XXVIII
»Es ist ein Schiff!«
Peitschend trieb der Sturmwind die Worte hinaus
aufs Meer, zerrte an Breacas Haar und fächerte es wie Seetang um
ihren Kopf herum. Dann hob er die Gischt von den Wellenkämmen und
schleuderte sie gegen die Felsen und vor Breacas Füße, verteilte
sie über das Feuer, über Breacas Umhang, ihr Gesicht, bis sie
schließlich die Arme hob und sich ganz von ihrer salzigen Süße
umfangen ließ. Sie lachte laut wie ein Kind und rief Airmid über
das Dröhnen des Windes und das Brausen des Meeres hinweg zu: »Sieh
doch! Da, wo die Sonne das Meer berührt. Ein Schiff. Graine hatte
Recht. Es ist Luains Schiff!«
Breaca hatte nicht an den Traum geglaubt; keiner
hatte das. Die Vision war ihrer Tochter am frühen Morgen
erschienen, mitten während eines der ersten Herbststürme. Graine
hatte sogleich Sorcha davon berichtete, die aber noch fast bis zum
Mittag gewartet hatte, ehe sie dann auf das hartnäckige Drängen des
Kindes hin schließlich doch durch den Regen bis zum Großen Rundhaus
marschierte und die Vision dort jedem erzählte, der bereit war, ihr
zuzuhören. Die ersten paar hatten gelächelt, dann noch ein wenig
Holz in das Feuer nachgelegt, letztendlich aber nicht weiter darauf
reagiert; die Träume eines kleinen Kindes sind noch zu
unausgerichtet, um die Wahrheit zu sprechen, und kein Mann, der
halbwegs vernünftig war, segelte mitten ins Auge eines Herbststurms
hinein. Nur Airmid hatte ihr geglaubt und schließlich sogar Ardacos
dazu überreden können, die Fähre zum Festland hinüber zu nehmen,
nach Breaca zu suchen und sie nach Hause zu bringen.
Der klein gewachsene Krieger hatte drei ganze Tage
gebraucht, ehe er Breaca endlich fand, und noch einen halben
weiteren, bis auch sie schließlich dazu überredet werden konnte,
ihre Verfolgungsjagd auf die plündernden Legionssoldaten zugunsten
der Macht eines Traums ihrer Tochter aufzugeben. Jener Tochter, die
sie in den vergangenen zwei Jahren kaum gesehen hatte. Das
Versprechen auf ein Schiff und Airmids Beteuerung, dass dieser
Traum eine echte Vision sei, hatten sie dann aber doch ins Wanken
geraten lassen.
Mit brennenden Fackeln, hinter ihr die fertig
gesattelten Pferde, hatte Airmid bereits am Außenpier auf Breacas
Rückkehr gewartet. Auch Graine war bei ihr, die bereits allein
stehen konnte und nicht länger die Hand eines Erwachsenen als
Stütze brauchte. Breaca konnte sich nicht daran erinnern, wann
Graine dies das erste Mal geschafft hatte; irgendwann im letzten
Sommer vielleicht.
Graine trug einen grauen Umhang und hatte ein
schmales geflochtenes Lederband, das Zeichen der Träumer, um ihre
Stirn geschlungen. Auch das war neu. Ihr ochsenblutrotes Haar,
durch den Regen zu einem Eichenbraun gedunkelt, hing ihr in
tropfend nassen Rattenschwänzen bis auf die Schultern hinab. Als
sie jedoch Sorcha entdeckte, rannte sie sogleich freudestrahlend
los, um sich von dieser hochheben und kreischend durch die Luft
wirbeln zu lassen. Als Graine dann wieder auf dem Boden abgesetzt
wurde, machte sie zunächst einen Schritt auf Breaca zu, zögerte
dann aber und schaute sich Hilfe suchend nach Airmid um.
»Geh weiter!« Aufmunternd lächelte die Träumerin
Graine zu. »Erzähl ihr, was du geträumt hast.«
Das Mädchen atmete einmal tief durch. Langsam, die
Worte genau abwägend, sagte sie dann: »Auf dem Boot, das kommt, ist
Luain der Reiher. Er bringt uns unsere Brüder.«
Das war eine Verwechslung, wie sie nur allzu leicht
passieren konnte. Graines dritter Geburtstag lag kaum erst ein
viertel Jahr hinter ihr. Sie sprach bereits gut, besser als noch im
Sommer, doch waren ihre Worte kaum aussagekräftiger als ihr Traum.
Weder in ihren Träumen noch in ihrer Sprache bestand ein großer
Unterschied zwischen einem Vater und einem Bruder.
Airmid, die hinter Graine stehen geblieben war,
zuckte lediglich die Achseln. »Das erzählt sie schon, seit sie zum
ersten Male davon geträumt hat«, sagte sie. »Ich hatte ihr
versprochen, dass ich ihr erlauben würde, dir von dem Traum zu
berichten.«
»Das ist ein sehr schöner Traum, vielen Dank.«
Lächelnd hatte sich Breaca niedergekniet und ihre Arme
ausgebreitet. Schüchtern, wie gegenüber einer Fremden, ließ sich
Graine von Breaca umarmen. In einer Masse aus nasser Wolle und vom
Regen verdunkelten Haar drückten sie sich schließlich doch
aneinander. Auch Manannan, der Gott des Meeres, schickte eine Welle
über den Außenpier, die ihre Füße umspielte. Dann stand Breaca
wieder auf, hob ihre Tochter hoch in ihre Arme und küsste sie auf
den Scheitel. »Vielen Dank, dass du bei diesem Regen zu mir
gekommen bist. Bleib jetzt aber am besten hier bei Ardacos, er wird
dir trockene Kleidung geben und dich warm halten. Airmid, Sorcha
und ich reiten währenddessen nach Westen zur Küste, um zu sehen,
wer da auf dem Boot ist. Wenn Cunomar auch dabei ist, bringen wir
ihn gleich zu dir. Er wird sich freuen, wieder zu Hause zu sein,
und ebenso dein Vater.«
Die graugrünen Augen weit aufgerissen wie die einer
Eule, ermahnte das Mädchen sie feierlich: »Du darfst ihm nicht böse
sein. Das hat die Großmutter gesagt.«
Breaca konnte sich nicht daran erinnern, dass sie
einem von ihnen böse gewesen wäre. Es war schon schlimm genug, hier
so am Rande der Hoffnung zu verharren, ganz wie ein Kind, das sich
mitten in einem Wintersturm befand und sich nicht traute, vor die
Tür zu treten. Seit beinahe drei Jahren hatte sie gewusst, dass
Caradoc, Cwmfen und die Kinder lebten und sich in Rom aufhielten.
Das war dann aber auch schon alles gewesen. Bis Luain mac Calma
irgendetwas im Flug eines Reihers gelesen zu haben meinte und kurz
darauf noch einige Neuigkeiten von einem griechischen Händler
erfuhr, der eines der letzten Schiffe nach Gallien genommen hatte.
Nun stand Breaca also da, fest gegen den Wind gestemmt. Die Gischt
der See biss ihr in die Haut an Gesicht und Händen, und ihr Herz
schien nahezu zu zerreißen - denn so wild es vor lauter Hoffnung
schlug, dass Caradoc endlich heimkehren möge, so eisern versuchte
Breaca gleichzeitig, genau diese Hoffnung wieder zu ersticken, denn
vielleicht war sie umsonst.
Bei ihr standen Sorcha und Airmid. Auch sie sahen
das Schiff und beobachteten, wie es durch die Wellen pflügte, doch
nur Sorcha konnte wirklich einschätzen, wie gut es vorankam. Die
Fährmeisterin war ihrer aller Verbindung mit dem Meer und
denjenigen, die darauf segelten.
»Das ist die Sonnenpferd«, erklärte sie.
»Segoventos’ Schiff. Er kennt die Küstenlinie ebenso gut wie ich,
doch der Wind ist zu stark. Er kann nicht in den Hafen einlaufen.
Wir sollten das kleine Boot nehmen und ihnen entgegenrudern.«
»Aber ist das nicht gefährlich?«, fragte
Breaca.
Sorcha grinste lediglich. »Ich weiß es nicht. Es
ist auf jeden Fall sicherer, als wenn mac Calma versucht, mit dem
Beiboot in den Hafen zu rudern; aber das heißt noch nicht, dass
nicht auch wir ertrinken könnten. Es ist deine Entscheidung. Wir
können natürlich auch hier bleiben und warten, bis der Wind von
allein abflaut, doch das könnte bis zum nächsten Frühling dauern.
Ich dachte eigentlich nicht, dass du so lange warten
wolltest.«
Es war gut, jemanden bei sich zu haben, der noch
immer lachen konnte. Airmid schwieg, so wie sie es schon die ganze
Zeit getan hatte, seit sie den Wald verlassen hatten und die See in
ihr Gesichtsfeld gerückt war. Ihr Blick war auf den westlichen
Horizont gerichtet, wo die Sonne langsam niedersank, um sich auf
den flachen Hügeln von Hibernia auszuruhen. Breaca legte eine Hand
auf Airmids Schulter. Erst, als diese die Berührung auch zu
bemerken schien, fragte sie: »Hast du gemeinsam mit Graine
geträumt? Ist das der Grund, weshalb du weißt, dass es wahr
ist?«
»Nein. Deine Tochter träumt jetzt allein. Aber als
wir hierher geritten sind, hat sich die Träumerin unserer Vorfahren
zu uns gesellt; wir sind über einen ihrer Ruheplätze gekommen. Sie
ist nun an uns gebunden, und wir an sie, was auch immer passieren
mag. Sie lässt uns wissen, dass die Zöpfe an der
Schlangenspeerbrosche sich genau so miteinander verflochten haben,
wie wir es erbeten hatten.«
Der Wind ließ zwar nicht nach, und doch schien es
in diesem Augenblick so, als ob er es täte. In einem dieser Momente
der Stille entschied Breaca schließlich: »Sorcha, danke für dein
Angebot. Wir werden jetzt das kleine Boot nehmen. Du hast Recht;
ich glaube nicht, dass ich noch bis zum Frühling warten
könnte.«
Die Wellen durchnässten sie bis auf die Haut, und
der Sturm ließ das Boot nach Norden driften. Sie mussten also
sowohl gegen die Wellen als auch gegen den Wind anrudern und kamen
noch langsamer voran als die Sonne am Himmel. Schließlich aber
gelangten sie zitternd und durch die Dünung von arger Übelkeit
befallen doch noch längsseits des Schiffes. Airmid sprang auf, um
das Tau zu ergreifen, das ihnen zugeworfen wurde. Mit Hilfe von
Segoventos - Schiffseigner, Spion und Handel treibender Seemann in
einer Person - zog Luain mac Calma sie hinauf.
Airmid war die Erste, ihr folgte Sorcha. Breaca
aber, die sich im Kampf schon unzählige Male dem Tode gegenüber
gesehen hatte, rang schwer mit sich, um ebenfalls den Mut dazu zu
finden. Zwar war die Ungewissheit schmerzlich gewesen, doch hatte
sie diese immer noch irgendwie ertragen können. Nun aber hallten
noch einmal Graines Worte in ihrem Kopf wider. Du darfst ihm
nicht böse sein. Erst jetzt dachte Breaca daran, sich zu
fragen, wem sie denn eigentlich nicht böse sein dürfe und warum.
Von einer Übelkeit gepackt, die nicht mit dem Meer zusammenhing,
wickelte sie sich schließlich das Tau um ihr Handgelenk, warf das
lose Ende wieder hinauf und hielt es fest umklammert.
Die Bordwände des Schiffes waren steil und ganz
glitschig vor lauter Algen. Der erste Zug an dem Seil riss ihr die
Haut von den Händen und verrenkte ihr die Arme. Daraufhin legte mac
Calma das Tau um eine Zugscheibe und benutzte diese, um Breaca noch
ein Stückchen weiter hinaufzuziehen. Endlich spähte sie über die
Reling und wurde schließlich von starken Armen an Deck gehievt. Ein
wildes Durcheinander von Fremden empfing sie; am Rande stand
Airmid. Goldenes, von den Wellen durchnässtes Haar reihte sich
neben dunkelrotes und braunes. Hastig huschte Breacas Blick auf der
Suche nach bekannten Gesichtern über sie hinweg, und langsam
entdeckte sie die ihr vertrauten Gesichter in der Menge: die
abgezehrten Züge von einstmaligen Kindern, die nun keine Kinder
mehr waren und gerade einige Tage in einem Sturm auf hoher See
überlebt hatten.
»Cunomar?« Breaca ging in die Hocke, um auf dem
schaukelnden Deck ihr Gleichgewicht zu behalten, und öffnete weit
die Arme.
So wie Graine kam jetzt auch ihr Sohn nur steif und
zögernd auf sie zu - ein Fremder, ebenso wie auch sie für ihn eine
Fremde war. Sehr förmlich küsste er sie auf die Wange und streckte
ihr einen Dolch entgegen, dessen Klinge er vorsichtig auf seinen
ausgestreckten Handflächen balancierte. »Vater schickt mich damit
zu dir«, sagte er. »Wenn du es zu einem Schwert umarbeiten lässt,
kann ich damit in eine Schlacht reiten. Und wenn wir alle Römer
getötet haben, kann er wieder zu uns nach Hause kommen.«
Auf Cunomars Worte folgten Schweigen und eine
Anspannung, als ob zu viele der um Breaca Herumstehenden zu lange
ihren Atem angehalten hätten. Noch einmal blickte Breaca suchend in
die Gesichter der Fremden und kämpfte die aufkommende Panik
nieder.
Nun trat eine große, junge Frau mit weizenblondem
Haar aus der Gruppe hervor: »Vater ist verletzt, er konnte nicht
mitkommen, die Krieger wären ihm nicht mehr gefolgt. Er schickt dir
das hier, mit seiner Liebe …« Wie Gerstenkörner, die man nachlässig
mit der Hand ausstreute, schienen Breaca diese Worte
entgegenzufallen. Dann hielt Cygfa ihr eine Brosche hin, deren
einstiger Glanz von der See ganz stumpf geworden war. Die
doppelköpfige Schlange rollte sich in sich selbst zusammen, schaute
damit zugleich in die Zukunft als auch in die Vergangenheit. Quer
darüber schlang sich in einem gewundenen Pfad der Speer und zeigte
die vielen verschiedenen Wege an, die der Mensch einschlagen
konnte. Am unteren Ende, in die Windung der Schlange
hineingeknotet, hingen schwarz zwei Zöpfe.
Breaca stand einfach nur da, starrte sie an und sah
doch nichts, ihr Verstand wie eingefroren im Augenblick der
Erkenntnis.
Irgendjemand - vielleicht Dubornos, falls Dubornos
so dünn und schwach sein konnte - sagte schließlich: »Breaca? Er
konnte nicht mitkommen. Es war die richtige Entscheidung. Er lebt,
und sobald er kann, wird er wieder zu uns zurückkehren. In der
Zwischenzeit wird er dir eine Nachricht zukommen lassen. Doch jetzt
gibt es da erst einmal jemand anderen, den du wiedertreffen
solltest.«
Die Welt brach zusammen, stürzte in den Wahnsinn
hinein. Der Sturm färbte den nachmittäglichen Himmel nahezu
schwarz, und nur noch einige wenige Strahlen vermochte die
sterbende Sonne unter der drohenden Dunkelheit hindurchzuschicken.
Westliche Winde ließen das Meer gegen das Schiff krachen, und das
Deck stöhnte, bäumte sich auf, so dass allein das bloße
Stehenbleiben schon schwierig genug war. Aber stehen zu bleiben und
zu begreifen und zu glauben und dennoch nicht zusammenzubrechen -
das war unmöglich. Airmid stützte Breaca, eine Hand eisern um deren
Handgelenk geschlungen. Auf Breacas anderer Seite stand Luain mac
Calma und stemmte sich gegen ihre Schulter, um sie daran zu
hindern, umzufallen. Der Mann, der da gerade gesprochen hatte, war
Dubornos. So von Narben übersät, dass er kaum mehr zu erkennen war.
Dieser Mann trat nun zur Seite und enthüllte, was er zuvor noch
verborgen hatte, Breacas Sicht und dem schwefelgelben
Sonnenlicht.
In diesem Augenblick war Breaca wirklich davon
überzeugt, dass sie träumte und Luain mac Calma nun sowohl neben
ihr stand als auch auf dem Deck lag, ganz grün und blass vor lauter
Übelkeit. Dann sah Breaca noch einmal hin, und plötzlich war es
Macha, nur dass sie schlanker geworden war, härtere Züge entwickelt
hatte und beinahe bei lebendigem Leibe aufgefressen wurde von dem
Zorn, der ihre Seele vergiftete. Als Breaca jedoch ein drittes Mal
hinschaute, war es plötzlich keiner der beiden mehr, sondern es
starrten ihr Augen entgegen, die förmlich leuchteten vor Wut und
Angst und dem verzweifelten, schmerzvollen Wunsch, endlich sterben
zu können. Augen, die fast schwarz waren, von der Farbe von Kohlen
oder wie die Schwinge einer Krähe oben an ihrem Rücken, wo die
Farbe am intensivsten ist...
»Bán?«
Eine Welle rollte krachend gegen das Schiff und
ließ es erzittern. Salzwasser spritzte über Breacas Gesicht, ihr
Haar, ätzte geradezu über ihre Haut. Weiter draußen vor Hibernia
schrie eine einzelne Möwe auf, ein Schrei wie von einem Kind oder
einer umherwandernden, verlorenen Seele. Keiner der Personen an
Deck bewegte sich. Freunde und Fremde warteten, starrten gleichsam
aufs Meer hinaus. In der anderen Welt seufzte eine Großmutter auf,
oder lachte, oder weinte; sie waren doch alle gleich und alle
verloren in einem Sturm.
Der Mann, der dort auf dem Deck lag, lächelte
schwach, ganz so, als ob er über einen Witz lachte, den nur er
kannte. Vorsichtig, sorgsam auf die unsichtbaren Verletzungen
achtend, stützte er sich auf einen Ellenbogen. Diese Bewegung war
ganz bewusst römisch; niemand aus den Stämmen würde sich so
aufstützen. »Caradoc hat das Gleiche gesagt; sogar genauso.« Er
sprach auf Lateinisch, und auch das geschah mit Vorsatz. Zum ersten
Mal suchte er nun mit seinem Blick den ihren und hielt ihm Stand.
In seinen Augen funkelten eine düstere Ironie und Wehmut. »Ihr seid
euch sehr ähnlich. War es das, was du hören wolltest?«
Breaca war nun allein, verlassen von allem, was der
Welt noch ein wenig Sicherheit verliehen hatte. »Bist du Bán?«,
fragte sie noch einmal.
»Nicht mehr.« Noch immer zeigte sein Gesicht jenes
Lächeln, das er bereits schon wieder vergessen zu haben schien. Er
schaute hinab auf seine Hände, sah sie sich genau an. »Vielleicht
bin ich der einmal gewesen. In letzter Zeit jedoch war ich Julius
Valerius, Dekurio der ersten Schwadron der Ersten Thrakischen
Kavallerie. Und jetzt bin ich niemand. Und wenn du nach Antworten
suchst, dann frag mac Calma. Dies ist sein Werk. Ich bin mir ganz
sicher, dass er das alles viel besser versteht, als du oder ich es
jemals verstehen könnten.«
Er bringt uns unsere Brüder. Genau das hatte
Graine gesagt, sie, die erst dreieinviertel Jahre alt war, und
Breaca hatte es gewagt, davon auszugehen, dass die verschwommenen
Träume eines Kindes nicht zwischen der einen Art von Liebe und der
anderen unterscheiden könnten. Du darfst ihm nicht böse
sein.
Denk an Bán. Er vereint in sich das Schwarz
und das Rot. Vertrau mir.
Breaca war übel. Diese Übelkeit hatte sich zwar
schon die ganze Zeit über aufgebaut, doch bis jetzt hatte sie diese
noch ignorieren können. Nun geleitete Airmid Breaca zum Heck, so
dass sie sich über die Reling lehnen konnte und nicht das Deck
besudelte. Cygfa, die durch die Prüfungen, die das Alter, der Kampf
und die Not ihr auferlegt hatten, eindeutig gereift war, trug
Regenwasser zu Breaca hinüber und einen Schwamm, um ihr damit das
Gesicht zu reinigen. Anschließend trank Breaca ein wenig von dem
Wasser, spuckte es wieder aus und wusch damit das Salz und den Ekel
aus ihren Zähnen. Als sie wieder stehen konnte, nahm sie den Eimer
in beide Hände und leerte ihn über ihrem Kopf aus. Der plötzliche
Sturzbach konnte sie auch nicht nasser machen, als sie ohnehin
schon war, der Schock aber ließ sie wieder zu sich selbst
zurückkehren. Und sie war auf recht lebendige Weise sehr
wütend.
Es gab keine Hoffnung mehr. Es hatte nie Hoffnung
gegeben; und in ihrem Herzen hatte Breaca dies auch schon die ganze
Zeit über gewusst. Stattdessen gab es nun die Welt der Sorge, des
Todes, der Zuflucht in den Zorn und jenen Mann, der da in der
Uniform eines römischen Kavallerieoffiziers auf dem Deck kauerte.
Keine zwei Tage zuvor hatte sie noch einen Dekurio getötet, der
genau die gleiche Uniform trug, doch hatte dieser Mann an seiner
Schulter nicht das Zeichen des roten Stieres gehabt, das Zeichen
der Vorfahren der Eceni, mit lebendigem Rot auf grauen Untergrund
gezeichnet.