KAPITEL 23

Melanie wusste, dass es ein Traum war, trotzdem hatte sie Angst. Die Kälte war schneidend, beherrschte jedes andere Gefühl, selbst den nagenden Hunger und die Furcht.

 

Sie hatte nicht gewusst, dass einem Menschen so kalt sein konnte.

 

Sie sah an sich hinab, auf ihre kleinen Kinderfüße, die mit dürftigen, schmutzigen Lappen umwickelt waren. Doch in der Ruine der Hütte, in der das Kind Schutz gesucht hatte, gab es nichts, nichts was ihn hätte wärmen können. Das immer brennende Feuer existierte nur noch in der Erinnerung. Konnte keine Wärme mehr spenden, die verratene Liebe hatte es ausgelöscht.

 

Näher kommende Schritte klangen hart auf dem frostigen Boden, Männerschritte. Sie konnte spüren, wie sich ihre blaugefrorenen Lippen stumm bewegten, als die Fremden den Raum betraten. Sie waren groß, schienen einem Geschlecht aus Riesen zu entstammen, ihre Kleidung makellos sauber, ebenso wie ihre Gesichter, die sich vor Abscheu bei dem Anblick verzogen.

 

Sie sprachen in einer fremden Sprache, und als Melanies Kinderkörper sie nur ansah, ohne zu verstehen oder zu reagieren, gab der Vorderste ihr eine Ohrfeige.

 

Das schrille Lachen einer Frau kam von draußen, zerschnitt die kalte Stille, und wurde nur von dem Geräusch von Münzen übertönt, die ihren Besitzer wechselten.

 

Die Szenerie wechselte und immer noch fand sich Melanie in einem Körper wieder, der eindeutig männlich war.

 

Sie war erfolgreich, badete im Triumph und wusste, sie würde gewinnen. Die Schlacht war nahe, und ihr Volk lag ihr zu Füßen, würde kämpfen und siegen. Wieder frei sein von der Fremdherrschaft.

 

Die Soldaten, mit denen sie gesprochen hatte, klopften ihr kameradschaftlich auf die Schultern, bevor sie sich von ihrem Lager entfernten, um in ihren eigenen Unterkünften zu verschwinden.

 

Sie wandte sich ihrem eigenen Zelt zu, ging hinein und konnte das selige Lächeln auf ihrem Gesicht spüren, mit welchem sie ihre Frau begrüßte.

 

Helena. Das Wissen war da, selbstverständlich in einem Traum.

 

Und Helena war schön. Die schönste Frau, die sie je gesehen hatte. Mit alabasterfarbener Haut, hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Ein Versprechen der Sinnlichkeit. Lange, brünette Haare fielen in seidigen Locken über ihren Rücken bis zur Hüfte, ihr Körper selbst die Kreation eines gutgelaunten Schöpfers, und die Einladung in ihrem Gesicht unmissverständlich.

 

„Geliebter!“ Sie sprach eine Sprache, die Melanie nie zuvor gehört hatte, aber augenblicklich verstand.

 

Großer Gott, ich bin Xylos! Der Kuss, mit dem Helena ihren Geliebten begrüßte, ließ keine Fragen offen. Dann drückte sie ihm einen Becher in die Hand. Er hob ihn an seine Lippen und Melanie spürte die würzige Süße auf ihrer Zunge, als wäre es tatsächlich ihre eigene Erinnerung, ihre eigenen Geschmacksnerven, bevor sie nach außen katapultiert wurde und nur noch Zuschauer war.

 

Xylos warf den Becher weg, ungeachtet dessen, wo er landen würde, und riss Helena hungrig in seine Arme, küsste sie verführerisch und wild, genoss die geschmeidige Passform ihrer Figur, bevor sich die Schöne ihm spielerisch entwand. Jennifer Schreiner Honigblut

 

„Heute nicht, heute habe ich eine Überraschung für dich!“

 

Neugierig folgte Xylos Helena zu dem Ort, den sie vorbereitet hatte.

 

„Was ist das?“ Xylos Stimme klang argwöhnisch.

 

„Vertraue mir!“, bat Helena, und in ihrer Stimme klang Aufrichtigkeit mit und der Wunsch, ihm zu gefallen.

 

Als Xylos sich auf das Lager legte, nahm Melanie zum ersten Mal das gesamte Geschehen wahr: Xylos als lebenden Mann, wie er sich vertrauensvoll den Händen einer Frau auslieferte. Sich von ihr auskleiden ließ, schön und stolz wie er es heute noch war. Und wie sie ihn mit Fesseln band, bis er sich nicht mehr rühren konnte und ihr vollkommen ausgeliefert war.

 

„Heute Nacht gehörst du mir!“, flüsterte Helena und stand auf.

 

Der sinnliche Tanz, den sie zu einer Melodie vorführte, die nur in ihrem Kopf erklang, war verführerisch, machte Salome alle Ehre. Xylos verschlang mit Blicken die mäandernde Linie ihrer Wirbelsäule, folgte den langsamen und genießerischen Bewegungen, die ihren Körper in Schwingung brachten und ihre weiblichen Formen in Szene setzten, während sie sich andächtig und verführerisch von ihren Kleidungsstücken befreite.

 

Melanie konnte sehen, wie das kleine Schauspiel Xylos erregt hatte. Genau wie Helena es bemerkt hatte. Sie lachte leise. Ein Laut des reinsten Entzückens und des Triumphes. Der Ton klang wie Hohn in Melanies Ohren, doch Xylos schien es nicht zu bemerken. Seine Augenlider flatterten, und sein Blick verlor für einen Moment die Schärfe, als kämpfte er gegen den Schlaf an.

 

Helena hockte sich über ihren Geliebten, berührte seinen Penis mit den Lippen und befeuchtete ihn. Melanie konnte ihre kleine Zungenspitze sehen, die Nässe, die sie auf seinem Schaft verteilte, bevor sich die Frau in Position setzte und langsam nach unten glitt, während ihr Körper Xylos‘ Penis in sich aufnahm.

 

Er stöhnte erleichtert auf, obwohl sein Gebaren das eines Schlafwandlers war.

 

„Du bist immer so herrlich bereit, immer so bereit mir zu gefallen. Willst du mir gefallen, mein Geliebter?“ Helenas Flüstern war Sünde pur, enthielt Verlockungen, von denen Melanie schlecht wurde. Doch Xylos Antwort kam augenblicklich: „Ja!“

 

„Immer?“

 

„Ja!“ Er schloss für einen Moment die Augen, als der Drang zu schlafen überwältigend nahm.

 

„Liebst du mich?“

 

Ihre Frage brachte ihn wieder zurück, und er murmelte ein leises: „Ja!“

 

Das antwortende Lachen erkannte sogar Xylos als verachtenden Triumph. Er riss die Augen auf und schien in diesem Moment zu begreifen, was vor sich ging. Sein Blick fiel auf den Becher und wanderte zu Helenas Gesicht, auf dem ein herablassendes Lächeln lag.

 

„Ich dich nicht, mein Schöner – Nie!“

 

Bevor Xylos einen Ton von sich gegeben oder um Hilfe rufen konnte, hatte Helena ihm ein Tuch auf den Mund gepresst, um seinen Aufschrei zu ersticken. Er versuchte zu kämpfen, sich zu befreien, doch die Fesseln hielten ihn gefangen, hielten ihn still und ausgeliefert, während sein Blick zu der Frau zurückkehrte, die er liebte – mit der er eine Zukunft geplant hatte. Langsam verblasste die Schärfe seines Sehfeldes, Helena Jennifer Schreiner Honigblut verschwamm, das Zelt verblasste, wurde zu einem Kaleidoskop verwischter Farben, die sich miteinander verbanden, umeinander kreisten und verschmierten.

 

Melanie wurde von ihrem stillen Beobachterposten in Xylos‘ Denken und Fühlen wieder zurückgesogen. Er war sich nicht sicher, ob Helena ihm Gift gegeben hatte oder ein Betäubungsmittel, nur dass sie ihn betrogen hatte – und der Betrug ging durch Mark und Bein, drang in sein Herz und seine Seele und vernichtete beides. Zu oft hatte er sich geschworen, nichts mehr für einen anderen Menschen zu empfinden, zu oft war er enttäuscht worden. Helena war sein letzter Versuch gewesen – und zerstörte ihn.

 

Ihm wurde schwarz vor Augen, und die letzten Worte, die er hörte, waren Helenas kalkulierenden Worte: „Du hättest auf deinen Vater hören sollen!“ Jennifer Schreiner Honigblut