III
Die Luft stank nach Färberwaid und Bärenfett und
folglich nach Kampf. Für ein Kind, das während einer Schlacht
empfangen worden und mitten in einem Krieg zur Welt gekommen war,
war dies der vertraute Geruch der Kindheit, so normal und
alltäglich wie der aromatische Duft von gebratenem Hasenfleisch.
Diesmal jedoch roch es anders, schärfer, so als ob sich der
beißende Geruch von Otterkot mit dem Moschusgeruch des Bärenfetts
vermischt hätte, so dass er einem die Tränen in die Augen trieb,
wenn man ihn zu tief einatmete. Cunomar, Sohn der größten Kriegerin
und des größten Kriegers, die seine Welt jemals gesehen hatte,
klammerte sich an die Mähne des grauen Schlachtrosses seiner Mutter
und versuchte verstohlen, durch den Mund zu atmen. Die kraftvollen
Arme seiner Mutter hielten ihn sicher auf dem Hals des Pferdes
fest, auf jenem Platz vor dem Sattel, wo tapfere Kinder reiten
durften, wenn sie brav waren und die Erwachsenen, die sich zum
Krieg rüsteten, nicht mit zu vielen Fragen bestürmten.
Allerdings fiel es Cunomar nicht leicht, brav zu
sein. Zweimal schon hatte das Kind Dinge beobachtet, die neu und
unerwartet waren, und hatte danach fragen wollen. Die erste Sache
hatte sich lange vor Tagesanbruch ereignet, als eine Gruppe von
Kriegern in gestohlenen Umhängen des Feindes in die Nacht
hinausgeritten war. Das zweite Ereignis war einige Zeit später
gewesen, als Ardacos seine Zeremonie mit dem Bärenfett beendet
hatte und dann ebenfalls aufgebrochen war, mit leichtem Gepäck und
zu Fuß und mit nur zwei anderen Kriegern als Begleitung.
Cunomar mochte Ardacos. Eine seiner frühesten
Erinnerungen bestand darin, wie sich der kleine, dunkelhäutige
Krieger mit dem zerfurchten Gesicht im Schein des Feuers über ihn
gebeugt und mit seinen Fingern die Zeichen des Schutzes gemalt
hatte, bevor er ihn hochgehoben und zu einem Versteck in der
Dunkelheit eines Flusstales getragen hatte, wo sie zusammen unter
den tief herabhängenden Ästen eines Haselnussbaumes gelegen hatten,
zu ihren Füßen die schnell dahinströmenden Fluten des Flusses und
rechts und links von ihnen schützende Felsen. Cunomar erinnerte
sich nur noch an wenig mehr, etwa dass die Nacht ungewöhnlich lang
gewesen war und es fast die ganze Zeit über geregnet hatte, ein
stetiges Rauschen, das die Geräusche der Kämpfe übertönte, so dass
er nicht hatte erkennen können, wie nahe der Feind herangekommen
war, und auch nichts davon gemerkt hatte, auf welch harte Probe die
Schutzzeichen gestellt worden waren.
Sein wahrer Beschützer in jener Nacht war Ardacos
gewesen, ein sehr viel wirkungsvollerer Schutz als die Unheil
abwehrenden Zeichen. Er hatte die ganze Nacht hindurch mit
gezücktem Kampfmesser neben Cunomar gekauert, und gemeinsam hatten
sie auf die Geräusche des Abschlachtens gehorcht. Als schließlich
der Morgen heraufdämmerte, war der kleine, drahtige Mann auf leisen
Sohlen in den strömenden Regen hinausgegangen und wenig später mit
dem frisch abgetrennten Kopf eines feindlichen Soldaten
zurückgekehrt, um den Beweis dafür zu liefern, dass Cunomar sich
gefahrlos aus seinem Versteck hervorwagen konnte. Das war der
Augenblick gewesen, in dem Cunomar beschlossen hatte, dass er
später, wenn er älter war, ein Krieger wie Ardacos sein wollte und
unter dem Zeichen der Bärin kämpfen würde, von Kopf bis Fuß mit
Bärenfett und Färberwaid eingeschmiert, damit die Augen der Feinde
ihn nicht sehen und ihre Klingen ihn nicht schneiden könnten.
In jenem Jahr, das seither vergangen war, hatte
Cunomar gelernt, das charakteristische Trommeln von Klauen auf
einem Schädel zu erkennen, das die Kriegerinnen und Krieger der
Bärin zum Beginn ihrer Zeremonie zusammenrief, und er hatte die
rituellen Gesänge auswendig gelernt, die dem Moment vorausgingen,
in dem Ardacos das Bärenfell und den Schädel brachte und den
Bärentanz aufführte, der ihm großen Ruhm unter den Träumern
eingebracht hatte und der ihm im Kampf eine Hilfe war. Cunomar
hatte auch genau beobachtet, wie der klein gewachsene Mann weißen
Kalk mit Lehmerde aus dem Fluss vermischte und die breiige Paste in
seinem Haar verrieb, damit es steil vom Kopf abstand und ihn größer
und grimmiger erscheinen ließ, und wie er sich dann mit derselben
Mischung breite Ringe um die Augen und Linien in Form eines
Totenschädels auf die Wangen malte, um seine Feinde vor dem
drohenden Tod zu warnen. Das Ergebnis war wahrhaft Furcht erregend,
und es überraschte Cunomar keineswegs, dass die Feinde den
Kriegerinnen und Kriegern der Bärin reihenweise zum Opfer fielen.
Das einzig Verwunderliche war, dass die Feinde trotz ihrer
empfindlichen Verluste ständig wieder kamen, um erneut anzugreifen,
und noch immer nicht gelernt hatten, das Land, das nicht das ihre
war, für immer zu verlassen und wieder dorthin zurückzukehren, wo
sie hergekommen waren.
Bald aber würden sie es begreifen, das sagten alle,
und auch die Zeichen deuteten alle darauf hin. Es war ein
Versprechen, das bereits den ganzen Sommer hindurch Tag für Tag in
den Unterredungen all jener Krieger mitgeklungen hatte, die sich
auf den Krieg vorbereiteten. Doch auch die Träumer wussten um die
Verheißung, und sogar der Färberwaid verkündete sie nun auf eine
Art und Weise, die man einfach nicht mehr ignorieren konnte. Nach
einer Weile, als der Gestank des Waids nicht mehr ganz so
durchdringend schien, erkannte Cunomar, dass der andere, ebenfalls
deutlich wahrnehmbare Geruch der des Wiesels war, welches Ardacos
in seinen Visionen erschienen war. Der Bärenkrieger hatte diesen
Duft in seine Paste mit untergemischt, damit er ihn noch stärker
machte.
Doch auch ohne das hätte Cunomar gewusst, dass die
nun kommende Schlacht größer sein würde als alle anderen, welche
jemals zuvor stattgefunden hatten. Voller Stolz hatte er seine
Mutter zu all jenen sprechen hören, die sich auf dem Berghang
versammelt hatten.
Es war ein kalter Tagesanbruch gewesen, und Nemain,
die Göttin des Mondes, war gerade in ihr Bett in den Bergen
gesunken. Breaca hatte auf dem Rücken ihrer Stute gestanden und zu
den versammelten Truppen der Krieger und Träumer gesprochen; sie
hatte sie alle Bodiceae, Siegesboten, genannt und vor ihnen
geschworen, dass sie so lange kämpfen würde, wie es notwendig war,
um das Land von den Invasoren zu befreien.
In jenem Augenblick hatte sie wahrhaftig wie eine
Göttin gewirkt; der Morgennebel hatte sich geteilt, und die ersten
schräg einfallenden Strahlen der aufgehenden Sonne hatten sie von
hinten angeleuchtet und mit ihrem Schlachtross verschmelzen lassen,
so dass die beiden eins wurden, ein Wesen, das noch größer und
beeindruckender schien als jedes von ihnen für sich allein. Das
frühmorgendliche Licht hatte ihrem Haar einen goldenen Schimmer
verliehen und den glänzenden Bronzeton in ein feuriges Kupferrot
verwandelt, es hatte den Kriegerzopf an ihrer Schläfe ebenso
plastisch hervortreten lassen und die einzelne Silberfeder, die in
den Zopf hineingeflochten war, Symbol für die vielen Feinde, die
durch ihr Schwert gestorben waren. Der Schlangenspeer auf ihrem
Schild hatte feucht geglänzt, so als ob er frisch mit Römerblut
aufgemalt worden wäre, und der graue Umhang von Mona hatte hinter
ihr im Wind geflattert. Am Schluss ihrer Ansprache hatte sie ihr
Schwert hoch in die Luft erhoben und den Sieg versprochen, und in
der riesigen Schar derer, die sich an diesem Morgen versammelt
hatten, gab es nicht einen, der bezweifelte, dass sie diesen Sieg
erringen könnten.
Sie hatten Breaca zwar nicht zugejubelt, weil der
Feind zu nahe war und die Gefahr bestanden hatte, dass er durch die
Beifallsrufe alarmiert werden könnte, aber Cunomar hatte gesehen,
wie tausend Waffen im Sonnenlicht aufblitzten, als die Kriegerinnen
und Krieger ihre Speere und Schwerter zum Gruß erhoben. Er war vor
Stolz schier geplatzt, so wie es ihm bei solchen Gelegenheiten
immer erging, doch diesmal hatte er - vielleicht, weil er
inzwischen schon ein bisschen älter war und mehr verstand - den
scharfen, schmerzhaften Stich einer neuen Furcht verspürt. Es war
eine Furcht, die nichts mit der Möglichkeit zu tun hatte, dass
seine Mutter bei den Gefechten den Tod finden könnte, und auch
nichts mit der unmittelbaren Nähe des Krieges. Stattdessen wurzelte
sie in der schrecklichen Möglichkeit - ja sogar der
Wahrscheinlichkeit -, dass die Kämpfe vorbei sein könnten, noch
bevor er alt genug war, um daran teilzunehmen.
Als Cunomar anschließend beobachtete, wie sich die
Kriegerinnen und Krieger wieder zu zerstreuen begannen, hatte er im
Stillen gebetet: zu Nemain und zu Briga, Nemains Mutter, und
außerdem noch zu der Seele der Bärin, und er hatte sie alle
inständig angefleht, dass der Krieg, in den er hineingeboren worden
war, nicht enden möge, bevor er das Alter erreicht hatte, in dem er
eine Waffe tragen durfte und für sich selbst und seine Eltern Ehre
erringen konnte.
Cunomar schob sich rückwärts gegen die Brust seiner
Mutter, bis die metallenen Glieder ihres Kettenhemds kalt gegen
seinen Nacken drückten und er den prickelnden Nervenkitzel der
Gefahr spürte. Grinsend blickte er sich um, um zu sehen, mit wem er
dieses erregende Gefühl teilen könnte. Airmid, die hoch gewachsene,
dunkelhaarige Träumerin, die seiner Mutter so innig zugetan war,
stand auf einem Felsen zur Linken, doch sie war tief in der
Traumwelt versunken, ihr Gesicht vollkommen reglos, ihr Blick auf
einen Horizont geheftet, den nur sie sehen konnte. Efnis, ein
Träumer der Eceni, und Luain mac Calma, der häufig nach Irland und
Gallien reiste, standen in Airmids Nähe, aber die beiden Männer
waren ähnlich geistesabwesend. Und selbst wenn sie das nicht
gewesen wären, so war jeder der beiden doch zu unnahbar und zu
einschüchternd, um die morgendliche Freude eines Kindes zu
teilen.
Wesentlich vielversprechender und nur ein paar
Schritte von ihm entfernt auf seiner Rechten war da schon Cygfa,
Cunomars Halbschwester. Sie saß, ganz ähnlich wie er, rittlings auf
dem Hals eines großen kastanienbraunen Pferdes, das früher einmal
einem Offizier der feindlichen Kavallerie gehörte hatte und jetzt
das Schlachtross ihres gemeinsamen Vaters war. Caradoc selbst hatte
sich abgewandt und sprach gerade mit einer Frau, die auf seiner
Schwertseite stand, doch mit seinem Schildarm hielt er seine
Tochter umfangen - zwar nur locker, denn sie war acht Jahre alt und
konnte schon recht gut ohne fremde Hilfe mit dem Pferd
zurechtkommen, aber doch deutlich erkennbar, damit jeder sehen
konnte, dass Caradoc, Anführer und Kriegsherr dreier Stämme, seine
Tochter in der Zeit vor der Schlacht ehrte.
Cygfa trug einen Torques aus geflochtenen
Goldsträngen um den Hals, ein Geschenk von einem Häuptling der
Durotriger, der einer der Verbündeten von Cunomars Eltern war. Es
war aber nicht der goldene Halsreif, sondern der gestohlene
Legionärsdolch in seiner silbernen, mit Emailleeinlegearbeiten
verzierten Scheide, der an Cygfas Hüfte baumelte, den Cunomar am
stärksten begehrte. Als sie sich jetzt unvermittelt umdrehte, sah
sie Cunomar und grinste ihn an. Er erwiderte ihren Blick mit
theatralisch finsterer Miene. In letzter Zeit hatte er zu begreifen
begonnen, dass Cygfa mehr als doppelt so alt war wie er und daher
lange vor ihm Kriegerin werden würde, doch was er überhaupt nicht
akzeptieren konnte, war, dass sie eine von den Feinden erbeutete
Waffe mit sich herumtragen durfte, er aber nicht. In seinem Ärger
über diese Ungerechtigkeit vergaß Cunomar abrupt, was brave Kinder
taten oder auch nicht taten, hob den Kopf und rutschte auf dem Hals
des Pferdes herum, um seine Mutter an ihrem Umhang zu ziehen.
»Mama, wenn die Feinde alle bezwungen sind, darf
ich dann auch endlich ein...«
Ihre Finger schlossen sich um seine Schulter, und
einen freudigen Moment lang glaubte Cunomar, sie hätte ihn gehört
und wollte ihm gerade versprechen, dass das Schwert des feindlichen
Heerführers ihm gehören würde, wenn sie aus der Schlacht
zurückkehrte. Dann sah er hinauf in ihr Gesicht und folgte der
Richtung ihres Blickes hinunter in das Tal zu der Stelle, wo der
sich teilende Nebel gerade eine Gestalt freigab und dann noch eine
zweite, beide von Kopf bis Fuß mit einem eisengrauen Gemisch aus
Färberwaid und Bärenfett bedeckt, ihr Haar mit Kalk versteift und
ihre Augen von aufgemalten weißen Ringen umkränzt. Sie trugen
gemeinsam etwas Schweres und legten es am Fuß des Hügels nieder.
Die kleinere der beiden Gestalten rannte daraufhin allein
weiter.
Cunomar ließ den Umhang seiner Mutter los und
zeigte auf die rennende Gestalt. »Ardacos«, sagte er laut und
deutlich. »Er hat den Feind getötet.«
»Wir können nur darum beten.«
Ardacos war einer der engsten Freunde seiner
Mutter. Er wusste, dass sie um ihn bangte und dass sie versuchte,
sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen. Breaca sprach zu
ihrer Stute, und sie bewegten sich ein paar Schritte den Hügel
hinunter. Die graue Stute war schon alt, doch wenn der beißende
Geruch des Färberwaids die Luft würzte, wurde sie schlagartig
wieder munter und quicklebendig. Sie trabte leichtfüßig vorwärts,
so als ob sie bereit wäre, sofort loszugaloppieren. An einer
kleinen Felsnase, abgeschirmt durch eine Ansammlung von struppigen
Ebereschen und Weißdornbüschen, hielten sie an. Ardacos kam in
großen Sätzen den Abhang heraufgeeilt.
»Es ist vollbracht!« Atemlos entbot der kleine Mann
zuerst Cunomar und dann seiner Mutter den Kriegergruß. Die faltige
Haut seines Gesichts war seltsam steif und erstarrt unter der
weißen Schicht aus Tonerde, doch in seinen Augen brannte das Feuer
des Triumphs und nur ein geringes Maß an Schmerz. Als Antwort auf
Breacas unausgesprochene Frage erklärte er: »Sie waren zu acht,
allesamt von Wein benebelt und voller Furcht vor der Nacht. Nur
einer von ihnen hat tapfer gekämpft. Wir haben zwar Mab verloren,
aber das Signalfeuer ist unser.«
»Und die anderen? Haben wir die ganze Kette?«
Cunomar hörte in der Stimme seiner Mutter eine nervöse Anspannung
mitschwingen, bei der sich ihm der Magen umdrehte und sein Mund
plötzlich staubtrocken wurde.
»Die haben wir, ja«, erwiderte Ardacos. »Die
Träumer und die Götter waren gut zu uns, und der Nebel lichtete
sich, als wir klare Sicht brauchten. Wir hoben eine Fackel in die
Höhe und sahen binnen eines kurzen Augenblicks, wie das Licht
erwidert wurde, zum Zeichen dafür, dass die Kette vollständig ist.
Wir haben jetzt jedes Signalfeuer von hier bis zur Küste. Wenn das
Schiff des Statthalters aus dem Hafen ausläuft, werden wir
unverzüglich davon erfahren. Und ganz gleich, welch guter Feldherr
sein Nachfolger sein mag, wenn er in den Hafen segelt, wird er
trotzdem feststellen müssen, dass das Land in Flammen steht und
seine Armeen auf der Flucht sind. Und es ist der Römer ureigenes
Werk, welches all dies möglich gemacht hat. Wir werden sie mit
ihren eigenen Waffen schlagen, werden jede ihrer Waffen gegen sie
verwenden, so wie wir auch ihre Pferde, ihre Rüstungen und ihre
Schwerter gegen sie einsetzen.« Der kleine Mann grinste breit,
wobei der Ring aus Farbe um seinen Mund Risse bekam. »Zu diesem
Zwecke habe ich für den zukünftigen Krieger ein Geschenk
mitgebracht.«
Er meinte Cunomar. Der Junge hörte Ardacos’ Worte,
und sein Herz tat einen freudigen Hüpfer. Ardacos gab seinem
Gefährten am Fuß des Hügels ein Zeichen, und der andere Krieger kam
auf sie zu. Noch ehe dieser die Kuppe des Abhangs erreicht hatte,
konnte Cunomar schon erkennen, was der Krieger da herbeibrachte. Er
glaubte, vor Freude weinen zu müssen, und fragte sich, ob es
richtig wäre, am Vorabend der Schlacht in Tränen auszubrechen. Doch
noch bevor er zu einer Entscheidung kommen konnte, war Ardacos
bereits vor der grauen Stute seiner Mutter auf die Knie gesunken
und hielt ihm mit beiden Händen ein Legionärsschwert hin.
Auf feierliche Art und Weise und in dem getragenen
Tonfall eines Sängers oder eines Ältesten in der Ratsversammlung
erklärte er: »Für Cunomar, Sohn von Breaca und Caradoc, Cousin und
Namensvetter von Cunomar von den Feuern, der sein Leben opferte,
damit wir anderen überleben konnten, bringe ich hiermit die Waffe
des tapfersten unter denjenigen Feinden, die wir in dieser Nacht
besiegt haben.«
Ihrer Scheide beraubt, lag die Schwertklinge nackt
auf Ardacos’ Handflächen, ein prachtvolles Gebilde aus Silber,
klebrig schwarz verschmiert. Cunomar fühlte die Hände seiner Mutter
an seiner Taille, und im nächsten Moment wurde er von dem Rücken
der Stute auf den Boden gehoben und seine Mutter stand hinter ihm,
eine Hand auf seiner Schulter.
Noch bevor sie ihm soufflieren konnte, richtete
sich der Junge zu seiner vollen Größe auf und erwiderte, die
Konventionen befolgend, die er während der sommerlichen
Ratsversammlungen beobachtet hatte: »Cunomar, Sohn der Bodicea und
von Caradoc, Häuptling dreier Stämme, dankt Ardacos von den
Kaledoniern, Krieger der Bärin und der Ehrengarde von Mona, für
sein großzügiges Geschenk und gelobt hiermit...«
Plötzlich wusste Cunomar nicht mehr weiter. Er
hatte keine Ahnung, was er geloben sollte, denn die Waffe
beanspruchte seine gesamte Aufmerksamkeit. Sie war kleiner als das
Kampfschwert seiner Mutter, und er war fest davon überzeugt, dass
er sie hochheben konnte. Mit beiden Händen umfasste er das
Schwertheft und zog daran. Das Schwert rutschte von Ardacos’
Handflächen herunter und fiel mit der Spitze voran zu Boden, um
sich in das Gras zwischen den Füßen des Kriegers zu bohren. Die
Erkenntnis, dass die Waffe zu schwer für ihn war, setzte Cunomars
Freude über das unerwartete Geschenk einen empfindlichen Dämpfer
auf, und sein Stolz verwandelte sich abrupt in Scham und
Versagensangst und in das böse Omen eines zukünftigen Kriegers, der
nicht in der Lage war, sein eigenes Schwert zu heben. Tränen
stiegen in seinen Augen auf und quollen über, und er holte tief
Luft, um seine Enttäuschung herauszuheulen.
»Nein, nicht weinen. Schau her. Es ist ja nichts
passiert. Weißt du, wir können es gemeinsam hochheben.« Die Arme
seiner Mutter umschlangen ihn, um seinem Kummer Einhalt zu
gebieten. »Es ist ein feindliches Schwert, und Mabs Blut klebt
immer noch daran. Wir müssen es zuerst säubern und den Göttern
weihen. Dann werden wir es weglegen und an einem sicheren Ort
aufbewahren, bis du ein Krieger bist und es in der Schlacht
schwingen kannst.«
Das war aber nicht das, was Cunomar wollte. Cygfa
hatte ihren Dolch und durfte ihn offen tragen, und er wollte
mindestens das Gleiche haben oder etwas noch Besseres. Er fühlte,
wie seine Unterlippe zitterte, wie sich die Tränen wieder in seinen
Augen sammelten und gegen seine Lider drückten, so wie Wasser gegen
einen Damm.
Seine Mutter zerzauste ihm beschwichtigend das Haar
und fuhr ruhig zu sprechen fort, als ob überhaupt nichts gewesen
wäre. »Aber bevor wir es wegpacken, kannst du es schon einmal
probeweise schwingen, damit du ein Gespür dafür bekommst. Hier -
ich werde es festhalten, und du kannst den Hieb ausführen.«
Mit ihrer einen Hand hob sie das Schwert hoch, so
dass es ihm auf einmal so leicht wie Stroh vorkam, mit der anderen
drückte sie Cunomars kleine Faust vor ihre eigene Hand auf das
Heft, und plötzlich stellte er fest, dass er den tödlichen
Rückhandschlag ausführen konnte, genauso, wie er es Cygfa hatte tun
sehen, als ihr Vater begonnen hatte sie zu unterrichten; und dann,
weil es ein römisches Schwert war, folgte er dem Schwung der
mächtigen Klinge mit einem Satz vorwärts, ganz so, wie es der Feind
angeblich machte, und ließ sie durch die leere Luft auf das Haupt
eines imaginären Römers niedersausen.
Seine Mutter beugte sich weit vor, um der Linie des
Schwerthiebs zu folgen, und lachte atemlos. »Das hast du gut
gemacht! Siehst du? Das Schwert kennt seinen rechtmäßigen Besitzer
schon und...« Sie verstummte unvermittelt, und diesmal brauchte
Cunomar nicht zu ihr aufzublicken, um herauszufinden, warum. Denn
er hatte das Ding schon vor ihr gesehen, und es war sein eigenes
leises, erschrockenes Aufkeuchen, das sie veranlasste, gemeinsam
mit ihm zum Horizont hinüberzustarren, wo ein Signalfeuer wie eine
zweite Sonne aufleuchtete, und tief in seinem Herzen wusste
Cunomar, dass dieses Feuer den Beginn des Krieges signalisierte,
der allen Kriegen ein Ende machen sollte, und dass er noch nicht
alt genug sein würde, um sein neues Schwert zu schwingen, bevor die
Gefechte endeten.
Die Welt um ihn herum, eben noch so ruhig und
friedlich, veränderte sich Schwindel erregend rasch. Abrupt
richtete Breaca sich auf, um das Römerschwert außer Reichweite zu
legen, doch über die Lippen ihres Sohnes kam kein Wort des
Protests. Er hörte seine Mutter einen Namen rufen, und gleich
darauf stieg um ihn herum ein Schrei auf, der schrille, klagende
Schrei des grauen Falken, der das Zeichen der Silurer war, in deren
Land sie lebten und kämpften, und das Gwyddhiens, die den rechten
Flügel der Ehrengarde anführte. Der gellende Klang vervielfältigte
sich, als Breacas Krieger in den Schlachtruf einstimmten, und der
Berg hallte förmlich davon wider, so als ob sich eine riesige Schar
von Raubvögeln versammelt hätte, bereit, herabzustoßen, um ihre
Beute zu schlagen. Dann verdunkelte sich die Welt des Jungen ganz
plötzlich, als Männer und Frauen in einer schier unübersehbar
großen Anzahl sich auf ihre Pferde schwangen, ihre Schilde hoben
und so das Licht der Sonne verdeckten.
Cunomar drehte sich um, auf der Suche nach seiner
Mutter, und entdeckte, dass sie wieder neben ihm kauerte. Sie
schnippte mit den Fingern und pfiff in die langen Schatten unter
den Weißdornbüschen, wo die Kampfhunde lagen und auf den Beginn der
Schlacht warteten.
Drei Hunde krochen auf Breacas Kommando unter den
Büschen hervor. Als Erste kam die Hündin, die Cygfa geheißen hatte,
bis Cunomars Halbschwester zur Welt gekommen war, woraufhin der
Name der Hündin in Swan’s Neck umgeändert worden war, bis sie
schließlich einfach nur noch Neck gerufen wurde. Sie war die
herausragendste unter den Zuchthündinnen seiner Mutter; von ihr
stammte auch Stone ab, der große, gerade erst ausgewachsene junge
Jagdhund, der als Nächster erschien und der neben dem grauen
Schlachtross herrennen und den Kriegern dabei helfen würde, den
Feind zu besiegen. Doch es war der dreibeinige Hail, auf den
Cunomars Mutter wartete, auf den sie immer warten würde - der
große, weiß gescheckte Kampfhund, Vater von Stone und unzähligen
anderen, der früher einmal Breacas Bruder, Bán, gehört hatte und
der aus diesem Grunde jetzt und für alle Zeit das am innigsten
geliebte von allen ihren Tieren war.
Über Bán, den gefallenen Bruder der Bodicea,
erzählten die Sänger mehr Geschichten als über jeden anderen
Helden, ganz gleich, ob lebend oder tot. Für jemanden, der bereits
in sehr jungen Jahren den Tod gefunden hatte, noch ehe er jemals
seine drei langen Nächte in der Einsamkeit absolviert hatte, war
die Litanei von Báns Leistungen und Heldentaten Ehrfurcht gebietend
lang. Als Hasenjäger, Pferdeträumer und Heiler war er zum Träumer
bestimmt gewesen, ausgestattet mit Fähigkeiten, wie man sie seit
der Zeit der Ahnen nicht mehr erlebt hatte. In seiner ersten
Schlacht hatte er darüber hinaus erkennen lassen, dass er auch zum
Krieger geboren war; als Halbwüchsiger, der noch nicht das
Mannesalter erreicht hatte, hatte er damals, so berichteten die
Sänger, erbittert gegen den Gegner gekämpft und mindestens zwanzig
feindliche Krieger getötet, bis sie ihn schließlich durch einen
Trick dazu brachten, in seiner Wachsamkeit nachzulassen, und ihn
hinterrücks niedermetzelten. Diese Tragödie wurde noch um einiges
schrecklicher durch die Tatsache, dass es Amminios gewesen war,
leiblicher Bruder von Caradoc, der den jungen Helden hintergangen
und ermordet hatte. Die Sänger hoben dies stets mit großem
Nachdruck hervor; wäre der Verräter ein unbekannter Krieger aus
einem anderen Land gewesen, dann wäre die Geschichte nicht
annähernd so erschütternd gewesen.
Von Hail, dem Jagdhund des jungen Helden, sangen
sie in demselben respektvollen Ton, und oft erwähnten sie ihn im
gleichen Atemzug mit Bán, wenn sie von dem unvergleichlichen Mut
des Tieres im Kampf berichteten und von seiner überragenden
Tüchtigkeit bei der Jagd. Von frühester Kindheit an, als er noch zu
jung gewesen war, um die Worte voll und ganz zu erfassen, hatte
Cunomar der Stimme seiner Mutter gelauscht, wenn sie ihn in den
Schlaf sang, so dass er auch heute noch manche Nacht hindurch von
einem von den Göttern auserkorenen Jungen träumte, der mit der
Mühelosigkeit eines erwachsenen Mannes tötete, und von seinem
dreibeinigen Kampfhund, der jetzt der Bodicea gehörte und sich für
immer einen festen Platz in ihrem Herzen erobert hatte.
Cunomar hatte versucht, Hail ebenso zu lieben, wie
seine Mutter es tat, doch es war ihm nicht gelungen. Im Frühling,
als ein Jagdhundwelpe geboren worden war, der das gleiche weiße Ohr
und das gleiche, mit weißen Sprenkeln übersäte Fell aufwies wie
sein Erzeuger, hatte Cunomar gehofft, die tiefe Zuneigung, die
seine Mutter bisher für Hail empfunden hatte, würde sich nun
vielleicht verlagern, so dass der neue Jagdhund den alten von
seinem Platz verdrängen würde, aber dem war nicht so gewesen. Der
Welpe war Rain genannt worden, weil es nur einen Hail gab und
jemals geben konnte; und obwohl Breaca den jungen Rüden zärtlich
liebte und einen großen Teil ihrer Zeit damit verbracht hatte, ihn
abzurichten, war doch Hail noch immer derjenige, der am Morgen
einer Schlacht an ihrer Seite lief, und es war Hail, vor dem sie
jetzt kauerte, in dessen rauem Fell sie ihre Finger vergrub, und
auf den sie einsprach, als ob der Hund ein Krieger wäre und jedes
Wort verstehen könnte.
Der Hund knurrte tief in seiner Kehle, und als
Breaca ihn schließlich wieder losließ, seufzte er und drehte sich
um, um steifbeinig zu Cunomar zu trotten. Hail war einfach zu groß,
das war ein Teil des Problems. Der massige Kopf ragte über dem des
Jungen auf, so dass er aufblicken musste, um dem Hund in die Augen
zu sehen. Cunomar bildete sich ein, so etwas wie Verachtung in dem
Blick des Tieres zu lesen, so als ob es ihn mit denjenigen
vergliche, die im Kampf ihr Leben geopfert hatten, und zu dem
Schluss käme, dass er nicht ihr Format besaß.
Nur mit Mühe wandte sich Cunomar von dem Hund ab
und sah seine Mutter an. Breaca war herbeigekommen, um sich nun vor
ihn hinzukauern, so wie sie gerade eben noch vor Hail gehockt
hatte, ihr Gesicht dicht vor dem seinen, ihr Mund zu einem
zärtlichen Lächeln verzogen. Cunomar streckte die Arme aus und
schlang sie fest um seine Mutter, vergrub sein Gesicht in ihrer
Halsbeuge und sog ihren Geruch tief in seine Lungen ein. Er hatte
gedacht, heute würde sie anders riechen als sonst, nach Kampf und
Entschlossenheit, doch sie roch genauso wie immer, nach Schafwolle
und Pferdeschweiß und außerdem ein wenig nach Hundespucke an der
Stelle, wo Hail ihr das Gesicht geleckt und sie den Sabber nicht
abgewischt hatte. Aber vorherrschend vor all diesen anderen
Gerüchen war ihr ureigener warmer, vertrauter Geruch; der würde
sich niemals ändern.
Cunomars Haar war weizenblond wie das seines
Vaters. Seine Mutter strich es liebevoll glatt und schob ihm ein
paar Strähnen hinter die Ohren. Ihre Lippen drückten sich auf
seinen Scheitel, und er hörte sie sprechen, konnte aber nicht
verstehen, was sie sagte; ihre Worte waren auf Eceni und zu
schwierig für einen Jungen, der auf Mona, unter den Mundarten des
Westens, aufgewachsen war. Er schob sich ein Stückchen von seiner
Mutter fort, damit er sie richtig sehen konnte. Es tat ihm in der
Seele weh, dass sie in die Schlacht ziehen musste, wo er sich doch
verzweifelt wünschte, dass sie bei ihm bleiben und seine
Bodicea sein würde, dass jenes wilde Feuer in ihrem Inneren nur für
ihn brannte. Stattdessen blickte sie ihn mit diesem sanften Lächeln
an, das sie für ihren Sohn und seinen Vater aufsparte, und sagte:
»Mein zukünftiger Krieger, es tut mir sehr Leid, aber ich muss dich
jetzt verlassen. Das Signalfeuer sagt, dass der feindliche
Statthalter abgereist ist, und wir müssen seine Legionen
vernichten, ehe ein anderer kommt und seinen Platz einnimmt. Ich
habe Hail gebeten, gut auf dich aufzupassen, während ich fort bin,
aber in Wirklichkeit ist es so, dass er schon ziemlich alt ist und
dass er dich braucht, damit du auf ihn aufpasst. Wirst du das für
mich tun?«
Er würde alles für seine Mutter tun, das wusste
sie. Cunomar streckte die Hand aus und berührte die silberne Feder,
die in ihrem Haar baumelte. Sie war wunderschön, jeder Teil von ihr
so perfekt, dass Cunomar sich genau vorstellen konnte, wie der
Schmied die Schwungfeder einer Krähe genommen, in Silber getaucht
und dann Gold in schmalen Streifen um den Federkiel geschlungen
hatte, Symbol für die vielen Feinde, die Breaca getötet hatte.
Cunomar wollte, dass seine Mutter noch weitere tausend Römer
tötete, damit sie noch mehr solcher Federn tragen konnte, aber er
fand nicht die richtigen Worte, deshalb lächelte er und sagte: »Ich
werde gut auf Hail aufpassen, das schwöre ich, sein Blut für mein
Blut, sein Leben für meines«, so wie er es die Krieger hatte
geloben hören.
Er hatte das Richtige gesagt. Seine Mutter umfasste
seinen Kopf mit beiden Händen und drückte einen Kuss auf seine
Stirn, dann erhob sie sich rasch und sprach abermals auf Eceni.
Dann fiel vor ihm ein Schatten auf den Boden, und Cunomar wandte
sich um und sah, dass Dubornos neben ihm stand. Dubornos gehörte
ebenfalls zum engsten Kreis seiner Mutter, ein hoch gewachsener,
hagerer Sänger, schlicht und schmucklos gekleidet und mit
schütterem rotem Haar, der einer der ältesten Freunde seiner Mutter
war.
Cunomar hatte keine Angst vor Dubornos, aber er
verstand ihn nicht. In einer Welt, in der das Tragen von Preziosen
Ausdruck der Ehrfurcht vor den Göttern war, trug der Sänger
keinerlei goldenen oder silbernen Schmuck, sondern lediglich einen
schmalen Streifen aus Fuchsfell um seinen Oberarm, als Kennzeichen
seiner Vision. Überdies trug er einen Gram mit sich herum, der ihn
jeden Humors beraubte, und er sprach nur selten und wenn, dann
immer mit einem tiefen Ernst, so wie jetzt, als er hinuntergriff
und Cunomar bei der Hand nahm, als ob dieser ein kleines Kind wäre:
»Krieger in spe, ich habe versprochen, dass ich hier bleiben und
auf die kleineren Kinder aufpassen werde. Würdest du mir dabei
helfen?« Man konnte ihm anmerken, wie unangenehm es ihm war, dies
sagen zu müssen, und dass er es vorgezogen hätte, allein auf die
Kinder aufzupassen.
Und trotzdem, es gehörte sich für einen Krieger
nicht, eine Bitte um Hilfe auszuschlagen, schon gar nicht vor einer
Schlacht. So höflich, wie er konnte, zog Cunomar seine Hand aus der
des Träumers und berührte das kleine Häutemesser an seinem Gürtel,
das er zum Sommersonnenwendefest geschenkt bekommen hatte. »Ich
werde dir helfen«, erklärte er, »ihr Leben für das meine.« Und er
sah, wie seine Mutter Dubornos’ Schulter drückte, ganz so, wie sie
vor Beginn einer Schlacht die seines Vaters zu drücken pflegte, und
er hörte ihre leisen Dankesworte und wusste, es war das, was sie
sich gewünscht hatte.
Es waren insgesamt acht Kinder, von denen Cunomar
das zweitjüngste war. Mit Dubornos’ Hilfe kletterten sie den Berg
hinauf, um ihren Platz in einem hoch gelegenen Horst hinter einem
felsigen Steilhang einzunehmen, ein Platz, der ihnen einen Ausblick
auf den Fluss unten in der Tiefe bot und auf die Festung des
Feindes, die auf der gegenüberliegenden Seite des Tales
thronte.
Bald darauf gesellte sich Cygfa zu ihnen, ihr
Gesicht noch feucht von den Tränen, die sie bei dem Abschied von
ihrem Vater vergossen hatte. Seine Schwester mochte zwar um einiges
älter sein als er und eher die Kriegerwürde erlangen, aber wie man
sich auf korrekte Art und Weise von den Kriegern verabschiedete,
die in einen Kampf zogen, davon hatte sie Cunomars Ansicht nach
keine Ahnung. Sie sprach kurz mit Dubornos, dann kamen die beiden
zu Cunomar, um sich rechts und links neben ihn zu legen. Gemeinsam
beobachteten sie anschließend, wie sich die riesige Schar von
Pferden einen Weg den Berg hinunter bahnte und wie die Kriegerinnen
und Krieger der Bärin - die zu Fuß in die Schlacht zogen, wo immer
es möglich war - die Abhänge hinunterrannten, ihre Gesichter mit
dem felsengrauen, tarnenden Gemisch aus Waid und Bärenfett
eingeschmiert, und wenig später vom Nebel verschluckt wurden.
Für eine Weile herrschte Stille im Tal. Von der
Festung in der Ferne schallten gedämpfte Trompetenklänge herüber.
Auch die Römer hatten das Signalfeuer gesehen, aber man konnte nie
wissen, was sie davon hielten. Sicherlich dachten sie aber wohl
nicht, dass der Hügel mit dem Leuchtfeuer vom Feind eingenommen
worden war und dass in genau diesem Augenblick ihre Festung
angegriffen wurde. Die Götter oder die Träumer, oder vielleicht
auch beide, sorgten dafür, dass der Nebel um den Fluss herum
weiterhin dicht blieb. Sie ließen ihn in dicken, milchigen Schwaden
mit der warmen Morgenluft aufsteigen, um so die Manöver der Krieger
zu verbergen. Wenn Cunomar ganz genau hinschaute, konnte er unten
im Tal hier und dort den metallischen Schimmer eines Kettenhemds
oder einer Speerspitze erkennen, doch die Harnische und Helme der
Krieger waren sorgfältig umhüllt, damit sie kein verräterisches
Klirren erzeugten und so lange wie möglich unbemerkt blieben.
Nach einer Weile schweifte die Aufmerksamkeit des
Jungen ab. Er beobachtete gerade Hail, der seinerseits wiederum
einer Spinne zusah, die ihr Netz über das Heidekraut spann, als
Cygfa ihn plötzlich mit dem Ellenbogen in die Seite stieß und
aufgeregt flüsterte. Er hob gerade noch rechtzeitig den Blick, um
zu sehen, wie seine Mutter und sein Vater die angreifenden Krieger
durch den Nebel zu der Festung hinaufführten.
Für den ganzen Rest seines Lebens sollte Cunomar
sich so deutlich an diese Schlacht erinnern, als ob er persönlich
daran teilgenommen hätte, als ob er als eine von Brigas Krähen über
seiner Mutter in der Luft geschwebt hätte, um sie zu führen und zu
behüten und den Feind als Todeskandidaten zu kennzeichnen. In jenem
Augenblick, als unten im Tal der Kampf ausbrach, war er mit allen
seinen Sinnen an dem Geschehen beteiligt. Er hörte das Trommeln der
Pferdehufe und die Schlachtrufe der Krieger, und er kannte den
genauen Zeitpunkt, als sie von den Schreien der Verwundeten
übertönt wurden. Er roch das Blut und den Pferdeschweiß, den
ätzenden Säuregeruch herausquellender Gedärme und die ersten
Rauchkringel, als die Kriegerinnen und Krieger der Bärin mit
Gestrüpp und brennenden Fackeln den steilen, grasbewachsenen
Schutzwall der Festung hinaufstürmten und die hölzernen Palisaden
in Brand steckten. Er wusste genau, wann der Oberbefehlshaber der
feindlichen Streitmacht entschied, seine Soldaten zu den Toren
hinausbeordern und draußen im Freien kämpfen zu lassen, wo sie
nicht durch die Feuer gefährdet sein würden, und er spürte -
erfüllt von einer unbändigen Freude, die ihn jubelnd aufspringen
ließ -, dass es genau das war, was seine Mutter geplant und worum
sie gebetet hatte. Er sah die kurze Unterbrechung in dem Gefecht,
als die Bärenkrieger sich zurückzogen, um den Großteil der
Legionssoldaten aus den Festungstoren herausstürmen zu lassen, und
dann das Aufeinanderprallen, als sie, einer gewaltigen Woge gleich,
wieder geschlossen vorwärtsdrängten, um den Feind zu vernichten.
Und die ganze Zeit über kämpften seine Mutter und sein Vater an
vorderster Front, ein kupferroter und ein weizenblonder Haarschopf,
die weithin sichtbar in dem wilden Kampfgetümmel leuchteten und
zwei Leitsterne bildeten, die den Kriegern den Weg wiesen. Nicht
ein einziges Mal während des ganzen Geschehens kam Cunomar der
Gedanke, dass seine Mutter in der Schlacht verletzt werden oder
womöglich sogar getötet werden könnte. Sie war die Bodicea - Sie,
die den Sieg bringt -, sie lebte, um den Feind zu vernichten; und
Cunomar - ihr einziges Kind - würde das Gleiche tun, wenn seine
Zeit gekommen war.