XXI
»Scapula ist tot.«
Narcissus, Sohn des Callon und einer der
freigelassenen Sklaven des Kaisers, war höchst erregt, in einem
Zustand, der schon fast an Hysterie grenzte. Er hatte sich mitten
im Türrahmen der Gefangenenzelle postiert, rechts und links von ihm
je ein Soldat der berittenen Garde und zwei Prätorianer. Am Abend
zuvor war er Dubornos noch als weltmännisch und beinahe allmächtig
erschienen. Narcissus, ein Mann von mittlerer Größe und mittlerem
Gewicht, mit dunklem, exakt geschnittenem Haar und kräftigen
Augenbrauen, hatte sowohl die Wachen als auch den Arzt befehligt,
hatte die Verbände und die Kleidung zur Verfügung gestellt, Essen
und Wein, hatte genauso flüssig Griechisch wie auch Latein
gesprochen und sogar einige solide Grundkenntnisse im Gallischen
bewiesen. Alles in allem eilte ihm der Ruf voraus, Claudius’
meistgeschätzter Berater zu sein und damit jener Mann, der einst
die meuternden Legionstruppen dazu hatte bewegen können, doch noch
an Bord der Schiffe nach Britannien zu gehen und dort endlich die
bereits mehrmals verschobene Invasion einzuleiten. Später, lange
nach diesem Ereignis, erzählte man sich auf Mona das Gerücht, dass
im Grunde sogar die gesamte Eroberung Britanniens allein Narcissus’
Plan gewesen sei, der damit die Macht seines Herrn - und
gleichzeitig seine eigene Stellung - festigen wollte.
Das Tageslicht dagegen, das sich nun von
irgendeinem fernen Fenster durch den Korridor stahl, tat seinem
Aussehen keinen sonderlich schmeichelhaften Dienst. Narcissus’ Haut
hatte den gelblichen Stich des Alters bekommen und spannte. Sein
Haar war bereits von einigen silbernen Strähnen durchzogen. Seine
Tunika, die am vorigen Abend im milden Schein der Lampen noch als
ein Muster an Dezenz und gutem Geschmack erschienen war, glitzerte
nun vor lauter Gold und Silber in geradezu ordinärem Ausmaß.
Narcissus trat einen Schritt in den Raum hinein,
jedoch nicht weit genug, als dass Dubornos ihn hätte erreichen und
seinem Nacken einen tödlichen Schlag mit der Handkante hätte
versetzen können; und ohnehin standen die Wachen zur sofortigen
Gegenwehr bereit.
»Scapula ist tot«, verkündete Narcissus abermals.
Mit blasser Zunge befeuchtete er seine noch blasseren Lippen. »Der
Statthalter von Britannien ist in seinem Bett gestorben. In
Camulodunum sagen sie, dies wäre das Werk der Träumer gewesen; als
Rache dafür, dass wir Caratacus gefangen genommen haben. Stimmt
das?«
»Möglicherweise«, entgegnete Dubornos. In seinem
Schädel erschallten plötzlich Hörner, nein, eher ganze Fanfaren des
Sieges. Die Freude machte ihn regelrecht schwindelig. Verglichen
damit schien ihm die gerade in diesem Augenblick nur allzu
gegenwärtige Gefahr für sein eigenes Leben nahezu irrelevant.
»Aber wie stellen sie das an? Sie sind noch nicht
mal in seine Nähe gekommen, konnten sie schließlich gar nicht, er
wurde ja Tag und Nacht bewacht. Können sie etwa auch aus der Ferne
töten?«
Eine plötzliche Warnglocke in Dubornos’ Hinterkopf
ließ ihn innehalten. »Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Ich bin
kein Träumer.«
»Nein, natürlich nicht.« Der ehemalige Sklave
schnaubte verächtlich durch die Nase. »Du hast lediglich die
letzten neun Jahre auf ihrer verfluchten Insel verbracht. Natürlich
hast du keine Ahnung von ihren Tricks.« Wütend schürzte er die
Lippen. Er schien wie die Verkörperung des Zorns persönlich, die
Verheißung der nun schon sehr bald über Dubornos hereinbrechenden
Gewalt. Das ist ein äußerst gewitzter und intelligenter Mann,
dem im Allgemeinen nicht der Sinn nach Blutvergießen steht,
hatte Caradoc gesagt. Er musste in jenem Augenblick aber ganz
offenbar beschlossen haben zu vergessen, dass der Kaiser jene, die
sich gegen ihn verschworen hatten, mit schöner Regelmäßigkeit zu
Tode foltern ließ, und auch Claudius’ Minister gerne ähnlich
verfuhren.
Narcissus’ Erregtheit verleitete ihn dazu, sich
noch einen Schritt weiter in die Zelle hineinzuwagen, und er befand
sich nun in Dubornos’ unmittelbarer Reichweite. Doch in Gedanken
hörte Dubornos plötzlich wieder Caradocs Stimme: Sie haben meine
Kinder … wenn es auch nur irgendetwas gibt, das wir tun können,
damit sie überleben, dann müssen wir es tun. Das ist alles, worum
es nun noch geht. Den bevorzugten Ratgeber des Kaisers zu töten
aber würde sämtliche Chancen auf ein Überleben von Cunomar und
Cygfa endgültig zunichte machen. Aufmerksam betrachtete Dubornos
Narcissus’ Arme und seine wütend gerunzelte Stirn, während sein
Herz wie wild gegen seinen Brustkorb hämmerte. Vor ihm schwebte -
ebenso real wie die Gefangenenzelle - ein Bild des toten Scapula.
Das hat bestimmt Airmid getan, für Breaca, dachte Dubornos,
und nur eines tat ihm Leid: dass Caradoc nun nicht da war, um die
wundervolle Neuigkeit gemeinsam mit ihm zu vernehmen. Laut
antwortete er: »Es sterben doch jeden Tag Menschen, an
Kriegsverletzungen, durch Seuchen, durch verdorbenes Essen. Warum
sollte der Tod Eures Statthalters ausgerechnet das Werk der Träumer
sein?«
Aus dem Korridor hinter den Wachen ertönte
plötzlich eine zweite, ebenfalls römisch klingende Stimme: »Ihre
Stämme jedenfalls - und auch die Legionen - glauben eben, dass es
so war. Und es geht sogar schon das Gerücht durch die Reihen, dass
sie Scapula nur zur Übung benutzten und es jetzt auf seinen Herrn,
Claudius, abgesehen haben. Dass man Claudius’ Leben nun nur noch in
Tagen statt in Monaten zählen könne. Der Legat der zweiten Legion
hat wegen dieser Aufwiegelei zwar schon ein ganzes Dutzend Männer
auspeitschen lassen, doch noch immer verbreitet sich dieses Gerücht
mit der Geschwindigkeit eines Lauffeuers. Und wenn es Rom erreicht,
dann ist Claudius so oder so quasi tot.«
Nun trat auch Callistus, Sekretär der Königlichen
Privatschatulle, an den Wachen vorbei und quetschte sich in den
kleinen Raum hinein. Er war von recht zierlicher Statur und besaß
ein schmales Gesicht mit künstlich roten Lippen. Sein Haar war
vollkommen weiß, jedoch war nicht ersichtlich, ob dies von Geburt
an so gewesen war, eine Folge des Alters oder gar eine Laune der
Natur. Callistus’ Augen waren blutunterlaufen, und wenn sie
überhaupt eine Farbe besaßen, so war diese wegen der riesengroßen
Pupillen jedenfalls nicht zu erkennen. Wie Narcissus, so war auch
Callistus von Panik erfasst, und in Panik geratene Menschen waren
ebenso gefährlich wie Pferde, die beim Anblick von Feuer
durchgingen. »Aber Claudius darf jetzt nicht sterben, er darf
einfach nicht! Und darum erzählst du uns jetzt auch, wie eure
barbarischen Wahrsager an Scapula herangekommen sind und wie wir
sie davon abhalten können, auf die gleiche Weise auch noch über
unseren Kaiser herzufallen. Und das alles erzählst du uns entweder
aus eigenen freien Stücken oder unter ärgstem Zwang, aber erzählen
wirst du es uns!«
Das Warten hatte also ein Ende - so einfach und
nahezu ohne Vorwarnung war schon der Höhepunkt der psychischen
Folter erreicht. Zugleich aber verspürte Dubornos eine gewisse
Erleichterung. Ihm wurde schwindelig. Dann fing er an zu lachen.
Die Männer starrten ihn an: ein Geistesgestörter oder ein hirnloser
Trottel. Das Versprechen körperlicher Qualen überzog Dubornos’ Haut
bereits jetzt wie mit kleinen Nadelstichen. Er ließ die Schultern
kreisen und vergegenwärtigte sich noch einmal das raue Kratzen der
Tunika, wie sie über seinen Rücken, seine Brust und seine Arme
scheuerte. Die von den Eisenketten verursachten Quetschwunden an
seinen Handgelenken schienen ihm plötzlich warm und vertraut, ein
bekannter und kalkulierbarer Schmerz. Von Kopf bis Fuß
durchrauschte ihn das Blut; mit einem Mal war Dubornos sich jedes
einzelnen Teiles seines Körpers vollkommen bewusst. Zum ersten Mal
seit zweiunddreißig Jahren fühlte er sich in seinem Körper zu
Hause, und ausgerechnet jetzt sollte er ihn schon wieder verlieren.
Ganz so, wie Airmid es ihn geheißen hatte, stand Dubornos nun genau
auf der Schwelle zwischen den Welten, hatte fest und sicher auf
jedes der beiden Ufer des göttlichen Flusses einen Fuß gesetzt.
Seine Gedanken strömten ganz ungehemmt und vollkommen frei von
allen weltlichen Zwängen.
»Wenn ihr wirklich glaubt, dass sie sich für
Caradocs Verschleppung rächen wollen«, sagte er schließlich, »dann
habt ihr doch ein sehr einfaches Gegenmittel. Lasst Caradoc frei,
schickt ihn wieder zurück zu seiner Familie, in seine Heimat. Zieht
eure Legionen aus unserem Land zurück. Dann wird der Kaiser noch
ein hohes Alter erreichen, und ihr, die ihr dafür gesorgt habt,
werdet als Helden bejubelt.«
Narcissus, ein Mann, der gerade sein gesamtes
Lebenswerk in Gefahr sah und der nicht davor zurückscheute,
hunderttausend andere Leben zu opfern, um dieses Werk zu retten,
starrte Dubornos lediglich wortlos an. »Wir können uns jetzt nicht
mehr aus Britannien zurückziehen - und wir werden es auch nicht
tun. Das würde das Ansehen, das der Kaiser beim Volk genießt,
erschüttern.«
Callistus sah die Sache mehr von der finanziellen
Seite. »Wir haben schon zu viel investiert, um uns jetzt noch
zurückziehen zu können. Allein die Ausgaben für die östlichen
Stämme betragen bereits vierzig Millionen Sesterzen, die können wir
doch gar nicht mehr rechtzeitig zurückholen. Es muss noch einen
anderen Weg geben. Und du wirst ihn uns zeigen.«
Bedauernd schüttelte Dubornos den Kopf. »Vielleicht
gibt es tatsächlich noch einen anderen Weg«, sagte er, »aber ich
bezweifle es. Und selbst wenn es da noch eine Möglichkeit gäbe, so
könnte ich sie euch nicht verraten. Es stimmt schon, dass ich für
einige Zeit auf Mona gelebt habe, aber ich bin kein Träumer, ich
bin nicht in die Riten eingeweiht. Hätte ich jemals versucht,
herauszufinden, wie diese Riten aussehen, dann hätte ich dafür
sterben müssen. Und dieser Tod wäre noch weitaus schlimmer gewesen
als alles, war ihr mir hier antun könnt.«
Narcissus lächelte. »Das möchte ich doch stark
bezweifeln.«
»Ich nicht. Hätte ich die Zeremonien der Träumer
beschmutzt, so wäre eine niemals endende Schande über mich
gekommen. Hier aber ist die Schande allein die eure.«
Narcissus starrte Dubornos einen Moment lang
nachdenklich an. Hätte Callistus nicht bereits mit den Fingern
geschnippt, so wäre in diesem Augenblick trotz der kulturellen
Kluft zwischen ihnen vielleicht so etwas wie eine Annäherung
möglich gewesen. Schon aber traten die Wachen vor und packten
Dubornos grob bei den Armen. Im allerletzten Moment, denn
schließlich hatte er nichts mehr zu verlieren, begann Dubornos
gegen sie zu kämpfen.
Das Messer war sehr scharf. Es wurde so lange in
die Haut unter Cunomars Auge gedrückt, bis dünne Blutfäden
herausquollen. Wenn er nach unten schielte, konnte er die blaugraue
Klinge genau erkennen und die vielen feinen Schraffuren, die sich
dort, wo das Messer über den Wetzstein gezogen worden war, in das
Metall eingekerbt hatten. Die Linien schienen unter seinem Blick
geradezu zu vibrieren, die Klinge jedoch blieb ganz ruhig; es war
sein eigener Körper, der zitterte.
Cunomar blickte am Messer vorbei und zu jener
Stelle hinüber, an der sein Vater, niedergezwungen von zwei
Soldaten der berittenen Garde, auf dem kalten Marmor kniete. Allein
Cunomar war es zuzuschreiben, dass die beiden Wachen noch lebten,
so viel war ihnen allen klar. Wäre da nicht sein Sohn gewesen, der
vor seinen Augen mit dem Messer bedroht wurde, dann hätte Caradoc,
der bereits mehr als tausend Römer niedergemetzelt hatte, auch noch
etliche weitere getötet, die Familie des Kaisers mit
eingeschlossen, hätte sogar vor Claudius persönlich nicht Halt
gemacht - oder wäre bei dem Versuch umgekommen.
Doch um Cunomars willen tat Caradoc nichts
dergleichen, sondern kniete einfach nur auf dem Boden. Eine der
Wachen umschlang mit festem Griff Caradocs goldenes Haar, und aus
der wieder aufgeplatzten Wunde an seiner linken Wange rann
purpurrot das Blut über seine kalkweiße Haut. Seine Lippen hatten
eine gräuliche Farbe angenommen, es war jedoch nicht zu sagen, ob
vor Wut oder vor Schmerz oder aufgrund der unermesslichen, schier
übermenschlichen Anstrengung, die es ihn kostete, sich nicht zu
wehren. Dann sprach Caradoc in einem Tonfall zu Claudius, als ob
Seine kaiserliche Hoheit lediglich der begriffsstutzige Gehilfe
eines Ziegenhirten wäre - und die Wirkung war genauso schlimm, als
ob er wirklich gekämpft hätte.
Es gab nichts, was ein Kind in dieser Situation
hätte tun können. Cunomar stand einfach nur stocksteif da, damit
das Messer nicht noch tiefer in seine Haut schnitt, und betrachtete
einen eleganten bronzenen Springbrunnen, aus dem das Wasser in den
nicht minder eleganten kaiserlichen Garten plätscherte. Geradezu
melodisch und in Tausenden von murmelnden Tränen sprudelte es aus
der Flöte eines nackten, ziegenfüßigen Jungen und regnete
schließlich in das grüne Marmorbecken zu Füßen dieser Statue hinab.
Jetzt an Tränen zu denken, war jedoch keine sonderlich hilfreiche
Idee, wie Cunomar fand. Er starrte also stattdessen auf die
Schlangenspeerbrosche an der Tunika seines Vaters, die seine
Peiniger ihm erstaunlicherweise noch nicht abgerissen hatten, und
betete inständig darum, wieder zu seiner Mutter zurückkehren zu
dürfen, zu Bodicea, der Siegreichen, deren Symbol ebenjener
Schlangenspeer war. Eigentlich müsste es doch in ihrer Macht
stehen, ihn und seinen Vater zu retten. In jedem Fall aber, das
hatte Cunomar sich schon vor langer Zeit geschworen, würde er nicht
weinen. Das war schließlich das Einzige, was er noch für seinen
Vater tun konnte - obwohl es ihn einiges an Kraft kostete. Am
schlimmsten jedoch war die Unterhaltung, die die Erwachsenen nun
gerade über seinen Kopf hinweg führten und in der sie sich in
Überlegungen ergingen, die einfach zu schrecklich waren, um genauer
darüber nachzudenken.
»Dubornos weiß nichts. Was auch immer Ihr ihm antun
werdet, er kann Euch nichts erzählen. Es gibt einfach nichts zu
erzählen. Wenn Scapula tot ist, dann ist das auf keinen Fall das
Werk der Träumer. Wenn sie wirklich aus der Ferne töten könnten,
wenn sie einen Statthalter Roms und sogar einen Kaiser bedrohen
könnten, meint Ihr nicht auch, dass sie das dann schon längst getan
hätten? Wie viele von ihnen hat Tiberius kreuzigen lassen? Wie
viele Gaius? Wie viele Ihr selbst? Zehn? Hunderte? Wenn es auch nur
einem, geschweige denn allen von ihnen möglich gewesen wäre, eine
solche Rache zu nehmen, glaubt Ihr nicht, dass zumindest einer von
ihnen das in den Tagen und Nächten seines qualvollen Sterbens dann
schon längst versucht hätte? Und wenn man so etwas trotzdem für
möglich hält, ist das schlichtweg Aberglaube, und der steht einer
zivilisierten Macht nur schlecht zu Gesicht!«
Caradoc sprach in jenem ungeduldigen, abgehackten
Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, was er von dem sabbernden
Schwachsinnigen hielt, der da vor ihm stand. Dieser Tonfall ließ
selbst Cunomar erschaudern. Claudius starrte Caradoc einfach nur
mit offenem Mund an und kicherte einmal nervös. Jene Soldaten der
Gardekavalleriebrigade, die nicht unmittelbar in die Szene
involviert waren, standen stocksteif und reglos da, wie aus Marmor
gehauen, und starrten angestrengt geradeaus. Allein ihre
Anwesenheit brachte sie schon in Lebensgefahr. Denn wenn ein Mann
dadurch, dass er auf diese Art und Weise mit dem Kaiser sprach,
sein Leben verlieren konnte - und diese Gefahr bestand eindeutig -,
dann drohte das gleiche Schicksal auch denjenigen, die Zeugen
dieses Vorfalls geworden waren.
Claudius war berühmt für seine geheimen
Gerichtsverhandlungen und Massenexekutionen. Callon, der die
Nachricht vom Tod Scapulas überbracht hatte, war bis in die Mitte
des großen Gartens zurückgewichen, als ob diese Distanz ungefähr
ausreichen müsste, um ihn damit in Sicherheit zu bringen. Ganz in
der Nähe des Kaisers zwitscherte ein gelber Vogel in einem Käfig.
Sein süßes Geträller verwandelte sich jedoch bald in Missklang und
verlor sich schließlich gänzlich - man ignorierte ihn, und er
verstummte.
Cunomar konnte die Unsicherheit des Kaisers
deutlich spüren. Der Mann hatte nicht gewusst, dass sein
Statthalter tot war, und die Neuigkeit, die ihm da gerade von
seinem ehemaligen Sklaven überbracht worden war, war ebenso
überraschend wie unangenehm. Nachdem die Fakten nun aber einmal
geklärt waren, hatte Claudius’ erster Gedanke dem Spektakel seiner
bereits geplanten Siegesfeier gegolten, und seine erste Empfindung
war Wut gewesen, Wut über die Rücksichtslosigkeit seines
Untergebenen, sich einen solch unpassenden Zeitpunkt für seinen Tod
auszusuchen. Claudius presste die Handflächen gegen die Schläfen,
als ob er große Schmerzen hätte, und sagte: »Er kann nicht tot
sein. Wir brauchen ihn doch für die Prozession. Wer soll denn dann
seinen Platz einnehmen?«
Callon war schon seit langem an die
Prioritätensetzung seines Herrn gewöhnt. Mit aus langjähriger
Erfahrung geborenem Geschick entgegnete er: »Eure Exzellenz, wir
werden einen anderen Statthalter finden, der Scapula ersetzt, oder
wir entschuldigen seine Abwesenheit einfach und ernennen so lange
einen Stellvertreter. In jedem Fall aber denke ich, es wäre das
Beste, wenn sein Tod erst einmal nicht überall bekannt würde, wenn
wir damit vielleicht noch ungefähr bis zum Frühjahr warten könnten.
Denn erst einmal müssen wir wieder für die Sicherheit Eurer
Exzellenz sorgen. Der Träumer aber weiß wirklich nichts und ist
jetzt ohnehin bewusstlos. Er hatte sich gewehrt, und die Wachen
haben darauf ein wenig übereifrig reagiert. Sie wurden zwar wieder
zur Ordnung gerufen, aber es wird trotzdem noch seine Zeit dauern,
bis er wieder zu sich kommt. Und diese Zeit haben wir
wahrscheinlich nicht. Wir müssen jetzt auf anderem Wege eine Lösung
finden.«
»Was?«
Die unnatürliche Ruhe in dem gespenstischen,
beklemmenden, von Blumenduft geschwängerten Garten des Kaisers war
damit endgültig zerstört. Claudius und sein ehemaliger Sklave
hatten Griechisch gesprochen und sich damit in einiger Sicherheit
gewähnt, denn die Soldaten der Gardekavalleriebrigade hatten sie
tatsächlich nicht verstanden. Caradoc aber war auf Mona
unterrichtet worden, wo man die griechische Schrift und Sprache
schon seit fünf Jahrhunderten studierte. Dagegen galt Latein dort
bloß als ein aufstrebender junger Spross in einer Welt voller alter
und weiser Sprachen. Und selbst Cunomar hatte genug von der
Unterhaltung verstanden, um die plötzliche Einmischung seines
Vaters voraussehen zu können.
»Was genau habt ihr Dubornos angetan?«
Caradoc hatte niemanden angegriffen, sondern war
einfach nur einen Schritt näher an den Kaiser herangetreten und
hatte seine mit Ketten gefesselten Arme erhoben. Die Wachen waren
jedoch nicht gewillt, einem Mann den Freiraum zu gewähren, sich so
deutlich zu artikulieren. Sie werteten Caradocs Verhalten als einen
Angriff auf die Person des Kaisers und reagierten so, wie sie es
für richtig hielten. Schließlich wurden die Soldaten der berittenen
Leibgarde nicht wegen ihrer Scharfsinnigkeit oder aufgrund ihrer
Achtung vor feindlichen Anführern eingestellt.
Nach diesem Zwischenfall hatte sich der ehemalige
Sklave zurückgezogen. Jetzt existierte für Cunomar nur noch sein
Vater - denn dieser stand gerade voller Zorn einem Verrückten
gegenüber, der die Macht hatte, sie alle töten zu lassen oder noch
Schlimmeres mit ihnen anzustellen.
Die Kinder. Tu, was auch immer du tun musst,
damit sie am Leben bleiben.
Mein Sohn. Cunomar stand ganz still da, in
dem festen Griff eines der Wachsoldaten. Seine Lippen waren
bläulich verfärbt und seine Augen so groß und rund wie Flusskiesel.
Tränen sammelten sich hinter seinen Lidern, und man sah ihm
deutlich an, wie viel Anstrengung es ihn kostete, sie
zurückzuhalten. Mein Krieger in spe. Meinetwegen wirst du nun
sterben müssen. Ach, Cunomar, bitte vergib mir.
Die Finger der Wachen packten noch fester zu und
zerrten an Caradocs Haar. Die Handschellen schnitten schmerzhaft in
seine Handgelenke. Im ersten Augenblick waren die Eisenringe
geöffnet worden, jedoch nur, um hinter seinem Rücken sogleich
wieder geschlossen zu werden. Nun wurden die Ketten mit einem Ruck
hochgerissen, so dass Caradocs Gelenke knackten. Er hatte Schmerzen
erwartet, hatte sich seit seiner Gefangennahme in Gedanken täglich
aufs Neue gegen Folter und Qualen gewappnet - die nun einsetzende
Realität war ihm also beinahe willkommen. Er konnte atmen, er
konnte denken, und er konnte sehen, dass sein Sohn noch unverletzt
dastand und lediglich mit einem Messer bedroht wurde; es hätte
durchaus schlimmer kommen können. Was Caradoc weitaus stärker
schmerzte, war der Verlust seiner Selbstbeherrschung und der
Abstieg in Zorn und sinnlose Gewalt, die Plötzlichkeit, mit der all
dies über ihn hereinbrach, und die Nutzlosigkeit, die verschenkte
Chance. Mochten die zwischenmenschlichen Brücken zu Agrippina zuvor
vielleicht schon ziemlich morsch gewesen sein - jetzt jedenfalls
waren sie vollends zerbrochen, und die Verbindung zu Claudius gar
unwiderruflich zerstört. Agrippina war in seiner, Caradocs,
Gegenwart gedemütigt worden, und ihr Stolz würde niemals erlauben,
das zu vergessen oder zu verzeihen. Claudius wiederum hatte Angst,
war wütend, und vor allem war er misstrauisch. Während fünfzig
Jahren der Tyrannei, in der alle um ihn herum gestorben waren wie
Ratten in einem Feuer, war allein Claudius am Leben geblieben.
Einzig seine Verschlagenheit und seine unerschöpfliche List hatten
ihm dies ermöglicht.
Nach dem ersten schrillen Aufschrei und der
plötzlichen Sorge um seine Sicherheit hatte der Kaiser nun wieder
die Kontrolle über sich erlangt. Sein zuckender Arm und auch sein
Kopf mit den großen, abstehenden Ohren waren wieder ganz ruhig.
Sein Blick war ölig, und nur unter der Oberfläche waren noch einige
Turbulenzen zu erkennen. Mit sanfter, leicht schnarrender Stimme
sagte er schließlich: »Du wirst dich entschuldigen.«
»Wofür?«
»Dafür, dass du deinen Kaiser angegriffen
hast.«
»Ihr seid nicht mein Kaiser.« Das hätte er nicht
sagen dürfen. Doch in der zerklüfteten kleinen Höhle, in die
Caradocs Verstand zurückgedrängt worden war, war kein Platz mehr
für Diplomatie.
Der Kaiser stand so ruhig da wie jeder andere
normale Mann. Nachdenklich schürzte er die trockenen Lippen. Dann
lächelte er. An die Wachen gewandt wiederholte er: »Er wird sich
entschuldigen.«
Es war schon immer gemunkelt worden, dass Claudius
die Inszenierung von Folterungen genoss, und die Wachen waren
bereits darin geübt, seiner Neigung entgegenzukommen. Langsam und
Zentimeter für Zentimeter wurden die Ketten um Caradocs Handgelenke
noch fester zusammengedreht und höher hinaufgezogen. Wieder schnitt
das Eisen durch den eigentlich schon Heilung verheißenden Schorf
seiner Wunden und grub sich tief in das darunter liegende rohe
Fleisch. Der Schmerz überrollte Caradoc in Übelkeit erregenden
Wogen, und für einen Augenblick konnte er weder sprechen noch
denken, noch nicht einmal mehr atmen.
Er würde nichts sagen, würde keinen Laut von sich
geben, wenn schon für niemanden sonst, so doch zumindest um seines
Sohnes willen. In dem uneinsehbaren Raum seines Geistes rief sich
Caradoc von den Drei Stämmen jede einzelne Silbe jener unflätigen
Beschimpfungen wieder ins Gedächtnis, die er während der drei
Jahrzehnte seiner Seefahrtszeit und als Anführer mehrerer Armeen
gelernt hatte. Er fluchte auf Eceni, auf Griechisch, auf Latein und
auf Gallisch, jedoch alles nur im Stillen. Denn wenn er Glück hatte
und wenn er das Bild von Cunomar vor seinem geistigen Auge noch
etwas länger aufrecht erhalten konnte, dann - so hoffte er -
bestand vielleicht die Chance, dass die Bewusstlosigkeit von ihm
Besitz ergriff, ehe eines dieser Worte ihm über die Lippen
schlüpfte. Caradoc schloss also die Augen und vergegenwärtigte sich
hinter geschlossenen Lidern das Bild von Cunomar. Es war jedoch
Breaca, die ihm erschien, als plötzlich die Sehnen seiner rechten
Schulter rissen und die Finsternis ihn umfing.
Hastig drückten die Wachen Caradocs Kopf in den
Springbrunnen, damit er wieder zu Bewusstsein kam, und zogen ihn
dann schnell wieder heraus, bevor er den einen, tödlichen Atemzug
voll Wasser nehmen konnte. Keuchend und nach Luft schnappend
tauchte Caradoc wieder auf. Die schnarrende Stimme war nun noch
näher, zu nahe. Und wieder sagte sie: »Entschuldige dich.«
»Wofür? Dafür, dass ich die Wahrheit gesagt habe?
Zählt die Wahrheit an Caesars Hof jetzt überhaupt nichts mehr? Ich
dachte immer, noch vor allen anderen Eigenschaften hätte Polybios
an einem Führer Ehrlichkeit und Integrität geschätzt?« Es waren die
Götter, die ihm diese Worte einflüsterten. Caradoc selbst hatte
nicht mehr die Kraft, besaß nicht mehr die Geistesgegenwart, sie
nun noch aus eigener Anstrengung heraus zu formulieren.
Schweigen setzte ein, nur unterbrochen vom leisen
Plätschern des Springbrunnens. In Rom reglementierte man selbst den
Lauf des Wassers.
Um Claudius’ Mund lag ein harter Zug, und nur ein
dünner Speichelfaden verriet noch irgendeine lebendige Regung. Man
sagte ihm nach, dass er die alten Werte höher achtete als alles
andere, aber es gab keinen Weg, dies mit Sicherheit herauszufinden.
Dann nickte er, scheinbar abwägend, eine wohl einstudierte Geste.
Diese hatte er sich speziell für den Senat zu Eigen gemacht, denn
dort galt die Kunst der Rhetorik sogar noch mehr als Heldenmut in
einer Schlacht.
»Polybios hatte es aber nicht mit
Barbaren-Wahrsagern zu tun, die ihn hinterrücks ermorden wollten«,
entgegnete Claudius schließlich. »Und Ehrlichkeit und Integrität
sind lediglich Merkmale einer zivilisierten Gesellschaft. Barbaren
also entschuldigen sich besser gegenüber ihrem Kaiser.«
Wieder wurden die Ketten angehoben, und das Zerren
und Verrenken begann aufs Neue, diesmal in die entgegengesetzte
Richtung und langsamer als zuvor. Man wollte Caradoc nicht noch
einmal in die Bewusstlosigkeit versinken sehen. Jetzt trotz der
qualvollen Schmerzen noch klar zu denken und sich deutlich zu
artikulieren, war selbst für einen kampferprobten Krieger eine
harte Prüfung; ganz offensichtlich hatten ihm diese die Götter
auferlegt. Auf Mona hatte Maroc über Rom gesprochen und über die
Ursachen, die das gerade flügge gewordene Kaiserreich in den Krieg
trieben. Durch den immer unerträglicher werdenden Schmerz stiegen
langsam die Erinnerungen daran wieder auf. Jede dieser Erinnerungen
flüsterte Caradoc etwas zu, und er hörte genau hin - solange noch
Zeit dazu war. Dann hob er erneut an, sprach jedoch nun zu dem
Gelehrten, nicht mehr zu dem Tyrannen.
»Die Träumer waren schon zivilisierte Menschen,
noch ehe Polybios auch nur ein schreiender Säugling war... noch
bevor Romulus und Remus an der Brust der Wölfin tranken. Und wenn
die Träumer nun töten … weil sie versuchen, ihr Land zu verteidigen
und ihre Zivilisation, macht sie das dann automatisch wieder zu
unzivilisierten Wilden? Rom tötet doch auch, und dabei wird Rom
selbst noch nicht einmal bedroht.«
»Aber Roms Kaiser wird bedroht.«
»Roms Kaiser … müsste nicht bedroht werden.«
Claudius gab ein kurzes Zeichen, indem er einen
Finger hob. Die Ketten wurden wieder herabgelassen. Die plötzliche
Erleichterung war für einen kurzen Augenblick beinahe genauso
kräftezehrend wie zuvor der Schmerz. Die Wachen zogen sich zurück,
und Caradoc und Claudius waren allein. Zwei Männer, die jeweils ein
ganzes Volk unter sich hatten und über Tod oder Begnadigung
bestimmen konnten. Der Kaiser blinzelte. Wieder wurde sein Kopf von
dem Tremor befallen. Der Ausdruck seiner Augen ließ seine
Unentschlossenheit erkennen. Angst und das Versprechen von
Sicherheit rangen in seinem Inneren mit Macht und Machtgelüsten.
Das Zittern seines Kopfes nahm einen gewissen Rhythmus an, ging
schließlich in ein Nicken über. »Du wusstest, dass der Statthalter
gestorben war. Hattest du das vor deiner Abreise befohlen?«
»Nein. Ich besitze nicht die Macht, den Träumern
Befehle zu erteilen.«
»Aber sie haben dich gewählt, um ihre Interessen in
diesem Krieg zu verteidigen. Wenn sie also Scapula getötet haben,
dann doch nur, weil du gefangen genommen wurdest. Ich glaube daher,
dass sie dir sehr wohl Gehör schenken würden, wenn du ihnen
befiehlst, ihren Fluch wieder zurückzunehmen, beziehungsweise gar
nicht erst auszusprechen.«
Airmid! Was immer du da auch getan hast, ich
danke dir dafür. Caradoc war vollkommen machtlos, und doch war
ihm plötzlich ein gewisses Maß an Einflussnahme zuteil geworden. Er
hielt den Blick fest auf den Springbrunnen gerichtet, denn er war
sich nicht sicher, ob man ihm diese Berechnung nicht womöglich
gerade an den Augen ablesen konnte. Ohne den Blick zu heben,
antwortete er: »Ihr verlangt eine Menge von jemandem, der nur noch
wenig zu verlieren hat. Warum also sollte ich den Träumern einen
solchen Befehl erteilen?«
»Weil dir das Leben deines Sohnes lieb ist.«
Ein klarer Handel, ganz so, als ob man ein Pferd
gegen eine gewisse Menge an Eisen eintauschte. Das Leben eines
Kaisers aber war mehr wert als das eines einzelnen Kindes. »Und das
Leben meiner Frau und meiner Tochter«, ergänzte Caradoc.
»Nein. Sie beide haben bereits ihre Schwerter gegen
Rom erhoben. Deine Frau wurde zahllose Male dabei beobachtet, wie
sie Legionssoldaten im Kampf niedermetzelte. Und deine Tochter hat
einen von den Soldaten der Hilfstruppe, die sie gefangen nahmen,
getötet und einen zweiten so schwer verwundet, dass er sich niemals
wieder ganz davon erholen wird. Es kann einfach nicht geduldet
werden, dass auch Frauen in einem Krieg zur Waffe greifen.«
Caradoc wagte es, einmal laut zu lachen. »Und Ihr
erwartet allen Ernstes, dass sich die Tochter von Caradoc
freiwillig in Sklaverei und Vergewaltigung fügt? Würde das Eure
Siegesfeier etwa noch aufwerten? Würden wir uns noch an Euren
Vorfahren, den vergötterten Julius, wegen seines Sieges über
Vercingetorix erinnern, wenn Letzterer gleich beim ersten Hinweis
auf einen Angriff die Waffen gestreckt hätte? Verleiht nicht erst
die Tapferkeit des Besiegten dem Sieger die Ehre?«
Nachdenklich erwiderte Claudius: »Wir verehren
jeden Sieg, den unsere Vorfahren errungen haben, und die des
vergötterten Julius natürlich am meisten.«
»Und dennoch wird Eure Eroberung Britanniens nur
deshalb so hoch geschätzt, weil Julius bei ebendiesem Versuch
scheiterte. Eure Taten werden an den seinen gemessen. Und wenn es
denn nun Zeit ist, dem Bösen jenen Schlag zu versetzen, um welchen
er geradezu bittet, dann ist es doch wohl gewiss auch an der Zeit,
dem Rechten die Gnade zu gewähren, die er verlangt.«
Wortlos starrte der Kaiser Caradoc an. Die grauen,
zerzausten Augenbrauen schnellten fast bis zu seinem Haaransatz
hinauf. »Du zitierst Homer? Vor mir?«
»Ich würde auch Eure eigenen Worte vor Euch
zitieren. Wie oft waren nicht schon genau das Eure Worte, wenn
wieder einmal eine Exekution anstand und Ihr diese vor dem Prätor
rechtfertigen wolltet? Selbst auf Mona seid Ihr dafür bekannt. Und
wenn ein Mann derart berechenbar geworden ist, dass ihm sogar schon
seine Feinde die Worte in den Mund legen können, dürfte es für ihn
an der Zeit sein, sich einmal eine andere Rhetorik zu überlegen.
Ihr könnt also wählen, und nach genau dieser Wahl wird Euch die
Geschichte später beurteilen. Ihr könnt Eurem Vorfahren
gleichkommen, oder Ihr könnt ihn sogar noch übertreffen. Gaius
Julius Caesar war berühmt für seine Taten als Krieger, aber nicht
für seinen Edelmut als Sieger. Scipio dagegen, der den besiegten
Syphax begnadigte, wurde sowohl geliebt als auch respektiert. Beide
Eigenschaften verdienen die Wertschätzung der Nachwelt, am meisten
jedoch eine Kombination aus beiden.«
Die Wachen wurden allmählich unruhig. In ihrer Welt
war kein Platz für Rhetorik. Der Kaiser bedeutete ihnen mit einer
Handbewegung, still zu sein. Schleppend entgegnete er Caradoc: »Nur
damit ich dich richtig verstehe … Als Gegenleistung für deinen
Befehl an die Träumer, dass sie ihren Fluch über mich zurücknehmen,
erwartest du von mir, dass ich sowohl deine Frauen als auch deinen
Sohn verschonen soll? Aber du bittest nicht um dein eigenes
Leben?«
»Ich bitte nicht um das Unmögliche, sondern nur um
das, was aus freien Stücken gewährt werden kann. Würdet Ihr an
meiner Stelle denn nicht auch um das Leben Eurer Familie
bitten?«
Eigenartigerweise blitzte in Claudius’ Lächeln nun
so etwa wie echter Humor auf. »Vielleicht um das Leben meines
Sohnes Britannicus. Aber nur um das seine. In dieser Hinsicht
unterscheiden wir uns doch erheblich. Deine Familie, so scheint es,
kämpft nur gegen den Feind.« Das Lächeln verblasste wieder. Die
Augen des Kaisers richteten sich nun auf etwas, das nur er sehen
konnte, und sein Blick umwölkte sich. Beinahe geistesabwesend sagte
er: »Du hast eine sehr gute Rhetorik. Ich kann deine Argumentation
nachvollziehen. Deine Frau und deine Kinder sollen also das
Unterpfand für mein eigenes Leben sein. Wenn ich sterbe, so sterben
auch sie. Solange ich lebe, leben auch sie. Ich kann sie natürlich
nicht freilassen, aber sie werden auch nicht versklavt. Es wird
ihnen ein Platz auf den kaiserlichen Gütern zugewiesen werden.
Also? Besitzt du die Macht dazu? Werden die Träumer auf deinen
Befehl hin den Fluch wieder zurücknehmen?«
Caradoc nickte. »Ich werde mein Bestes geben.
Möglicherweise gehorchen sie ja noch immer meinem Befehl, aber ich
brauche einen Mittelsmann, jemanden, der die Nachricht überbringt
und dem auch Gehör geschenkt wird. Dubornos wäre dafür geeignet,
wenn er denn noch lebt.«
»Er lebt noch. Niemand würde ihn ohne meine
Einwilligung töten. Aber später wird er trotzdem gemeinsam mit dir
sterben. Ich schicke doch keinen Krieger wieder in sein Land
zurück, damit er diese Rebellion dann einfach wieder fortführt. Wir
werden stattdessen einen römischen Mittelsmann finden. Der Präfekt
Corvus wird heute mit der Abendflut auslaufen. Er wird deine
schriftliche Nachricht nach Britannien mitnehmen. Und bis dahin
werdet ihr beide euch einen Weg überlegen, wie das Dokument auch in
die richtigen Hände gelangt. Ich habe mir sagen lassen, dass die
Träumer auch der griechischen Sprache und Schrift mächtig sein
sollen. Sie werden also, ebenfalls schriftlich, ihre Bestätigung
zurückschicken, dass der Fluch aufgehoben wurde. Wenn diese
Versicherung hier bei mir ankommt, sollen deine Frau und deine
Kinder am Leben bleiben. Wenn nicht, sterben sie auf die gleiche
Weise, wie du sterben wirst. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wirst
du nun wohl hoffentlich auf jene, die uns bedrohen, allen
erdenklichen Druck ausüben.«
Der Kaiser klatschte einmal in die Hände, und
sofort traten die Wachen vor. Claudius lächelte. »Feder und Tinte
werden dir in deine Zelle gebracht. Überleg dir deine Worte gut. Du
bist entlassen.«