»Das Erste, was ihr wissen solltet, ist, dass Vellocatus sich zu Cartimandua bekannt hat. Das hat er schon ganz zu Anfang getan, noch bevor Venutios von Mona aus zu uns zurückkehrte. Während unserer Treffen ist er ihre Augen und ihre Ohren gewesen, bei den Ratsversammlungen ist er ihre Stimme gewesen und hat doch nur das gesagt, was zu sagen sie ihm zuvor erlaubt hatte. Er hat ihr von der Lachsfalle erzählt und von dem Plan, die Zweitausend aufzustellen, um Caradoc zu helfen. Als er ihr vorschlug, dass er nach Norden reiten könne, um Unterstützung von den Selgovaern zu erbitten, war sie es gewesen, die diese Idee ursprünglich gehabt hatte. Dies lieferte ihm einen Vorwand, noch vor Venutios aufzubrechen, ohne Verdacht zu erregen.
Als der Zeitpunkt gekommen war, um die Krieger zu versammeln, musste Venutios feststellen, dass er verraten worden war. Zwei Kohorten der Vierzehnten und ein gesamter Flügel der Batavischen Kavallerie hatten ihn und seine Kampfgenossen umzingelt. Sie konnten ihn nicht verurteilen - er ist der Vater von Cartimanduas Kind und aus diesem Grund halten sie ihn ebenfalls für ein Mitglied der königlichen Familie -, doch sie haben alle seine Blutsverwandten und seine Begleiter an den Torpfosten seines Rundhauses gehängt, und er ist nun gezwungen, drinnen zu verweilen, während sie langsam verwesen. Mich hat man nicht gehängt; mich haben sie einfach übersehen, denn ich bin für sie ein Niemand, weder ein Verwandter von ihm noch einer der Speerhäuptlinge, die ihm die Treue geschworen hatten. Ich bin noch nicht einmal als sein Freund bekannt.«
Diesen letzten Teil sprach Lythas so ruhig aus, wie es ihm nur irgend möglich war, ganz so, als ob auch dies ein Teil jener Nachricht sei, die er auswendig gelernt hatte. Sein Gesicht dagegen erschien im Schein des Feuers wie aus Talg geschnitzt, war eine Maske des Todes und des verletzten Ehrgefühls.
»Wen hast du durch die Exekutionen verloren?«, fragte Breaca.
Er sah sie scharf an. »Meinen Vater, meine Schwester, zwei meiner Cousins und... einen Freund. Einen guten Freund.«
»Und du meinst nun, dass es besser gewesen wäre, du wärest mit den deinen und denen, die du liebtest, gestorben, statt am Leben zu sein und zu kämpfen und vielleicht ihren Tod zu rächen.« Die Bodicea nickte, ihr Blick verlor sich im Herzen der Flammen. Sie sprach sehr bedächtig und nachdenklich, wie an die glühenden Kohlen gewandt oder als ob sie nur mit sich selbst spräche. »Es mag durchaus sein, dass ein jeder von ihnen allein an die strahlende Ehre gedacht hat, als er am Ende des Stranges sein letztes bisschen Luft hinauswürgte. Und unter anderen Umständen wäre es vielleicht auch ein ganz anderer gewesen, den sie übersehen hätten. Wenn man also dich für gefährlich gehalten hätte, wenn man dir die Ehre erwiesen hätte, des gleichen Todes zu sterben wie die deinen, dann wäre es vielleicht ein anderer gewesen, der den Mut gefasst hätte, aus einem von bewaffneten Wachen umzingelten Lager zu fliehen. Doch so war es nicht. Die Götter haben dich dazu auserwählt, zu überleben und die Nachricht zu überbringen.«
Dann hob Breaca wieder den Blick. Nur ein Schleier von Flammen trennte sie noch voneinander. Lythas konnte einfach den Blick nicht von ihr abwenden. »Die Wahl, wann und wie wir zu dienen haben, liegt nicht bei uns. Wir können nur darüber entscheiden, ob wir dies mit Mut tun und somit vielleicht Erfolg haben werden, oder mit Angst, in welchem Fall wir mit Sicherheit scheitern werden. Aber wenn du wirklich zurückreiten willst, um dich dem Legat der Vierzehnten Legion auszuliefern, dann wird dich hier niemand davon abhalten. Andererseits aber könntest du auch weiterhin mit dem gleichen Mut handeln, wie du ihn bis jetzt bereits bewiesen hast, und darum beten, dass du jene, die dir etwas bedeutet haben, gerächt sehen wirst, dass ihre Familien und ihr Land von der Unterdrückung und der Sklaverei befreit werden. Dies sind deine Wahlmöglichkeiten. Wenn du dich jetzt entscheiden müsstest, welchen Weg würdest du dann gehen?«
Lythas starrte Breaca an. Es war zwar eine Beleidigung, ihn dies einfach zu fragen, doch andererseits war sie die Bodicea, deren Ehre unantastbar war. »Ich würde mich dafür entscheiden, zu kämpfen«, antwortete er. »Immer.«
»Danke.« Breaca lächelte, und seine Welt wurde plötzlich wieder ein etwas hellerer Ort. »Dann erzähl uns, was du von der Schlacht in den Bergen weißt, wie es Caradoc und den anderen Kriegern der westlichen Stämme ergangen ist.«
Doch Lythas zuckte nur mit den Schultern. »Wir wissen darüber nicht sehr viel, und es sind auch alles nur Informationen aus zweiter Hand von jenen, die Caradoc gefangen genommen haben. Über den Rest können wir nur Vermutungen anstellen.« Er trank etwas Wasser aus seinem Becher. Dann begann er aber noch einmal in dem fließenden Rhythmus eines ausgebildeten Kuriers zu sprechen, der die Worte eines anderen genauso wiederholen konnte, als wären es seine eigenen.
»Zweifellos ist die Lachsfalle in den Bergen ohne Venutios ein Fehlschlag gewesen. Caradoc und die Krieger der Stämme haben mit ganz außergewöhnlichem Mut gekämpft, und für einen Toten von ihnen haben sie acht oder neun tote Feinde zurückgelassen, doch der Faustschlag, der die Falle hätte schließen sollen, kam nicht. Und als Caradoc erkannte, dass sie verraten worden waren, befahl er den Stämmen, sich von dem Schlachtfeld zurückzuziehen. Besser, weiterzuleben und an einem späteren Tage weiterzukämpfen, als nun in allen Ehren für eine aussichtslose Sache zu sterben.«
»So ist es immer. Er hatte einen solchen Rückzug bereits vorausgeplant.«
»Ja. Venutios wusste das gleichermaßen und damit, durch ihren Spion, auch Cartimandua. Nur sie kannte beide Seiten, den Plan, der hinter der Lachsfalle stand, und dass er fehlschlagen würde. Sie hatte Vellocatus geschickt, der Caradoc wie durch einen glücklichen Zufall treffen sollte, gerade in dem Augenblick, als er das Schlachtfeld verließ, um zu den Kriegern von Mona zu stoßen und den Anführern der Speerkämpfer der anderen Stämme. Er sagte ihm...« In diesem Augenblick sprach Lythas langsamer und trank noch etwas Wasser, wie um sich zu sammeln. Dann hob er den Blick zu Breacas Gesicht, doch nicht bis zu ihren Augen. »Er sagte ihm, dass die Bodicea in Gefahr sei, dass Cartimandua Euch mit der Lüge von Caradocs Gefangennahme nach Norden gelockt habe, aber dass Ihr nur langsam reiten würdet, um des kleinen Kindes willen, und wenn sie - Caradoc und Vellocatus - schnell reiten würden, mit nur wenig Gepäck und nur einigen wenigen Begleitern aus der Ehrengarde, dann könnte er Euch wahrscheinlich noch einholen, ehe Ihr die nördlichen Festungen erreichen würdet. Also ritt Caradoc los. Wie hätte er auch nicht losreiten können?«
»Das war doch Wahnsinn«, entgegnete Breaca. »Ich wäre nicht nach Norden geritten, und selbst wenn, dann hätte ich Graine doch nicht mitgenommen. Wie konnte Caradoc das bloß glauben?«
»Weil sie ihm sagten, dass Ihr Euch in Gefahr befändet und dass Ihr das Gleiche auch von ihm gedacht hättet. Und weil ihm die Nachricht von Vellocatus überbracht worden war. Ihm vertraute er, und Vellocatus trug als Beweis für die Wahrheit seiner Worte den in blauen Stein geschnitzten Lachs bei sich, das Zeichen von Venutios.«
»Den man Venutios mit Gewalt abgenommen hatte.«
»Natürlich, aber das konnte Caradoc ja nicht wissen.«
»Und er hätte auch nicht danach gefragt«, ergänzte Airmid. »Seine einzige Sorge galt Breaca und Graine. Das ist seine schwache Stelle, und das wissen sie auch. So wie Caradoc unsere schwache Stelle ist.« Die Träumerin saß im Schatten außerhalb des Feuerscheins. Hinter ihr strömte der Bach dahin und erfüllte die Nacht mit seinem flüssigen Murmeln. Fast zwanzig Jahre hatte sie nun schon hier gelebt und geträumt, und wenn sie an diesem Orte etwas sagte, dann sprach durch sie zugleich auch ihr Gott und verzauberte die sie umgebende Luft durch seinen Geist. Somit sagte Airmid schließlich: »Lythas, welches Symbol bringst du uns als Beweis für die Glaubwürdigkeit deiner Worte?«
Befreit von der Last der Botschaft, hatte sich ihr Überbringer gerade ein wenig entspannt, und nun, hinter der Fassade des verängstigten Jungen, konnte man bereits schon etwas deutlicher den Mann in ihm erkennen. Er war älter, als er zunächst gewirkt hatte. »Ich habe keinen Beweis. Es war nichts mehr übrig geblieben, was noch eines Beweises wert gewesen wäre, nichts außer Venutios’ Wort und meinem, dass das, was ich sage, die Wahrheit ist.«
Er beugte sich leicht zu Breaca vor und errötete. Sein Lächeln, und der Schimmer von Hoffnung, den dieses Lächeln enthielt, waren mehr wert als jeder Ring oder jede Brosche, und er war sich dessen auch durchaus bewusst.
»Sie halten Caradoc in Einzelhaft gefangen, und er wird streng bewacht«, fuhr Lythas fort. »Ohne den Einsatz einer ganzen Armee wird man ihn nicht mehr retten können, und die Vierzehnte wartet nur auf genau solch einen Angriff. Für die Krieger wäre das der reine Selbstmord, und noch ehe sie sich Caradoc überhaupt nähern könnten, wäre er auch schon tot. Eine kleine Gruppe jedoch, vielleicht die Bodicea und eine oder zwei von Ardacos’ Bärinnen, könnten vielleicht bis zu ihm durchkommen. Und selbst wenn nicht, so denke ich - dies kommt jetzt nicht von Venutios, sondern ist nur meine persönliche Ansicht -, dass es noch nicht zu spät wäre, einmal mit Cartimandua zu sprechen. Sie ist schließlich auch eine Mutter, und obwohl sie Venutios genauso hasst wie er sie, so hat sie ihn doch immerhin vor der Verschleppung nach Rom bewahrt. Für eine Bitte von der Bodicea, die genau wie sie eine Mutter und Geliebte ist, hätte sie sicherlich ein offenes Ohr. Und dann würde sie Caradoc womöglich gar lebend wieder zu Euch zurückkehren lassen.«
»Aber das würde Rom nicht erlauben«, entgegnete Breaca.
Lythas zuckte lediglich die Achseln. »Eigentlich steht es nicht in der Macht Roms, so etwas zu verhindern. Die Legionen kommen nur langsam voran und müssen sich gegen diverse Widerstände durchsetzen - Gwyddhiens Falken und Ardacos’ Bärinnen verfolgen die Legionen auf ihrem Weg und greifen sie immer wieder an, so dass die Römer jede Nacht wieder ein abgesichertes Lager errichten müssen und nicht schneller marschieren können als die langsamsten ihrer Soldaten - aus Angst, dass die Nachhut der Truppe abgetrennt und niedergemetzelt werden könnte. Wenn wir also schnell reiten würden und nur in kleinen Gruppen, dann könnten wir Cartimandua noch immer einige Tage vor Scapula erreichen.«
»Aber warum sollte sie damit einverstanden sein, Caradoc wieder fliehen zu lassen? Sie hasst ihn doch. Er hatte sich geweigert, sie mit seinem Kind zu schwängern, und das hat sie ihm niemals verziehen. Allein aus diesem Grund schon würde sie doch liebend gern sehen, wie er gekreuzigt würde.«
»Möglicherweise, allerdings steht sie nun nicht mehr so stark unter dem Einfluss ihrer kleinlichen Eifersüchteleien wie damals, und sie ist sich der Anforderungen an sie als Herrscherin jetzt deutlicher bewusst. Sie hat mehr Speerkämpfer unter ihrem Kommando als jeder andere von der Ostküste bis hin zur Westküste, und das hat seinen Preis. Wenn diese Krieger aufbegehren sollten, dann ist sie verloren. Darüber hinaus muss sie sich mit den nördlichen Brigantern arrangieren, die Venutios die Treue geschworen haben. Es sind ihrer Tausende, und diese sind kurz davor, gegen sie zu rebellieren. Wenn Cartimandua nun aber Caradoc freiließe, dann würde das ihr Ansehen unter den Brigantern sofort wieder heben, vielleicht sogar so sehr, dass sie damit einen Aufstand noch abwenden könnte. Und selbst in den Augen Roms täte das ihrer Ehre keinen Abbruch. Sie hat sie bereits schon einmal vor einer schweren Niederlage bewahrt. Mehr können sie vernünftigerweise kaum von ihr verlangen.«
Airmid, die sich der Gegenwart des Kuriers in diesem Augenblick gar nicht mehr bewusst zu sein schien, murmelte leise: »Und natürlich verlangt Rom ja auch immer nur das, was noch im Rahmen des Vernünftigen ist.«
Dann verschwand die Träumerin für einen Moment im hinteren Teil ihres kleinen Hauses und brachte drei Fackeln zum Vorschein. Eine nach der anderen entzündete sie sie am Feuer. Die Dunkelheit wurde plötzlich von hellem Licht verdrängt, und der Geruch von Pinienharz, Kräutern und Talg wurde zunehmend durchdringender und schärfer, reinigte die Luft und vertrieb schließlich auch die letzten Überreste der Angst und der Verzweiflung. Lythas erhaschte einen Blick von Breaca und lächelte abermals, ein ziemlich erschöpfter, aber williger Verbündeter, und in diesem Moment wurde über das Prasseln des Feuers hinweg eine schweigende Übereinkunft getroffen: Er würde wieder zurückreiten und Caradoc suchen, und Breaca würde ihn begleiten. Nun mussten nur noch Airmid und die anderen Träumer von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugt werden.
Airmids Schatten fiel genau zwischen Breaca und Lythas und löste den Augenblick der stillen Verschwörung wieder auf. »Lythas«, begann sie, »du hast alles getan, was man von dir verlangt hat, und sogar noch einiges darüber hinaus. Wenn du uns nun also zurückgeleiten sollst, um Caradoc zu finden, dann sollten wir dich jetzt besser allein lassen, damit du ein wenig essen und dich ausruhen kannst und wieder Kräfte sammelst für die Reise. Wenn du kurz warten könntest, dann bringt Maroc dir alles, was du brauchst.«
Lythas lächelte dankbar.
Breaca erhob sich von ihrem Platz, nun schon wieder etwas zuversichtlicher. Dort, wo sie eine Auseinandersetzung vermutet hatte, begann sich stattdessen bereits ein Schlachtplan zu entwickeln. Sie würde nach Norden reiten, daran bestand jetzt kein Zweifel mehr; die einzige Frage war noch, wer sie begleiten könnte, ohne sich damit selbst in allzu große Gefahr zu bringen. »Graine können wir schon einmal nicht mitnehmen«, sprach sie gleich ihre erste Sorge aus. »Wir müssen also zunächst einmal eine Amme finden, jemanden, der sich vernünftig um sie kümmert.«
»Da wäre Sorcha, die Fährfrau«, überlegte Airmid. »Ihr jüngster Sohn ist fast entwöhnt, und ihre Milch fließt nun wieder so großzügig wie in dem Augenblick, als er geboren wurde. Sie würde sich Graines nur allzu gern annehmen und für sie sorgen, als wäre sie ihr eigenes Kind. Maroc und Luain mac Calma kümmern sich dann um Graines weitere Bedürfnisse und um ihre Sicherheit. Keiner von ihnen würde zulassen, dass ihr während unserer Abwesenheit irgendetwas zustößt.« Denn unsere Abwesenheit wird vielleicht ein Dauerzustand werden. Wenn wir gehen, kehren wir womöglich niemals wieder zurück. Und wir werden gehen, wir beide zusammen, denn wir müssen. »Kommst du mit nach draußen? Wenn wir bei Tagesanbruch aufbrechen wollen, gibt es noch eine Menge vorzubereiten.«
Breaca und Airmid verließen also das Häuschen aus Stein und Erde und traten ein in eine Welt voller Träumer. Luain mac Calma, der über Irland hätte herrschen können, stattdessen aber lieber die Schutzherrschaft über Mona gewählt hatte, war da. Bei ihm war Maroc, der Älteste. Maroc war früher einmal in Rom gewesen, hatte dort den Feind aus nächster Nähe erleben können. Die beiden standen rechts und links der Tür, mit nackten Oberkörpern, als ob sie einen Ochsen oder ein Schwein erlegen wollten. Jeder von ihnen trug ein Messer mit einer hakenförmigen Klinge bei sich, deren rückseitige Schneiden so scharf geschliffen waren, dass man sich damit rasieren konnte. Hinter ihnen hielten zwei der jüngeren Träumer Seile aus zusammengedrehten Lederschnüren. Airmid nickte einmal, und der Türvorhang hinter ihr glitt wieder hinunter. Maroc schob ihn darauf wieder zu Seite und trat lächelnd ein.
Breaca wirbelte herum und wurde prompt festgehalten. »Airmid? Was soll das?«
»Er lügt. Es ist eine Falle. Sie wollen dich genauso gefangen nehmen, wie sie auch Caradoc geschnappt haben.« Nun sprach Airmid nicht mehr mit der Stimme des Gottes, sondern mit dem Unterton der vollkommenen Gewissheit.
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Weil ich dazu schließlich da bin. Um mir dieser Dinge eben sicher zu sein. Wenn du weißt, wie man diese Dinge zu betrachten hat, dann ist es ganz logisch. Er ist gut geschult, aber nicht gut genug. Wenn ich einmal eine Vermutung wagen sollte, dann würde ich sagen, dass Heffydd ihn eine Weile in seiner Obhut hatte. Er ist der einzige der auf Mona ausgebildeten Träumer, der sein Wissen gegen uns verwenden würde. Wenn du vielleicht einmal an den Augenblick zurückdenkst, als wir bei der Fähre ankamen, dann wirst du dich erinnern, dass Lythas froh war, als er dir endlich in die Augen blicken konnte. Mich dagegen mochte er nicht ansehen, außer gleich zu Anfang, als er noch immer im Boot war und noch nicht wusste, wer ich bin. Man konnte deutlich die Angst erkennen, die ihn gleich darauf packte. Aber ich dachte zuerst, dass er bloß Angst um dich hätte wegen der schmerzlichen Nachrichten, die er dir in diesem Augenblick zu eröffnen hatte. Er ist ein kluger Bursche, und auch an Mut mangelt es ihm gewiss nicht, aber er hat sich bis in die tiefsten Tiefen seiner Seele Cartimandua verschworen. Wenn du also tatsächlich zu ihr gehen solltest und um Caradocs Leben bittest, dann liefert sie euch beide an Rom aus.«
»Und das alles hast du von Anfang an gewusst?«
»Ja. Das ist auch der Grund, weshalb ich ihm kein Essen gebracht hatte. Wenn er mit uns gemeinsam gegessen hätte, dann hätten es die Gebote der Gastfreundschaft nur noch schwieriger gemacht, das zu tun, was wir nun tun müssen.«
Bald würde die Morgendämmerung heraufziehen. In dem gedämpften Licht blickte Breaca in die Augen jener Frau, die sie schon ihr ganzes Leben lang kannte. Noch niemals zuvor jedoch hatte Breaca die Dunkelheit in der Seele jener Frau wahrgenommen, die nun ihren Blick erwiderte. Die Leere und Trostlosigkeit in Airmids Augen ließen Breaca erstarren. Ein solcher Blick gehörte auf das Schlachtfeld, spät am Tage, nachdem das erste Feuer des Zorns wieder verglüht war. Dies war ein Phänomen, das man bei den Überlebenden beider Seiten beobachten konnte, ein Phänomen, das all jene packte, die die Schlacht überlebt hatten, die getötet hatten und auch weiterhin töten würden, die Menschen zu Krüppeln geschlagen hatten und dies auch wieder tun würden, die gesehen hatten, wie sowohl der Feind als auch ihre Freunde gestorben waren, manchmal schnell, manchmal qualvoll langsam, und denen genau dieses Ende ebenfalls bevorstand. Breaca jedoch wusste mit Sicherheit, dass Airmid erst ein einziges Mal an einer Schlacht teilgenommen hatte, und es war allein ihrem Glück und dem Schutz der Götter zu verdanken, dass sie diese überhaupt überlebt hatte; nicht dem Geschick der Träumerin im Umgang mit Schild und Schwert. Der Kampf war einfach nicht ihre Stärke; ihre Aufgabe war es zu heilen, nicht zu töten.
Aus der Hütte ertönten Kampfgeräusche und ein atemloser Schrei.
Noch einmal versuchte Breaca, zur Tür zurückzugelangen. »Lass mich dies tun«, sagte sie. »So etwas ist nicht deine Arbeit.«
Airmid wollte Breaca jedoch nicht durchlassen. »Dies ist eher meine Aufgabe als deine. Der Kräuterduft der Fackeln erledigt schon die halbe Arbeit, und wesentlich länger hättest du es darin sowieso nicht mehr ausgehalten. Er hatte dein Urteilsvermögen bereits geschwächt. Und was wir hier tun, ist auch nicht das Töten wie in einem Krieg. Ohne das Kampffeuer in deinen Adern hast du noch nie einen Krieger getötet, und jetzt wäre auch nicht der richtige Moment, um damit zu beginnen. Du würdest die Schuld immer mit dir herumtragen, und das würde dich schwächen. Gerade jetzt, wenn es für uns wichtiger ist als zu jedem anderen Zeitpunkt, dass du im Vollbesitz deiner Kräfte bist, um den Ritt nach Norden und alles, was darauf folgen mag, durchzustehen. Geh zu Sorcha und sag ihr, was Graine alles braucht, damit es ihr gut geht und damit sie glücklich ist. Und wenn du zurückkehrst, werden wir auch wissen, was wir sonst noch vorbereiten müssen.«
»Dann reiten wir also immer noch Richtung Norden?«
»Ja, ich denke schon. Caradoc wurde gefangen genommen, das zumindest scheint zu stimmen, obwohl ich denke, dass das erst vor kürzerer Zeit passiert ist, als Lythas uns glauben machen wollte. Aber die Nachricht ist in jedem Fall nicht von Venutios geschickt worden. Darum müssen wir jetzt herausfinden, wie wir, in dem Wissen, dass Cartimandua uns bereits erwartet, uns Caradoc am geschicktesten nähern.«
»Und was passiert danach mit Lythas? Was werden wir mit ihm tun?«
Airmid schüttelte den Kopf. »Danach gibt es keinen Lythas mehr. Der Überreste von Lythas werden sich die Krähen annehmen.«
 
Sorcha war noch wach; sie saß in ihrer kleinen Hütte in der Nähe des Strandes und stillte ihren Sohn. Groß und von kräftigem Knochenbau, lebte sie allein für das Meer. Ihre Mutter stammte aus Belgien, eine entflohene Sklavin. Ihr Vater war ein Seemann aus Irland gewesen, und er hatte seine Frau sowohl dazu angetrieben als ihr auch die Mittel und Wege verschafft, um aus dem Haus, in dem sie zu jenem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahrzehnten lebte, zu fliehen. Ihre sieben Kinder kamen allesamt auf dem Meer zur Welt, und sechs von ihnen segelten noch immer darauf. Sorcha war die Jüngste von ihnen. Ihre Entscheidung, sich auf dem Festland niederzulassen, hatte sie erst sehr spät gefällt und aus beinahe dem gleichen Grund, wie ihre Mutter sich einst dem Meer anvertraut hatte. Sorchas Mann war ein Krieger gewesen und im Frühsommer in einem Gefecht umgekommen. Seit seinem Tode hatte sie ihre drei Kinder in der Gesellschaft der wenigen anderen Kinder aufgezogen, die noch auf Mona geboren wurden und aufwuchsen. Auch steuerte sie noch immer die Fähre über die Meerenge, so wie sie es Jahr für Jahr seit der Invasion der Legionen getan hatte.
Breacas Bitte, fortan Graines Amme zu sein, kam sie mit der gleichen Bereitschaft nach, mit der sie auch das Meer bereiste. Die Rolle als Mutter fiel ihr nicht schwer, und es schmerzte sie bereits zu sehen, wie rasch ihr Kind groß wurde. Außerdem wusste sie tief in ihrem Inneren, was es bedeutete, wenn ein Mensch das Licht seines Lebens an den Feind verlor, und was dieser Verlust dem Herzen und dem Verstand zufügte. Sorcha stand mit dem Rücken zur Wand, während sie mit einem Arm ihr Kind wiegte und Breaca dabei auf ziemlich die gleiche Art betrachtete, wie sie die Dünung des Meeres beobachtete.
»Bist du denn auch die Richtige, um dich nun auf die Suche nach deinem Mann zu machen?«, fragte Sorcha. »Wenn du ihn erst einmal siehst, wirst du dich nicht mehr zurückhalten können. Und da sie euch beide wollen, ist das genau der Weg, wie sie dich kriegen, nämlich, indem sie ihn als Köder benutzen.«
»Airmid kommt mit mir«, entgegnete Breaca. »Sie verliert nicht so rasch den Verstand.«
»Wirklich?« Sorchas Haar war von einem kupfernen Rot, ihre Brauen eine Nuance heller, und sie gingen fast unter zwischen ihren von der Sonne getönten Sommersprossen. Sorcha hob eine Augenbraue. »Bis sie dich gefangen nehmen. Dann, so würde ich sagen, reagiert sie noch viel schlimmer.«
»Vielleicht.« Doch diese Gefahr bestand immer, schwebte über allem. Jeden Tag ging man wieder neue Risiken ein. Das Risiko, getötet zu werden, gefangen genommen zu werden, gefoltert zu werden; und jeden Tag bereitete man sich in seinem Herzen und im Geiste so gut darauf vor, wie es einem nur irgend möglich war. Wenn aber jemand, den man liebte, genau die gleichen Risiken auf sich nahm, so konnte man sich auf diese nicht vorbereiten; das war vollkommen unmöglich. Breaca dachte an Caradoc und an seine letzten Worte bei ihrem Abschied. Ich liebe dich, das darfst du nie vergessen. Für deine Freiheit und die unserer Kinder werde ich alles tun, was auch immer das ist, bis ans Ende dieser Welt. Zerschmettert lag Breacas Herz im Käfig ihres Brustkorbs, und kein Wort des Trostes konnte es wieder zusammenflicken.
Sorchas Hütte war aus grünen, mit Astlöchern übersäten Eichenbalken gezimmert. Für ein überreiztes, gehetztes Gemüt, das in allem und jedem nach einem Zeichen suchte, begannen sich die Astlöcher nun zu bewegen und formten sich zu Bären und Klingen und gekreuzigten Männern. Breaca starrte gebannt auf die sich bewegenden Silhouetten, verloren in einer Vergangenheit, die unwiderruflich dahin war, und in einer Zukunft, die keiner kannte.
Sorchas Junge schlief an ihrer Brust ein. Ruhig und geschickt wickelte sie ihn in ein Lammfell und legte ihn zu seinen Geschwistern auf das Farnkraut in dem Bett mit den hohen Seitenwänden. Leise, über das Gemurmel der Mutter und ihrer Kinder hinweg, ertönte eine Glocke: das Signal für die vom Festland kommende Bitte nach einer Fähre. Sorcha hob ein kleines, blaugetöntes Stückchen Kalbsleder an und schaute durch die nun freiliegenden beiden Gucklöcher, die den Blick auf die Molen zu beiden Seiten der Meerenge freigaben. Dann zog sie an einem Seil und hievte damit eine Signalflagge nach oben, die man selbst am gegenüberliegenden Ufer noch erkennen konnte.
»Das ist Ardacos. Er ist jetzt mit seinen Bärinnen eingetroffen. Wenn er so weit gereist ist, dann sind auch Gwyddhien und Braint nicht mehr weit.« Sorcha wandte sich wieder um, ihr Kinn grimmig vorgeschoben. »Damit würden also fünf von euch aufbrechen, und es wäre nicht einer dabei, der den Verlust des anderen verschmerzen könnte, ohne dabei gleich den Verstand zu verlieren.«
»Nein.« Nun spähte auch Breaca durch die Gucklöcher. Den Blick schließlich wieder auf die Astknoten gerichtet, entgegnete sie: »Liebe ist nicht immer nur eine Schwäche.«
Das war Breacas feste Überzeugung. Noch vor dem Verantwortungsgefühl ihrem Land gegenüber, noch vor den Göttern oder dem verzweifelten Wunsch, ihr Volk nicht in die Sklaverei getrieben oder als Diener Roms enden zu sehen, war es die Liebe, die Breacas Leben seinen Sinn verlieh, und wenn auch alles andere zusammenstürzen sollte, so würde doch immer noch diese Liebe überleben. In den Jahren, bevor sie Caradoc begegnet war, war Ardacos ihr Liebhaber gewesen, und lange vor ihm war Airmid ihre erste große Liebe gewesen. Nun war Ardacos Braints Liebhaber, so wie Gwyddhien die Geliebte von Airmid war, und sie alle vier hatten sich mit ihrem Leben der Bodicea verschworen, ihr zu dienen und sie zu beschützen, bis in den Tod und sogar noch darüber hinaus. Es war unmöglich, das Netz der miteinander verwobenen Herzen nun noch wieder zu entwirren. Doch war dies auch niemandes Wunsch. Allein ein Fremder könnte sich noch dieses Soges erwehren, doch konnte zugleich keinem Fremden jemals die nun anstehende Aufgabe anvertraut werden.
Die Fährfrau nahm ihren Umhang von einem Haken an der Wand. Mit ihren breiten, von Wind und Wetter aufgerauten Fingern warf sie ihn sich über die rechte Schulter. An der Tür, nachdem sie sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf hatte gehen lassen, hielt Sorcha jedoch inne und sagte: »Aber vergiss nicht, während du fort bist, dass noch mehr Menschenleben davon abhängen, dass du am Leben bleibst und weiterkämpfst, als dieser eine Mann. Und auch seinem Andenken würde man keine Ehre erweisen, wenn ein ganzes Land und sein Volk allein deshalb verloren wären, weil er nicht mehr ist.«
 
Das Land der Briganter war grau. In den Niederungen leckte grauer Nebel über öde, graue Felsen. In den Bergen, die sich jedoch nirgends so hoch erhoben wie die atemberaubenden, vom Schnee hell glänzenden Gipfel im Westen, wühlten graue Gebirgsbäche den mit Sediment durchsetzten Schlamm auf. Sie durchweichten das am Boden liegende Feuerholz, so dass Breaca und ihre Begleiter in den letzten beiden Nächten ihrer fünftägigen Reise die Hasen und kleinen Fische, die Ardacos erlegte, roh essen mussten. Zudem schliefen sie nur noch aufrecht sitzend und jeweils zu zweit - Rücken an Rücken teilten sie auf diese Weise ihre Umhänge und die Wärme ihrer Körper miteinander.
Sie waren insgesamt dreizehn: jene fünf, von denen Sorcha bereits gesprochen hatte, zwei von Gwyddhiens Silurern und fünf aufgrund ihrer Geschicklichkeit im Jagen handverlesene Bärenkrieger. Die Dreizehnte war Tethis, eine Cousine von Ardacos, die gerade erst ihre langen Nächte in der Einsamkeit absolviert und sich noch nicht im Kampf bewährt hatte. Zu Anfang war nicht so ganz klar zu erkennen gewesen, warum sie sich überhaupt der Gruppe anschloss, doch es war schließlich Ardacos, der sie mitgebracht hatte, und niemand widersetzte sich dem. Am fünften Tage aber erfuhren sie schließlich, warum Tethis mit ihnen gekommen war.
Die ganze Reise über hatten Breaca und diejenigen, die ihr am nächsten standen, die verschiedenen Möglichkeiten erörtert, wie sie Caradoc ausfindig machen und ihn anschließend befreien würden. Ein jeder von ihnen war der Ansicht gewesen, dass nur er allein in der Lage sein würde, in das weitläufige Lager am Nordfluss, wo die Briganter ihre Feuer und das Essen mit den drei Kohorten der Vierzehnten Legion teilten, einzudringen. Ein gemeinsamer Angriff war ausgeschlossen, und der einzig gangbare Weg war der heimliche. Doch blieb noch immer die Frage offen, wer sich in das Lager hineinwagen sollte und wie sie es am geschicktesten vermieden, gefangen genommen zu werden. Breaca konnte sich unmöglich dort hineinwagen, denn in diesem einen Punkt waren sich alle einig: Ihre Größe und ihre Haarfarbe waren dem Feind schon viel zu bekannt, und es gab auf der ganzen Welt keine Tarnung, die sie ausreichend verhüllen könnte, wenn die Briganter gerade sie erwarteten. Die anderen besaßen zwar nicht unbedingt den Bekanntheitsgrad von Breaca, doch tatsächlich waren auch sie dem Feind bekannt, so dass keiner von ihnen als Römer oder als Briganter durchgehen konnte. Tethis hatte bis dahin den Älteren und denjenigen mit mehr Erfahrung im Kampf als sie lediglich still ihre Hochachtung gezollt und nichts gesagt. Bis zum Morgen des fünften Tages, als die ganze Gruppe auf einer Hügelkuppe und in Sichtweise des feindlichen Lagers lag und noch immer keinen Weg gefunden hatte, um das zu tun, was getan werden musste. Erst in diesem Moment offenbarte Tethis ihr Geschick.
Sie war im Land der Kaledonier geboren und aufgewachsen, hoch oben im Norden, und hatte bis zu jenem Tag noch nie einen Fuß auf ein Schlachtfeld gesetzt. Keiner, weder die Briganter noch die Römer, hatte sie also schon jemals gesehen. Überdies war sie von dem kleinen Wuchs und hatte den dunklen Teint der Vorfahren, so dass sie, mit ein wenig Vorbereitung, als eines der brigantischen Mädchen durchgehen konnte, die noch nicht das Erwachsenenalter erreicht hatten. Gekleidet in lediglich eine mit einem Lederriemen zusammengebundene Tunika, mit ihren schlammverschmierten Beinen und dem offenen Haar, wurde sie rasch zu lediglich einer weiteren der vielen Gören, die man ungestraft einfach schelten und zurück aufs Feld schicken konnte, oder die man, sofern sie sich in der Nähe des römischen Lagers aufhielt, als Botin einspannen konnte, die man mit ein paar angelaufenen Kupfermünzen bezahlte und später vielleicht in ein Zelt lockte, um dort Arbeiten zu verrichten, die noch nicht einmal mehr bezahlt wurden.
Vor ihnen vollzog sich also gerade die Verwandlung von der Kriegerin zur Rotzgöre, und selbst Braint - die bereits etwas Ähnliches vorgehabt hatte, wenn auch mit wesentlich weniger Aussicht auf Erfolg - musste einsehen, dass in Tethis ihre größte, wenn nicht gar ihre einzige Hoffnung darauf lag, an Caradoc heranzukommen. Die Streitereien waren also beigelegt worden, und kurz vor Einbruch der Morgendämmerung hatte das Mädchen sie verlassen und war den gräulichen Hügel hinabgerannt, um anschließend in jenem Flussnebel zu verschwinden, der das geräuschvolle Chaos des Lagers verbarg.
Den ganzen langen Tag über warteten sie, zwölf kampferprobte Kriegerinnen und Krieger, während ein junges Mädchen, das sich noch nicht einmal seinen ersten Speer verdient hatte, sich allein unter eintausend Legionssoldaten und noch dreimal so vielen feindlichen Kriegern bewegte. Erschöpft, frustriert und von ihrer eigenen Ungeduld beinahe bei lebendigem Leibe aufgefressen, lag Breaca auf ihrem Umhang auf einem Vorsprung aus bröckeligem Schiefer, verborgen unter dem Schleier von absterbendem Farnkraut, das von dem über ihr aufragenden Hügel herabhing. Trotz mehrerer Lagen Wolle gruben sich scharfe Felskanten in ihr Fleisch, und schon bald krabbelten aus dem Farn auch die Insekten des Herbstes heraus, um die unverhüllten Fleckchen von Breacas Haut zu erkunden. Vor Breacas Gesicht erstreckte sich eine Ameisenstraße von der Breite einer Hand. Nach einer Weile, ganz einfach nur, um den stetigen Angriffen auf ihren Körper ein Ende zu setzen, begann Breaca, um Regen zu beten.
Der Rest der Gruppe hatte es auch nicht bequemer. Schräg unter ihr, zu ihrer Rechten, lagen Braint und Ardacos dicht beieinander, jeder auf einem ganz ähnlichen Felsvorsprung ausgestreckt wie Breaca. Auch die anderen lagen in Rufweite, hatten sich Hasenkuhlen in den feuchten Farn gegraben oder sich auf den steinigen Felsvorsprüngen, die es in dieser Landschaft überall gab, bäuchlings hingelegt wie Breaca. Man konnte sich aussuchen, ob man lieber weich, aber nass liegen wollte, oder ob man lieber trocken blieb, dafür aber kalten, harten Untergrund in Kauf nehmen musste. In beiden Fällen jedoch zog sich der Tag derart in die Länge, dass sie dadurch an die Grenzen ihres Durchhaltevermögens stießen.
Aber es gab auch einige Möglichkeiten, um sich die Zeit zu vertreiben. Breaca zählte die Krähen, die wie zerrissene Lumpen im Wind flatterten und sich taumelnd zu dem Aas der unter ihnen erhängten Krieger niedersinken ließen. Am Nachmittag, als der Wind von Osten her aufzog und den Gestank der an der Hügelkette aufgereihten Leichen herüberwehte, so dass er die verborgenen Beobachter würgen ließ, verlegte sich Breaca darauf, die Toten zu zählen und sie voneinander zu unterscheiden, unter ihnen die Männer und die Frauen auszumachen, die Erwachsenen von den Kindern zu trennen und die Hellhaarigen von den Dunklen. Sie befanden sich ein ganzes Stück von ihr entfernt und hatten schon einige Tage dort so im Wind gehangen. Breaca musste sie immer wieder zählen und kam doch keine zweimal auf die gleiche Anzahl. Diese Anstrengung jedoch hielt sie wach, und sie blieb aufmerksam, während sie jeden Augenblick die herausfordernden Rufe und das Waffengeklirr erwartete, die bedeuteten, dass Tethis versagt hatte.
»Sie kommt!«
Ardacos hatte seinen Platz seit dem Morgen etwas verlagert. Er sprach nun aus dem Farngebüsch zu Breacas Linker heraus. Einen Augenblick später erhob er den Kopf, so dass Breaca ihn nun auch sehen konnte. Er war nackt bis auf den Gürtel und einen Lendenschurz aus Bärenfell, und sein Körper glänzte leicht von dem Gänsefett, mit dem er sich zum Schutz vor der Kälte eingerieben hatte. Er rückte näher an Breaca heran, bewegte sich dabei wie Wasser, das sich über einen Fels ergießt, und für einen kurzen Moment überlagerte sein Geruch sogar den Gestank der Verwesung, die sich aus dem Tal erhob. Sein Gesicht war gezeichnet und verwittert von vier Jahrzehnten, in denen er sich der Kälte und dem beißenden Wind ausgesetzt hatte, und sein Lächeln war eine sehr seltene Geste, wie ein kleines Geschenk, und erst nach Jahren in Ardacos’ engster Umgebung hatte Breaca gelernt, dieses Lächeln zu lesen. So wie er jetzt lächelte, war es die Einstimmung auf eine bald folgende Enttäuschung.
»Sie ist schon halb oben und allein«, sagte er. »Siehst du... da.« Er deutete nach Süden. Kurz erzitterte das Farnkraut auf dem Hang, dann war es wieder still. Ein jagender Fuchs hätte eine solche Bewegung verursachen können oder auch ein Dachs, bei einem Ausflug ans Tageslicht. Ardacos keckerte wie ein aufgebrachter Hermelin und erhielt eine ebensolche Antwort.
Dann kam Tethis die letzten Schritte heraufgerannt. Sie war allein, sah aber weder hoffnungsvoll noch erfreut aus.
 
»Es interessiert mich nicht, was er sagt. Wir werden ihn da rausholen.«
»Nein. Er kann nicht befreit werden.«
»Er kann. Wir haben nur noch nicht herausgefunden, wie. Einer von uns sollte sich hineinschleichen und sich nachts, wenn weniger Wachen aufgestellt sind, noch einmal umsehen.«
Mittlerweile war die Abenddämmerung heraufgezogen. Sie waren auf die andere Seite des Hügels gewandert, außer Sichtweite des Lagers und auf der vom Wind abgewandten Seite, der plötzlich aufgefrischt war und den Farn flach niedergedrückt hatte. Die Bärenkrieger und Gwyddhiens Silurer hielten in einem geschlossenen Kreis Wache. Die fünf anderen und Tethis blieben in der Mitte. Das Mädchen hatte ein wenig trockenes Feuerholz mitgebracht, und dieses zu sammeln war auch der Grund gewesen, weshalb sie das Lager verlassen hatte. Ardacos hatte eine kleine Feuerkuhle gegraben, und sie verbrannten das Holz allein der Wärme wegen. Keiner von ihnen hätte jetzt einen Bissen zu essen herunterbekommen.
Aus der Kuhle erstrahlte ein orangefarbener Schein. In seinem Licht war zu erkennen, dass sie alle mittlerweile viel zu blass waren und viel zu mitgenommen. Breaca zog ihr Messer über ihren Schleifstein, ein rhythmisches Schleifen und Kratzen, das sich jedoch sogleich wieder im Wind verlor. Ohne diese Art der Betätigung hätte sie sich zwingend erheben müssen, um ein paar Schritte zu gehen, um durch den Farn zu streifen, um zu rennen, um ihre Klinge zu ziehen und zur Not sogar nur einhändig die Reihen der Wachposten anzugreifen, die zwischen ihr und dem weit entfernten Zelt standen, das sie nun als jenes hatten identifizieren können, in dem sich Caradoc befand.
Breaca saß am Feuer, direkt gegenüber von Tethis. Das Mädchen war klein, kompakt, nachdenklich und offensichtlich tief bewegt von dem, was sie gesehen hatte. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und grübelte darüber nach, was sie als Nächstes sagen sollte. Ardacos stellte eine Frage in der nördlichen Sprache, die keiner der anderen verstand und die nur abgehackt beantwortet wurde. Breaca konnte nur den Namen von Cartimandua verstehen, der zweimal mit aus tiefstem Herzen empfundenem Hass ausgesprochen wurde. In dem Rest der Worte schwangen Überraschung, nachdrückliche Zustimmung und eine nüchterne Gewissheit mit, aber keine Hoffnung.
Am Ende verfielen sie alle in tiefes Schweigen, bis Ardacos, der seine Worte sehr sorgfältig wählte, schließlich sagte: »Sie will dir dies nicht erzählen, weil sie Angst hat, es würde deinen Kummer nur noch vergrößern, aber ich denke, du musst es einfach wissen. Das Zelt, in dem sie Caradoc gefangen halten, liegt auf einem Felsvorsprung. Sie haben ihn mit Ketten um seinen Hals und um seine Fußgelenke daran gefesselt. Du könntest ihn nur befreien, wenn du gleichzeitig einen Schmied mitnähmst, der dann auch noch Zeit genug hätte, die Eisenketten aufzubrechen. Außerdem schlafen in dem Zelt noch acht Legionssoldaten, von denen je zwei zur gleichen Zeit wach sind. Sie sitzen direkt bei ihm, unterhalten sich mit ihm oder beobachten ihn, wie er schläft. Jede seiner Bewegungen - jede - wird genau beobachtet.« In Ardacos’ Innerem war ein großer Kummer zu erahnen, größer als jeder, den Breaca jemals bei ihm entdeckt hatte. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Tethis hat Recht. Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu befreien.«
»Es muss aber eine geben. Sie hat es nur noch nicht herausgefunden. Frag sie, woher sie das wissen will.«
»Das habe ich sie schon gefragt. Sie hat ihm seine Mahlzeit gebracht. Und sie hat mit ihm gesprochen, während er aß.« Ardacos hielt einen Augenblick inne. Er blickte erst Airmid, Gwyddhien und Braint an, ehe er Breaca in die Augen sah. Was auch immer er in den Augen der anderen entdeckt haben mochte, es verlieh ihm offenbar die Kraft fortzufahren. Als Letzte von allen schaute er nun also Breaca an: »Tethis hatte ihm den Tod angeboten. Das war alles, was sie ihm geben konnte. Sie hatte ein Messer bei sich und hätte es gegen ihn verwenden können - und dann gegen sich selbst -, ehe die Soldaten sie packen konnten. Sie hätte das getan. Für ihn und für dich.«
Eisige Kälte schlug einer Woge gleich über Breaca zusammen, schwarzes, sich unaufhaltsam ausbreitendes Eis sog die Wärme und das innere Feuer aus ihrem Körper. Es kostete sie mehr Mut, als sie jemals geglaubt hätte, zu fragen: »Warum hat sie es dann nicht getan?«
»Er hat es ihr verboten. Denn die Römer haben Geiseln. Sie haben Cunomar und Cygfa lebend gefangen und auch Cwmfen. Sie halten sie an einem anderen Ort versteckt. Caradoc hat sie gesehen, und sie haben ihn kurz mit Cwmfen sprechen lassen. Daher wusste er, dass sie ihr noch nichts getan hatten, aber er weiß nicht, wo sie sich jetzt aufhalten, oder wie es Cygfa geht oder Cunomar.«
Cunomar. Das Kind ihres Herzens, der Geist der Götter mit dem seidenweichen Haar. Breaca hatte geglaubt, dass er bei Dubornos in Sicherheit wäre, dass er sich mittlerweile auf Mona befände und bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Mutter irgendwann einmal heimkehren würde, auf seine Schwester aufpasste. Doch Breacas Verstand ergriff schützend die Oberhand, und die Logik erhob sich über den alles umschlingenden Schmerz. »Wenn Caradoc stirbt«, sagte sie, »dann sterben sie alle. Allerdings werden sie auch so sterben. Er hätte also annehmen sollen, was Tethis ihm angeboten hat.«
»Nein.« Ardacos schüttelte den Kopf. Er versuchte zu sprechen, hielt dann aber inne und schluckte trocken, und Breaca hatte schon beinahe ihre Arme nach ihm ausstrecken wollen, um die Worte endlich aus ihm herauszuziehen, als er schließlich mit heiserer Stimme sagte: »Es ist noch weitaus schlimmer als das. Wenn Caradoc stirbt, werden sie weiterleben, das steht fest. Sie werden dann nach Rom gebracht und in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten, werden niemals mehr das Tageslicht sehen oder frei fließendes Wasser, werden niemals mehr sehen, wie der Mond aufgeht. Das war Cartimanduas Idee. Sie weiß, dass ein Krieger sich nicht davor fürchtet zu sterben, egal, wie schlimm die Umstände seines Todes auch sein mögen, aber dass es für ihn undenkbar ist, ein Leben lang in einem Haus leben zu müssen, wie sie in Rom erbaut werden, ohne die Erde sehen zu können, den Himmel, die Sterne. Das aber haben sie Caradoc in Aussicht gestellt, und er glaubt ihnen. Er wird also am Leben bleiben, um letztendlich seinen Tod und den der ihren zu erkaufen, egal, zu welchem Preis.«
Caradoc. Cunomar. Cygfa, die ihr wiedergeborener Vater war in der Gestalt einer Frau. Wie betäubt antwortete Breaca: »Sie werden ihn kreuzigen. Sie alle. Sie werden sie nach Rom verschleppen und dort ein wahres Spektakel um sie herum veranstalten. Alle fünf, einer nach dem anderen mit jeweils einem Tag dazwischen, Caradoc als Letzter.«
»Ja. Das glaubt er auch.«
Es war einfach zu viel. Wie der Hornstoß zum Rückzug bäumte sich der Schmerz in Breacas Innerem auf. Er wuchs von ihrem Bauch in ihre Brust hinein, fraß die Luft, die sie einatmete, auf, bis Breaca nur noch wie durch ein schmales Schilfrohr atmen konnte und zum Schluss noch nicht einmal mehr das. Der Schmerz umschnürte ihren Hals, ließ sie würgen, ließ ihre Zunge anschwellen und verschloss ihren Mund. Dann kroch er durch ihre Wangen hinauf, ließ ihre Augen austrocknen, nahm ihr sogar die Erleichterung der Tränen. Breaca spitzte den Mund, um Caradoc zu sagen und Cunomar, doch kein Laut entschlüpfte ihren Lippen.
Um Breaca herum herrschte Schweigen. Keiner wagte es zu sprechen oder hatte eine Idee, was er sagen sollte. Es gab einfach nichts zu sagen. Ein flüsternde Stimme, die Breaca später als ihre eigene erkannte, sagte: »Hail war bei ihnen. Er hatte Cunomar bewacht.«
Hail. Ein weiterer Name in der Litanei des Verlustes und des Todes. Ardacos weinte. Breaca hatte ihn noch nie weinen gesehen, doch strömten nun seine Tränen, wo Breacas es nicht konnten. Breaca sah sich um und entdeckte auch in den Augen der anderen Tränen. Bei Airmid, Gwyddhien, Braint: ein Glänzen in den Augen, das im Feuerschein schließlich überfloss wie Harz aus einer angeschnittenen Rinde. Nur Tethis, die Hail nicht gekannt hatte und deren Verschlossenheit, deren Blässe nun endlich einen Sinn ergaben, weinte nicht. Für sie und weil niemand anderes es ihr erklären wollte, sagte Breaca: »Er war mein Kampfhund. Hail. Wenn sie Cunomar gefangen genommen haben, dann muss er tot sein.«
Mit gepresster Stimme antwortete das Mädchen: »Das ist er. Ich soll euch sagen, dass er im Kampf gefallen ist - als er Cunomar beschützen wollte - und dass Dubornos das rituelle Bittgebet für ihn gesungen hat. Es war seine Stimme, die wir in den Tälern gehört haben, als wir das Schlachtfeld an der Lachsfalle verließen.«
Ich werde eine solch grausame Vergeltung über sie hereinbrechen lassen… Aber welchen Sinn machte Rache noch, wenn die Welt in Trümmern lag und alles verloren war? Breacas Herz hörte für einen Augenblick auf zu schlagen. Als es wieder einsetzte und sie wieder sprechen konnte, fragte sie: »Wer hat ihn getötet? Weiß man das?«
»Der Dekurio der Thrakischen Kavallerie. Derjenige, der den Schecken reitet.«
Breaca hatte nicht gewusst, was es bedeutete, wirklich zu hassen. Nun aber wusste sie es, kannte den Hass, vollkommen klar und rein und lebendig mit seinem ganz eigenen Sinn. Sie hörte ihn sogar deutlich in ihrer Stimme mitschwingen, als sie sagte: »Dann wird er sterben, und Scapula mit ihm. Sie haben noch nicht gesiegt. Sie werden niemals siegen.«
»Caradoc hat gesagt, dass du das sagen würdest. Das war seine Nachricht an dich: Niemals zuzulassen, dass sie siegen. Und ich soll dir auch noch ausrichten, dass er dich liebt, dass du sein erster und sein letzter Gedanke bist, bis in alle Ewigkeit.«