XXVII
Luain mac Calma ritt an der Spitze der Kolonne,
Valerius bildete die Nachhut. Sie ritten in einer Reihe
hintereinander entlang der Küstenlinie. Durch die nahezu windstille
Luft drang der salzigscharfe Geruch der See, und frisch mischten
sich der Duft des Sauerklees und die unter den Hufen ihrer Pferde
zertretenen Küstenkräuter hinzu. Das Tageslicht schwand schnell
dahin, und nur schwach konnten sie in der Dämmerung das Freiheit
verheißende Schiff ausmachen. Wie ein Geisterschiff mit weißen,
geblähten Segeln wartete es draußen auf dem Wasser auf sie, aber
noch zu weit entfernt, als dass sie sich bereits in Sicherheit
hätten wähnen dürfen. Das Meer war unruhig, und weiße
Schaumkrönchen schmückten die von Manannan aufgewirbelten Wellen,
die er ihnen zum Gruße, vielleicht aber auch als Ankündigung des
nahen Todes entgegenschickte. Flüsternd eilten die Wellen den
Strand herauf und kletterten mit dem Steigen der Flut jedes Mal ein
bisschen höher. Cunomar beobachtete das Spiel der Wellen genau,
merkte sich dann die Stelle, wo nach seiner Einschätzung die
nächsthöhere Welle ankommen müsste, und führte eine imaginäre
Strichliste, der er, wenn er richtig geraten hatte, eine weitere
Kerbe hinzufügte. Es war zwar bloß das Spiel eines Kindes, doch
hielt er auf diesem Weg noch die Angst aus seinem Bewusstsein fern;
und eher würde er sterben, als seine Angst zu zeigen gegenüber
diesem Verräter, der behauptete, Breacas Bruder zu sein, aber noch
immer diese römische Uniform trug.
Die Pferde liefen wie Hunde, während ihre mit Leder
umwickelten Hufe leicht in die lockere Erde einsanken. Cunomar ritt
als Drittletzter. Hinter ihm folgte Cygfa, die ihn auf diese Weise
sowohl von den sie verfolgenden Römern als auch von Valerius
abschirmte. Seit jenem Morgen, an dem sie einige Zeit in der
Gesellschaft von Valerius verbracht hatte, hatte sie Cunomar
gegenüber eine geradezu beschützende Art angenommen und zeigte ihre
Verachtung für Valerius noch unverhohlener.
Valerius war erst später wieder zu ihnen gestoßen,
als sie gerade ihre Pferde abholten, und Cunomar hatte gerade noch
beobachten können, wie der Dekurio ein blutiges Messer wieder in
seine Scheide zurücksteckte. Anschließend grub er sein Schwert der
Länge nach in den Schlamm und Unrat der Pferche des Schlachters.
Schließlich, als Valerius merkte, dass er beobachtet wurde, blickte
er zu Cunomar auf, ließ kurz sein schlangenähnliches Lächeln
aufblitzen und sagte: »Der Mond ist aufgegangen, und der Himmel ist
klar. Das wird es uns erleichtern, den Weg zum Schiff zu finden.
Gleichzeitig verrät uns der Mond aber auch an Marullus und seine
Männer. Ich würde euch daher raten, dass auch ihr eure Broschen und
das Zaumzeug der Pferde bedeckt. Und wenn ihr nicht wollt, dass
euch dann immer noch eure Waffen verraten, solltet ihr sie auch
einmal durch den Schlamm ziehen. Ich entschuldige mich bereits im
Voraus, wenn dies euren Kriegerinstinkten zuwider laufen
sollte.«
Letztere Bemerkung war in bissigster Ironie
besonders auf Cygfa gemünzt gewesen, die sie jedoch einfach
überhörte und das tat, was ihr Valerius empfohlen hatte. Cunomar
beobachtete angewidert, wie sein Vater, Dubornos und Cwmfen
allesamt die Schwerter zogen, die ihnen doch gerade erst Luain mac
Calma gegeben hatte, und sie auf ähnliche Art besudelten.
Letztendlich verfuhr aber auch er so mit der Klinge, die sie ihm
gegeben hatten; jedoch erst, nachdem sein Vater ihm dies
ausdrücklich befohlen hatte. So würden echte Krieger einfach nicht
in eine Schlacht ziehen.
Während sie nun in die Dämmerung hineinritten,
schmerzten Cunomars Ohren bereits vor angestrengtem Lauschen nach
den Anzeichen für einen Angriff. Mit jedem Schritt, den sein Pferd
machte, schlug das Schwert gegen seinen Oberschenkel. Eigentlich
hätte ihm diese Waffe ein gewisses Gefühl der Sicherheit verleihen
sollen, doch das war leider nicht der Fall. Sein ganzes Leben lang
hatte er ein Krieger sein wollen, und nun, da die Chance endlich
gekommen war, fühlte er sich dem Ganzen doch noch nicht gewachsen.
Cygfa dagegen hatte vor ihrer ersten Schlacht täglich mit den
kampferprobten Frauen und Männern von Mona geübt. Cunomar dagegen
hatte mehr als zwei Jahre in Rom gelebt, wo man ihnen das Tragen
von Waffen verboten hatte und ihm selbst das körperliche Training
untersagt worden war - es wäre mit dem Tode der gesamten Familie
vergolten worden. Erst heute hatte Cunomar ein bisschen üben
können. Die Klinge, die man ihm gereicht hatte, war jedoch für
einen Mann gefertigt worden und noch zu schwer für den Jungen.
Dennoch hatte er sie in dem kleinen Hinterzimmer der Taverne ein
paar Male ausprobiert und war zu dem Ergebnis gekommen, dass er,
wenn er das Schwert mit beiden Händen packte, es vielleicht nur
einmal, dafür aber mit recht ordentlicher Wucht würde schwingen
können, ehe der Feind seine Reihen um ihn schloss. Er hatte die
Enttäuschung in den Augen seines Vaters ablesen können, und er
hatte sich sehr geschämt, noch umso mehr, als mac Calma daraufhin
das Zimmer wieder verlassen hatte, um mit zwei kleinen, spitzen
Dolchen zurückzukehren, je einen für Cunomar und Philonikos.
Xenophons Schüler war zwar groß genug und besaß auch das Alter, um
ein Schwert bei sich zu führen, doch war er den Umgang damit nicht
gewohnt und wurde daher in dieser Beziehung auch bloß wie ein Kind
behandelt; es schmerzte Cunomar, mit ihm auf eine Stufe gestellt zu
werden.
In der noch verbleibenden Zeit, ehe Valerius
zurückgekehrt war, hatte Caradoc ihnen beiden gezeigt, wie sie, für
den Fall, dass sie lebend gefangen genommen würden, die Klingen zu
führen hätten. Immer wieder hatte er den Finger in genau jene
Stelle zwischen dem vierten und dem fünften Rippenbogen der linken
Körperhälfte gebohrt, in die sie hineinstechen sollten, die Klinge
zum Brustbein hin gekippt, damit dadurch das Herz und die
Hauptblutgefäße zerrissen würden. Als sie später bei den Pferden
angelangt waren, hatte Dubornos alles wiederholt, und nachdem sie
aufgesessen hatten, hatte auch Cygfa es jedem noch einmal
vorgeführt, nur um ganz sicherzugehen, dass sie es auch verstanden
hatten. Unzweifelhaft war in den Augen eines jeden der Krieger die
Gewissheit abzulesen, dass es besser wäre, rasch zu sterben, als
den Henkern des neuen Kaisers gegenübertreten zu müssen.
Cunomar dagegen wusste, dass es besser war, im
Kampf zu fallen als durch sein eigenes Messer, dennoch hatte er
sich ihre Anweisungen genau angehört und so lange wiederholt, bis
die Handlung ihm schließlich so real erschien, dass er sich
wunderte, überhaupt noch am Leben zu sein. Während sie nun an der
Wasserlinie entlangritten und Cunomar sich die Situation im Geiste
noch einmal vor Augen führte, wusste er, dass er so etwas durchaus
fertig bringen würde, dass dem griechischen Jungen dafür aber der
Mut fehlte. Als schließlich auch das Wellenzählen seine Gedanken
nicht mehr länger von dem Bevorstehenden abzulenken vermochte,
malte er sich die vielen verschiedenen Möglichkeiten aus, mit denen
Cunomar, Sohn des Caradoc, alle Erwachsenen überleben, zwei Römer
töten und sogar Philonikos’ Leben noch ein Ende bereiten würde, ehe
er die kurze, betrügerische Klinge schließlich gegen sich selbst
richtete. Immer wieder stellte er sich diesen Handlungsablauf vor
und konnte schon regelrecht spüren, wie das Messer Haut und Muskeln
durchtrennte und schließlich bis in sein Herz hineindrang. Auch
konnte er bereits die Enttäuschung auf den Gesichtern der Feinde
erkennen, als diese um ihren gerechten Lohn gebracht wurden, konnte
die auf ihn einstürmende Dunkelheit spüren und sehen, wie Brigas
Gesicht immer klarer wurde, während er langsam starb. Selbst solche
Bilder der Niederlage waren immer noch besser als diese andere,
noch größere Angst, die bereits an den Rändern seines Bewusstseins
zu nagen begann: die kalte, hartnäckig lauernde Frage, wie sein
Vater eigentlich ein Schwert im Kampf führen wollte, wenn sein
durch die Gefangenschaft zerschundener Körper doch noch nicht
einmal mehr eine Axt schwingen konnte.
Noch immer hatte sich die Entfernung zu dem Schiff
scheinbar nicht verringert. Für hundert Schritte, die sie
vorangekommen waren, schien es sich um hundert Schritte weiter von
ihnen zurückgezogen zu haben. Die Küstenlandschaft aber hatte sich
verändert. In zunehmend kürzeren Abständen säumten kleine Findlinge
den Strand, der das gleiche Grau angenommen hatte wie die
Dämmerung. Die Pferde mussten sich nun vorsichtig ihren Weg
ertasten. Schon bald waren sie durch steiniges Geröll, das sich
über eine Länge von hundert Schritten oder noch weiter erstreckte,
gezwungen, weiter landeinwärts zu reiten, und damit entschwand auch
das Schiff aus ihrem Blickfeld. Einmal beschrieb ihr Weg eine so
scharfe Kurve, dass Cunomar für einige wenige Schritte klar den
hinter ihm reitenden Dekurio erkennen konnte, und was er da sah,
trug nicht gerade zu seiner Ermunterung bei: Valerius trank ganz
unverhohlen. In der einen Hand hielt er sein nacktes Schwert, hatte
es quer über den Hals seiner Stute gelegt, mit der anderen goss er
sich stetig den Tavernenwein in den Mund.
Hinter Valerius saß der Sklavenjunge und klammerte
sich voller Angst an Valerius’ Tunika fest. Er war nicht gerade ein
geborener Reiter, so viel war schon einmal klar, doch hatte er mit
angesehen, wie Valerius dem Wirt seine Züchtigung hatte zukommen
lassen, und daher war seine Angst vor dem Dekurio noch größer als
die vor dem Pferd. Cunomar beobachtete, wie Valerius einmal hinter
sich griff und dem Jungen einen Schluck von seinem Wein anbot und
wie dieser daraufhin lediglich verängstigt den Kopf schüttelte.
Gänzlich unbeeindruckt davon schwenkte Valerius nun die Flasche
nach rechts und nach links und bot damit offenbar auch einigen
vorbeiziehenden, unsichtbaren Gestalten seinen Wein an. Valerius’
Gesicht zeigte keinerlei Regungen, war jedoch in Schweiß gebadet,
der sich in der kleinen Mulde über seiner Oberlippe sammelte und
geradezu in Strömen an seinen Schläfen hinabrann. Doch das war
lediglich das Bild, wie es sich ihnen bereits jeden Morgen und
jeden Abend gezeigt hatte, wenn Valerius in seinen Weggefährten
gegenüber recht beleidigender Art am Feuer gesessen und getrunken
hatte. In den vierzehn Tagen, die ihre Reise bereits dauerte, hatte
Cunomar gelernt, das jeweilige Maß von Valerius’ Betrunkenheit
recht gut einzuschätzen, und gegenwärtig befand er sich in einem
Stadium, in dem er nach Cunomars Dafürhalten schon kaum mehr bei
Besinnung sein konnte.
»Glaubst du, auf diese Weise den Schmerzen des
Kampfes zu entkommen, oder glaubst du, dadurch den Mut zu finden,
gegen deine eigenen Leute zu kämpfen?«
Cunomars Stimme verriet ihn. Mitten im Satz schlug
sie um. Der Anfang hatte dunkel und voll tönend geklungen, das Ende
jedoch hoch und schrill und viel zu laut. Bestimmt hatte man ihn
selbst auf dem Schiff noch hören können, und auch weiter
landeinwärts, wo die römischen Wachen gerade nach ihrer Spur
suchten. Cunomar merkte, wie sein Vater sich blitzschnell umdrehte,
sah dann aber, wie Dubornos Caradoc beruhigend eine Hand auf den
Arm legte, und war ihm dafür äußerst dankbar.
Valerius drehte sich leicht im Sattel herum, um
Cunomar ansehen zu können. Schließlich schaffte er es sogar, seinen
Blick auf Cunomars Gesicht zu konzentrieren. »Wenn das tatsächlich
der Grund für mein Trinken wäre, dann würde das gleichzeitig
bedeuten, dass es jetzt auch kein Entkommen mehr gibt. Und für den
Fall solltest du besser hoffen, dass ich tatsächlich den Mut
gefunden hätte, von dem du eben gesprochen hast. Vielleicht aber
lässt mein Gott Marullus’ Hand ja so lange innehalten, dass der
Kampf mit Worten statt mit Klingen ausgefochten werden kann. Auch
darum könntest du jetzt beten.«
Valerius sprach so leise, dass seine Worte kaum
über das Rauschen der Wellen hinweg zu hören waren. Er schien nicht
betrunken, andererseits hatte Cunomar ihn auch schon zuvor einmal
dabei beobachtet, wie er einen kompletten Krug allein ausgetrunken
hatte und danach nicht ein einziges Mal gelallt hatte.
Zwischen zwei Geröllfeldern wurde der Pfad etwas
breiter. Cygfa holte auf, um neben Cunomar zu reiten; es war nicht
klar, ob dies dem Zweck dienen sollte, ihn etwas zurückzuhalten,
oder ob sie ihn beschützen wollte. Merkwürdigerweise holte nun auch
Valerius auf, um an Cunomars anderer Seite entlangzureiten, und kam
dabei so nah heran, dass die Beine des hinter Valerius sitzenden
Sklavenjungen an Cunomars Oberschenkel streiften. Das Beben der
Angst übertrug sich somit vom einen auf den anderen und zerstörte
die Ruhe des Meeres.
Von links fragte Cygfa: »Warnen dich deine Geister
bereits vor dem Tod, Römer?«
Wie ein schlechter Schauspieler rollte Valerius
scheinbar entsetzt die Augen und entgegnete: »Warum fragst du sie
nicht einfach?«
»Mit mir sprechen sie nicht.«
»Nein, natürlich nicht.« Der Dekurio starrte in die
sie umgebende Dunkelheit. »Im Moment warnen sie mich noch vor gar
nichts. Und mein Gott verspricht mir sogar den Sieg.«
»Bedeutet schon ein bloßes Überleben für dich den
Sieg?«
Valerius lachte laut auf, und der Alkoholpegel in
seinem Blut ließ das Gelächter alles andere als beherrscht klingen.
Es kostete ihn einige Anstrengung, sich wieder zusammenzureißen.
Dann entgegnete er: »Kriegerin, du hast einfach schon zu viel Zeit
auf Mona verbracht und den Sprüchen der Ältesten gelauscht. Aber,
ja, zu jedem anderen Zeitpunkt als diesem wäre schon mein bloßes
Überleben Erfolg genug. Nur heute Nacht müssen auch noch dein Leben
und das deiner Familie gerettet werden, damit man es einen Sieg
nennen könnte.«
»Und das willst du mit Hilfe des Weins
erreichen?«
»Das werde ich durch welche Mittel auch immer
gerade zur Hand sind erreichen.« Lächelnd hob der Dekurio wieder
des Gefäßes. Hinter dem Hals des Kruges blitzten seine schwarzen
Augen, erfüllt von Zorn und einem unergründlichen Schmerz. Jetzt,
als er dies sah, begriff Cunomar, dass Valerius so ziemlich jede
beliebige Menge an Wein trinken könnte und doch niemals anders als
stocknüchtern wirken würde.
Das Dämmerlicht ging allmählich in Dunkelheit über.
Die Sonne riss indigoblaue Löcher in die Wolken und umrahmte sie
mit wahrem Feuerglanz. Langsam näherten sich die Flüchtlinge dem
Schiff. Als sie eine bestimmte Stelle passierten, legte Luain mac
Calma die Hände um den Mund und ließ den Schrei der jagenden Eule
erklingen. Der Schrei war gut imitiert, aber er hätte ebenso gut
auch gleich einfach brüllen können, denn nur ein Mensch, der in der
Stadt geboren und aufgewachsen war, würde noch glauben, dass eine
Eule über dem Meer auf Jagd ging, und Cunomar glaubte nicht, dass
Marullus, der Zenturio, der sie verfolgte, ein solch dümmlicher
Stadtmensch war.
Auf dem Schiff jedoch war das Signal gehört worden
und wurde sogleich beantwortet. Nun war auch der letzte Anschein
des Verborgenseins dahin. Im Halbdunkel wurden jetzt Lampen
entzündet und warfen eine Kette von tanzenden Lichtern über das
Meer. Eines, das heller brannte als der Rest, begann sich langsam
und in unregelmäßigem Tempo ins Takelwerk hinaufzubewegen, wurde
also offenbar von jemandem gehalten, der nur mit einer Hand
kletterte und dabei sehr vorsichtig vorging. Als das Licht auf
halber Höhe angelangt war, begann es rhythmisch von einer Seite zur
anderen zu schwingen. Auf dieses Signal hin legte ein Skiff von der
Seite des Schiffes ab. Es sah zwar nicht groß genug aus, um fünf
Erwachsene, zwei Jugendliche und einen Säugling aufzunehmen, doch
Cunomar war zuversichtlich, dass es, wenn er es erst einmal
erreicht hatte, gewiss ausreichend Platz böte. Zumindest
beantwortete es die Frage, wie sie das Schiff erreichen wollten,
das immerhin acht Speerwurflängen entfernt vor der Küste lag.
Zügig durchschnitt das Skiff das Wasser. Die Ruder
hinterließen schaumige, grünlich schimmernde Streifen, die sein
Vorankommen so präzise anzeigten wie Spuren im Sand. Es steuerte
geradewegs auf einen deutlich hervortrendenden Ausläufer der
Landzunge zu, der, wie man nun erkennen konnte, bereits in
erreichbarer Nähe lag. Während er all dies beobachtete, spürte
Cunomar endlich wieder ein Aufkeimen der Hoffung, wie er es in den
letzten zwei Jahren seiner Gefangenschaft nicht mehr gefühlt hatte.
Er wandte sich zu Cygfa um und sagte: »Der Gott des Verräters hat
ihm also anscheinend …«
Er hielt abrupt inne. Für die Römer, die hinter
ihnen herritten, bestand kein Anlass dafür, in Deckung zu bleiben,
und folglich hatten sie auch nicht ihre Schwerter durch Schlamm
gezogen. Landeinwärts ließ die Sonne feurige Funken von der Klinge
eines zweischneidigen Schwerts aufsprühen. Gleich darauf war auch
schon die Horde der sich darum bewegenden Schatten zu erkennen.
Cunomar würgte.
Als Cygfa seinen Gesichtsausdruck sah, riss sie ihr
Pferd herum. Valerius jedoch war noch schneller gewesen. Der
Weinkrug fiel ihm aus der Hand und rollte über die Grassoden. Erst
sagte er hastig etwas auf Belgisch und dann auf Eceni. »Mac Calma,
nimm den Sklavenjungen. Reite auf das Ruderboot zu. Ich werde sie
aufhalten.«
»Einer gegen neun?«, entgegnete Caradoc. »Wohl
kaum. Die Felsen hier bilden eine sehr brauchbare Formation und
werden unsere Rücken und unsere Seiten schützen. Wir werden hier
bleiben und wie Krieger kämpfen. Und wenn wir dann sterben sollten,
wird man sich unserer wenigstens mit Stolz erinnern können.«
Caradoc konnte Tausende in einen Krieg führen.
Seine Stimme konnte sie alle packen und beschützen. Cunomar spürte
die Gewissheit, mit der Caradoc sprach, den Mut und die
Ehrenhaftigkeit, die seinem Vater schon in die Wiege gelegt worden
waren, und plötzlich wusste Cunomar zum zweiten Mal, dass Grund zur
Hoffnung bestand, und ein berauschender Stolz ergriff ihn. Der
Junge zog die Klinge, die mac Calma ihm gegeben hatte, und spürte,
wie ihr Gewicht an seinem Arm zog. Sofort geriet seine Hoffnung
wieder ins Wanken. Jetzt kam der Augenblick der Wahrheit, und
Cunomar war sich nicht sicher, ob er auch nur einen einzigen Schlag
damit würde ausführen können. Mit der einen Hand hielt er das
Schwert und mit der anderen tastete er nach seinem Messer und
wusste, dass - sobald das Pferd unter ihm straucheln sollte - er
beide verlieren und lebend gefangen genommen werden würde. Vor
allem aber würde in diesem Augenblick auch sein Vater aufhören zu
kämpfen. Genau das Gleiche war schon einmal passiert, damals, im
kaiserlichen Audienzsaal, und dabei hatte sein Vater die
Brauchbarkeit seiner Schulter eingebüßt. Das wollte Cunomar nicht
noch einmal mit ansehen. Also legte er beide Hände um den Griff des
Schwertes und ließ die Klinge genauso auf dem Hals seiner Stute
ruhen, wie der Dekurio es getan hatte. Irgendetwas in seinem
Inneren schien sich plötzlich auf recht unangenehme Weise
aufzulösen, und Cunomar befürchtete, nun auch noch die Kontrolle
über seine Eingeweide zu verlieren. Der mit Leder umwickelte
Schwertgriff rutschte in seinen schweißnassen Handflächen hin und
her, und alles, was Cunomar noch tun konnte, um zu verhindern, dass
das Schwert ihm aus der Hand fiel, war, den Griff noch fester zu
umklammern.
Cygfa berührte Cunomar kurz am Oberschenkel. »Reite
hinter mir. Sollte ich getötet werden oder das Pferd unter mir,
dann halte dich stattdessen dicht an mac Calma. Und sobald
irgendwie die Möglichkeit besteht, reitest du zum Ruderboot
hinüber.«
Cygfa war nun voll und ganz bei der Sache, und
jetzt wurde auch Cunomar wieder klar, wer sie eigentlich gewesen
war, an jenem Morgen vor der letzten Schlacht, als er sie
beobachtet hatte, wie sie mit Braint zusammen die gestreifte Feder
in ihren Zopf geflochten hatte.
Cunomar erinnerte sich nun auch wieder daran, wie
er sich damals gefühlt und welche Flüche er ausgestoßen hatte. Nun
spürte er etwas Ähnliches, doch sein damaliger Neid war ganz
einfach, beinahe noch unschuldig gewesen, und dies alles wurde nun
von ihrer unverhohlenen Sorge um ihn befleckt und von dem, was
Cunomar in diesem Augenblick auch sonst noch für sie empfinden
mochte. Die Krähenfedern in ihrem Haar flatterten und wirbelten
herum, als sie den Kopf wandte und seinen Blick auffing - die
Zeichen des Kriegers, die sie sich bereits verdient hatte und die
ihm noch fehlten. Sie wollte damit gewiss nicht protzen, zumindest
nicht ihm gegenüber, und doch glühte in seiner Brust ein kleiner
Funke des Grolls, der ihn in seinem Entschluss nur noch
bestärkte.
»Nein. Ich werde auf deiner Linken kämpfen, als
dein Schutzschild.« Dann lächelte er, wie er auch seinen Vater vor
einer Schlacht hatte lächeln sehen. »Vertrau mir.«
Für einen langen Augenblick starrte Cygfa ihn
einfach nur an, in ihren Augen einen merkwürdigen Ausdruck, dann
erwiderte sie: »Gut. Es wird Zeit, dass du deinen ersten Feind
tötest, und sollten wir hinübergehen in die andere Welt und in die
Umarmung Brigas, wird es gut sein, wenn du als Krieger zu ihr
gehst.« Nun grinste sie, wie sie auch Braint schon einmal
angegrinst hatte, und zum ersten Mal verstand Cunomar die
Kameradschaft des Kampfes; er liebte sie, und sie liebte ihn, und
sie würden den Feind nun als Gleichwertige bekämpfen, jeder den
anderen beschützend. Seine aufkeimende Freude aber vermischte sich
sofort wieder mit Angst, so dass Cunomar nicht sagen konnte,
welches von beiden ihn erneut würgen ließ.
»Wenn wir jetzt Kampfgenossen werden, dann musst du
aber tun, was ich dir sage, und zwar ohne zu fragen«, fuhr Cygfa
fort. »Schwörst du, dass du genau das tun wirst?«
Cunomar erinnerte sich wieder an einen Eid, den er
vor langer Zeit auf das Haupt seiner kleinen Schwester geschworen
hatte. Wortwörtlich wiederholte er diesen Schwur, und er war sehr
zufrieden, als er sah, wie Cygfas Augen dabei ganz groß wurden.
»Sehr gut.« Cunomar fand, dass Cygfa beeindruckt aussah. »Dann
halte den Rücken deines Pferdes den Felsen zugewandt und steig
nicht ab, außer wenn du unbedingt musst. Und bleib an meiner
rechten Seite, nicht an meiner linken. Das soll für den heutigen
Tag dein Platz sein.« Dann blickte Cygfa an ihm vorbei und riss den
Arm hoch. »Philonikos! Führ dein Pferd hier hinter uns.«
Philonikos kam angeritten; er sah ganz krank aus
vor Angst. Zögerlich zog er auf Cygfas Anweisung hin sein Messer
hervor. Zitternd lag es in seiner Hand. Cunomar lächelte ihn an,
wie er auch Cygfa schon zugelächelt hatte.
»Unter den Armen ist ihre Rüstung am schwächsten«,
sagte er, denn das hatte er von seiner Mutter gehört. »Stich sie an
dieser Stelle, wenn du kannst. Oder ziel auf die Augen.«
Der Junge nickte wie benommen. Den Blick auf
Philonikos’ Brust geheftet, prägte sich Cunomar noch einmal genau
jene Stelle ein, in die er hineinstechen musste, wenn sie
überwältigt werden sollten und er seinem Leben ein rasches Ende
bereiten wollte.
Die anderen Krieger hatten ihre Pferde zu seiner
Rechten aufgereiht, die Felsen im Rücken, und jeder beschützte die
frei liegenden Seiten des jeweils anderen, ausgenommen an den Enden
der Reihe, also zu Cygfas Linker und an Caradocs rechter Seite, wo
der Fels jedoch als Schutz diente. Caradoc schwang ein paarmal
seine Klinge, um die Beweglichkeit seiner rechten Schulter zu
erproben. Als klar war, dass er auf diese Art nicht würde kämpfen
können, wechselte er seinen Schild in die rechte Hand und wirbelte
das Schwert mit seiner Linken herum. Solche Dinge hatten sie in der
Kriegerschule auf Mona gelernt, aber Cunomar hatte nicht den
Eindruck, dass sein Vater diese Fähigkeit sonderlich gut erlernt
hatte, und selbst wenn, so schwächten ihn doch zumindest noch immer
die Narben an seinem linken Handgelenk. Caradoc sagte irgendetwas
zu Cwmfen, das er nicht verstehen konnte, und er sah, wie sie
daraufhin den Platz tauschte und auf Caradocs rechte Seite ritt.
Wie ihre Tochter, so war auch sie ruhig und gefasst, aber der
kleine Math, der auf ihren Rücken gebunden war, behinderte ihre
Bewegungen.
Am anderen Ende der Reihe hatten sich mac Calma und
Dubornos, Träumer und Sänger, an Caradocs linke Seite gedrängt.
»Werden sie Bogenschützen mitgebracht haben?«, fragte
Dubornos.
Valerius schüttelte den Kopf. »Wenn sie die nicht
direkt von der Stadtwache aus mitgebracht haben, dann nicht.«
»Und in Gesoriacum gibt es ohnehin keine
Bogenschützen«, stimmte mac Calma zu.
»Trotzdem zähle ich mehr als neun Männer in ihrer
Reihe. Dein Zenturio scheint also von irgendwoher Unterstützung
angefordert zu haben«, warf Cygfa ein, und sie hatte damit leider
Recht. Der Feind hatte sein Tempo nun, da er wusste, dass man ihn
entdeckt hatte, verringert. Mehr als ein Dutzend Männer hatten sich
in der Dunkelheit zu einer geschlossenen Linie formiert, erkennbar
an dem vom Sternenlicht erhellten Gefunkel ihrer Bronzeverzierungen
und dem frei von aller Tarnung aufblitzenden Eisen.
Cunomar versuchte zu zählen, wie viele Waffen der
Feind bei sich trug, konnte es aber nicht genau erkennen. Noch
immer rutschte der Griff seines Schwertes in seiner feuchten Hand
hin und her. Cunomar packte den Griff also mit beiden Händen und
wiederholte im Stillen noch einmal den Schwur, den er Cygfa
gegenüber geleistet hatte. Alle Krieger hatten Angst; das zumindest
hatte ihm sein Vater früher einmal erzählt. Die wahre Mutprobe
bestand darin, trotz dieser Angst zu kämpfen, und nicht nur dann,
wenn man keine Furcht empfand. Fieberhafte Erregung ließ Cunomars
Brustkorb erzittern, und er versprach sich selbst im Namen Brigas,
dass er als Krieger und seines Erbes würdig sterben würde.
Die näher rückende Linie des Feindes war nun dicht
genug herangekommen, dass man Details der Rüstungen erkennen
konnte, wenn auch nicht ihre Insignien. Mit zu Schlitzen verengten
Augen sagte Dubornos: »Außer den neun, die uns verfolgt haben, kann
ich noch acht weitere zählen. Die neuen sind gallische
Kavalleristen.« Er wandte den Kopf zur Seite und warf Valerius
einen raschen Blick zu. »Du warst doch bei den Galliern, als du
damals die Lachsfalle erobert hast, nicht wahr? Vielleicht haben
sie jetzt deine alte Truppe gegen dich losgeschickt.«
Valerius war plötzlich sehr blass geworden. Dieser
Gedanke war ihm offenbar nicht neu. »Vielleicht haben sie das«,
stimmte er zu.
Zwar war Valerius nicht Teil ihrer Gruppe von
Kriegern, dennoch hatte er sich links vor sie postiert. In den
Stämmen tat dies nur einer, der für sich beschlossen hatte, dass er
lieber allein kämpfen - oder als solcher fallen - wollte. Ganz so,
als ob ihm diese beiden Alternativen erst jetzt bewusst geworden
wären, sagte er in scharfem Belgisch etwas zu dem hinter ihm
reitenden Sklavenjungen, der daraufhin aber den Kopf schüttelte und
die Tunika seines Herrn nur noch fester packte. Valerius riss den
Arm hoch, als ob er den Jungen schlagen wollte, hielt aber mitten
in der Bewegung inne, starrte einen Moment in die Nacht hinaus und
ließ den Arm langsam wieder sinken.
»Wenn du willst, dann bleib«, sagte er und fügte
noch hinzu: »Das da auf der Standarte ist der gallische Hahn, nicht
der Pegasus. Sie gehören also nicht der Quinta Gallorum an. Er hat
tatsächlich eine Truppe der Stadtwache mitgebracht.« Sie alle
konnten die Erleichterung aus seinen Worten hören und den puren,
unprätentiösen Kampfesmut, als er sein Pferd vorantrieb: »Jetzt
wäre der passende Zeitpunkt, um dafür zu beten, dass Marullus
wirklich keine Bogenschützen mitgebracht hat.«
Mitten in der Sichtlinie des Feindes hielt Valerius
an, hob die Hand zum Gruß der Kavalleristen und rief:
»Marullus!«
Die Kraft, die in seiner Stimme mitschwang, war
erstaunlich. Er hatte eindeutig bereits auf Schlachtfeldern
gekämpft, wo ein Offizier auch über eine größere Entfernung hin
gehört werden musste, wenn dieser nämlich entweder seinen eigenen
Männern etwas zurief oder, wie hier, den Namen jenes Mannes, der
seine Feinde anführte.
»Marullus!« Valerius rief ein zweites Mal, und der
Name schwebte für einen Moment in der Stille.
Der Feind hielt an und gewährte Valerius die Ehre,
angehört zu werden. Kein einziger Pfeil flog durch die Nacht, um
Valerius für seine Unverschämtheit zu bestrafen.
Als ob er einen bereits auswendig gelernten Text
rezitierte, hob Valerius noch einmal an: »Vater! Ich grüße dich im
Namen des Stieres und des Raben. Ein Sohn sollte nicht gegen seinen
Vater kämpfen, noch sollte er von diesem angegriffen werden. Ich
will dir nichts Übles, aber ich stehe unter dem Eid des Gottes und
des Kaisers. Möge ihr Wille geschehen.«
Marullus’ Stimme war etwas tiefer, auch sie hatte
bereits den Schlachtenlärm übertönt. Ähnlich wie die Stimme
Neptuns, dröhnte auch Marullus’ Stimme bis in die bebenden
Brustkörbe jener hinein, die ihm zuhörten. Frei von allem Zorn
sagte er: »Der Wille des Gottes ist unergründlich; der Kaiser
jedoch nennt dich nun einen Verräter. Und sein Wille ist Gesetz.
Früher oder später wirst du also sterben müssen. Und besser wäre es
für dich, du würdest jetzt sterben.«
Verräter. Auch mac Calma hatte schon einmal
so etwas gesagt, jetzt aber hatte dieser Vorwurf plötzlich einiges
mehr an Gewissheit bekommen. Wie Schnee in der Nacht fiel dieses
Wort immer wieder und wieder auf jene hinab, die dort hinter ihm
warteten und damit sowohl der See als auch der letzten Ahnung von
Freiheit den Rücken gekehrt hatten. Man konnte sich vorstellen -
und fürchten -, welche Art von Tod Rom für einen Verräter
bereithielt.
Valerius’ Stimme klang gefasst: »Wer ist jetzt
Kaiser?«
»Nero, Claudius’ legitimer Nachfolger. Das weißt
du. Du hast doch den schwarzen Rauch des Leuchtfeuers
gesehen.«
Sie alle hatten den Rauch gesehen, und selbst
Cunomar hatte begriffen, dass dieser von ihrem schon nahe
bevorstehenden Untergang kündete. Allein der Dekurio hatte noch
immer daran geglaubt, dass sie mit heiler Haut davonkommen
würden.
»Ich habe meinen Befehl in gutem Glauben von einem
von Claudius’ Beauftragten persönlich entgegengenommen. Wenn sein
Nachfolger diesen Befehl nun also widerrufen wollte, hätte er mir
bloß eine Nachricht zukommen lassen müssen!«, rief Valerius in die
Dunkelheit.
»Das hat er ja auch versucht. Nur dass du dem
Boten, der euch zwei Tage lang gefolgt war, um dir, ebenfalls
persönlich, genau diese Nachricht zu überbringen, einfach die Kehle
durchgeschnitten hast.«
Valerius verfiel in Schweigen. In seinem
Unvermögen, jetzt noch die passenden Worte zu finden, lag Cygfas
unausgesprochener Vorwurf. Siehst du? Du hast getötet, ohne
einen Grund dafür zu haben. Ein wahrer Krieger tut so etwas
nicht.
Mac Calma aber hatte augenscheinlich nichts von dem
getöteten Boten gewusst. Er brach nun das Schweigen und sagte
leise: »Danke. Sie werden sich jetzt zwar nicht zurückziehen, aber
du hast dein Bestes gegeben, und dafür sind wir dir dankbar. Du
kannst noch immer fliehen. Der Weg nach Westen ist frei und führt
dich in die Dörfer derer, die nicht Rom unterstützen. Und wenn sie
uns hier erst einmal umzingelt haben, denke ich nicht, dass sie
dich noch verfolgen würden.«
Valerius stieß ein raues Lachen aus. »Aber wohin
sollte ich mich denn anschließend wenden? Wenn ich schon in Rom und
in Gallien als Verräter gelte, dann ebenso in Britannien. Und für
einen Offizier, der Verrat an seinem eigenen Kaiser begangen hat,
hat die Prima Thracum ganz bestimmt keine Verwendung mehr. Es
scheint, als habe soeben mein Gott gesprochen. Den Sieg aber
verspricht er mir nicht mehr. Vielleicht wird er mir in der Welt,
die auf diese folgt, einmal erklären, warum.«
Damit wandte Valerius seinen Blick wieder hinaus in
die Nacht, zog sein Schwert einmal durch die Beuge seines
Ellenbogens und befreite die Klinge dadurch von dem sie bedeckenden
Schlamm. Hell glitzerte es im Licht des aufgehenden Mondes und der
Sterne. Valerius riss das Schwert empor und rief noch ein letztes
Mal: »Du hast deine Wahl getroffen, Marullus! Jetzt erproben wir
den Sohn gegen den Vater.«
Leiser und an seine Gefährten gewandt, so als ob er
gerade seine Kavallerietruppe befehligte, fügte er hinzu: »Haltet
euch bereit. Der Fels hindert sie daran, unsere Flanken
anzugreifen, darum werden sie die halbe gallische Hilfstruppe als
Speerspitze aussenden, um eine Bresche in die Mitte eurer Reihe zu
schlagen, der Rest kommt dann von vorn in geschlossener Linie auf
uns zu. Wenn die Speerspitze Erfolg haben sollte und ihr in zwei
Gruppen zerrissen werdet, dann bildet Kreise, eure Rücken jeweils
der Mitte zugewandt und die Schwächsten nach innen. Haltet euch so
dicht an die Felsen, wie ihr nur könnt; sie werden euch als
Schutzschild dienen.«
Noch einmal erhob Valerius sein Schwert zum Gruß,
und auf seinem Gesicht zeichnete sich derselbe trockene, von Wein
inspirierte Spott ab, dessen Maske er schon die gesamten zwei
Wochen ihrer Reise getragen hatte. Zu niemandem Besonderen sagte er
dann: »Viel Glück. Wenn eure Götter euch noch immer erhören, dann
betet jetzt zu ihnen und bittet um einen raschen Tod im Kampf. Sie
sind uns zahlenmäßig weit überlegen, auf einen von uns kommen mehr
als drei von ihnen. Es sollte also nicht lange dauern.«
Wie sehr auch immer sie ihn hassen mochten, einen
Feigling jedenfalls konnte man ihn nicht schimpfen. Cunomar hörte,
wie Valerius in jenem Augenblick, ehe sich die beiden Reihen
schlossen, laut und in einer Sprache, die weder Eceni war noch
Gallisch oder Latein, eine - so schien es für ungeschulte Ohren -
trotzige Litanei von Namen ausstieß. Am Ende ertönten, einer
Anrufung gleich, drei mit harter Stimme gesprochene Worte in Eceni.
Das letzte dieser Worte war der Name eines Hundes: Hail.
Mit bitterem Ungestüm verfluchte Valerius die
mannigfaltigen Namen seines Gottes in der Sprache jener aus dem
Osten stammenden drei Weisen aus dem Morgenland, denn sie hatten
diesen Namen als Erste unter den Menschen verbreitet. Er wollte
einfach nicht sterben. Und ohne Mithras’ Schutz wollte er auch
nicht den Geistern gegenübertreten. Er wollte nicht gegen Marullus
kämpfen, den er ebenso sehr achtete wie jeden anderen Offizier der
Legionen, den er genau genommen sogar noch höher schätzte. Vor
allem aber wollte er nicht in der Gesellschaft von Caradoc von den
Drei Stämmen kämpfen und fallen, ganz gleich, ob dieser ihn nun
hintergangen haben mochte oder nicht, und auch nicht in
Gesellschaft von Luain mac Calma, ob dieser ihn nun gezeugt haben
mochte oder nicht. Und wenn er nun trotzdem all dies tun musste,
dann wollte er zumindest einen Schild haben, ganz verzweifelt
sogar. Außerdem wünschte er sich Longinus Sdapeze herbei, der als
einziger von allen Männern die Fähigkeit besaß, ihm vor einer
Schlacht Mut zu machen, der ihn zum Lachen brachte und die
unmöglichsten Wetten aufstellte, die den Krieg gleich weniger
grausam und mehr wie ein Spiel erscheinen ließen.
Doch sein Gott beantwortete Valerius’ Flüche ebenso
wenig, wie er seine Gebete erhört hatte. Vielmehr schickte er
siebzehn voll ausgebildete Männer gegen fünf Erwachsene und zwei
Kinder; dies war also kein Spiel mehr. Für die Stute allerdings war
Valerius sehr dankbar. Er selbst hatte sie sich aus den Ställen des
Kaisers ausgewählt, bevor er Rom verlassen hatte. Sie war ein
kampferprobtes Tier von solcher Güte, dass selbst Longinus ihr
seine Bewunderung gezollt hätte. In der Zeitspanne, die vor dem
ersten Zusammenprall von Eisen auf Eisen lag, rief Julius Valerius,
der einst Bán von den Eceni gewesen war, noch einmal jene Geister
an, die ihn am strengsten verurteilt hatten, und forderte sie auf,
ihn nun auch bis zu seinem Tode zu begleiten.
Wie von ihm vorhergesagt, bewegten sich die Gallier
nun in einer speerspitzenartigen Formation auf sie zu, um ihre
Mitte aufzubrechen. Valerius hielt seine Stute so lange zurück, bis
der erste von ihnen seine Waffen mit Caradoc kreuzte, schob sich
dann in seitlicher Richtung zwischen seine Feinde und agierte wie
sein eigener Ein-Mann-Keil, um ihre Formation auseinander zu
brechen. Zwar war das kein übliches Manöver, aber es war das, was
ein Offizier in einer solchen Situation tun würde. Er wollte nicht,
dass Marullus später von ihm sagen konnte, er hätte entweder
überstürzt gehandelt oder aber gar keinen Mut gezeigt. Als die
Stute jetzt nach vorne stürmte, hörte er, wie hinter ihm der
belgische Junge in Todesangst aufschrie, und sandte daraufhin ein
Gebet von ganz anderer Art zu seinem Gott empor, ein Gebet, das
sein Bedauern über den sinnlosen Tod eines Kindes zum Ausdruck
brachte.
Den ersten seiner Widersacher tötete er wie aus
Reflex, durchschnitt die Kehle jenes Mannes, der einen
Sklavenjungen ohne jede Möglichkeit zur Gegenwehr allein deshalb
getötet hätte, weil dieser ein leichtes Opfer war. Erst später, als
die Leiche aus dem Sattel kippte, erkannte Valerius, dass es ein
Römer gewesen war, kein Gallier, dessen Leben er beendet hatte, und
dass er den Mann sogar gekannt hatte. In diesem Augenblick aber war
es für Bedauern bereits zu spät; denn Reue führte rasch zum Tod,
und genau das erlaubte ihm der seinem Körper innewohnende Instinkt
nicht.
Valerius zerrte sein Pferd fort von einer anderen
durch die Luft wirbelnden Klinge und ritt dabei an Cygfa vorbei,
die wie jemand tötete, der dazu geboren worden war, und
gleichzeitig noch Cunomar sicher an ihrer Seite hielt sowie
Philonikos hinter sich. Rasch zerschmetterte Valerius für sie den
Schwertarm eines Galliers, als er hörte, wie sie Cunomar zurief:
»Der da ist deiner!« Er wandte sich gerade noch rechtzeitig um, als
der Mann seinen Schild erhob, um damit den kraftlosen Schlag des
Jungen einfach abzuwehren und gleichzeitig seinen Knüppel hochriss
und damit auf Cunomars Gesicht zielte. Es wäre ein tödlicher Schlag
gewesen. Valerius’ Schwert aber bestimmte seine Richtung plötzlich
scheinbar von selbst, bohrte sich unter den Rand des Helmes, den
der Mann trug, und in die einzige, noch ungeschützte Stelle hinein,
die einen raschen Tod garantierte.
Der Schild fiel aus den toten Fingern, und doch
verfehlte er Cunomars Gesicht nur wenig. Schließlich stürzte der
Gallier aus dem Sattel. Valerius beobachtete, wie sich Cunomars
Mund in einem tonlosen Schrei verzerrte, der sowohl Verzweiflung
als auch Hass ausgedrückt haben mochte, vielleicht sogar, obwohl
dies unwahrscheinlicher war, Dank. Der Lärm der Schlacht jedenfalls
war schon zu stark angeschwollen, als dass man unter dem Geschrei
der vielen noch eine einzelne Stimme hätte ausmachen können. Von
der Seite griffen jetzt noch weitere Gallier an, und schon war die
verpasste Chance eines Jungen, endlich zu Ruhm zu gelangen, wieder
bedeutungslos geworden.
Die Verteidiger töteten, trugen auch einige Wunden
davon, doch keiner von ihnen fiel. Die Felsen schirmten ihre Rücken
und Seiten ab, so dass der Feind schließlich nur noch von vorn
angreifen konnte. So weit zumindest hatte Marullus sie falsch
eingeschätzt, oder er hatte keine Kundschafter vorausgeschickt, die
das Gebiet zuvor schon einmal sondierten. Valerius’ Hoffnungen
begannen bereits wieder zu keimen, bis er, in einem kurzen
Augenblick der Stille, das Prasseln von auseinander spritzendem
Strandkies hörte, der wie Regen auf einem Dach erschallte, und
dann, als er nach rechts blickte, eine weitere Truppe von Reitern
in scharfem Galopp heranpreschen sah. Diese nun machten endgültig
alle Chancen zunichte, dass auch nur einer der Verteidiger noch
fliehen und zu dem wartenden Ruderboot laufen könnte. Genau das
schien der Grund zu sein, warum die zusätzlichen Reiter aufgetaucht
waren.
Der Offizier in Valerius musste abermals Marullus’
Taktik bewundern, noch während er die Gegner abzuwehren versuchte.
Die Stute wirbelte von allein wieder herum. Zwei Männer stürmten
auf ihn los, von jeder Seite einer, und Valerius riss am weichen
Maul des Pferdes und tat ihm damit weh, doch es bäumte sich auf der
Hinterhand auf und brachte ihn mit einem Satz vorwärts außer
Reichweite seiner Widersacher. Er spürte das kurze Zerren in seinem
Rücken und begriff, dass soeben der Sklavenjunge hinuntergefallen
war, und das tat ihm aufrichtig Leid. Dann tötete er den ersten
seiner Angreifer und stellte fest, dass den zweiten bereits Luain
mac Calma erledigt hatte. Eigentlich hätte der Träumer gar nicht
hier sein sollen, denn er wurde dringend woanders gebraucht. In dem
Knäuel von Kriegern, in dem sowohl Caradoc als auch Dubornos waren,
hörte Valerius das unangenehme Geräusch von mindestens einem
Eisenschwert, das auf eine bereits beschädigte Waffe prallte. Als
er sich kurz umwandte, erkannte er Cwmfen, die ihr Pferd näher an
Caradocs Rechte herandrängte und ihn auf diese Weise zu schützen
versuchte, denn der Krieger verlor sichtlich an Kraft. Zwar empfand
Valerius keinerlei Zuneigung für auch nur einen von denjenigen, die
mit ihm kämpften, doch da ihr Tod eng mit dem seinen verknüpft sein
würde, wollte er ihn möglichst lange hinauszögern.
Schon rückte Marullus’ zweite Kampfreihe gegen sie
vor. Valerius zertrümmerte einen nach ihm geschleuderten Speer -
die Gallier hatten Speere! - und rief in mac Calmas Richtung:
»Kümmere dich um Caradoc. Mit mir ist alles in Ordnung.«
»Dann hol dir den Jungen und reite zu den
Ruderbooten. Du bist es, den sie zu töten versuchen, nicht
wir.«
Es stimmte. Der Hauptteil des römischen Angriffs
richtete sich allein gegen ihn. Nur der wegrutschende grobe Kies
des Strandes und die Krieger zu beiden Seiten hielten sie noch
davon ab, ihn zu überwältigen. Über das Chaos des Kampfes hinweg
brüllte der Träumer erneut: »Hol den Jungen!« Sein Schwert tanzte
nach rechts und links, um ihnen etwas Platz zu verschaffen. Mac
Calmas Haar und sein Umhang folgten flatternd jeder seiner
Bewegungen. »Reite endlich zum Boot, Mann!«
»Kann nicht … eine neue Truppe von Galliern im Weg
… tödlich, von hier wegzureiten.«
»Nein. Das sind unsere gallischen... Freunde...«
Dann grub sich eine Klinge in die Flanke von mac Calmas Pferd, und
sofort bäumte sich das Tier auf der Hinterhand auf, peitschte mit
seinen Hufen die Luft und vereitelte dadurch einen für mac Calma
sonst tödlichen Schwerthieb. Der Träumer hieb mit aller Kraft
zurück. Eisen schlug krachend auf Eisen, und es bestand noch immer
die Chance, dass er überleben würde, und das war mehr, als man von
den anderen behaupten konnte.
Caradoc war verwundet. Valerius erkannte an der
Art, wie sich sein Pferd bewegte, dass Caradocs rechte Hand nicht
länger die Zügel hielt. Er wandte sich von mac Calma ab. Unsere
Gallier? Unmöglich. Alle Gallier waren auf den Kaiser und auf
Rom eingeschworen. Genau in Augenhöhe sauste eine Klinge an ihm
vorbei, und er wäre fast getötet worden.
Denken tötete. Ohne weiter nachzudenken schlug er
seinen Angreifer von dessen Pferd und beugte sich dann aus dem
Sattel heraus, um sein Schwert in das Bein des Mannes zu rammen,
woraufhin das Blut nur so aus der Hauptschlagader spritzte, während
der Mann sich verzweifelt an die letzten Augenblicke seines Lebens
klammerte. Ist das Leben einem erwachsenen Mann, der weiß, was
er zu verlieren hat, denn weniger lieb...? Ich denke nicht.
Valerius empfand mehr und mehr eine gewisse innere Distanz zu dem
Geschehen, so dass es so war, als ob sich ein Teil von ihm aus
seinem Körper löste und über dem Kampfgetümmel schwebte, um zu
beobachten und zu beurteilen. Wie immer in solchen Augenblicken
waren die Geister wieder verschwunden, was ungerecht war, denn wenn
Valerius schon sterben musste, dann wollte er, dass sie seinen Tod
zumindest miterlebten. Schroff rief er sie zurück, und sein Herz
hüpfte freudig, als sie sich schließlich wieder einfanden.
Sein Instinkt zog ihn zu der Stelle am rechten Ende
ihrer Reihe, wo Caradoc von seinem Pferd geglitten war und nun
Seite an Seite mit Cwmfen kämpfte und dabei seinen Körper benutzte,
um Math zu schützen, den sie auf dem Rücken trug. Dubornos war
verletzt, konnte aber noch immer gut mit seinem Schwert umgehen. Er
kniete neben Cwmfen auf dem Boden; eines seiner Beine hatte ihm den
Dienst versagt. Geschwächt, ohne Schilde oder ein vernünftiges
Schwert, würde keiner von ihnen mehr lange überleben.
Valerius wollte absteigen und zu ihnen stoßen, als
plötzlich ein Schild über die Knöchel seiner linken Hand schrammte
und ihm dessen Haltegriff in die Hand gedrückt wurde. Er hatte
schon mit seinem Schwert ausgeholt, bis er schließlich begriff und
seinen Schwung bremste. Er blickte nach unten zu dem belgischen
Jungen, der noch niemals zuvor in seinem Leben geritten war,
vielleicht aber schon einmal eine Schlacht gesehen hatte oder an
einem der Tage, an denen er frei hatte, an einem winterlichen Feuer
davon hatte erzählen hören. Der Junge lächelte, und er war
tatsächlich Iccius, der doch einst in einem Heizungskeller
umgekommen war. In diesem Augenblick war der Schmerz in Valerius’
Brust so groß, dass er ihn mit Sicherheit hätte töten können, wenn
nicht ein durchdringender, vielstimmiger Schlachtruf aus westlicher
Richtung seine Gedanken wieder aus der Vergangenheit zurückgerissen
hätte.
Unsere Gallier. Ein Dutzend Reiter preschte
in gestrecktem Galopp mitten in das Kampfgetümmel hinein. Sie
führten Speere bei sich, Langschwerter und stabile Schilde. Und
während sie ihre Götter anriefen, stürmten sie auf die Soldaten der
römischen Hilfstruppe los. In einem einzigen Augenblick starben
allein fünf ihrer Feinde. Unsere Gallier. Dies waren
Krieger, die noch immer Mona und den alten Göttern treu waren, die
weiterhin ihr Leben riskieren würden, um jenen Träumer, der so
häufig nach Gallien reiste, zu verteidigen und auch all jene, die
mit ihm ritten.
Unsere Gallier. Mithras! Ich danke
dir.
Wie erstarrt stand der Sklavenjunge zwischen den
herbeistürmenden Pferden. Auf Belgisch brüllte Valerius: »Gib mir
deine Hand! Spring auf mein Pferd! Sie müssen erkennen können, dass
du einer von uns bist.«
Der Junge klammerte sich an Valerius’ Ärmel und
wurde hinaufgezerrt. Er wog noch weniger, als Iccius jemals gewogen
hatte, selbst nachdem Amminios ihn entmannt hatte.
In diesem Augenblick galoppierte ein reiterloses
Pferd an ihnen vorüber, mit weißem Schaum vor dem Maul, die Augen
weit aufgerissen vor panischer Angst. Valerius schnappte sich die
Zügel und zerrte das Tier herum, stemmte sich mit seinem ganzen
Gewicht gegen den Drall des Pferdes, zog es an seine Stute heran
und drängte es schließlich vorwärts. Hinter ihm schrie der
Sklavenjunge einmal leise auf, verstummte dann jedoch wieder.
Unten auf dem Boden hielt Caradoc sein Schwert
jetzt beidhändig, durchschnitt mit seiner Klinge zwar noch immer
die Luft, aber nicht mehr in sauberen Schwüngen. Valerius benutzte
das herrenlose Tier, um mit dessen Körper einen weiteren römischen
Angreifer abzuschmettern. Dann warf er die Zügel nach vorn und
rief: »Für dich! Das ist deine Chance. Wenn du überleben willst,
dann steig auf!«
Die Antwort des Kriegers wurde von dem um sie herum
tobenden Chaos zerrissen. »Nein... Dubornos braucht... es
dringender.«
Nun stürmte auch schon die zweite Abteilung der
Neuankömmlinge auf sie ein und griff scheinbar willkürlich an.
Valerius duckte sich, hieb um sich und erkannte erst verspätet,
dass er noch immer jene Rüstung trug, die ihn als Dekurio auswies,
und dass er umzingelt war von jenen, die doch angeblich seine
Verbündeten waren. Wütend brüllte mac Calma irgendetwas auf
Gallisch, und schon wurden die gegen Valerius geführten
Schwerthiebe weniger. Auf dem beengten Raum vor den Felsen kämpften
mittlerweile Gallier gegen andere Gallier, und nur anhand der blau
gestreiften Reiherfedern, die in dicken Büscheln im Haar der
Neuhinzugekommenen wirbelten, konnten Freunde noch von Feinden
unterschieden werden. Marullus’ Römer waren bis an die Ränder
zurückgedrängt worden, und da sie nicht wussten, wonach sie
Ausschau halten sollten, sahen sie das Unterscheidungsmerkmal nicht
und konnten daher auch nicht weiter töten.
»Lauft zum Boot!« Das war mac Calma, der seine ewig
gleiche Litanei sang.
Valerius lachte auf. »Du brauchst dringend ein
neues Lied, Träumer.«
Dann wirbelte er herum. Dubornos schwang sich auf
den Wallach, den Valerius eingefangen hatte; sein Bein blutete
zwar, war aber nicht gebrochen. Sofort wurden noch zwei weitere
Pferde gebracht, eines für Cwmfen und eines für Caradoc. Auch Cygfa
stieß nun zu ihnen, mit bleichem Gesicht und wild fluchend, und
scheuchte dabei einen tobenden Cunomar vor sich her, der unbedingt
einen Feind töten wollte, auch wenn er bei dem Versuch selbst
umkommen sollte. Nun umringte sie schützend eine Truppe von mit
blauen Federn geschmückten Galliern, und endlich schien die Flucht
möglich. Da aber brach Marullus, der sich bisher noch aus dem
Kampfgetümmel herausgehalten hatte, um stattdessen Befehle zu
erteilen, wie aus heiterem Himmel über sie herein und preschte
voran.
»Verschwindet!«, schrie Valerius mit seiner
Kampfesstimme und auf Eceni, wie er noch niemals zuvor gebrüllt
hatte. »Flieht zu dem Schiff! Marullus gehört mir. Um mich zu
kriegen, wird er euch entkommen lassen.«
Valerius hatte keine Zeit mehr, um zu sehen, ob man
ihm auch gehorchte. Der Zenturio war ein wahrer Bulle, innerlich
wie äußerlich, und ebenso leicht und sorglos, wie ein Bulle die ihn
plagenden Sommerfliegen verscheuchte, knüppelte Marullus die
Gallier nieder. Vor ihm und überall um ihn herum stürzten die
Männer aus ihren Sätteln, während Marullus mit seinem Pferd durch
die Kampflinien pflügte, um nun schließlich jenen Mann zu
erreichen, den er seinen Sohn genannt und dessen Leben er die
letzten vierzehn Tage bewusst geschont hatte.
Der gestohlene Schild war Valerius’ Rettung. Unter
dem ersten Schwerthieb des Zenturio bekam er zwar einen Riss, doch
er zerbrach nicht. Die Wucht des Hiebes allerdings lähmte Valerius’
Arm. Der zweite Schlag zielte nun seitwärts auf Valerius’ Kopf, und
wäre nicht in diesem Augenblick seine Stute auf dem vom Blut der
Gefallenen glitschig gewordenen Kies ausgerutscht, wäre er
womöglich tatsächlich gestorben. So aber verfehlte der Hieb der
Klinge sie beide. Sie war ein gutes Tier, doch hörte Valerius auch
ihr schmerzerfülltes Schnauben, als sie sich wieder erhob, und
augenblicklich wusste er, dass der Knochen in ihrem Vorderlauf
gebrochen sein musste oder aber die Sehne gerissen war. Ein letztes
Mal zerrte er hart an ihrem Maul, und wie gewünscht erhob sie sich
auf ihren Hinterläufen hoch in die Luft. Der belgische Junge ließ
sich nach hinten und in Sicherheit fallen. Der Rückschwung von
Marullus’ Schwert jedoch traf die Stute genau am Kopf, und bis auf
die Zähne hinab wurden ihre Muskeln und ihre Knochen von der
rasiermesserscharfen Klinge durchtrennt. Sie schrie gellend auf und
stürzte zu Boden, und aus ihren Nüstern schäumte karminrotes Blut.
Das Schwert war so tief in sie eingedrungen, dass es sich fest im
Knochen verkeilt hatte, und Marullus, der einfach nicht loslassen
wollte, verlor das Gleichgewicht. Valerius aber war bereits aus dem
Sattel gesprungen, ließ seinen Schild fallen, rollte über den
Kiesstrand, schürfte sich dabei den Rücken auf, sprang aber sofort
wieder auf die Füße, sein Schwert noch immer fest in der Hand. Das
hätte Longinus sicherlich gefallen. Doch Longinus würde niemals
davon erfahren. Über ihm, immer noch im Sattel, immer noch laut
fluchend, aber auch immer noch aus dem Gleichgewicht gebracht, hing
Marullus.
Julius Valerius Corvus, Erster Dekurio der Prima
Thracum, wusste in diesem Augenblick, dass er von nun an für seinen
Gott und die Legionen für alle Zeit verloren sein würde, und er
hieb in das ungeschützte Gesicht jenes Mannes, der ihn gebrandmarkt
hatte, der ihn die Litaneien gelehrt hatte, der ihm einen
Lebenssinn geschenkt hatte, als aller Sinn verloren schien. Wilde
Flüche gegen Valerius ausstoßend, starb Marullus, um sich zu den
Geistern zu gesellen, die Valerius verfolgten. Sein Tod wurde von
einem lateinischen Aufschrei begleitet, und die römsichen Soldaten
am Rande des Schlachtfeldes ließen, als sie sahen, dass ihr
Zenturio starb, schlagartig jeden Befehl außer Acht und versuchten
nicht mehr länger, Freund von Feind zu unterscheiden, sondern
stürzten sich nunmehr auf jeden Gallier, der sich in ihrer
Reichweite befand.
»Kommt mit!«
Der Ruf erschallte auf Gallisch und wurde dann noch
einmal auf Eceni wiederholt. Eine Hand zerrte an Valerius’
Schwertarm und zog ihn neben einem galoppierenden Pferd her. Dann
packten ihn noch weitere Hände unter den Achseln, und schließlich
wurde er hochgehoben und bäuchlings auf den Rücken eines der Pferde
geworfen. Das Schlachtfeld fiel immer weiter zurück. Valerius
kämpfte sich in eine sitzende Position hoch, ergriff die Zügel und
entdeckte endlich auch den belgischen Jungen, den Dubornos sicher
umfangen hielt. Nur kurze Zeit später hatten sie das Ende der
Landzunge erreicht, und die Felsen, das Seegras und die
messerscharfen Entenmuscheln erstrahlten unter dem hellen Licht der
Lampen der Ruderer. Valerius stemmte sich gegen den Sattel, bereit
zum Absteigen. Doch noch immer erlaubte er sich nicht, darüber
nachzudenken, wohin er sich wenden sollte, wenn seine Füße erst
einmal den Strand berührten.
»Du kommst nicht mit?«
Überrascht blickte Valerius auf. Noch ehe er sich
ganz umgedreht hatte, erkannte er jedoch schon, dass es Cygfa
gewesen war, die da gerade gesprochen hatte, und dass sie weinte.
Für ihn allerdings würde sie niemals weinen.
Über seine rechte Schulter hörte er nun Caradocs
Stimme ertönen, die unnatürlich ruhig klang: »Ich kann nicht
mitkommen. Es tut mir Leid, wirklich. Aber ich kann nicht, nicht in
diesem Zustand.« Der Arm des Kriegers hing schlaff an seiner Seite
herab. Niemals wieder würde er einen Schild damit heben
können.
»Du musst. Die Krieger von Mona, die Krieger der
Ordovizer, die Krieger aller vereinigten Stämme werden dich
anerkennen, ob du nun gesund bist oder nicht. Du kannst noch immer
mitkommen. Du musst! Ohne dich sind wir nichts.« Vor Kummer konnte
Cygfa die Worte nur noch flüstern. Leise verhallten sie im
Meeresrauschen.
»Nein. Sie mögen mich vielleicht noch immer
anerkennen, aber sie werden mich nicht mehr respektieren.« Caradoc
streckte seine linke Hand aus. An beiden Händen krümmten sich schon
die Finger nach innen und zitterten wie unter der Schüttellähmung.
»Cygfa, ich tu dies nicht, um dir wehzutun, das schwöre ich. Wenn
wir keinen Krieg hätten, würde ich ohne zu zögern mitkommen, aber
in meinem Zustand kann ich keine Krieger mehr in eine Schlacht
führen. Es ist besser, sie wissen, dass ich in Freiheit bin und in
Gallien und dass sie denken, ich sei noch unversehrt. Man wird
sagen, dass ich hier geblieben bin, um weiter zu kämpfen, während
ihr geflohen seid. Später dann wird man erfahren, dass ich noch
lebe, und das wird ihnen einen Mut verleihen, wie meine Gegenwart
es gar nicht mehr vermöchte. Es tut mir Leid.« Dies war eine schon
lange vorbereitete Rede, ebenso wie diejenige von Valerius an
Marullus. Es war nicht zu sagen, vor wie langer Zeit Caradoc sich
diese Worte bereits zurechtgelegt hatte.
Die Träumer hatten dies aber ganz offensichtlich
schon erwartet. Dubornos jedenfalls war keinerlei Überraschung
anzusehen, und Luain mac Calma nahm überhaupt keinen Anteil an dem
Gespräch, das nur eine Armeslänge von ihm entfernt stattfand.
Stattdessen behielt er auf der einen Seite das Ruderboot im Auge
und auf der anderen die hinter ihnen tobende Schlacht, wo eine
Reihe von Galliern gerade den Rest von Marullus’ Männern
abschlachtete.
»Mutter?«, fragte Cygfa. »Willst nicht auch du zu
deinem Volk zurückkehren?«
Cwmfen stand hinter Caradoc. Ihre Arme und ihr
Gesicht waren mit Feindesblut beschmiert, aber nicht mit Tränen.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bleibe bei deinem Vater. Wenn Math
aufwächst, muss er sowohl in der Gesellschaft seiner Mutter als
auch der seines Vaters sein. Er braucht uns beide, damit er lernt,
wer er ist und von welchem Geschlecht er abstammt. Es ist besser
so. Du wirst von uns hören und wir von dir.«
»Dann bleibe ich bei euch. Ich werde euch
beschützen, und mein Bruder wird in der Gesellschaft seiner
gesamten Familie aufwachsen.« Cygfa schlug allerdings nicht vor,
dass auch Cunomar bleiben solle.
»Nein.« Caradoc berührte Cygfas Arm. »Du musst noch
deine langen Nächte in der Einsamkeit absolvieren. Mac Calma sagt,
dass es dazu noch nicht zu spät sei, aber dass das nicht in Gallien
möglich wäre. Die Götter findest du auf Mona.«
Valerius beobachtete die Veränderung, die in Cygfa
vorging, das plötzliche Aufkeimen einer Hoffnung, die sie schon so
tief und so lange begraben hatte, dass sie schon ganz vergessen
hatte, dass diese Hoffnung überhaupt noch existierte. Aber weder
ihr Vater noch ihre Mutter hatten dies vergessen und vielleicht
auch Luain mac Calma nicht, der noch immer sehen konnte, was sie
hätte sein können und vielleicht noch immer werden könnte. Langsam
und deutlich erkennbar breitete sich diese Erkenntnis nun in ihrem
Innersten aus.
Cygfa blickte rasch zu dem Träumer hinüber, der
daraufhin nickte.
Caradoc lächelte, obwohl die Anstrengung, die ihn
dies kostete, nicht zu ermessen war. »Siehst du? Es ist besser so.
Und nun geh. Du musst jetzt segeln, und wir müssen
davonreiten.«
Endlich ergriff Caradoc auch Cygfas anderen Arm,
nicht mehr mit der Kraft eines Kriegers, doch mit der ehrlichen
Umarmung eines Vaters für seine Tochter. Nun brach seine sorgsam
bewahrte Maske der Ruhe und Gefasstheit auseinander. Tränen rannen
über seine Wangen. Er hob die Hand zu seiner Schulter und der
Schlangenspeerbrosche empor, die jetzt alles war, was ihm noch von
Britannien geblieben war. Caradoc hakte den Verschluss der Brosche
auf und steckte sie an Cygfas Tunika. Die roten Zöpfe an der
untersten Schlaufe der Brosche waren schwarz von seinem Blut. Dann
küsste er Cygfa und sagte: »Ich habe kein Schwert, das ich dir
geben könnte - mac Calma wird dafür sorgen, dass eines angefertigt
wird, das zu dir passt. Nimm dafür aber diese Brosche, und fass dir
ein Herz. Solange du lebst, werden meine Seele und die deiner
Mutter durch dich weiter gegen den Feind kämpfen.«
»Vater...« Cygfa hob Caradocs Hand an ihre Wange.
Durch unaufhaltsam fließende Tränen hindurch sagte sie: »Wir werden
sie aus unserem Land vertreiben, allesamt. Dann kannst du wieder
nach Hause kommen.«
Caradoc lächelte schwach. Als er wieder sprechen
konnte, antwortete er: »Auf diese Nachricht werden wir täglich
warten.«
Dann wanderte sein Blick weiter und zu jener Stelle
hinüber, wo Cunomar stand und sie beobachtete, verloren,
ausgeschlossen, unsagbar wütend und vor allem allein. Als ein Junge
war er in den Kampf eingetreten, und als ein Junge war er wieder
daraus hervorgekommen, ohne auch nur einen einzigen Gegner getötet
zu haben. Bis Caradoc gesprochen hatte, war seine ganze
Aufmerksamkeit noch immer auf den Kampf hinter ihnen gerichtet
gewesen. Als Valerius zu Cunomar hinüberblickte, sah er, dass
Dubornos das Pferd des Jungen festhielt und drei der blau
befederten Gallier allein dazu abgestellt worden waren, um auf den
Burschen zu achten und aufzupassen, dass er in Sicherheit
blieb.
»Cunomar, du hast gut gekämpft.« Nun hatte Caradoc
sich wieder besser unter Kontrolle, genügend, um eine Lüge mit
zumindest einiger Glaubwürdigkeit vorzubringen. Er zog das Messer
aus seinem Gürtel und reichte es mit dem Griff nach vorn Cunomar.
»Ich habe kein Schwert, das ich dir geben könnte, aber nimm dieses
Messer, als ob es ein Schwert wäre. Mac Calma wird dafür sorgen,
dass auch du ein Schwert erhältst.« Dann hielt Caradoc inne,
offensichtlich auf der Suche nach den richtigen Worten, und was er
schließlich sagte, war keine vorbereitete Rede: »Deine Mutter …
deine Mutter wird wissen, dass dies der richtige Weg ist. Steh ihr
an meiner Statt zur Seite. Beschütze du sie an meiner Statt.«
Caradoc kannte seinen Sohn gut. Beim Anblick des
Messers und dem unaufrichtigen Lobgesang auf seine Taten waren ihm
die Züge entglitten. Im Namen seiner Mutter jedoch riss er sich
wieder zusammen und richtete sich im Sattel auf. Dabei wandte er
seine Aufmerksamkeit vollkommen von dem Kampf vor den Felsen ab. Er
war auf Mona geboren worden und mit den dort herrschenden
Zeremonien aufgewachsen. Jetzt also entbot er in perfekter Haltung
den Gruß eines Kriegers gegenüber einem Mitglied des
Ältestenrates.
»Solange ich lebe, soll ihr nichts geschehen«,
sagte er. »Das schwöre ich in Brigas Namen.«
Die versammelten Erwachsenen bezeugten den Schwur
mit der angemessenen Feierlichkeit.
Der nun folgende Abschied verlief sehr rasch. Die
Gallier nahmen die Pferde, und die Ruderer, die zum größten Teil
ebenfalls Gallier waren, halfen den Kriegern an Bord des Bootes.
Philonikos beschloss, Caradoc zu begleiten, und Dubornos wünschte
ihm alles Gute. Der belgische Junge wollte bei Valerius bleiben, wo
immer dieser auch hinginge. Wo Valerius hingehen würde, war
allerdings keinem der Anwesenden klar, am wenigsten ihm
selbst.
Mac Calma fällte die Entscheidung an Valerius’
Stelle. »Wenn du bleibst, werden dich unsere Gallier töten. Sie
glauben mir nicht, dass du kein Römer bist.«
»Da haben sie ja auch Recht. Ich bin genauso ein
Römer wie jeder der Männer, den sie heute Nacht getötet
haben.«
Der Träumer brachte immerhin noch ein schiefes
Lächeln zustande. »Wenn du also sterben möchtest, kannst du ja gern
hier am Strand verweilen. Solltest du aber leben wollen, solltest
du zumindest mit an Bord kommen. Unsere Reise wird fünf Tage
dauern, vielleicht sogar länger. Und jeden Tag kannst du mehrmals
deine Entscheidung fällen oder auch wieder verwerfen, und wenn du
dann immer noch sterben möchtest, wird Manannan sich deiner
sicherlich annehmen.« Als Valerius noch immer nicht antwortete,
fügte mac Calma hinzu: »Wenn du bleibst, stirbt auch der Bursche,
Iccius. Ich besitze nicht die Macht, dass ich den Galliern befehlen
könnte, ihn am Leben zu lassen.«
Es war der Name, der schließlich den Unterschied
machte, obwohl Valerius später noch zornschnaubend über diesen
unverschämten Missbrauch seiner Vergangenheit schimpfen sollte. In
diesem Augenblick aber wusste er nur, dass er es nicht mitansehen
könnte, wenn jenes Kind, dessen Geist er noch immer mit sich trug,
ein zweites Mal sterben würde, und somit stand die Entscheidung
fest.
»Halt.« Valerius hatte sich gerade umgewandt, um an
Bord des Skiffs zu klettern, als Caradoc ihn am Arm packte. Jetzt
war es leichter, den Menschen in ihm zu erkennen; der Gott in ihm
hatte niemals so gebrochen ausgesehen. Die wolkengrauen Augen waren
blutunterlaufen, und in ihnen lebte eine ganze Welt des Schmerzes.
Der Mut, den es brauchte, um vor diesem Blick nicht die Augen zu
senken, war unaussprechlich groß. Caradoc streckte Valerius die
Hand entgegen. »Gib mir dein Messer«, sagte er.
»Was?«
»Dein Messer. Das mit dem Falkenkopf darauf. Gib es
mir.«
Sanft rauschten die Wellen über den Kiesstrand
hinweg. Eine nächtliche Möwe kreischte auf, und einer der Ruderer
hieb sein Ruderblatt in den Sand. Langsam zog Valerius das Messer
aus seinem Gürtel und hielt es Caradoc auf der flachen Hand
hin.
Caradoc legte die zitternden Finger seiner linken
Hand auf das Wappen, hob das Messer jedoch nicht an. Dann sprach
er: »Beim Volk meiner Mutter, den Ordovizern, gibt es eine
bestimmte Art zwischen zwei Kriegern, die Wahrheit zu ermitteln.
Zwei Hände schließen sich um den Messergriff. Jeder versucht, den
anderen an der Kehle zu treffen. Nur einer geht lebend aus diesem
Kampf hervor.«
Valerius lachte bellend. »Die Ordovizer waren schon
immer berühmt für ihre primitiven Bräuche.«
»Vielleicht, aber der Brauch hat schon seine
Berechtigung. Ich schwöre jetzt vor dir, beim Griff dieser Klinge,
dass ich dich nicht an Amminios verraten habe, dass ich dir niemals
zu irgendeinem Zeitpunkt deiner Kindheit etwas Böses gewünscht
habe, dass ich mich erfreut habe an deiner Freude und geliebt habe,
was du liebtest. Ich respektierte die Kraft des Träumers, der du
gewesen bist, und des Kriegers, der du hättest werden können. Gerne
hätte ich vor den Ältesten gesprochen, während du deine langen
Nächte in der Einsamkeit absolviert hättest, und ich habe mich
geehrt gefühlt, dass ich darum gebeten wurde. Und ich würde es
immer noch tun.« Caradoc war weder ein Träumer noch ein Sänger,
doch in seinen Worten schwang ihre Kraft mit. Seine Augen brannten.
Dies waren nicht mehr die Augen des Gottes. Mit anders klingender
Stimme fuhr er dann fort: »Wenn du meine Worte anzweifelst, werden
wir die Probe antreten. Mac Calma ist durch unsere Ältesten nicht
befugt, diese Probe zu überwachen, wohl aber Cwmfen.«
»Und du meinst, dass sie gern dabei zuschauen
möchte, wie du abgemetzelt wirst?« Allein der Vorschlag war schon
grotesk. Valerius war zwar geschwächt von dem heftigen Kampf, aber
noch immer nicht kampfunfähig. Caradoc dagegen stand nur noch auf
seinen Beinen, weil es ihm sein Wille nicht gestattete, einfach
umzufallen; er war noch nicht einmal mehr in der Lage, ein Messer
zu halten. »Du hast jetzt die Chance auf ein Leben in Gallien«,
entgegnete Valerius. »Dann willst du doch nicht ausgerechnet jetzt
Cwmfen allein zurücklassen, so dass sie gezwungen ist, ihr Kind
ohne den Vater großzuziehen, nicht wahr?«
»Ich lasse meinen Sohn aber auch nicht unter dem
Stigma aufwachsen, dass man seinen Vaters des Verrats beschuldigt
hat.«
»Man hat Menschen schon schlimmere Dinge
nachgesagt.«
»Aber nicht mir.«
Die Messerklinge immer noch zwischen ihnen, standen
sie sich auf dem Kiesstrand gegenüber. Valerius hörte, wie auf dem
Schlachtfeld noch ein letzter Mann starb. Dann folgte das Schweigen
der völlig verausgabten Krieger, die, wenn die Gefahr vorüber war,
immer eine Weile erst mal nur stehen blieben, bis sie wieder
genügend Kraft gesammelt hatten, um zu gehen.
Sanft fragte Caradoc: »Bán? Du musst dich
entscheiden. Du kannst nicht zu Breaca zurückkehren, in dem
Glauben, dass ich dich verraten hätte.«
Deine Schwester ist mein Herz und meine
Seele, ist für mich die Sonne, die des Morgens aufgeht. Das war sie
von unserer ersten Begegnung an, und das wird sie auch immer
bleiben, bis ich sterbe und sogar noch darüber hinaus.
Das hatte das Kind, das Bán gewesen war, nicht
gewusst. Jener Mann aber, der Valerius gewesen war, hatte fünfzehn
Jahre seines Lebens damit zugebracht, genau diese Tatsache zu
verleugnen.
Valerius schloss die Hand um das Heft des Messers.
Langsam entwand er es Caradocs Griff. »Und du glaubst, dass ich
mich in die Reichweite meiner Schwester wagen könnte, wenn ich dich
getötet hätte? Dann müsste sie sich aber schon sehr verändert
haben.«
»Das hat sie nicht.« Caradoc lächelte. »Dann
glaubst du mir also?«
Du würdest eher Amminios glauben als
mir?
Ja.
Er konnte so gut lügen, mein Bruder...
»Ich würde dich nicht töten, nur um einen
Standpunkt zu beweisen.«
Plötzlich schlossen sich Finger um Valerius’
Handgelenk, die deutlich stärker waren, als er erwartet hatte.
Wolkengraue Augen blitzten plötzlich wieder auf, erfüllt von einem
Feuer, von dem Valerius gedacht hatte, dass es schon lange
erloschen sei. Mit leisem Nachdruck wiederholte Caradoc noch
einmal: »Aber du glaubst mir?«
Die Geister waren verschwunden. Sein Gott wachte
nicht mehr über ihn.
»Ja«, sagte Valerius, »ich glaube dir.«