KAPITEL 4

Ein makelloser Körper schien eine der finsteren Ecken des Clubs auszuleuchten. Die tiefe Schlucht mit den Seitenwänden, die mit ihren dunklen Sitzflächen und dem ebenso dunklen Tischchen extra dafür geschaffen schienen, triebhaften Spielen in scheinbarer Verborgenheit nachzugehen.

 

Die Nacktheit der Frau wurde durch ihre Bleichheit verstärkt, die die Dunkelheit um sie herum anzuklagen schien – beinahe, als leuchte sie selbst von innen.

 

„Sie ist wunderschön, oder?“ Die Stimme des Vampirs erklang direkt hinter Sofia, obwohl sie ihn neben sich sehen und spüren konnte. Ebenso wie sie starrte er auf die Szenerie, die sich den Beobachtern auf der oberen Etage bot.

 

Die langen, schlanken Beine der Frau lagen auf dem düsteren Holz des Tisches, hoben sich von ihm ab, und nur zwei schmale Streifen schienen ihren perfekten Körper zu verunstalten. Sofia musste zweimal hinschauen, um zu begreifen, dass es der schwarze Seidenslip der Frau war, von dem sich diese noch nicht vollkommen getrennt hatte. Er war so weit gedehnt, dass sie ihn sowieso nie wieder würde tragen können, denn ihre Beine waren gespreizt, so dass ihre geschwollenen, glitzernden Lippen zwischen ihnen enthüllt wurden.

 

Sofia konnte den Vampir, der vor diesem beginnenden Lustspiel saß, nur von hinten sehen, trotzdem ahnte sie, wer er war. Welcher Vampir außer Xylos konnte eine Frau derartig um Sex betteln lassen, ohne ihn ihr auch zuzugestehen?

 

Welcher Vampir außer ihm würde einfach nur zusehen, wie sich eine potentielle Liebhaberin vor ihm produzierte und es sich mitten in einem Club, für alle gut sichtbar, selbst besorgte?

 

Die Vampirin wünschte sich, wenigstens sein Gesicht sehen zu können, erkennen zu dürfen, was er fühlte – falls er etwas fühlte. Doch selbst das Antlitz der Frau blieb durch ihre eigene Position hinter einer Säule des Clubs verborgen.

 

Nur den perfekten Körper, der sich Xylos Blicken auslieferte – und damit auch den Augen aller anderen Anwesenden, die sich in der oberen Etage befanden – konnte Sofia betrachten.

 

Konnte sehen, wie die weichen Hände mit den schlanken, feingliedrigen Fingern über ihren Körper wanderten, die Linke an der rosigen Brustwarze verharrte und mit ihr spielte, während die Rechte weiter nach unten glitt, dass Dreieck zwischen den gespreizten Beinen fand und es für Sekunden bedeckte.

 

Die äußeren Lippen wurden gekonnt gespreizt, selbst die Vampirin auf ihrem weit entfernten Beobachtungsposten bekam einen beinahe gynäkologisch deutlichen, ästhetischen wundervollen Einblick, bevor eine der zarten Fingerspitzen begann, mit den Lippen zu spielen und sie zu kneten.

 

Das leise Stöhnen der menschlichen Frau glitt unter der Melodie der Musik hindurch, und ließ das Blut der Vampire vibrieren.

 

Die Schenkel spreizten sich noch weiter, spannten den Slip beinahe bis zum Zerreißen; die Finger nahmen langsame Bewegungen auf, während die inneren Lippen den Blicken freigegeben wurden, die sich samtig und rosig kräuselten und sich dem rhythmischen Beugen der Fingerknöchel öffneten. Durch das Gleiten der Finger – auf und nieder, nieder und auf – immer und regelmäßig durch die Lippen, wurde auch das Öffnen und Schließen der angeschwollenen Labien zu einem anmutigen Erlebnis, das Jennifer Schreiner Honigblut Berühren der kleinen Perle an der Spitze zu einem erotischen Highlight – nicht ausschließlich für die Unbekannte, die nun ihr Gesäß anhob, ihren Unterleib Xylos in einer stummen Einladung entgegenhob – einer Einladung, die er ignorierte, während ihre Finger tief in sie hineinglitten.

 

Ob seiner mangelnden Reaktion setzte sich die Frau abrupt auf.

 

Ihre Schönheit ließ Sofia schaudern. Schwarze Haare wirkten oft widerspenstig und hart – doch diese würden wie Seide sein. Lang und bläulich glänzend umspielten sie einladend ein fein geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen und alabasterfarbener Haut. Die präzise geschwungenen Augenbrauen waren ebenso dunkel wie die blauschwarzen Augen, während sich der puppenhaft kleine Mund zu einem Schnütchen verzog.

 

Ihre rosigen Lippen wurden unter der Geste einen Ton heller und zeugten davon, dass die Frau es nicht für nötig gehalten hatte, sie zu schminken. Sofia konnte ihr nur stumm recht geben – und nicht verstehen, dass der Vampircallboy sich einfach nicht regte. Selbst dann nicht, als die Frau sich zur Seite beugte und einen Vibrator aus ihrer Umhängetasche zauberte.

 

*** Xylos hasste, was Fee tat; auch wenn er nicht umhin kam zuzugeben, dass es ihn anturnte. Wahrscheinlich hasste er es deswegen.

 

Wieder eine schöne, manipulative Frau. Er lächelte innerlich über ihren Wunsch, der auf so vielen unterschiedlichen Ebenen lachhaft war. Natürlich würde er ihn ihr erfüllen. Sie war schön, sie war hinreißend und sexy. Es gab keinen Grund, sie nicht ins Bett zu nehmen, wenn sie es doch so sehr wollte.

 

Sein Leben bestand darin, schöne Frauen zu nehmen und wieder zurückzuweisen, Fee wusste das, hatte es sofort durchschaut – und sich nicht davon abschrecken lassen.

 

Würde sie bemerken, wenn du sie einem anderen Vampir überlässt?, fragte sich Xylos plötzlich. Würde es ihr wirklich etwas ausmachen?

 

Fee triumphierte stumm, als sie sah, wie Xylos Ausdruck sich veränderte und kalkulierender wurde. Endlich eine offensichtliche Reaktion! Endlich hörte er auf, sie mit seinem überheblichen, durchdringenden Augen anzusehen, als sei sie ersetzbar. Nicht mehr wert als eine Motte, die von einem verführerischen Licht angezogen wurde.

 

Das leise Geräusch des Vibrators schmiegte sich an die Musik und verband sich melodisch mit ihr. Berauscht von der mitschwingenden Sinnlichkeit nahm Fee den Rhythmus auf und ließ den zuckenden Stab zwischen ihre Beine gleiten, die Oberschenkelinnenseite hinauf zu dem verführerischen Dreieck. Gekonnte führte sie den vibrierenden Gegenstand zwischen ihren geschwollenen Schamlippen hindurch und genoss die Schwingungen an ihrer Klitoris.

 

*** Sofia konnte sehen, dass Xylos Blick nun wie gebannt an der Frau hing, aber nicht unterscheiden, ob vor Verlangen, oder weil der Vampir sie kontrollierte, manipulierte und sie dazu veranlasste, ihr Spiel zu vertiefen und den geäderten, nachgebildeten Penis mit einem feuchten Schmatzen in sich hineingleiten zu lassen. Jennifer Schreiner Honigblut

 

Zeitgleich mit dem fremden Blutsauger löste sich Sofia von der Balustrade.

 

„Wo war ich stehen geblieben?“ Der Hasdrubal-Verschnitt sah die Vampirin an. „Ach ja: Menschen sind Vieh. Sie machen Spaß! Haben Spaß zu machen!“ Der letzte Satz klang so bedrohlich, dass Sofias Blick beinahe gegen ihren Willen von der magischen Kette angezogen wurde, die der Vampir trug. Fünf Frauenportraits zierten die Anhänger. Keine von ihnen sah glücklich aus.

 

„Ich dachte, du magst keine Menschen?!“

 

„Ich mag auch keine“, bestätigte er. Sein Lächeln ließ die Vampirin mehr ahnen, als sie hatte wissen wollen. Mit einem Mal verspürte sie tiefe Dankbarkeit ob Maeves Entscheidung, die Ketten zu verbieten. Wenn die Königin die Frauen auch nicht befreien konnte – noch nicht – so sie doch aus der Gewalt ihrer Entführer holen.

 

Anscheinend konnte sie ihre Gedanken gut verbergen, denn ihr Gegenüber deutete eine leichte Verbeugung an und stellte sich ihr endlich vor. „Nemesis!“

 

Sofia musste unwillkürlich lachen. Insgeheim fragte sie sich, ob die Vampire am Tag ihres Geburtstages Glückskekse öffneten, in denen ihr neuer Name stand. Sie mochte es nicht, wenn Namen von übergroßer Fantasie zeugten.

 

Unwillkürlich lief ihr ein Schauder über den Rücken. Erst eine überdimensionale Fledermaus mit falscher Schreibweise, dann der erste vergöttlichte Mensch der Hellenen und jetzt ein Adonis mit dem Namen einer griechischen Rachegöttin.

 

Sofia warf einen Blick nach unten, während sie um Geduld betete – schließlich waren Noctalyus und Lysander inzwischen tot – und um Edwards rasche Rückkehr.

 

*** Endlich nahm Xylos, was Fee ihm so freizügig angeboten hatte. Katalysierte seine Wut und seine Abscheu durch Sex und bewegte sich viel zu schnell für die Sterbliche. Ihre ungezügelten, tierischen Schreie spiegelten seine animalische Natur wieder. Sie waren lang gezogen, wurden kaum unterbrochen von den winzigen Pausen zwischen seinen tiefen Stößen und klangen kaum noch menschenähnlich. Ihr Gesicht, welches Xylos nur im Spiegel sehen konnte, zeigte Fees Lust, ihre Gier und ihren Willen, sich ihm zu unterwerfen, vollkommen eins mit ihm zu werden.

 

Sofia gab einen gequälten Laut von sich, als ihr Blick wie magisch von dem Geschehen angezogen wurde. Denn das Gesicht der Frau spiegelte Lust und Gier wider, ihren Willen, sich Xylos zu unterwerfen und vollkommen eins mit ihm zu werden, aber der Gesichtsausdruck des Vampircallboys war unbeteiligt und kalkulierend.

 

Er selbst blieb stumm, während er die Frau fickte, ununterbrochen und ohne Gnade fickte, bis ihr Körper vor lustvollen Schmerzen zuckte, und ihr Gesicht sich in einem letzten Aufbäumen gegen seine Macht, gegen die Macht der Wollust verzog.

 

Mit einem finalen Schrei entlud sie sich. Sofia konnte die Feuchtigkeit zwischen den Schenkeln der Unbekannten glänzen sehen, Zeugnisse ihrer Lust, ebenso wie die Tränen der vollkommenen Erlösung, der perfekten Loslösung in ihren herrlichen, blauschwarzen Augen.

 

Die Vampirin wandte sich wieder zu Nemesis, der gespannt ihre Reaktionen beobachtet hatte.

 

*** Jennifer Schreiner Honigblut Xylos fühlte sich an unzählige Situationen in ebenso unzähligen Jahrhunderten erinnert, als er sich von der schönen Frau löste, und diese in Tränen ausbrach.

 

„Lass mich nicht hier! Lass mich mit dir kommen!“ Ihre Bitte kam flehend und von Herzen.

 

Doch nach all den Jahrhunderten konnte Xylos auch die Reaktion und Bitte dieser einen Frau einschätzen. Sie wollte ihn. Vielleicht glaubte sie sogar tatsächlich, ihn zu lieben. Doch der Vampir ließ sich nicht täuschen. Er wusste es besser.

 

Sie mochte ihm zwar seit Jahren hinterherreisen und ohne Vorwarnung dort auftauchen, wo er seine Dienste anbot – überall auf der Welt. Aber sie liebte niemanden, nur sich selbst. Sie mochte das Labyrinth der Lust, in das er sie warf, das bisher nur er erreicht hatte, und dem sie sich immer wieder hemmungslos und tabulos unterwarf.

 

Wahrscheinlich leitet sie sogar meinen Fan-Newsletter, dachte er, und um seine Lippen kräuselte sich ein böses Lächeln.

 

„Entschuldige!“, bat er und wusste, der Eindruck der Ehrlichkeit in seinen Worten war nur ein Nebeneffekt der Musik.

 

Als er aufstehen wollte, legte sich Fees Hand mit nachdrücklicher Bestimmtheit auf Xylos Schulter und hielt den Callboy zurück.

 

„Mach mich zu einem Vampir!“ Ihre Bitte war verlangend geäußert, Xylos Antwort kam automatisch: „Frauen dürfen nicht zu Vampiren gemacht werden.“

 

Erst dann registrierte er den wahren Inhalt von Fees Worten und sah die Frau mit neuem Interesse an. Sie wusste, dass er ein Vampir war, und war trotzdem hier in seiner Nähe – inmitten eines Vampirclubs. Auch wenn er sich nicht erklären konnte, wann oder wie sie sein wahres Wesen durchschaut hatte, so wusste er doch nicht, was sie mit ihrer Offenbarung bezweckte. Weder hielt er sie für lebensmüde, noch für eine Erpresserin.

 

„Warum nicht?“ Er konnte die leisen Worte von ihren perfekten Lippen ablesen. Sie bezog sich nicht ausschließlich auf seinen Satz. Viele ungestellte Fragen schwangen in ihnen mit: Warum liebst du mich nicht so, wie es die anderen Männer tun? Warum liebst du mich nicht genug, um mich um dich haben zu wollen? Um mir zu gehören? Für immer und ewig?

 

Bedauern und Misstrauen stritten in Xylos um die Oberhand. Fee war tief gefallen – nur um einem Vampircallboy zuzusagen. Ihr Sturz schmerzte selbst durch sein Misstrauen hindurch. – Aber nicht genug.

 

Tief in seinem Herzen ahnte er, dass es ihr egal war, welcher hübsche Vampir sie liebte, welcher Mann sie auf den Gipfel der Lust trug, solange er Xylos nur einigermaßen ebenbürtig war. Er war für Fee ebenso ersetzbar, wie sie für ihn.

 

Wahrscheinlich verdienen wir einander sogar, dachte Xylos und eine ungewisse Traurigkeit schlich sich in seine Gedanken.

 

„Du würdest es ganz sicher nicht bereuen!“, versprach Fee, obwohl sie seinen Widerwillen gegen ihr Verlangen bemerkt haben musste.

 

Ihre Hartnäckigkeit imponierte Xylos ebenso wie sie ihn zurückstieß, denn in ihr schwang der Glaube mit, er würde sich schon noch von Fee betören lassen. Sie schien zu denken, dass ihre Schönheit wertvoll war, eine Macht, die seiner Vampirischen ebenbürtig sein konnte. Jennifer Schreiner Honigblut

 

Der Callboy lachte böse auf. Schöne Frauen bemerkten einfach nie, dass es eben ihre Schönheit war – und ihre nie hinterfragte Optik – welche er hasste und verachtete.

 

Er bedauerte, dass Gorgias keinen Platz mehr in seiner Kette frei hatte. Aber auch ohne Kette würde der jüngere Vampir sich sicher der hübschen Frau nur zu gerne annehmen und den Callboy ersetzen.

 

Würde es ihr etwas ausmachen? Xylos Blick wanderte suchend durch die Menge. Wo ist Gorgias, wenn man ihn braucht?

 

Die Wellen vergangener, aber noch nicht verflogener Ekstase lenkten den Blick des Callboys zu dem Mann, der sich durch die tanzenden Vampire schob. Wie ein Gedankenleser in Xylos Richtung.

 

Als der Callboy den Vampir hinter Gorgias erkannte, lächelte er. Nach all den Jahrhunderten freute er sich tatsächlich darüber, den Magistraten der Königin zu sehen; denn wenn Sofia ihn liebte, war Edward es sicher auch wert. Xylos reichte ihm die Hand. „Ist Sofia auch hier?“

 

Edwards Blick wanderte zu der nackten Schönheit, die sich neben den Callboy platziert hatte. Angesicht der interessierten Frage hatte sie die Stirn gerunzelt und wirkte eifersüchtig.

 

„Natürlich!“, gab Edward deshalb einsilbig zurück.

 

Xylos nickte. Auch Edward schien seiner Meinung über ihn einige Nuancen hinzugefügt zu haben. Das eine Wort klang nicht mehr so abwertend wie früher, obwohl immer noch ein gewisser Argwohn darin mitschwang. Xylos konnte es ihm nach all der Zeit nicht verdenken. Wenn er jemals das Vertrauen dieses Mannes erhalten wollte – Vertrauen, welches er in Zukunft für sich und die Königin brauchen konnte – würde er mit offeneren Karten spielen müssen. Für Maeve und Sofia!

 

„Ich beneide dich, mein Freund, ich beneide dich!“, gestand er aus diesem Grund und gestattete dem Magistraten einen Blick in seine Seele.

 

„Wieso? Du hast doch alles, was du brauchst … mehr, als du brauchst!“, wandte Gorgias ein, dessen gieriger Blick auf Fee ruhte.

 

Für Sekunden wirkte die Frau schockiert und verunsichert, wusste nicht, ob sie sich geschmeichelt fühlen oder ob sich fürchten sollte. Als sie einen Hilfe suchenden Blick Richtung Xylos warf, konnte sie sehen, dass er mit dem anderen Vampir beschäftigt war. Sie war allein und würde es auch bleiben.

 

Aus dem Augenwinkel konnte Xylos erkennen, dass Fee Gorgias ein Lächeln schenkte. Habe ich es doch gewusst! Mit Hilfe ihres scheinbaren Flirts würde sie den jüngeren Vampir nun sicher lenken und zu ihrem Wohlgefallen formen.

 

Xylos wandte sich nun vollends ab und Edward zu. Ihre Blicke trafen sich.

 

Edward blinzelte überrascht, als er die tiefere Wahrheit in den Worten des anderen verstand. Entweder hatte er in all den Jahrhunderten nicht erkannt, was in Xylos Augen – in seiner Seele – zu lesen war, den Ausdruck missverstanden oder übersehen. Oder er ist neu?!

 

Doch nun, hier und heute, waren Sehnsucht und Qual in den Augen des Callboys deutlich – und eine fest verankerte Gewissheit, niemals zu bekommen, wonach er sich sehnte, es nicht einmal zu verdienen.

 

Xylos brach den Blickkontakt zuerst ab und wandte sich mit scheinbarem Interesse seiner Suche nach Sofia zu. Jennifer Schreiner Honigblut

 

„Hat sie es gesehen?“ Er hatte sich von Fee ablenken lassen. Nur wenige Frauen schafften es, ihn so weit abzulenken, dass er Sofia nicht bemerkte – und dass ausgerechnet Fee dazu in der Lage war, missfiel dem Callboy.

 

Was Xylos mit „es“ meinte, war an seinem abwertenden Tonfall so deutlich, dass Edward beinahe wieder verwarf, was er vorher geglaubt hatte zu verstehen, und meinte: „Konnte man ES auch übersehen?“

 

Statt zu antworten, ließ Xylos die Musik durch bloße Gedankenkraft verstummen. Gorgias nickte dem DJ beschwichtigend zu. Der Clubbesitzer hatte nach der Offenbarung des Vampircallboys damit gerechnet, dass dessen Anwesenheit in seinem Club einzig dazu diente, die magischen Ketten aller Besucher im Auftrage Maeves zurückzufordern.

 

Trotzdem machte er eine unbewusste und beschützende Geste mit der Hand – und wurde daran erinnert, dass dort nichts mehr hing. Für Sekunden paarte sich ob des Verlustes unendliche Trauer mit unsterblichem Hass. Dann hatte sich der jüngere Vampir wieder unter Kontrolle.

 

Erleichtert stellte Gorgias fest, dass weder Edward noch Xylos auf ihn geachtet hatten. Lediglich die Frau schien den kurzen Wechsel in Gorgias Mimik gesehen und richtig gedeutet zu haben. Ein ärgerliches Problem, um welches er sich später würde kümmern müssen!

 

Der Ruf des Blutes lenkte von der appetitlichen Frau ab und seine Aufmerksamkeit auf Xylos. – Dann auf Edward.

 

Verwundert stellte Gorgias fest, dass die Macht der Königin von dem Vampir ausging, den er als ebenso jung eingestuft hatte, wie sich selbst. Doch nun ließ er seine Macht mit einer Autorität aus sich herausströmen, einem finsteren Schatten gleich, der alle Anwesenden mit einschloss und ihnen befahl, sich nach unten zu begeben. So stark und verbindlich, dass alle Folge leisteten.

 

Doch erst, als sich die Qualität des Rufes änderte, erkannte Gorgias in Edward den Magistraten der Königin, und in den Ecken die Schatten, die Aufstellung genommen hatten und Edwards Macht speisten.

 

*** Sofia konnte sehen, wie der alte Vampir vor ihr dem Ruf Edwards Widerstand leistete. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht mit Grund.

 

„Wenn du ohnehin der Meinung bist, dass Menschen Vieh sind, wird dir die Kette nicht sonderlich fehlen“, lockte Sofia und fing sich einen bösen Blick ein.

 

„Ich habe diese Frauen in Jahrhunderten ausgebildet, mir zu gefallen!“, fauchte Nemesis, und der Blick, mit dem er Sofia bedachte, ließ sie wissen, dass es ihr ebenso ergangen wäre, hätte Nemesis sie als Sterbliche angetroffen.

 

Sein Blick glitt nach unten, und er sah zu, wie Vampire aus den Nischen hervortraten und Edwards Ruf Folge leisteten. Irgendwann mussten die Frauen gegangen sein. Gegangen worden sein!, korrigierte er. Nur diese eine saß verlassen und vergessen auf der Bank, wo sie sich Xylos hingegeben hatte. Unwichtig und bedeutungslos.

 

Nemesis lächelte und traf eine Entscheidung.

 

*** Jennifer Schreiner Honigblut Der Kampf brach ohne Vorwarnung los. In einem Moment schien alles mehr als unter Kontrolle, im nächsten trat Nemesis an die Balustrade. Edward konnte die Augen des Vampirs sehen, erkennen, wie sie unnatürlich blau aufleuchteten. Sofort versuchte er seine Macht gegen ihn zu richten, doch der Ruf der Königin kostete ihn Konzentration und teilte ihn in zu viele Teile.

 

Wie hatten die Schatten Nemesis übersehen können? Er versuchte einem der Nahestehenden zu deuten, den Vampir zu übernehmen, doch es war zu spät.

 

Nemesis Macht war seiner ebenbürtig, wurde durch sein Alter bestimmt, während Edwards von seiner Schöpferin Maeve stammte.

 

Eine große Zahl der älteren Vampire schüttelte Edwards Ruf ab und statt dem Befehl der Königin Folge zu leisten, schlugen sie mental zu. Überall trafen sie die Vampire, die sich nicht auflehnten, es nicht wollten oder nicht konnten.

 

Scheiße! Gorgias zögerte einen Moment und versuchte sich für eine Seite zu entscheiden. Erst Fees Aufschrei brachte ihn wieder zur Besinnung. Im letzten Moment gelang es ihm, den Vampir zurückzuhalten, der die junge Frau überrumpelte und in die Couch gedrückt hatte. Doch erst, als Xylos Hand anlegte, konnten sie den Alten von Fee fortziehen.

 

Brenne!, befahl Xylos stumm und sah zu, wie die mentale Kraft über seinen Arm rollte und in dem anderen einschlug. Der Brandgeruch und die Hitze waren unerträglich, steigerten sich durch die Schreie und die Panik zu einem Kaleidoskop des Schmerzes und ließen den Vampircallboy trotzdem kalt.

 

Mit einer Kopfbewegung gab er Gorgias zu verstehen, Fee zu beschützen. Sie mochte eine Nervensäge sein, aber das hier war nicht ihr Kampf. Menschen sind kein Vieh.

 

*** Sofia erstarrte, als Nemesis sich zu ihr zurückdrehte und sie mit einem Blick aus blauen Augen bedachte. Die Macht schlug über ihr zusammen, lähmte all ihre Sinne, betäubte ihre Gedanken und versteinerte ihren Körper – einzig der Bund mit Edward hielt. Ihre Verbindung gab ihr Kraft und Wissen zurück. Genug, um zur Seite zu treten, als Nemesis die Hand nach ihr ausstreckte.

 

Trotzdem konnte die Vampirin das Amüsement spüren, welches von dem alten Vampir ausging. Ihm gefielen ihre Auflehnung und ihre Ablehnung, auch wenn ihn beides überraschte und zu Gewalt einzuladen schien. Denn plötzlich war er vor ihr, seine Hand an ihrem Hals, sein Mund an ihrem Ohr.

 

„Bestell der Königin, dass sie abgesetzt wird. Freiwillig oder mit Gewalt.“ Seine Stimme hatte nahezu jegliche Menschlichkeit verloren. „Das System wird sich ändern – und das Verhältnis zwischen Menschen und Vampiren. Futter und Sex.“

 

Die Bewegung, mit der er sie zum Zusehen zwang, hätte einer Sterblichen das Genick gebrochen, ihr tat es nur weh.

 

*** Der Ruf des Magistraten hallte, nur wenige Sekunden nach dem ersten Ton der Rebellion, in einer Tonlage durch die Nacht, die für Mensch und Tier unhörbar war. Er Jennifer Schreiner Honigblut verbreitete sich von Gedanke zu Gedanke, zu den wartenden Schatten, die ihre Ziele erkannten und sich gegen den ersten Schlag wappneten.

 

Die Lichter gingen aus, die Klimaanlage, und schwarz in schwarz kämpften Blutsauger aller Schattierungen in der Finsternis darum, zu überleben. – Die Anhänger von Nemesis wollten ohne Rücksicht auf Verluste lieber kämpfend sterben, als aufzugeben, während die meisten der anderen versuchten, sich zu schützen und nur kämpften, weil sie nicht sicher waren, von wem sie angegriffen wurden.

 

Immer wieder blitzte fahles, schattenloses Licht auf, vernichtete einzelne Vampire und erlosch wieder, nicht ohne kämpfende Schemen zu erleuchten und für einen surrealen Effekt zu sorgen, dessen Patentrecht in der Hölle zu finden sein musste.

 

Doch das Brennen erlaubte es den klügeren Vampiren, sich Gorgias und Fee anzuschließen und sich hinter Edward und Xylos zu verschanzen, die wie ein Bollwerk gegen die Angreifer standen.

 

Selbst ihnen fiel es schwer, in dem Pulk kämpfender Blutsauger Freund und Feind auseinanderzuhalten und zu entscheiden, wer in Flammen aufgehen sollte und wer nicht. Das Wasser aus der Sprinkleranlage erschwerte ihnen ihre Auswahl noch mehr, doch gegen das mentale Feuer konnte es nichts ausrichten. Immer wieder machten sie einen Rebellen in der Masse aus und gaben ihn dem Höllenfeuer preis. Nur die Ältesten waren zu stark und widerstanden dem Brennen, welches sie mit purer Gedankenkraft löschen konnte.

 

Doch ihr kurzes Aufflackern genügte den Schatten und wies ihnen den Weg. Gut geschult agierten sie wie ein Kollektiv und trieben die verzweifelt kämpfenden mit Hilfe ihrer Schwerter zusammen. Nur das kurze Aufblitzen der Klingen in der Finsternis zeugte von ihrer magischen Qualität. Das, was sie trafen, wurde getötet und würde auch tot bleiben.

 

Das Blut, die Schreie der Verletzten und Sterbenden, der Geruch des brennenden Fleisches und der Asche bildeten mit dem kakophonischen Lärm ein Kaleidoskop des Grauens, abstoßend und schrill, während sich Farben und Auren mischten, Knoten des Todes und der Vernichtung bildeten, des Feuers und der Verdammnis.

 

Und plötzlich war es vorbei. So plötzlich, wie es begonnen hatte.

 

Sofia war fassungslos, als die restliche Lähmung von ihr abfiel, fühlte sich benutzt und überrumpelt. In einem Augenblick hatte Nemesis bei ihr gestanden, im nächsten war er spurlos verschwunden.

 

Einzig seine feuchten Lippen, sein ekelerregender Abschiedskuss schien noch auf ihrem Mund zu kleben. Und das Wissen, dass es auch hätte anders kommen können. Sogar ganz sicher anders gekommen wäre, wenn Edward und sie nicht die vampireske Form eines ewigen Ehebündnisses eingegangen wären. Ohne ihn hätte sie nicht die Kraft besessen, die sie sonst antrieb, nicht genügend Macht, um Nemesis zu widerstehen. Wie eine willige Marionette hätte er sie bedienen und manipulieren können – und mitnehmen. Das Licht ging an, und alles sprang auf Normalität zurück, als sei ein Schalter in der Realität umgelegt worden. Blut und Brandflecken zeugten von dem erbitterten Kampf, der eben noch in vollem Gange gewesen war, doch von den vernichteten Vampiren war keine Spur mehr zu finden. Selbst ein CSI Team würde Probleme haben, mehr als das offensichtliche herauszufinden. Jennifer Schreiner Honigblut

 

Edward konnte spüren, wie Sofia hinter ihm, langsam wie eine Sterbliche, die Treppen hinabkam. Seine Wut gewann die Oberhand, als er Nemesis an ihr roch. Einen Duft wie eine Eiterbeule, die schwärte und sich ausbreiten würde. – Deswegen hatten die Schatten ihn als gesichert eingestuft? Weil Sofia bei ihm war?

 

„Wo ist er?“ Edwards Wut wurde nur von Sofias Gesichtsausdruck beschwichtigt. Sie wirkte, als sei ihre gesamte Weltsicht schlagartig erschüttert worden. Wie hätte sie einen Vampir wie ihn unter Kontrolle halten können?

 

„Entkommen!“ Selbst Sofias Stimme klang zittrig.

 

Obwohl er wusste, dass ihr nichts unwiderruflich Schlimmes geschehen war, warf Edward einen prüfenden Blick auf seine Gefährtin – ihr ging es gut, wie er an ihrer trotzig aufgeworfenen Unterlippe und ihrem störrisch erhobenem Kinn erkannte – bevor er weitere Befehle gab. Nemesis musste gefunden werden, der Schaden eingegrenzt. Der alte Vampir hatte einen großen Einfluss.

 

Noch immer konnte Edward nicht fassen, dass sich ausgerechnet dieser zuverlässige Vampir gegen den Befehl der Königin aufgelehnt hatte. Er warf einen Blick zu Xylos, der gerade behauptete: „Siehst du, Sofia? Ich habe es doch immer gesagt: Du hast einfach ein Händchen für schlechten Umgang!“ Von ihm hatte der Magistrat eine offene Auflehnung geradezu erwartet. Von einem Callboy mit unzähligen Liebschaften, Gespielinnen, die er beglückte, gefangen hielt und schließlich nach eigenem Interesse und Gutdünken verkaufte. Doch Nemesis?

 

Xylos beneidete Edward wirklich. Nicht nur um Sofia und das liebevolle Verständnis, mit welchem sie ihre Empfindungen austauschten, sondern auch darum, dass der andere Vampir vertrauen konnte – und sein Vertrauen bestätigt wurde. Niemand außer dem Callboy und der Königin wusste, dass der Magistrat mit seinem Geschöpf den mystischen Bund – die Vampirehe – eingegangen war, der ihnen Sicherheit gab und einen Zugang zu dem Wesen und der Situation des anderen, der mehr einer Symbiose glich, als für die meisten Lebewesen erträglich wäre.

 

Was würde er selbst dafür geben, um eine Frau zu finden, die bereit war, ihn zu lieben bis ans Ende der Ewigkeit. Doch wo sollte er solch eine Frau finden? Und: Wie willst du herausfinden, ob sie es wert ist?

 

Seit Jahrhunderten hatte Xylos nicht mehr geraucht, aber nun war ihm plötzlich nach einer Zigarette – oder nach Alkohol. Und beides würde nichts nützen, würde ebenso abgestanden schmecken und nutzlos sein wie der Sex, den er seit seiner Verwandlung in einen Vampir gehabt hatte.

 

Du wirst eben weiterhin einfach Schadensbegrenzung betreiben müssen! Genau das, was er seit seiner Neugeburt als Vampir tat. Für Maeve arbeiten und sich selbst allnächtlich beweisen, dass Schönheit und Sex keine Macht mehr über ihn hatten.

 

Missmutig machte sich Xylos daran, Edwards Aufgabe zu erledigen und die magischen Ketten einzusammeln, die verstreut im Club auf dem Boden lagen. Einziges Zeugnis ihrer vernichteten Träger, die lieber gestorben waren, als auf ihr nicht gerechtfertigtes Frauen-Privileg zu verzichten.

 

Wie blöde ist das bloß?! Da hat man die Ewigkeit voller Genuss und Macht vor sich und wirft sie wegen solch einer Kleinigkeit weg.

 

Er warf einen Blick auf die lebenden Vampire, die sich in eine Reihe gestellt hatten, um den Magistraten ihre Ketten abzuliefern und sich registrieren zu lassen. Jennifer Schreiner Honigblut

 

Nemesis Reaktion konnte Xylos verstehen, hatte sie sogar vorausgeahnt. Schließlich war er der misanthrope Grund, der den Vampircallboy dazu bewogen hatte, die Spiegelkammern einzuführen.

 

Sofia konnte von Glück sagen, dass der Vampir sie nicht einfach mitgenommen hatte. Schönheit kann also auch zum Verhängnis werden!, dachte Xylos und hob eine der Ketten hoch.

 

Der ehemalige Besitzer des Schmuckstückes hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, Portraits zu erschaffen, um mit seinen Frauen zu prahlen. Deswegen konnte der Vampir direkt in die Zelle der Gefangenen und in die Privatsphäre der winzigen Gestalten sehen. In einem Falle sogar in ein winziges Folterstudio hinein.

 

Xylos sah genauer hin. Kein Folterstudio! Einen Raum, der der Gefangenen unzählige Möglichkeiten bot, sich das Leben zu nehmen. Wahrscheinlich hatte sie hier immer wieder versucht, ihrem dunklen Herrscher zu entkommen. Wie oft? Und immer wieder erfolglos. Die Frauen lebten nicht wirklich in den Ketten – also konnten sie in ihr auch nicht sterben. Kein Entkommen, nie! Nur existieren.

 

Die Fremde dauerte Xylos, so dass er die Perle berührte, um sie besser sehen zu können.

 

Bei der Berührung sah sie plötzlich zu ihm auf, schien ihn direkt anzusehen – obwohl Xylos wusste, dass es unmöglich war. Die Frauen konnten nicht nach außen sehen, existierten nur noch in der Welt, die ihr Vampir für sie schuf.

 

Doch was ihn wirklich traf, war das Erkennen. Er kannte sie. Auch wenn sie jetzt nicht mehr so schön wirkte, nun, da sich Trauer und Verzweiflung tief in ihre Gestalt hineingefressen und ihre Perfektion zerstört hatten. Jennifer Schreiner Honigblut