KAPITEL 10
Sie spürte den metallischen Blutgeschmack auf ihrer Zunge, als tränke sie von sich selbst. Hörte die Geräusche des Trinkens, den sanften Zug, und dankte Sofia für ihre Liebe.Dann fiel ihr auf, dass der Zug von ihrem Hals kam, nicht von ihrem Handgelenk. Dass Berührungen da waren, die nicht hätten sein sollen. Sie öffnete die Augen und sah in helle, blaue Augen, die grundlos schienen. Sie griffen nach ihrem Bewusstsein, schleuderten es in das Blau, in den Abgrund ohne Boden. Es war wie Fallen ohne Bewegung. Die Welt kippte einmal um sich selbst, Wärme strahlte aus ihrem Körper heraus wie das Leben selbst, ein verknüpftes Gebilde aus Hitze. Dann drehte sich die Welt in die Finsternis und nahm ihren Verstand mit.
Sie fiel und stürzte durch von heißer Leidenschaft erfüllte Dunkelheit. Wogen des Verlangens umspielten sie, Berührungen brandeten an ihrem Körper entlang. Ekstase wirbelte sie empor, trieb sie bis zum Höhepunkt, dem höchsten Punkt der Verzückung; bis ihr Körper aufhörte zu existieren, ihr Wesen aufhörte zu sein, und sie nur noch war.
Erstaunen und tiefste Erfüllung breiteten sich in ihrem Inneren aus und vergingen in einem Traum, einer Realität, die so klar war, dass sie nur der Fantasie entspringen konnte.
Der Mann mit den seltsamen blauen Augen war wie eine helle Flamme, und die Frauen waren die Motten. Sobald eine in seinen hellen Schein geriet, badete sie in seiner entzückenden, warmen Helligkeit, in seiner grenzenlosen Aufmerksamkeit. Die anderen Frauen verschwanden durch den scharfen Kontrast, blieben in der Finsternis verborgen.
Doch das Licht und die Aufmerksamkeit verbrannten oder zeichneten, kamen mit einem Preis: Das wandernde Licht. Unstetig.
Doch der Schmerz des Verbrennens war schon da, nur kurz nachdem er von ihr abgelassen hatte, kurz nachdem seine Berührungen nicht mehr ihre Haut und ihren Geist versengten. Sie erinnerten sie daran, dass sie noch lebte.
Immer noch! Kurz fühlte sie sich betrogen. Sie war so nahe ans Jenseits herangekommen und hatte nicht einmal einen Tunnel gesehen. Geschweige denn ein helles Licht. Doch! Sein helles Licht!
Sie wollte keine Motte sein, zum ersten Mal seit langem wollte sie kämpfen und frei sein, nicht ihren Trieben und ihrem Körper ausgeliefert, nicht in dem Wissen, zu verbrennen.
Doch die Schmerzen waren überall, schienen von ihrem eigenen Körper auszugehen, nicht Bestandteil des Traumes zu sein. Flammen schienen ihr Herz und ihre Lunge zu verschlingen, und ihre Schreie hallten in der Finsternis. Melanie versuchte die Schreie zu unterdrücken, um atmen zu können, doch es gelang ihr nicht. Sie würde ersticken. Ersticken, ohne dass das helle Licht zu ihr zurückkehrte. Verbrennen, ohne je geliebt zu haben. Tränen strömten ihr über die Wangen.
*** Du bist ihr erster Mann gewesen! Kurz fühlte sich Xylos schuldig. Von ihrem Blut geehrt. Jennifer Schreiner Honigblut
Dann verkrampfte sich sein Innerstes. Er hatte seinen Schwur gebrochen, Schöpfer gespielt und eine Verdammte erschaffen.
Ihr herzzerreißendes Wimmern erschütterte ihn. Sie kämpfte gegen einen unsichtbaren Feind, ohne seine Anwesenheit wahrzunehmen. Es war ein verzweifelter Versuch, ihrem eigenen Körper zu entfliehen, der sich heftig gegen die Veränderung wehrte, die in ihm vorging. Alle Organe, jeder Muskel und jede Zelle erneuerte sich unter der Anleitung von Xylos Blut, wandelte sich und lieferte Melanie brennenden Schmerzen aus.
Xylos sah hilflos zu. Wünschte sich, er könnte ihre Qualen dämpfen, ihr die Umwandlung erleichtern. Doch beides war unmöglich. Jeder zukünftige Vampir musste diesen Weg allein gehen. Und jeder würde seine eigenen Erinnerungen mitbringen.
Trotzdem fragte er sich, ob er etwas falsch gemacht hatte, als sie sich erbrach. Er war nur einmal bei einer Vampirschöpfung dabei gewesen – bei seiner eigenen. Und da war er weder körperlich, noch geistig oder seelisch in der Lage gewesen, der Gebrauchsanleitung zu folgen.
Dankbar registrierte er, dass Melanie ohnmächtig geworden war. Mit ein wenig Glück würde ihr Körper ohne sie die Umwandlung erledigen.
Es überraschte ihn selbst, als er nicht nur die Wohnung sauber machte, sondern sich auch noch mit einem Lappen und einem Eimer warmen Wassers neben Melanie wiederfand.
Schuldgefühle! Schlicht und ergreifend!, dachte er und fügte hinzu: Du hast sie erschaffen, du bist verantwortlich! Doch tief in seinem Inneren lauerte ein Gedanke, der nicht annähernd so unschuldig war, wesentlich besitzergreifender. Sie ist mein!
Seine Neugierde hatte ihn an diesen Ort gebracht; seine ungezähmte Lust, sich ihr zu nähern und sein Mitleid, sie zu einem Vampir zu machen. Doch nun war es ein wesentlich dunkleres Verlangen, welches von ihm Besitz ergriff und nach ihr verlangte.
Auch wenn er es darauf schob, dass sie ein Teil von ihm war. Er würde sie nicht hierlassen, sie nicht der Gefahr einer Entdeckung ausliefern. Wenn er eine Frau in Fesseln legen musste, damit sie bei ihm blieb … dann würde er eben genau das tun. Und wenn sie ihn nicht lieben und nicht treu sein konnte, musste er eben dafür sorgen, dass sie vor Einflüssen und Versuchungen unberührt blieb.
Xylos Lächeln hätte einem Engel das Fürchten gelehrt.
*** Etwas zupfte an ihrem Bewusstsein, zaghafte Schmetterlingsflügel, die sie nur kurz berührten, sanft und mit flüsternden Erinnerungen. Doch der Eindruck wurde rasch abgelöst von einem vehementen Wissen und einer Frage, so aufdringlich, dass sie sie gestellt hatte, bevor sie die Augen aufschlug.
„Sofia?!“
Der Fremde saß am anderen Ende des unbekannten Raumes, ebenso schön und mit unergründlichen Augen wie in ihrem Traum, und es gab nichts, was ihren ersten Eindruck von ihm abmilderte.
Seine goldenen Haare umschmeichelten ein bartloses Gesicht, welches ein gutgelaunter Gott an seinem besten Schöpfungstag ersonnen haben musste. Unglaublich Jennifer Schreiner Honigblut attraktiv und einnehmend waren seine Züge weder zu männlich, noch zu weiblich, sondern einfach nur atemberaubend.
Volle, sinnliche Lippen verzogen sich unter ihrer Musterung zu einem verführerischen Lächeln, milderten die perfekten Proportionen ab und verliehen ihrem Gegenüber das Aussehen eines Sunnyboys.
Und diese Augen! Herr im Himmel! Sie waren das klarste und hellste Blau, welches Melanie je gesehen hatte, das Blau eines perfekten, eiskalten Wintertages, wolkenlos. Sie waren verheerend in ihrer durchdringenden Intensität und schienen vor Intelligenz zu brennen. Die Hitze stieg ihr zu Kopf und gab ihr das Gefühl, dass sein Blick wirklich töten konnte. Ihr Traum kehrte in ihre Erinnerung zurück und ließ sie zittern.
Sie WAR im Licht seiner Aufmerksamkeit!
Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag, verdichtete sich zu einem Wissen, das sich nicht leugnen ließ, und entfachte grenzenlose Verwirrung.
Sie war klar, ihre Gedanken und Gefühle gehörten ihr, unterlagen ihrer Kontrolle und zum ersten Mal seit dem Tag, der sie in die Verzweiflung gespült hatte, hatte sie keine Angst, war ganz sie selbst – kein bloßer Schatten mehr.
Der einzige Schatten lag auf dem Moment ihrer Leidenschaft. Ihr erstes Mal, und sie erinnerte sich nicht mehr – kein bisschen.
„War es wenigstens gut?“ Ihre Frage hatte sarkastisch klingen sollen, doch ihr Tonfall war jämmerlich, gab mehr von ihr preis, als sie beabsichtigt hatte.
Der Fremde sah sie an, und unter seinem Blick begann sie sich wie die Motte aus ihrem Traum zu fühlen. Austauschbar.
Xylos starrte Melanie ungläubig an, konnte weder die klare Intelligenz fassen, mit der sie ihre Situation, ihn und sein Versteck ergründet hatte, noch ihre unglaubliche Frage. Noch nie hatte eine Frau ihm gegenüber auch nur die geringsten Zweifel an ihrer Wirkung oder an ihrem Können an den Tag gelegt. Nie hatte eine daran gezweifelt, ihm Freude bereitet zu haben.
Zum ersten Mal war das Lachen, das er allein mit einer Frau teilte, ehrlich und herzhaft.
Melanie starrte den lachenden Adonis vor sich an. Ihre Unsicherheit wuchs zu Verzweiflung, als ihre hilflose Wut mit Eiseskälte nach ihr griff. So dumm, so schrecklich, schrecklich dumm! Sie hatte die Frage nicht laut stellen wollen, ihre Verlegenheit und ihre Gefühle nicht preisgeben.
Sie konnte spüren, wie sich der Kloß in ihrer Kehle verdickte. Sie versuchte die Tränen zurückzuhalten, während sein Lachen sie beschämte, erniedrigte, und ihr das Gefühl gab, minderwertig zu sein.
Sie wusste, dass ihre Schwester diesen frechen Kerl für seine Reaktion zurechtgestutzt oder verprügelt hätte. Ihr jedoch blieben beide Alternativen verwehrt. Alles, was sie tun konnte, war, ihre Trauer und Enttäuschung still hinzunehmen und so das bisschen Würde, welches ihr nach seiner Reaktion übrigblieb, zu behalten.
Xylos war verwirrt, als er die Tränen in Melanies Augen aufblitzen sah, und sie den Blickkontakt abbrach. Für Sekunden schien es, als würde sie sich in sich selbst zurückziehen, doch dann sah sie ihn erneut an. Und obwohl Tränen mit ungehinderter Macht aus ihren Augen traten und über ihre Wangen liefen, hielt sie seinem Blick stand.
Ihr Gesichtsausdruck war vorwurfsvoll, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr seine Reaktion sie verletzt hatte. Die stumme Würde, mit Jennifer Schreiner Honigblut der sie hinnahm, dass er ihre Gefühle durchschauen konnte, war mehr, als Xylos ertragen konnte.
Verwirrt blinzelte Melanie. So gerne sie es auch den Tränen zugeschrieben hätte, es war merkwürdig. Eben noch hatte er nahe der Tür gesessen, im nächsten Moment war er direkt vor ihr. Anmutig wie eine Raubkatze – und vermutlich ebenso gefährlich – setzte er sich neben sie auf das Bett.
Sie war wie versteinert, als er ihr mit einer Hand in einer sehr intimen Geste durch die Haare strich. Ihre Kopfhaut begann zu prickeln und ließ all ihre Gedanken Amok laufen.
Beherrsch dich!, befahl sie sich. Sie war verärgert, weil sie seine Berührung mochte. Es ist unglaublich pubertär, dermaßen erregt zu sein, wenn er dich doch nur wie einen Hund tätschelt!
Doch dieser Mann – sie erinnerte sich an einen Namen, doch das Wort schwamm knapp unter der Grenze zu ihrem Bewusstsein, wurde von einem anderen überlagert: Xylos! – war nicht nur die Verkörperung ihres schlimmsten Alptraumes – sondern auch die ihrer heißesten Fantasie.
„Du erinnerst dich nicht mehr?“ Seine Stimme war tief und erotisch, prickelte in ihrem Körper und verhieß eine Sinnlichkeit, die Frau atemlos zurückließ. Obwohl er sich nicht bewegt hatte, gab er ihr das Gefühl, er würde sie einkreisen und gefangen setzten.
Gott! Dieser Mann ist viel zu sexy für dein Seelenheil. Und war ihr entschieden zu nahe. Doch sie bewegte sich nicht, weil sie sich sicher war, dass er sie niemals entkommen lassen würde.
„Nein, kein bisschen!“, gestand sie.
Langsam begannen sich die Lippen des Fremden zu kräuseln und wölbten sich schließlich zu einem betörendem Lächeln. „Es war wundervoll!“. Wahrheit. Melanie stellte erstaunt fest, dass sie es wusste. Mit einer Sicherheit, die von einem Instinkt herrührte, den sie vorher nicht gehabt hatte.
„Du hast mich zu einem Vampir gemacht!“ Sie hatte es schon beim Aufwachen gewusst. Mit derselben Sicherheit, mit der sie Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte.
„Es war die einzige Möglichkeit, dich zu retten.“ Wahrheit.
Vampir! Melanie dachte an all die Vampirfilme, die sie mit Sofia geguckt hatte, an „Blade“ und „Interview mit einem Vampir“, genauso wie an weniger bekannte Vertreter des Genres. An Bücher wie „Club Noir“ und „Blutnächte“. Halbwissen verband sich mit Wahrheit und einer vampirischen Realität, an der es nichts zu rütteln gab. Melanie nahm die Erkenntnis als gegeben hin und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ein dringenderes Anliegen: „Sofia?!“
„Es geht ihr gut!“ Xylos wusste, dass seine Worte die Untertreibung des Jahrhunderts waren.
„Kannst du mich zu ihr bringen?“
„Sorry! Sofia liegt nicht im Bereich deiner derzeitigen Möglichkeit!“ Wahrheit. Melanie starrte den Vampir verwirrt an.
„Es ist verboten, weibliche Vampire zu erschaffen“, erklärte Xylos und überlegte, inwieweit er Melanie in die Geschehnisse der letzten Zeit einweihen sollte.
„Bitte?“ Melanie rieb sich die Ohren, als habe sie falsch gehört. Jennifer Schreiner Honigblut
„Weibliche Vampire sind verboten!“, wiederholte Xylos. Langsamer diesmal, als spräche er zu einem störrischen Kind.
„Aber du hast mich in einen Vampir verwandelt!“, protestierte die reizende Schönheit vor ihm.
„Um dir das Leben zu retten!“
„Das ist ja ein tolles Leben!“ Melanie lachte gekünstelt. „Was passiert mit mir, wenn die anderen Vampire mich finden?“
Xylos lächelte. Erleichtert, weil Melanie ebenso pfiffig war wie Sofia. „Siehst du meine Süße? Genau da ist der Haken! Ich werde auf keinen Fall riskieren, dass irgendein anderer Vampir bemerkt, dass du existierst.“
Das Lächeln ihres Gegenübers glich dem eines gutgelaunten Hais. Er würde es nicht riskieren?
„Um deine Haut zu retten?“, äußerte sie ihre Mutmaßung laut.
„Nein!“ Xylos lachte. „Meine Haut steht nicht zur Debatte und würde es auch nicht. Nur deine!“
„Aber Sofia …!“, wandte Melanie ein.
Xylos unterbrach sie mit verhärtetem Gesichtsausdruck: „Sofia war etwas anderes!“ Auf keinen Fall würde er riskieren, dass Melanie zu einem Spielball der Vampire wurde, so wie Sofia es gewesen war.
Melanie konnte spüren, wie sich Wut und Enttäuschung in ihr verdichteten. Ahnung wurde zur Realität. Er würde sie nicht gehen, nicht entkommen lassen. Endlich konnte und wollte sie wieder über sich selbst bestimmen, hatte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Kraft und den Willen dazu – nur um von einem Vampir aufgehalten zu werden.
Xylos sah die kurz aufflammende Wut und die Entschlossenheit, die in Melanies Augen auftauchte. Mit einem Mal war er sehr froh darüber, sie in sein Versteck gebracht zu haben, in dem er sie unterbringen und festhalten konnte.
„Es ist zu deiner eigenen Sicherheit!“, behauptete er und konnte seine eigene, nicht ganz uneigennützige Teilwahrheit wie einen fauligen Geschmack auf seiner Zunge spüren. Er sah Melanie trotzig an. Es sollte keine Rolle spielen, welche Gründe er aufführte, sie sollte ihm einfach vertrauen und wissen, dass er das Richtige entschied. Hier bei ihm war sie sicher und würde es bleiben!
Wenn er ihr die Chance bot, frei zu sein, wie sie es anscheinend wollte, würde sie entweder tot enden oder im Bett eines anderen Vampirs. Beide Vorstellungen behagten ihm nicht.
„Also bin ich deine Gefangene?!“, fasste Melanie zusammen. Ihr Tonfall war ruhig.
„Ich würde dich lieber als Gast sehen!“ Er ließ seine Stimme sanft klingen.
Melanie schnaubte bei Xylos Wortwahl, die vage obszön blieb, so als wäre schon allein der Gedanke an eine Gefangenschaft durch ihn etwas Schmutziges, aber auch sehr Erotisches. Vielleicht war dem auch so.
„Ich bin dir also ausgeliefert und niemand weiß, dass ich noch lebe!“, fasste sie ihre Ist-Situation zusammen. Ihre Wut spiegelte sich in ihrem Blick wieder, der ihrem Gefängniswärter und dem Hochsicherheitstrakt galt, die er eine Bleibe nannte. Sie ließ ihren Blick schweifen: Ein riesiges Bett, eine Nachtkonsole, ein Tisch, ein Stuhl, ein Spiegel, ein Kühlschrank – wozu braucht ein Vampir einen Kühlschrank? – einen Kleiderschrank, Musikanlage mit CDs, DVDs ohne dazugehörigen Fernseher, ein volles Jennifer Schreiner Honigblut Bücherregal und jede Menge Haken und Riemen an allen unmöglichen und möglichen Orten.
„Gast? Konkubine würde es besser treffen, oder?“
Xylos Lippen verzogen sich zu einem trägen Lächeln. Die rohe sexuelle Hitze in seinem Blick traf Melanie unvorbereitet und ließ ihre Brustwarzen hart werden. Das plötzliche Verlangen in ihren Adern ließ sie zittern. Wie kann es sein, dass schon sein Blick solch eine Wirkung auf mich hat?
„Ich hatte noch nie eine Konkubine!“ Xylos ließ seine Zunge langsam und sinnlich über seine Lippen tanzen und befeuchtete sie, um ihr zu zeigen, wie trocken sein Mund schon allein bei dem Gedanken an sie geworden war.
„Fick dich!“, fluchte Melanie. Und wusste schon im nächsten Moment, dass ihre Worte schlechter nicht hätten gewählt sein können. In den Augen des Vampirs flammte Hitze auf. Dann lachte er dunkel. Ein sehr dunkler, besitzergreifender Laut – und zufrieden.
„So habe ich das nicht gemeint, und das weißt du auch!“, behauptete Melanie.
Xylos Lachen stoppte abrupt, machte ihr deutlich, dass er es wusste, es ihm aber egal war. Eine gefundene Ausrede.
„Ja, aber ich befürchte, ich bin ein Mann, der alles sehr wörtlich nimmt. Also sag es besser nicht mehr zu mir, denn sonst werde ich dich beim Wort nehmen. Und ich werde dir nicht die Chance geben, es zurückzunehmen.“ Er warf ihr einen dunklen Blick zu. „Ich begehre. Ich verlange und ich brauche. Diese drei Dinge machen mein Leben aus. Also: Sag es und wir beide werden Spaß miteinander haben … überall.“
„Nur über meine Leiche!“
Xylos lachte. Ein gutes Wortspiel für eine Untote.
Melanies Wangen färbten sich rot vor Zorn. Sie wusste nur zu gut, dass er sie durchschaute und um die Versuchung wusste, die er für sie darstellte. Arrogant, rücksichtslos und dominant!, fasste sie zusammen, während sie stumm darum betete, von dem blendend hellen Licht seiner Aufmerksamkeit nicht verbrannt zu werden.
Xylos konnte spüren, wie sein Geschöpf darum kämpfte, der Versuchung zu entgehen, doch er konnte ihre Reaktion auf seine Worte mit allen Sinnen fassen. Konnte sogar riechen, wie sie bei dem Gedanken an einen weiteren Tanz auf der Matratze feucht wurde.
Und der Gedanke an ihre Reaktion, an den Triumph, den er über ihren Verstand erzielt hatte, stieg ihm zu Kopf. Diese Wirkung hatte schon lange keine Frau mehr erzielt.
Es liegt daran, dass du sie erschaffen hast. Weil sie ein fehlender Teil von dir ist. Du wirst dich an den Verlust gewöhnen, so wie du dich an jeden Verlust gewöhnt hast. Es wird nur länger dauern!, wusste sein Verstand, doch sein Körper reagierte in wilder Ursprünglichkeit und mit einem Verlangen, welches ihn leichtsinnig machte.
„Und jetzt lass mich dich deiner Bestimmung zuführen und dir zeigen, wozu die Götter eine Frau wie dich erschaffen haben. Ich schwöre dir, du wirst es für den Rest der Ewigkeit im Gedächtnis behalten!“
Melanie schluckte über die offen ausgesprochene Versuchung. Er würde großartig im Bett sein. Daran bestand nicht der allergeringste Zweifel. Aber sie bedeutete ihm nichts. Gar nichts.
„Ich kann nicht!“, sie schüttelte den Kopf und versuchte von ihm wegzurücken. Jennifer Schreiner Honigblut
Melanie sah die sinnliche Glut in den blauen Tiefen von Xylos Augen erneut auflodern. Seine Lippen verzogen sich abermals zu einem Lächeln, gefährlich weich und einladend verführerisch. Sie versuchte angestrengt, nicht auf seinen Mund zu starren.
„Du kannst nicht, oder du willst nicht?“ Seine Stimme hatte sich in ein tiefes, kehliges Schnurren verwandelt, welches liebkosend über ihre Sinne strich.
Der Raum schien plötzlich zusammenzuschrumpfen. Die Wände rückten bedrohlich näher, und Melanie konnte nicht mehr atmen, kaum noch denken.
„Macht das einen Unterschied?“ Plötzlich war ihr Mund trocken, und sie dachte daran, wie Xylos seine Lippen mit der Zungenspitze befeuchtet hatte. Unbewusst imitierte sie seine Handlung. Erst als sein Blick zu ihren Lippen wanderte, bemerkte sie ihre Handlung. Das ist es also, was die alles verzehrende Flamme tut: Sie sorgt dafür, dass sich eine Frau wie eine Frau fühlt. Begehrenswert und ein wenig verrucht.
Sein Blick bohrte sich in ihren. Brannte sich mit solcher Intensität in sie hinein, dass sie nach Luft schnappte. Er ist zu nahe! Die Warnung kam zu spät, sein Mund legte sich auf ihren, seine Lippen waren weich, voll Verlangen und pressten sich gegen sie, so dass sie ihren Mund für ihn öffnete. Sie erlaubte ihm, mit seinem Geschmack und seiner Sanftheit in ihren Körper und in ihre Seele eindringen zu können, in sie hineinzuströmen wie ein Konzentrat aus seidiger Hitze und heißen Versprechungen.
Xylos Mund bewegte sich auf ihrem, seine Zähne nippten an ihr, kosteten, neckten und verlockten, und in dem Moment, in dem er sie zu sich zog, war ein Rückzug zu spät und sie verloren. Es gab kein Zurück mehr, kein Nein, nur noch Spüren, Annehmen und Erwidern.
Melanie staunte über den übermächtigen, sinnlichen Hunger, der Xylos anzutreiben schien, und den er auf sie losgelassen hatte; obwohl sie keine Ahnung hatte, was auf sie zukam, oder wie sie den Hunger befriedigen konnte. Doch ihr Körper übernahm die Kontrolle, reagierte mit der gleichen brennenden Leidenschaft, die von ihm ausging.
Wider besseres Wissen gab sie sich seinem Hunger hin, öffnete den Mund und hieß ihn willkommen. Jennifer Schreiner Honigblut