XXVII

Luain mac Calma ritt an der Spitze der Kolonne, Valerius bildete die Nachhut. Sie ritten in einer Reihe hintereinander entlang der Küstenlinie. Durch die nahezu windstille Luft drang der salzigscharfe Geruch der See, und frisch mischten sich der Duft des Sauerklees und die unter den Hufen ihrer Pferde zertretenen Küstenkräuter hinzu. Das Tageslicht schwand schnell dahin, und nur schwach konnten sie in der Dämmerung das Freiheit verheißende Schiff ausmachen. Wie ein Geisterschiff mit weißen, geblähten Segeln wartete es draußen auf dem Wasser auf sie, aber noch zu weit entfernt, als dass sie sich bereits in Sicherheit hätten wähnen dürfen. Das Meer war unruhig, und weiße Schaumkrönchen schmückten die von Manannan aufgewirbelten Wellen, die er ihnen zum Gruße, vielleicht aber auch als Ankündigung des nahen Todes entgegenschickte. Flüsternd eilten die Wellen den Strand herauf und kletterten mit dem Steigen der Flut jedes Mal ein bisschen höher. Cunomar beobachtete das Spiel der Wellen genau, merkte sich dann die Stelle, wo nach seiner Einschätzung die nächsthöhere Welle ankommen müsste, und führte eine imaginäre Strichliste, der er, wenn er richtig geraten hatte, eine weitere Kerbe hinzufügte. Es war zwar bloß das Spiel eines Kindes, doch hielt er auf diesem Weg noch die Angst aus seinem Bewusstsein fern; und eher würde er sterben, als seine Angst zu zeigen gegenüber diesem Verräter, der behauptete, Breacas Bruder zu sein, aber noch immer diese römische Uniform trug.
Die Pferde liefen wie Hunde, während ihre mit Leder umwickelten Hufe leicht in die lockere Erde einsanken. Cunomar ritt als Drittletzter. Hinter ihm folgte Cygfa, die ihn auf diese Weise sowohl von den sie verfolgenden Römern als auch von Valerius abschirmte. Seit jenem Morgen, an dem sie einige Zeit in der Gesellschaft von Valerius verbracht hatte, hatte sie Cunomar gegenüber eine geradezu beschützende Art angenommen und zeigte ihre Verachtung für Valerius noch unverhohlener.
Valerius war erst später wieder zu ihnen gestoßen, als sie gerade ihre Pferde abholten, und Cunomar hatte gerade noch beobachten können, wie der Dekurio ein blutiges Messer wieder in seine Scheide zurücksteckte. Anschließend grub er sein Schwert der Länge nach in den Schlamm und Unrat der Pferche des Schlachters. Schließlich, als Valerius merkte, dass er beobachtet wurde, blickte er zu Cunomar auf, ließ kurz sein schlangenähnliches Lächeln aufblitzen und sagte: »Der Mond ist aufgegangen, und der Himmel ist klar. Das wird es uns erleichtern, den Weg zum Schiff zu finden. Gleichzeitig verrät uns der Mond aber auch an Marullus und seine Männer. Ich würde euch daher raten, dass auch ihr eure Broschen und das Zaumzeug der Pferde bedeckt. Und wenn ihr nicht wollt, dass euch dann immer noch eure Waffen verraten, solltet ihr sie auch einmal durch den Schlamm ziehen. Ich entschuldige mich bereits im Voraus, wenn dies euren Kriegerinstinkten zuwider laufen sollte.«
Letztere Bemerkung war in bissigster Ironie besonders auf Cygfa gemünzt gewesen, die sie jedoch einfach überhörte und das tat, was ihr Valerius empfohlen hatte. Cunomar beobachtete angewidert, wie sein Vater, Dubornos und Cwmfen allesamt die Schwerter zogen, die ihnen doch gerade erst Luain mac Calma gegeben hatte, und sie auf ähnliche Art besudelten. Letztendlich verfuhr aber auch er so mit der Klinge, die sie ihm gegeben hatten; jedoch erst, nachdem sein Vater ihm dies ausdrücklich befohlen hatte. So würden echte Krieger einfach nicht in eine Schlacht ziehen.
Während sie nun in die Dämmerung hineinritten, schmerzten Cunomars Ohren bereits vor angestrengtem Lauschen nach den Anzeichen für einen Angriff. Mit jedem Schritt, den sein Pferd machte, schlug das Schwert gegen seinen Oberschenkel. Eigentlich hätte ihm diese Waffe ein gewisses Gefühl der Sicherheit verleihen sollen, doch das war leider nicht der Fall. Sein ganzes Leben lang hatte er ein Krieger sein wollen, und nun, da die Chance endlich gekommen war, fühlte er sich dem Ganzen doch noch nicht gewachsen. Cygfa dagegen hatte vor ihrer ersten Schlacht täglich mit den kampferprobten Frauen und Männern von Mona geübt. Cunomar dagegen hatte mehr als zwei Jahre in Rom gelebt, wo man ihnen das Tragen von Waffen verboten hatte und ihm selbst das körperliche Training untersagt worden war - es wäre mit dem Tode der gesamten Familie vergolten worden. Erst heute hatte Cunomar ein bisschen üben können. Die Klinge, die man ihm gereicht hatte, war jedoch für einen Mann gefertigt worden und noch zu schwer für den Jungen. Dennoch hatte er sie in dem kleinen Hinterzimmer der Taverne ein paar Male ausprobiert und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er, wenn er das Schwert mit beiden Händen packte, es vielleicht nur einmal, dafür aber mit recht ordentlicher Wucht würde schwingen können, ehe der Feind seine Reihen um ihn schloss. Er hatte die Enttäuschung in den Augen seines Vaters ablesen können, und er hatte sich sehr geschämt, noch umso mehr, als mac Calma daraufhin das Zimmer wieder verlassen hatte, um mit zwei kleinen, spitzen Dolchen zurückzukehren, je einen für Cunomar und Philonikos. Xenophons Schüler war zwar groß genug und besaß auch das Alter, um ein Schwert bei sich zu führen, doch war er den Umgang damit nicht gewohnt und wurde daher in dieser Beziehung auch bloß wie ein Kind behandelt; es schmerzte Cunomar, mit ihm auf eine Stufe gestellt zu werden.
In der noch verbleibenden Zeit, ehe Valerius zurückgekehrt war, hatte Caradoc ihnen beiden gezeigt, wie sie, für den Fall, dass sie lebend gefangen genommen würden, die Klingen zu führen hätten. Immer wieder hatte er den Finger in genau jene Stelle zwischen dem vierten und dem fünften Rippenbogen der linken Körperhälfte gebohrt, in die sie hineinstechen sollten, die Klinge zum Brustbein hin gekippt, damit dadurch das Herz und die Hauptblutgefäße zerrissen würden. Als sie später bei den Pferden angelangt waren, hatte Dubornos alles wiederholt, und nachdem sie aufgesessen hatten, hatte auch Cygfa es jedem noch einmal vorgeführt, nur um ganz sicherzugehen, dass sie es auch verstanden hatten. Unzweifelhaft war in den Augen eines jeden der Krieger die Gewissheit abzulesen, dass es besser wäre, rasch zu sterben, als den Henkern des neuen Kaisers gegenübertreten zu müssen.
Cunomar dagegen wusste, dass es besser war, im Kampf zu fallen als durch sein eigenes Messer, dennoch hatte er sich ihre Anweisungen genau angehört und so lange wiederholt, bis die Handlung ihm schließlich so real erschien, dass er sich wunderte, überhaupt noch am Leben zu sein. Während sie nun an der Wasserlinie entlangritten und Cunomar sich die Situation im Geiste noch einmal vor Augen führte, wusste er, dass er so etwas durchaus fertig bringen würde, dass dem griechischen Jungen dafür aber der Mut fehlte. Als schließlich auch das Wellenzählen seine Gedanken nicht mehr länger von dem Bevorstehenden abzulenken vermochte, malte er sich die vielen verschiedenen Möglichkeiten aus, mit denen Cunomar, Sohn des Caradoc, alle Erwachsenen überleben, zwei Römer töten und sogar Philonikos’ Leben noch ein Ende bereiten würde, ehe er die kurze, betrügerische Klinge schließlich gegen sich selbst richtete. Immer wieder stellte er sich diesen Handlungsablauf vor und konnte schon regelrecht spüren, wie das Messer Haut und Muskeln durchtrennte und schließlich bis in sein Herz hineindrang. Auch konnte er bereits die Enttäuschung auf den Gesichtern der Feinde erkennen, als diese um ihren gerechten Lohn gebracht wurden, konnte die auf ihn einstürmende Dunkelheit spüren und sehen, wie Brigas Gesicht immer klarer wurde, während er langsam starb. Selbst solche Bilder der Niederlage waren immer noch besser als diese andere, noch größere Angst, die bereits an den Rändern seines Bewusstseins zu nagen begann: die kalte, hartnäckig lauernde Frage, wie sein Vater eigentlich ein Schwert im Kampf führen wollte, wenn sein durch die Gefangenschaft zerschundener Körper doch noch nicht einmal mehr eine Axt schwingen konnte.
Noch immer hatte sich die Entfernung zu dem Schiff scheinbar nicht verringert. Für hundert Schritte, die sie vorangekommen waren, schien es sich um hundert Schritte weiter von ihnen zurückgezogen zu haben. Die Küstenlandschaft aber hatte sich verändert. In zunehmend kürzeren Abständen säumten kleine Findlinge den Strand, der das gleiche Grau angenommen hatte wie die Dämmerung. Die Pferde mussten sich nun vorsichtig ihren Weg ertasten. Schon bald waren sie durch steiniges Geröll, das sich über eine Länge von hundert Schritten oder noch weiter erstreckte, gezwungen, weiter landeinwärts zu reiten, und damit entschwand auch das Schiff aus ihrem Blickfeld. Einmal beschrieb ihr Weg eine so scharfe Kurve, dass Cunomar für einige wenige Schritte klar den hinter ihm reitenden Dekurio erkennen konnte, und was er da sah, trug nicht gerade zu seiner Ermunterung bei: Valerius trank ganz unverhohlen. In der einen Hand hielt er sein nacktes Schwert, hatte es quer über den Hals seiner Stute gelegt, mit der anderen goss er sich stetig den Tavernenwein in den Mund.
Hinter Valerius saß der Sklavenjunge und klammerte sich voller Angst an Valerius’ Tunika fest. Er war nicht gerade ein geborener Reiter, so viel war schon einmal klar, doch hatte er mit angesehen, wie Valerius dem Wirt seine Züchtigung hatte zukommen lassen, und daher war seine Angst vor dem Dekurio noch größer als die vor dem Pferd. Cunomar beobachtete, wie Valerius einmal hinter sich griff und dem Jungen einen Schluck von seinem Wein anbot und wie dieser daraufhin lediglich verängstigt den Kopf schüttelte. Gänzlich unbeeindruckt davon schwenkte Valerius nun die Flasche nach rechts und nach links und bot damit offenbar auch einigen vorbeiziehenden, unsichtbaren Gestalten seinen Wein an. Valerius’ Gesicht zeigte keinerlei Regungen, war jedoch in Schweiß gebadet, der sich in der kleinen Mulde über seiner Oberlippe sammelte und geradezu in Strömen an seinen Schläfen hinabrann. Doch das war lediglich das Bild, wie es sich ihnen bereits jeden Morgen und jeden Abend gezeigt hatte, wenn Valerius in seinen Weggefährten gegenüber recht beleidigender Art am Feuer gesessen und getrunken hatte. In den vierzehn Tagen, die ihre Reise bereits dauerte, hatte Cunomar gelernt, das jeweilige Maß von Valerius’ Betrunkenheit recht gut einzuschätzen, und gegenwärtig befand er sich in einem Stadium, in dem er nach Cunomars Dafürhalten schon kaum mehr bei Besinnung sein konnte.
»Glaubst du, auf diese Weise den Schmerzen des Kampfes zu entkommen, oder glaubst du, dadurch den Mut zu finden, gegen deine eigenen Leute zu kämpfen?«
Cunomars Stimme verriet ihn. Mitten im Satz schlug sie um. Der Anfang hatte dunkel und voll tönend geklungen, das Ende jedoch hoch und schrill und viel zu laut. Bestimmt hatte man ihn selbst auf dem Schiff noch hören können, und auch weiter landeinwärts, wo die römischen Wachen gerade nach ihrer Spur suchten. Cunomar merkte, wie sein Vater sich blitzschnell umdrehte, sah dann aber, wie Dubornos Caradoc beruhigend eine Hand auf den Arm legte, und war ihm dafür äußerst dankbar.
Valerius drehte sich leicht im Sattel herum, um Cunomar ansehen zu können. Schließlich schaffte er es sogar, seinen Blick auf Cunomars Gesicht zu konzentrieren. »Wenn das tatsächlich der Grund für mein Trinken wäre, dann würde das gleichzeitig bedeuten, dass es jetzt auch kein Entkommen mehr gibt. Und für den Fall solltest du besser hoffen, dass ich tatsächlich den Mut gefunden hätte, von dem du eben gesprochen hast. Vielleicht aber lässt mein Gott Marullus’ Hand ja so lange innehalten, dass der Kampf mit Worten statt mit Klingen ausgefochten werden kann. Auch darum könntest du jetzt beten.«
Valerius sprach so leise, dass seine Worte kaum über das Rauschen der Wellen hinweg zu hören waren. Er schien nicht betrunken, andererseits hatte Cunomar ihn auch schon zuvor einmal dabei beobachtet, wie er einen kompletten Krug allein ausgetrunken hatte und danach nicht ein einziges Mal gelallt hatte.
Zwischen zwei Geröllfeldern wurde der Pfad etwas breiter. Cygfa holte auf, um neben Cunomar zu reiten; es war nicht klar, ob dies dem Zweck dienen sollte, ihn etwas zurückzuhalten, oder ob sie ihn beschützen wollte. Merkwürdigerweise holte nun auch Valerius auf, um an Cunomars anderer Seite entlangzureiten, und kam dabei so nah heran, dass die Beine des hinter Valerius sitzenden Sklavenjungen an Cunomars Oberschenkel streiften. Das Beben der Angst übertrug sich somit vom einen auf den anderen und zerstörte die Ruhe des Meeres.
Von links fragte Cygfa: »Warnen dich deine Geister bereits vor dem Tod, Römer?«
Wie ein schlechter Schauspieler rollte Valerius scheinbar entsetzt die Augen und entgegnete: »Warum fragst du sie nicht einfach?«
»Mit mir sprechen sie nicht.«
»Nein, natürlich nicht.« Der Dekurio starrte in die sie umgebende Dunkelheit. »Im Moment warnen sie mich noch vor gar nichts. Und mein Gott verspricht mir sogar den Sieg.«
»Bedeutet schon ein bloßes Überleben für dich den Sieg?«
Valerius lachte laut auf, und der Alkoholpegel in seinem Blut ließ das Gelächter alles andere als beherrscht klingen. Es kostete ihn einige Anstrengung, sich wieder zusammenzureißen. Dann entgegnete er: »Kriegerin, du hast einfach schon zu viel Zeit auf Mona verbracht und den Sprüchen der Ältesten gelauscht. Aber, ja, zu jedem anderen Zeitpunkt als diesem wäre schon mein bloßes Überleben Erfolg genug. Nur heute Nacht müssen auch noch dein Leben und das deiner Familie gerettet werden, damit man es einen Sieg nennen könnte.«
»Und das willst du mit Hilfe des Weins erreichen?«
»Das werde ich durch welche Mittel auch immer gerade zur Hand sind erreichen.« Lächelnd hob der Dekurio wieder des Gefäßes. Hinter dem Hals des Kruges blitzten seine schwarzen Augen, erfüllt von Zorn und einem unergründlichen Schmerz. Jetzt, als er dies sah, begriff Cunomar, dass Valerius so ziemlich jede beliebige Menge an Wein trinken könnte und doch niemals anders als stocknüchtern wirken würde.
Das Dämmerlicht ging allmählich in Dunkelheit über. Die Sonne riss indigoblaue Löcher in die Wolken und umrahmte sie mit wahrem Feuerglanz. Langsam näherten sich die Flüchtlinge dem Schiff. Als sie eine bestimmte Stelle passierten, legte Luain mac Calma die Hände um den Mund und ließ den Schrei der jagenden Eule erklingen. Der Schrei war gut imitiert, aber er hätte ebenso gut auch gleich einfach brüllen können, denn nur ein Mensch, der in der Stadt geboren und aufgewachsen war, würde noch glauben, dass eine Eule über dem Meer auf Jagd ging, und Cunomar glaubte nicht, dass Marullus, der Zenturio, der sie verfolgte, ein solch dümmlicher Stadtmensch war.
Auf dem Schiff jedoch war das Signal gehört worden und wurde sogleich beantwortet. Nun war auch der letzte Anschein des Verborgenseins dahin. Im Halbdunkel wurden jetzt Lampen entzündet und warfen eine Kette von tanzenden Lichtern über das Meer. Eines, das heller brannte als der Rest, begann sich langsam und in unregelmäßigem Tempo ins Takelwerk hinaufzubewegen, wurde also offenbar von jemandem gehalten, der nur mit einer Hand kletterte und dabei sehr vorsichtig vorging. Als das Licht auf halber Höhe angelangt war, begann es rhythmisch von einer Seite zur anderen zu schwingen. Auf dieses Signal hin legte ein Skiff von der Seite des Schiffes ab. Es sah zwar nicht groß genug aus, um fünf Erwachsene, zwei Jugendliche und einen Säugling aufzunehmen, doch Cunomar war zuversichtlich, dass es, wenn er es erst einmal erreicht hatte, gewiss ausreichend Platz böte. Zumindest beantwortete es die Frage, wie sie das Schiff erreichen wollten, das immerhin acht Speerwurflängen entfernt vor der Küste lag.
Zügig durchschnitt das Skiff das Wasser. Die Ruder hinterließen schaumige, grünlich schimmernde Streifen, die sein Vorankommen so präzise anzeigten wie Spuren im Sand. Es steuerte geradewegs auf einen deutlich hervortrendenden Ausläufer der Landzunge zu, der, wie man nun erkennen konnte, bereits in erreichbarer Nähe lag. Während er all dies beobachtete, spürte Cunomar endlich wieder ein Aufkeimen der Hoffung, wie er es in den letzten zwei Jahren seiner Gefangenschaft nicht mehr gefühlt hatte. Er wandte sich zu Cygfa um und sagte: »Der Gott des Verräters hat ihm also anscheinend …«
Er hielt abrupt inne. Für die Römer, die hinter ihnen herritten, bestand kein Anlass dafür, in Deckung zu bleiben, und folglich hatten sie auch nicht ihre Schwerter durch Schlamm gezogen. Landeinwärts ließ die Sonne feurige Funken von der Klinge eines zweischneidigen Schwerts aufsprühen. Gleich darauf war auch schon die Horde der sich darum bewegenden Schatten zu erkennen. Cunomar würgte.
Als Cygfa seinen Gesichtsausdruck sah, riss sie ihr Pferd herum. Valerius jedoch war noch schneller gewesen. Der Weinkrug fiel ihm aus der Hand und rollte über die Grassoden. Erst sagte er hastig etwas auf Belgisch und dann auf Eceni. »Mac Calma, nimm den Sklavenjungen. Reite auf das Ruderboot zu. Ich werde sie aufhalten.«
»Einer gegen neun?«, entgegnete Caradoc. »Wohl kaum. Die Felsen hier bilden eine sehr brauchbare Formation und werden unsere Rücken und unsere Seiten schützen. Wir werden hier bleiben und wie Krieger kämpfen. Und wenn wir dann sterben sollten, wird man sich unserer wenigstens mit Stolz erinnern können.«
Caradoc konnte Tausende in einen Krieg führen. Seine Stimme konnte sie alle packen und beschützen. Cunomar spürte die Gewissheit, mit der Caradoc sprach, den Mut und die Ehrenhaftigkeit, die seinem Vater schon in die Wiege gelegt worden waren, und plötzlich wusste Cunomar zum zweiten Mal, dass Grund zur Hoffnung bestand, und ein berauschender Stolz ergriff ihn. Der Junge zog die Klinge, die mac Calma ihm gegeben hatte, und spürte, wie ihr Gewicht an seinem Arm zog. Sofort geriet seine Hoffnung wieder ins Wanken. Jetzt kam der Augenblick der Wahrheit, und Cunomar war sich nicht sicher, ob er auch nur einen einzigen Schlag damit würde ausführen können. Mit der einen Hand hielt er das Schwert und mit der anderen tastete er nach seinem Messer und wusste, dass - sobald das Pferd unter ihm straucheln sollte - er beide verlieren und lebend gefangen genommen werden würde. Vor allem aber würde in diesem Augenblick auch sein Vater aufhören zu kämpfen. Genau das Gleiche war schon einmal passiert, damals, im kaiserlichen Audienzsaal, und dabei hatte sein Vater die Brauchbarkeit seiner Schulter eingebüßt. Das wollte Cunomar nicht noch einmal mit ansehen. Also legte er beide Hände um den Griff des Schwertes und ließ die Klinge genauso auf dem Hals seiner Stute ruhen, wie der Dekurio es getan hatte. Irgendetwas in seinem Inneren schien sich plötzlich auf recht unangenehme Weise aufzulösen, und Cunomar befürchtete, nun auch noch die Kontrolle über seine Eingeweide zu verlieren. Der mit Leder umwickelte Schwertgriff rutschte in seinen schweißnassen Handflächen hin und her, und alles, was Cunomar noch tun konnte, um zu verhindern, dass das Schwert ihm aus der Hand fiel, war, den Griff noch fester zu umklammern.
Cygfa berührte Cunomar kurz am Oberschenkel. »Reite hinter mir. Sollte ich getötet werden oder das Pferd unter mir, dann halte dich stattdessen dicht an mac Calma. Und sobald irgendwie die Möglichkeit besteht, reitest du zum Ruderboot hinüber.«
Cygfa war nun voll und ganz bei der Sache, und jetzt wurde auch Cunomar wieder klar, wer sie eigentlich gewesen war, an jenem Morgen vor der letzten Schlacht, als er sie beobachtet hatte, wie sie mit Braint zusammen die gestreifte Feder in ihren Zopf geflochten hatte.
Cunomar erinnerte sich nun auch wieder daran, wie er sich damals gefühlt und welche Flüche er ausgestoßen hatte. Nun spürte er etwas Ähnliches, doch sein damaliger Neid war ganz einfach, beinahe noch unschuldig gewesen, und dies alles wurde nun von ihrer unverhohlenen Sorge um ihn befleckt und von dem, was Cunomar in diesem Augenblick auch sonst noch für sie empfinden mochte. Die Krähenfedern in ihrem Haar flatterten und wirbelten herum, als sie den Kopf wandte und seinen Blick auffing - die Zeichen des Kriegers, die sie sich bereits verdient hatte und die ihm noch fehlten. Sie wollte damit gewiss nicht protzen, zumindest nicht ihm gegenüber, und doch glühte in seiner Brust ein kleiner Funke des Grolls, der ihn in seinem Entschluss nur noch bestärkte.
»Nein. Ich werde auf deiner Linken kämpfen, als dein Schutzschild.« Dann lächelte er, wie er auch seinen Vater vor einer Schlacht hatte lächeln sehen. »Vertrau mir.«
Für einen langen Augenblick starrte Cygfa ihn einfach nur an, in ihren Augen einen merkwürdigen Ausdruck, dann erwiderte sie: »Gut. Es wird Zeit, dass du deinen ersten Feind tötest, und sollten wir hinübergehen in die andere Welt und in die Umarmung Brigas, wird es gut sein, wenn du als Krieger zu ihr gehst.« Nun grinste sie, wie sie auch Braint schon einmal angegrinst hatte, und zum ersten Mal verstand Cunomar die Kameradschaft des Kampfes; er liebte sie, und sie liebte ihn, und sie würden den Feind nun als Gleichwertige bekämpfen, jeder den anderen beschützend. Seine aufkeimende Freude aber vermischte sich sofort wieder mit Angst, so dass Cunomar nicht sagen konnte, welches von beiden ihn erneut würgen ließ.
»Wenn wir jetzt Kampfgenossen werden, dann musst du aber tun, was ich dir sage, und zwar ohne zu fragen«, fuhr Cygfa fort. »Schwörst du, dass du genau das tun wirst?«
Cunomar erinnerte sich wieder an einen Eid, den er vor langer Zeit auf das Haupt seiner kleinen Schwester geschworen hatte. Wortwörtlich wiederholte er diesen Schwur, und er war sehr zufrieden, als er sah, wie Cygfas Augen dabei ganz groß wurden. »Sehr gut.« Cunomar fand, dass Cygfa beeindruckt aussah. »Dann halte den Rücken deines Pferdes den Felsen zugewandt und steig nicht ab, außer wenn du unbedingt musst. Und bleib an meiner rechten Seite, nicht an meiner linken. Das soll für den heutigen Tag dein Platz sein.« Dann blickte Cygfa an ihm vorbei und riss den Arm hoch. »Philonikos! Führ dein Pferd hier hinter uns.«
Philonikos kam angeritten; er sah ganz krank aus vor Angst. Zögerlich zog er auf Cygfas Anweisung hin sein Messer hervor. Zitternd lag es in seiner Hand. Cunomar lächelte ihn an, wie er auch Cygfa schon zugelächelt hatte.
»Unter den Armen ist ihre Rüstung am schwächsten«, sagte er, denn das hatte er von seiner Mutter gehört. »Stich sie an dieser Stelle, wenn du kannst. Oder ziel auf die Augen.«
Der Junge nickte wie benommen. Den Blick auf Philonikos’ Brust geheftet, prägte sich Cunomar noch einmal genau jene Stelle ein, in die er hineinstechen musste, wenn sie überwältigt werden sollten und er seinem Leben ein rasches Ende bereiten wollte.
Die anderen Krieger hatten ihre Pferde zu seiner Rechten aufgereiht, die Felsen im Rücken, und jeder beschützte die frei liegenden Seiten des jeweils anderen, ausgenommen an den Enden der Reihe, also zu Cygfas Linker und an Caradocs rechter Seite, wo der Fels jedoch als Schutz diente. Caradoc schwang ein paarmal seine Klinge, um die Beweglichkeit seiner rechten Schulter zu erproben. Als klar war, dass er auf diese Art nicht würde kämpfen können, wechselte er seinen Schild in die rechte Hand und wirbelte das Schwert mit seiner Linken herum. Solche Dinge hatten sie in der Kriegerschule auf Mona gelernt, aber Cunomar hatte nicht den Eindruck, dass sein Vater diese Fähigkeit sonderlich gut erlernt hatte, und selbst wenn, so schwächten ihn doch zumindest noch immer die Narben an seinem linken Handgelenk. Caradoc sagte irgendetwas zu Cwmfen, das er nicht verstehen konnte, und er sah, wie sie daraufhin den Platz tauschte und auf Caradocs rechte Seite ritt. Wie ihre Tochter, so war auch sie ruhig und gefasst, aber der kleine Math, der auf ihren Rücken gebunden war, behinderte ihre Bewegungen.
Am anderen Ende der Reihe hatten sich mac Calma und Dubornos, Träumer und Sänger, an Caradocs linke Seite gedrängt. »Werden sie Bogenschützen mitgebracht haben?«, fragte Dubornos.
Valerius schüttelte den Kopf. »Wenn sie die nicht direkt von der Stadtwache aus mitgebracht haben, dann nicht.«
»Und in Gesoriacum gibt es ohnehin keine Bogenschützen«, stimmte mac Calma zu.
»Trotzdem zähle ich mehr als neun Männer in ihrer Reihe. Dein Zenturio scheint also von irgendwoher Unterstützung angefordert zu haben«, warf Cygfa ein, und sie hatte damit leider Recht. Der Feind hatte sein Tempo nun, da er wusste, dass man ihn entdeckt hatte, verringert. Mehr als ein Dutzend Männer hatten sich in der Dunkelheit zu einer geschlossenen Linie formiert, erkennbar an dem vom Sternenlicht erhellten Gefunkel ihrer Bronzeverzierungen und dem frei von aller Tarnung aufblitzenden Eisen.
Cunomar versuchte zu zählen, wie viele Waffen der Feind bei sich trug, konnte es aber nicht genau erkennen. Noch immer rutschte der Griff seines Schwertes in seiner feuchten Hand hin und her. Cunomar packte den Griff also mit beiden Händen und wiederholte im Stillen noch einmal den Schwur, den er Cygfa gegenüber geleistet hatte. Alle Krieger hatten Angst; das zumindest hatte ihm sein Vater früher einmal erzählt. Die wahre Mutprobe bestand darin, trotz dieser Angst zu kämpfen, und nicht nur dann, wenn man keine Furcht empfand. Fieberhafte Erregung ließ Cunomars Brustkorb erzittern, und er versprach sich selbst im Namen Brigas, dass er als Krieger und seines Erbes würdig sterben würde.
Die näher rückende Linie des Feindes war nun dicht genug herangekommen, dass man Details der Rüstungen erkennen konnte, wenn auch nicht ihre Insignien. Mit zu Schlitzen verengten Augen sagte Dubornos: »Außer den neun, die uns verfolgt haben, kann ich noch acht weitere zählen. Die neuen sind gallische Kavalleristen.« Er wandte den Kopf zur Seite und warf Valerius einen raschen Blick zu. »Du warst doch bei den Galliern, als du damals die Lachsfalle erobert hast, nicht wahr? Vielleicht haben sie jetzt deine alte Truppe gegen dich losgeschickt.«
Valerius war plötzlich sehr blass geworden. Dieser Gedanke war ihm offenbar nicht neu. »Vielleicht haben sie das«, stimmte er zu.
Zwar war Valerius nicht Teil ihrer Gruppe von Kriegern, dennoch hatte er sich links vor sie postiert. In den Stämmen tat dies nur einer, der für sich beschlossen hatte, dass er lieber allein kämpfen - oder als solcher fallen - wollte. Ganz so, als ob ihm diese beiden Alternativen erst jetzt bewusst geworden wären, sagte er in scharfem Belgisch etwas zu dem hinter ihm reitenden Sklavenjungen, der daraufhin aber den Kopf schüttelte und die Tunika seines Herrn nur noch fester packte. Valerius riss den Arm hoch, als ob er den Jungen schlagen wollte, hielt aber mitten in der Bewegung inne, starrte einen Moment in die Nacht hinaus und ließ den Arm langsam wieder sinken.
»Wenn du willst, dann bleib«, sagte er und fügte noch hinzu: »Das da auf der Standarte ist der gallische Hahn, nicht der Pegasus. Sie gehören also nicht der Quinta Gallorum an. Er hat tatsächlich eine Truppe der Stadtwache mitgebracht.« Sie alle konnten die Erleichterung aus seinen Worten hören und den puren, unprätentiösen Kampfesmut, als er sein Pferd vorantrieb: »Jetzt wäre der passende Zeitpunkt, um dafür zu beten, dass Marullus wirklich keine Bogenschützen mitgebracht hat.«
Mitten in der Sichtlinie des Feindes hielt Valerius an, hob die Hand zum Gruß der Kavalleristen und rief: »Marullus!«
Die Kraft, die in seiner Stimme mitschwang, war erstaunlich. Er hatte eindeutig bereits auf Schlachtfeldern gekämpft, wo ein Offizier auch über eine größere Entfernung hin gehört werden musste, wenn dieser nämlich entweder seinen eigenen Männern etwas zurief oder, wie hier, den Namen jenes Mannes, der seine Feinde anführte.
»Marullus!« Valerius rief ein zweites Mal, und der Name schwebte für einen Moment in der Stille.
Der Feind hielt an und gewährte Valerius die Ehre, angehört zu werden. Kein einziger Pfeil flog durch die Nacht, um Valerius für seine Unverschämtheit zu bestrafen.
Als ob er einen bereits auswendig gelernten Text rezitierte, hob Valerius noch einmal an: »Vater! Ich grüße dich im Namen des Stieres und des Raben. Ein Sohn sollte nicht gegen seinen Vater kämpfen, noch sollte er von diesem angegriffen werden. Ich will dir nichts Übles, aber ich stehe unter dem Eid des Gottes und des Kaisers. Möge ihr Wille geschehen.«
Marullus’ Stimme war etwas tiefer, auch sie hatte bereits den Schlachtenlärm übertönt. Ähnlich wie die Stimme Neptuns, dröhnte auch Marullus’ Stimme bis in die bebenden Brustkörbe jener hinein, die ihm zuhörten. Frei von allem Zorn sagte er: »Der Wille des Gottes ist unergründlich; der Kaiser jedoch nennt dich nun einen Verräter. Und sein Wille ist Gesetz. Früher oder später wirst du also sterben müssen. Und besser wäre es für dich, du würdest jetzt sterben.«
Verräter. Auch mac Calma hatte schon einmal so etwas gesagt, jetzt aber hatte dieser Vorwurf plötzlich einiges mehr an Gewissheit bekommen. Wie Schnee in der Nacht fiel dieses Wort immer wieder und wieder auf jene hinab, die dort hinter ihm warteten und damit sowohl der See als auch der letzten Ahnung von Freiheit den Rücken gekehrt hatten. Man konnte sich vorstellen - und fürchten -, welche Art von Tod Rom für einen Verräter bereithielt.
Valerius’ Stimme klang gefasst: »Wer ist jetzt Kaiser?«
»Nero, Claudius’ legitimer Nachfolger. Das weißt du. Du hast doch den schwarzen Rauch des Leuchtfeuers gesehen.«
Sie alle hatten den Rauch gesehen, und selbst Cunomar hatte begriffen, dass dieser von ihrem schon nahe bevorstehenden Untergang kündete. Allein der Dekurio hatte noch immer daran geglaubt, dass sie mit heiler Haut davonkommen würden.
»Ich habe meinen Befehl in gutem Glauben von einem von Claudius’ Beauftragten persönlich entgegengenommen. Wenn sein Nachfolger diesen Befehl nun also widerrufen wollte, hätte er mir bloß eine Nachricht zukommen lassen müssen!«, rief Valerius in die Dunkelheit.
»Das hat er ja auch versucht. Nur dass du dem Boten, der euch zwei Tage lang gefolgt war, um dir, ebenfalls persönlich, genau diese Nachricht zu überbringen, einfach die Kehle durchgeschnitten hast.«
Valerius verfiel in Schweigen. In seinem Unvermögen, jetzt noch die passenden Worte zu finden, lag Cygfas unausgesprochener Vorwurf. Siehst du? Du hast getötet, ohne einen Grund dafür zu haben. Ein wahrer Krieger tut so etwas nicht.
Mac Calma aber hatte augenscheinlich nichts von dem getöteten Boten gewusst. Er brach nun das Schweigen und sagte leise: »Danke. Sie werden sich jetzt zwar nicht zurückziehen, aber du hast dein Bestes gegeben, und dafür sind wir dir dankbar. Du kannst noch immer fliehen. Der Weg nach Westen ist frei und führt dich in die Dörfer derer, die nicht Rom unterstützen. Und wenn sie uns hier erst einmal umzingelt haben, denke ich nicht, dass sie dich noch verfolgen würden.«
Valerius stieß ein raues Lachen aus. »Aber wohin sollte ich mich denn anschließend wenden? Wenn ich schon in Rom und in Gallien als Verräter gelte, dann ebenso in Britannien. Und für einen Offizier, der Verrat an seinem eigenen Kaiser begangen hat, hat die Prima Thracum ganz bestimmt keine Verwendung mehr. Es scheint, als habe soeben mein Gott gesprochen. Den Sieg aber verspricht er mir nicht mehr. Vielleicht wird er mir in der Welt, die auf diese folgt, einmal erklären, warum.«
Damit wandte Valerius seinen Blick wieder hinaus in die Nacht, zog sein Schwert einmal durch die Beuge seines Ellenbogens und befreite die Klinge dadurch von dem sie bedeckenden Schlamm. Hell glitzerte es im Licht des aufgehenden Mondes und der Sterne. Valerius riss das Schwert empor und rief noch ein letztes Mal: »Du hast deine Wahl getroffen, Marullus! Jetzt erproben wir den Sohn gegen den Vater.«
Leiser und an seine Gefährten gewandt, so als ob er gerade seine Kavallerietruppe befehligte, fügte er hinzu: »Haltet euch bereit. Der Fels hindert sie daran, unsere Flanken anzugreifen, darum werden sie die halbe gallische Hilfstruppe als Speerspitze aussenden, um eine Bresche in die Mitte eurer Reihe zu schlagen, der Rest kommt dann von vorn in geschlossener Linie auf uns zu. Wenn die Speerspitze Erfolg haben sollte und ihr in zwei Gruppen zerrissen werdet, dann bildet Kreise, eure Rücken jeweils der Mitte zugewandt und die Schwächsten nach innen. Haltet euch so dicht an die Felsen, wie ihr nur könnt; sie werden euch als Schutzschild dienen.«
Noch einmal erhob Valerius sein Schwert zum Gruß, und auf seinem Gesicht zeichnete sich derselbe trockene, von Wein inspirierte Spott ab, dessen Maske er schon die gesamten zwei Wochen ihrer Reise getragen hatte. Zu niemandem Besonderen sagte er dann: »Viel Glück. Wenn eure Götter euch noch immer erhören, dann betet jetzt zu ihnen und bittet um einen raschen Tod im Kampf. Sie sind uns zahlenmäßig weit überlegen, auf einen von uns kommen mehr als drei von ihnen. Es sollte also nicht lange dauern.«
Wie sehr auch immer sie ihn hassen mochten, einen Feigling jedenfalls konnte man ihn nicht schimpfen. Cunomar hörte, wie Valerius in jenem Augenblick, ehe sich die beiden Reihen schlossen, laut und in einer Sprache, die weder Eceni war noch Gallisch oder Latein, eine - so schien es für ungeschulte Ohren - trotzige Litanei von Namen ausstieß. Am Ende ertönten, einer Anrufung gleich, drei mit harter Stimme gesprochene Worte in Eceni. Das letzte dieser Worte war der Name eines Hundes: Hail.
 
Mit bitterem Ungestüm verfluchte Valerius die mannigfaltigen Namen seines Gottes in der Sprache jener aus dem Osten stammenden drei Weisen aus dem Morgenland, denn sie hatten diesen Namen als Erste unter den Menschen verbreitet. Er wollte einfach nicht sterben. Und ohne Mithras’ Schutz wollte er auch nicht den Geistern gegenübertreten. Er wollte nicht gegen Marullus kämpfen, den er ebenso sehr achtete wie jeden anderen Offizier der Legionen, den er genau genommen sogar noch höher schätzte. Vor allem aber wollte er nicht in der Gesellschaft von Caradoc von den Drei Stämmen kämpfen und fallen, ganz gleich, ob dieser ihn nun hintergangen haben mochte oder nicht, und auch nicht in Gesellschaft von Luain mac Calma, ob dieser ihn nun gezeugt haben mochte oder nicht. Und wenn er nun trotzdem all dies tun musste, dann wollte er zumindest einen Schild haben, ganz verzweifelt sogar. Außerdem wünschte er sich Longinus Sdapeze herbei, der als einziger von allen Männern die Fähigkeit besaß, ihm vor einer Schlacht Mut zu machen, der ihn zum Lachen brachte und die unmöglichsten Wetten aufstellte, die den Krieg gleich weniger grausam und mehr wie ein Spiel erscheinen ließen.
Doch sein Gott beantwortete Valerius’ Flüche ebenso wenig, wie er seine Gebete erhört hatte. Vielmehr schickte er siebzehn voll ausgebildete Männer gegen fünf Erwachsene und zwei Kinder; dies war also kein Spiel mehr. Für die Stute allerdings war Valerius sehr dankbar. Er selbst hatte sie sich aus den Ställen des Kaisers ausgewählt, bevor er Rom verlassen hatte. Sie war ein kampferprobtes Tier von solcher Güte, dass selbst Longinus ihr seine Bewunderung gezollt hätte. In der Zeitspanne, die vor dem ersten Zusammenprall von Eisen auf Eisen lag, rief Julius Valerius, der einst Bán von den Eceni gewesen war, noch einmal jene Geister an, die ihn am strengsten verurteilt hatten, und forderte sie auf, ihn nun auch bis zu seinem Tode zu begleiten.
Wie von ihm vorhergesagt, bewegten sich die Gallier nun in einer speerspitzenartigen Formation auf sie zu, um ihre Mitte aufzubrechen. Valerius hielt seine Stute so lange zurück, bis der erste von ihnen seine Waffen mit Caradoc kreuzte, schob sich dann in seitlicher Richtung zwischen seine Feinde und agierte wie sein eigener Ein-Mann-Keil, um ihre Formation auseinander zu brechen. Zwar war das kein übliches Manöver, aber es war das, was ein Offizier in einer solchen Situation tun würde. Er wollte nicht, dass Marullus später von ihm sagen konnte, er hätte entweder überstürzt gehandelt oder aber gar keinen Mut gezeigt. Als die Stute jetzt nach vorne stürmte, hörte er, wie hinter ihm der belgische Junge in Todesangst aufschrie, und sandte daraufhin ein Gebet von ganz anderer Art zu seinem Gott empor, ein Gebet, das sein Bedauern über den sinnlosen Tod eines Kindes zum Ausdruck brachte.
Den ersten seiner Widersacher tötete er wie aus Reflex, durchschnitt die Kehle jenes Mannes, der einen Sklavenjungen ohne jede Möglichkeit zur Gegenwehr allein deshalb getötet hätte, weil dieser ein leichtes Opfer war. Erst später, als die Leiche aus dem Sattel kippte, erkannte Valerius, dass es ein Römer gewesen war, kein Gallier, dessen Leben er beendet hatte, und dass er den Mann sogar gekannt hatte. In diesem Augenblick aber war es für Bedauern bereits zu spät; denn Reue führte rasch zum Tod, und genau das erlaubte ihm der seinem Körper innewohnende Instinkt nicht.
Valerius zerrte sein Pferd fort von einer anderen durch die Luft wirbelnden Klinge und ritt dabei an Cygfa vorbei, die wie jemand tötete, der dazu geboren worden war, und gleichzeitig noch Cunomar sicher an ihrer Seite hielt sowie Philonikos hinter sich. Rasch zerschmetterte Valerius für sie den Schwertarm eines Galliers, als er hörte, wie sie Cunomar zurief: »Der da ist deiner!« Er wandte sich gerade noch rechtzeitig um, als der Mann seinen Schild erhob, um damit den kraftlosen Schlag des Jungen einfach abzuwehren und gleichzeitig seinen Knüppel hochriss und damit auf Cunomars Gesicht zielte. Es wäre ein tödlicher Schlag gewesen. Valerius’ Schwert aber bestimmte seine Richtung plötzlich scheinbar von selbst, bohrte sich unter den Rand des Helmes, den der Mann trug, und in die einzige, noch ungeschützte Stelle hinein, die einen raschen Tod garantierte.
Der Schild fiel aus den toten Fingern, und doch verfehlte er Cunomars Gesicht nur wenig. Schließlich stürzte der Gallier aus dem Sattel. Valerius beobachtete, wie sich Cunomars Mund in einem tonlosen Schrei verzerrte, der sowohl Verzweiflung als auch Hass ausgedrückt haben mochte, vielleicht sogar, obwohl dies unwahrscheinlicher war, Dank. Der Lärm der Schlacht jedenfalls war schon zu stark angeschwollen, als dass man unter dem Geschrei der vielen noch eine einzelne Stimme hätte ausmachen können. Von der Seite griffen jetzt noch weitere Gallier an, und schon war die verpasste Chance eines Jungen, endlich zu Ruhm zu gelangen, wieder bedeutungslos geworden.
Die Verteidiger töteten, trugen auch einige Wunden davon, doch keiner von ihnen fiel. Die Felsen schirmten ihre Rücken und Seiten ab, so dass der Feind schließlich nur noch von vorn angreifen konnte. So weit zumindest hatte Marullus sie falsch eingeschätzt, oder er hatte keine Kundschafter vorausgeschickt, die das Gebiet zuvor schon einmal sondierten. Valerius’ Hoffnungen begannen bereits wieder zu keimen, bis er, in einem kurzen Augenblick der Stille, das Prasseln von auseinander spritzendem Strandkies hörte, der wie Regen auf einem Dach erschallte, und dann, als er nach rechts blickte, eine weitere Truppe von Reitern in scharfem Galopp heranpreschen sah. Diese nun machten endgültig alle Chancen zunichte, dass auch nur einer der Verteidiger noch fliehen und zu dem wartenden Ruderboot laufen könnte. Genau das schien der Grund zu sein, warum die zusätzlichen Reiter aufgetaucht waren.
Der Offizier in Valerius musste abermals Marullus’ Taktik bewundern, noch während er die Gegner abzuwehren versuchte. Die Stute wirbelte von allein wieder herum. Zwei Männer stürmten auf ihn los, von jeder Seite einer, und Valerius riss am weichen Maul des Pferdes und tat ihm damit weh, doch es bäumte sich auf der Hinterhand auf und brachte ihn mit einem Satz vorwärts außer Reichweite seiner Widersacher. Er spürte das kurze Zerren in seinem Rücken und begriff, dass soeben der Sklavenjunge hinuntergefallen war, und das tat ihm aufrichtig Leid. Dann tötete er den ersten seiner Angreifer und stellte fest, dass den zweiten bereits Luain mac Calma erledigt hatte. Eigentlich hätte der Träumer gar nicht hier sein sollen, denn er wurde dringend woanders gebraucht. In dem Knäuel von Kriegern, in dem sowohl Caradoc als auch Dubornos waren, hörte Valerius das unangenehme Geräusch von mindestens einem Eisenschwert, das auf eine bereits beschädigte Waffe prallte. Als er sich kurz umwandte, erkannte er Cwmfen, die ihr Pferd näher an Caradocs Rechte herandrängte und ihn auf diese Weise zu schützen versuchte, denn der Krieger verlor sichtlich an Kraft. Zwar empfand Valerius keinerlei Zuneigung für auch nur einen von denjenigen, die mit ihm kämpften, doch da ihr Tod eng mit dem seinen verknüpft sein würde, wollte er ihn möglichst lange hinauszögern.
Schon rückte Marullus’ zweite Kampfreihe gegen sie vor. Valerius zertrümmerte einen nach ihm geschleuderten Speer - die Gallier hatten Speere! - und rief in mac Calmas Richtung: »Kümmere dich um Caradoc. Mit mir ist alles in Ordnung.«
»Dann hol dir den Jungen und reite zu den Ruderbooten. Du bist es, den sie zu töten versuchen, nicht wir.«
Es stimmte. Der Hauptteil des römischen Angriffs richtete sich allein gegen ihn. Nur der wegrutschende grobe Kies des Strandes und die Krieger zu beiden Seiten hielten sie noch davon ab, ihn zu überwältigen. Über das Chaos des Kampfes hinweg brüllte der Träumer erneut: »Hol den Jungen!« Sein Schwert tanzte nach rechts und links, um ihnen etwas Platz zu verschaffen. Mac Calmas Haar und sein Umhang folgten flatternd jeder seiner Bewegungen. »Reite endlich zum Boot, Mann!«
»Kann nicht … eine neue Truppe von Galliern im Weg … tödlich, von hier wegzureiten.«
»Nein. Das sind unsere gallischen... Freunde...« Dann grub sich eine Klinge in die Flanke von mac Calmas Pferd, und sofort bäumte sich das Tier auf der Hinterhand auf, peitschte mit seinen Hufen die Luft und vereitelte dadurch einen für mac Calma sonst tödlichen Schwerthieb. Der Träumer hieb mit aller Kraft zurück. Eisen schlug krachend auf Eisen, und es bestand noch immer die Chance, dass er überleben würde, und das war mehr, als man von den anderen behaupten konnte.
Caradoc war verwundet. Valerius erkannte an der Art, wie sich sein Pferd bewegte, dass Caradocs rechte Hand nicht länger die Zügel hielt. Er wandte sich von mac Calma ab. Unsere Gallier? Unmöglich. Alle Gallier waren auf den Kaiser und auf Rom eingeschworen. Genau in Augenhöhe sauste eine Klinge an ihm vorbei, und er wäre fast getötet worden.
Denken tötete. Ohne weiter nachzudenken schlug er seinen Angreifer von dessen Pferd und beugte sich dann aus dem Sattel heraus, um sein Schwert in das Bein des Mannes zu rammen, woraufhin das Blut nur so aus der Hauptschlagader spritzte, während der Mann sich verzweifelt an die letzten Augenblicke seines Lebens klammerte. Ist das Leben einem erwachsenen Mann, der weiß, was er zu verlieren hat, denn weniger lieb...? Ich denke nicht. Valerius empfand mehr und mehr eine gewisse innere Distanz zu dem Geschehen, so dass es so war, als ob sich ein Teil von ihm aus seinem Körper löste und über dem Kampfgetümmel schwebte, um zu beobachten und zu beurteilen. Wie immer in solchen Augenblicken waren die Geister wieder verschwunden, was ungerecht war, denn wenn Valerius schon sterben musste, dann wollte er, dass sie seinen Tod zumindest miterlebten. Schroff rief er sie zurück, und sein Herz hüpfte freudig, als sie sich schließlich wieder einfanden.
Sein Instinkt zog ihn zu der Stelle am rechten Ende ihrer Reihe, wo Caradoc von seinem Pferd geglitten war und nun Seite an Seite mit Cwmfen kämpfte und dabei seinen Körper benutzte, um Math zu schützen, den sie auf dem Rücken trug. Dubornos war verletzt, konnte aber noch immer gut mit seinem Schwert umgehen. Er kniete neben Cwmfen auf dem Boden; eines seiner Beine hatte ihm den Dienst versagt. Geschwächt, ohne Schilde oder ein vernünftiges Schwert, würde keiner von ihnen mehr lange überleben.
Valerius wollte absteigen und zu ihnen stoßen, als plötzlich ein Schild über die Knöchel seiner linken Hand schrammte und ihm dessen Haltegriff in die Hand gedrückt wurde. Er hatte schon mit seinem Schwert ausgeholt, bis er schließlich begriff und seinen Schwung bremste. Er blickte nach unten zu dem belgischen Jungen, der noch niemals zuvor in seinem Leben geritten war, vielleicht aber schon einmal eine Schlacht gesehen hatte oder an einem der Tage, an denen er frei hatte, an einem winterlichen Feuer davon hatte erzählen hören. Der Junge lächelte, und er war tatsächlich Iccius, der doch einst in einem Heizungskeller umgekommen war. In diesem Augenblick war der Schmerz in Valerius’ Brust so groß, dass er ihn mit Sicherheit hätte töten können, wenn nicht ein durchdringender, vielstimmiger Schlachtruf aus westlicher Richtung seine Gedanken wieder aus der Vergangenheit zurückgerissen hätte.
Unsere Gallier. Ein Dutzend Reiter preschte in gestrecktem Galopp mitten in das Kampfgetümmel hinein. Sie führten Speere bei sich, Langschwerter und stabile Schilde. Und während sie ihre Götter anriefen, stürmten sie auf die Soldaten der römischen Hilfstruppe los. In einem einzigen Augenblick starben allein fünf ihrer Feinde. Unsere Gallier. Dies waren Krieger, die noch immer Mona und den alten Göttern treu waren, die weiterhin ihr Leben riskieren würden, um jenen Träumer, der so häufig nach Gallien reiste, zu verteidigen und auch all jene, die mit ihm ritten.
Unsere Gallier. Mithras! Ich danke dir.
Wie erstarrt stand der Sklavenjunge zwischen den herbeistürmenden Pferden. Auf Belgisch brüllte Valerius: »Gib mir deine Hand! Spring auf mein Pferd! Sie müssen erkennen können, dass du einer von uns bist.«
Der Junge klammerte sich an Valerius’ Ärmel und wurde hinaufgezerrt. Er wog noch weniger, als Iccius jemals gewogen hatte, selbst nachdem Amminios ihn entmannt hatte.
In diesem Augenblick galoppierte ein reiterloses Pferd an ihnen vorüber, mit weißem Schaum vor dem Maul, die Augen weit aufgerissen vor panischer Angst. Valerius schnappte sich die Zügel und zerrte das Tier herum, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Drall des Pferdes, zog es an seine Stute heran und drängte es schließlich vorwärts. Hinter ihm schrie der Sklavenjunge einmal leise auf, verstummte dann jedoch wieder.
Unten auf dem Boden hielt Caradoc sein Schwert jetzt beidhändig, durchschnitt mit seiner Klinge zwar noch immer die Luft, aber nicht mehr in sauberen Schwüngen. Valerius benutzte das herrenlose Tier, um mit dessen Körper einen weiteren römischen Angreifer abzuschmettern. Dann warf er die Zügel nach vorn und rief: »Für dich! Das ist deine Chance. Wenn du überleben willst, dann steig auf!«
Die Antwort des Kriegers wurde von dem um sie herum tobenden Chaos zerrissen. »Nein... Dubornos braucht... es dringender.«
Nun stürmte auch schon die zweite Abteilung der Neuankömmlinge auf sie ein und griff scheinbar willkürlich an. Valerius duckte sich, hieb um sich und erkannte erst verspätet, dass er noch immer jene Rüstung trug, die ihn als Dekurio auswies, und dass er umzingelt war von jenen, die doch angeblich seine Verbündeten waren. Wütend brüllte mac Calma irgendetwas auf Gallisch, und schon wurden die gegen Valerius geführten Schwerthiebe weniger. Auf dem beengten Raum vor den Felsen kämpften mittlerweile Gallier gegen andere Gallier, und nur anhand der blau gestreiften Reiherfedern, die in dicken Büscheln im Haar der Neuhinzugekommenen wirbelten, konnten Freunde noch von Feinden unterschieden werden. Marullus’ Römer waren bis an die Ränder zurückgedrängt worden, und da sie nicht wussten, wonach sie Ausschau halten sollten, sahen sie das Unterscheidungsmerkmal nicht und konnten daher auch nicht weiter töten.
»Lauft zum Boot!« Das war mac Calma, der seine ewig gleiche Litanei sang.
Valerius lachte auf. »Du brauchst dringend ein neues Lied, Träumer.«
Dann wirbelte er herum. Dubornos schwang sich auf den Wallach, den Valerius eingefangen hatte; sein Bein blutete zwar, war aber nicht gebrochen. Sofort wurden noch zwei weitere Pferde gebracht, eines für Cwmfen und eines für Caradoc. Auch Cygfa stieß nun zu ihnen, mit bleichem Gesicht und wild fluchend, und scheuchte dabei einen tobenden Cunomar vor sich her, der unbedingt einen Feind töten wollte, auch wenn er bei dem Versuch selbst umkommen sollte. Nun umringte sie schützend eine Truppe von mit blauen Federn geschmückten Galliern, und endlich schien die Flucht möglich. Da aber brach Marullus, der sich bisher noch aus dem Kampfgetümmel herausgehalten hatte, um stattdessen Befehle zu erteilen, wie aus heiterem Himmel über sie herein und preschte voran.
»Verschwindet!«, schrie Valerius mit seiner Kampfesstimme und auf Eceni, wie er noch niemals zuvor gebrüllt hatte. »Flieht zu dem Schiff! Marullus gehört mir. Um mich zu kriegen, wird er euch entkommen lassen.«
Valerius hatte keine Zeit mehr, um zu sehen, ob man ihm auch gehorchte. Der Zenturio war ein wahrer Bulle, innerlich wie äußerlich, und ebenso leicht und sorglos, wie ein Bulle die ihn plagenden Sommerfliegen verscheuchte, knüppelte Marullus die Gallier nieder. Vor ihm und überall um ihn herum stürzten die Männer aus ihren Sätteln, während Marullus mit seinem Pferd durch die Kampflinien pflügte, um nun schließlich jenen Mann zu erreichen, den er seinen Sohn genannt und dessen Leben er die letzten vierzehn Tage bewusst geschont hatte.
Der gestohlene Schild war Valerius’ Rettung. Unter dem ersten Schwerthieb des Zenturio bekam er zwar einen Riss, doch er zerbrach nicht. Die Wucht des Hiebes allerdings lähmte Valerius’ Arm. Der zweite Schlag zielte nun seitwärts auf Valerius’ Kopf, und wäre nicht in diesem Augenblick seine Stute auf dem vom Blut der Gefallenen glitschig gewordenen Kies ausgerutscht, wäre er womöglich tatsächlich gestorben. So aber verfehlte der Hieb der Klinge sie beide. Sie war ein gutes Tier, doch hörte Valerius auch ihr schmerzerfülltes Schnauben, als sie sich wieder erhob, und augenblicklich wusste er, dass der Knochen in ihrem Vorderlauf gebrochen sein musste oder aber die Sehne gerissen war. Ein letztes Mal zerrte er hart an ihrem Maul, und wie gewünscht erhob sie sich auf ihren Hinterläufen hoch in die Luft. Der belgische Junge ließ sich nach hinten und in Sicherheit fallen. Der Rückschwung von Marullus’ Schwert jedoch traf die Stute genau am Kopf, und bis auf die Zähne hinab wurden ihre Muskeln und ihre Knochen von der rasiermesserscharfen Klinge durchtrennt. Sie schrie gellend auf und stürzte zu Boden, und aus ihren Nüstern schäumte karminrotes Blut. Das Schwert war so tief in sie eingedrungen, dass es sich fest im Knochen verkeilt hatte, und Marullus, der einfach nicht loslassen wollte, verlor das Gleichgewicht. Valerius aber war bereits aus dem Sattel gesprungen, ließ seinen Schild fallen, rollte über den Kiesstrand, schürfte sich dabei den Rücken auf, sprang aber sofort wieder auf die Füße, sein Schwert noch immer fest in der Hand. Das hätte Longinus sicherlich gefallen. Doch Longinus würde niemals davon erfahren. Über ihm, immer noch im Sattel, immer noch laut fluchend, aber auch immer noch aus dem Gleichgewicht gebracht, hing Marullus.
Julius Valerius Corvus, Erster Dekurio der Prima Thracum, wusste in diesem Augenblick, dass er von nun an für seinen Gott und die Legionen für alle Zeit verloren sein würde, und er hieb in das ungeschützte Gesicht jenes Mannes, der ihn gebrandmarkt hatte, der ihn die Litaneien gelehrt hatte, der ihm einen Lebenssinn geschenkt hatte, als aller Sinn verloren schien. Wilde Flüche gegen Valerius ausstoßend, starb Marullus, um sich zu den Geistern zu gesellen, die Valerius verfolgten. Sein Tod wurde von einem lateinischen Aufschrei begleitet, und die römsichen Soldaten am Rande des Schlachtfeldes ließen, als sie sahen, dass ihr Zenturio starb, schlagartig jeden Befehl außer Acht und versuchten nicht mehr länger, Freund von Feind zu unterscheiden, sondern stürzten sich nunmehr auf jeden Gallier, der sich in ihrer Reichweite befand.
»Kommt mit!«
Der Ruf erschallte auf Gallisch und wurde dann noch einmal auf Eceni wiederholt. Eine Hand zerrte an Valerius’ Schwertarm und zog ihn neben einem galoppierenden Pferd her. Dann packten ihn noch weitere Hände unter den Achseln, und schließlich wurde er hochgehoben und bäuchlings auf den Rücken eines der Pferde geworfen. Das Schlachtfeld fiel immer weiter zurück. Valerius kämpfte sich in eine sitzende Position hoch, ergriff die Zügel und entdeckte endlich auch den belgischen Jungen, den Dubornos sicher umfangen hielt. Nur kurze Zeit später hatten sie das Ende der Landzunge erreicht, und die Felsen, das Seegras und die messerscharfen Entenmuscheln erstrahlten unter dem hellen Licht der Lampen der Ruderer. Valerius stemmte sich gegen den Sattel, bereit zum Absteigen. Doch noch immer erlaubte er sich nicht, darüber nachzudenken, wohin er sich wenden sollte, wenn seine Füße erst einmal den Strand berührten.
»Du kommst nicht mit?«
Überrascht blickte Valerius auf. Noch ehe er sich ganz umgedreht hatte, erkannte er jedoch schon, dass es Cygfa gewesen war, die da gerade gesprochen hatte, und dass sie weinte. Für ihn allerdings würde sie niemals weinen.
Über seine rechte Schulter hörte er nun Caradocs Stimme ertönen, die unnatürlich ruhig klang: »Ich kann nicht mitkommen. Es tut mir Leid, wirklich. Aber ich kann nicht, nicht in diesem Zustand.« Der Arm des Kriegers hing schlaff an seiner Seite herab. Niemals wieder würde er einen Schild damit heben können.
»Du musst. Die Krieger von Mona, die Krieger der Ordovizer, die Krieger aller vereinigten Stämme werden dich anerkennen, ob du nun gesund bist oder nicht. Du kannst noch immer mitkommen. Du musst! Ohne dich sind wir nichts.« Vor Kummer konnte Cygfa die Worte nur noch flüstern. Leise verhallten sie im Meeresrauschen.
»Nein. Sie mögen mich vielleicht noch immer anerkennen, aber sie werden mich nicht mehr respektieren.« Caradoc streckte seine linke Hand aus. An beiden Händen krümmten sich schon die Finger nach innen und zitterten wie unter der Schüttellähmung. »Cygfa, ich tu dies nicht, um dir wehzutun, das schwöre ich. Wenn wir keinen Krieg hätten, würde ich ohne zu zögern mitkommen, aber in meinem Zustand kann ich keine Krieger mehr in eine Schlacht führen. Es ist besser, sie wissen, dass ich in Freiheit bin und in Gallien und dass sie denken, ich sei noch unversehrt. Man wird sagen, dass ich hier geblieben bin, um weiter zu kämpfen, während ihr geflohen seid. Später dann wird man erfahren, dass ich noch lebe, und das wird ihnen einen Mut verleihen, wie meine Gegenwart es gar nicht mehr vermöchte. Es tut mir Leid.« Dies war eine schon lange vorbereitete Rede, ebenso wie diejenige von Valerius an Marullus. Es war nicht zu sagen, vor wie langer Zeit Caradoc sich diese Worte bereits zurechtgelegt hatte.
Die Träumer hatten dies aber ganz offensichtlich schon erwartet. Dubornos jedenfalls war keinerlei Überraschung anzusehen, und Luain mac Calma nahm überhaupt keinen Anteil an dem Gespräch, das nur eine Armeslänge von ihm entfernt stattfand. Stattdessen behielt er auf der einen Seite das Ruderboot im Auge und auf der anderen die hinter ihnen tobende Schlacht, wo eine Reihe von Galliern gerade den Rest von Marullus’ Männern abschlachtete.
»Mutter?«, fragte Cygfa. »Willst nicht auch du zu deinem Volk zurückkehren?«
Cwmfen stand hinter Caradoc. Ihre Arme und ihr Gesicht waren mit Feindesblut beschmiert, aber nicht mit Tränen. Sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe bei deinem Vater. Wenn Math aufwächst, muss er sowohl in der Gesellschaft seiner Mutter als auch der seines Vaters sein. Er braucht uns beide, damit er lernt, wer er ist und von welchem Geschlecht er abstammt. Es ist besser so. Du wirst von uns hören und wir von dir.«
»Dann bleibe ich bei euch. Ich werde euch beschützen, und mein Bruder wird in der Gesellschaft seiner gesamten Familie aufwachsen.« Cygfa schlug allerdings nicht vor, dass auch Cunomar bleiben solle.
»Nein.« Caradoc berührte Cygfas Arm. »Du musst noch deine langen Nächte in der Einsamkeit absolvieren. Mac Calma sagt, dass es dazu noch nicht zu spät sei, aber dass das nicht in Gallien möglich wäre. Die Götter findest du auf Mona.«
Valerius beobachtete die Veränderung, die in Cygfa vorging, das plötzliche Aufkeimen einer Hoffnung, die sie schon so tief und so lange begraben hatte, dass sie schon ganz vergessen hatte, dass diese Hoffnung überhaupt noch existierte. Aber weder ihr Vater noch ihre Mutter hatten dies vergessen und vielleicht auch Luain mac Calma nicht, der noch immer sehen konnte, was sie hätte sein können und vielleicht noch immer werden könnte. Langsam und deutlich erkennbar breitete sich diese Erkenntnis nun in ihrem Innersten aus.
Cygfa blickte rasch zu dem Träumer hinüber, der daraufhin nickte.
Caradoc lächelte, obwohl die Anstrengung, die ihn dies kostete, nicht zu ermessen war. »Siehst du? Es ist besser so. Und nun geh. Du musst jetzt segeln, und wir müssen davonreiten.«
Endlich ergriff Caradoc auch Cygfas anderen Arm, nicht mehr mit der Kraft eines Kriegers, doch mit der ehrlichen Umarmung eines Vaters für seine Tochter. Nun brach seine sorgsam bewahrte Maske der Ruhe und Gefasstheit auseinander. Tränen rannen über seine Wangen. Er hob die Hand zu seiner Schulter und der Schlangenspeerbrosche empor, die jetzt alles war, was ihm noch von Britannien geblieben war. Caradoc hakte den Verschluss der Brosche auf und steckte sie an Cygfas Tunika. Die roten Zöpfe an der untersten Schlaufe der Brosche waren schwarz von seinem Blut. Dann küsste er Cygfa und sagte: »Ich habe kein Schwert, das ich dir geben könnte - mac Calma wird dafür sorgen, dass eines angefertigt wird, das zu dir passt. Nimm dafür aber diese Brosche, und fass dir ein Herz. Solange du lebst, werden meine Seele und die deiner Mutter durch dich weiter gegen den Feind kämpfen.«
»Vater...« Cygfa hob Caradocs Hand an ihre Wange. Durch unaufhaltsam fließende Tränen hindurch sagte sie: »Wir werden sie aus unserem Land vertreiben, allesamt. Dann kannst du wieder nach Hause kommen.«
Caradoc lächelte schwach. Als er wieder sprechen konnte, antwortete er: »Auf diese Nachricht werden wir täglich warten.«
Dann wanderte sein Blick weiter und zu jener Stelle hinüber, wo Cunomar stand und sie beobachtete, verloren, ausgeschlossen, unsagbar wütend und vor allem allein. Als ein Junge war er in den Kampf eingetreten, und als ein Junge war er wieder daraus hervorgekommen, ohne auch nur einen einzigen Gegner getötet zu haben. Bis Caradoc gesprochen hatte, war seine ganze Aufmerksamkeit noch immer auf den Kampf hinter ihnen gerichtet gewesen. Als Valerius zu Cunomar hinüberblickte, sah er, dass Dubornos das Pferd des Jungen festhielt und drei der blau befederten Gallier allein dazu abgestellt worden waren, um auf den Burschen zu achten und aufzupassen, dass er in Sicherheit blieb.
»Cunomar, du hast gut gekämpft.« Nun hatte Caradoc sich wieder besser unter Kontrolle, genügend, um eine Lüge mit zumindest einiger Glaubwürdigkeit vorzubringen. Er zog das Messer aus seinem Gürtel und reichte es mit dem Griff nach vorn Cunomar. »Ich habe kein Schwert, das ich dir geben könnte, aber nimm dieses Messer, als ob es ein Schwert wäre. Mac Calma wird dafür sorgen, dass auch du ein Schwert erhältst.« Dann hielt Caradoc inne, offensichtlich auf der Suche nach den richtigen Worten, und was er schließlich sagte, war keine vorbereitete Rede: »Deine Mutter … deine Mutter wird wissen, dass dies der richtige Weg ist. Steh ihr an meiner Statt zur Seite. Beschütze du sie an meiner Statt.«
Caradoc kannte seinen Sohn gut. Beim Anblick des Messers und dem unaufrichtigen Lobgesang auf seine Taten waren ihm die Züge entglitten. Im Namen seiner Mutter jedoch riss er sich wieder zusammen und richtete sich im Sattel auf. Dabei wandte er seine Aufmerksamkeit vollkommen von dem Kampf vor den Felsen ab. Er war auf Mona geboren worden und mit den dort herrschenden Zeremonien aufgewachsen. Jetzt also entbot er in perfekter Haltung den Gruß eines Kriegers gegenüber einem Mitglied des Ältestenrates.
»Solange ich lebe, soll ihr nichts geschehen«, sagte er. »Das schwöre ich in Brigas Namen.«
Die versammelten Erwachsenen bezeugten den Schwur mit der angemessenen Feierlichkeit.
Der nun folgende Abschied verlief sehr rasch. Die Gallier nahmen die Pferde, und die Ruderer, die zum größten Teil ebenfalls Gallier waren, halfen den Kriegern an Bord des Bootes. Philonikos beschloss, Caradoc zu begleiten, und Dubornos wünschte ihm alles Gute. Der belgische Junge wollte bei Valerius bleiben, wo immer dieser auch hinginge. Wo Valerius hingehen würde, war allerdings keinem der Anwesenden klar, am wenigsten ihm selbst.
Mac Calma fällte die Entscheidung an Valerius’ Stelle. »Wenn du bleibst, werden dich unsere Gallier töten. Sie glauben mir nicht, dass du kein Römer bist.«
»Da haben sie ja auch Recht. Ich bin genauso ein Römer wie jeder der Männer, den sie heute Nacht getötet haben.«
Der Träumer brachte immerhin noch ein schiefes Lächeln zustande. »Wenn du also sterben möchtest, kannst du ja gern hier am Strand verweilen. Solltest du aber leben wollen, solltest du zumindest mit an Bord kommen. Unsere Reise wird fünf Tage dauern, vielleicht sogar länger. Und jeden Tag kannst du mehrmals deine Entscheidung fällen oder auch wieder verwerfen, und wenn du dann immer noch sterben möchtest, wird Manannan sich deiner sicherlich annehmen.« Als Valerius noch immer nicht antwortete, fügte mac Calma hinzu: »Wenn du bleibst, stirbt auch der Bursche, Iccius. Ich besitze nicht die Macht, dass ich den Galliern befehlen könnte, ihn am Leben zu lassen.«
Es war der Name, der schließlich den Unterschied machte, obwohl Valerius später noch zornschnaubend über diesen unverschämten Missbrauch seiner Vergangenheit schimpfen sollte. In diesem Augenblick aber wusste er nur, dass er es nicht mitansehen könnte, wenn jenes Kind, dessen Geist er noch immer mit sich trug, ein zweites Mal sterben würde, und somit stand die Entscheidung fest.
»Halt.« Valerius hatte sich gerade umgewandt, um an Bord des Skiffs zu klettern, als Caradoc ihn am Arm packte. Jetzt war es leichter, den Menschen in ihm zu erkennen; der Gott in ihm hatte niemals so gebrochen ausgesehen. Die wolkengrauen Augen waren blutunterlaufen, und in ihnen lebte eine ganze Welt des Schmerzes. Der Mut, den es brauchte, um vor diesem Blick nicht die Augen zu senken, war unaussprechlich groß. Caradoc streckte Valerius die Hand entgegen. »Gib mir dein Messer«, sagte er.
»Was?«
»Dein Messer. Das mit dem Falkenkopf darauf. Gib es mir.«
Sanft rauschten die Wellen über den Kiesstrand hinweg. Eine nächtliche Möwe kreischte auf, und einer der Ruderer hieb sein Ruderblatt in den Sand. Langsam zog Valerius das Messer aus seinem Gürtel und hielt es Caradoc auf der flachen Hand hin.
Caradoc legte die zitternden Finger seiner linken Hand auf das Wappen, hob das Messer jedoch nicht an. Dann sprach er: »Beim Volk meiner Mutter, den Ordovizern, gibt es eine bestimmte Art zwischen zwei Kriegern, die Wahrheit zu ermitteln. Zwei Hände schließen sich um den Messergriff. Jeder versucht, den anderen an der Kehle zu treffen. Nur einer geht lebend aus diesem Kampf hervor.«
Valerius lachte bellend. »Die Ordovizer waren schon immer berühmt für ihre primitiven Bräuche.«
»Vielleicht, aber der Brauch hat schon seine Berechtigung. Ich schwöre jetzt vor dir, beim Griff dieser Klinge, dass ich dich nicht an Amminios verraten habe, dass ich dir niemals zu irgendeinem Zeitpunkt deiner Kindheit etwas Böses gewünscht habe, dass ich mich erfreut habe an deiner Freude und geliebt habe, was du liebtest. Ich respektierte die Kraft des Träumers, der du gewesen bist, und des Kriegers, der du hättest werden können. Gerne hätte ich vor den Ältesten gesprochen, während du deine langen Nächte in der Einsamkeit absolviert hättest, und ich habe mich geehrt gefühlt, dass ich darum gebeten wurde. Und ich würde es immer noch tun.« Caradoc war weder ein Träumer noch ein Sänger, doch in seinen Worten schwang ihre Kraft mit. Seine Augen brannten. Dies waren nicht mehr die Augen des Gottes. Mit anders klingender Stimme fuhr er dann fort: »Wenn du meine Worte anzweifelst, werden wir die Probe antreten. Mac Calma ist durch unsere Ältesten nicht befugt, diese Probe zu überwachen, wohl aber Cwmfen.«
»Und du meinst, dass sie gern dabei zuschauen möchte, wie du abgemetzelt wirst?« Allein der Vorschlag war schon grotesk. Valerius war zwar geschwächt von dem heftigen Kampf, aber noch immer nicht kampfunfähig. Caradoc dagegen stand nur noch auf seinen Beinen, weil es ihm sein Wille nicht gestattete, einfach umzufallen; er war noch nicht einmal mehr in der Lage, ein Messer zu halten. »Du hast jetzt die Chance auf ein Leben in Gallien«, entgegnete Valerius. »Dann willst du doch nicht ausgerechnet jetzt Cwmfen allein zurücklassen, so dass sie gezwungen ist, ihr Kind ohne den Vater großzuziehen, nicht wahr?«
»Ich lasse meinen Sohn aber auch nicht unter dem Stigma aufwachsen, dass man seinen Vaters des Verrats beschuldigt hat.«
»Man hat Menschen schon schlimmere Dinge nachgesagt.«
»Aber nicht mir.«
Die Messerklinge immer noch zwischen ihnen, standen sie sich auf dem Kiesstrand gegenüber. Valerius hörte, wie auf dem Schlachtfeld noch ein letzter Mann starb. Dann folgte das Schweigen der völlig verausgabten Krieger, die, wenn die Gefahr vorüber war, immer eine Weile erst mal nur stehen blieben, bis sie wieder genügend Kraft gesammelt hatten, um zu gehen.
Sanft fragte Caradoc: »Bán? Du musst dich entscheiden. Du kannst nicht zu Breaca zurückkehren, in dem Glauben, dass ich dich verraten hätte.«
Deine Schwester ist mein Herz und meine Seele, ist für mich die Sonne, die des Morgens aufgeht. Das war sie von unserer ersten Begegnung an, und das wird sie auch immer bleiben, bis ich sterbe und sogar noch darüber hinaus.
Das hatte das Kind, das Bán gewesen war, nicht gewusst. Jener Mann aber, der Valerius gewesen war, hatte fünfzehn Jahre seines Lebens damit zugebracht, genau diese Tatsache zu verleugnen.
Valerius schloss die Hand um das Heft des Messers. Langsam entwand er es Caradocs Griff. »Und du glaubst, dass ich mich in die Reichweite meiner Schwester wagen könnte, wenn ich dich getötet hätte? Dann müsste sie sich aber schon sehr verändert haben.«
»Das hat sie nicht.« Caradoc lächelte. »Dann glaubst du mir also?«
Du würdest eher Amminios glauben als mir?
Ja.
Er konnte so gut lügen, mein Bruder...
»Ich würde dich nicht töten, nur um einen Standpunkt zu beweisen.«
Plötzlich schlossen sich Finger um Valerius’ Handgelenk, die deutlich stärker waren, als er erwartet hatte. Wolkengraue Augen blitzten plötzlich wieder auf, erfüllt von einem Feuer, von dem Valerius gedacht hatte, dass es schon lange erloschen sei. Mit leisem Nachdruck wiederholte Caradoc noch einmal: »Aber du glaubst mir?«
Die Geister waren verschwunden. Sein Gott wachte nicht mehr über ihn.
»Ja«, sagte Valerius, »ich glaube dir.«