»Das Erste, was ihr wissen solltet, ist, dass
Vellocatus sich zu Cartimandua bekannt hat. Das hat er schon ganz
zu Anfang getan, noch bevor Venutios von Mona aus zu uns
zurückkehrte. Während unserer Treffen ist er ihre Augen und ihre
Ohren gewesen, bei den Ratsversammlungen ist er ihre Stimme gewesen
und hat doch nur das gesagt, was zu sagen sie ihm zuvor erlaubt
hatte. Er hat ihr von der Lachsfalle erzählt und von dem Plan, die
Zweitausend aufzustellen, um Caradoc zu helfen. Als er ihr
vorschlug, dass er nach Norden reiten könne, um Unterstützung von
den Selgovaern zu erbitten, war sie es gewesen, die diese Idee
ursprünglich gehabt hatte. Dies lieferte ihm einen Vorwand, noch
vor Venutios aufzubrechen, ohne Verdacht zu erregen.
Als der Zeitpunkt gekommen war, um die Krieger zu
versammeln, musste Venutios feststellen, dass er verraten worden
war. Zwei Kohorten der Vierzehnten und ein gesamter Flügel der
Batavischen Kavallerie hatten ihn und seine Kampfgenossen
umzingelt. Sie konnten ihn nicht verurteilen - er ist der Vater von
Cartimanduas Kind und aus diesem Grund halten sie ihn ebenfalls für
ein Mitglied der königlichen Familie -, doch sie haben alle seine
Blutsverwandten und seine Begleiter an den Torpfosten seines
Rundhauses gehängt, und er ist nun gezwungen, drinnen zu verweilen,
während sie langsam verwesen. Mich hat man nicht gehängt; mich
haben sie einfach übersehen, denn ich bin für sie ein Niemand,
weder ein Verwandter von ihm noch einer der Speerhäuptlinge, die
ihm die Treue geschworen hatten. Ich bin noch nicht einmal als sein
Freund bekannt.«
Diesen letzten Teil sprach Lythas so ruhig aus, wie
es ihm nur irgend möglich war, ganz so, als ob auch dies ein Teil
jener Nachricht sei, die er auswendig gelernt hatte. Sein Gesicht
dagegen erschien im Schein des Feuers wie aus Talg geschnitzt, war
eine Maske des Todes und des verletzten Ehrgefühls.
»Wen hast du durch die Exekutionen verloren?«,
fragte Breaca.
Er sah sie scharf an. »Meinen Vater, meine
Schwester, zwei meiner Cousins und... einen Freund. Einen guten
Freund.«
»Und du meinst nun, dass es besser gewesen wäre, du
wärest mit den deinen und denen, die du liebtest, gestorben, statt
am Leben zu sein und zu kämpfen und vielleicht ihren Tod zu
rächen.« Die Bodicea nickte, ihr Blick verlor sich im Herzen der
Flammen. Sie sprach sehr bedächtig und nachdenklich, wie an die
glühenden Kohlen gewandt oder als ob sie nur mit sich selbst
spräche. »Es mag durchaus sein, dass ein jeder von ihnen allein an
die strahlende Ehre gedacht hat, als er am Ende des Stranges sein
letztes bisschen Luft hinauswürgte. Und unter anderen Umständen
wäre es vielleicht auch ein ganz anderer gewesen, den sie übersehen
hätten. Wenn man also dich für gefährlich gehalten hätte, wenn man
dir die Ehre erwiesen hätte, des gleichen Todes zu sterben wie die
deinen, dann wäre es vielleicht ein anderer gewesen, der den Mut
gefasst hätte, aus einem von bewaffneten Wachen umzingelten Lager
zu fliehen. Doch so war es nicht. Die Götter haben dich dazu
auserwählt, zu überleben und die Nachricht zu überbringen.«
Dann hob Breaca wieder den Blick. Nur ein Schleier
von Flammen trennte sie noch voneinander. Lythas konnte einfach den
Blick nicht von ihr abwenden. »Die Wahl, wann und wie wir zu dienen
haben, liegt nicht bei uns. Wir können nur darüber entscheiden, ob
wir dies mit Mut tun und somit vielleicht Erfolg haben werden, oder
mit Angst, in welchem Fall wir mit Sicherheit scheitern werden.
Aber wenn du wirklich zurückreiten willst, um dich dem Legat der
Vierzehnten Legion auszuliefern, dann wird dich hier niemand davon
abhalten. Andererseits aber könntest du auch weiterhin mit dem
gleichen Mut handeln, wie du ihn bis jetzt bereits bewiesen hast,
und darum beten, dass du jene, die dir etwas bedeutet haben,
gerächt sehen wirst, dass ihre Familien und ihr Land von der
Unterdrückung und der Sklaverei befreit werden. Dies sind deine
Wahlmöglichkeiten. Wenn du dich jetzt entscheiden müsstest, welchen
Weg würdest du dann gehen?«
Lythas starrte Breaca an. Es war zwar eine
Beleidigung, ihn dies einfach zu fragen, doch andererseits war sie
die Bodicea, deren Ehre unantastbar war. »Ich würde mich dafür
entscheiden, zu kämpfen«, antwortete er. »Immer.«
»Danke.« Breaca lächelte, und seine Welt wurde
plötzlich wieder ein etwas hellerer Ort. »Dann erzähl uns, was du
von der Schlacht in den Bergen weißt, wie es Caradoc und den
anderen Kriegern der westlichen Stämme ergangen ist.«
Doch Lythas zuckte nur mit den Schultern. »Wir
wissen darüber nicht sehr viel, und es sind auch alles nur
Informationen aus zweiter Hand von jenen, die Caradoc gefangen
genommen haben. Über den Rest können wir nur Vermutungen
anstellen.« Er trank etwas Wasser aus seinem Becher. Dann begann er
aber noch einmal in dem fließenden Rhythmus eines ausgebildeten
Kuriers zu sprechen, der die Worte eines anderen genauso
wiederholen konnte, als wären es seine eigenen.
»Zweifellos ist die Lachsfalle in den Bergen ohne
Venutios ein Fehlschlag gewesen. Caradoc und die Krieger der Stämme
haben mit ganz außergewöhnlichem Mut gekämpft, und für einen Toten
von ihnen haben sie acht oder neun tote Feinde zurückgelassen, doch
der Faustschlag, der die Falle hätte schließen sollen, kam nicht.
Und als Caradoc erkannte, dass sie verraten worden waren, befahl er
den Stämmen, sich von dem Schlachtfeld zurückzuziehen. Besser,
weiterzuleben und an einem späteren Tage weiterzukämpfen, als nun
in allen Ehren für eine aussichtslose Sache zu sterben.«
»So ist es immer. Er hatte einen solchen Rückzug
bereits vorausgeplant.«
»Ja. Venutios wusste das gleichermaßen und damit,
durch ihren Spion, auch Cartimandua. Nur sie kannte beide Seiten,
den Plan, der hinter der Lachsfalle stand, und dass er fehlschlagen
würde. Sie hatte Vellocatus geschickt, der Caradoc wie durch einen
glücklichen Zufall treffen sollte, gerade in dem Augenblick, als er
das Schlachtfeld verließ, um zu den Kriegern von Mona zu stoßen und
den Anführern der Speerkämpfer der anderen Stämme. Er sagte ihm...«
In diesem Augenblick sprach Lythas langsamer und trank noch etwas
Wasser, wie um sich zu sammeln. Dann hob er den Blick zu Breacas
Gesicht, doch nicht bis zu ihren Augen. »Er sagte ihm, dass die
Bodicea in Gefahr sei, dass Cartimandua Euch mit der Lüge von
Caradocs Gefangennahme nach Norden gelockt habe, aber dass Ihr nur
langsam reiten würdet, um des kleinen Kindes willen, und wenn sie -
Caradoc und Vellocatus - schnell reiten würden, mit nur wenig
Gepäck und nur einigen wenigen Begleitern aus der Ehrengarde, dann
könnte er Euch wahrscheinlich noch einholen, ehe Ihr die nördlichen
Festungen erreichen würdet. Also ritt Caradoc los. Wie hätte er
auch nicht losreiten können?«
»Das war doch Wahnsinn«, entgegnete Breaca. »Ich
wäre nicht nach Norden geritten, und selbst wenn, dann hätte ich
Graine doch nicht mitgenommen. Wie konnte Caradoc das bloß
glauben?«
»Weil sie ihm sagten, dass Ihr Euch in Gefahr
befändet und dass Ihr das Gleiche auch von ihm gedacht hättet. Und
weil ihm die Nachricht von Vellocatus überbracht worden war. Ihm
vertraute er, und Vellocatus trug als Beweis für die Wahrheit
seiner Worte den in blauen Stein geschnitzten Lachs bei sich, das
Zeichen von Venutios.«
»Den man Venutios mit Gewalt abgenommen
hatte.«
»Natürlich, aber das konnte Caradoc ja nicht
wissen.«
»Und er hätte auch nicht danach gefragt«, ergänzte
Airmid. »Seine einzige Sorge galt Breaca und Graine. Das ist seine
schwache Stelle, und das wissen sie auch. So wie Caradoc unsere
schwache Stelle ist.« Die Träumerin saß im Schatten außerhalb des
Feuerscheins. Hinter ihr strömte der Bach dahin und erfüllte die
Nacht mit seinem flüssigen Murmeln. Fast zwanzig Jahre hatte sie
nun schon hier gelebt und geträumt, und wenn sie an diesem Orte
etwas sagte, dann sprach durch sie zugleich auch ihr Gott und
verzauberte die sie umgebende Luft durch seinen Geist. Somit sagte
Airmid schließlich: »Lythas, welches Symbol bringst du uns als
Beweis für die Glaubwürdigkeit deiner Worte?«
Befreit von der Last der Botschaft, hatte sich ihr
Überbringer gerade ein wenig entspannt, und nun, hinter der Fassade
des verängstigten Jungen, konnte man bereits schon etwas deutlicher
den Mann in ihm erkennen. Er war älter, als er zunächst gewirkt
hatte. »Ich habe keinen Beweis. Es war nichts mehr übrig geblieben,
was noch eines Beweises wert gewesen wäre, nichts außer Venutios’
Wort und meinem, dass das, was ich sage, die Wahrheit ist.«
Er beugte sich leicht zu Breaca vor und errötete.
Sein Lächeln, und der Schimmer von Hoffnung, den dieses Lächeln
enthielt, waren mehr wert als jeder Ring oder jede Brosche, und er
war sich dessen auch durchaus bewusst.
»Sie halten Caradoc in Einzelhaft gefangen, und er
wird streng bewacht«, fuhr Lythas fort. »Ohne den Einsatz einer
ganzen Armee wird man ihn nicht mehr retten können, und die
Vierzehnte wartet nur auf genau solch einen Angriff. Für die
Krieger wäre das der reine Selbstmord, und noch ehe sie sich
Caradoc überhaupt nähern könnten, wäre er auch schon tot. Eine
kleine Gruppe jedoch, vielleicht die Bodicea und eine oder zwei von
Ardacos’ Bärinnen, könnten vielleicht bis zu ihm durchkommen. Und
selbst wenn nicht, so denke ich - dies kommt jetzt nicht von
Venutios, sondern ist nur meine persönliche Ansicht -, dass es noch
nicht zu spät wäre, einmal mit Cartimandua zu sprechen. Sie ist
schließlich auch eine Mutter, und obwohl sie Venutios genauso hasst
wie er sie, so hat sie ihn doch immerhin vor der Verschleppung nach
Rom bewahrt. Für eine Bitte von der Bodicea, die genau wie sie eine
Mutter und Geliebte ist, hätte sie sicherlich ein offenes Ohr. Und
dann würde sie Caradoc womöglich gar lebend wieder zu Euch
zurückkehren lassen.«
»Aber das würde Rom nicht erlauben«, entgegnete
Breaca.
Lythas zuckte lediglich die Achseln. »Eigentlich
steht es nicht in der Macht Roms, so etwas zu verhindern. Die
Legionen kommen nur langsam voran und müssen sich gegen diverse
Widerstände durchsetzen - Gwyddhiens Falken und Ardacos’ Bärinnen
verfolgen die Legionen auf ihrem Weg und greifen sie immer wieder
an, so dass die Römer jede Nacht wieder ein abgesichertes Lager
errichten müssen und nicht schneller marschieren können als die
langsamsten ihrer Soldaten - aus Angst, dass die Nachhut der Truppe
abgetrennt und niedergemetzelt werden könnte. Wenn wir also schnell
reiten würden und nur in kleinen Gruppen, dann könnten wir
Cartimandua noch immer einige Tage vor Scapula erreichen.«
»Aber warum sollte sie damit einverstanden sein,
Caradoc wieder fliehen zu lassen? Sie hasst ihn doch. Er hatte sich
geweigert, sie mit seinem Kind zu schwängern, und das hat sie ihm
niemals verziehen. Allein aus diesem Grund schon würde sie doch
liebend gern sehen, wie er gekreuzigt würde.«
»Möglicherweise, allerdings steht sie nun nicht
mehr so stark unter dem Einfluss ihrer kleinlichen Eifersüchteleien
wie damals, und sie ist sich der Anforderungen an sie als
Herrscherin jetzt deutlicher bewusst. Sie hat mehr Speerkämpfer
unter ihrem Kommando als jeder andere von der Ostküste bis hin zur
Westküste, und das hat seinen Preis. Wenn diese Krieger aufbegehren
sollten, dann ist sie verloren. Darüber hinaus muss sie sich mit
den nördlichen Brigantern arrangieren, die Venutios die Treue
geschworen haben. Es sind ihrer Tausende, und diese sind kurz
davor, gegen sie zu rebellieren. Wenn Cartimandua nun aber Caradoc
freiließe, dann würde das ihr Ansehen unter den Brigantern sofort
wieder heben, vielleicht sogar so sehr, dass sie damit einen
Aufstand noch abwenden könnte. Und selbst in den Augen Roms täte
das ihrer Ehre keinen Abbruch. Sie hat sie bereits schon einmal vor
einer schweren Niederlage bewahrt. Mehr können sie
vernünftigerweise kaum von ihr verlangen.«
Airmid, die sich der Gegenwart des Kuriers in
diesem Augenblick gar nicht mehr bewusst zu sein schien, murmelte
leise: »Und natürlich verlangt Rom ja auch immer nur das, was noch
im Rahmen des Vernünftigen ist.«
Dann verschwand die Träumerin für einen Moment im
hinteren Teil ihres kleinen Hauses und brachte drei Fackeln zum
Vorschein. Eine nach der anderen entzündete sie sie am Feuer. Die
Dunkelheit wurde plötzlich von hellem Licht verdrängt, und der
Geruch von Pinienharz, Kräutern und Talg wurde zunehmend
durchdringender und schärfer, reinigte die Luft und vertrieb
schließlich auch die letzten Überreste der Angst und der
Verzweiflung. Lythas erhaschte einen Blick von Breaca und lächelte
abermals, ein ziemlich erschöpfter, aber williger Verbündeter, und
in diesem Moment wurde über das Prasseln des Feuers hinweg eine
schweigende Übereinkunft getroffen: Er würde wieder zurückreiten
und Caradoc suchen, und Breaca würde ihn begleiten. Nun mussten nur
noch Airmid und die anderen Träumer von der Richtigkeit dieser
Entscheidung überzeugt werden.
Airmids Schatten fiel genau zwischen Breaca und
Lythas und löste den Augenblick der stillen Verschwörung wieder
auf. »Lythas«, begann sie, »du hast alles getan, was man von dir
verlangt hat, und sogar noch einiges darüber hinaus. Wenn du uns
nun also zurückgeleiten sollst, um Caradoc zu finden, dann sollten
wir dich jetzt besser allein lassen, damit du ein wenig essen und
dich ausruhen kannst und wieder Kräfte sammelst für die Reise. Wenn
du kurz warten könntest, dann bringt Maroc dir alles, was du
brauchst.«
Lythas lächelte dankbar.
Breaca erhob sich von ihrem Platz, nun schon wieder
etwas zuversichtlicher. Dort, wo sie eine Auseinandersetzung
vermutet hatte, begann sich stattdessen bereits ein Schlachtplan zu
entwickeln. Sie würde nach Norden reiten, daran bestand jetzt kein
Zweifel mehr; die einzige Frage war noch, wer sie begleiten könnte,
ohne sich damit selbst in allzu große Gefahr zu bringen. »Graine
können wir schon einmal nicht mitnehmen«, sprach sie gleich ihre
erste Sorge aus. »Wir müssen also zunächst einmal eine Amme finden,
jemanden, der sich vernünftig um sie kümmert.«
»Da wäre Sorcha, die Fährfrau«, überlegte Airmid.
»Ihr jüngster Sohn ist fast entwöhnt, und ihre Milch fließt nun
wieder so großzügig wie in dem Augenblick, als er geboren wurde.
Sie würde sich Graines nur allzu gern annehmen und für sie sorgen,
als wäre sie ihr eigenes Kind. Maroc und Luain mac Calma kümmern
sich dann um Graines weitere Bedürfnisse und um ihre Sicherheit.
Keiner von ihnen würde zulassen, dass ihr während unserer
Abwesenheit irgendetwas zustößt.« Denn unsere Abwesenheit wird
vielleicht ein Dauerzustand werden. Wenn wir gehen, kehren wir
womöglich niemals wieder zurück. Und wir werden gehen, wir beide
zusammen, denn wir müssen. »Kommst du mit nach draußen? Wenn
wir bei Tagesanbruch aufbrechen wollen, gibt es noch eine Menge
vorzubereiten.«
Breaca und Airmid verließen also das Häuschen aus
Stein und Erde und traten ein in eine Welt voller Träumer. Luain
mac Calma, der über Irland hätte herrschen können, stattdessen aber
lieber die Schutzherrschaft über Mona gewählt hatte, war da. Bei
ihm war Maroc, der Älteste. Maroc war früher einmal in Rom gewesen,
hatte dort den Feind aus nächster Nähe erleben können. Die beiden
standen rechts und links der Tür, mit nackten Oberkörpern, als ob
sie einen Ochsen oder ein Schwein erlegen wollten. Jeder von ihnen
trug ein Messer mit einer hakenförmigen Klinge bei sich, deren
rückseitige Schneiden so scharf geschliffen waren, dass man sich
damit rasieren konnte. Hinter ihnen hielten zwei der jüngeren
Träumer Seile aus zusammengedrehten Lederschnüren. Airmid nickte
einmal, und der Türvorhang hinter ihr glitt wieder hinunter. Maroc
schob ihn darauf wieder zu Seite und trat lächelnd ein.
Breaca wirbelte herum und wurde prompt
festgehalten. »Airmid? Was soll das?«
»Er lügt. Es ist eine Falle. Sie wollen dich
genauso gefangen nehmen, wie sie auch Caradoc geschnappt haben.«
Nun sprach Airmid nicht mehr mit der Stimme des Gottes, sondern mit
dem Unterton der vollkommenen Gewissheit.
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Weil ich dazu schließlich da bin. Um mir dieser
Dinge eben sicher zu sein. Wenn du weißt, wie man diese Dinge zu
betrachten hat, dann ist es ganz logisch. Er ist gut geschult, aber
nicht gut genug. Wenn ich einmal eine Vermutung wagen sollte, dann
würde ich sagen, dass Heffydd ihn eine Weile in seiner Obhut hatte.
Er ist der einzige der auf Mona ausgebildeten Träumer, der sein
Wissen gegen uns verwenden würde. Wenn du vielleicht einmal an den
Augenblick zurückdenkst, als wir bei der Fähre ankamen, dann wirst
du dich erinnern, dass Lythas froh war, als er dir endlich in die
Augen blicken konnte. Mich dagegen mochte er nicht ansehen, außer
gleich zu Anfang, als er noch immer im Boot war und noch nicht
wusste, wer ich bin. Man konnte deutlich die Angst erkennen, die
ihn gleich darauf packte. Aber ich dachte zuerst, dass er bloß
Angst um dich hätte wegen der schmerzlichen Nachrichten, die er dir
in diesem Augenblick zu eröffnen hatte. Er ist ein kluger Bursche,
und auch an Mut mangelt es ihm gewiss nicht, aber er hat sich bis
in die tiefsten Tiefen seiner Seele Cartimandua verschworen. Wenn
du also tatsächlich zu ihr gehen solltest und um Caradocs Leben
bittest, dann liefert sie euch beide an Rom aus.«
»Und das alles hast du von Anfang an
gewusst?«
»Ja. Das ist auch der Grund, weshalb ich ihm kein
Essen gebracht hatte. Wenn er mit uns gemeinsam gegessen hätte,
dann hätten es die Gebote der Gastfreundschaft nur noch schwieriger
gemacht, das zu tun, was wir nun tun müssen.«
Bald würde die Morgendämmerung heraufziehen. In dem
gedämpften Licht blickte Breaca in die Augen jener Frau, die sie
schon ihr ganzes Leben lang kannte. Noch niemals zuvor jedoch hatte
Breaca die Dunkelheit in der Seele jener Frau wahrgenommen, die nun
ihren Blick erwiderte. Die Leere und Trostlosigkeit in Airmids
Augen ließen Breaca erstarren. Ein solcher Blick gehörte auf das
Schlachtfeld, spät am Tage, nachdem das erste Feuer des Zorns
wieder verglüht war. Dies war ein Phänomen, das man bei den
Überlebenden beider Seiten beobachten konnte, ein Phänomen, das all
jene packte, die die Schlacht überlebt hatten, die getötet hatten
und auch weiterhin töten würden, die Menschen zu Krüppeln
geschlagen hatten und dies auch wieder tun würden, die gesehen
hatten, wie sowohl der Feind als auch ihre Freunde gestorben waren,
manchmal schnell, manchmal qualvoll langsam, und denen genau dieses
Ende ebenfalls bevorstand. Breaca jedoch wusste mit Sicherheit,
dass Airmid erst ein einziges Mal an einer Schlacht teilgenommen
hatte, und es war allein ihrem Glück und dem Schutz der Götter zu
verdanken, dass sie diese überhaupt überlebt hatte; nicht dem
Geschick der Träumerin im Umgang mit Schild und Schwert. Der Kampf
war einfach nicht ihre Stärke; ihre Aufgabe war es zu heilen, nicht
zu töten.
Aus der Hütte ertönten Kampfgeräusche und ein
atemloser Schrei.
Noch einmal versuchte Breaca, zur Tür
zurückzugelangen. »Lass mich dies tun«, sagte sie. »So etwas ist
nicht deine Arbeit.«
Airmid wollte Breaca jedoch nicht durchlassen.
»Dies ist eher meine Aufgabe als deine. Der Kräuterduft der Fackeln
erledigt schon die halbe Arbeit, und wesentlich länger hättest du
es darin sowieso nicht mehr ausgehalten. Er hatte dein
Urteilsvermögen bereits geschwächt. Und was wir hier tun, ist auch
nicht das Töten wie in einem Krieg. Ohne das Kampffeuer in deinen
Adern hast du noch nie einen Krieger getötet, und jetzt wäre auch
nicht der richtige Moment, um damit zu beginnen. Du würdest die
Schuld immer mit dir herumtragen, und das würde dich schwächen.
Gerade jetzt, wenn es für uns wichtiger ist als zu jedem anderen
Zeitpunkt, dass du im Vollbesitz deiner Kräfte bist, um den Ritt
nach Norden und alles, was darauf folgen mag, durchzustehen. Geh zu
Sorcha und sag ihr, was Graine alles braucht, damit es ihr gut geht
und damit sie glücklich ist. Und wenn du zurückkehrst, werden wir
auch wissen, was wir sonst noch vorbereiten müssen.«
»Dann reiten wir also immer noch Richtung
Norden?«
»Ja, ich denke schon. Caradoc wurde gefangen
genommen, das zumindest scheint zu stimmen, obwohl ich denke, dass
das erst vor kürzerer Zeit passiert ist, als Lythas uns glauben
machen wollte. Aber die Nachricht ist in jedem Fall nicht von
Venutios geschickt worden. Darum müssen wir jetzt herausfinden, wie
wir, in dem Wissen, dass Cartimandua uns bereits erwartet, uns
Caradoc am geschicktesten nähern.«
»Und was passiert danach mit Lythas? Was werden wir
mit ihm tun?«
Airmid schüttelte den Kopf. »Danach gibt es keinen
Lythas mehr. Der Überreste von Lythas werden sich die Krähen
annehmen.«
Sorcha war noch wach; sie saß in ihrer kleinen
Hütte in der Nähe des Strandes und stillte ihren Sohn. Groß und von
kräftigem Knochenbau, lebte sie allein für das Meer. Ihre Mutter
stammte aus Belgien, eine entflohene Sklavin. Ihr Vater war ein
Seemann aus Irland gewesen, und er hatte seine Frau sowohl dazu
angetrieben als ihr auch die Mittel und Wege verschafft, um aus dem
Haus, in dem sie zu jenem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahrzehnten
lebte, zu fliehen. Ihre sieben Kinder kamen allesamt auf dem Meer
zur Welt, und sechs von ihnen segelten noch immer darauf. Sorcha
war die Jüngste von ihnen. Ihre Entscheidung, sich auf dem Festland
niederzulassen, hatte sie erst sehr spät gefällt und aus beinahe
dem gleichen Grund, wie ihre Mutter sich einst dem Meer anvertraut
hatte. Sorchas Mann war ein Krieger gewesen und im Frühsommer in
einem Gefecht umgekommen. Seit seinem Tode hatte sie ihre drei
Kinder in der Gesellschaft der wenigen anderen Kinder aufgezogen,
die noch auf Mona geboren wurden und aufwuchsen. Auch steuerte sie
noch immer die Fähre über die Meerenge, so wie sie es Jahr für Jahr
seit der Invasion der Legionen getan hatte.
Breacas Bitte, fortan Graines Amme zu sein, kam sie
mit der gleichen Bereitschaft nach, mit der sie auch das Meer
bereiste. Die Rolle als Mutter fiel ihr nicht schwer, und es
schmerzte sie bereits zu sehen, wie rasch ihr Kind groß wurde.
Außerdem wusste sie tief in ihrem Inneren, was es bedeutete, wenn
ein Mensch das Licht seines Lebens an den Feind verlor, und was
dieser Verlust dem Herzen und dem Verstand zufügte. Sorcha stand
mit dem Rücken zur Wand, während sie mit einem Arm ihr Kind wiegte
und Breaca dabei auf ziemlich die gleiche Art betrachtete, wie sie
die Dünung des Meeres beobachtete.
»Bist du denn auch die Richtige, um dich nun auf
die Suche nach deinem Mann zu machen?«, fragte Sorcha. »Wenn du ihn
erst einmal siehst, wirst du dich nicht mehr zurückhalten können.
Und da sie euch beide wollen, ist das genau der Weg, wie sie dich
kriegen, nämlich, indem sie ihn als Köder benutzen.«
»Airmid kommt mit mir«, entgegnete Breaca. »Sie
verliert nicht so rasch den Verstand.«
»Wirklich?« Sorchas Haar war von einem kupfernen
Rot, ihre Brauen eine Nuance heller, und sie gingen fast unter
zwischen ihren von der Sonne getönten Sommersprossen. Sorcha hob
eine Augenbraue. »Bis sie dich gefangen nehmen. Dann, so würde ich
sagen, reagiert sie noch viel schlimmer.«
»Vielleicht.« Doch diese Gefahr bestand immer,
schwebte über allem. Jeden Tag ging man wieder neue Risiken ein.
Das Risiko, getötet zu werden, gefangen genommen zu werden,
gefoltert zu werden; und jeden Tag bereitete man sich in seinem
Herzen und im Geiste so gut darauf vor, wie es einem nur irgend
möglich war. Wenn aber jemand, den man liebte, genau die gleichen
Risiken auf sich nahm, so konnte man sich auf diese nicht
vorbereiten; das war vollkommen unmöglich. Breaca dachte an Caradoc
und an seine letzten Worte bei ihrem Abschied. Ich liebe dich,
das darfst du nie vergessen. Für deine Freiheit und die unserer
Kinder werde ich alles tun, was auch immer das ist, bis ans Ende
dieser Welt. Zerschmettert lag Breacas Herz im Käfig ihres
Brustkorbs, und kein Wort des Trostes konnte es wieder
zusammenflicken.
Sorchas Hütte war aus grünen, mit Astlöchern
übersäten Eichenbalken gezimmert. Für ein überreiztes, gehetztes
Gemüt, das in allem und jedem nach einem Zeichen suchte, begannen
sich die Astlöcher nun zu bewegen und formten sich zu Bären und
Klingen und gekreuzigten Männern. Breaca starrte gebannt auf die
sich bewegenden Silhouetten, verloren in einer Vergangenheit, die
unwiderruflich dahin war, und in einer Zukunft, die keiner
kannte.
Sorchas Junge schlief an ihrer Brust ein. Ruhig und
geschickt wickelte sie ihn in ein Lammfell und legte ihn zu seinen
Geschwistern auf das Farnkraut in dem Bett mit den hohen
Seitenwänden. Leise, über das Gemurmel der Mutter und ihrer Kinder
hinweg, ertönte eine Glocke: das Signal für die vom Festland
kommende Bitte nach einer Fähre. Sorcha hob ein kleines,
blaugetöntes Stückchen Kalbsleder an und schaute durch die nun
freiliegenden beiden Gucklöcher, die den Blick auf die Molen zu
beiden Seiten der Meerenge freigaben. Dann zog sie an einem Seil
und hievte damit eine Signalflagge nach oben, die man selbst am
gegenüberliegenden Ufer noch erkennen konnte.
»Das ist Ardacos. Er ist jetzt mit seinen Bärinnen
eingetroffen. Wenn er so weit gereist ist, dann sind auch Gwyddhien
und Braint nicht mehr weit.« Sorcha wandte sich wieder um, ihr Kinn
grimmig vorgeschoben. »Damit würden also fünf von euch aufbrechen,
und es wäre nicht einer dabei, der den Verlust des anderen
verschmerzen könnte, ohne dabei gleich den Verstand zu
verlieren.«
»Nein.« Nun spähte auch Breaca durch die
Gucklöcher. Den Blick schließlich wieder auf die Astknoten
gerichtet, entgegnete sie: »Liebe ist nicht immer nur eine
Schwäche.«
Das war Breacas feste Überzeugung. Noch vor dem
Verantwortungsgefühl ihrem Land gegenüber, noch vor den Göttern
oder dem verzweifelten Wunsch, ihr Volk nicht in die Sklaverei
getrieben oder als Diener Roms enden zu sehen, war es die Liebe,
die Breacas Leben seinen Sinn verlieh, und wenn auch alles andere
zusammenstürzen sollte, so würde doch immer noch diese Liebe
überleben. In den Jahren, bevor sie Caradoc begegnet war, war
Ardacos ihr Liebhaber gewesen, und lange vor ihm war Airmid ihre
erste große Liebe gewesen. Nun war Ardacos Braints Liebhaber, so
wie Gwyddhien die Geliebte von Airmid war, und sie alle vier hatten
sich mit ihrem Leben der Bodicea verschworen, ihr zu dienen und sie
zu beschützen, bis in den Tod und sogar noch darüber hinaus. Es war
unmöglich, das Netz der miteinander verwobenen Herzen nun noch
wieder zu entwirren. Doch war dies auch niemandes Wunsch. Allein
ein Fremder könnte sich noch dieses Soges erwehren, doch konnte
zugleich keinem Fremden jemals die nun anstehende Aufgabe
anvertraut werden.
Die Fährfrau nahm ihren Umhang von einem Haken an
der Wand. Mit ihren breiten, von Wind und Wetter aufgerauten
Fingern warf sie ihn sich über die rechte Schulter. An der Tür,
nachdem sie sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf hatte gehen
lassen, hielt Sorcha jedoch inne und sagte: »Aber vergiss nicht,
während du fort bist, dass noch mehr Menschenleben davon abhängen,
dass du am Leben bleibst und weiterkämpfst, als dieser eine Mann.
Und auch seinem Andenken würde man keine Ehre erweisen, wenn ein
ganzes Land und sein Volk allein deshalb verloren wären, weil er
nicht mehr ist.«
Das Land der Briganter war grau. In den
Niederungen leckte grauer Nebel über öde, graue Felsen. In den
Bergen, die sich jedoch nirgends so hoch erhoben wie die
atemberaubenden, vom Schnee hell glänzenden Gipfel im Westen,
wühlten graue Gebirgsbäche den mit Sediment durchsetzten Schlamm
auf. Sie durchweichten das am Boden liegende Feuerholz, so dass
Breaca und ihre Begleiter in den letzten beiden Nächten ihrer
fünftägigen Reise die Hasen und kleinen Fische, die Ardacos
erlegte, roh essen mussten. Zudem schliefen sie nur noch aufrecht
sitzend und jeweils zu zweit - Rücken an Rücken teilten sie auf
diese Weise ihre Umhänge und die Wärme ihrer Körper
miteinander.
Sie waren insgesamt dreizehn: jene fünf, von denen
Sorcha bereits gesprochen hatte, zwei von Gwyddhiens Silurern und
fünf aufgrund ihrer Geschicklichkeit im Jagen handverlesene
Bärenkrieger. Die Dreizehnte war Tethis, eine Cousine von Ardacos,
die gerade erst ihre langen Nächte in der Einsamkeit absolviert und
sich noch nicht im Kampf bewährt hatte. Zu Anfang war nicht so ganz
klar zu erkennen gewesen, warum sie sich überhaupt der Gruppe
anschloss, doch es war schließlich Ardacos, der sie mitgebracht
hatte, und niemand widersetzte sich dem. Am fünften Tage aber
erfuhren sie schließlich, warum Tethis mit ihnen gekommen
war.
Die ganze Reise über hatten Breaca und diejenigen,
die ihr am nächsten standen, die verschiedenen Möglichkeiten
erörtert, wie sie Caradoc ausfindig machen und ihn anschließend
befreien würden. Ein jeder von ihnen war der Ansicht gewesen, dass
nur er allein in der Lage sein würde, in das weitläufige Lager am
Nordfluss, wo die Briganter ihre Feuer und das Essen mit den drei
Kohorten der Vierzehnten Legion teilten, einzudringen. Ein
gemeinsamer Angriff war ausgeschlossen, und der einzig gangbare Weg
war der heimliche. Doch blieb noch immer die Frage offen, wer sich
in das Lager hineinwagen sollte und wie sie es am geschicktesten
vermieden, gefangen genommen zu werden. Breaca konnte sich
unmöglich dort hineinwagen, denn in diesem einen Punkt waren sich
alle einig: Ihre Größe und ihre Haarfarbe waren dem Feind schon
viel zu bekannt, und es gab auf der ganzen Welt keine Tarnung, die
sie ausreichend verhüllen könnte, wenn die Briganter gerade sie
erwarteten. Die anderen besaßen zwar nicht unbedingt den
Bekanntheitsgrad von Breaca, doch tatsächlich waren auch sie dem
Feind bekannt, so dass keiner von ihnen als Römer oder als
Briganter durchgehen konnte. Tethis hatte bis dahin den Älteren und
denjenigen mit mehr Erfahrung im Kampf als sie lediglich still ihre
Hochachtung gezollt und nichts gesagt. Bis zum Morgen des fünften
Tages, als die ganze Gruppe auf einer Hügelkuppe und in Sichtweise
des feindlichen Lagers lag und noch immer keinen Weg gefunden
hatte, um das zu tun, was getan werden musste. Erst in diesem
Moment offenbarte Tethis ihr Geschick.
Sie war im Land der Kaledonier geboren und
aufgewachsen, hoch oben im Norden, und hatte bis zu jenem Tag noch
nie einen Fuß auf ein Schlachtfeld gesetzt. Keiner, weder die
Briganter noch die Römer, hatte sie also schon jemals gesehen.
Überdies war sie von dem kleinen Wuchs und hatte den dunklen Teint
der Vorfahren, so dass sie, mit ein wenig Vorbereitung, als eines
der brigantischen Mädchen durchgehen konnte, die noch nicht das
Erwachsenenalter erreicht hatten. Gekleidet in lediglich eine mit
einem Lederriemen zusammengebundene Tunika, mit ihren
schlammverschmierten Beinen und dem offenen Haar, wurde sie rasch
zu lediglich einer weiteren der vielen Gören, die man ungestraft
einfach schelten und zurück aufs Feld schicken konnte, oder die
man, sofern sie sich in der Nähe des römischen Lagers aufhielt, als
Botin einspannen konnte, die man mit ein paar angelaufenen
Kupfermünzen bezahlte und später vielleicht in ein Zelt lockte, um
dort Arbeiten zu verrichten, die noch nicht einmal mehr bezahlt
wurden.
Vor ihnen vollzog sich also gerade die Verwandlung
von der Kriegerin zur Rotzgöre, und selbst Braint - die bereits
etwas Ähnliches vorgehabt hatte, wenn auch mit wesentlich weniger
Aussicht auf Erfolg - musste einsehen, dass in Tethis ihre größte,
wenn nicht gar ihre einzige Hoffnung darauf lag, an Caradoc
heranzukommen. Die Streitereien waren also beigelegt worden, und
kurz vor Einbruch der Morgendämmerung hatte das Mädchen sie
verlassen und war den gräulichen Hügel hinabgerannt, um
anschließend in jenem Flussnebel zu verschwinden, der das
geräuschvolle Chaos des Lagers verbarg.
Den ganzen langen Tag über warteten sie, zwölf
kampferprobte Kriegerinnen und Krieger, während ein junges Mädchen,
das sich noch nicht einmal seinen ersten Speer verdient hatte, sich
allein unter eintausend Legionssoldaten und noch dreimal so vielen
feindlichen Kriegern bewegte. Erschöpft, frustriert und von ihrer
eigenen Ungeduld beinahe bei lebendigem Leibe aufgefressen, lag
Breaca auf ihrem Umhang auf einem Vorsprung aus bröckeligem
Schiefer, verborgen unter dem Schleier von absterbendem Farnkraut,
das von dem über ihr aufragenden Hügel herabhing. Trotz mehrerer
Lagen Wolle gruben sich scharfe Felskanten in ihr Fleisch, und
schon bald krabbelten aus dem Farn auch die Insekten des Herbstes
heraus, um die unverhüllten Fleckchen von Breacas Haut zu erkunden.
Vor Breacas Gesicht erstreckte sich eine Ameisenstraße von der
Breite einer Hand. Nach einer Weile, ganz einfach nur, um den
stetigen Angriffen auf ihren Körper ein Ende zu setzen, begann
Breaca, um Regen zu beten.
Der Rest der Gruppe hatte es auch nicht bequemer.
Schräg unter ihr, zu ihrer Rechten, lagen Braint und Ardacos dicht
beieinander, jeder auf einem ganz ähnlichen Felsvorsprung
ausgestreckt wie Breaca. Auch die anderen lagen in Rufweite, hatten
sich Hasenkuhlen in den feuchten Farn gegraben oder sich auf den
steinigen Felsvorsprüngen, die es in dieser Landschaft überall gab,
bäuchlings hingelegt wie Breaca. Man konnte sich aussuchen, ob man
lieber weich, aber nass liegen wollte, oder ob man lieber trocken
blieb, dafür aber kalten, harten Untergrund in Kauf nehmen musste.
In beiden Fällen jedoch zog sich der Tag derart in die Länge, dass
sie dadurch an die Grenzen ihres Durchhaltevermögens stießen.
Aber es gab auch einige Möglichkeiten, um sich die
Zeit zu vertreiben. Breaca zählte die Krähen, die wie zerrissene
Lumpen im Wind flatterten und sich taumelnd zu dem Aas der unter
ihnen erhängten Krieger niedersinken ließen. Am Nachmittag, als der
Wind von Osten her aufzog und den Gestank der an der Hügelkette
aufgereihten Leichen herüberwehte, so dass er die verborgenen
Beobachter würgen ließ, verlegte sich Breaca darauf, die Toten zu
zählen und sie voneinander zu unterscheiden, unter ihnen die Männer
und die Frauen auszumachen, die Erwachsenen von den Kindern zu
trennen und die Hellhaarigen von den Dunklen. Sie befanden sich ein
ganzes Stück von ihr entfernt und hatten schon einige Tage dort so
im Wind gehangen. Breaca musste sie immer wieder zählen und kam
doch keine zweimal auf die gleiche Anzahl. Diese Anstrengung jedoch
hielt sie wach, und sie blieb aufmerksam, während sie jeden
Augenblick die herausfordernden Rufe und das Waffengeklirr
erwartete, die bedeuteten, dass Tethis versagt hatte.
»Sie kommt!«
Ardacos hatte seinen Platz seit dem Morgen etwas
verlagert. Er sprach nun aus dem Farngebüsch zu Breacas Linker
heraus. Einen Augenblick später erhob er den Kopf, so dass Breaca
ihn nun auch sehen konnte. Er war nackt bis auf den Gürtel und
einen Lendenschurz aus Bärenfell, und sein Körper glänzte leicht
von dem Gänsefett, mit dem er sich zum Schutz vor der Kälte
eingerieben hatte. Er rückte näher an Breaca heran, bewegte sich
dabei wie Wasser, das sich über einen Fels ergießt, und für einen
kurzen Moment überlagerte sein Geruch sogar den Gestank der
Verwesung, die sich aus dem Tal erhob. Sein Gesicht war gezeichnet
und verwittert von vier Jahrzehnten, in denen er sich der Kälte und
dem beißenden Wind ausgesetzt hatte, und sein Lächeln war eine sehr
seltene Geste, wie ein kleines Geschenk, und erst nach Jahren in
Ardacos’ engster Umgebung hatte Breaca gelernt, dieses Lächeln zu
lesen. So wie er jetzt lächelte, war es die Einstimmung auf eine
bald folgende Enttäuschung.
»Sie ist schon halb oben und allein«, sagte er.
»Siehst du... da.« Er deutete nach Süden. Kurz erzitterte das
Farnkraut auf dem Hang, dann war es wieder still. Ein jagender
Fuchs hätte eine solche Bewegung verursachen können oder auch ein
Dachs, bei einem Ausflug ans Tageslicht. Ardacos keckerte wie ein
aufgebrachter Hermelin und erhielt eine ebensolche Antwort.
Dann kam Tethis die letzten Schritte heraufgerannt.
Sie war allein, sah aber weder hoffnungsvoll noch erfreut
aus.
»Es interessiert mich nicht, was er sagt. Wir
werden ihn da rausholen.«
»Nein. Er kann nicht befreit werden.«
»Er kann. Wir haben nur noch nicht herausgefunden,
wie. Einer von uns sollte sich hineinschleichen und sich nachts,
wenn weniger Wachen aufgestellt sind, noch einmal umsehen.«
Mittlerweile war die Abenddämmerung heraufgezogen.
Sie waren auf die andere Seite des Hügels gewandert, außer
Sichtweite des Lagers und auf der vom Wind abgewandten Seite, der
plötzlich aufgefrischt war und den Farn flach niedergedrückt hatte.
Die Bärenkrieger und Gwyddhiens Silurer hielten in einem
geschlossenen Kreis Wache. Die fünf anderen und Tethis blieben in
der Mitte. Das Mädchen hatte ein wenig trockenes Feuerholz
mitgebracht, und dieses zu sammeln war auch der Grund gewesen,
weshalb sie das Lager verlassen hatte. Ardacos hatte eine kleine
Feuerkuhle gegraben, und sie verbrannten das Holz allein der Wärme
wegen. Keiner von ihnen hätte jetzt einen Bissen zu essen
herunterbekommen.
Aus der Kuhle erstrahlte ein orangefarbener Schein.
In seinem Licht war zu erkennen, dass sie alle mittlerweile viel zu
blass waren und viel zu mitgenommen. Breaca zog ihr Messer über
ihren Schleifstein, ein rhythmisches Schleifen und Kratzen, das
sich jedoch sogleich wieder im Wind verlor. Ohne diese Art der
Betätigung hätte sie sich zwingend erheben müssen, um ein paar
Schritte zu gehen, um durch den Farn zu streifen, um zu rennen, um
ihre Klinge zu ziehen und zur Not sogar nur einhändig die Reihen
der Wachposten anzugreifen, die zwischen ihr und dem weit
entfernten Zelt standen, das sie nun als jenes hatten
identifizieren können, in dem sich Caradoc befand.
Breaca saß am Feuer, direkt gegenüber von Tethis.
Das Mädchen war klein, kompakt, nachdenklich und offensichtlich
tief bewegt von dem, was sie gesehen hatte. Sie kaute auf ihrer
Unterlippe und grübelte darüber nach, was sie als Nächstes sagen
sollte. Ardacos stellte eine Frage in der nördlichen Sprache, die
keiner der anderen verstand und die nur abgehackt beantwortet
wurde. Breaca konnte nur den Namen von Cartimandua verstehen, der
zweimal mit aus tiefstem Herzen empfundenem Hass ausgesprochen
wurde. In dem Rest der Worte schwangen Überraschung, nachdrückliche
Zustimmung und eine nüchterne Gewissheit mit, aber keine
Hoffnung.
Am Ende verfielen sie alle in tiefes Schweigen, bis
Ardacos, der seine Worte sehr sorgfältig wählte, schließlich sagte:
»Sie will dir dies nicht erzählen, weil sie Angst hat, es würde
deinen Kummer nur noch vergrößern, aber ich denke, du musst es
einfach wissen. Das Zelt, in dem sie Caradoc gefangen halten, liegt
auf einem Felsvorsprung. Sie haben ihn mit Ketten um seinen Hals
und um seine Fußgelenke daran gefesselt. Du könntest ihn nur
befreien, wenn du gleichzeitig einen Schmied mitnähmst, der dann
auch noch Zeit genug hätte, die Eisenketten aufzubrechen. Außerdem
schlafen in dem Zelt noch acht Legionssoldaten, von denen je zwei
zur gleichen Zeit wach sind. Sie sitzen direkt bei ihm, unterhalten
sich mit ihm oder beobachten ihn, wie er schläft. Jede seiner
Bewegungen - jede - wird genau beobachtet.« In Ardacos’ Innerem war
ein großer Kummer zu erahnen, größer als jeder, den Breaca jemals
bei ihm entdeckt hatte. »Es tut mir Leid«, sagte er. »Tethis hat
Recht. Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu befreien.«
»Es muss aber eine geben. Sie hat es nur noch nicht
herausgefunden. Frag sie, woher sie das wissen will.«
»Das habe ich sie schon gefragt. Sie hat ihm seine
Mahlzeit gebracht. Und sie hat mit ihm gesprochen, während er aß.«
Ardacos hielt einen Augenblick inne. Er blickte erst Airmid,
Gwyddhien und Braint an, ehe er Breaca in die Augen sah. Was auch
immer er in den Augen der anderen entdeckt haben mochte, es verlieh
ihm offenbar die Kraft fortzufahren. Als Letzte von allen schaute
er nun also Breaca an: »Tethis hatte ihm den Tod angeboten. Das war
alles, was sie ihm geben konnte. Sie hatte ein Messer bei sich und
hätte es gegen ihn verwenden können - und dann gegen sich selbst -,
ehe die Soldaten sie packen konnten. Sie hätte das getan. Für ihn
und für dich.«
Eisige Kälte schlug einer Woge gleich über Breaca
zusammen, schwarzes, sich unaufhaltsam ausbreitendes Eis sog die
Wärme und das innere Feuer aus ihrem Körper. Es kostete sie mehr
Mut, als sie jemals geglaubt hätte, zu fragen: »Warum hat sie es
dann nicht getan?«
»Er hat es ihr verboten. Denn die Römer haben
Geiseln. Sie haben Cunomar und Cygfa lebend gefangen und auch
Cwmfen. Sie halten sie an einem anderen Ort versteckt. Caradoc hat
sie gesehen, und sie haben ihn kurz mit Cwmfen sprechen lassen.
Daher wusste er, dass sie ihr noch nichts getan hatten, aber er
weiß nicht, wo sie sich jetzt aufhalten, oder wie es Cygfa geht
oder Cunomar.«
Cunomar. Das Kind ihres Herzens, der Geist
der Götter mit dem seidenweichen Haar. Breaca hatte geglaubt, dass
er bei Dubornos in Sicherheit wäre, dass er sich mittlerweile auf
Mona befände und bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Mutter
irgendwann einmal heimkehren würde, auf seine Schwester aufpasste.
Doch Breacas Verstand ergriff schützend die Oberhand, und die Logik
erhob sich über den alles umschlingenden Schmerz. »Wenn Caradoc
stirbt«, sagte sie, »dann sterben sie alle. Allerdings werden sie
auch so sterben. Er hätte also annehmen sollen, was Tethis ihm
angeboten hat.«
»Nein.« Ardacos schüttelte den Kopf. Er versuchte
zu sprechen, hielt dann aber inne und schluckte trocken, und Breaca
hatte schon beinahe ihre Arme nach ihm ausstrecken wollen, um die
Worte endlich aus ihm herauszuziehen, als er schließlich mit
heiserer Stimme sagte: »Es ist noch weitaus schlimmer als das. Wenn
Caradoc stirbt, werden sie weiterleben, das steht fest. Sie werden
dann nach Rom gebracht und in einem unterirdischen Verlies gefangen
gehalten, werden niemals mehr das Tageslicht sehen oder frei
fließendes Wasser, werden niemals mehr sehen, wie der Mond aufgeht.
Das war Cartimanduas Idee. Sie weiß, dass ein Krieger sich nicht
davor fürchtet zu sterben, egal, wie schlimm die Umstände seines
Todes auch sein mögen, aber dass es für ihn undenkbar ist, ein
Leben lang in einem Haus leben zu müssen, wie sie in Rom erbaut
werden, ohne die Erde sehen zu können, den Himmel, die Sterne. Das
aber haben sie Caradoc in Aussicht gestellt, und er glaubt ihnen.
Er wird also am Leben bleiben, um letztendlich seinen Tod und den
der ihren zu erkaufen, egal, zu welchem Preis.«
Caradoc. Cunomar. Cygfa, die ihr wiedergeborener
Vater war in der Gestalt einer Frau. Wie betäubt antwortete
Breaca: »Sie werden ihn kreuzigen. Sie alle. Sie werden sie nach
Rom verschleppen und dort ein wahres Spektakel um sie herum
veranstalten. Alle fünf, einer nach dem anderen mit jeweils einem
Tag dazwischen, Caradoc als Letzter.«
»Ja. Das glaubt er auch.«
Es war einfach zu viel. Wie der Hornstoß zum
Rückzug bäumte sich der Schmerz in Breacas Innerem auf. Er wuchs
von ihrem Bauch in ihre Brust hinein, fraß die Luft, die sie
einatmete, auf, bis Breaca nur noch wie durch ein schmales
Schilfrohr atmen konnte und zum Schluss noch nicht einmal mehr das.
Der Schmerz umschnürte ihren Hals, ließ sie würgen, ließ ihre Zunge
anschwellen und verschloss ihren Mund. Dann kroch er durch ihre
Wangen hinauf, ließ ihre Augen austrocknen, nahm ihr sogar die
Erleichterung der Tränen. Breaca spitzte den Mund, um
Caradoc zu sagen und Cunomar, doch kein Laut
entschlüpfte ihren Lippen.
Um Breaca herum herrschte Schweigen. Keiner wagte
es zu sprechen oder hatte eine Idee, was er sagen sollte. Es gab
einfach nichts zu sagen. Ein flüsternde Stimme, die Breaca später
als ihre eigene erkannte, sagte: »Hail war bei ihnen. Er hatte
Cunomar bewacht.«
Hail. Ein weiterer Name in der Litanei des
Verlustes und des Todes. Ardacos weinte. Breaca hatte ihn noch nie
weinen gesehen, doch strömten nun seine Tränen, wo Breacas es nicht
konnten. Breaca sah sich um und entdeckte auch in den Augen der
anderen Tränen. Bei Airmid, Gwyddhien, Braint: ein Glänzen in den
Augen, das im Feuerschein schließlich überfloss wie Harz aus einer
angeschnittenen Rinde. Nur Tethis, die Hail nicht gekannt hatte und
deren Verschlossenheit, deren Blässe nun endlich einen Sinn
ergaben, weinte nicht. Für sie und weil niemand anderes es ihr
erklären wollte, sagte Breaca: »Er war mein Kampfhund. Hail. Wenn
sie Cunomar gefangen genommen haben, dann muss er tot sein.«
Mit gepresster Stimme antwortete das Mädchen: »Das
ist er. Ich soll euch sagen, dass er im Kampf gefallen ist - als er
Cunomar beschützen wollte - und dass Dubornos das rituelle
Bittgebet für ihn gesungen hat. Es war seine Stimme, die wir in den
Tälern gehört haben, als wir das Schlachtfeld an der Lachsfalle
verließen.«
Ich werde eine solch grausame Vergeltung über
sie hereinbrechen lassen… Aber welchen Sinn machte Rache noch,
wenn die Welt in Trümmern lag und alles verloren war? Breacas Herz
hörte für einen Augenblick auf zu schlagen. Als es wieder einsetzte
und sie wieder sprechen konnte, fragte sie: »Wer hat ihn getötet?
Weiß man das?«
»Der Dekurio der Thrakischen Kavallerie. Derjenige,
der den Schecken reitet.«
Breaca hatte nicht gewusst, was es bedeutete,
wirklich zu hassen. Nun aber wusste sie es, kannte den Hass,
vollkommen klar und rein und lebendig mit seinem ganz eigenen Sinn.
Sie hörte ihn sogar deutlich in ihrer Stimme mitschwingen, als sie
sagte: »Dann wird er sterben, und Scapula mit ihm. Sie haben noch
nicht gesiegt. Sie werden niemals siegen.«
»Caradoc hat gesagt, dass du das sagen würdest. Das
war seine Nachricht an dich: Niemals zuzulassen, dass sie siegen.
Und ich soll dir auch noch ausrichten, dass er dich liebt, dass du
sein erster und sein letzter Gedanke bist, bis in alle
Ewigkeit.«