XX

Die Kinder: Tu, was auch immer du tun musst, damit sie am Leben bleiben.
Im Rhythmus dieser Worte schritt Caradoc den Korridor entlang. Klirrend fielen die Ketten an seinen Handgelenken in den Takt mit ein. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er seine Schutzbefohlenen nun noch retten sollte. Es fiel ihm schon schwer genug, festen Schrittes zu gehen, die Schmerzen seiner frisch aufgerissenen Wunden zu ignorieren und wenigstens für kurze Zeit noch den Gedanken an das nun Unvermeidliche zu verdrängen - den Gedanken an das, was alle bisherigen Qualen mit Leichtigkeit in den Schatten stellen würde. Die Wachen zu beiden Seiten der Tür des Audienzzimmers mit Achtung zu behandeln. Einem Kaiser gegenüberzutreten, den er aufs Tiefste verabscheute. Die Haltung und die Würde zu bewahren, die einem Krieger und Feldherrn gebührten.
Aus dem schlecht beleuchteten, mit schwarz-weißen Mosaiken gefliesten Korridor trat Caradoc unmittelbar in ein von Sonnenlicht durchflutetes Audienzzimmer ein. Der Raum war mit großen Platten aus edelstem rotem Porphyr ausgelegt, Porphyr von dem Purpurrot alten Weins, unregelmäßig gesprenkelt mit schneeweißen Flocken. Die Wände waren aus feinstem Gipsmörtel, glatt wie Marmor, und wurden am gegenüberliegenden Ende von einem Fries mit der Darstellung des Zyklopen Polyphemus geziert, der sich in demütiger Haltung vor die Meernymphe Galatea kauerte.
Auf Mona erzählten sich die Sänger neben ihren eigenen Mythen und Fabeln auch die der Römer und Griechen. Reisende Barden aus fernen Ländern hatten sie mit der Zeit immer farbenfreudiger ausgeschmückt und sie in Rollenspielen sogar bis ins Große Versammlungshaus getragen. Als Jugendlicher - auf der Flucht vor der Übermacht seines Vaters - war Caradoc bis in die Seehäfen von Gallien gesegelt. Dort, auf Hauswänden und an Zimmerdecken, hatte er dann zum ersten Mal die bildnerische Darstellung jener Mythen gesehen - übertriebene, verworrene Bilder, geschaffen von mittelmäßigen, untalentierten Kunsthandwerkern. Niemals zuvor also hatte er eine Verbildlichung der Sagen in solch eleganter Linienführung, mit solch leidenschaftlichem Ausdruck erblickt wie nun hier in diesem kaiserlichen Audienzsaal.
Ein erschöpfter, vom Schmerz zerrütteter Verstand, der sich nichts sehnlicher wünschte als eine kurze Zerstreuung von der Qual, konnte sich im Anblick dieses Frieses geradezu mühelos verlieren, konnte versinken in den leuchtenden Farben, konnte eintauchen in die Erleichterung, die sie den Augen inmitten all des nahezu erdrückenden Rots von Fußböden und Wänden bot - und konnte staunen angesichts der puren Leidenschaft, die so ungezähmt aus dem Bildnis heraus zu pulsieren schien. In diesem prächtigen Saal aber war irgendwo auch Claudius, vielleicht in dem aus dem Garten hereinströmenden Sonnenlicht oder in den angrenzenden Schatten, vielleicht aber auch in der blendenden Helligkeit, so grell nach den vielen Tagen des Dämmerlichts …
»Vater!«
Mitten in all dem Blutrot befand sich ein Kind: Cunomar, mager und hohlwangig, mit lieblos gestutztem Haar und einer deutlichen Schramme an einem Ohrläppchen. Mit weit ausgebreiteten Armen rannte er auf Caradoc zu. Frei. Plötzlich aber versperrten sechs bewaffnete Wachen den Eingang des Saals. Wer konnte voraussagen, wie diese Wachen reagierten, wenn ein unbesonnener kleiner Junge über den Marmorboden schlitterte und geradewegs in sie hineinrannte?... Tu, was auch immer du tun musst...
»Ein Krieger rennt nicht in der Gegenwart eines Kaisers.«
Der Junge taumelte, legte das Gesicht in grüblerische Falten. Caradoc entbot ihm den Kriegergruß und sah, endlich, wie das Kind sich besann, sah die Unentschlossenheit in dessen Zügen, wie es sich nun weiter verhalten sollte. Darauf, mein Sohn, hatten wir dich wirklich nicht vorbereitet. Es tut mir so Leid. Caradoc trat noch einen Schritt vor, schloss seinen Sohn in eine von Eisenketten klirrende Umarmung und drückte Cunomars zerzausten Kopf einmal kurz an seine Schulter. Du wiegst ja nichts; und selbst wenn du überleben solltest, so wirst du nun nur noch eingeschränkt wachsen. »Mein Krieger in spe, sag, haben die Römer dich gut behandelt?«
Nun, sicher und geborgen in den Armen seines Vaters, begann Cunomar plötzlich ganz unerschrocken loszuplappern. »Ich hab die Ruhr gehabt, aber das ist schon wieder besser. Mir geht’s jetzt gut, und der griechische Arzt mit der langen Nase hat mir heute erlaubt, richtiges Essen zu essen, nicht den Milchbrei, den sie mir auf dem Schiff gegeben haben.« Dann aber zog ein Schatten über das kleine Gesicht, das nun wie die Miniaturausgabe des wütenden Gesichts seiner Mutter wirkte - eine Eigenschaft, die ihn nur noch umso liebenswerter machte. »Aber er hat Cygfa entehrt. Und dafür sollte er sterben. Und auch der, der dazu den Befehl gegeben hat.« Zum Glück sprach er auf Eceni. Andererseits aber war Claudius berühmt für seine Kenntnisse fremder Sprachen, und er war noch immer zugegen, höchstwahrscheinlich irgendwo in den Schatten verborgen, ein unsichtbarer Lauscher und Beobachter.
»Ich habe bereits gehört, was er getan hat«, entgegnete Caradoc. »Aber auch er folgt nur seinen Befehlen. Die Götter werden sich dieser Sache annehmen. Wir haben hier wahrscheinlich nicht die Möglichkeit dazu. Aber hast du denn schon mit dem Kaiser gesprochen?«
»Mit dem alten Mann mit der Lähmung? Er sabbert beim Sprechen. Und er hat meine Haare angefasst. Ich hasse ihn.«
»Ein Krieger vergisst auch in Gegenwart seiner Feinde nicht die Regeln der Höflichkeit, sowohl in Sieg als auch in Niederlage.« Das alles hätten wir dir allerdings schon viel eher beibringen sollen, hätten es dir von deiner Geburt an und am besten sogar noch früher täglich eintrichtern sollen. Warum haben wir das bloß versäumt? »Weißt du denn, wo der Kaiser ist?«
»Da hinten, bei den Säulen im Garten.« Cunomar zeigte ihm, in welcher Richtung sich der Kaiser aufhielt - allerdings wenig erfolgreich, denn mit seinem umherschweifenden Blick wanderte auch sein Arm. »Da stehen den ganzen Weg entlang Statuen und Springbrunnen. Sogar die Blumen sind in einer Reihe gepflanzt, genauso, wie auch die Legionen kämpfen. Die überlassen hier nichts den Göttern.«
Caradoc hatte Recht gehabt, als er die lauernde Gegenwart des Kaisers in den undurchdringlichen Schatten vermutete. Immer noch den Arm um Cunomar geschlungen, wandte er sich um.
Eine der Säulenreihen erstreckte sich bis hinaus in den Garten. Aus dem Schatten eines dieser Monumente ertönte nun eine dünne, nachdenklich klingende Stimme: »Er ist eindeutig der Eure. Er hat Euer Haar geerbt, und auch sein Gesicht trägt klar und deutlich Euren Stempel. Niemand würde daran zweifeln, dass Ihr sein Erzeuger seid.«
Verwirrt und stirnrunzelnd blickte Cunomar zu seinem Vater auf. In seinen Ohren ergaben diese Worte keinen Sinn. Es hatte doch überhaupt nie jemand bezweifelt, dass Caradoc sein, Cunomars, Vater war. Tatsächlich war ein halbes Schlachtfeld Zeuge gewesen, als Cunomar empfangen worden war; das hatte man ihm schließlich oft genug erzählt. Caradoc sah, wie sein Sohn einmal Luft holte, um nun die nur allzu offensichtliche Frage zu stellen - gab ihm jedoch hastig ein Zeichen zu schweigen. Mit grenzenloser Erleichterung beobachtete er, wie Cunomar seinen Wink verstand und gehorchte.
Die Stimme aus den Schatten fuhr fort: »Versteht das Kind kein Latein?«
Natürlich war das Kind von den besten Träumern auf Mona sowohl in Latein als auch in Griechisch unterrichtet worden. Der Kaiser jedoch sprach nur ein sehr rudimentäres Latein; selbst nach Ansicht jener, für die Latein ohnehin kaum mehr als so etwas wie ein Kind unter den vielen Sprachen war, zu jung, um in seiner linguistischen Differenziertheit bereits voll ausgereift zu sein. Aber das konnte Caradoc natürlich unmöglich sagen. Er neigte also leicht den Kopf und entgegnete: »Doch, er versteht Lateinisch. Aber nur, wenn die Worte sehr deutlich ausgesprochen werden.«
»Dann werden wir sie genau so aussprechen. Komm zu mir, mein Junge.«
Wenn du ihm etwas antust, dann wirst du dafür sterben, das schwöre ich, selbst wenn uns das alle in den Tod reißen sollte.
Lächelnd legte Caradoc seinem Sohn die Hand ins Kreuz und versetzte ihm einen sanften Schubs vorwärts. Unsicher trat Cunomar in das spätnachmittägliche Sonnenlicht, sein zerzaustes Haar verschmolz zu einer Kappe aus satiniertem Silber. Hinter der dritten Säule von links war eine schattenhafte Bewegung zu erkennen, und diesmal konnte Caradoc deutlich die Quelle ausmachen: einen Mann in den Sechzigern, dem man sein Alter deutlich ansah, mit gebeugten Schultern und unordentlichem grauem Haar, fliehendem Kinn und großen, abstehenden Ohren. Er zog ein wenig den rechten Fuß nach, und sein rechter Arm war verkümmert und zitterte unentwegt. Anders als bei anderen Männern, die einem begegneten, sah man bei ihm also unwillkürlich zuerst auf das zuckende Körperglied und hob erst anschließend den Blick zu seinem Gesicht empor. Des Kaisers Teint war von einem ungesunden Grau, und die Wangen waren stark gerötet; seine Augen waren blutunterlaufen und umrandet von dunklen Ringen, die den chronischen Schlafmangel verrieten. Außerdem schienen sie während der ersten Augenblicke einer Begegnung zunächst vor jedem Blickkontakt zurückzuscheuen. Einem solchen Mann würde man gewiss keine Waren abkaufen, geschweige denn, ihm in eine Schlacht folgen.
Zitternd streckte der Kaiser eine Hand aus, um über Cunomars Haar zu streichen. Der Junge stand stocksteif da, über seine Haut ging ein Schauer, ähnlich wie bei einem Pferd, das von Fliegen belästigt wird. Caradoc trat hinter seinen Sohn, ließ ihn die beruhigende Gegenwart des Vaters spüren. Grell und schmerzhaft fiel das Sonnenlicht in Caradocs von der langen Dunkelheit geschwächte Augen. Die Luft schien ihm plötzlich seltsam übersättigt vom Duft der Früchte und der süßen Herbstblumen. Nach einer Weile jedoch wurde ihm klar, dass die Quelle des stärksten aller vertretenen Gerüche Claudius selbst war. Er roch intensiv nach Rosen. Jedoch konnte selbst dieser Duft nicht den ebenfalls an ihm haftenden Geruch des Rosmarins und des scharfen Knoblauchs überdecken, die Ausdünstungen des Alters und den muffigen Geruch getrockneten Speichels.
»So ganz eindeutig der Eure«, sagte der Kaiser wehmütig. Diesmal hielt er den Blickkontakt mit Caradoc etwas länger, und in diesem Augenblick konnte Caradocs Seele ganz flüchtig jene andere, zusammengekauerte und nachdenkliche Seele berühren, konnte für einen winzigen Moment die Tiefen dieses grausamen, eigentümlichen Verstandes ausloten, der dort in einem solch zerschundenen Körper eingesperrt war. Caradoc spürte, wie eine eisige Kälte langsam sein Rückgrat hinunterkroch, und versuchte krampfhaft, ein Erschaudern zu unterdrücken.
Claudius lächelte. »Man sagt, dass Euer Hauptinteresse seit Eurer Gefangennahme allein dem Wohlergehen Eurer Familie galt. Und dass auch die Sorge Eurer Angehörigen zuallererst Euch gegolten habe und erst danach ihrem eigenen Schicksal - eine wahrhaft römische Tugend und damit höchst lobenswert. Meine Frau hat daraufhin den Wunsch geäußert, Euch kennen zu lernen, und ich habe diesem Wunsch stattgegeben. Genau genommen habe ich sogar meiner ganzen Familie befohlen, Euch und Euren Sohn kennen zu lernen. Ihr seid wahrhaftig ein Beispiel für den unzerrüttbaren Zusammenhalt einer Familie, in guten wie in schlechten Zeiten.«
Auf dem Tisch neben dem Kaiser lag eine mit geometrischen Mustern geschmückte Messingglocke. Hell ließ der Kaiser sie einmal erklingen, woraufhin den gesamten Korridor hinunter noch etliche weitere Glocken angeschlagen wurden, bis schließlich das Geräusch eilig schlurfender Schritte ertönte. Herein kam ein Junge, nur wenig älter als Cunomar und von Etikette kaum eine Spur, obwohl die Wachen bei seinem Auftauchen vorschriftsmäßig salutierten.
Steif, aber augenscheinlich erfreut über dessen Erscheinen, begrüßte der Kaiser seinen Sohn. »Dies ist mein Sohn Britannicus«, erklärte Claudius. »Er verdankt seinen Namen der Eroberung Eures Landes. Eure Anwesenheit hier bedeutet, dass er Eure Provinz schon lange, ehe er selbst Kaiser wird, gefahrlos besuchen kann.«
Der Kaiser legte den Kopf leicht schief, wie um die Wirkung seiner Worte noch besser einschätzen zu können. Caradoc lächelte und ließ seinen Blick einmal über den Jungen schweifen. Der Junge war plattfüßig und klein. Sein gewelltes, mausbraunes Haar glich nicht dem seines Vaters, und auch seine Gesichtszüge waren nicht die von Claudius; eine Tatsache, für die er wirklich dankbar sein konnte. Außerdem versprühte Britannicus, als er Cunomar angrinste, einen Charme und eine gewisse Unschuld, die seinem Vater nun wirklich gänzlich fehlten. Britannicus hätte also ebenso gut auch der Sohn irgendeines anderen Mannes sein können. An ihm war einfach nichts, das ihn als Claudius’ Nachkommen auszeichnete.
»Ein edles Kind«, bemerkte Caradoc. »Ich bin mir sicher, dass er eines Tages ein ebenso edler Kaiser sein wird.« Falls seine Stiefmutter ihn nicht vorher umbringen lässt, um ihrem eigenen Sohn auf den Thron zu verhelfen. Zumindest auf Mona nämlich hielt man es für ziemlich wahrscheinlich, dass nicht Claudius’ leiblicher Sohn, sondern sein Stiefsohn der nächste Kaiser werden würde.
Claudius legte seine gesunde Hand auf einen Arm des Jungen. Seine Zitteranfälle folgten einem Muster: Wenn Claudius Entscheidungen fällte, verstärkten sie sich, danach ebbten sie wieder ab. Wieder griff der Kaiser nach dem Glöckchen und klingelte kurz. Sobald die Glocke verstummte, ließ auch das heftige Zucken in seiner Hand nach. »Nun müsst Ihr unbedingt noch den Rest meiner Familie kennen lernen.«
Caradoc, der stetig weiterlächelte, zog bei dieser Gelegenheit seinen Sohn unauffällig ein paar Schritte außer Reichweite des Kaisers.
Hereingeschritten kam zunächst der Stiefsohn, Lucius Domitius Ahenobarbus, genannt Nero. Als Kind war er bereits hübsch gewesen, nun aber wuchs er zu einem sehr attraktiven Mann heran und war sich dessen offensichtlich auch bewusst. In rotgoldenen Locken und etwas länger, als es die römische Strenge üblicherweise vorschrieb, fiel ihm das Haar über die alabasterfarbene Stirn. Er bewegte sich mit dem anmutigen Gang eines Tänzers und neigte den Kopf in einem Winkel wie die griechischen Schauspieler alter Schule - ließ damit quasi den jungen Achilles wieder auferstehen. Seine Haut jedoch war so zart wie die eines Mädchens, und seine Augen glichen denen einer sich nach Liebe verzehrenden jungen Frau. Für einen winzigen Augenblick, als er unter dem Türbogen hindurchschritt und seinen Stiefvater ansah, schien er die Verkörperung der Helena zu sein; Helena, wie sie dem dem Wahnsinn anheim gefallenen Menelaos gegenübertrat. Auf seinen Lippen formte sich eine Frage, eine Bitte, ein Ersuchen um eine Gefälligkeit, das vielleicht sogar erhört worden wäre, wenn sich in diesem Moment nicht urplötzlich eine Kakophonie hinter ihm erhoben hätte, die seine Worte vollkommen übertönte - Neros leichtfüßiger Eintritt in den Saal wurde vernichtet durch den Einmarsch seiner Mutter.
In Rom, wo den Frauen keinerlei Macht zustand, hatte die Kaiserin Agrippina, Nichte und Ehefrau des Kaisers und Mutter des Nero, diese dafür umso fester gepackt und hielt sie nun mit beiden Händen an ihre Brust gedrückt. Wie alles andere in ihrem Leben, so war auch ihr Erscheinen im Audienzsaal ein gekonnt arrangierter Auftritt. Die damit verbundenen Geräusche eilten ihr bereits voraus, drängten sich dem Publikum schon auf, als sie selbst sich noch hinter der Biegung des Korridors befand: Man hörte die gemessenen Schritte ihrer Leibwächter, das Murmeln von Polybius, Claudius’ geistlichem Sekretär und Agrippinas Liebhaber, das leise Rascheln von seidenen Gewändern, das gedämpfte Klirren von Gold auf Gold und das sanfte Klicken von Perlen.
Umhüllt von der Unantastbarkeit ihres Reichtums, der für sich allein schon beträchtlicher war als die gesamte britannische Steuerschuld seit der Invasion vor neun Jahren, brauchte Agrippina im Grunde gar kein Gefolge, um ihre Position zu behaupten. Dennoch bewahrten die Wachen Haltung, und das Leuchten in ihren Augen verriet eine Hingabe, die denjenigen, die Claudius oder einem der Söhne dienten, nicht zu eigen war. Agrippina stolzierte zwischen den Wachen hindurch, ein Traum in Rot und Gold. Nun wurde auch deutlich, dass die Ausstattung des Audienzsaals ganz offensichtlich ihr Werk war; niemand sonst hätte gefordert, dass das Rot der Wände so hundertprozentig mit dem ihrer Lippen und mit dem der Rubine um ihren Hals zu harmonieren habe. Das weiche, gefärbte Rehleder ihrer Schuhe verschmolz nahezu bis zur Vollkommenheit mit dem blutroten Belag des Bodens, und selbst die auf den Schuhen angebrachten Perlenknöpfe spiegelten sich stolz in den weißen Flöckchen des Porphyrs wider. Ihr Haar, das in der Mitte exakt gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten zusammengeschlungen war, wurde von juwelenbesetzten Haarspangen gehalten und schimmerte wie feinster Marmor. Ihr Umhang war ein Hauch von roter Seide, eingefasst von kaiserlichem Purpur, und die Haut ihrer Arme, die sich zwischen den Falten hervorstreckten, war von einem so makellosen Weiß wie der Sand an der Nordküste Britanniens. Agrippina war somit - in jeglicher Hinsicht - die Verkörperung der römischen Frau schlechthin, ein Wesen von gezierter und gekünstelter Schönheit, das durch die Grausamkeit seiner Intrigen und nicht zuletzt natürlich durch ihren Ehemann zu unermesslicher Macht gelangt war. Sie war so verschieden von Breaca, wie die veredelten und sorgfältig beschnittenen Blumen im kaiserlichen Garten sich von den Eichen und Weißdornbüschen eines unberührten britannischen Waldes unterschieden. Es war unmöglich, sich vorzustellen, dass beide Frauen lediglich aus Fleisch und Blut bestanden. Caradoc jedenfalls, der sich in diesem Augenblick gerade tief vor Agrippina verneigte, versuchte es gar nicht erst.
Die Augen der Kaiserin waren türkisgrün, und sie hielten den Blick eines Mannes so lange gefangen, bis sich die Erde einmal um ihre eigene Achse gedreht hatte, und sogar noch länger. Caradoc verneigte sich gleich noch einmal - nicht zuletzt deshalb, um seinen Blick von ihr abwenden zu können, ohne beleidigend zu sein. Wäre er an Claudius’ Stelle gewesen und hätte sich diese Prozession täglich ansehen müssen, so hätte wohl auch er sich angewöhnt, die Kaiserin nur noch flüchtig und indirekt anzublicken. Nero, dessen Augen zwar nur eine blassere Kopie derer seiner Mutter waren, dem aber nichtsdestotrotz ebenfalls die Ehre eines offiziellen Auftritts hätte gewährt werden müssen, war gezwungen, einen Schritt zur Seite zu treten, um den Leibwächtern seiner Mutter Platz zu machen.
Dann, nur eine Speerlänge von der Tür entfernt, blieb die Prozession stehen. Fest und unverwandt ließ die Kaiserin ihren Blick zunächst über Cunomar und anschließend über Caradoc schweifen. »Da ist er also, der Barbar, der sich so zärtlich um seine Kinder sorgt. Wie wundervoll.«
Die Kaiserin lächelte - eine einstudierte Geste ihrer geschminkten Lippen -, und in vollkommener und augenscheinlich geistesabwesender Imitation grinste auch der Kaiser. Sein Lächeln hätte also ein bloßer Reflex sein können, das unverblümte Zutagetreten des inneren Hanswursts, der sich gerade im Abglanz seiner Herrin sonnt. Doch dann sah Claudius kurz zur Seite, und für einen Moment verschmolz der Blick des Kaisers zu Caradocs Entsetzen mit dem seinen, und in diesem einen Blick lag die Bestätigung sämtlicher Gerüchte, die man sich auf Mona erzählte: Der Kaiser könne seiner Frau nichts abschlagen, noch nicht einmal die kleinste Bitte, solange diese nicht eine entscheidende, unsichtbare Grenze übertrat. Dann allerdings würde er sie, wie auch schon ihre Vorgängerin, töten lassen. Die Ermordung seines einzigen Sohnes konnte möglicherweise diese Grenze sein; vielleicht wusste Agrippina dies sogar. Caradoc blickte noch einmal zu Britannicus hinüber und entdeckte das verzerrte Grinsen der Angst, das seinen Mund noch breiter auseinander zog als den seines Vaters. Auch der Junge wusste also, aus welcher Richtung ihm Gefahr drohte.
»Ist es denn wirklich nötig, ihn so in Ketten zu legen? Wir haben doch schließlich seine Frau und seine Tochter. Da wird er uns doch nichts antun, nicht wahr?«
Agrippina sprach diese Worte auf das Liebreizendste, neigte dabei sogar den Kopf ein wenig, und ihre Augen erstrahlten in unschuldigstem Charme. Dann aber blinzelte sie einmal mit ihren dick mit Tusche bemalten Lidern und warnte Caradoc damit quasi, sie nicht eines Besseren zu belehren, sondern sich vor den Wachen und dem Kaiser als der Freiheit würdig zu erweisen.
Claudius, der immer noch grinste, nickte, und sogleich machte jener Soldat der berittenen Garde, der Caradoc am nächsten stand, Anstalten, ihm die Ketten abzunehmen - Caradoc jedoch trat rasch einen Schritt zurück und entzog sich so seinem Zugriff.
»Besser nicht«, sagte er, »es ist besser, die Ketten bleiben dort, wo sie sind, Eure Majestät. In solch betörender Gesellschaft könnte ich sonst nur allzu leicht die Umstände vergessen, die mich hierher brachten.«
Der Kavalleriesoldat hielt mitten in der Bewegung inne und erwartete seinen Befehl. Für einen Augenblick schien das Lächeln der Kaiserin einzufrieren, dann aber blühte es, voller Verständnis und leicht amüsiert, tröstend und mit dem scheinbaren Versprechen auf Freiheit wieder auf. Claudius’ Lächeln dagegen verblasste. Er blickte Caradoc plötzlich sehr nachdenklich an.
»Das hätte ja auch nicht so sein müssen«, ergriff Agrippina schließlich wieder das Wort. »Hättet Ihr nicht Eure Waffen gegen uns erhoben, dann wärt Ihr hier jetzt als einer unserer Untertanen herzlich willkommen. Dann würden wir jetzt über unsere Handelsbeziehungen und über die Eintreibung der Steuern beraten - statt über die näheren Umstände Eurer Hinrichtung und das weitere Schicksal Eurer Familie.«
Caradoc neigte den Kopf. Mit vollendeter Höflichkeit erwiderte er: »Und dann würde ich nicht nur meine Blutsverwandten, sondern ein gesamtes Volk in die ungeliebte Sklaverei zwingen.«
»Aber Ihr wärt frei, und die Steuereinnahmen würden Euch reich machen.«
»Ich war auch zuvor frei, und mein Reichtum war unermesslich, ohne dass ich Steuern hätte erheben müssen, um andere in das Gold unserer Vorfahren zu kleiden.« Caradoc ließ seinen Blick einmal über Agrippinas antike Goldkette wandern und über die mazedonischen Münzen, die in ihre Ohrringe eingearbeitet waren. In den drei Jahrhunderten, die seit der Prägung dieser Münzen vergangen waren, hatte Rom eindeutig an Macht gewonnen.
Plötzlich schossen die grünen Augen der Kaiserin zornige Blitze. Agrippina, die ihre frühen Erwachsenenjahre im Exil außerhalb Mauretaniens verbracht hatte und dort auf Befehl Caligulas nach Schwämmen tauchen musste, hakte ein kleines Perlengebinde von einem ihrer Ohren ab. Sie hob das Schmuckstück hoch in die Luft und sagte: »Zweimal am Tag bin ich auf der Suche nach diesen und anderen Perlen tauchen gegangen. Und bei der Suche nach ihnen, zwischen den scharfkantigen Blättern des Seegrases und den dunklen Höhlen unterhalb des Meeresspiegels, wären mir beinahe die Lungen geplatzt. Diese Perlen hier sind nicht das Produkt von irgendjemandes Steuern. Ich glaube, ich hab mir das Recht, sie zu tragen, voll und ganz verdient.«
Es waren kleine, etwas unregelmäßig geformte Perlen, in einer Anordnung arrangiert, die an eine Weintraube erinnerte. Sie waren das einzige Accessoire an Agrippinas Aufmachung, das nicht ganz perfekt war. Die Kaiserin strich einmal mit dem Finger darüber, ließ die Perlen das aus dem Garten hereinströmende Licht reflektieren und schleuderte sie schließlich in hohem Bogen von sich.
Trotz des Gewichts der Ketten hob Caradoc blitzschnell die Hände und fing den Ohrring auf. Blut tropfte von seinen Handgelenken und hinterließ auf dem Porphyr kleine, dunkle Flecken. Cunomar erschauderte und musste sich auf die Lippen beißen, um auch weiterhin Stillschweigen zu bewahren. Vom anderen Ende des Raums her hörte man Nero kurz aufstöhnen.
Caradoc jedoch ignorierte beide, hielt die Perlen hoch ins Licht empor und sagte: »Sie sind wunderschön, Eure Majestät. Und ich stelle Euer Recht, sie zu tragen, nicht in Frage.«
»Aber mein Recht an meinem Gold stellt Ihr schon in Frage.«
Die Kaiserin war wütend, sann aber offenbar noch nicht auf eine Bestrafung Caradocs. Von allen menschlichen Eigenschaften, so sagte man von ihr, bewunderte sie den Mut am meisten; Speichelleckerei dagegen verabscheute sie. Caradoc sprach im Stillen ein Stoßgebet an seine offenbar verstummten Götter, dass diese Gerüchte auch der Wahrheit entsprachen, und entgegnete: »In meinem Volk bezeichnen wir Gold als das Heim der Götter. Man kann es weder essen noch darauf reiten, und es spendet einem auch keinerlei Wärme zum Schutz vor der Kälte des Winters. Wir opfern unser Gold also in erster Linie den Göttern, und nur das, was dann noch übrig ist, tragen wir ihnen zu Ehren als Schmuck. Nicht aber, um uns selbst zu ehren.«
Agrippina war von wachem Verstand und begriff sehr rasch, was Caradoc unausgesprochen gelassen hatte. Sie zog eine ihrer mit Farbe nachgezogenen Brauen hoch. »Und darum sollte man nicht die Götter berauben, indem man die Menschen zwingt, ihr Gold in die Steuerkassen zu stecken?«
»Ich denke, nein. Und es sind ja nicht bloß die Götter, die leiden, sondern auch die Menschen. Unser Land war das unsere, und mit der Gnade der Götter haben wir es bestellt, wir haben unsere Pferde und Hunde gezüchtet, sind auf die Jagd gegangen, haben unser Blei und unser Zinn abgebaut, unser Silber und unser Gold, und wir haben als freie Menschen gelebt. Warum sollten wir uns nach nur einer verlorenen Schlacht in die Sklaverei ergeben und damit anderen durch unsere Arbeit zu Reichtum verhelfen?«
»Das ist nun einmal die Strafe, wenn man einen Krieg verliert.«
»Aber wir haben den Krieg noch nicht verloren.«
Mit einem verkniffenen Zug um den Mund widersprach Agrippina: »Wenn Ihr sterbt, werdet Ihr das bestimmt nicht mehr denken.«
»Aber es kann gut sein, dass Scapula das denkt, wenn er stirbt.«
In diesem Augenblick war Caradoc nicht ganz er selbst gewesen, hatte Worte ausgesprochen, die gar nicht seine eigenen waren. Er spürte, wie ihn seine Götter in der daraufhin plötzlich einsetzenden Stille endgültig verließen, empfand ein Gefühl, als ob ihm eine Klinge, die sich gerade erst in sein Fleisch gegraben hatte, wieder herausgerissen würde. Caradoc hatte sich wirklich nicht für einen so unbedachten Schwätzer gehalten, geschweige denn geahnt, dass seine Götter seinen Tod offenbar so dringend wünschten. Schließlich hob er den Blick wieder und sah in die Augen der Kaiserin, in der Befürchtung, das Werk eines ganzen Morgens zerstört, das sorgsame Gewebe aus Vorsicht und Höflichkeit zerrissen zu sehen. Von dem Wohlwollen und der Gnade dieser Frau hing das Leben seiner beiden Kinder ab. Und Caradoc wünschte verzweifelt, dass keines dieser beiden Leben zerstört werden möge.
»Eure Majestät, vergebt mir, ich …« Eure Majestät, vergebt mir, was ich da gerade eben gesagt habe, war wirklich völlig unpassend. Das letzte Mal, als ich Scapula sah, ritt er sein Pferd über das Schlachtfeld, auf dem er gerade gesiegt hatte. Und sollte er tot sein, dann wissen das höchstens die Götter, aber nicht ich.
Caradoc sprach diese Worte jedoch nicht aus, denn niemand beachtete ihn mehr. Agrippinas harter Blick hatte sich auf etwas hinter Caradocs Rücken geheftet, und auch Claudius schien seine, Caradocs, Gegenwart offenbar vergessen zu haben. Stattdessen hatte sich der Kaiser zur Tür umgewandt, forschte dort mit suchendem Blick nach etwas, gleich einem Blinden im Winter, der die Wärme der Sonne suchte.
»Eure Hoheit...«
Caradoc drehte sich um. Zwischen den Wachen stand der in die Jahre gekommene Callon, Vater von Narcissus, dem eleganten und gebildeten ehemaligen Sklaven, der anstelle seines Herrn, des Kaisers, dessen Imperium verwaltete. Agrippinas perfekt geschwungene und geschminkte Lippen verzogen sich in unverhohlener Abscheu. An Claudius’ Hof war die Feindschaft zwischen der Kaiserin und denjenigen unter den Sekretären, deren Loyalität ausschließlich beim Kaiser lag, bereits legendär.
Callon ignorierte Agrippina, machte dem Kaiser abermals ein Zeichen und wurde schließlich hereingebeten. Eilig beugte er sich vor und flüsterte seinem Kaiser etwas ins Ohr. Claudius’ Lächeln erstarb. Für einen langen Augenblick schien es, als würde er gar in Ohnmacht fallen, dann jedoch wandte er sich seiner Kaiserin und ihrem Sohn zu.
»Ihr werdet uns jetzt verlassen.«
Giftig und mit kalten Augen starrte sie Claudius an. Ein angespanntes Schweigen breitete sich aus. Nach einer Weile schließlich nickte sie. »Was immer mein Herr befiehlt.« Mit vollendeter Würde bedeutete sie ihrem Sohn, ihr zu folgen, und verließ schließlich den Raum.
Mit ernster Miene ging Claudius zurück in seinen Garten - sein Schatz und sein Zufluchtsort zugleich. »Ihr kommt mit mir«, befahl er und umschloss mit einer einzigen Armbewegung all jene, die noch anwesend waren.