XII
»Wir reiten aus, um Caratacus zu kriegen - tot
oder lebendig -, um seine Rebellen, die sich in den Bergen
verstecken, auszulöschen und endlich Frieden in den Westen zu
bringen.«
Mit diesen Worten richtete sich Scapula in der
großen Versammlungshalle des Prätoriums zu Camulodunum an die
fünftausend frisch ausgebildeten Soldaten der Infanterie und die
beiden Flügel der Kavallerie. Die neuen Rekruten wiederholten
Scapulas Worte, als sie ihren Marsch in Richtung Westen antraten,
und ersetzten die Verben schließlich durch ihre eigenen unflätigen
Wortschöpfungen. Dabei war Scapula ebenso das Ziel ihrer
Beschimpfungen wie jener Mann, gegen den sie nun zu Felde
zogen.
Auch Julius Valerius, Dekurio der ersten Schwadron
der Ersten Thrakischen Kavallerie, stellvertretender Kommandeur des
gesamten Flügels und zugleich befehlsführender Anführer jener
Hälfte seiner Männer, die gerade mit ihm aufbrach, hörte Scapulas
Worte wieder und wieder. Und wie jedesmal, wenn er in eine Schlacht
ritt, lösten sich seine albtraumhaften Peiniger förmlich in Luft
auf. Selbst dann, wenn es sich bei der Schlacht um einen Kampf
gegen Frauen und Kinder handelte, in einem Dorf, das aus kaum mehr
als drei Hütten bestand. Im Angesicht des wahren Krieges flohen die
Geister in weite Ferne. In diesen Zeiten schlief Valerius gut, aß
ausgiebig und trank aus reinem Vergnügen - nicht, weil er den Wein
brauchte. Gemeinsam mit ihm ritt Longinus Sdapeze, der sich
mittlerweile von seinen Kriegsverletzungen erholt hatte und zum
Standartenträger der Truppe befördert worden war. Der Mann war
intelligent und besonnen, und er verstand besser als irgendein
anderer Valerius’ unberechenbare Stimmungsschwankungen.
Wir reiten aus, um Caratacus zu töten. Caradoc.
Um ihn zu töten. Zu töten...
In diesem Augenblick war Valerius’ Leben geradezu
perfekt.
Am dritten Tag, nachdem sie Camulodunum verlassen
hatten, setzte der Regen ein. Leicht und ohne den damit
normalerweise einhergehenden Wind rieselte er in dünnen Fäden aus
dem wolkenverhangenen Himmel herunter; ein warmer, gleichmäßiger
Nieselregen. Er durchtränkte Haut und Haar, Leder und Wolle, und
ließ die bis auf die Baumwurzeln ausgetretenen Pfade nur noch
glitschiger werden. Jene Pfade, über die in den vergangenen acht
Jahren schon Tausende neuer Rekruten marschiert waren, um in den
wilden Bergen des Westens für Rom zu sterben.
Leider verhüllten die Wolken aber nicht den
abnehmenden Mond, der blass am östlichen Horizont schwebte. Für die
Thraker bedeutete er Unglück, und der Regen schien sie in ihrer
Ansicht nur noch zu bestärken. Im Schritttempo ritt Valerius seinen
Schecken durch den Schlamm und horchte auf das Gemurmel seiner
Männer; hörte, wie deren Überzeugung nur noch stärker wurde. Dann
erschien zu seiner Linken ein Pferd.
»Jemand sollte dem Statthalter sagen...«
»Nein.«
»Du weißt ja gar nicht, was ich gerade sagen
wollte«, entgegnete Longinus etwas verärgert.
Valerius lächelte säuerlich. »Ich weiß sogar genau,
was du gerade sagen wolltest. Du willst, dass ich Scapula darüber
informiere, dass seine Armee so lange im Nachtlager ausharren
sollte, bis der Mond verblasst - oder nach Camulodunum zurückkehren
und seinen Aufmarsch verschieben, bis wir Neumond haben und das
Licht dieser Dame dann allen Männern den sicheren Sieg sowohl im
Krieg als auch in der Liebe verspricht. Allerdings will mir nicht
so ganz in den Kopf, wie es in irgendjemandes Absicht stehen
könnte, dass dieses Glück auch Caradoc beschieden sein sollte. Und
darum sage ich dir jetzt mal etwas...« Damit wandte sich Valerius
im Sattel um. »Und zwar wirst du jetzt dem Statthalter etwas
ausrichten. Ich wette mein Pferd gegen deines, dass du mit deiner
lädierten Stimme keine drei Worte rausbringst, ehe Scapula dich
bereits wieder aus den Reihen entlässt und nach Hause schickt. Und
wenn er so einen richtig schlechten Tag hat, schickt er dir den
Rest von uns sogar noch als Eskorte hinterher.«
Valerius hatte einige Anstrengungen unternommen, um
das Ausmaß der Verletzungen des ihm unterstellten Thrakers vor
seinen Vorgesetzten verborgen zu halten. In manchen Abteilungen der
römischen Armee herrschte die Ansicht, dass ein Mann, der seine
Befehle nicht einmal quer über ein komplettes Schlachtfeld brüllen
konnte, eine Belastung sowohl für sich selbst als auch für die
Truppe wäre. Zwar teilte Valerius diese Ansicht nicht unbedingt,
aber er wollte auch niemandem einen Vorwand liefern, um Longinus
aus den Plänen für den Angriff wieder auszustreichen. Angesichts
der ungewissen politischen Wirren in der Festung war es nämlich nur
allzu wahrscheinlich, dass im Zweifelsfall Valerius’ kompletter
Flügel hätte zurückbleiben müssen, um Longinus quasi Gesellschaft
zu leisten.
Longinus waren diese Umstände genauso klar wie
jedem anderen. Er schüttelte den Kopf. »Ich will dein Pferd aber
nicht. Es ist nur so, dass ich als dein Standartenträger dich nicht
eher tot sehen möchte, als es unbedingt sein muss.« Der
Kavallerieumhang des Thrakers schmiegte sich in nassen Falten um
den Rumpf seines Pferdes, und sein vom Regen dunkel gewordenes Haar
schlängelte sich unter seinem Helm hervor. Selbst im Nieselregen
jedoch besaßen Longinus’ Augen noch immer den Ausdruck eines
Falken, und genau diese Schärfe in seinem Blick war es, die ihn von
seinen Kampfgenossen abhob.
Vor Longinus’ Verstand hatte Valerius den größten
Respekt. »Aber warum sollte ich denn sterben müssen?«, fragte er.
»Ist es wegen des Mondes, oder gibt es da noch irgendetwas
anderes?«
»Ich weiß nicht. Ich kann diese Dinge nicht auf die
Art sehen, wie du sie erkennst. Ich weiß nur, dass da etwas auf
dich zukommt, was noch viel gefährlicher ist als die bevorstehende
Schlacht. Sobald ich es selbst weiß, werde ich dir sagen, was es
ist. In der Zwischenzeit, denke ich, solltest du dein Pferd nehmen
und irgendwo einem langen, scharfen Galopp unterziehen. Du bist
genauso verkrampft wie dein Tier, und das verunsichert die Männer.
Sie haben Angst, dass du, sobald wir die Festung erreichen, deine
Anspannung an ihnen auslässt.«
»Die lasse ich sogar noch eher an ihnen aus, wenn
ich bloß irgendetwas finde, mit dem ich sie beschäftigen kann. Das
kannst du ihnen ausrichten. Ich werde ihnen schon noch etwas geben,
worüber sie sich den Kopf zerbrechen können - und damit meine ich
nicht den Mond.«
»Das brauche ich ihnen nicht mehr zu sagen,
schließlich haben sie alle Ohren. Sie haben es gehört.«
»Gut so.«
Noch immer blieben die Berge in weiter Ferne, und
die Männer durchwanderten mittlerweile einen etwas freundlicheren
Landstrich, der dicht an ein bewaldetes Gebiet anschloss. Die
zentralen Gebiete der Provinz waren von den Kriegen im Osten und im
Westen unberührt geblieben, und selbst unter dem Regenschleier war
die dieser Landschaft innewohnende Fruchtbarkeit unübersehbar.
Rechts und links des Weges, den die römischen Soldaten
entlangmarschierten, schnitten die Männer und Frauen der
Catuvellauner die in langen Feldern angepflanzten Bohnen. Etwas
davon entfernt grasten Mutterschafe mit ihren Lämmern, die von ein
paar Heranwachsenden mit Ruten bewacht wurden. Daneben kämpften in
großen Gehegen einige gerade der Muttermilch entwöhnte Jungbullen
wahllos gegeneinander an; andere beobachteten die Kämpfer unter dem
Schutz jener alten Birken und Eichen, die noch nicht der Axt zum
Opfer gefallen waren. Hoch über den Feldern, auf denen gebündelt in
glänzenden Garben das Korn stand und schmutzige Kinder gemeinsam
mit ihren Hunden Jagd auf die in den Garben nistenden Ratten
machten, zogen Bussarde ihre Kreise.
Allein die jüngeren Kinder zollten der Kolonne
bewaffneter Männer, die durch ihr Land marschierte, noch eine
gewisse Aufmerksamkeit. Zuerst, als die ersten Hundertschaften der
Kohorte an ihnen vorüberzogen, waren sie noch bis an die Ränder der
Felder gerannt, um die Männer von dort aus genau zu mustern. Die
mutigsten der Kinder waren dann neben den Soldaten hergelaufen und
hatten ihnen kleine Portionen von in Malz gegorenem Weizen
angeboten oder Streifen von geräuchertem Fleisch - im Tausch gegen
eine Münze oder eine kleine Schnitzerei. Später, als der Morgen
voranschritt und die Schlange bewaffneter Männer noch immer nicht
abriss, begannen sich die Kinder allmählich zu langweilen und
wandten sich schließlich wieder ihren Ratten zu. Die boten eine
kurzweiligere und zuverlässigere Unterhaltung. Erst als die
Kavallerie an ihnen vorüberritt, wandten sie sich wieder um,
stießen sich gegenseitig in die Rippen und stellten die
unmöglichsten Wetten auf, welches der Pferde wohl am schnellsten
sei oder die beste Zuchtstute abgeben würde.
Als Letzter der Letzten kam Valerius angeritten; er
stellte quasi den zweiten Kopf der Schlange dar und bildete die
Nachhut. Die Kinder rückten langsam auch in sein Gesichtsfeld, und
dann spürte er, wie sich ihre Blicke sogleich auf seinen Schecken
richteten, hörte, wie ihr Geflüster eine andere Tonlage annahm. In
diesem Augenblick wurde Valerius sich mit der mittlerweile nur
allzu vertrauten, aber nicht näher zu bezeichnenden Mischung aus
Verärgerung und Trotz bewusst, dass man ihn hier nun schon genauso
schnell erkannte wie im Osten; folglich würde es im Westen auch
nicht mehr viel anders sein. Krähe spürte, wie sich Valerius’
Anspannung über die Zügel übertrug, und biss im Gegenzug fest auf
die Trense - wenn Valerius wollte, so könnte er sich nun ganz in
dem Machtkampf gegen sein Pferd verlieren.
»Sollten wir jemals das Schlachtfeld erreichen,
werden die Speerwerfer aus den Bergen dich dort bereits
erwarten.«
Longinus ritt eine Stute, die mindestens den
gleichen Bekanntheitsgrad hätte besitzen sollen wie Valerius’ Tier,
doch da sie von kastanienbrauner Färbung war und wesentlich
unauffälliger gemustert, erregte sie kaum Aufmerksamkeit.
»Dann ist das also die Quelle deiner bösen
Vorahnungen - dass sie mich erkennen könnten?«
»Das sollte sie wohl sein. Gleich zu Beginn werden
sie ihre Träumer dazu anhalten, dir ihr Zeichen aufzubrennen, und
dann die Speerwerfer auf dich ansetzen. Aber, nein, da ist noch
etwas anderes. Sobald ich weiß, was es ist, werde ich es dir sagen.
In der Zwischenzeit sehe ich da vorn einen Fluss, der rasch genug
daherfließt, um das Schwimmen zu einer kleinen Anstrengung werden
zu lassen. Wenn du den Männern also eine Aufgabe geben willst,
könnte sie das sicherlich eine Weile beschäftigen.«
Schon immer hatte Longinus wie ein Offizier
gedacht. Valerius grinste. »Wenn ich ihnen jetzt befehle, dass sie
den Fluss durchqueren sollen, denken sie doch, dass das meine Idee
gewesen wäre.«
»Hätten sie denn damit so Unrecht?«
»Nein. Wie wäre es also mit einer Wette, dass
Axeto, noch bevor er das gegenüberliegende Ufer erreicht hat, mal
wieder die Kontrolle über sein Pferd verliert?«
»Lieber nicht, denn das steht sowieso schon fest.
Aber ich gebe dir heute Abend den ersten Krug Wein aus, dass er,
noch ehe der Letzte von den anderen das Land erreicht hat, wieder
auf sein Pferd gestiegen ist, und dass er diesmal nicht sein
Schwert an den Flussgott verliert.«
»Abgemacht.«
Alle acht Kampanien des linken Kavallerieflügels
waren Valerius unterstellt. Die ersten sieben Abteilungen ritten in
einer Reihe hintereinander parallel zur Infanterie; allein
Valerius’ Schwadron ritt gemeinsam mit ihm am Ende der Kolonne.
Valerius’ Leibgarde hasste ihn und liebte ihn zugleich, und sie
alle hatten bereits den Fluss erblickt, hatten ihn gerochen, und
als Valerius den Befehl zum Schwimmen erteilte, war dieser für sie
keine Überraschung mehr.
Diese Anstrengung allerdings war allein der
Kavallerie auferlegt worden. Die Infanterie überquerte das Wasser
trockenen Fußes auf einer der beiden Brücken, die der Bautrupp der
Zwanzigsten errichtet hatte, als die Legionen zum ersten Mal in
Richtung Westen gezogen waren. Auch die zweite Hälfte von Valerius’
Kavallerieflügel, die Quinta Gallorum, war der Spitze des Feldes
zugeteilt worden, so dass auch sie ihre Pferde schon lange warm und
trocken ans andere Ufer geführt hatten. Höchstwahrscheinlich hatten
sie sogar schon die Festung erreicht, sich dort bereits
eingerichtet und es sich gemütlich gemacht - mangels eines Befehls
von Valerius hatte sich ihr Dekurio nämlich nicht genötigt gesehen,
sie zum Schwimmen zu verdonnern.
Die ersten zweiunddreißig Männer der vordersten
Truppe, die unter einem Dekurio ausgebildet worden waren, der seine
eigene Ausbildung noch gemeinsam mit den Batavern am Rhein genossen
hatte, stiegen also von ihren Pferden, knoteten ihre Helme noch
etwas fester um den Kopf, schlangen einige Lederriemen zu einer
komplizierten, aber auch in nassem Zustand noch problemlos zu
lösenden Schlaufe, und befestigten damit schließlich die Schwerter
an ihren Gürteln. Zu viert ließen sie sich in das Wasser hinab,
fluchten sogleich lästerlich über die Kälte, dann über die kräftige
Strömung und schließlich, als sie Seite an Seite und in einer
ordentlichen Reihe am anderen Ufer an Land kletterten, wieder über
die Kälte. Die Rufe der Infanteristen aber, die vom Flussufer aus
zuschauten, wurden mit der Zeit weniger spöttisch.
Die Nachhut der Truppe bildeten Longinus und
Valerius. Sie schwammen als Letzte und beschrieben in der Mitte des
Stroms langsam sogar noch einen Kreis; schließlich waren sie
Offiziere und mussten daher eine noch größere Leistung erbringen
als ihre Männer. In dem Fluss aber war brauner Schlamm aufgewirbelt
worden, und die Strömung besaß einige Kraft. Gierig zerrte sie an
den Waffen der beiden Männer, an ihren Armen und Beinen und der
Rüstung. Zu Beginn hatten sie beim Schwimmen noch fest die Zügel
ihrer Pferde gepackt, ließen sie dann aber los, um zu zeigen, dass
sie auch diese Aufgabe noch beherrschten. Endlich kletterten auch
Valerius und Longinus ans trockene Land, doch der Wind, der
eigentlich recht milde war, schnitt messerscharf durch die nasse
Wolle bis auf die Haut.
»Wir hätten Wein mitbringen sollen«, meinte
Valerius.
»Ich habe Wein mitgebracht, aber nicht genug für
die ganze Truppe. Doch wie auch immer, du schuldest mir jetzt einen
Krug. Axeto hat sein Schwert nämlich nicht verloren.«
»Und noch ehe wir bei der Festung angelangt sind,
wirst du deinen Gewinn schon wieder verloren haben. In der
Zwischenzeit sollten die Pferde jedoch einmal ordentlich
galoppieren. Reite mit der einen Hälfte der Männer eine Meile
voraus, dann dreht ihr um. Wenn ihr zurück seid, reite ich mit den
anderen los.«
Irgendwann, nachdem der Mond verblasst war und an
seiner Stelle die Sonne tief an dem verwaschenen Himmel über den
Bergen hing, hörte auch der Sprühregen auf. Die zerrissenen Wolken
über den zerklüfteten Gipfeln schienen geradezu Feuer zu fangen.
Ihre Farbe wechselte von safrangelb zu scharlachrot und ging dort,
wo am äußersten Rand des Horizonts noch immer die Regenwolken
schwebten, schließlich in ein blutiges Purpur über. Als auch die
Kavallerie endlich die Festung der Zwanzigsten erreichte - die
westliche Basis von Valerius’ Legion - verwandelte sich die oberste
Wolkenschicht von lila in ein farbloses Grau.
Diese Festung war kein Nachtlager, das sich die
Soldaten aus Grassoden und einigen mitgebrachten Holzsprossen
selbst errichtet hatten, und auch kein einfacher Grenzposten, der
lediglich so lange zu halten brauchte, wie die Kampfsaison dauerte,
sondern sie war eine geradezu uneinnehmbare Burg aus Stein und
Holz, erbaut von den gleichen Pionieren, die die ursprüngliche
Festung von Camulodunum errichtet hatten.
Genau wie dort auch war hinter den eichenen
Palisaden dieser neuen Festung eine recht geschäftige Siedlung
entstanden. Zu beiden Seiten der von Osten bis zu dem von
steinernen Löwen bewachten Tor der porta praetoria
verlaufenden Straße hatten Händler ihre kleinen Hütten aufgereiht,
und selbst hinter diesem Mittelpunkt der Festungsanlage und in den
Seitengassen standen noch kleine Buden. An den Rändern der Anlage
befanden sich die Verschläge für das Vieh und einige umzäunte
Pferche, in denen die Tiere der Kaufleute grasten und ihren
Unterschlupf fanden. Ganz außen erstreckten sich einige größere
Koppeln, in denen die Zuchtkühe und die Zuchtbullen eingepfercht
worden waren.
Genau jenen Koppeln näherte sich nun Valerius, und
noch ehe er sie sehen konnte, hörte er bereits die Gruppe von
Männern, die sich dort über die bröckelige Steinmauer beugte, die
das östlichste aller zur Festung gehörenden Felder umgab. Als er
näher heranritt, konnte er schließlich auch das rote Haar und den
Armschmuck der Gallischen Kavallerie erkennen. Zudem trugen sie
alle die gleichen rostbraunen Tuniken, auf deren linken Ärmel der
Steinbock und das Auge des Horus gestickt worden waren. Corvus’
Männer, die ganz an der Spitze von Valerius’ Kolonne ritten, waren
schon lange angekommen, hatten ihre Pferde versorgt, die neuen
Befehle entgegengenommen und waren in einer Parade vor dem
Statthalter und dem Legat der Zwanzigsten entlangmarschiert, bis
auch sie endlich für den heutigen Tag aus ihrer Pflicht entlassen
worden waren. Sie hatten gegessen und getrunken und dann - weil sie
am nächsten Morgen nicht in den Kampf reiten mussten -, noch etwas
mehr getrunken, bis irgendeiner von ihnen eine Wette aufstellte.
Diese Wette war überaus verlockend und versprach vielleicht sogar
noch mehr Wein, womöglich auch ein paar kleine Grausamkeiten und
eine Frau oder einen Jungen oder ein fügsames Schaf. In jedem Fall
waren die Gallier nicht für ihre Mäßigkeit berühmt, geschweige denn
für ihre Fähigkeit, sich in betrunkenem Zustand keinen Ärger
einzuhandeln.
»Das ist es.« Longinus dirigierte seine
kastanienbraune Stute dicht an Valerius’ Pferd heran. Sie scheute
ein wenig bei dem Lärm, der von der Koppel herüberschallte, und
kaute nervös auf ihrem Zaumzeug. Wie jedes andere der
Kavalleriepferde, kannte auch sie den Geruch des Krieges und sehnte
sich danach.
»Das Unglück, das du vorausgeahnt hast?«
»Ja. Wir sollten schnurstracks vorbeireiten.«
In der Tat, sie hätten vorüberreiten sollen, und
doch wussten beide, dass sie genau das eben nicht tun würden.
Valerius hatte bereits das hohe nasale Gejaule von Umbricius’
gehört, jenem Mann, der in der Zeit, als sie beide unter Corvus in
der Gallischen Kavallerie gedient hatten, Regimentsschreiber
gewesen war. Umbricius hasste seinen ehemaligen Quartiergenossen
genauso, wie auch Valerius ihn verabscheute. Außerdem hatte seit
der Schlacht gegen die Eceni eine schwere Verbitterung von dem Mann
Besitz ergriffen: Er nahm es sich selbst und Valerius irgendwie
übel, dass sie beide überlebt hatten, während die Mehrheit ihrer
Truppe damals den Tod gefunden hatte. Zudem hatte Umbricius dann
noch beobachten müssen, wie Valerius in den Reihen der Thrakischen
Kavallerie immer höher aufgestiegen war, während er selbst
Regimentsschreiber blieb. Auch war es Umbricius gewesen, der
während ihrer Exerzierübungen die Schildkante gegen Longinus’ Kehle
gerammt hatte. Dies war ebenso ein Angriff gegen den Thraker
gewesen wie gegen Valerius. Die Auspeitschung, die Valerius
daraufhin als Bestrafung angeordnet hatte, hatte einen ebenso
persönlichen Hintergrund gehabt.
Allein Umbricius’ Anwesenheit hätte Valerius’ schon
angelockt, doch darüber hinaus hörte er noch das schmerzgepeinigte
Brüllen eines Stieres. Der Stier war der Bote des Gottes auf Erden,
ihn durfte man also nicht einfach ignorieren. Und dann war da ein
Hund. Er bellte mit einer Stimme, die sich wie geschmolzenes Eisen
über den Kies zu ergießen schien. Der Hund musste recht groß sein
und ein Rüde, und Valerius wäre jede Wette eingegangen, sogar mit
Longinus, dass er den Hund zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte. Im
Geiste wettete er nun mit sich selbst, dass der Hund gescheckt sein
würde und ein weißes Ohr hätte. Ein weißes linkes Ohr. In
den Tagen vor einer Schlacht, die so groß war wie die unmittelbar
bevorstehende, konnte er die Geister, die ihn verfolgten, zu sich
rufen, ohne dabei Angst vor ihnen zu verspüren. Wie ein Mann, der
unter Höhenangst litt und sich am Rande einer steilen Klippe
befand, rief jetzt auch Valerius seine Peiniger zu sich, ganz
bewusst, beobachtete das Aufsteigen und Abflauen seiner Angst, die
sich diesmal noch in kontrollierbaren Grenzen hielt.
Longinus war bereits ein oder zwei Schritte
vorausgeritten. »Sie veranstalten eine Bullenhatz«, stellte er
fest.
»Ganz offensichtlich. Die Frage ist nur, was für
eine Sorte von Bulle und womit sie ihn hetzen. Und noch wichtiger:
Gewinnt der Bulle? Wenn die Chance besteht, dass er Umbricius mit
seinen Hörnern durchbohrt, setzten wir nur kurz Geld auf den Bullen
und verschwinden dann wieder.«
»Er ist aber noch zu jung, um zu siegen. Umbricius
wird ihn töten. Allerdings nicht sofort.« Plötzlich ließ der
Thraker sein Pferd auf den Hinterhufen herumwirbeln. »Julius, es
ist ein roter Jungstier. Kein weißer. Du solltest dich hier besser
nicht aufhalten.«
In der Vergangenheit hatte man Longinus bereits
aufgefordert, den Reihen der Stier-Anbeter beizutreten, er hatte
jedoch höflich abgelehnt; seine thrakischen Götter waren durch
nichts zu ersetzen. Longinus’ Wissen über Mithras stammte somit nur
vom Hörensagen, und niemals hatte er Valerius um eine Bestätigung
oder Berichtigung der diversen Gerüchte um diesen Gott gebeten. Das
Brandmal des Raben aber kannte er bereits gut und auch die anderen
Abzeichen, die später hinzugekommen waren, als Valerius
aufgestiegen war, doch niemals hatte Longinus nach dem Ursprung der
Zeichen gefragt oder nach ihrer Bedeutung.
»Er muss nicht weiß sein, um von den Göttern zu
stammen. Das ist bloß eine Legende.«
Am Tor der Koppel hatte sich mittlerweile eine
ganze Horde von Männern versammelt. Sie alle waren Gallier, und mit
mindestens einem Drittel von ihnen hatte Valerius seine Ausbildung
am Rhein absolviert und Seite an Seite in der Invasionsschlacht
gekämpft. Diejenigen, die zusammen begonnen hatten, hassten den
Gedanken, sich später trennen zu müssen, und sonderten sich von den
neu Hinzugekommenen ab, die jene ersetzten, die in den Gefechten
umgekommen waren. Valerius, den sie einst voller Zuneigung als ihr
Maskottchen betrachtet hatten, sahen sie nun als einen Verräter an,
denn er hatte sich in höhere Ränge hinaufgearbeitet.
Valerius drängte sein Pferd vorwärts und durch die
Menge der Zuschauer hindurch, und nur mürrisch machten ihm die
Gallier Platz. In dem Augenblick, als er das Gatter erreichte,
ertönte ein helles Sirren in seinen Ohren, wie das Summen eines
ausschwärmenden Drohnenschwarms. In Valerius’ Kopf baute sich
langsam ein starker Druck auf, und auch sein Brandmal hämmerte
plötzlich auf eine Art, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Er
hatte das Gefühl, angegriffen zu werden, und blickte sich suchend
nach der Quelle um. Er befand sich schließlich im Land der Träumer
und hatte sich doch nicht dagegen gewappnet, denn er wusste einfach
nicht, wie. Er sah jedoch nichts und niemanden, während das Heulen
immer lauter wurde und ganz offensichtlich nur in seinem Kopf
existierte. Vorn im Pferch wühlte der Stier derweil mit den Hörnern
die Erde auf und hob dann den Blick, um Valerius anzusehen. Das
Heulen ging in ein Pfeifen über, das leiser und leiser wurde, bis
es schließlich wieder zurückkehrte. Endlich wurde Valerius bewusst,
dass dies genau der Augenblick war, um den er in den vergangenen
Jahren gebetet hatte, den er aber noch nie hatte erleben dürfen:
Sein Gott zeigte sich ihm.
Valerius betete also. Er wusste einfach nicht, was
er sonst hätte tun sollen, und der Stier nahm sein Gebet an und
verwandelte es in eine göttliche Kraft. Ungeschickt versuchte
Valerius, sich das Gefühl dieses Moments tief ins Gedächtnis
einzuprägen.
Dann rief ihm Umbricius herausfordernd etwas zu,
und der kostbare Augenblick verblasste mit Übelkeit erregender
Schnelligkeit. Von der westlichen Ecke des Feldes ertönte das
Jaulen eines jungen Hundes, der der Hysterie nahe war. Von seinem
Platz am Gatter konnte Valerius nun erkennen, dass dieser Hund
weder gescheckt war noch mehrfarbig und auch kein weißes Ohr hatte.
Sein Fell war vielmehr von dem schimmernden Blauschwarz frisch
geschlagenen Schiefers, und seine Ohren hatten die runde Form jenes
Rüden, der in den Altar an der Wand des Mithraeums eingeschnitzt
war, das sich unter dem Haus des ersten Dekurio in Camulodunum
verbarg. Der Hund auf dem Altar trank das Blut des abgeschlachteten
Stieres. Nun tat der gleiche Hund auf dem Feld vor der Festung der
Zwanzigsten Legion im bergigen Land der Cornovii gerade sein
Bestes, um das Blut eines gallischen Regimentsschreibers zu trinken
oder um es zumindest zu vergießen.
Umbricius kauerte in der Hocke, den Rücken dem Tor
zugewandt, von wo aus er ein paar Schritte in die Koppel
hineingegangen war. Der Pferch war nur klein, und ursprünglich
hatte man ihn für die besten Tiere des Jungbullenbestandes
abgesondert: jene Tiere, die schon zu alt waren, um noch in
größeren Gruppen gehalten zu werden, ohne gegeneinander zu kämpfen,
aber doch noch zu jung, um den Kampf mit den bereits
ausgezeichneten Zuchtstieren um das Recht, die Kühe zu begatten und
die Stammväter der Jungtiere der nächsten Saison zu werden,
aufnehmen zu können. Eine bröckelige Steinmauer umgab das
kreisförmige Gehege. Eichen mit Stämmen, so dick, dass noch nicht
einmal drei Männer sie mit ihren Armen umfassen konnten, warfen
ihren Schatten darüber, und zwischen ihnen wuchsen in
verschlungenen Ranken Heckenrosen, von denen wächsern glänzende
Hagebutten hingen, so hell leuchtend wie das vergossene Blut des
Opfertieres.
Das Fell des jungen Stieres, der Umbricius
gegenüberstand, war von dunklerem Rot als die Hagebutten und an den
Schultern und am Rumpf mit weißen Flecken durchsetzt. Es war ein
stolzes Tier, und man konnte leicht erkennen, warum es ausgesondert
worden war: um heil und in einem Stück zu bleiben und nicht mit dem
Rest geschlachtet, zerteilt und eingepökelt zu werden, damit die
Legionen auch im Winter ihr Fleisch bekamen. Seine Hörner
beschrieben einen weit ausholenden Bogen nach vorn, und ihre
Spitzen waren ganz sauber. Der Stier, oder derjenige, der ihn
versorgte, hatte offenbar darauf geachtet, dass sich an seinen
Hörnerspitzen keine Haare oder Schlamm und alte Blätter gesammelt
hatten. Er brüllte laut, und seine Stimme war die des Gottes, der
aus dem Himmel hinab zu den Menschen sprach. Ein Mann, der dieses
Brüllen zu deuten wusste, konnte sich die ganze Welt untertan
machen.
Valerius aber hatte keinerlei Vorstellung, was es
bedeuten könnte.
Links von Valerius befand sich Longinus, und seine
Götter sprachen mit anderen Stimmen als der eines Stieres. »Wenn
Umbricius nicht bald von hier verschwindet, wird sich der Hund noch
von dem Jungen losreißen. Und wenn er einen Offizier der
Hilfstruppe totbeißt, werden sie sowohl den Hund töten als auch den
Jungen aufhängen. Das aber ist Umbricius nicht wert.« Noch niemals
hatten Valerius und Longinus über Hunde gesprochen und welchen
Stellenwert sie bereits in der Vergangenheit beider Männer gehabt
haben mochten; doch das war auch nicht nötig gewesen. Selbst in
diesem Moment brauchten sie kein weiteres Wort darüber zu
verlieren, um einander trotzdem zu verstehen.
Valerius hob eine Hand, um seine Augen vor der tief
stehenden Sonne zu schützen. Der Hund wurde von einem Jugendlichen
festgehalten, den Valerius völlig übersehen hatte, als er das erste
Mal hingeschaut hatte. Aber es war auch kein sonderlich
hervorstechender Junge. Er hatte dunkles Haar und war von
durchschnittlicher Gestalt und Größe. Nichts schien ihn mit
Valerius’ Gott zu verbinden, außer, dass er auf seinem linken Bein
kniete und die Arme um den Rüden geschlungen hatte.
Irgendetwas Metallenes blitzte durch die Luft. Der
Stier schreckte zurück und stieß abermals einen dumpfen Schrei aus.
Der Hund jaulte auf. Der Junge rief irgendetwas in der Sprache der
Cornovii. Von allen Stämmen verehrten allein sie noch vor der
Mutter Erde den gehörnten Gott. Der Blick des Jungen traf auf
Valerius’ und bat ihn stumm um Hilfe. Unzählige andere in den
Dörfern der Trinovanter hatten Valerius schon auf die gleiche Art
angefleht, doch er hatte sie alle ignoriert, hatte ihre Schwestern
niedergemetzelt und die Bettelnden, ob sie ihn nun laut anriefen
oder nur im Stillen anflehten, gehängt. Damals war nicht der Atem
seines Gottes in seinen Ohren ertönt, und es war auch kein Bulle da
gewesen, vor dem er den Blick gesenkt hatte.
Für seinen Gott, nicht für den dunkelhaarigen
Jungen oder seinen Hund, trieb Valerius nun sein Pferd noch näher
an das Tor heran und rief: »Umbricius, lass den Bullen in
Frieden!«
Der Gallier war zweifach bewaffnet. In jeder seiner
Hände blitzte ein kurzes Wurfmesser. Er war der Sohn eines
Fischers, und wo andere Männer selbst mit dem richtigen Messer, dem
richtigen Abstand und genügend Übung ein Ziel anvisieren konnten
und doch nur dann und wann trafen, konnte Umbricius jedes beliebige
Messer schleudern und traf sein Ziel stets mit nicht mehr als
höchstens einer Fingerbreite Abweichung. Von einem Gürtel, den er
sich über die Schulter geworfen hatte, hingen noch drei weitere
kurze, breite Klingen hinab. Es war bekannt, dass Umbricius immer
neun Messer bei sich trug; neun, die Zahl des Glücks. Von den
verbleibenden vier lagen drei auf dem Gras um den Bullen herum
verteilt. Das letzte Messer, welches er geworfen hatte, ragte
zitternd aus einer der kräftigen Schultern des Tieres heraus.
»Umbricius, lass es sein! Das ist ein
Befehl!«
Umbricius jedoch ignorierte Valerius.
Das Gatter war geschlossen worden, und es war nicht
genügend Platz, als dass Valerius’ Schecke hätte darüber
hinwegspringen können. Die Gallier drängten sich noch dichter
zusammen, und keiner von ihnen rührte sich, um den Thrakern Platz
zu machen. Irgendwo im Hintergrund hatte sich zwar bereits
Valerius’ Truppe versammelt, aber sie waren zu wenige und zu weit
entfernt, und ohnehin hätte sich niemand von ihnen bis zum
Pferchgatter vordrängen können. Valerius und Longinus befanden sich
also ganz allein inmitten vieler Gallier.
»Hol Corvus«, sagte Valerius auf Thrakisch und ohne
sich umzublicken. Der Heulen in seinen Ohren übertönte sogar seine
eigene Stimme.
»Ich lasse dich hier nicht allein«, widersprach
Longinus.
»Doch, das wirst du. Ich befehle es dir. Wenn du
dich darüber hinwegsetzt, werde ich dich gemeinsam mit dem Gallier
auspeitschen lassen. Also tu es.«
Für die Länge eines Atemzuges trat Schweigen ein,
Raum, in dem Entsetzen und Reue aufflackerten und das Wissen, dass
es Valerius nun, unter diesen Zeugen, unmöglich war, seine
Androhung wieder zurückzuziehen. Auf Thrakisch sagte Valerius noch
einmal: »Geh einfach. Bitte.«
Longinus salutierte steif, und seine
kastanienbraune Stute bewegte sich von dem Gatter fort. Die Gallier
waren wesentlich bereitwilliger, die Stute nun ziehen zu lassen,
als sie sie zunächst in ihre Reihen gelassen hatten.
Valerius dirigierte sein Krähen-Pferd seitwärts zum
Pferchtor. »Umbricius, wenn ich jetzt erst noch reinkommen muss, um
dich da rauszuholen, wirst du das bitterer bereuen als alles andere
in deinem Leben.«
»Der Bulle gehört mir. Der Junge hat mich
beleidigt.«
Plötzlich stellte Valerius fest, dass er den Jungen
mochte. Er hob seine Stimme, um sie noch weiter hallen zu lassen.
»Wie das? Hast du versucht, ihn dir zu nehmen, und er hat sich
geweigert? Jeder normaler Mensch mit Augen im Kopf würde dich doch
abweisen. Dafür, dass er ein solch hohes Maß an gesundem
Menschenverstand bewiesen hat, sollte man ihm einen halben
Jahressold im Voraus geben und ihm einen Platz im Flügel unserer
Kavallerie anbieten.«
Aus dem dicht zusammengedrängten Haufen ertönte
vereinzeltes Gelächter. Umbricius errötete, ließ sich ansonsten
jedoch nichts anmerken. »Ich habe nicht…«
»Ach, wirklich? Dann also der Bulle? Ich glaube
aber, selbst wenn du ihm nun die Augen ausstichst, wird er nicht
williger. Sieh den Tatsachen ins Gesicht. Du wirst die heutige
Nacht allein verbringen und auch alle anderen Nächte, die auf die
heutige folgen werden, außer, wenn einer von Caratacus’ Speeren
endlich den Panzer von getrockneter Ziegenscheiße trifft, der dein
Herz umgibt, und ihn aufbricht. Und nun verschwinde da aus dem
Pferch. Wenn du jetzt gehst, solange Longinus noch unterwegs ist,
braucht keiner zu erfahren, dass du dir reichlich Zeit gelassen
hast, bis du einem Befehl nachgekommen bist.«
Das hatte Valerius besonders im Hinblick auf die
umstehenden Männer gesagt, denn nicht alle hielten zu Umbricius;
darüber hinaus war es auch Valerius gewesen, der die Pferde über
die Barriere bei der Lachsfalle hinweggelotst hatte und ihnen allen
damit das Leben gerettet hatte. Ganz bewusst hatte Valerius mit
seiner Ansprache also versucht, den Soldaten ein wenig Zeit zu
geben, um sich daran zu erinnern und um zu der Überzeugung zu
gelangen, dass sie sich Valerius lieber nicht zum Feind machen
wollten. Sie grinsten und drängten sich, als Valerius sich vom
Rücken seines Pferdes schwang, nicht mehr ganz so dicht zusammen.
Mit einem eleganten Sprung setzte Valerius über das Gatter hinweg.
Man applaudierte ihm. Der Hund fing sofort an, ihn anzukläffen, und
der Bulle wühlte mit seinen Hörnern das Gras auf. Valerius sandte
ein Stoßgebet zu seinem Gott hinauf, dass das Tier begreifen würde,
dass er ihm helfen wollte und nicht etwa beabsichtigte, es noch
schlimmer zu verletzen.
Sein Einschreiten veränderte das
Kräftegleichgewicht auf dem Feld. Zuvor hätte Umbricius noch mit
Leichtigkeit zum Gatter rennen und sich in Sicherheit bringen
können, wenn der Bulle ihn angegriffen hätte. Nun aber, da Valerius
diesen Ausweg versperrte, war Umbricius gefangen zwischen zwei
Feinden, die ihn beide nur allzu gern töten wollten - wenn man den
Hund noch mitrechnete, waren es sogar drei.
Doch wie sehr man Umbricius auch hassen mochte,
Feigheit konnte man ihm nicht nachsagen. Er grinste, zog zwei
weitere Messer aus seinem Gürtel heraus und ließ diese nun blitzend
herumwirbeln. Auch ihm wurde applaudiert.
Während Umbricius kunstvoll mit den Messern
jonglierte, trat er einen Schritt zurück und sagte: »Was meinst du
- angenommen, der Bulle tötet dich, dezimieren sie dann die
Einheimischen?«
»Möglicherweise. Aber erst, nachdem sie dich
erhängt haben.« Das Summen in Valerius’ Ohren machte es ihm sehr
mühsam, klar zu denken. Noch schwieriger war es für ihn, sich an
den genauen Wortlaut einer Sprache zu erinnern, die er schon sein
halbes Leben lang nicht mehr regelmäßig gesprochen hatte und die er
am liebsten ganz vergessen hätte. Valerius versuchte es, tastete
förmlich nach den Worten und sagte dann im Dialekt der Träumer, den
man in allen Stämmen verstand: »Nimm deinen Hund und verschwinde.
Ich werde den Gehörnten schützen.«
Valerius spürte den durchbohrenden Blick des
Jungen. Die Cornovii verehrten den Gott in Gestalt eines Hirsches,
nicht in der eines Stieres, doch hatten sie sicherlich auch schon
einmal von Mithras gehört, und mit etwas Glück glaubte der Junge
Valerius, dem plötzlich noch mehr Worte einfielen: »Verschwinde
jetzt. Wenn du den Hund noch länger hier behältst, ist er in
Gefahr. Wenn er dir lieb ist, musst du ihn sofort in Sicherheit
bringen.«
Obwohl sein eigener Stolz ihn vielleicht dazu
verleiten mochte, im Angesicht der Gefahr zu verharren - dem
Wohlergehen seines Hundes zuliebe konnte er ihn doch überwinden.
Ganz vage nahm Valerius wahr, wie der Junge seinen Hund noch etwas
dichter an sich zog und ihm etwas zuflüsterte. Daraufhin verstummte
das ungeduldige Fiepen des Tieres, nicht jedoch das Summen in
Valerius’ Ohren. Dieses Dröhnen in seinen Ohren hatte er erst
einmal zuvor erlebt, und auch damals nur kurz, als er seinen
Schecken beschworen hatte, ihn über die Barriere bei der Lachsfalle
hinwegzutragen. Damals hatte Valerius gedacht, dass das Summen
seinen nahe bevorstehenden Tod angekündigt und allein Glück und der
schützende Einfluss seines Gottes dies von ihm abgewendet hatten.
Jetzt betete er noch einmal um das gleiche Glück, oder dass sein
Gott seine Seele, wenn er nun sterben sollte, sicher in seine Obhut
aufnehmen würde. Am westlichen Ende des Pferches begann der Junge,
sich langsam in Richtung Tor zu bewegen. Seinen Hund zog er mit
sich.
Plötzlich wirbelte ein Messer in hohem Bogen durch
die Luft und ritzte über die Stirn des Bullen. Das Tier brüllte auf
und wirbelte zu Valerius herum, da dieser am dichtesten bei ihm
stand. Hörner so lang wie der Arm eines Mannes bohrten sich in das
Gras, schleuderten Grasklumpen bis zu den Baumkronen hinauf. Die
Augen des Bullen waren von einem dunklen Walnussbraun und viel zu
sanft für wahren Zorn. Das rotbraune Fell um seine Augen herum war
schwarz verschmiert, so als ob eine der Offiziersfrauen dort in
aller Eile etwas Schminke aufgetragen hätte und der Regen diese
wieder hätte zerlaufen lassen. Dann senkte der Bulle seine Hörner
abermals und ging auf Valerius los. Nun wirkte er ganz und gar
nicht mehr sanftmütig, schien nur allzu deutlich Zorn zu
empfinden.
Die Gegenwart schien sich zu teilen, und es
entstanden zwei Welten zugleich: In der einen spielte sich alles
mit einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit ab, in der anderen
ging alles unendlich langsam, und in jeder dieser Welten begegnete
Valerius seinem Tod und entkam ihm doch gleich wieder. In der
langsameren der beiden Welten erkannte er die kleinen
Besonderheiten dieses Augenblicks: den Wechsel in der Tonlage der
Stimme seines Gottes, die noch immer in seinem Ohr hallte, und die
nun eine tiefere Nuance annahm, etwas ruhiger erschien und einen
geradezu lieblichen Auftakt zu seinem eigenen Tod bildete; die von
den oberen Zweigen der Eichen plötzlich aufflatternden Krähen, wo
Valerius doch zuvor überhaupt nicht bemerkt hatte, dass ihn Vögel
beobachteten; das helle Aufeinanderklirren der Waffen, als die ganz
in Gedanken verlorenen Männer mit dem unerwarteten Auftreten eines
Offiziers rasch wieder Haltung annahmen; den Klang von Corvus’
Stimme, wie dieser ihm etwas zurief.
»Bán! Im Namen aller Götter, komm da raus!«
Es war der falsche Name, und er war in der falschen
Sprache gerufen worden, doch mit einer solch großen Sorge um ihn,
wie Valerius sie schon seit mehr als vier Jahren nicht mehr gehört
hatte. Der Schock aber zerrte die beiden Welten nun noch weiter
auseinander.
Gleich darauf ertönte auch Longinus’ Stimme, doch
auch sie konnte die entstandene Kluft nicht mehr überbrücken.
»Julius! Du verdammter Idiot, hau ab da!«
Aber Valerius bewegte sich bereits. In der
schnelleren der beiden Welten stürmte ein Bulle, den Mithras
gesandt hatte, um ihn zu töten, mit der Geschwindigkeit eines
galoppierenden Pferdes auf ihn zu. Nur deshalb, weil Valerius
jahrelang auf dem Rücken eines Pferdes gekämpft hatte, das sich mit
der Geschmeidigkeit einer Schlange zu bewegen verstand, konnte er
sich nun reflexartig zur Seite werfen, auf den Boden, dort einmal
um seine eigene Achse wirbeln und neben Umbricius wieder auf die
Füße springen. Wie in den besten aller Schlachten, verlieh die
Angst Valerius auch diesmal ein ganz besonderes Feuer, ließ ihn
über sich selbst hinauswachsen. Mit seinem Schwert schon fest in
den Händen, kam er wieder auf die Beine, und allein die Anwesenheit
Corvus’ hielt ihn davon ab, mit der Klinge nun Umbricius zu
durchbohren. Dies erkannte auch der Gallier, und seine
Gesichtsfarbe wurde um eine Spur blasser. Valerius lachte. »Lauf zu
den Bäumen hinüber. Ich wette mein Leben gegen deines, dass der
Bulle schneller ist als wir beide.« Lediglich eine Speerwurflänge
lag zwischen ihnen und der Rettung verheißenden Steinmauer. Diese
Distanz zu bewältigen war nicht unmöglich, aber doch
unwahrscheinlich. Umbricius rannte los. Valerius, der noch immer
zwischen den beiden Welten gefangen schien, lief nicht, sondern
wich nur langsam rückwärts.
Schon hatte der Bulle das Gatter erreicht. Wenn die
Männer, die sich vor dem Tor versammelt hatten, sich ruhig
verhalten oder dem Jungen Zeit gelassen hätten, das Tier zu
erreichen, wäre der Bulle vielleicht stehen geblieben. Doch die
Gallier hatten Angst und waren aufgeregt, und somit stachen sie auf
den großen Kopf ein, hieben mit ihren Schwertspitzen und Messern
auf das keuchende, rotbraune Tier ein, und der Gott, der doch kein
Gott zu sein schien, wirbelte wieder zur Mitte des Pferches herum
und griff Valerius abermals an.
Auch der Junge rannte, zerrte den blauschwarzen
Hund am Nackenfell mit sich, doch dann stürzte er über eine
Baumwurzel und ließ das Fell des Hundes los. Gefangen zwischen zwei
Männern und einem von Zorn erfüllten Bullen sah der Hund nur, dass
jener Mann, den er gerade so leidenschaftlich zu hassen begonnen
hatte, davonlief, er ihn aber noch einholen konnte.
Im Pantheon der Geschöpfe des Gottes war nur der
Hund noch schneller als der Bulle. Valerius sah, wie der Rüde in
seine Richtung rannte, und wusste doch, dass nicht er das Ziel
dieser Jagd war. In der langsameren Welt, in der sein Verstand
plötzlich klar denken konnte, sah er den Tod des Galliers und den
darauf folgenden, nur unendlich viel langsamer und qualvoller
vonstatten gehenden Tod eines Hundes und eines dunkelhaarigen
Jungen, der in der gleichen Haltung neben seinem Tier gekniet hatte
wie der Gott auf dem Altar. Deshalb trat Valerius einen Schritt zur
Seite und schnitt dem jagenden Hund mit einem raschen Schwerthieb
die Kehle durch.
Der Bulle war nur einen Bruchteil langsamer als der
Rüde und unterschied nicht zwischen dem einen Feind und dem
anderen. In dem Augenblick, als der Hund starb, erkannte Valerius
gerade noch, wie der Himmel sich von Violett in das Rot des Bullen
verfärbte und schließlich schwarz wurde. Nun übernahm sein Gott die
Herrschaft über Valerius. Ohne dass dies auch nur im Geringsten
seinem eigenen Willen entsprungen wäre, presste Valerius sich flach
und der Länge nach auf den Boden und rollte sich seitlich um seine
eigene Achse, ganz so, wie ein Kind aus purer Freude sich im Winter
einen verschneiten Hügel hinabrollen ließ.
Doch Valerius’ Gott füllte ihn nicht mit Freude
aus, sondern lediglich mit einem brechenden Lichtstrahl und einem
ganz eigenen, unbeschreiblichen Schmerz, der seinen Rücken auf der
Höhe seines Brandmals von innen her auszubrennen schien. Ein
letztes Mal angespornt durch die Kraft des Schmerzes, stemmte sich
Valerius hoch, sprang auf und lief los. Dort wo gerade eben noch
Gras und Bäume und das Schreien der Krähen gewesen waren, war nun
eine Steinmauer, über die ein von seinem Gott erfüllter Mann ebenso
leicht springen konnte, wie er sich etwa vor einer Schlacht auf
sein Pferd schwang. Hinter ihm krachte der Bulle jetzt mit aller
Gewalt gegen die Mauer und ließ ihr oberes Drittel einbrechen. Doch
Valerius’ Gott bewahrte ihn davor, von den herabfallenden Steinen
erschlagen zu werden. Er lag flach auf dem Rücken und spürte, wie
ebenjener Gott ihn wieder verließ und seinen, Valerius’, Atem mit
sich nahm. Vollkommen reglos lag er da und kämpfte angestrengt
darum, einen klaren Blick zu behalten, als die Welt um ihn herum
sich plötzlich zu einem Tunnel formte und dunkel wurde.
Longinus erreichte ihn als Erster, und grobe Hände
packten ihn bei den Schultern. »Atme, verdammt noch mal!«, befahl
eine raue Stimme, »Julius, atme!«
Eine andere, nun ganz und gar nicht mehr liebevoll
klingende Stimme, widersprach. »Er kann nicht. Der Bulle hat ihn im
Rücken getroffen. Wenn er Glück hat, hat es ihm nur die Luft
verschlagen. Wenn nicht, hat er jetzt einen Rücken voller
zerbrochener Rippen und wird nie wieder atmen. Lass mich ihn einmal
untersuchen.«
Unter Corvus’ Obhut fiel Valerius in
Ohnmacht.