KAPITEL 27

Melanie spürte Xylos Zittern, wurde von seiner Angst geweckt.

 

Sie konnte noch die neuen Schmerzen spüren, die der Kreuzigung. So, als wären es ihre eigenen. Sie wusste, dass im Laufe der Stunden immer mehr seiner Freunde neben ihm ihren letzten Platz gefunden hatten: Die Straße nach Makedonien gepflastert von Kreuzen …

 

*** Xylos Schrei zerbrach die Stille des Raumes.

 

Sein Blick war verwirrt und voll von unausgesprochenen Qualen. Als er Melanie sah und registrierte, was, wo und wann er war, wirkte er erleichtert.

 

„Nur ein Alptraum!“ Seine Stimme unterlag wieder völlig seiner Kontrolle. Hätte Melanie es nicht besser gewusst, hätte sie ihm geglaubt.

 

„Lügner!“, tadelte sie und ihr Gesichtsausdruck musste mehr widergespiegelt haben, als ihr bewusst war, denn Xylos rückte ein wenig von ihr ab.

 

„Ich brauche dein Mitleid nicht!“ Sein Tonfall war barsch.

 

„Du magst es vielleicht nicht brauchen und nicht wollen, aber es ist trotzdem da. Ich kann mir nicht aussuchen, was ich empfinde!“ Melanie strich ihm über die Schulter, und er ließ die Berührung zu, obwohl sie ihm, ebenso wie ihre Worte, Schmerzen zuzufügen schien.

 

„Hättest du anders gehandelt als sie?“ Die Frage war ihm entschlüpft, bevor sein Verstand seine Schutzmauer wieder errichten konnte. Und das, obwohl er ihre Antwort bereits zu kennen glaubte.

 

„Natürlich!“ Melanie schien über die Frage nicht böse zu sein. „Wenn ich jemandem sage, dass ich ihn liebe, meine ich das so – und würde ihn um nichts in der Welt verraten!“

 

Xylos schloss einen Moment die Augen und ließ ihren Satz sacken. Es war die Wahrheit oder das, was sie für die Wahrheit hielt. Er wollte ihr glauben, wollte ihr vertrauen und sie lieben. Aber es gab zu viel, was er nicht von ihr wusste, was er nicht verstand.

 

„Quid pro quo!“, forderte er sie heraus. „Da du meine Vergangenheit kennst, will ich deine wissen.“ Er sah sie direkt an. Seine blauen Augen so unergründlich wie eh und je. „Verrate mir den Grund, warum du solche Angst hattest, ich würde dich verlassen und niemals wieder kommen.“ Melanie ließ ihre Hand sinken. „Wer hat dich verlassen, Mädchen?“

 

Er wollte es zu gerne wissen. Wollte den Mann töten, ihn zerfetzen und jede Erinnerung an ihn in ihrem Herzen auslöschen, jede Spur seiner Existenz vernichten.

 

Melanie hatte geahnt, dass Xylos fragen würde, hatte es befürchtet. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sie dabei mit Verständnis locken würde und einem Gesichtsausdruck, der alle Menschen verdammte, die ihr Schmerzen zugefügt hatten.

 

Ablehnend schüttelte sie den Kopf. Es war vorbei, vergangen, und sie würde die Schatten nicht erneut heraufbeschwören. „Nix quid pro quo!“ Sie nahm ihren Worten die Schärfe, indem sie hinzufügte: „Du hast mir nichts mehr anzubieten … Ich weiß ja schon alles!“ Jennifer Schreiner Honigblut

 

Xylos überraschte die Vampirin, als er zu lachen begann. Ihre neckische Behauptung schien einen Teil von seiner Persönlichkeit befreit zu haben, die bisher nur ab und zu durch seine arrogante, selbstischere Fassade durchgeblitzt war. Den Mann, den sie nur zu gerne kennengelernt hätte – und lieben könnte.

 

Als er plötzlich nach ihr griff und ihre Hände einfing, war sie nicht darauf gefasst und schrie empört auf. Doch seine Attacke war gänzlich anderer Natur als bisher, und sie endeten lachend und sich balgend auf dem Fußboden.

 

Als abzusehen war, dass Xylos die Oberhand gewann und behalten würde, gab Melanie prustend auf. Zu ihrer neuerlichen Überraschung ließ Xylos tatsächlich von ihr ab und half ihr sogar zurück aufs Bett.

 

„In Ordnung!“, drohte er. „Lass sehen, womit ich dich bestechen kann: Ich bin 172 vor eurer Zeitrechnung in Adramyttion geboren worden.“

 

„Das ist im nordwestlichen Kleinasien“, fügte er hinzu, als er sah, wie sich Melanies Mund verzog. „Meine Mutter war eine herzlose Frau, aber hübsch genug, um den Makedonenkönig Perseus verführen zu können. Sie hatte sich von ihm Schutz erhofft und Reichtum. Als er sie nach der einen Nacht verließ, und sie dann entdeckte, dass sie schwanger war, gab sie dem Ungeborenen die Schuld. Nach seiner Geburt versteckte sie ihn, wann immer ihre Freier zu ihr kamen, und gestand ihm nur das Notwendigste zu, damit er nicht starb. Eines Tages tauschte sie ihn gegen eine Mahlzeit.

 

Der Schmied, der ihn aufgenommen hatte, konnte selber mit seiner Frau keine Kinder bekommen und nahm den Jungen in die Lehre, obwohl er eigentlich noch viel zu jung war. Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Die Frau des Schmiedes war eifersüchtig und wütend, weil sie ihm keinen eigenen Sohn schenken konnte. Als sie eine Affäre begann, in der Hoffnung, ein anderer Samen könnte sie befruchten, tötete der Schmied sie im Affekt und steckte anschließend sein Haus in Brand.

 

Tage später erinnerte sich der Makedonenkönig an seinen Sohn, als er von den Römern die Auflage bekam, einen Sohn als Pfand zu hinterlegen.“

 

Xylos‘ Augen umwölkten sich und schienen noch heller zu werden. „Meine Mutter nahm sogar Geld von den Römern für die Information, wo sie mich finden konnten.“

 

Als einziger Sohn des Perseus kam ich nach Rom. Und auch, wenn ich dort nicht geachtet war, so erhielt ich doch eine Erziehung und genügend Nahrung.

 

Erst als die Nachricht kam, dass es meinem Vater egal war ob ich lebe oder sterbe, und er sich für einen Krieg gegen Rom entschieden hatte, bekam ich die volle Konsequenz meines Status‘ zu spüren und wurde eingesperrt.

 

Lucius Aemilius Paullus gewann und erhielt den Namen Macedonicus als Ehrentitel. Der Römer fand es spaßig, meinen Vater und mich zusammen einzusperren. Und so kam ich in den Genuss, meinen Vater kurz vor seinem Tod 165 persönlich kennenzulernen.“

 

Xylos stoppte, als überlegte er, wie er fortfahren sollte.

 

„Ich war sieben Jahre alt, als mein Vater bereute und mir die Nachfolge ans Herz legte. Sieben!“ Er spie das Wort aus, als sei es ein fauliger Brei.

 

„Doch durch mein Alter gelang mir tatsächlich die Flucht, aber es dauerte lange, bis ich zurück nach Makedonien gelangte, und noch länger, bis ich so weit war, dass die Menschen mir vertrauten und mir meine Herkunft und meine Erzählung glaubten.

 

151 wurde ich endlich zum König ausgerufen und 149 eroberte ich Makedonien in einer Schlacht gegen den römischen Prätor zurück. Jennifer Schreiner Honigblut

 

148 wurde ich von Caecilius Mettelus geschlagen.“

 

„Geschlagen ist gut!“ Melanie war empört. Sofias Spruch: „Die Sieger machen die Geschichte“ hatte sich als nur zu wahr erwiesen. Melanie versuchte sich an die Jahre und die Informationen zu erinnern, die er ihr gegeben hatte, doch sie sagten ihr nichts. Sofia wäre begeistert gewesen.

 

„Heißt du wirklich Xylos?“

 

„Nein, meine Mutter hat mir einen anderen Namen gegeben.“

 

„Welchen?“

 

„Es spielt keine Rolle mehr, Melanie. Ich habe mir einen anderen Namen gegeben und mich neu erfunden.“ Sein Blick war so ernst, dass ihr ein Schauder über den Rücken lief. Sie wünschte sich, er würde sich noch einmal neu erfinden – für sie.

 

Trotzdem nickte sie. „Als du ein Vampir geworden bist?! Das führt zu der Frage, wie du es geworden bist.“

 

„Später, meine Schöne! Lass mir ein paar Geheimnisse, falls ich dir welche zum Austausch gegen deine anbieten muss! Jetzt du!“

 

„In Ordnung!“ Melanie hob drohend den Zeigefinger. „Nur eines noch: Was ist mit Helena geschehen?“

 

Die Vampirin hoffte und wünschte ihr das Schlimmste, und doch empfand sie auch eine Spur Mitleid, als Xylos ihr die Antwort gab: „Mettelus hat sie getötet.“ Jennifer Schreiner Honigblut