V

Wenn er sich strikt an die Vorschriften gehalten hätte, dann hätte Julius Valerius die Schäden durch den Schnee und die eingefrorenen Latrinenrohre seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Dekurio Regulus, gemeldet. Wenn er sich stattdessen an die Gebote seines Gottes gehalten hätte, hätte er den Zenturio der Dritten Kohorte der Zwanzigsten Legion aufgesucht, der sein neuer Vater Unter Der Sonne war, Nachfolger von Marullus, der inzwischen nach Rom gereist war, um seinen neuen Posten bei der Prätorianergarde anzutreten. Valerius tat jedoch nichts von alledem, sondern folgte dem Licht einer einzelnen Lampe südwärts die Hauptverkehrsstraße der Festung hinunter. Während er die breite Straße entlangmarschierte, verfolgte er die Spur eines einzelnen Paares von Fußabdrücken im Schnee, die in dieselbe Richtung führte.
Quintus Valerius Corvus, Präfekt der Ala Quinta Gallorum, bewohnte eines der kleineren Tribunshäuser; es befand sich nahe dem südlichen Ende der Hauptstraße, auf der dem riesigen überdachten Geviert der Legionsversammlungshalle gegenüberliegenden Straßenseite. Der Präfekt hatte Julius Valerius den Namen verliehen, den er jetzt trug, und fünf gute Jahre über war er auch derjenige gewesen, der Julius Valerius überhaupt noch einen Grund zu leben gegeben hatte. Es hatte eine Zeit gegeben - bevor die Quartiere für die Tribune bezugsfertig gewesen waren -, da erschien es als ziemlich wahrscheinlich, dass Valerius sogar ein eigenes Zimmer innerhalb von Corvus’ Unterkunft bewilligt werden würde. Tatsächlich hatte Valerius schon sehr bald - als noch überall das Chaos der Bauarbeiten herrschte und Männer in der ganzen Festung in halb fertigen Quartieren leben und des Nachts zwischen Haufen von Ziegelsteinen schlafen mussten, der Verputz auf den Wänden noch feucht und die Luft von dem Geruch nach Tünche erfüllt war - gewusst, welcher Raum das sein würde, selbst wenn er noch nicht dort geschlafen hatte.
Damals hatten noch die letzten Funken der Leidenschaft Valerius’ Herz gewärmt, und der schier unerträgliche Druck, unter dem er lebte, die ungeheure seelische Last, die er tagein, tagaus mit sich herumschleppte, hatte noch nicht begonnen, ihren vollen Tribut von ihm zu fordern. Er hatte zu jener Zeit noch einen untergeordneten Rang bekleidet und war bei seinen Kameraden ausgesprochen beliebt gewesen. Die unbeständige Schirmherrschaft des Kaisers Caligula und seine, Valerius’, Beziehung mit Corvus, die sein Ansehen bei den anderen Männern so leicht hätten beinträchtigen können, hatten ihn stattdessen zum Maskottchen der Truppe gemacht. Bei den Gefechten gegen die feindlichen germanischen Stämme am Rhein hatte er sich durch großen Mut und kämpferisches Können hervorgetan, und in seiner mehr oder minder erfolgreichen Bändigung des wilden, unberechenbaren Krähen-Pferdes hatte er sich überdies als ein Reiter erwiesen, der die Beförderung, die Corvus ihm bald darauf gewährte, wirklich voll und ganz verdient hatte.
Bei der Kavallerie waren Reitkunst und überragendes kämpferisches Können eng miteinander verknüpft, und in einem Kavallerieflügel, der fast ausschließlich aus den Reihen der besiegten Gallier rekrutiert worden war, war Valerius einer der ganz wenigen gewesen, die schon vor ihrem Eintritt in die Armee in echten Gefechten gekämpft hatten. Seine Kameraden erfanden alle möglichen Geschichten über den dunkelhaarigen Jungen vom Stamm der Eceni, der mit seinem wahnsinnigen Pferd in die Freiheit geritten war und dann alle Angebote, in sein Heimatland zurückzukehren, ausgeschlagen hatte, um sich stattdessen den Legionen anzuschließen und für Rom zu kämpfen. Über ihn und Corvus kursierten zahlreiche Gerüchte, die sich um ihre gemeinsame Vergangenheit rankten und diese in einem immer abenteuerlicheren Licht erscheinen ließen, bis es schließlich hieß, der Präfekt wäre einst von barbarischen Stämmen gefangen genommen worden, als er für den Kaiser in Britannien spionierte, und Valerius hätte eine heimliche Verschwörung zu seiner Befreiung angezettelt und dann an der Küste gewartet, bis Corvus allein zurücksegeln konnte, um ihn zu finden. In den noch wilderen Geschichten wurde gar behauptet, dass sie gegen die Träumer gekämpft hätten, um Valerius der Barbarei zu entreißen und wieder in die Zivilisation zurückzubefördern, und dass sie dabei die Macht der römischen Götter herabgerufen hätten, um die Götter der Eceni zu besiegen. Keiner kam auf die Idee zu fragen, warum ein Junge, der in der Freiheit und Unabhängigkeit seines Stammes aufgewachsen war, den unbarmherzigen Drill bei den Rheinlegionen bevorzugen sollte, wo die Soldaten dem tückischen Flussnebel und der ständigen Gefahr feindlicher Angriffe ausgesetzt waren. Und es wäre auch niemandem eingefallen, seinen späteren Kampf gegen die Träumer und den Nebel, den diese auf ein Schlachtfeld herabbeschwören konnten, in Zweifel zu ziehen, oder seine Fähigkeit, es mit solch zwei mächtigen Gegnern aufzunehmen und als Sieger aus diesem Kampf hervorzugehen.
Die Wahrheit war weniger unwahrscheinlich und zugleich noch unwahrscheinlicher, und sie wartete des Nachts in seinen Wachträumen auf Valerius, wenn ihm die Furcht vor dem Geist seiner Mutter den Schlaf raubte. Dann lag er hellwach in der Vier-Mann-Schlafstube der Legionskaserne und horchte auf das Schnarchen von Männern, die er nicht liebte, noch nicht einmal sonderlich mochte. In solchen Augenblicken fiel es ihm schwer, die ungemütliche, feuchtkalte Einsamkeit seines Schlafquartiers nicht mit der Behaglichkeit eines überfüllten Rundhauses und der anheimelnden, unkomplizierten Wärme eines Hundes zu vergleichen, oder mit den unerwarteten Freuden seiner engen, intimen Beziehung mit Corvus, die ihm eine ganz neue Welt erschlossen und sein Leben zumindest wieder halbwegs lebenswert gemacht hatte.
Wer sich einmal sehnsuchtsvoll umgeblickt hat, um in die Vergangenheit zurückzuschauen, dem fällt es schwer, dies nicht wieder und wieder zu tun. Valerius hatte die Erfahrung gemacht, dass er halbe Nächte damit vergeuden konnte, mit offenen Augen in die Dunkelheit zu starren und darüber nachzugrübeln, ob an dem, was die Klatschmäuler behaupteten, vielleicht doch etwas Wahres dran war, ob der Funke zwischen ihm und Corvus wahrhaftig schon damals übergesprungen war, während der sechs Monate, als der junge römische Offizier tatsächlich ein Gefangener der Stämme gewesen und ein Junge mit ziemlich dürftigen Gallischkenntnissen sein Freund und Vertrauter geworden war. Es war einfach schon zu lange her, als dass Valerius sich jemals sicher sein könnte, und wenn ihm Erinnerungen an jene Zeit kamen, hatten sie immer etwas seltsam Entrücktes, Irreales an sich, als ob sie Geschichten aus dem Leben eines anderen Mannes wären, so oft erzählt, dass sie allmählich eine ganz eigene Glaubwürdigkeit erlangten. Es gab nur ein paar Dinge aus jener lange zurückliegenden Zeit, die er noch ganz klar und deutlich vor sich sehen konnte, und dies waren eher bruchstückhafte Erinnerungen, die ihn meist am helllichten Tag überfielen, mit niederschmetternder Wucht: die jäh aufsteigenden, einen schmerzlichen Stich auslösenden Bilder von Liebe und ihrem Nachhall; das Aufleuchten eines blauen Umhangs und das strahlende Lächeln in dem Gesicht darüber; die schiere, berauschende Kraft einer rotbraunen thessalischen Stute, die mit einem graubraunen Hengstfohlen um die Wette rannte; das Aufblitzen von sonnenbeschienener Bronze, als trinovantische Reiter ihre Schilde erhoben und die Eceni, geschult von einem Römer, gegen sie antraten. Alle diese Erinnerungen konnten ganz plötzlich und ohne Vorwarnung auf Valerius einstürmen, und sie zermürbten ihn derart, dass er wütend und gereizt reagierte und automatisch nach etwas oder jemandem suchte, den er anschreien konnte.
Wenn er ausreichend Schlaf bekam und nicht von quälenden Träumen heimgesucht wurde, konnte er seinen Zorn einigermaßen zügeln und so die schlimmsten Exzesse verhindern, aber die ständige Gegenwart des Geistes seiner Mutter und die Urteile, die sie über ihn fällte, hatten langsam, aber sicher sein inneres Gleichgewicht untergraben. Die ersten paar Monate nach der Invasion waren chaotisch gewesen, und alle hatten mit sehr wenig Schlaf auskommen müssen, so dass die allgemeine Stimmung ziemlich gereizt gewesen war. Die längeren, wärmeren Tage des Frühlings hatten den meisten Männern wieder eine bessere Laune beschert; es war lediglich Valerius, der seinen Zorn auch weiterhin an jedem ausließ, der gerade in Reichweite kam. Die Männer mochten ihn zunehmend weniger und fürchteten ihn dafür umso mehr, und obwohl es höchstwahrscheinlich dies war, was ihm die Beförderung zum Duplikarius eingebracht hatte, hatte sie doch keineswegs seinen Seelenfrieden wiederhergestellt.
Letztendlich war jedoch Corvus derjenige, der das Schlimmste ertrug und es doch am allerwenigsten verdient hatte. Es war auf Valerius’ eigenen Wunsch hin geschehen, dass sein Zimmer in Corvus’ Haus für andere Zwecke bestimmt und der Duplikarius stattdessen bei den anderen rangniederen Offizieren seiner Truppe einquartiert worden war. Zu jener Zeit hatte Valerius geglaubt, dass die Umquartierung nur eine vorübergehende Notwendigkeit war und dass er handelte, um sowohl sich selbst als auch einen Mann, dem er allermindestens noch immer die größte Hochachtung entgegenbrachte, vor seinen eigenen unberechenbaren, unverzeihlichen, unkontrollierbaren und zunehmend schlimmer werdenden Launen und Wutausbrüchen zu schützen. Selbst jetzt, zwei Jahre später, glaubte Valerius nach wie vor, er könnte vielleicht eines Tages zu Corvus zurückkehren.
 
Erst zweimal, nachdem das Haus erbaut worden war, hatte Valerius Corvus dort einen Besuch abgestattet, beide Male während des ersten Monats nach seiner Umquartierung. Und immer war eine im Türeingang hängende brennende Lampe ein Zeichen dafür gewesen, dass Corvus allein war und sich über Gesellschaft freuen würde. Es schien ziemlich wahrscheinlich, dass das jetzt dort brennende Licht die gleiche Bedeutung hatte. Und es bestand die - wenn auch wohl nur sehr geringe - Möglichkeit, dass diese Lampe für Valerius angezündet worden war und dass er, wenn er dies vorzog, unangemeldet hineingehen und einfach der vertrauten Reihe von in Wandhaltern flackernden Kerzen zu den Privaträumen des Präfekten folgen konnte. Er entschied sich jedoch für den offiziellen Weg.
Corvus’ Haushalt war morgens immer zuerst auf den Beinen, und die Bediensteten hatten sich bereits um die Vorkommnisse der Nacht gekümmert. Der Schnee vor den Türen war weggeschaufelt worden, und es war ein breiter, vom Haus zur Straße verlaufender Korridor freigelegt worden, der den Passanten auf der Hauptstraße das Vorankommen erleichterte. Es war eine hilfreiche Geste, die darüber hinaus wirksam verhinderte, dass jemand die Spur eines einzelnen Paares von Stiefelabdrücken von den mehreren anderen, die sich die Straße entlangzogen, zu diesem speziellen Hauseingang verfolgen konnte.
Gefrorener Kies knirschte unter Valerius’ Füßen, als er zur Haustür ging. Auf der einen Seite des Eingangs stand eine Bronzeschale, darüber hing ein kleiner Holzhammer. Valerius schlug leicht mit dem Hammer gegen die Schale und wartete, während das Geräusch in der Dunkelheit nachhallte. Alles um ihn herum war weiß. Selbst die Wände dieses Hauses waren schlicht weiß gekalkt, was ihm ein nüchternes, geradezu karges Aussehen verlieh, so dass es sich augenfällig von den prachtvollen, mit bunten Fliesen und Malereien geschmückten Häusern der Legionstribune in der Nachbarschaft abhob. Andere hatten zu Anfang häufig kritische Bemerkungen darüber fallen lassen, dass Corvus aus seinem Heim bei weitem nicht so viel machte, wie er könnte, und er hatte daraufhin beharrlich - obgleich niemals mit ganz so unverblümten Worten - erwidert, dass ein wahrer Soldat und Offizier der Legionen keine protzige Zurschaustellung nötig hatte.
Diese Antwort hatte dem Gerede zwar ein Ende gemacht, aber die Fronten waren geklärt worden, und die Gegner waren nicht ganz ohne triftigen Grund erzürnt. Es hatte etliche gegeben, darunter auch Valerius, die der Meinung waren, dass die eine oder andere bunt bemalte Fliese - oder wenigstens ein einzelnes farbenprächtiges Mosaik im Atrium - nicht hätten schaden können. Sie sagten dies aber nicht, und Corvus selbst fuhr fort, so zu tun, als ob die Angelegenheit für ihn nicht existierte. Der größte Vorteil an der kürzlich erfolgten Abkommandierung des früheren Statthalters lag darin, dass auch die Mehrzahl der Legionstribune ihre Dienstzeit abgeleistet hatte und zusammen mit ihm nach Rom zurückfuhr und dass somit die Hauptquellen der Feindschaft beseitigt waren. Ob Corvus den Frieden mit ihren Nachfolgern wahren konnte, blieb allerdings noch abzuwarten.
Auf seinen Gongschlag hin erschien - wie Valerius nicht anders erwartet hatte - Mazoias, der Babylonier, an der Tür. Der Vorsteher von Corvus’ Haushalt war ein weißhaariger alter Mann mit einer schiefen Schulter. Wenn er betrunken war, behauptete er von sich, mit der Prinzessin von Babylonien und dem persischen Königshaus verwandt zu sein. In nüchterner Verfassung war er ein ehemaliger Sklave, den der Präfekt auf einem Markt in Iberien gekauft und anschließend freigelassen hatte, der es jedoch vorzog, weiterhin bei Corvus in Stellung zu bleiben, denn ein Leben in Corvus’ Diensten war besser als jedes andere, das Mazoias sich vorstellen konnte. Der alte Mann erkannte Valerius auf Anhieb wieder. Seine zerfurchten Züge erstarrten mitten in ihrer Willkommensbotschaft, und die Tür, die bereits aufgeschwungen war, begann sich wieder zu schließen.
Hastig klemmte Valerius seinen Fuß zwischen Tür und Pfosten. »Das solltest du besser nicht tun. Ich habe eine dringende Nachricht für den Präfekten. Sag ihm, dass der Schnee auf dem Dach der Versammlungshalle vier Fuß hoch liegt und dass mehr Männer nötig sein werden, als ich befehligen kann, um ihn wegzuräumen. Wenn der Präfekt möchte, dass der Statthalter seine erste öffentliche Ansprache an seine Legionen an einem warmen, gefahrlos betretbaren Ort halten kann, sollte er mindestens eine volle Schwadron von Männern zum Schneeräumen abkommandieren. Und sag ihm auch, dass die zu den Hauptlatrinen führenden Wasserrohre eingefroren sind. Ich habe einen Mann damit beauftragt, sich auf die Suche nach Bassianus zu machen, aber vielleicht wünscht der Präfekt...«
Jeder Mann hat seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Geruch. Dieser Körpergeruch mag vielleicht ein bisschen schwächer sein, wenn die Haut noch warm vom Baden ist und frisch eingeölt oder wenn er in einer Schlacht gekämpft hat und noch mit dem Blut anderer Männer besudelt ist, aber er verschwindet niemals gänzlich. Wenn er eine Nacht lang unter einem dicken Schaffell geschlafen hat, um sich vor Kälte zu schützen, ist der Geruch so ausgeprägt, wie er überhaupt nur sein kann - es sei denn, er hätte diese Nacht in Gesellschaft verbracht; in diesem Fall ist der ihm anhaftende fremde Geruch stärker. Corvus, so dachte Valerius, hatte die Nacht allein verbracht, aber vielleicht nicht jenen letzten Teil seit dem Aufwachen. Es war eine Erkenntnis, die unerwartet heftige Gefühle in Valerius wachrief, Gefühle, vor denen ihn keine noch so große Menge an Arbeit oder Verantwortung oder Gebeten an den Gott vollständig schützen konnte. Valerius zog seinen Fuß von der Türschwelle zurück, heftete seinen Blick auf die gegenüberliegende Wand und salutierte.
»Danke, Mazoias«, sagte Corvus. »Ich werde mit dem Offizier sprechen.«
Es kam zu einer kurzen Kollision, als der Wille des Dieners auf den des Herrn prallte, eine Kollision, deren Ausgang jedoch von vornherein feststand. Mit einem letzten finsteren Blick auf Valerius, der ihm ewige Verdammnis versprach, falls er Mazoias’ Herrn in irgendeiner Weise die Laune verhagelte, zog sich der alte Mann schließlich zurück.
Sie waren allein. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Schnee saugte das beklommene Schweigen auf, milderte es ein wenig. Die Lampe in der Nähe der Tür war aus Ton, die Schale mit dem in grober Lasur aufgemalten Tierkreiszeichen des Steinbocks geschmückt. Die Lampe hatte noch nie gleichmäßig gebrannt, und sie tat es auch jetzt nicht. Aus Gewohnheit und um irgendetwas zu tun zu haben, griff Corvus hinauf und veränderte die Lage des Dochts. Eine Spirale von Rauch stieg auf, um einen Fleck an der Decke zu hinterlassen, doch danach leuchtete das Licht stärker, so dass die beiden Männer etwas mehr voneinander sehen konnten. Der Präfekt war offensichtlich erst vor kurzem aufgestanden: Sein braunes Haar war noch feucht von einer hastigen Morgenwäsche und nicht ordentlich gekämmt. In Wirklichkeit war es nie ordentlich gekämmt. Am Hinterkopf war sein Haar vorschriftsmäßig kurz geschnitten, aber vorne wuchs es in einem lockigen, widerspenstigen Schopf, der ihm mit ungebärdigem Schwung in die Stirn fiel und den Bogen seiner Augenbrauen widerspiegelte. Es sagte alles, was man über den Mann und seine Einstellung zur Obrigkeit wissen musste. Die Narben und die wettergegerbte Haut erzählten dieselbe Geschichte, fügten jedoch nichts Neues hinzu. Nur seine Augen konnten noch mehr über ihn verraten, wenn es ihm beliebte, doch sie waren im Schatten verborgen. Derselbe Schatten verbarg auch seinen Mund, als er schließlich das Wort an Valerius richtete.
»Wie soll ich dich nennen?«
Bei ihrer letzten Auseinandersetzung, der schädlichsten und zerstörerischsten, war es um Corvus’ Gebrauch eines alten Namens gegangen, den Valerius seit langem abgelegt hatte. Sie hatten diesen Streit nie beigelegt.
»Ganz wie du möchtest«, erwiderte Valerius. »Im Legionsregister bin ich Julius Valerius, wie du ja weißt. Meine Männer nennen mich Duplikarius oder Oberstallmeister. Beide Bezeichnungen sind mir recht.«
»Gut. Ich werde versuchen, mir das zu merken. Wie geht es ihm?«
»Wem?«
»Deinem Killer-Hengst. Diesem menschenfressenden Ungeheuer, dessen Herr und Meister du bist.«
In Corvus’ Stimme schwang eine Spur von Humor mit. Valerius, völlig davon überrumpelt, antwortete im gleichen Ton: »Gut. Es geht ihm gut. Du wärst stolz auf ihn. Heute Morgen hat er es doch endlich geschafft, mich zu beißen. Der Schreck hätte uns beide beinahe umgebracht.«
Vage war er sich bewusst, dass seine Schulter wehtat, doch er hatte den Schmerz noch nicht ganz verinnerlicht. Genau wie es damals bei der Brandmarkung der Fall gewesen war, so sehnte er sich auch jetzt danach, dass der Schmerz vollends zu ihm fand und ihn regelrecht einhüllte, als ob Schmerz etwas Reales wäre, in dem er sich verstecken konnte. Versuchsweise drehte er seinen Arm hin und her und zuckte prompt zusammen. Er hatte ganz vergessen, wen er vor sich hatte. Corvus hatte bereits eine Hand nach seinem, Valerius’, Umhang ausgestreckt und den Kragen zurückgeklappt, noch bevor irgendeiner von ihnen sich daran erinnerte, dass Corvus eigentlich kein Recht mehr dazu hatte - und sich dann wieder daran erinnerte, dass er schließlich ein Präfekt war und mit dem Umhang und der Person eines rangniederen Offiziers tun konnte, was er wollte. Valerius schwankte unter Corvus’ Berührung unwillkürlich rückwärts, richtete sich jedoch sofort wieder zu einer militärisch steifen Haltung auf.
Corvus sog zischend den Atem ein und zog seine Hand zurück. »Tut mir Leid.«
»Ist nicht weiter schlimm.« Valerius glaubte tatsächlich noch immer, dass Krähes Biss keinen sonderlich großen Schaden angerichtet hatte. Sein Umhang mochte zwar zurückgeschoben sein, aber darunter trug er eine eng anliegende Tunika, die seine Schulter bedeckte, daher hatte er das Ausmaß des Schadens noch gar nicht gesehen. Erst später entdeckte er, dass der sich langsam ausbreitende Bluterguss seinen Hals hinaufgekrochen war, um das Fleisch von der Schulter bis zum Ohr und vom Schlüsselbein bis zum Schulterblatt blauschwarz zu verfärben, und dass ein großer, schmetterlingsflügelähnlicher Teil davon deutlich im Licht der Lampe zu erkennen war. Longinus musste den gewaltigen Bluterguss ebenfalls gesehen haben, war jedoch so klug gewesen, sich nicht dazu zu äußern.
Corvus starrte geradeaus, ohne ein Wort zu sagen. Es kam nur selten vor, dass sie so steif und förmlich miteinander umgingen. Es tat ihnen beiden nicht gut, und es machte all das zunichte, was sie einmal füreinander gewesen waren.
»Entschuldige, aber ich war mit meinen Gedanken für einen Moment woanders«, sagte Valerius, während er seinen Umhang zurechtzog. »Einer der thrakischen Kavalleristen kam vorhin mit der Nachricht, dass die zum Badehaus führenden Wasserrohre eingefroren sind. Longinus Sdapeze. Er ist ein kluger Kopf. Er sieht die Probleme, noch bevor sie aufgetreten sind.«
Männer wie Longinus waren ziemlich dünn gesät. Damals am Rhein hatten Valerius und Corvus sich zusammengetan, um solche Männer zu finden, sie auszuwählen und mit ihnen zu trainieren, um sie - zumindest in ihrer eigenen Vorstellung - von der größeren Masse dummer, gedankenloser Brutalität abzuheben, welche die Legion und ihre Hilfstruppen ausmachte.
Als ob er daran dachte, sagte Corvus: »Ich habe gehört, dass du dich zu dem Stiermörder bekannt hast. Dass du jetzt das Zeichen des Raben trägst.«
Es war kein Geheimnis. Jeder kannte die Namen der Initiierten. Was allerdings ein streng gehütetes Geheimnis war, war die Natur der Prüfungen und der Eide, die die Geweihten ablegen mussten; darin lag die größte Macht des Gottes. Für Corvus allerdings bedeutete die Tatsache, dass Valerius diese Eide abgelegt hatte, jedoch viel mehr. Valerius hatte sich diesen Augenblick schon ausgemalt, noch bevor er seine erste Litanei gelernt hatte.
Steif erklärte er: »Ich dachte, dass es der Entwicklung meiner Karriere förderlich sein würde.«
Corvus zog eine Braue hoch. »Das wird es, da bin ich mir ganz sicher.«
Sie warteten. Ein leichter Nordwind wehte durch die Hauptstraße. Irgendwo in der Ferne ertönten gebrüllte Befehle. Offenbar waren inzwischen genügend Männer aufgewacht, so dass auch noch andere die Gefahr durch den Schnee erkannten. Jener Teil von Valerius, der sich wirklich Gedanken um die Zukunft seiner Karriere machte, sah die Dringlichkeit seiner Nachricht schwinden und damit zugleich auch die Hoffnung, Anerkennung dafür zu bekommen, dass er den Alarm ausgelöst hatte.
Corvus fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Dann trat er einen Schritt zurück und hielt die Tür auf. »Möchtest du nicht hereinkommen? Ich habe die Dekurionen benachrichtigt und ihnen aufgetragen, die fünfte und sechste Truppe loszuschicken, um die Dächer der Hauptgebäude der principia vom Schnee zu räumen. Die vierte wird sich um das Dach des Palastes des Statthalters kümmern, obwohl er mit einem Hypokaustum ausgestattet ist und ich stark annehme, dass die Bediensteten des Statthalters die Feuer die ganzen letzten Nächte über in Gang gehalten haben werden, um die Kälte zu verbannen. Es würde mich nicht überraschen, die Fliesen frei von Schnee glänzen und vor Hitze dampfen zu sehen, wenn die Sonne aufgeht.«
»Privilegien, wem Privilegien gebühren«, erwiderte Valerius trocken.
»Genau. Deshalb denke ich auch, dass du den Sohn des Statthalters kennen lernen solltest. Er ist drinnen, und ich habe ihn schon zu lange allein gelassen. Wir hatten gerade über den Aufstand im Westen gesprochen. Willst du dich nicht zu uns setzen?«