, dachte er, dass es Luain mac Calma wäre, der
sein Haar offen gelassen und aus irgendeinem Grunde auch noch das
Stirnband der Träumer abgelegt hatte und nun die Hand zum Gruße
erhob. Dann aber, mit einer Geste, die Dubornos bereits schon
dreimal zuvor gesehen hatte - schwitzend und weinend hatte er einst
einen ganzen Vormittag darauf verwandt, sich genau dieses Bild so
plastisch in sein Bewusstsein einzuprägen, dass die ihm
nachfolgenden Träumer es genauso klar vor Augen sahen wie er -, hob
dieser Mann, den er mehr als alle anderen hasste, den Daumen zur
Mitte seiner Brust, schürzte die Lippen, nickte einmal kurz, als ob
er auf eine innere Stimme horchte, und sagte dann einfach nur:
»Jetzt!«
Er erkannte ihn plötzlich wieder und reagierte
explosionsartig. In der festen Absicht, den Mann mit dem Knüppel zu
töten, stürmte Dubornos auf diesen zu, riss sein Pferd aber gleich
darauf abrupt wieder zurück, als sich aus dem vor ihm wachsenden
Heidekraut plötzlich ein Dutzend bewaffneter Soldaten der
Thrakischen Hilfstruppe erhob.
»Packt sie«, befahl der Dekurio. »Der Statthalter
will sie alle lebend.«
Sie kämpften, denn das war es, wofür sie lebten.
Doch hatten sie auch Cunomar bei sich, den Verwundbarsten von
ihnen, und alle drei Krieger wussten das. Sie versuchten also,
einen schützenden Kreis um ihn zu bilden, mit Cunomar in der Mitte,
doch waren sie zu wenige, um damit wirklich erfolgreich zu sein,
und der Junge tat auch nichts, um ihnen dabei zu helfen. Vielmehr
hatte dieser gleich zu Anfang die Soldaten gezählt - es waren ihrer
zwanzig - und sofort seine Chance gesehen, nun doch noch zu Ruhm zu
gelangen, welcher sogar noch viel größer sein würde als der seiner
Schwester. Darüber hinaus befand sich in seiner Nähe auch noch
jener Mann, den ein halbes Schlachtfeld voll gestandener Krieger zu
töten versucht hatte, jedoch ohne Erfolg. Und so stürzte sich
Cunomar auf den verhassten Dekurio, und der Kampf, wenn es denn
überhaupt einer war, dauerte genauso lange, wie ein Junge auf einem
Pony brauchte, um einen unberittenen Mann zu erreichen, nur um dann
prompt und ohne viel Federlesens von seinem Pferd gerissen zu
werden und blitzschnell eine Klinge an die Kehle gedrückt zu
bekommen. Cunomar kämpfte und biss und trat wild um sich. Der Mann
lachte lediglich, verstummte dann aber plötzlich.
»Halt!«
Der Befehl ertönte auf Lateinisch, aus dem Mund
eines Mannes, dessen Wort Gesetz war und der nur wenig Geduld
hatte. Der Mann gegenüber Dubornos zögerte einen Augenblick und
musste dieses Zögern denn auch sogleich mit dem Tode bezahlen, als
sein Kopf von der Schläfe bis zur Nase gespalten wurde. Die Wucht
des Hiebes ließ auch den Arm des Sängers erzittern, selbst dann
noch, als er bereits wieder seine Klinge aus dem Kopf des Toten
herauszog und zu dessen Kampfgefährten herumfuhr.
»Nein!« Nun blitzte das Messer des Dekurio auf.
Cunomar schrie laut auf. Blut strömte von seinem Ohr herab, wo die
untere Hälfte des Ohrläppchens plötzlich abgetrennt worden war.
Mittlerweile brüllend, um sich Gehör zu verschaffen, rief der
Offizier noch einmal: »Halt! Legt eure Waffen nieder! Ansonsten
stirbt das Kind!« Der Dekurio sagte dies zweimal; das zweite Mal in
recht manierlichem Ordovizisch.
Dubornos aber hob lediglich sein Schwert hoch und
wandte sich seinem Feind zu. Cwmfen riss blitzschnell ihr Pferd
herum, stellte sich quer vor ihn und vereitelte damit seinen
Angriff. »Dubornos! Tu, was er sagt. Sonst tötet er Cunomar!«
»Er tötet ihn doch sowieso. Er wird uns alle
töten.« Rasch schlossen sich die Feinde um ihn, doch Dubornos, der
seitwärts auswich, rammte seinen Schild gegen das Gesicht eines
Mannes und holte dann sofort mit seiner Klinge nach dem
zurückzuckenden Kopf aus. »Ihr wisst doch, wer das ist. Es ist
immer noch besser, hier im Kampf zu sterben, als auf der Festung am
Galgen zu landen und dann ihren Hunden zum Fraß vorgeworfen zu
werden.«
»Nein!«, erschallte abermals die Stimme des Dekurio
über das laute Klirren von Eisen hinweg, als Dubornos’ Schlag
pariert wurde. »Nein. Ich weiß, dass er Caradocs Sohn ist. Wir
werden ihm nichts tun, wenn ihr eure Waffen fallen lasst. Das
schwöre ich.«
Allein aufgrund dieser Stimme hätte man ihn schon
töten mögen; aufgrund der spöttischen Arroganz dieses Siegers über
die Unterworfenen hätte der Offizier schon tausend Tode sterben
sollen. Cygfa stand ihm gerade am nächsten. Noch immer wütete der
Zorn der Schlacht in ihr, und mit einem einzigen Schlag hätte sie
ihn töten können. Doch ihr Schwertarm hing vollkommen reglos herab,
umklammert von der Hand ihrer Mutter.
Cwmfen schleuderte ihren Schild in Dubornos’
Gesicht. Sie war von großem Zorn erfüllt, genauso wie ihre Tochter,
doch wurde der ihre von Vernunft und einem ausgeprägten,
unüberwindbaren Stolz gedämpft. Hier und jetzt war für alle ganz
klar zu erkennen, warum Caradoc sie einst geliebt hatte.
»Du wirst jetzt aufhören«, sagte sie energisch.
»Der Eid, den du abgelegt hast, bindet dich. Wenn du stirbst, dann
stirbt auch Cunomar. Du bist also durch deinen Eid an das Leben
gebunden.«
Vielleicht stimmte das sogar, zumindest aber hätte
die Frage nach dem Wesen und der bindenden Wirkung dieses Schwures
selbst die versammelten Träumer von Mona einen ganzen Monat lang
Nacht für Nacht hindurch beschäftigt - dessen ungeachtet aber war
es in diesem Augenblick allein Cwmfens unbeugsamer Wille, der
Dubornos ins Schwanken brachte. Er hasste sich dafür, dennoch zog
er sein Schwert schließlich wieder zurück und ließ es in die
Scheide gleiten. Der Dekurio sagte ein paar kurze Worte auf Latein,
und überall um ihn herum ließen nun auch die anderen Männer ihre
Waffen sinken. Das Chaos des Kampfes hatte ein Ende. Aus Mord
erwuchs Ruhe, nur nicht an jenem Platz gleich hinter dem Felsen,
dort, wo Hail gelauert hatte. Der Hund sprach kein Latein und
wusste auch nichts von der Abmachung, dass sie ihre Waffen strecken
sollten, sondern stürmte mit grimmig gefletschten Zähnen aus seinem
Versteck hervor und warf sich auf den am nächsten stehenden
Soldaten.
»Longinus, nein!«
Es war der Dekurio, der diese Worte brüllte, und er
lenkte damit sowohl die Aufmerksamkeit des Tieres als auch die des
Mannes auf sich. Doch zu spät. Eine Klinge blitzte auf, und mit
geradezu unwirklicher Schnelligkeit grub sie sich der Länge nach in
den Körper jenes alten Hundes, der schon mehr Schlachten unversehrt
überstanden hatte als die meisten der heute noch lebenden Krieger.
Ein Dutzend Rippen wurden durchtrennt, und zischend entwich die
Luft aus dem darunter liegenden Lungenflügel. Wie eine Fontäne
spritzte das Blut heraus, regnete zu Boden, besprengte das
Heidekraut. Plötzlich totenbleich flüsterte der Soldat der
Hilfstruppe: »Julius, es tut mir Leid…«, doch seine Worte gingen in
dem daraufhin einsetzenden Geheul des Hundes unter.
Der Schrei eines sterbenden Tieres ist nicht anders
als der eines Kriegers. Er zerriss den Tag, verhallte dann zu einem
heiseren Stöhnen, während der große Hund mitten auf dem Pfad
zusammenbrach, auf seine verletzte Seite fiel und sich verzweifelt
wand, um Luft und um sein Leben ringend. Den gleichen verzweifelten
Schrei, aus zahllosen Kehlen, hatten ein Dutzend Männer, zwei
Frauen und ein Kind schon den ganzen Morgen über an sich
vorbeihallen lassen; diesen einen aber vernahmen sie schweigend,
entsetzt und voller Kummer und Bedauern. Der Ruf des Kampfhundes
der Bodicea hatte sich unter den Legionen nicht weniger weit
verbreitet als der Name jener Frau, an dessen Seite der Hund
gekämpft hatte. Selbst die Männer Roms waren nicht ganz ohne
Respekt und Ehrerbietung für einen solch tapferen Feind.
Dubornos glitt von seinem Pferd, und keiner
unternahm auch nur den Versuch, ihn daran zu hindern. Seinen
eigenen Dolch hatte er verloren, hatte ihn bereits in den ersten
Augenblicken des Kampfes nach einem Gegner geschleudert; er steckte
noch immer in der Brust eines älteren Soldaten der Hilfstruppen.
Stattdessen griff Dubornos, als er sich neben Hail niederkniete,
nach seinem Schwert, doch eine Hand auf seinem Arm ließ ihn
innehalten. Dubornos blickte fluchend auf, doch jeder weitere
Protest erstarb auf seinen Lippen.
Die Welt schrumpfte zusammen. Ihm gegenüber kniete
der Dekurio der Thrakischen Kavallerie, der Reiter des gescheckten
Pferdes, und sein Gesicht zeigte die hässliche, gelb-weiße Farbe
eines Mannes, der dem Tod ins Antlitz blickt. Der schluchzende
Cunomar war währenddessen an jenen Soldaten weitergereicht worden,
der Hail getötet hatte. Der Mann sah aus, als ob auch sein Leben
soeben ein Ende gefunden hätte. Ohne viel Aufhebens, aber auch ohne
jeden Schutz hatte sich der Dekurio gegenüber Dubornos
niedergekniet. Auf seiner geöffneten Handfläche lag, mit dem Griff
nach vorn, sein Dolch, und nur eine Armlänge weiter entfernt
pulsierte unter seiner glatten, braunen Haut durch die große Ader
an seinem Hals viel zu schnell der Schlag seines Herzens.
In Gedanken sah Dubornos schon, wie er mit aller
Inbrunst die Klinge entgegennahm und sie in ihre eigentliche
Scheide rammte: wie er sie in all ihrer blitzenden Schärfe tief in
Valerius’ Fleisch und Blut hineinstieß; bis zum Rückgrat jenes
Mannes, dessen bloße Gegenwart schon eine Beleidigung gegenüber den
Göttern und all jenen war, die er getötet hatte. Allein sein Wille
und sein Schwur hielten Dubornos noch davon ab - und die tiefe, von
Schmerz und Trauer erfüllte Stimme des anderen Mannes. Er sprach
Eceni, und dies auf eine Art, wie es der Sänger seit seiner
Kindheit schon nicht mehr gehört hatte - ganz unbefleckt von den
Dialekten der südlichen und westlichen Stämme, die dem Krieg
beigetreten waren; selbst Breaca sprach so nicht mehr.
»Du musst es tun. Ich kann mich nicht mehr an die
Worte der Anrufung erinnern.«
Es ist einem Sänger nicht gegeben, die Seele eines
anderen auf die gleiche Art zu lesen wie ein Träumer. Doch selbst
wenn Dubornos dies vermocht hätte, so konnte die Geschichte eines
ganzen Lebens unmöglich in jenem einzigen Moment, in dem sich ihre
Blicke berührten, abgelesen werden. Dennoch verrieten die beiden
Seelen einander in diesem Augenblick zumindest so viel, dass sie
verstanden und dass trotz Todesangst und Hass noch so etwas wie
Mitleid und ein gewisses Maß an Verständnis füreinander vorhanden
waren.
Wie betäubt griff Dubornos also nach dem Dolch. Die
Klinge war noch immer klebrig von Cunomars Blut. Der Griff war aus
Bronze und in der Form eines Falken gefertigt, mit kleinen
Jettperlen als Augen. Eines der schwarzen Augen war herausgebrochen
und nur ungeschickt wieder ersetzt worden. Der Sänger bemerkte all
dies in der dem Traum ähnelnden Klarheit des Augenblicks, mit der
er auch alles andere wahrnahm. Dubornos erprobte die Klinge und
stellte fest, dass sie genauso scharf war wie die Häutemesser der
Träumer, die jeden Tag aufs Neue so präzise geschliffen wurden,
dass man sich mit ihnen rasieren konnte.
Auf dem Heidekraut ausgestreckt lag Hail. Zwar
schrie er nicht mehr, doch wimmerte er leise vor Schmerz. Der
Dekurio legte eine Hand auf den Kopf des alten Hundes, sprach in
einer Sprache, die älter war als das Lateinische, sogar älter noch
als das Eceni seiner Kindheit. Der Hund fiepte, wie schon vorhin
auf dem Weg, erkannte den lang vermissten Tonfall und konnte doch
dessen Quelle nicht mehr ausmachen. Er drückte seine Schnauze in
eine vertraute, seit langem gesuchte Hand, und wurde liebevoll von
dieser umfangen. Dubornos merkte, dass er weinte, und entschied
sich, die Tränen auch nicht mehr zurückzudrängen. Durch eine Kehle,
die zu verkrampft war, als dass er noch in gemessenen Worten hätte
sprechen können, sagte er: »Wir müssen seinen Kopf in Richtung
Westen drehen.«
»Dann hilf mir.«
Gemeinsam drehten sie den Hund herum, sorgsam
darauf bedacht, ihm nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen, und am
Ende stieß Hail einen langen Seufzer aus. Dann fand Dubornos seine
Stimme wieder und erinnerte sich seiner jahrzehntelangen
Ausbildung. Das Bittgebet an Briga konnte zwar von jedem gesprochen
werden, gesungen werden durfte es aber nur von denjenigen, die dies
auf Mona erlernt hatten. Dubornos sang also aus vollem Herzen, ließ
seine Worte bis hoch über die Berge erschallen, damit jeder, der
die Schlacht lebend überstanden hatte, ihn nun hörte und wusste,
dass in diesem Augenblick eine große Seele von dieser Welt in die
andere überging, in den Schutz und die Obhut jener Göttin, der sie
soeben geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt des Gesanges schnitt
Dubornos mit der Falkenklinge vorsichtig entlang der Kehle des
großen Hundes und ließ damit den letzten Schwall des hellen Blutes
sich auf die Heide ergießen. Sein Blick ruhte dabei auf dem
Dekurio, der ihn jedoch nicht wahrnahm.
»Du bist Caradocs Bruder.«
»Du weißt doch, dass das nicht stimmt.«
»Ich sage dir nur, was ich in den schriftlichen
Bericht an den Statthalter setze, nämlich, dass du der Bruder des
Rebellen bist und das da seine Ehefrau und diese beiden seine
Kinder. Es ist schließlich bekannt, dass er zwei hat.«
»Nein. Cwmfen ist niemandes Ehefrau. Selbst Scapula
müsste mittlerweile wissen, dass es so etwas bei uns nicht gibt.
Unsere Frauen leben, wie sie wollen, und lieben, wen sie wollen.
Sie werden von keinem Mann besessen, genauso wenig, wie wir von
ihnen.«
Sie sprachen Latein, denn dies machte es leichter,
zu vergessen, was sich gerade zwischen ihnen ereignet hatte. Auch
standen sie ein deutliches Stück voneinander entfernt, was die
Situation zu einer nicht ganz so offensichtlichen Farce machte. Die
Mehrheit der Soldaten der Hilfstruppe war dazu abkommandiert
worden, Steine zu sammeln, um dem Hund einen Grabhügel zu
errichten. Cwmfen und Cygfa waren entwaffnet worden.
Dubornos hatte seine Waffen persönlich dem Dekurio
ausgehändigt, welcher wiederum das Schwertheft bewundert hatte.
Mittlerweile hatte der Offizier seine Fassung wiedererlangt und mit
einer bewussten Parodie auf die Form, mit der sich die Träumer
üblicherweise vorstellten, hatte er gesagt: »Ich bin Julius
Valerius Corvus, befehlshabender Kommandeur der Ala Prima Thracum.
Der Offizier, der den Jungen festhält, ist Longinus Sdapeze,
Duplikarius der ersten Schwadron. Vor ihm solltest du dich in Acht
nehmen. Sein Pferd ist heute getötet worden, und er hat es geliebt
wie einen Bruder. Die anderen werden wir euch später vorstellen.«
Anschließend verfasste er seinen Bericht, eine reine
Erfindung.
Der Augenblick des gemeinsamen Verständnisses, der
Begegnung und des Mitgefühls füreinander war wieder vorbei. Nun war
Valerius wieder der Offizier. Wegen ihres Überfalls aus dem
Hinterhalt hatte er seinen Umhang, der ihn als Dekurio auswies,
zwar weggelassen, doch der Glanz seiner Führerrolle strahlte auch
ohne diesen weiterhin von ihm aus, so wie er vor einer Schlacht
auch von Breaca ausging; die Gewissheit des Sieges, die nur allzu
leicht in Arroganz umschlagen konnte, wäre sie bei Breaca nicht so
offenkundig von der Liebe gemildert worden, die sie für ihr Volk
empfand. In dem Mann, der sich Julius Valerius nannte, existierte
jedoch keinerlei Liebe, und dafür verachtete Dubornos ihn.
»Ich habe keinen Bruder, wie du sehr wohl weißt«,
sagte der Sänger noch einmal. »Und meine Schwestern sind beide
durch deine Hand gestorben.«
Valerius seufzte demonstrativ. »Krieger, bist du
etwa des Lebens müde?«
Der Sänger hielt dem Blick seines Feindes Stand und
musste erstaunt feststellen, dass dieser nicht eine Miene verzog.
»Möchtest du mir nicht lieber die Klinge meines Vaters zurückgeben,
damit wir sehen können, wer von uns beiden sich wohl am meisten
wünscht zu sterben?«
Der Dekurio lächelte voller Ironie, und mit
einstudierter Liebenswürdigkeit entgegnete er: »Nein, danke. Später
vielleicht, aber nicht heute. Ich habe äußerst präzise Anweisungen
erhalten und die erlauben mir nicht das Vergnügen, Caradocs
Anverwandte zu töten.«
»Ich bin nicht...«
»Dubornos, wirst du mir wohl endlich zuhören und
versuchen zu verstehen? Ich weiß ganz genau, wer und was du bist,
das steht außer Frage. Und du solltest auch wissen, dass, wenn wir
einen feindlichen Krieger fangen, derjenige oder diejenige dann an
Scapulas Inquisitoren weitergereicht wird, die einzig und allein zu
diesem Zweck mit ihm reisen. Du magst die Ergebnisse ihrer Arbeit
zwar noch nicht gesehen haben, aber du solltest mich wirklich beim
Wort nehmen, wenn ich sage, dass ein jeder, der auf diese Weise
verhört wird, schon gleich am ersten Tag den erlösenden Tod
herbeisehnt - und solche Verhöre erstrecken sich über viele Tage.
Dieser Befehl erstreckt sich auf jeden lebenden Gefangenen,
ausgenommen jene, die direkte Anverwandte des Rebellenführers sind.
Diese sollen unverletzt nach Rom überführt werden, um dort die
Beschlüsse des Kaisers abzuwarten. Also wiederhole ich noch einmal,
dass wir hier und jetzt Caradocs Bruder, seine Frau und die beiden
Kinder gefangen genommen haben. Wenn du das bestreiten möchtest,
werde ich dich nun nicht mehr davon abhalten; du magst die Spanne
deiner dir verbleibenden Lebenszeit nun selbst bestimmen. Ich würde
dir aber vorschlagen, dass du deine unhöfliche Behauptung nicht
auch noch auf die Frauen und den Jungen ausdehnst.«
Dies war offenbar einer jener Tage, an denen die
Götter einen vor verschiedene Wahlmöglichkeiten stellten, und nicht
eine dieser Entscheidungen war eine leichte. »Was passiert denn in
Rom?«, wollte Dubornos wissen.
»Das hängt ganz vom Kaiser ab. Das kann ich nicht
sagen, aber selbst eine öffentliche Kreuzigung wäre noch besser als
das, was dich hier erwartet, wenn du, sagen wir mal, behaupten
würdest, du seist ein Träumer von der Rebelleninsel Mona.«
»Oder ein Sänger?«
»Solch feine Unterschiede sieht Scapula
nicht.«
Dubornos hatte das Träumen jahrelang geübt. Zu
gewissen Zeiten und an gewissen Orten war es ihm gegeben, die
Stimmen der Götter zu vernehmen oder ihre Zeichen zu sehen. Im
Gebet an Nemain, die er den anderen Göttern ein klein wenig vorzog,
blickte er sich nun um und sah zu dem grauen Felsen hinüber, zu dem
purpurroten Leuchten der Berge und dem dunklen Rauch, der aus dem
Tal aufstieg und auf einem sanften Wind leicht nach Süden driftete,
und zu den unzähligen Krähen, die sich dort gerade versammelten, um
sich an den Toten gütlich zu tun. Er dachte gerade über seinen
eigenen Tod nach und über die Umstände, unter denen ihn dieser am
schnellsten ereilen könnte, als ein plötzliches Aufblitzen auf
einem der weiter entfernten Hügel seine Aufmerksamkeit auf sich
zog. Dort, halb versteckt hinter mit Beeren behangenen Ebereschen,
flatterten im Wind eine Hand voll weißer Umhänge: Dort ritt die
Ehrengarde von Mona. An ihrer Spitze Caradoc und an seiner Seite -
auf einem neuen, frischen Pferd und mit einem Schild der römischen
Legionare als Geschenk bewehrt - der Kundschafter der Briganter,
den Dubornos zuletzt noch im Kanter den Bergpfad in eine bereits
verlorene Schlacht hatte hinuntereilen sehen. Sie alle ritten in
großer Eile in Richtung Norden.
Das war zwar nur ein sehr kleines Zeichen, um daran
sein Leben zu hängen, doch es reichte aus. Auch der Dekurio hatte
die Reiter gesehen. Sein Blick traf auf den des Sängers, und
Dubornos antwortete: »Es scheint, als lebte mein Bruder, um den
Kampf fortzuführen.«
Es dauerte einen Augenblick, ehe dem Dekurio die
Worte und ihre Bedeutung wirklich klar waren, dann aber salutierte
er. »Vielen Dank. Das werde ich dann genau so in den Bericht
miteinfügen.«
Anschließend wurden die Pferde gebracht. Die
Handgelenke der Gefangenen wurden gefesselt. Man war ihnen beim
Aufsteigen behilflich und führte sie anschließend in langsamer
Gangart den Hügel hinunter. An dem dahinter verlaufenden Pfad
bezeichnete ein Steinhaufen von der Höhe eines hoch zu Ross
sitzenden Mannes die letzte Ruhestätte eines Kampfhundes.