Denselben Kampfinstinkt rastloser Lebenstriebe.

Gleichwerth sind durchaus dem Menschen Haß und Liebe.

 

Zwischen zwei Polen liegt die wahre Weltbetrachtung:

Willensverneinung und entschlossene Weltverachtung,

Leben in der Idee, – oder die ungezähmte

Willensentfesselung, die brünstig nie beschämte

Weltlustanbetung. Ach, den Durst sie nimmer stillt,

Wie nur mit wüstem Rausch Salzwassertrunk erfüllt

Die dürstenden Matrosen, beim Sturm im Boot verschlagen,

Bis cannibalisch sie sich hungernd selbst benagen.

 

»Nein, das geht nun und nimmer an!« brach Feichseler los. »Ist denn das noch Poesie? Das ist gereimte Prosa. Wer das drucken lassen kann, ist kein Lyriker und auch kein Vollblutdichter. Das ist ein Mensch, der rastlos mit dem Verstande arbeitet!«

Unter allgemeinem Beifallsgemurmel ließ sich da wiederum Krastiniks Stimme vernehmen: »Ich bin andrer Ansicht, Herr Doktor. Mir ist diese gereimte Prosa lieber, als ganze Fuder Gelbveigelein-Lyrik. Auch glaube ich gar nicht, daß Leonhart ein Lyriker sein will. Solche historische Hieroglyphen wie diese kritzelt er so nebenbei tagebuchartig aufs Papier, wie ein Andrer seine Einnahmen und Ausgaben bucht. Er will damit gar nicht künstlerisch wirken, sondern schleudert nur so wie die Natur überflüssige Schlacken von sich ab, wie die Lawine aufs Schneefeld stürzt, um im Abgrund zu verdonnern.«

»Er blendet Sie, mein lieber Herr Graf,« trumpfte Wurmb mit sauersüßer Miene ab. Der naseweise Lämmerschreyer aber meinte gewichtig: »Ein Sänger der Freiheit und der Noth des vierten Standes wie Anno Buchsbaum steht mir viel höher.«

»Ach, dieser Brave!« lachte Krastinik auf. »Dieser undankbare Streber! Da hab' ich nun zufällig bei Leonhart allerlei Dinge Schwarz auf Weiß gesehn. Schreibt dieser Mensch ein vernichtendes Schmähgedicht auf den Ghaselendichter X. und richtet nachher an diesen einflußreichen Würdegreis einen demüthigen Abbittebrief, worin er in ergreifenden Worten um Entschuldigung bat und schmerzlich beklagte, daß Herr Leonhart sich erfrecht habe, das Gedicht später bei einem Ausfall auf X. zu citiren, um seiner eigenen Gehässigkeit eine Würde dadurch zu geben!! Diese bodenlose Unverschämtheit, verbunden mit Feigheit und Perfidie, richtet sich selbst und möchte ich überhaupt meine Hände über diese jugendliche Clique in Unschuld waschen.«

»Zu welcher Clique doch Leonhart selbst gehört,« fiel Feichseler ein. »Ach, Holbach, haben Sie endlich eingesehn, was eigentlich an diesen Kerls daran ist, sammt Ihrem Freund Leonhart?«

»Leider ja! Ich überzeuge mich mehr und mehr!« gestand Holbach mit einem tiefgefühlten Seufzer.

Die Adern auf Krastiniks breiter Stirn schwollen bedenklich. »Wovon überzeugen Sie sich?« fragte er scharf. »Wenn Sie sich einen Duz- und Busenfreund Leonharts nennen und denselben, wie Sie mir schon mehrmals sagten, so oft gegen seine Feinde vertheidigen, so sollten Sie doch am besten wissen, daß Leonhart jede nähere Gemeinschaft mit dieser Rotte ablehnt.«

»Hm, Sie gehn denn doch etwas stark für meinen Freund Federigo ins Zeug. Er ist ja ein bedeutender Mensch – hm!« Er machte eine Pause in der Hoffnung, daß Jemand widerspreche, um dann eiligst gehörige Einschränkungen zuzufügen. Es meldete sich aber Niemand. »Allein, er hat doch auch viel von einem Streber.«

»Möglich. Ein Genie ohne eine gewisse Streberhaftigkeit (ich erinnere an Richard Wagner) ist ebenso undenkbar, wie ein großer Mann der That ohne Opportunismus und despotische Gesinnung. Dieser Naturtrieb wird zu einer Tugend. Denn das Genie fühlt instinktiv, daß es sich ja nicht zu dem, was es werden soll, entwickeln könne ohne äußeren Erfolg. Und seine Entwickelung scheint ihm identisch mit der Entwickelung seiner Kunst oder Wissenschaft. Daher glaube ich ebensowenig, wie an ein sogenanntes ›faules Genie‹ (Genie ist Fleiß), an ein Genie, das nicht in gewissem Sinne erfolgsüchtig ist, weit mehr als ruhmsüchtig. Denn der Ruhm im höheren Sinne des Wortes scheint ja dem Genie ohnehin erb- und eigenthümlich.«

»Sie sagen immer ›Genie, Genies‹!« warf Lämmerschreyer giftig ein. »Sie wollen doch wohl Leonhart kein Genie nennen? Sieht der wie ein Genie, wie ein Goethe aus? Dieser Knirps!«

Eine etwas unwillige Bewegung ging durch die Versammlung. Solche knabenhafte Dummdreistigkeit verwundete denn doch selbst die Anwesenden, zumal drei darunter selbst von unansehnlicher Gestalt waren. Krastinik lachte heiter auf:

»Famos, lieber Herr! Deswegen waren auch Napoleon, Cromwell, Friedrich, Byron, Luther, Richard Wagner, Michel Angelo, Mozart, Gambetta, Victor Hugo solche Hünengestalten, nicht wahr? Machen Sie sich nicht lächerlich! Jaja! ›Sieht Er, mit solcher Kanaille muß Ich mich herumschlagen!‹ Aber der brave Pandur, der auf den Helden des Jahrhunderts die Flinte anlegte, sah nur einen gar kleinen Mann in schmutzigem Anzug mit Krückstock und Schnupftabaksdose. ›Kein Held ist ein Held für seinen Lakaien‹ noch für Lakaien überhaupt. Aber bei wem die Schuld, beim Helden oder beim Lakaien?«

Eine betretene Pause folgte, welche Luckner mit dem Ausruf brach: »Ei, ei, Herr Graf, Sie treiben ja mit Leonhart die reine Carlyle'sche Heroenverehrung!«

»Pardon, wenn ich etwas erregt sprach!« entschuldigte sich der Graf gemessen. »Alles begreife ich. Aber die Keckheit, womit der Gewöhnliche über den Ungewöhnlichen urtheilt und an Ausnahmenaturen denselben Maßstab legt, wie an den Dutzendmenschen, ohne je die menschlichen Schwächen der Größe psychologisch zu begreifen – diese Keckheit allerdings verstehe ich nicht. Wenn man mir bewiese, Shakespeare habe gestohlen, so würde ich mich ehrerbietig jedes Urtheils enthalten.«

Holbach zuckte die Achseln. »Sie ziehen aber so übertriebene Beispiele heran! Was heißt Genie!«

»Ja, das frage ich Sie!« erwiderte Krastinik kalt. »Wie nennt man heut Mittelmäßigkeit? Reife. Was heißt Genie? ›Sturm und Drang‹. Und was heißt heut überhaupt so Manches! Was heißt Freundschaft?« Er warf einen anzüglichen Seitenblick. »Die Fehler und Schwächen eines Menschen durch genauere Kenntniß desselben ausspähen. Was heißt Dankbarkeit? Sich durch die Erinnerung empfangener Dienste belästigt fühlen.«

»Ach, ich verstehe. Leonhart wird Ihnen da wieder allerlei vorgegaukelt haben!« Wurmb schob nervös seine Brille zurecht. »Und er selbst – ich könnte Ihnen Wunderdinge –«

»Ach, lieber nicht!« wehrte Jener kühl ab. »Dergleichen kenne ich. O Gott, wenn künftige Goethe-Pfaffen mit ähnlicher Beharrlichkeit auch in modernsten Waschzetteln wühlen sollten! Der Muthigste schaudere bei diesem Gedanken! Was wird nicht alles zusammengeklatscht! Denn das auszeichnendste Merkmal des Durchschnittsmenschen bilden Klatschsucht und Verlogenheit. Alles wird gelenkt von einem großen Gesetz der Lüge. Wer dem Trieb der Selbsterhaltung gehorcht, dämmt übersprudelnden Wahrheitsdrang. Müßte man nicht ein Engel oder ein – Esel sein, um stets zu sagen, was man denkt? Leonhart ist zu nervös aufrichtig, allerdings. Jede Verstellung ist ihm fremd, jede lebenskluge Vorsicht liegt ihm fern und er selbst entfesselt meist die Verleumdung durch seine Unvorsichtigkeit. – Glauben Sie nicht,« fuhr der Graf nach einer Pause fort, »daß ich Incorrektheiten Leonharts bezweifele. Aber der eigentliche Kern seines Wesens ist hochherzig und edel. Seine Richtschnur wird ewig bleiben: Die Gerechtigkeit, und das ist die schwerste Tugend. Strebe am ersten nach ihr und alles andere wird Dir von selber zufallen! Ja, diese strenge königliche Tugend schleicht auf Erden als Aschenbrödel umher. Niemand will sie. Lobt sie, war's nie genug; tadelt sie, heißt sie gehässig. So kommt es, daß man den Gerechten am leichtesten der Widersprüche zeihen kann. Was schimpfen Sie über seine Herbheit und rücksichtslose Schärfe! Seine strenge Schroffheit ist eine natürliche Folge gerechter Verbitterung. Haben seine lieben Mitmenschen nicht von der alles aufgeboten was in ihren Kräften stand, um das Aufstreben niederzuducken? Müßte er nicht mit Fug und Recht allen heimzahlen, was man an ihm verbrach, wenn nicht seine Verachtung stets seinen Haß im Keim blickte?«

»Sie überschätzen ihn, Sie überschätzen ihn kolossal!« sagte Wurmb erregt. »In vieler Beziehung tappt er umher wie ein unreifer Knabe. Man hört da kaum glaubliche Sachen von einem Verhältniß mit einem bemakelten Frauenzimmer in einer Weiberkneipe, die sich nichts aus mir macht und die er sogar heirathen wollte, um die bekannte ›Rettung‹ an ihr zu verüben. Entweder ist dies eine männliche Sinnlichkeit oder kindische Sentimentalität.« »Wenn ...« Er brach plötzlich ab und erröthete, man wußte nicht warum. Drückte ihn vielleicht gerade auf der Brust ein Briefchen mit einer Freiherrnkrone, wo eine lustrümpfelnde »Adah Freiin von Geisenheim«, geborene »Freiin von Ratzko« ihm den Laufpaß gab, weil er ihr so wärmerisch anbot, mit ihr vor seiner Frau und seinen andern nach Amerika zu entfliehn? Und sie hatte ihn doch bloß als Redacteur benutzen wollen, aus der Distance kokettirend!

»Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Philosophie,« Krastinik daß sich auf die Lippen, um nicht hellaufzulachen. »Ich sah noch Keinen, der nicht die Leiden und Leidenschaften anderer recht mit philosophischer Geduld belächelt hätte, noch Keinen, der diese Geduld an sich selber erprobte. Uebrigens, die Mutter der Weisheit ist doch nun mal die Thorheit. Nur aus Most und Wein.«

»O o! Ich bitt' Sie, wo bleibt aber da die Moral?« zeterte Feichseler. »Wozu soll das fuhren! Untergrabung aller altdeutschen Sittlichkeit, Abklatsch der Pariser Verhältnisse! Schämt sich dieser Leonhart denn nicht, falls er wirklich so genial ist, die Gesellschaft verbuhlter Hetären zu frequentiren? Warum gründet er sich nicht eine germanische Häuslichkeit mit einer gebildeten Jungfrau? Ist es nicht eine wahre Schande, daß er die Geschöpfe der Straße litteraturfähig macht? Will er etwa die sociale Frage lösen, indem er ›Arme Mädchen‹ studirt wie Herr Lindau? Pfui, pfui darüber!«

»Hm,« erwiderte der Vertheidiger trocken. »Warum er nicht heirathet, weiß ich nicht. Vermuthlich, weil er kein Geld dazu hat. Warum er ces dames studirt und in seine Bücher bringt, weiß ich. Das sind allen Ernstes nur dichterische und ästhetische Gründe: um die Leidenschaft und die Noth an der abgründigsten Wurzel bloß zulegen. Warum er persönlich an solchen Damen Gefallen findet (so etwas kommt bei uns nicht vor, nicht wahr meine Herrschaften?), weiß ich ebenfalls. Vermuthlich, weil er sie interessanter findet als die langweiligen und dabei prätentiösen Puten des Salons. Wen in aller Welt das Alles übrigens etwas angeht, weiß ich nicht Wohl aber weiß ich, wenn er wirklich irrsinnig genug war einem solchen Weibe seine Hand anzubieten, daß dies weder aus Sinnlichkeit noch aus Sentimentalität geschehen sein kann. Denn er ist mäßig sinnlich und gar nicht sentimental. Obschon ich ihn vermuthlich näher kenne, als die Leute, die über ihn schwatzen, so vermesse ich mich nicht, über seine Motive zu urtheilen. Jeder Mensch hat seine inneren Geheimnisse, die kein Anderer kennt; sich da hineinzudrängen ist roh und dumm, gegenüber einem bedeutenden Menschen aber obendrein frech und infam.«

»Aber ich bitte Sie, schon allein der Skandal, wenn er das Weib wirklich heirathete! Dies schlechte Beispiel –« Feichseler brach ab und erröthete, man wußte warum. Denn die guten Freunde stießen sich bereits unterm Tische an. Behauptete doch der Stadtklatsch, Ottokar habe selbst die ideologische Narrethei begangen, eine Bemakelte zu retten und eine frühere femme entretenue zur Würde einer Frau von Feichseler zu erheben! Natürlich aus rein ätherischem Idealismus, da die junonischen Reize der schönen Frau unmöglich einen Philosophen wie Feichseler hätten verblenden können!

»Nun, Leonhart scheint immerhin ein ungewöhnlicher Mensch und eine liebenswürdige Natur. Aber er ist allzu bissig und dann – auch noch etwas grün. Das heißt –«

»Scheint mir auch,« ergänzte Gutmann bedächtig. »Ich kenne ihn ja auch. Er aß einige Mal bei uns. Noch vor einem halben Jahr machte er mir einen Gegenbesuch und aß etwas bei uns. Er erinnert mich an Aurelie von Fellmarch. Sie wissen: die so oft bei uns aß und nachher solche Bosheiten über mich, meine Frau und das Kind geschrieben hat! Ja ja, der Leonhart wird noch älter werden. Wie wird er in zwölf Jahren an sich selber denken!«

»Ich kann mir nicht helfen,« warf jedoch Wurmb hin. »Ich halte Leonhart für einen unsrer gefährlichen Kujone. Ein furchtbarer Streber, der mit allen Mitteln vorwärts jagt und rücksichtslos niedertritt, was ihm den Weg versperrt.«

Krastinik erhob sich mit ironischen Lächeln. Es wird spät und ich muß mich empfehlen. Nur möchte er zum Schluß dieser Debatte eins bemerken. Hören sie z.B. einen Schmoller, der Leonhart nur zu ewigem Thun verpflichtet wäre, so wird dieser Größenwahnsinnige sich weder über seinen großen Gönner in herablassendem Tage als von einem ›guten Kerl‹ oder mit schimpfender Weise als von einem ›raffinirten despotischen Charakter‹ redete. Und grade so theilen sich überhaupt die Urtheile der dummen Jungen über dies Phänomen. Sagt Ihnen nicht die Logik, daß Beides zugleich nicht so kann und daher keins von Beidem irgendwie der Wahrheit entspricht?

»Ueberhaupt,« setzte Krastinik nach einer Pause fort »gehört doch eine unglaubliche Unwissenheit dazu, ein Dichter, der berühmt war, ehe unsere heutigen Modegötter auftauchten, und nur wegen mangelnder Streberei im Hintertreffen gedrängt wurde, zu dem jüngstdeutschen Gesindel zu rechnen! Nicht, als ob ich jenen jungen Leuten eine durchgängige Sprachvirtuosität und Formbemeisterten absprechen möchte. Nein, im Gegentheil erregt ihr ehrliches technisches Verskönnen kopfschüttelndes Staunen.«

»Auch eine Gedankenfülle schmerzlichen Lebensernstes und ein selbstständiges Lebensgefühl, welches der Erde Bitterniß voll durchkostete und sich in weihevollem Schmerze läutert!« dekretirte der stets in philosophischer Schönrednerei schwelgende Dondershausen und blies die Backen auf.

»Doch auch viel tautologisches Phrasen-Gefüllsel,« fiel Luckner ein.

»Ja, mag das alles nun sein, wie es will, jedenfalls ahnen diese jungen Lyriker in glücklicher Unschuld gar wenig von dem düstern heroischen Kampf, den das eigentliche Originalgenie wie Leonhart durchzuleiden hat, ehe es endlich seine wogende Ideenwelt in die konventionellen Stereotypformen der Litteratur zwängen lernt.«

»Mein Gott,« rief Gutmann achselzuckend. »Sie thun ja gerade so, als ob zwischen Ihrem Abgott und allen andern lebenden Dichtern eine Kluft gähnte, als ob er nicht nur der Erste wäre, sondern gleichsam allein auf einer Insel säße und das übrige Völkchen weitab von ihm.«

»So ist es auch,« bekräftigte Krastinik halblaut. »Wenigstens ist etwas Wahres daran.«

»Ja, lieber Herr Graf,« Ottokar und Dondershausen schüttelten den Kopf, »man hört Sie ja ruhig an, man läßt Sie ausreden. Aber man weiß wirklich nicht.. man versteht kein Wort.. es schwindelt Einem..«

»Einer muß jedenfalls verrückt sein,« brummte Holbach. »Ich begreife ja Ihre Begeisterung, allein..« Er zuckte vielsagend die Achseln.

»Ich kenne ihn ja doch auch am Ende,« hob Gutmann an und warf sich in die Brust, »und schätze ihm als einen näheren Bekannten. Noch zuletzt als ich ihm sprach (er aß etwas bei mir), sagte ich ihm: ›Leonhart Sie sind noch unerfahren‹. Sie vermöbeln zwar In-und Ausland, allein jene berühmte Kneipe, wo Sie als neuer Shakespeare mit Ihren Gebrüdern Green, Dekker und Heywood zusammensaßen, ist das Symbol jener Lächerlichkeit..«

»Ach so, das wollten Sie ihm sagen?« schnitt ihm Krastinik weitere Fanfaronaden ironisch ab. »Hören Sie auf, lieber Herr! Das würden Sie halt wagen, ihm an den Kopf zu werfen! O Jesus Maria!«

»Nun, um ad rem zurückzukommen, worin unterscheidet sich der erlauchte Dingsda denn von uns andern?« Dondershausen schnitt eine verzerrte Grimasse, wie eine Affe, der in einen sauren Apfel beißt, während Feichseler süßlich lächelte.

Holbach, dieser hanseatische Vikinger, der wie Leonhart als Federfuchser seinen Beruf verfehlte, sah mit einem starren Blick ins Leere. Sein blonder angelsächsischer Pferdekopf, der das Roßwappen Hengists und Horsas hätte schmücken können, ähnelte im Ausdruck auffallend einzelnen Zügen Leonharts. Wie dieser schob er die Unterlippe vor und preßte die Lippen fest aufeinander, während die Augenbrauen sich weit vortreten zusammenzogen.

Gutmann machte ein dummes Gesicht, das jedoch einer gewissen Bosheit nicht entbehrte. Luckner fummelte allerlei unzusammenhängende Redensarten dazwischen. Leonhart verstehe nichts von dem einzig wahren Urborn der Poesie, der Germaniestik. (Er sprach dies Wort immer mit einem langen I.) Ein Mensch, der nicht Jakob Grimm studirt habe und über Scheffel, den größten deutschen Dichter nach Goethe, herablassend urtheile, er sei nur ein reizender Idylliker! Neulich noch habe Leonhart sich darüber mokirt, daß Scheffel ins Irrenhaus gewandert sei, weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation nicht genügten, und daß der biedere Dichter die 46.–49. Auflage seines »Ekkehard« mit großem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe, um die 50. Jubiliäumsauflage zu ermöglichen. Auch sei die Fühlung des jungen Poeten zu dem Altmeister und dem »Ring der Nibelungen« nur gering. Das war für Luckner entscheidend. Nach dem Grundsatz, der heut die Welt regiert: Richard Wagner est asylum ignorantiae, versenkte sich der harmlose Knirps-Pimper (wie Leonhart, dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand, ihn zu nennen pflegte) in Musikkennerschaft, um sich über seine Dichterlähmung zu trösten. Für ihn schien das Welträthsel in Bayreuth gelöst. Wie der Bayreuther Meister des Größenwahns keinen Gott neben sich erkannte, so betrachtet auch die Wagner-Gemeinde jeden, der nicht auf ihre lächerliche Einseitigkeit schwört, als eine Art Heiden, und wer noch an die Möglichkeit anderer Weltpropheten glaubt, als Verbrecher. Der Richard Wagner-Humbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze für alle Großmannssucht unserer Zeit.

Krastinik überlegte wie es schien, und sammelte vielleicht Erinnerungen an Aussprüche seines Meisters. Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage: »Bei den Anderen, deren Schaffen trotz aller äußeren Geschlossenheit als innerlich zerstückelt wirkt, stehn wir immer in enge Kreise gebannt, mit beiden Füßen auf der Erde – das heißt auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Nie wird man bei ihnen die Empfindung des bloßen Theaterspielens los. Kombinirt Leonhart dramatische Gegensätze, so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab, während sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflich-plump mit ihrem schrecklichen Edelmuth wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen. Leonhart's Vorbild scheint offenbar Shakespeare, welcher auch in seinen realistischen Dramen überall Durchblicke ins Ewige eröffnet. So die Villegiatura von Belmonte im ›Kaufmann von Venedig‹. Dort zerreißt der Vorhang hinter dem Saal des Dogenpalastes, wo man über weltliches Recht und Unrecht streitet, und man erschaut das Ewige in der Mondnacht, wo Lorenzo mit Jessica träumt: ›Auch nicht der kleinste Stern, den Du da siehst, der nicht im Schwunge wie ein Engel singt.‹ Was also ist dieser ganze kleine Erdball, mahnt uns der Dichter, dieser Stern unter größeren Sternen! Ist aller irdische Streit nicht müßig?«

»Aber ich bitt' Sie! Shakespeare! Ja, wer möchte den Herkules preisen, den Niemand tadelt – sagt ein lateinisches Sprüchwort. Shakespeare und Leonhart! Wo liegt da der Zusammenhang! Alle Achtung vor dessen Leistungen, aber –«

»Was er ist und kann, können wir jetzt immer noch nicht beurtheilen, so großartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt. Denn er, der eigentliche deutschnationale Dichterrealismus, ringt augenblicklich noch mit sich selber, hat sich noch nicht zur letzten Lösung durchgerungen. Er thürmt Cyklopenmauern, hinter denen ein Riese seine Waffen thürmt.« Die verbündeten Eklektiker sahen den Grafen so dämlich an, wie die Ochsen vor'm neuen Thor, so daß dieser sich jetzt eilig empfahl.

Nur Holbach nickte langsam vor sich hin, indem er mit seltsam düsterem Ausdruck wieder ins Leere starrte. Seine löwenhafte Reckennatur verseuchte sich zwar durch und durch mit füchsischer Balancir-Verlogenheit eines Weltlings; er repräsentirte gleichsam als Typus die Welt, also die Lüge. Aber das wirkliche Wohlwollen, das ehrliche breite Herz, das unter all der schwindelhaften Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug, errieth intuitiv Manches und fühlte instinktive Verwandschaft: Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt.

Als Krastinik gegangen, faßte Arthur Gutmann den Gesammteindruck der illüstren Versammlung zusammen, indem er nachdenklich murmelte: »Wo mag wohl der Grund stecken, daß der Graf diesen Leonhart so eifrig vertheidigt? Sollte Jener vielleicht grade einen lobenden Essay über Krastinik schreiben wollen?«

Ist doch der Begriff einer unbeeinflußten Kritik längst entschwunden. Man hat heut Kunstbutter, Kunstmilch, alles ist unecht, selbst das Genie wird man noch fälschen können.

 
Größenwahn
titlepage.xhtml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057712-0057712.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057713-0057714_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057713-0057714_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057715-0057718_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057715-0057718_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057719-0057775_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057719-0057775_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057719-0057775_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057719-0057775_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057719-0057775_split_004.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057776-0057778.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057779-0057878.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057879-0057883.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_004.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_005.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057884-0057961_split_006.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0057962-0058046.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058047-0058075.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058076-0058077_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058076-0058077_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058078-0058144_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058078-0058144_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058078-0058144_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058078-0058144_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058078-0058144_split_004.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058145-0058195_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058145-0058195_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058145-0058195_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058145-0058195_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058196-0058260_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058196-0058260_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058196-0058260_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058261-0058340_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058261-0058340_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058261-0058340_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058261-0058340_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058261-0058340_split_004.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058341-0058342_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058341-0058342_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058343-0058396_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058343-0058396_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058343-0058396_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058397-0058483_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058397-0058483_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058397-0058483_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058397-0058483_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058484-0058522.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058523-0058533.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058534-0058632.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058633-0058700_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058633-0058700_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058633-0058700_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058701-0058793_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058701-0058793_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058794-0058844_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058794-0058844_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058794-0058844_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058845-0058928_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058845-0058928_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058845-0058928_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058845-0058928_split_003.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058845-0058928_split_004.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058929-0058995_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058929-0058995_split_001.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058929-0058995_split_002.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058996-0059067_split_000.xml
bleibtreu-karl-groessenwahn-0058996-0059067_split_001.xml