XII

»Wir reiten aus, um Caratacus zu kriegen - tot oder lebendig -, um seine Rebellen, die sich in den Bergen verstecken, auszulöschen und endlich Frieden in den Westen zu bringen.«
Mit diesen Worten richtete sich Scapula in der großen Versammlungshalle des Prätoriums zu Camulodunum an die fünftausend frisch ausgebildeten Soldaten der Infanterie und die beiden Flügel der Kavallerie. Die neuen Rekruten wiederholten Scapulas Worte, als sie ihren Marsch in Richtung Westen antraten, und ersetzten die Verben schließlich durch ihre eigenen unflätigen Wortschöpfungen. Dabei war Scapula ebenso das Ziel ihrer Beschimpfungen wie jener Mann, gegen den sie nun zu Felde zogen.
Auch Julius Valerius, Dekurio der ersten Schwadron der Ersten Thrakischen Kavallerie, stellvertretender Kommandeur des gesamten Flügels und zugleich befehlsführender Anführer jener Hälfte seiner Männer, die gerade mit ihm aufbrach, hörte Scapulas Worte wieder und wieder. Und wie jedesmal, wenn er in eine Schlacht ritt, lösten sich seine albtraumhaften Peiniger förmlich in Luft auf. Selbst dann, wenn es sich bei der Schlacht um einen Kampf gegen Frauen und Kinder handelte, in einem Dorf, das aus kaum mehr als drei Hütten bestand. Im Angesicht des wahren Krieges flohen die Geister in weite Ferne. In diesen Zeiten schlief Valerius gut, aß ausgiebig und trank aus reinem Vergnügen - nicht, weil er den Wein brauchte. Gemeinsam mit ihm ritt Longinus Sdapeze, der sich mittlerweile von seinen Kriegsverletzungen erholt hatte und zum Standartenträger der Truppe befördert worden war. Der Mann war intelligent und besonnen, und er verstand besser als irgendein anderer Valerius’ unberechenbare Stimmungsschwankungen.
Wir reiten aus, um Caratacus zu töten. Caradoc. Um ihn zu töten. Zu töten...
In diesem Augenblick war Valerius’ Leben geradezu perfekt.
 
Am dritten Tag, nachdem sie Camulodunum verlassen hatten, setzte der Regen ein. Leicht und ohne den damit normalerweise einhergehenden Wind rieselte er in dünnen Fäden aus dem wolkenverhangenen Himmel herunter; ein warmer, gleichmäßiger Nieselregen. Er durchtränkte Haut und Haar, Leder und Wolle, und ließ die bis auf die Baumwurzeln ausgetretenen Pfade nur noch glitschiger werden. Jene Pfade, über die in den vergangenen acht Jahren schon Tausende neuer Rekruten marschiert waren, um in den wilden Bergen des Westens für Rom zu sterben.
Leider verhüllten die Wolken aber nicht den abnehmenden Mond, der blass am östlichen Horizont schwebte. Für die Thraker bedeutete er Unglück, und der Regen schien sie in ihrer Ansicht nur noch zu bestärken. Im Schritttempo ritt Valerius seinen Schecken durch den Schlamm und horchte auf das Gemurmel seiner Männer; hörte, wie deren Überzeugung nur noch stärker wurde. Dann erschien zu seiner Linken ein Pferd.
»Jemand sollte dem Statthalter sagen...«
»Nein.«
»Du weißt ja gar nicht, was ich gerade sagen wollte«, entgegnete Longinus etwas verärgert.
Valerius lächelte säuerlich. »Ich weiß sogar genau, was du gerade sagen wolltest. Du willst, dass ich Scapula darüber informiere, dass seine Armee so lange im Nachtlager ausharren sollte, bis der Mond verblasst - oder nach Camulodunum zurückkehren und seinen Aufmarsch verschieben, bis wir Neumond haben und das Licht dieser Dame dann allen Männern den sicheren Sieg sowohl im Krieg als auch in der Liebe verspricht. Allerdings will mir nicht so ganz in den Kopf, wie es in irgendjemandes Absicht stehen könnte, dass dieses Glück auch Caradoc beschieden sein sollte. Und darum sage ich dir jetzt mal etwas...« Damit wandte sich Valerius im Sattel um. »Und zwar wirst du jetzt dem Statthalter etwas ausrichten. Ich wette mein Pferd gegen deines, dass du mit deiner lädierten Stimme keine drei Worte rausbringst, ehe Scapula dich bereits wieder aus den Reihen entlässt und nach Hause schickt. Und wenn er so einen richtig schlechten Tag hat, schickt er dir den Rest von uns sogar noch als Eskorte hinterher.«
Valerius hatte einige Anstrengungen unternommen, um das Ausmaß der Verletzungen des ihm unterstellten Thrakers vor seinen Vorgesetzten verborgen zu halten. In manchen Abteilungen der römischen Armee herrschte die Ansicht, dass ein Mann, der seine Befehle nicht einmal quer über ein komplettes Schlachtfeld brüllen konnte, eine Belastung sowohl für sich selbst als auch für die Truppe wäre. Zwar teilte Valerius diese Ansicht nicht unbedingt, aber er wollte auch niemandem einen Vorwand liefern, um Longinus aus den Plänen für den Angriff wieder auszustreichen. Angesichts der ungewissen politischen Wirren in der Festung war es nämlich nur allzu wahrscheinlich, dass im Zweifelsfall Valerius’ kompletter Flügel hätte zurückbleiben müssen, um Longinus quasi Gesellschaft zu leisten.
Longinus waren diese Umstände genauso klar wie jedem anderen. Er schüttelte den Kopf. »Ich will dein Pferd aber nicht. Es ist nur so, dass ich als dein Standartenträger dich nicht eher tot sehen möchte, als es unbedingt sein muss.« Der Kavallerieumhang des Thrakers schmiegte sich in nassen Falten um den Rumpf seines Pferdes, und sein vom Regen dunkel gewordenes Haar schlängelte sich unter seinem Helm hervor. Selbst im Nieselregen jedoch besaßen Longinus’ Augen noch immer den Ausdruck eines Falken, und genau diese Schärfe in seinem Blick war es, die ihn von seinen Kampfgenossen abhob.
Vor Longinus’ Verstand hatte Valerius den größten Respekt. »Aber warum sollte ich denn sterben müssen?«, fragte er. »Ist es wegen des Mondes, oder gibt es da noch irgendetwas anderes?«
»Ich weiß nicht. Ich kann diese Dinge nicht auf die Art sehen, wie du sie erkennst. Ich weiß nur, dass da etwas auf dich zukommt, was noch viel gefährlicher ist als die bevorstehende Schlacht. Sobald ich es selbst weiß, werde ich dir sagen, was es ist. In der Zwischenzeit, denke ich, solltest du dein Pferd nehmen und irgendwo einem langen, scharfen Galopp unterziehen. Du bist genauso verkrampft wie dein Tier, und das verunsichert die Männer. Sie haben Angst, dass du, sobald wir die Festung erreichen, deine Anspannung an ihnen auslässt.«
»Die lasse ich sogar noch eher an ihnen aus, wenn ich bloß irgendetwas finde, mit dem ich sie beschäftigen kann. Das kannst du ihnen ausrichten. Ich werde ihnen schon noch etwas geben, worüber sie sich den Kopf zerbrechen können - und damit meine ich nicht den Mond.«
»Das brauche ich ihnen nicht mehr zu sagen, schließlich haben sie alle Ohren. Sie haben es gehört.«
»Gut so.«
 
Noch immer blieben die Berge in weiter Ferne, und die Männer durchwanderten mittlerweile einen etwas freundlicheren Landstrich, der dicht an ein bewaldetes Gebiet anschloss. Die zentralen Gebiete der Provinz waren von den Kriegen im Osten und im Westen unberührt geblieben, und selbst unter dem Regenschleier war die dieser Landschaft innewohnende Fruchtbarkeit unübersehbar. Rechts und links des Weges, den die römischen Soldaten entlangmarschierten, schnitten die Männer und Frauen der Catuvellauner die in langen Feldern angepflanzten Bohnen. Etwas davon entfernt grasten Mutterschafe mit ihren Lämmern, die von ein paar Heranwachsenden mit Ruten bewacht wurden. Daneben kämpften in großen Gehegen einige gerade der Muttermilch entwöhnte Jungbullen wahllos gegeneinander an; andere beobachteten die Kämpfer unter dem Schutz jener alten Birken und Eichen, die noch nicht der Axt zum Opfer gefallen waren. Hoch über den Feldern, auf denen gebündelt in glänzenden Garben das Korn stand und schmutzige Kinder gemeinsam mit ihren Hunden Jagd auf die in den Garben nistenden Ratten machten, zogen Bussarde ihre Kreise.
Allein die jüngeren Kinder zollten der Kolonne bewaffneter Männer, die durch ihr Land marschierte, noch eine gewisse Aufmerksamkeit. Zuerst, als die ersten Hundertschaften der Kohorte an ihnen vorüberzogen, waren sie noch bis an die Ränder der Felder gerannt, um die Männer von dort aus genau zu mustern. Die mutigsten der Kinder waren dann neben den Soldaten hergelaufen und hatten ihnen kleine Portionen von in Malz gegorenem Weizen angeboten oder Streifen von geräuchertem Fleisch - im Tausch gegen eine Münze oder eine kleine Schnitzerei. Später, als der Morgen voranschritt und die Schlange bewaffneter Männer noch immer nicht abriss, begannen sich die Kinder allmählich zu langweilen und wandten sich schließlich wieder ihren Ratten zu. Die boten eine kurzweiligere und zuverlässigere Unterhaltung. Erst als die Kavallerie an ihnen vorüberritt, wandten sie sich wieder um, stießen sich gegenseitig in die Rippen und stellten die unmöglichsten Wetten auf, welches der Pferde wohl am schnellsten sei oder die beste Zuchtstute abgeben würde.
Als Letzter der Letzten kam Valerius angeritten; er stellte quasi den zweiten Kopf der Schlange dar und bildete die Nachhut. Die Kinder rückten langsam auch in sein Gesichtsfeld, und dann spürte er, wie sich ihre Blicke sogleich auf seinen Schecken richteten, hörte, wie ihr Geflüster eine andere Tonlage annahm. In diesem Augenblick wurde Valerius sich mit der mittlerweile nur allzu vertrauten, aber nicht näher zu bezeichnenden Mischung aus Verärgerung und Trotz bewusst, dass man ihn hier nun schon genauso schnell erkannte wie im Osten; folglich würde es im Westen auch nicht mehr viel anders sein. Krähe spürte, wie sich Valerius’ Anspannung über die Zügel übertrug, und biss im Gegenzug fest auf die Trense - wenn Valerius wollte, so könnte er sich nun ganz in dem Machtkampf gegen sein Pferd verlieren.
»Sollten wir jemals das Schlachtfeld erreichen, werden die Speerwerfer aus den Bergen dich dort bereits erwarten.«
Longinus ritt eine Stute, die mindestens den gleichen Bekanntheitsgrad hätte besitzen sollen wie Valerius’ Tier, doch da sie von kastanienbrauner Färbung war und wesentlich unauffälliger gemustert, erregte sie kaum Aufmerksamkeit.
»Dann ist das also die Quelle deiner bösen Vorahnungen - dass sie mich erkennen könnten?«
»Das sollte sie wohl sein. Gleich zu Beginn werden sie ihre Träumer dazu anhalten, dir ihr Zeichen aufzubrennen, und dann die Speerwerfer auf dich ansetzen. Aber, nein, da ist noch etwas anderes. Sobald ich weiß, was es ist, werde ich es dir sagen. In der Zwischenzeit sehe ich da vorn einen Fluss, der rasch genug daherfließt, um das Schwimmen zu einer kleinen Anstrengung werden zu lassen. Wenn du den Männern also eine Aufgabe geben willst, könnte sie das sicherlich eine Weile beschäftigen.«
Schon immer hatte Longinus wie ein Offizier gedacht. Valerius grinste. »Wenn ich ihnen jetzt befehle, dass sie den Fluss durchqueren sollen, denken sie doch, dass das meine Idee gewesen wäre.«
»Hätten sie denn damit so Unrecht?«
»Nein. Wie wäre es also mit einer Wette, dass Axeto, noch bevor er das gegenüberliegende Ufer erreicht hat, mal wieder die Kontrolle über sein Pferd verliert?«
»Lieber nicht, denn das steht sowieso schon fest. Aber ich gebe dir heute Abend den ersten Krug Wein aus, dass er, noch ehe der Letzte von den anderen das Land erreicht hat, wieder auf sein Pferd gestiegen ist, und dass er diesmal nicht sein Schwert an den Flussgott verliert.«
»Abgemacht.«
Alle acht Kampanien des linken Kavallerieflügels waren Valerius unterstellt. Die ersten sieben Abteilungen ritten in einer Reihe hintereinander parallel zur Infanterie; allein Valerius’ Schwadron ritt gemeinsam mit ihm am Ende der Kolonne. Valerius’ Leibgarde hasste ihn und liebte ihn zugleich, und sie alle hatten bereits den Fluss erblickt, hatten ihn gerochen, und als Valerius den Befehl zum Schwimmen erteilte, war dieser für sie keine Überraschung mehr.
Diese Anstrengung allerdings war allein der Kavallerie auferlegt worden. Die Infanterie überquerte das Wasser trockenen Fußes auf einer der beiden Brücken, die der Bautrupp der Zwanzigsten errichtet hatte, als die Legionen zum ersten Mal in Richtung Westen gezogen waren. Auch die zweite Hälfte von Valerius’ Kavallerieflügel, die Quinta Gallorum, war der Spitze des Feldes zugeteilt worden, so dass auch sie ihre Pferde schon lange warm und trocken ans andere Ufer geführt hatten. Höchstwahrscheinlich hatten sie sogar schon die Festung erreicht, sich dort bereits eingerichtet und es sich gemütlich gemacht - mangels eines Befehls von Valerius hatte sich ihr Dekurio nämlich nicht genötigt gesehen, sie zum Schwimmen zu verdonnern.
Die ersten zweiunddreißig Männer der vordersten Truppe, die unter einem Dekurio ausgebildet worden waren, der seine eigene Ausbildung noch gemeinsam mit den Batavern am Rhein genossen hatte, stiegen also von ihren Pferden, knoteten ihre Helme noch etwas fester um den Kopf, schlangen einige Lederriemen zu einer komplizierten, aber auch in nassem Zustand noch problemlos zu lösenden Schlaufe, und befestigten damit schließlich die Schwerter an ihren Gürteln. Zu viert ließen sie sich in das Wasser hinab, fluchten sogleich lästerlich über die Kälte, dann über die kräftige Strömung und schließlich, als sie Seite an Seite und in einer ordentlichen Reihe am anderen Ufer an Land kletterten, wieder über die Kälte. Die Rufe der Infanteristen aber, die vom Flussufer aus zuschauten, wurden mit der Zeit weniger spöttisch.
Die Nachhut der Truppe bildeten Longinus und Valerius. Sie schwammen als Letzte und beschrieben in der Mitte des Stroms langsam sogar noch einen Kreis; schließlich waren sie Offiziere und mussten daher eine noch größere Leistung erbringen als ihre Männer. In dem Fluss aber war brauner Schlamm aufgewirbelt worden, und die Strömung besaß einige Kraft. Gierig zerrte sie an den Waffen der beiden Männer, an ihren Armen und Beinen und der Rüstung. Zu Beginn hatten sie beim Schwimmen noch fest die Zügel ihrer Pferde gepackt, ließen sie dann aber los, um zu zeigen, dass sie auch diese Aufgabe noch beherrschten. Endlich kletterten auch Valerius und Longinus ans trockene Land, doch der Wind, der eigentlich recht milde war, schnitt messerscharf durch die nasse Wolle bis auf die Haut.
»Wir hätten Wein mitbringen sollen«, meinte Valerius.
»Ich habe Wein mitgebracht, aber nicht genug für die ganze Truppe. Doch wie auch immer, du schuldest mir jetzt einen Krug. Axeto hat sein Schwert nämlich nicht verloren.«
»Und noch ehe wir bei der Festung angelangt sind, wirst du deinen Gewinn schon wieder verloren haben. In der Zwischenzeit sollten die Pferde jedoch einmal ordentlich galoppieren. Reite mit der einen Hälfte der Männer eine Meile voraus, dann dreht ihr um. Wenn ihr zurück seid, reite ich mit den anderen los.«
 
Irgendwann, nachdem der Mond verblasst war und an seiner Stelle die Sonne tief an dem verwaschenen Himmel über den Bergen hing, hörte auch der Sprühregen auf. Die zerrissenen Wolken über den zerklüfteten Gipfeln schienen geradezu Feuer zu fangen. Ihre Farbe wechselte von safrangelb zu scharlachrot und ging dort, wo am äußersten Rand des Horizonts noch immer die Regenwolken schwebten, schließlich in ein blutiges Purpur über. Als auch die Kavallerie endlich die Festung der Zwanzigsten erreichte - die westliche Basis von Valerius’ Legion - verwandelte sich die oberste Wolkenschicht von lila in ein farbloses Grau.
Diese Festung war kein Nachtlager, das sich die Soldaten aus Grassoden und einigen mitgebrachten Holzsprossen selbst errichtet hatten, und auch kein einfacher Grenzposten, der lediglich so lange zu halten brauchte, wie die Kampfsaison dauerte, sondern sie war eine geradezu uneinnehmbare Burg aus Stein und Holz, erbaut von den gleichen Pionieren, die die ursprüngliche Festung von Camulodunum errichtet hatten.
Genau wie dort auch war hinter den eichenen Palisaden dieser neuen Festung eine recht geschäftige Siedlung entstanden. Zu beiden Seiten der von Osten bis zu dem von steinernen Löwen bewachten Tor der porta praetoria verlaufenden Straße hatten Händler ihre kleinen Hütten aufgereiht, und selbst hinter diesem Mittelpunkt der Festungsanlage und in den Seitengassen standen noch kleine Buden. An den Rändern der Anlage befanden sich die Verschläge für das Vieh und einige umzäunte Pferche, in denen die Tiere der Kaufleute grasten und ihren Unterschlupf fanden. Ganz außen erstreckten sich einige größere Koppeln, in denen die Zuchtkühe und die Zuchtbullen eingepfercht worden waren.
Genau jenen Koppeln näherte sich nun Valerius, und noch ehe er sie sehen konnte, hörte er bereits die Gruppe von Männern, die sich dort über die bröckelige Steinmauer beugte, die das östlichste aller zur Festung gehörenden Felder umgab. Als er näher heranritt, konnte er schließlich auch das rote Haar und den Armschmuck der Gallischen Kavallerie erkennen. Zudem trugen sie alle die gleichen rostbraunen Tuniken, auf deren linken Ärmel der Steinbock und das Auge des Horus gestickt worden waren. Corvus’ Männer, die ganz an der Spitze von Valerius’ Kolonne ritten, waren schon lange angekommen, hatten ihre Pferde versorgt, die neuen Befehle entgegengenommen und waren in einer Parade vor dem Statthalter und dem Legat der Zwanzigsten entlangmarschiert, bis auch sie endlich für den heutigen Tag aus ihrer Pflicht entlassen worden waren. Sie hatten gegessen und getrunken und dann - weil sie am nächsten Morgen nicht in den Kampf reiten mussten -, noch etwas mehr getrunken, bis irgendeiner von ihnen eine Wette aufstellte. Diese Wette war überaus verlockend und versprach vielleicht sogar noch mehr Wein, womöglich auch ein paar kleine Grausamkeiten und eine Frau oder einen Jungen oder ein fügsames Schaf. In jedem Fall waren die Gallier nicht für ihre Mäßigkeit berühmt, geschweige denn für ihre Fähigkeit, sich in betrunkenem Zustand keinen Ärger einzuhandeln.
»Das ist es.« Longinus dirigierte seine kastanienbraune Stute dicht an Valerius’ Pferd heran. Sie scheute ein wenig bei dem Lärm, der von der Koppel herüberschallte, und kaute nervös auf ihrem Zaumzeug. Wie jedes andere der Kavalleriepferde, kannte auch sie den Geruch des Krieges und sehnte sich danach.
»Das Unglück, das du vorausgeahnt hast?«
»Ja. Wir sollten schnurstracks vorbeireiten.«
In der Tat, sie hätten vorüberreiten sollen, und doch wussten beide, dass sie genau das eben nicht tun würden. Valerius hatte bereits das hohe nasale Gejaule von Umbricius’ gehört, jenem Mann, der in der Zeit, als sie beide unter Corvus in der Gallischen Kavallerie gedient hatten, Regimentsschreiber gewesen war. Umbricius hasste seinen ehemaligen Quartiergenossen genauso, wie auch Valerius ihn verabscheute. Außerdem hatte seit der Schlacht gegen die Eceni eine schwere Verbitterung von dem Mann Besitz ergriffen: Er nahm es sich selbst und Valerius irgendwie übel, dass sie beide überlebt hatten, während die Mehrheit ihrer Truppe damals den Tod gefunden hatte. Zudem hatte Umbricius dann noch beobachten müssen, wie Valerius in den Reihen der Thrakischen Kavallerie immer höher aufgestiegen war, während er selbst Regimentsschreiber blieb. Auch war es Umbricius gewesen, der während ihrer Exerzierübungen die Schildkante gegen Longinus’ Kehle gerammt hatte. Dies war ebenso ein Angriff gegen den Thraker gewesen wie gegen Valerius. Die Auspeitschung, die Valerius daraufhin als Bestrafung angeordnet hatte, hatte einen ebenso persönlichen Hintergrund gehabt.
Allein Umbricius’ Anwesenheit hätte Valerius’ schon angelockt, doch darüber hinaus hörte er noch das schmerzgepeinigte Brüllen eines Stieres. Der Stier war der Bote des Gottes auf Erden, ihn durfte man also nicht einfach ignorieren. Und dann war da ein Hund. Er bellte mit einer Stimme, die sich wie geschmolzenes Eisen über den Kies zu ergießen schien. Der Hund musste recht groß sein und ein Rüde, und Valerius wäre jede Wette eingegangen, sogar mit Longinus, dass er den Hund zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte. Im Geiste wettete er nun mit sich selbst, dass der Hund gescheckt sein würde und ein weißes Ohr hätte. Ein weißes linkes Ohr. In den Tagen vor einer Schlacht, die so groß war wie die unmittelbar bevorstehende, konnte er die Geister, die ihn verfolgten, zu sich rufen, ohne dabei Angst vor ihnen zu verspüren. Wie ein Mann, der unter Höhenangst litt und sich am Rande einer steilen Klippe befand, rief jetzt auch Valerius seine Peiniger zu sich, ganz bewusst, beobachtete das Aufsteigen und Abflauen seiner Angst, die sich diesmal noch in kontrollierbaren Grenzen hielt.
Longinus war bereits ein oder zwei Schritte vorausgeritten. »Sie veranstalten eine Bullenhatz«, stellte er fest.
»Ganz offensichtlich. Die Frage ist nur, was für eine Sorte von Bulle und womit sie ihn hetzen. Und noch wichtiger: Gewinnt der Bulle? Wenn die Chance besteht, dass er Umbricius mit seinen Hörnern durchbohrt, setzten wir nur kurz Geld auf den Bullen und verschwinden dann wieder.«
»Er ist aber noch zu jung, um zu siegen. Umbricius wird ihn töten. Allerdings nicht sofort.« Plötzlich ließ der Thraker sein Pferd auf den Hinterhufen herumwirbeln. »Julius, es ist ein roter Jungstier. Kein weißer. Du solltest dich hier besser nicht aufhalten.«
In der Vergangenheit hatte man Longinus bereits aufgefordert, den Reihen der Stier-Anbeter beizutreten, er hatte jedoch höflich abgelehnt; seine thrakischen Götter waren durch nichts zu ersetzen. Longinus’ Wissen über Mithras stammte somit nur vom Hörensagen, und niemals hatte er Valerius um eine Bestätigung oder Berichtigung der diversen Gerüchte um diesen Gott gebeten. Das Brandmal des Raben aber kannte er bereits gut und auch die anderen Abzeichen, die später hinzugekommen waren, als Valerius aufgestiegen war, doch niemals hatte Longinus nach dem Ursprung der Zeichen gefragt oder nach ihrer Bedeutung.
»Er muss nicht weiß sein, um von den Göttern zu stammen. Das ist bloß eine Legende.«
Am Tor der Koppel hatte sich mittlerweile eine ganze Horde von Männern versammelt. Sie alle waren Gallier, und mit mindestens einem Drittel von ihnen hatte Valerius seine Ausbildung am Rhein absolviert und Seite an Seite in der Invasionsschlacht gekämpft. Diejenigen, die zusammen begonnen hatten, hassten den Gedanken, sich später trennen zu müssen, und sonderten sich von den neu Hinzugekommenen ab, die jene ersetzten, die in den Gefechten umgekommen waren. Valerius, den sie einst voller Zuneigung als ihr Maskottchen betrachtet hatten, sahen sie nun als einen Verräter an, denn er hatte sich in höhere Ränge hinaufgearbeitet.
Valerius drängte sein Pferd vorwärts und durch die Menge der Zuschauer hindurch, und nur mürrisch machten ihm die Gallier Platz. In dem Augenblick, als er das Gatter erreichte, ertönte ein helles Sirren in seinen Ohren, wie das Summen eines ausschwärmenden Drohnenschwarms. In Valerius’ Kopf baute sich langsam ein starker Druck auf, und auch sein Brandmal hämmerte plötzlich auf eine Art, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Er hatte das Gefühl, angegriffen zu werden, und blickte sich suchend nach der Quelle um. Er befand sich schließlich im Land der Träumer und hatte sich doch nicht dagegen gewappnet, denn er wusste einfach nicht, wie. Er sah jedoch nichts und niemanden, während das Heulen immer lauter wurde und ganz offensichtlich nur in seinem Kopf existierte. Vorn im Pferch wühlte der Stier derweil mit den Hörnern die Erde auf und hob dann den Blick, um Valerius anzusehen. Das Heulen ging in ein Pfeifen über, das leiser und leiser wurde, bis es schließlich wieder zurückkehrte. Endlich wurde Valerius bewusst, dass dies genau der Augenblick war, um den er in den vergangenen Jahren gebetet hatte, den er aber noch nie hatte erleben dürfen: Sein Gott zeigte sich ihm.
Valerius betete also. Er wusste einfach nicht, was er sonst hätte tun sollen, und der Stier nahm sein Gebet an und verwandelte es in eine göttliche Kraft. Ungeschickt versuchte Valerius, sich das Gefühl dieses Moments tief ins Gedächtnis einzuprägen.
Dann rief ihm Umbricius herausfordernd etwas zu, und der kostbare Augenblick verblasste mit Übelkeit erregender Schnelligkeit. Von der westlichen Ecke des Feldes ertönte das Jaulen eines jungen Hundes, der der Hysterie nahe war. Von seinem Platz am Gatter konnte Valerius nun erkennen, dass dieser Hund weder gescheckt war noch mehrfarbig und auch kein weißes Ohr hatte. Sein Fell war vielmehr von dem schimmernden Blauschwarz frisch geschlagenen Schiefers, und seine Ohren hatten die runde Form jenes Rüden, der in den Altar an der Wand des Mithraeums eingeschnitzt war, das sich unter dem Haus des ersten Dekurio in Camulodunum verbarg. Der Hund auf dem Altar trank das Blut des abgeschlachteten Stieres. Nun tat der gleiche Hund auf dem Feld vor der Festung der Zwanzigsten Legion im bergigen Land der Cornovii gerade sein Bestes, um das Blut eines gallischen Regimentsschreibers zu trinken oder um es zumindest zu vergießen.
Umbricius kauerte in der Hocke, den Rücken dem Tor zugewandt, von wo aus er ein paar Schritte in die Koppel hineingegangen war. Der Pferch war nur klein, und ursprünglich hatte man ihn für die besten Tiere des Jungbullenbestandes abgesondert: jene Tiere, die schon zu alt waren, um noch in größeren Gruppen gehalten zu werden, ohne gegeneinander zu kämpfen, aber doch noch zu jung, um den Kampf mit den bereits ausgezeichneten Zuchtstieren um das Recht, die Kühe zu begatten und die Stammväter der Jungtiere der nächsten Saison zu werden, aufnehmen zu können. Eine bröckelige Steinmauer umgab das kreisförmige Gehege. Eichen mit Stämmen, so dick, dass noch nicht einmal drei Männer sie mit ihren Armen umfassen konnten, warfen ihren Schatten darüber, und zwischen ihnen wuchsen in verschlungenen Ranken Heckenrosen, von denen wächsern glänzende Hagebutten hingen, so hell leuchtend wie das vergossene Blut des Opfertieres.
Das Fell des jungen Stieres, der Umbricius gegenüberstand, war von dunklerem Rot als die Hagebutten und an den Schultern und am Rumpf mit weißen Flecken durchsetzt. Es war ein stolzes Tier, und man konnte leicht erkennen, warum es ausgesondert worden war: um heil und in einem Stück zu bleiben und nicht mit dem Rest geschlachtet, zerteilt und eingepökelt zu werden, damit die Legionen auch im Winter ihr Fleisch bekamen. Seine Hörner beschrieben einen weit ausholenden Bogen nach vorn, und ihre Spitzen waren ganz sauber. Der Stier, oder derjenige, der ihn versorgte, hatte offenbar darauf geachtet, dass sich an seinen Hörnerspitzen keine Haare oder Schlamm und alte Blätter gesammelt hatten. Er brüllte laut, und seine Stimme war die des Gottes, der aus dem Himmel hinab zu den Menschen sprach. Ein Mann, der dieses Brüllen zu deuten wusste, konnte sich die ganze Welt untertan machen.
Valerius aber hatte keinerlei Vorstellung, was es bedeuten könnte.
Links von Valerius befand sich Longinus, und seine Götter sprachen mit anderen Stimmen als der eines Stieres. »Wenn Umbricius nicht bald von hier verschwindet, wird sich der Hund noch von dem Jungen losreißen. Und wenn er einen Offizier der Hilfstruppe totbeißt, werden sie sowohl den Hund töten als auch den Jungen aufhängen. Das aber ist Umbricius nicht wert.« Noch niemals hatten Valerius und Longinus über Hunde gesprochen und welchen Stellenwert sie bereits in der Vergangenheit beider Männer gehabt haben mochten; doch das war auch nicht nötig gewesen. Selbst in diesem Moment brauchten sie kein weiteres Wort darüber zu verlieren, um einander trotzdem zu verstehen.
Valerius hob eine Hand, um seine Augen vor der tief stehenden Sonne zu schützen. Der Hund wurde von einem Jugendlichen festgehalten, den Valerius völlig übersehen hatte, als er das erste Mal hingeschaut hatte. Aber es war auch kein sonderlich hervorstechender Junge. Er hatte dunkles Haar und war von durchschnittlicher Gestalt und Größe. Nichts schien ihn mit Valerius’ Gott zu verbinden, außer, dass er auf seinem linken Bein kniete und die Arme um den Rüden geschlungen hatte.
Irgendetwas Metallenes blitzte durch die Luft. Der Stier schreckte zurück und stieß abermals einen dumpfen Schrei aus. Der Hund jaulte auf. Der Junge rief irgendetwas in der Sprache der Cornovii. Von allen Stämmen verehrten allein sie noch vor der Mutter Erde den gehörnten Gott. Der Blick des Jungen traf auf Valerius’ und bat ihn stumm um Hilfe. Unzählige andere in den Dörfern der Trinovanter hatten Valerius schon auf die gleiche Art angefleht, doch er hatte sie alle ignoriert, hatte ihre Schwestern niedergemetzelt und die Bettelnden, ob sie ihn nun laut anriefen oder nur im Stillen anflehten, gehängt. Damals war nicht der Atem seines Gottes in seinen Ohren ertönt, und es war auch kein Bulle da gewesen, vor dem er den Blick gesenkt hatte.
Für seinen Gott, nicht für den dunkelhaarigen Jungen oder seinen Hund, trieb Valerius nun sein Pferd noch näher an das Tor heran und rief: »Umbricius, lass den Bullen in Frieden!«
Der Gallier war zweifach bewaffnet. In jeder seiner Hände blitzte ein kurzes Wurfmesser. Er war der Sohn eines Fischers, und wo andere Männer selbst mit dem richtigen Messer, dem richtigen Abstand und genügend Übung ein Ziel anvisieren konnten und doch nur dann und wann trafen, konnte Umbricius jedes beliebige Messer schleudern und traf sein Ziel stets mit nicht mehr als höchstens einer Fingerbreite Abweichung. Von einem Gürtel, den er sich über die Schulter geworfen hatte, hingen noch drei weitere kurze, breite Klingen hinab. Es war bekannt, dass Umbricius immer neun Messer bei sich trug; neun, die Zahl des Glücks. Von den verbleibenden vier lagen drei auf dem Gras um den Bullen herum verteilt. Das letzte Messer, welches er geworfen hatte, ragte zitternd aus einer der kräftigen Schultern des Tieres heraus.
»Umbricius, lass es sein! Das ist ein Befehl!«
Umbricius jedoch ignorierte Valerius.
Das Gatter war geschlossen worden, und es war nicht genügend Platz, als dass Valerius’ Schecke hätte darüber hinwegspringen können. Die Gallier drängten sich noch dichter zusammen, und keiner von ihnen rührte sich, um den Thrakern Platz zu machen. Irgendwo im Hintergrund hatte sich zwar bereits Valerius’ Truppe versammelt, aber sie waren zu wenige und zu weit entfernt, und ohnehin hätte sich niemand von ihnen bis zum Pferchgatter vordrängen können. Valerius und Longinus befanden sich also ganz allein inmitten vieler Gallier.
»Hol Corvus«, sagte Valerius auf Thrakisch und ohne sich umzublicken. Der Heulen in seinen Ohren übertönte sogar seine eigene Stimme.
»Ich lasse dich hier nicht allein«, widersprach Longinus.
»Doch, das wirst du. Ich befehle es dir. Wenn du dich darüber hinwegsetzt, werde ich dich gemeinsam mit dem Gallier auspeitschen lassen. Also tu es.«
Für die Länge eines Atemzuges trat Schweigen ein, Raum, in dem Entsetzen und Reue aufflackerten und das Wissen, dass es Valerius nun, unter diesen Zeugen, unmöglich war, seine Androhung wieder zurückzuziehen. Auf Thrakisch sagte Valerius noch einmal: »Geh einfach. Bitte.«
Longinus salutierte steif, und seine kastanienbraune Stute bewegte sich von dem Gatter fort. Die Gallier waren wesentlich bereitwilliger, die Stute nun ziehen zu lassen, als sie sie zunächst in ihre Reihen gelassen hatten.
Valerius dirigierte sein Krähen-Pferd seitwärts zum Pferchtor. »Umbricius, wenn ich jetzt erst noch reinkommen muss, um dich da rauszuholen, wirst du das bitterer bereuen als alles andere in deinem Leben.«
»Der Bulle gehört mir. Der Junge hat mich beleidigt.«
Plötzlich stellte Valerius fest, dass er den Jungen mochte. Er hob seine Stimme, um sie noch weiter hallen zu lassen. »Wie das? Hast du versucht, ihn dir zu nehmen, und er hat sich geweigert? Jeder normaler Mensch mit Augen im Kopf würde dich doch abweisen. Dafür, dass er ein solch hohes Maß an gesundem Menschenverstand bewiesen hat, sollte man ihm einen halben Jahressold im Voraus geben und ihm einen Platz im Flügel unserer Kavallerie anbieten.«
Aus dem dicht zusammengedrängten Haufen ertönte vereinzeltes Gelächter. Umbricius errötete, ließ sich ansonsten jedoch nichts anmerken. »Ich habe nicht…«
»Ach, wirklich? Dann also der Bulle? Ich glaube aber, selbst wenn du ihm nun die Augen ausstichst, wird er nicht williger. Sieh den Tatsachen ins Gesicht. Du wirst die heutige Nacht allein verbringen und auch alle anderen Nächte, die auf die heutige folgen werden, außer, wenn einer von Caratacus’ Speeren endlich den Panzer von getrockneter Ziegenscheiße trifft, der dein Herz umgibt, und ihn aufbricht. Und nun verschwinde da aus dem Pferch. Wenn du jetzt gehst, solange Longinus noch unterwegs ist, braucht keiner zu erfahren, dass du dir reichlich Zeit gelassen hast, bis du einem Befehl nachgekommen bist.«
Das hatte Valerius besonders im Hinblick auf die umstehenden Männer gesagt, denn nicht alle hielten zu Umbricius; darüber hinaus war es auch Valerius gewesen, der die Pferde über die Barriere bei der Lachsfalle hinweggelotst hatte und ihnen allen damit das Leben gerettet hatte. Ganz bewusst hatte Valerius mit seiner Ansprache also versucht, den Soldaten ein wenig Zeit zu geben, um sich daran zu erinnern und um zu der Überzeugung zu gelangen, dass sie sich Valerius lieber nicht zum Feind machen wollten. Sie grinsten und drängten sich, als Valerius sich vom Rücken seines Pferdes schwang, nicht mehr ganz so dicht zusammen. Mit einem eleganten Sprung setzte Valerius über das Gatter hinweg. Man applaudierte ihm. Der Hund fing sofort an, ihn anzukläffen, und der Bulle wühlte mit seinen Hörnern das Gras auf. Valerius sandte ein Stoßgebet zu seinem Gott hinauf, dass das Tier begreifen würde, dass er ihm helfen wollte und nicht etwa beabsichtigte, es noch schlimmer zu verletzen.
Sein Einschreiten veränderte das Kräftegleichgewicht auf dem Feld. Zuvor hätte Umbricius noch mit Leichtigkeit zum Gatter rennen und sich in Sicherheit bringen können, wenn der Bulle ihn angegriffen hätte. Nun aber, da Valerius diesen Ausweg versperrte, war Umbricius gefangen zwischen zwei Feinden, die ihn beide nur allzu gern töten wollten - wenn man den Hund noch mitrechnete, waren es sogar drei.
Doch wie sehr man Umbricius auch hassen mochte, Feigheit konnte man ihm nicht nachsagen. Er grinste, zog zwei weitere Messer aus seinem Gürtel heraus und ließ diese nun blitzend herumwirbeln. Auch ihm wurde applaudiert.
Während Umbricius kunstvoll mit den Messern jonglierte, trat er einen Schritt zurück und sagte: »Was meinst du - angenommen, der Bulle tötet dich, dezimieren sie dann die Einheimischen?«
»Möglicherweise. Aber erst, nachdem sie dich erhängt haben.« Das Summen in Valerius’ Ohren machte es ihm sehr mühsam, klar zu denken. Noch schwieriger war es für ihn, sich an den genauen Wortlaut einer Sprache zu erinnern, die er schon sein halbes Leben lang nicht mehr regelmäßig gesprochen hatte und die er am liebsten ganz vergessen hätte. Valerius versuchte es, tastete förmlich nach den Worten und sagte dann im Dialekt der Träumer, den man in allen Stämmen verstand: »Nimm deinen Hund und verschwinde. Ich werde den Gehörnten schützen.«
Valerius spürte den durchbohrenden Blick des Jungen. Die Cornovii verehrten den Gott in Gestalt eines Hirsches, nicht in der eines Stieres, doch hatten sie sicherlich auch schon einmal von Mithras gehört, und mit etwas Glück glaubte der Junge Valerius, dem plötzlich noch mehr Worte einfielen: »Verschwinde jetzt. Wenn du den Hund noch länger hier behältst, ist er in Gefahr. Wenn er dir lieb ist, musst du ihn sofort in Sicherheit bringen.«
Obwohl sein eigener Stolz ihn vielleicht dazu verleiten mochte, im Angesicht der Gefahr zu verharren - dem Wohlergehen seines Hundes zuliebe konnte er ihn doch überwinden. Ganz vage nahm Valerius wahr, wie der Junge seinen Hund noch etwas dichter an sich zog und ihm etwas zuflüsterte. Daraufhin verstummte das ungeduldige Fiepen des Tieres, nicht jedoch das Summen in Valerius’ Ohren. Dieses Dröhnen in seinen Ohren hatte er erst einmal zuvor erlebt, und auch damals nur kurz, als er seinen Schecken beschworen hatte, ihn über die Barriere bei der Lachsfalle hinwegzutragen. Damals hatte Valerius gedacht, dass das Summen seinen nahe bevorstehenden Tod angekündigt und allein Glück und der schützende Einfluss seines Gottes dies von ihm abgewendet hatten. Jetzt betete er noch einmal um das gleiche Glück, oder dass sein Gott seine Seele, wenn er nun sterben sollte, sicher in seine Obhut aufnehmen würde. Am westlichen Ende des Pferches begann der Junge, sich langsam in Richtung Tor zu bewegen. Seinen Hund zog er mit sich.
Plötzlich wirbelte ein Messer in hohem Bogen durch die Luft und ritzte über die Stirn des Bullen. Das Tier brüllte auf und wirbelte zu Valerius herum, da dieser am dichtesten bei ihm stand. Hörner so lang wie der Arm eines Mannes bohrten sich in das Gras, schleuderten Grasklumpen bis zu den Baumkronen hinauf. Die Augen des Bullen waren von einem dunklen Walnussbraun und viel zu sanft für wahren Zorn. Das rotbraune Fell um seine Augen herum war schwarz verschmiert, so als ob eine der Offiziersfrauen dort in aller Eile etwas Schminke aufgetragen hätte und der Regen diese wieder hätte zerlaufen lassen. Dann senkte der Bulle seine Hörner abermals und ging auf Valerius los. Nun wirkte er ganz und gar nicht mehr sanftmütig, schien nur allzu deutlich Zorn zu empfinden.
Die Gegenwart schien sich zu teilen, und es entstanden zwei Welten zugleich: In der einen spielte sich alles mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit ab, in der anderen ging alles unendlich langsam, und in jeder dieser Welten begegnete Valerius seinem Tod und entkam ihm doch gleich wieder. In der langsameren der beiden Welten erkannte er die kleinen Besonderheiten dieses Augenblicks: den Wechsel in der Tonlage der Stimme seines Gottes, die noch immer in seinem Ohr hallte, und die nun eine tiefere Nuance annahm, etwas ruhiger erschien und einen geradezu lieblichen Auftakt zu seinem eigenen Tod bildete; die von den oberen Zweigen der Eichen plötzlich aufflatternden Krähen, wo Valerius doch zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte, dass ihn Vögel beobachteten; das helle Aufeinanderklirren der Waffen, als die ganz in Gedanken verlorenen Männer mit dem unerwarteten Auftreten eines Offiziers rasch wieder Haltung annahmen; den Klang von Corvus’ Stimme, wie dieser ihm etwas zurief.
»Bán! Im Namen aller Götter, komm da raus!«
Es war der falsche Name, und er war in der falschen Sprache gerufen worden, doch mit einer solch großen Sorge um ihn, wie Valerius sie schon seit mehr als vier Jahren nicht mehr gehört hatte. Der Schock aber zerrte die beiden Welten nun noch weiter auseinander.
Gleich darauf ertönte auch Longinus’ Stimme, doch auch sie konnte die entstandene Kluft nicht mehr überbrücken. »Julius! Du verdammter Idiot, hau ab da!«
Aber Valerius bewegte sich bereits. In der schnelleren der beiden Welten stürmte ein Bulle, den Mithras gesandt hatte, um ihn zu töten, mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes auf ihn zu. Nur deshalb, weil Valerius jahrelang auf dem Rücken eines Pferdes gekämpft hatte, das sich mit der Geschmeidigkeit einer Schlange zu bewegen verstand, konnte er sich nun reflexartig zur Seite werfen, auf den Boden, dort einmal um seine eigene Achse wirbeln und neben Umbricius wieder auf die Füße springen. Wie in den besten aller Schlachten, verlieh die Angst Valerius auch diesmal ein ganz besonderes Feuer, ließ ihn über sich selbst hinauswachsen. Mit seinem Schwert schon fest in den Händen, kam er wieder auf die Beine, und allein die Anwesenheit Corvus’ hielt ihn davon ab, mit der Klinge nun Umbricius zu durchbohren. Dies erkannte auch der Gallier, und seine Gesichtsfarbe wurde um eine Spur blasser. Valerius lachte. »Lauf zu den Bäumen hinüber. Ich wette mein Leben gegen deines, dass der Bulle schneller ist als wir beide.« Lediglich eine Speerwurflänge lag zwischen ihnen und der Rettung verheißenden Steinmauer. Diese Distanz zu bewältigen war nicht unmöglich, aber doch unwahrscheinlich. Umbricius rannte los. Valerius, der noch immer zwischen den beiden Welten gefangen schien, lief nicht, sondern wich nur langsam rückwärts.
Schon hatte der Bulle das Gatter erreicht. Wenn die Männer, die sich vor dem Tor versammelt hatten, sich ruhig verhalten oder dem Jungen Zeit gelassen hätten, das Tier zu erreichen, wäre der Bulle vielleicht stehen geblieben. Doch die Gallier hatten Angst und waren aufgeregt, und somit stachen sie auf den großen Kopf ein, hieben mit ihren Schwertspitzen und Messern auf das keuchende, rotbraune Tier ein, und der Gott, der doch kein Gott zu sein schien, wirbelte wieder zur Mitte des Pferches herum und griff Valerius abermals an.
Auch der Junge rannte, zerrte den blauschwarzen Hund am Nackenfell mit sich, doch dann stürzte er über eine Baumwurzel und ließ das Fell des Hundes los. Gefangen zwischen zwei Männern und einem von Zorn erfüllten Bullen sah der Hund nur, dass jener Mann, den er gerade so leidenschaftlich zu hassen begonnen hatte, davonlief, er ihn aber noch einholen konnte.
Im Pantheon der Geschöpfe des Gottes war nur der Hund noch schneller als der Bulle. Valerius sah, wie der Rüde in seine Richtung rannte, und wusste doch, dass nicht er das Ziel dieser Jagd war. In der langsameren Welt, in der sein Verstand plötzlich klar denken konnte, sah er den Tod des Galliers und den darauf folgenden, nur unendlich viel langsamer und qualvoller vonstatten gehenden Tod eines Hundes und eines dunkelhaarigen Jungen, der in der gleichen Haltung neben seinem Tier gekniet hatte wie der Gott auf dem Altar. Deshalb trat Valerius einen Schritt zur Seite und schnitt dem jagenden Hund mit einem raschen Schwerthieb die Kehle durch.
Der Bulle war nur einen Bruchteil langsamer als der Rüde und unterschied nicht zwischen dem einen Feind und dem anderen. In dem Augenblick, als der Hund starb, erkannte Valerius gerade noch, wie der Himmel sich von Violett in das Rot des Bullen verfärbte und schließlich schwarz wurde. Nun übernahm sein Gott die Herrschaft über Valerius. Ohne dass dies auch nur im Geringsten seinem eigenen Willen entsprungen wäre, presste Valerius sich flach und der Länge nach auf den Boden und rollte sich seitlich um seine eigene Achse, ganz so, wie ein Kind aus purer Freude sich im Winter einen verschneiten Hügel hinabrollen ließ.
Doch Valerius’ Gott füllte ihn nicht mit Freude aus, sondern lediglich mit einem brechenden Lichtstrahl und einem ganz eigenen, unbeschreiblichen Schmerz, der seinen Rücken auf der Höhe seines Brandmals von innen her auszubrennen schien. Ein letztes Mal angespornt durch die Kraft des Schmerzes, stemmte sich Valerius hoch, sprang auf und lief los. Dort wo gerade eben noch Gras und Bäume und das Schreien der Krähen gewesen waren, war nun eine Steinmauer, über die ein von seinem Gott erfüllter Mann ebenso leicht springen konnte, wie er sich etwa vor einer Schlacht auf sein Pferd schwang. Hinter ihm krachte der Bulle jetzt mit aller Gewalt gegen die Mauer und ließ ihr oberes Drittel einbrechen. Doch Valerius’ Gott bewahrte ihn davor, von den herabfallenden Steinen erschlagen zu werden. Er lag flach auf dem Rücken und spürte, wie ebenjener Gott ihn wieder verließ und seinen, Valerius’, Atem mit sich nahm. Vollkommen reglos lag er da und kämpfte angestrengt darum, einen klaren Blick zu behalten, als die Welt um ihn herum sich plötzlich zu einem Tunnel formte und dunkel wurde.
Longinus erreichte ihn als Erster, und grobe Hände packten ihn bei den Schultern. »Atme, verdammt noch mal!«, befahl eine raue Stimme, »Julius, atme!«
Eine andere, nun ganz und gar nicht mehr liebevoll klingende Stimme, widersprach. »Er kann nicht. Der Bulle hat ihn im Rücken getroffen. Wenn er Glück hat, hat es ihm nur die Luft verschlagen. Wenn nicht, hat er jetzt einen Rücken voller zerbrochener Rippen und wird nie wieder atmen. Lass mich ihn einmal untersuchen.«
Unter Corvus’ Obhut fiel Valerius in Ohnmacht.