V
Wenn er sich strikt an die Vorschriften gehalten
hätte, dann hätte Julius Valerius die Schäden durch den Schnee und
die eingefrorenen Latrinenrohre seinem unmittelbaren Vorgesetzten,
dem Dekurio Regulus, gemeldet. Wenn er sich stattdessen an die
Gebote seines Gottes gehalten hätte, hätte er den Zenturio der
Dritten Kohorte der Zwanzigsten Legion aufgesucht, der sein neuer
Vater Unter Der Sonne war, Nachfolger von Marullus, der inzwischen
nach Rom gereist war, um seinen neuen Posten bei der
Prätorianergarde anzutreten. Valerius tat jedoch nichts von
alledem, sondern folgte dem Licht einer einzelnen Lampe südwärts
die Hauptverkehrsstraße der Festung hinunter. Während er die breite
Straße entlangmarschierte, verfolgte er die Spur eines einzelnen
Paares von Fußabdrücken im Schnee, die in dieselbe Richtung
führte.
Quintus Valerius Corvus, Präfekt der Ala Quinta
Gallorum, bewohnte eines der kleineren Tribunshäuser; es befand
sich nahe dem südlichen Ende der Hauptstraße, auf der dem riesigen
überdachten Geviert der Legionsversammlungshalle gegenüberliegenden
Straßenseite. Der Präfekt hatte Julius Valerius den Namen
verliehen, den er jetzt trug, und fünf gute Jahre über war er auch
derjenige gewesen, der Julius Valerius überhaupt noch einen Grund
zu leben gegeben hatte. Es hatte eine Zeit gegeben - bevor die
Quartiere für die Tribune bezugsfertig gewesen waren -, da erschien
es als ziemlich wahrscheinlich, dass Valerius sogar ein eigenes
Zimmer innerhalb von Corvus’ Unterkunft bewilligt werden würde.
Tatsächlich hatte Valerius schon sehr bald - als noch überall das
Chaos der Bauarbeiten herrschte und Männer in der ganzen Festung in
halb fertigen Quartieren leben und des Nachts zwischen Haufen von
Ziegelsteinen schlafen mussten, der Verputz auf den Wänden noch
feucht und die Luft von dem Geruch nach Tünche erfüllt war -
gewusst, welcher Raum das sein würde, selbst wenn er noch nicht
dort geschlafen hatte.
Damals hatten noch die letzten Funken der
Leidenschaft Valerius’ Herz gewärmt, und der schier unerträgliche
Druck, unter dem er lebte, die ungeheure seelische Last, die er
tagein, tagaus mit sich herumschleppte, hatte noch nicht begonnen,
ihren vollen Tribut von ihm zu fordern. Er hatte zu jener Zeit noch
einen untergeordneten Rang bekleidet und war bei seinen Kameraden
ausgesprochen beliebt gewesen. Die unbeständige Schirmherrschaft
des Kaisers Caligula und seine, Valerius’, Beziehung mit Corvus,
die sein Ansehen bei den anderen Männern so leicht hätten
beinträchtigen können, hatten ihn stattdessen zum Maskottchen der
Truppe gemacht. Bei den Gefechten gegen die feindlichen
germanischen Stämme am Rhein hatte er sich durch großen Mut und
kämpferisches Können hervorgetan, und in seiner mehr oder minder
erfolgreichen Bändigung des wilden, unberechenbaren Krähen-Pferdes
hatte er sich überdies als ein Reiter erwiesen, der die
Beförderung, die Corvus ihm bald darauf gewährte, wirklich voll und
ganz verdient hatte.
Bei der Kavallerie waren Reitkunst und überragendes
kämpferisches Können eng miteinander verknüpft, und in einem
Kavallerieflügel, der fast ausschließlich aus den Reihen der
besiegten Gallier rekrutiert worden war, war Valerius einer der
ganz wenigen gewesen, die schon vor ihrem Eintritt in die Armee in
echten Gefechten gekämpft hatten. Seine Kameraden erfanden alle
möglichen Geschichten über den dunkelhaarigen Jungen vom Stamm der
Eceni, der mit seinem wahnsinnigen Pferd in die Freiheit geritten
war und dann alle Angebote, in sein Heimatland zurückzukehren,
ausgeschlagen hatte, um sich stattdessen den Legionen anzuschließen
und für Rom zu kämpfen. Über ihn und Corvus kursierten zahlreiche
Gerüchte, die sich um ihre gemeinsame Vergangenheit rankten und
diese in einem immer abenteuerlicheren Licht erscheinen ließen, bis
es schließlich hieß, der Präfekt wäre einst von barbarischen
Stämmen gefangen genommen worden, als er für den Kaiser in
Britannien spionierte, und Valerius hätte eine heimliche
Verschwörung zu seiner Befreiung angezettelt und dann an der Küste
gewartet, bis Corvus allein zurücksegeln konnte, um ihn zu finden.
In den noch wilderen Geschichten wurde gar behauptet, dass sie
gegen die Träumer gekämpft hätten, um Valerius der Barbarei zu
entreißen und wieder in die Zivilisation zurückzubefördern, und
dass sie dabei die Macht der römischen Götter herabgerufen hätten,
um die Götter der Eceni zu besiegen. Keiner kam auf die Idee zu
fragen, warum ein Junge, der in der Freiheit und Unabhängigkeit
seines Stammes aufgewachsen war, den unbarmherzigen Drill bei den
Rheinlegionen bevorzugen sollte, wo die Soldaten dem tückischen
Flussnebel und der ständigen Gefahr feindlicher Angriffe ausgesetzt
waren. Und es wäre auch niemandem eingefallen, seinen späteren
Kampf gegen die Träumer und den Nebel, den diese auf ein
Schlachtfeld herabbeschwören konnten, in Zweifel zu ziehen, oder
seine Fähigkeit, es mit solch zwei mächtigen Gegnern aufzunehmen
und als Sieger aus diesem Kampf hervorzugehen.
Die Wahrheit war weniger unwahrscheinlich und
zugleich noch unwahrscheinlicher, und sie wartete des Nachts in
seinen Wachträumen auf Valerius, wenn ihm die Furcht vor dem Geist
seiner Mutter den Schlaf raubte. Dann lag er hellwach in der
Vier-Mann-Schlafstube der Legionskaserne und horchte auf das
Schnarchen von Männern, die er nicht liebte, noch nicht einmal
sonderlich mochte. In solchen Augenblicken fiel es ihm schwer, die
ungemütliche, feuchtkalte Einsamkeit seines Schlafquartiers nicht
mit der Behaglichkeit eines überfüllten Rundhauses und der
anheimelnden, unkomplizierten Wärme eines Hundes zu vergleichen,
oder mit den unerwarteten Freuden seiner engen, intimen Beziehung
mit Corvus, die ihm eine ganz neue Welt erschlossen und sein Leben
zumindest wieder halbwegs lebenswert gemacht hatte.
Wer sich einmal sehnsuchtsvoll umgeblickt hat, um
in die Vergangenheit zurückzuschauen, dem fällt es schwer, dies
nicht wieder und wieder zu tun. Valerius hatte die Erfahrung
gemacht, dass er halbe Nächte damit vergeuden konnte, mit offenen
Augen in die Dunkelheit zu starren und darüber nachzugrübeln, ob an
dem, was die Klatschmäuler behaupteten, vielleicht doch etwas
Wahres dran war, ob der Funke zwischen ihm und Corvus wahrhaftig
schon damals übergesprungen war, während der sechs Monate, als der
junge römische Offizier tatsächlich ein Gefangener der Stämme
gewesen und ein Junge mit ziemlich dürftigen Gallischkenntnissen
sein Freund und Vertrauter geworden war. Es war einfach schon zu
lange her, als dass Valerius sich jemals sicher sein könnte, und
wenn ihm Erinnerungen an jene Zeit kamen, hatten sie immer etwas
seltsam Entrücktes, Irreales an sich, als ob sie Geschichten aus
dem Leben eines anderen Mannes wären, so oft erzählt, dass sie
allmählich eine ganz eigene Glaubwürdigkeit erlangten. Es gab nur
ein paar Dinge aus jener lange zurückliegenden Zeit, die er noch
ganz klar und deutlich vor sich sehen konnte, und dies waren eher
bruchstückhafte Erinnerungen, die ihn meist am helllichten Tag
überfielen, mit niederschmetternder Wucht: die jäh aufsteigenden,
einen schmerzlichen Stich auslösenden Bilder von Liebe und ihrem
Nachhall; das Aufleuchten eines blauen Umhangs und das strahlende
Lächeln in dem Gesicht darüber; die schiere, berauschende Kraft
einer rotbraunen thessalischen Stute, die mit einem graubraunen
Hengstfohlen um die Wette rannte; das Aufblitzen von
sonnenbeschienener Bronze, als trinovantische Reiter ihre Schilde
erhoben und die Eceni, geschult von einem Römer, gegen sie
antraten. Alle diese Erinnerungen konnten ganz plötzlich und ohne
Vorwarnung auf Valerius einstürmen, und sie zermürbten ihn derart,
dass er wütend und gereizt reagierte und automatisch nach etwas
oder jemandem suchte, den er anschreien konnte.
Wenn er ausreichend Schlaf bekam und nicht von
quälenden Träumen heimgesucht wurde, konnte er seinen Zorn
einigermaßen zügeln und so die schlimmsten Exzesse verhindern, aber
die ständige Gegenwart des Geistes seiner Mutter und die Urteile,
die sie über ihn fällte, hatten langsam, aber sicher sein inneres
Gleichgewicht untergraben. Die ersten paar Monate nach der Invasion
waren chaotisch gewesen, und alle hatten mit sehr wenig Schlaf
auskommen müssen, so dass die allgemeine Stimmung ziemlich gereizt
gewesen war. Die längeren, wärmeren Tage des Frühlings hatten den
meisten Männern wieder eine bessere Laune beschert; es war
lediglich Valerius, der seinen Zorn auch weiterhin an jedem
ausließ, der gerade in Reichweite kam. Die Männer mochten ihn
zunehmend weniger und fürchteten ihn dafür umso mehr, und obwohl es
höchstwahrscheinlich dies war, was ihm die Beförderung zum
Duplikarius eingebracht hatte, hatte sie doch keineswegs seinen
Seelenfrieden wiederhergestellt.
Letztendlich war jedoch Corvus derjenige, der das
Schlimmste ertrug und es doch am allerwenigsten verdient hatte. Es
war auf Valerius’ eigenen Wunsch hin geschehen, dass sein Zimmer in
Corvus’ Haus für andere Zwecke bestimmt und der Duplikarius
stattdessen bei den anderen rangniederen Offizieren seiner Truppe
einquartiert worden war. Zu jener Zeit hatte Valerius geglaubt,
dass die Umquartierung nur eine vorübergehende Notwendigkeit war
und dass er handelte, um sowohl sich selbst als auch einen Mann,
dem er allermindestens noch immer die größte Hochachtung
entgegenbrachte, vor seinen eigenen unberechenbaren,
unverzeihlichen, unkontrollierbaren und zunehmend schlimmer
werdenden Launen und Wutausbrüchen zu schützen. Selbst jetzt, zwei
Jahre später, glaubte Valerius nach wie vor, er könnte vielleicht
eines Tages zu Corvus zurückkehren.
Erst zweimal, nachdem das Haus erbaut worden war,
hatte Valerius Corvus dort einen Besuch abgestattet, beide Male
während des ersten Monats nach seiner Umquartierung. Und immer war
eine im Türeingang hängende brennende Lampe ein Zeichen dafür
gewesen, dass Corvus allein war und sich über Gesellschaft freuen
würde. Es schien ziemlich wahrscheinlich, dass das jetzt dort
brennende Licht die gleiche Bedeutung hatte. Und es bestand die -
wenn auch wohl nur sehr geringe - Möglichkeit, dass diese Lampe für
Valerius angezündet worden war und dass er, wenn er dies vorzog,
unangemeldet hineingehen und einfach der vertrauten Reihe von in
Wandhaltern flackernden Kerzen zu den Privaträumen des Präfekten
folgen konnte. Er entschied sich jedoch für den offiziellen
Weg.
Corvus’ Haushalt war morgens immer zuerst auf den
Beinen, und die Bediensteten hatten sich bereits um die
Vorkommnisse der Nacht gekümmert. Der Schnee vor den Türen war
weggeschaufelt worden, und es war ein breiter, vom Haus zur Straße
verlaufender Korridor freigelegt worden, der den Passanten auf der
Hauptstraße das Vorankommen erleichterte. Es war eine hilfreiche
Geste, die darüber hinaus wirksam verhinderte, dass jemand die Spur
eines einzelnen Paares von Stiefelabdrücken von den mehreren
anderen, die sich die Straße entlangzogen, zu diesem speziellen
Hauseingang verfolgen konnte.
Gefrorener Kies knirschte unter Valerius’ Füßen,
als er zur Haustür ging. Auf der einen Seite des Eingangs stand
eine Bronzeschale, darüber hing ein kleiner Holzhammer. Valerius
schlug leicht mit dem Hammer gegen die Schale und wartete, während
das Geräusch in der Dunkelheit nachhallte. Alles um ihn herum war
weiß. Selbst die Wände dieses Hauses waren schlicht weiß gekalkt,
was ihm ein nüchternes, geradezu karges Aussehen verlieh, so dass
es sich augenfällig von den prachtvollen, mit bunten Fliesen und
Malereien geschmückten Häusern der Legionstribune in der
Nachbarschaft abhob. Andere hatten zu Anfang häufig kritische
Bemerkungen darüber fallen lassen, dass Corvus aus seinem Heim bei
weitem nicht so viel machte, wie er könnte, und er hatte daraufhin
beharrlich - obgleich niemals mit ganz so unverblümten Worten -
erwidert, dass ein wahrer Soldat und Offizier der Legionen keine
protzige Zurschaustellung nötig hatte.
Diese Antwort hatte dem Gerede zwar ein Ende
gemacht, aber die Fronten waren geklärt worden, und die Gegner
waren nicht ganz ohne triftigen Grund erzürnt. Es hatte etliche
gegeben, darunter auch Valerius, die der Meinung waren, dass die
eine oder andere bunt bemalte Fliese - oder wenigstens ein
einzelnes farbenprächtiges Mosaik im Atrium - nicht hätten schaden
können. Sie sagten dies aber nicht, und Corvus selbst fuhr fort, so
zu tun, als ob die Angelegenheit für ihn nicht existierte. Der
größte Vorteil an der kürzlich erfolgten Abkommandierung des
früheren Statthalters lag darin, dass auch die Mehrzahl der
Legionstribune ihre Dienstzeit abgeleistet hatte und zusammen mit
ihm nach Rom zurückfuhr und dass somit die Hauptquellen der
Feindschaft beseitigt waren. Ob Corvus den Frieden mit ihren
Nachfolgern wahren konnte, blieb allerdings noch abzuwarten.
Auf seinen Gongschlag hin erschien - wie Valerius
nicht anders erwartet hatte - Mazoias, der Babylonier, an der Tür.
Der Vorsteher von Corvus’ Haushalt war ein weißhaariger alter Mann
mit einer schiefen Schulter. Wenn er betrunken war, behauptete er
von sich, mit der Prinzessin von Babylonien und dem persischen
Königshaus verwandt zu sein. In nüchterner Verfassung war er ein
ehemaliger Sklave, den der Präfekt auf einem Markt in Iberien
gekauft und anschließend freigelassen hatte, der es jedoch vorzog,
weiterhin bei Corvus in Stellung zu bleiben, denn ein Leben in
Corvus’ Diensten war besser als jedes andere, das Mazoias sich
vorstellen konnte. Der alte Mann erkannte Valerius auf Anhieb
wieder. Seine zerfurchten Züge erstarrten mitten in ihrer
Willkommensbotschaft, und die Tür, die bereits aufgeschwungen war,
begann sich wieder zu schließen.
Hastig klemmte Valerius seinen Fuß zwischen Tür und
Pfosten. »Das solltest du besser nicht tun. Ich habe eine dringende
Nachricht für den Präfekten. Sag ihm, dass der Schnee auf dem Dach
der Versammlungshalle vier Fuß hoch liegt und dass mehr Männer
nötig sein werden, als ich befehligen kann, um ihn wegzuräumen.
Wenn der Präfekt möchte, dass der Statthalter seine erste
öffentliche Ansprache an seine Legionen an einem warmen, gefahrlos
betretbaren Ort halten kann, sollte er mindestens eine volle
Schwadron von Männern zum Schneeräumen abkommandieren. Und sag ihm
auch, dass die zu den Hauptlatrinen führenden Wasserrohre
eingefroren sind. Ich habe einen Mann damit beauftragt, sich auf
die Suche nach Bassianus zu machen, aber vielleicht wünscht der
Präfekt...«
Jeder Mann hat seinen ganz eigenen,
unverwechselbaren Geruch. Dieser Körpergeruch mag vielleicht ein
bisschen schwächer sein, wenn die Haut noch warm vom Baden ist und
frisch eingeölt oder wenn er in einer Schlacht gekämpft hat und
noch mit dem Blut anderer Männer besudelt ist, aber er verschwindet
niemals gänzlich. Wenn er eine Nacht lang unter einem dicken
Schaffell geschlafen hat, um sich vor Kälte zu schützen, ist der
Geruch so ausgeprägt, wie er überhaupt nur sein kann - es sei denn,
er hätte diese Nacht in Gesellschaft verbracht; in diesem Fall ist
der ihm anhaftende fremde Geruch stärker. Corvus, so dachte
Valerius, hatte die Nacht allein verbracht, aber vielleicht nicht
jenen letzten Teil seit dem Aufwachen. Es war eine Erkenntnis, die
unerwartet heftige Gefühle in Valerius wachrief, Gefühle, vor denen
ihn keine noch so große Menge an Arbeit oder Verantwortung oder
Gebeten an den Gott vollständig schützen konnte. Valerius zog
seinen Fuß von der Türschwelle zurück, heftete seinen Blick auf die
gegenüberliegende Wand und salutierte.
»Danke, Mazoias«, sagte Corvus. »Ich werde mit dem
Offizier sprechen.«
Es kam zu einer kurzen Kollision, als der Wille des
Dieners auf den des Herrn prallte, eine Kollision, deren Ausgang
jedoch von vornherein feststand. Mit einem letzten finsteren Blick
auf Valerius, der ihm ewige Verdammnis versprach, falls er Mazoias’
Herrn in irgendeiner Weise die Laune verhagelte, zog sich der alte
Mann schließlich zurück.
Sie waren allein. Keiner von ihnen sagte ein Wort.
Schnee saugte das beklommene Schweigen auf, milderte es ein wenig.
Die Lampe in der Nähe der Tür war aus Ton, die Schale mit dem in
grober Lasur aufgemalten Tierkreiszeichen des Steinbocks
geschmückt. Die Lampe hatte noch nie gleichmäßig gebrannt, und sie
tat es auch jetzt nicht. Aus Gewohnheit und um irgendetwas zu tun
zu haben, griff Corvus hinauf und veränderte die Lage des Dochts.
Eine Spirale von Rauch stieg auf, um einen Fleck an der Decke zu
hinterlassen, doch danach leuchtete das Licht stärker, so dass die
beiden Männer etwas mehr voneinander sehen konnten. Der Präfekt war
offensichtlich erst vor kurzem aufgestanden: Sein braunes Haar war
noch feucht von einer hastigen Morgenwäsche und nicht ordentlich
gekämmt. In Wirklichkeit war es nie ordentlich gekämmt. Am
Hinterkopf war sein Haar vorschriftsmäßig kurz geschnitten, aber
vorne wuchs es in einem lockigen, widerspenstigen Schopf, der ihm
mit ungebärdigem Schwung in die Stirn fiel und den Bogen seiner
Augenbrauen widerspiegelte. Es sagte alles, was man über den Mann
und seine Einstellung zur Obrigkeit wissen musste. Die Narben und
die wettergegerbte Haut erzählten dieselbe Geschichte, fügten
jedoch nichts Neues hinzu. Nur seine Augen konnten noch mehr über
ihn verraten, wenn es ihm beliebte, doch sie waren im Schatten
verborgen. Derselbe Schatten verbarg auch seinen Mund, als er
schließlich das Wort an Valerius richtete.
»Wie soll ich dich nennen?«
Bei ihrer letzten Auseinandersetzung, der
schädlichsten und zerstörerischsten, war es um Corvus’ Gebrauch
eines alten Namens gegangen, den Valerius seit langem abgelegt
hatte. Sie hatten diesen Streit nie beigelegt.
»Ganz wie du möchtest«, erwiderte Valerius. »Im
Legionsregister bin ich Julius Valerius, wie du ja weißt. Meine
Männer nennen mich Duplikarius oder Oberstallmeister. Beide
Bezeichnungen sind mir recht.«
»Gut. Ich werde versuchen, mir das zu merken. Wie
geht es ihm?«
»Wem?«
»Deinem Killer-Hengst. Diesem menschenfressenden
Ungeheuer, dessen Herr und Meister du bist.«
In Corvus’ Stimme schwang eine Spur von Humor mit.
Valerius, völlig davon überrumpelt, antwortete im gleichen Ton:
»Gut. Es geht ihm gut. Du wärst stolz auf ihn. Heute Morgen hat er
es doch endlich geschafft, mich zu beißen. Der Schreck hätte uns
beide beinahe umgebracht.«
Vage war er sich bewusst, dass seine Schulter
wehtat, doch er hatte den Schmerz noch nicht ganz verinnerlicht.
Genau wie es damals bei der Brandmarkung der Fall gewesen war, so
sehnte er sich auch jetzt danach, dass der Schmerz vollends zu ihm
fand und ihn regelrecht einhüllte, als ob Schmerz etwas Reales
wäre, in dem er sich verstecken konnte. Versuchsweise drehte er
seinen Arm hin und her und zuckte prompt zusammen. Er hatte ganz
vergessen, wen er vor sich hatte. Corvus hatte bereits eine Hand
nach seinem, Valerius’, Umhang ausgestreckt und den Kragen
zurückgeklappt, noch bevor irgendeiner von ihnen sich daran
erinnerte, dass Corvus eigentlich kein Recht mehr dazu hatte - und
sich dann wieder daran erinnerte, dass er schließlich ein Präfekt
war und mit dem Umhang und der Person eines rangniederen Offiziers
tun konnte, was er wollte. Valerius schwankte unter Corvus’
Berührung unwillkürlich rückwärts, richtete sich jedoch sofort
wieder zu einer militärisch steifen Haltung auf.
Corvus sog zischend den Atem ein und zog seine Hand
zurück. »Tut mir Leid.«
»Ist nicht weiter schlimm.« Valerius glaubte
tatsächlich noch immer, dass Krähes Biss keinen sonderlich großen
Schaden angerichtet hatte. Sein Umhang mochte zwar zurückgeschoben
sein, aber darunter trug er eine eng anliegende Tunika, die seine
Schulter bedeckte, daher hatte er das Ausmaß des Schadens noch gar
nicht gesehen. Erst später entdeckte er, dass der sich langsam
ausbreitende Bluterguss seinen Hals hinaufgekrochen war, um das
Fleisch von der Schulter bis zum Ohr und vom Schlüsselbein bis zum
Schulterblatt blauschwarz zu verfärben, und dass ein großer,
schmetterlingsflügelähnlicher Teil davon deutlich im Licht der
Lampe zu erkennen war. Longinus musste den gewaltigen Bluterguss
ebenfalls gesehen haben, war jedoch so klug gewesen, sich nicht
dazu zu äußern.
Corvus starrte geradeaus, ohne ein Wort zu sagen.
Es kam nur selten vor, dass sie so steif und förmlich miteinander
umgingen. Es tat ihnen beiden nicht gut, und es machte all das
zunichte, was sie einmal füreinander gewesen waren.
»Entschuldige, aber ich war mit meinen Gedanken für
einen Moment woanders«, sagte Valerius, während er seinen Umhang
zurechtzog. »Einer der thrakischen Kavalleristen kam vorhin mit der
Nachricht, dass die zum Badehaus führenden Wasserrohre eingefroren
sind. Longinus Sdapeze. Er ist ein kluger Kopf. Er sieht die
Probleme, noch bevor sie aufgetreten sind.«
Männer wie Longinus waren ziemlich dünn gesät.
Damals am Rhein hatten Valerius und Corvus sich zusammengetan, um
solche Männer zu finden, sie auszuwählen und mit ihnen zu
trainieren, um sie - zumindest in ihrer eigenen Vorstellung - von
der größeren Masse dummer, gedankenloser Brutalität abzuheben,
welche die Legion und ihre Hilfstruppen ausmachte.
Als ob er daran dachte, sagte Corvus: »Ich habe
gehört, dass du dich zu dem Stiermörder bekannt hast. Dass du jetzt
das Zeichen des Raben trägst.«
Es war kein Geheimnis. Jeder kannte die Namen der
Initiierten. Was allerdings ein streng gehütetes Geheimnis war, war
die Natur der Prüfungen und der Eide, die die Geweihten ablegen
mussten; darin lag die größte Macht des Gottes. Für Corvus
allerdings bedeutete die Tatsache, dass Valerius diese Eide
abgelegt hatte, jedoch viel mehr. Valerius hatte sich diesen
Augenblick schon ausgemalt, noch bevor er seine erste Litanei
gelernt hatte.
Steif erklärte er: »Ich dachte, dass es der
Entwicklung meiner Karriere förderlich sein würde.«
Corvus zog eine Braue hoch. »Das wird es, da bin
ich mir ganz sicher.«
Sie warteten. Ein leichter Nordwind wehte durch die
Hauptstraße. Irgendwo in der Ferne ertönten gebrüllte Befehle.
Offenbar waren inzwischen genügend Männer aufgewacht, so dass auch
noch andere die Gefahr durch den Schnee erkannten. Jener Teil von
Valerius, der sich wirklich Gedanken um die Zukunft seiner Karriere
machte, sah die Dringlichkeit seiner Nachricht schwinden und damit
zugleich auch die Hoffnung, Anerkennung dafür zu bekommen, dass er
den Alarm ausgelöst hatte.
Corvus fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Dann
trat er einen Schritt zurück und hielt die Tür auf. »Möchtest du
nicht hereinkommen? Ich habe die Dekurionen benachrichtigt und
ihnen aufgetragen, die fünfte und sechste Truppe loszuschicken, um
die Dächer der Hauptgebäude der principia vom Schnee zu
räumen. Die vierte wird sich um das Dach des Palastes des
Statthalters kümmern, obwohl er mit einem Hypokaustum ausgestattet
ist und ich stark annehme, dass die Bediensteten des Statthalters
die Feuer die ganzen letzten Nächte über in Gang gehalten haben
werden, um die Kälte zu verbannen. Es würde mich nicht überraschen,
die Fliesen frei von Schnee glänzen und vor Hitze dampfen zu sehen,
wenn die Sonne aufgeht.«
»Privilegien, wem Privilegien gebühren«, erwiderte
Valerius trocken.
»Genau. Deshalb denke ich auch, dass du den Sohn
des Statthalters kennen lernen solltest. Er ist drinnen, und ich
habe ihn schon zu lange allein gelassen. Wir hatten gerade über den
Aufstand im Westen gesprochen. Willst du dich nicht zu uns
setzen?«