KAPITEL 1

Die beiden Schönheiten waren aufeinander losgegangen wie liebestolle Hunde, hatten sich ineinander verleckt und seitdem nicht mehr voneinander gelassen.

 

Xylos stand hinter dem Spiegelglas und beobachtete das Treiben auf der überdimensional großen Matratze. Dass er tot war, hatte seinen Appetit auf Sex im besten Falle angefacht, doch keinesfalls gestillt. Reglos bewunderte der Vampir die nahezu perfekten Liebeskünste der beiden Frauen, die Gegensätzlichkeit, die sich durch das Wesen der zwei Grazien zog und sich in ihrem Äußeren manifestierte. Die eine klein und vollbusig, mit feurigen Augen und einem aufbrausenden Temperament, welches sie durch ihre südländische Herkunft entschuldigte, die andere groß und sehr dünn, hellblond mit blauen Augen. Augen, die beinahe so hell waren wie seine eigenen.

 

Für Sekunden spielte er mit dem Gedanken, die beiden allein zu lassen und in den Club zu gehen. Hinter dem Glas konnten sie ihn sowieso nicht sehen, nur vermuten, dass er da war.

 

Doch beide waren seinetwegen hier, hatten für ihn bezahlt, und selbst während sie sich gegenseitig verwöhnten, schienen ihre Körper nach dem wahren Objekt ihrer Begierde zu schreien.

 

„Du bist ein Glückspilz, mein Freund!“, behauptete Gorgias und legte dem Vampircallboy kameradschaftlich die Hand auf die Schulter. Die Erregung des Clubbesitzers ging in sichtbaren Wellen von ihm aus und ließ Xylos an seinem eigenen Wesen zweifeln.

 

Der Callboy wusste, dass er selbst in diesem Augenblick ebenso gefasst war wie immer, ebenso kühl wirkte und selbst für andere Vampire keinerlei Spuren von Verlangen ausstrahlte.

 

Die Frage, ob es daran lag, dass Gorgias wesentlich jünger war als er, oder an Xylos Gleichgültigkeit, beantwortete sich Xylos selbst im Stillen. Er selber wirkte so gleichgültig, weil er gleichgültig war. Selbst das Treiben auf der Matratze, der gottgleiche Anblick der sich windenden und genießenden Frauenkörper ließ ihn kalt.

 

Nur durch seine Gefühlskälte hatte er sich den Ruf eines einzigartigen, vollkommenen Liebhabers erarbeitet, der sich immer genug Zeit nahm, um die Frauen bis an den Rand ihres Verlangens zu treiben, sie lange dort zu halten und schließlich darüber hinauszukatapultieren in den Abgrund der Lust.

 

„Sie sind wirklich sehr schön!“, flüsterte Gorgias andächtig. Erst jetzt bemerkte Xylos, dass der jüngere Vampir seine freie Hand tief in seiner Tasche vergraben hatte und sachte bewegte.

 

„Wegen mir musst du keine Hemmungen haben!“, meinte Xylos. Vielleicht wäre ein Mann einmal eine nette Abwechslung?, dachte er, verwarf den Gedanken aber beinahe so schnell, wie er gekommen war. Männer waren einfach nicht sein Stil, sie gaben ihm noch weniger als all die willigen Frauen.

 

„Spielzeuge!“, meinte er deshalb und war erstaunt darüber, dass er seinen abfälligen Gedanken laut ausgesprochen hatte.

 

Gorgias ließ sich auf der Bank in dem kleinen, gemütlichen Beobachtungsraum nieder und deutete Xylos, sich zu ihm zu gesellen. Jennifer Schreiner Honigblut

 

Xylos tat so, als habe er die Geste nicht bemerkt, und wandte seinen Blick wieder auf die Frauen, während Gorgias sich bequem in das rote Samtpolster flegelte, bis er eine angenehme Position erlangt hatte.

 

Aus dem Augenwinkel sah Xylos, wie der junge Vampir seine Hose öffnete und seiner Erektion Freiheit gönnte.

 

Erstaunlich, wie schnell sich die Leute in meiner Nähe wie zu Hause fühlen!, dachte der Callboy und musste ein anzügliches Lächeln unterdrücken, als der Vampir seine Finger sachte über die Spitze seines Penis gleiten ließ, mit dem kleinen Vorhautbändchen spielte, auf die winzige Öffnung drückte und dann seine zweite Hand nutzte, um die Peniswurzel zu umschließen und seiner Härte so nachzuhelfen.

 

Konzentriert umschloss der jüngere Vampir mit seiner Rechten seinen Penisschaft, ließ den Druck der Finger der Reihe nach wachsen und bewegte erst dann die geschlossene Hand dem Schaft entlang nach unten, zog mit dieser Bewegung die Vorhaut zurück und ließ sie dann langsam über die Eichel zurückgleiten. Danach verlegte er sich darauf, mit drei Fingern gleichzeitig mit dem Vorhautbändchen zu spielen.

 

Xylos hielt den größten Teil seiner Aufmerksamkeit auf die vierte Matratzendimension gerichtet und sah zu, wie die Brünette genüsslich ihre feuchten Finger leckte, den Liebessaft genoss, den sie aus der anderen Frau gestohlen hatte, und anschließend ihren Daumen, Zeige- und Ringfinger benetze. Als sie sich zu der Blondine beugte und die Finger in ihrer Vagina versenkte, war das Stöhnen der Wollust, welches von einer elektronischen Anlage übertragen wurde, deutlich zu hören. Die spielerisch lustvolle Atmosphäre in dem Matratzenraum steigerte Gorgias Erregung um ein Vielfaches und vibrierte als Verlangen in seinem Körper.

 

„Wunderschöne, willige Frauen!“, korrigierte Gorgias Xylos vorige Bemerkung trotz seiner Ablenkung.

 

Zum ersten Mal, seit Gorgias den Raum betreten hatte, besaß er Xylos‘ volle Aufmerksamkeit. Selten genug kam es vor, dass jemand dem Callboy widersprach.

 

Bei dem Gedanken kräuselten sich Xylos formvollendete Lippen unwillkürlich zu einem Lächeln. Es gab einzig eine Vampirin, die sich genau das zum Hobby gemacht zu haben schien: Sofia.

 

Dieses eine Wort ließ Xylos den Schauder einer köstlichen Vorahnung über den Rücken laufen, obwohl er wusste, dass die hübsche Vampirin für ihn tabu war. Nicht nur, weil sie ihn nicht in ihrem Bett haben wollte, sondern auch, weil sie sich in einen anderen verliebt hatte und mit ihm glücklich war.

 

Und trotzdem musst du dauernd an sie denken!, tadelte Xylos‘ Verstand und versuchte, seine Libido auf die zwei Frauen oder wenigstens auf Gorgias zu lenken. Wahrscheinlich, weil ich sie nicht haben kann!, sinnierte Xylos im Gegenzug und wusste, dass er sich selbst belog. Es lag daran, dass sie nicht ihm ihre Liebe geschenkt hatte. Sofia war eine Herausforderung gewesen. Und trotz ihrer auffälligen Schönheit und ihrer bissigen Art wäre sie jemand gewesen, dem er hätte vertrauen können. Instinktiv wusste er, dass eine Frau wie sie sich für die Ewigkeit festlegte und keine Spiele spielte. Kurz hatte es Hoffnung in seinem Leben gegeben. Kurz einen Sinn in seiner jämmerlichen Existenz. Ihr Wortwitz und Esprit, ihre Schlagfertigkeit und Schönheit hatten einen temporär hellen Fleck in seinem Leben hinterlassen.

 

Im Gegensatz zu den anderen Frauen! Sie waren allesamt belanglos. Jennifer Schreiner Honigblut

 

„Hübsche Spielzeuge“, beharrte Xylos. „Manche sind nur schwerer zu benutzen als andere.“ Sein Blick wanderte zu Gorgias offenem Hemd und seiner nackten Brust, auf der eine Kette so provozierend prangte, als habe sie ein Eigenleben. Im Falle dieses Schmuckstückes stimmte dieser Eindruck sogar. Die magischen Ketten waren eigens von der Hexe Morna erschaffen worden, um den ausschließlich männlichen Vampiren trotz des Verbotes der Vampirkönigin die Möglichkeit zu geben, eine weibliche Partnerin für die Ewigkeit an ihrer Seite zu behalten.

 

Und falls man sich in der einen Partnerin getäuscht hatte, oder sie einfach mit der Zeit langweilig wurde, hatte man fünf Möglichkeiten. Fünf Perlen als Anhänger für das magische Kleinod. In ihnen konnte man Frauen gefangen halten, sie peinigen oder glücklich machen. Gorgias‘ fünf Perlen zeigten fünf Portraits, was Xylos den ersten Eindruck bestätigte, den er sich von dem jungen Vampir gemacht hatte: Leichtsinnig und leichtlebig.

 

Einer von der Sorte Vampir, die die Frauen, bzw. die Perlen weiterreichen würde, mit anderen Vampiren tauschen, verkaufen oder einkaufen. Die ältesten Vampire kannten sogar die Kunst, die Frauen wieder zu befreien. Dass diese Befreiung stets mit dem Tod der Frau einherging, war ihnen egal. Hauptsache, eine Perle wurde frei. Platz für eine neue Frau.

 

„Wenn du nicht mit deinem Spielzeug spielen willst, ich will!“, lachte Gorgias, bevor sein Lachen in ein lustvolles Stöhnen überging, und sich die erste Welle des Orgasmus‘ in seiner Aura abzeichnete.

 

Xylos wandte sich wieder der Spiegeloberfläche zu, die nur von seiner Seite aus durchsichtig war, und hinter der die Frauen ihre Lust teilten, hemmungslos verführten und verlockten, gaben und nahmen, während sich ihre Wollust immer wieder in kurzen Schreien oder wohligen Seufzern entlud.

 

Jeder Vampirclub, der etwas auf sich hielt, besaß einen verspiegelten Raum und einen Ort, an dem man anderen ungestört beim Liebesspiel zusehen konnte. Sie waren eigens auf Xylos Anregung hin eingerichtet worden.

 

Lieber exhibitionistisch als tot, war das Motto, unter dem er der Vampirkönigin vor Jahren den Vorschlag der Vampirclubs und Spiegelräume unterbreitet hatte. Viele Vampire mochten es, ihre Sexpartnerin bis zum Missbrauch zu demütigen, oder sie nach oder während des Aktes zu töten. Aber die Vampire, die nur zusahen oder sich inspirieren ließen, zogen es vor, Genuss zu sehen, Liebesspiele und lebende Frauen.

 

Zu seiner großen Überraschung hatte Maeve trotz ihrer geistigen Umnachtung zugestimmt, ohne Rücksprache mit ihrer Schwester zu treffen.

 

„Du kannst sie haben, dafür bekomme ich deine Kette!“, meinte Xylos.

 

Gorgias letztes Zucken erstarb schlagartig, während sich das Gesicht des Vampirs verhärtete.

 

„Das Gerücht ist also wahr?“

 

„Deswegen bin ich hier, mein Freund!“ Xylos schenkte dem jungen Vampir ein Lächeln, welches selbst einem Hai gut gestanden hätte. „Maeve fordert die magischen Ketten zurück.“

 

„Deine auch?!“ Für einige Sekunden klang Gorgias Stimme aufgebracht und anklagend.

 

„Meine wird sie auch bekommen!“ Xylos gab sich Mühe, seine Stimme nonchalant klingen zu lassen. Gorgias war trotz seines geringen Alters einer der wenigen Jennifer Schreiner Honigblut einflussreichen Vampire, an deren Loyalität der Königin gegenüber kein Zweifel bestand.

 

Der jüngere Vampir nickte abgehackt, bevor er seine Hände nach hinten streckte, um an den Verschluss der Kette zu gelangen. Dann verharrte er unschlüssig.

 

„Was wird mit ihnen geschehen?“ Ob seines besorgten Tonfalls revidierte Xylos einen Teil seiner Einschätzung. Anscheinend war Gorgias noch nicht so tief gesunken, wirklich jede schöne Frau in sein Bett zu holen und ihr seine Allmacht aufzuzwingen und sie in die Kette zu bannen.

 

„Spielt das eine Rolle?“

 

Der Callboy konnte förmlich sehen, wie Gorgias zusammenzuckte, obwohl er sich Mühe gab, sich keine Reaktion anmerken zu lassen.

 

„Nein!“, behauptete Georgias und bemühte sich um einen beschwingten Ton. „Ich war lediglich neugierig.“

 

Genau das war der Callboy auch. Jetzt erst recht. Als der andere ihm die Kette behutsam in die Hand legte, grinste Xylos und hielt das Schmuckstück prüfend hoch. Gorgias schien keine bestimmten Vorlieben zu haben, nicht einmal, was das Alter seiner Auserwählten anbetraf.

 

Xylos runzelte die Stirn, als ihm einfiel, wie er den anderen provozieren konnte, um an die Wahrheit zu gelangen: „Ich werde sie befreien!“

 

„Das will die Königin?“ Gorgias Stimme schwankte besorgniserregend.

 

Statt zu antworten – eine Lüge hätte der andere Vampir ohnehin sofort durchschaut – hielt Xylos die Kette gegen das Licht.

 

Gorgias Eingreifen kam nicht überraschend, doch die Bewegung und die Wucht katapultierte Xylos trotzdem von den Beinen. Er hatte damit gerechnet, dass der Jüngere nach der Kette greifen, nicht dass er kämpfen würde.

 

Trotzdem gelang es dem Callboy, Gorgias mit einer Bewegung von sich zu schütteln, als handelte es sich bei dem wendigen Vampir um ein lästiges Insekt. Mit einer zweiten Bewegung hatte er ihn so fixiert, dass der jüngere Vampir sich nicht mehr wehren konnte.

 

„Was ist so Besonderes an den Frauen, dass du deinen Tod riskierst?“ Der Callboy ließ seine Stimme zu einem bedrohlichen Zischen werden.

 

Gorgias schüttelte verzweifelt den Kopf. Die einzige Bewegung, die ihm Xylos‘ Griff gestattete. „Nicht töten! Ich habe es ihnen versprochen! Ich habe es ihnen doch so sehr versprochen und sie überredet …!“

 

Xylos verharrte einen Moment lang unentschlossen, Gorgias hatte keinen Grund genannt, keine Erklärung. Doch obwohl Xylos die Beweggründe nicht verstand, lockerte er seinen Griff.

 

„Sie werden nicht sterben!“, versprach er und schob sich von dem anderen Vampir.

 

Als er ihm seine Hand reichte, um ihm beim Aufstehen zu helfen, nahm Gorgias sie zögernd an. „Was wird mit ihnen geschehen?“

 

„Die Königin sammelt die Ketten. Zu vielen Frauen ist durch die Magie Unrecht geschehen.“

 

Gorgias griff nach einem Strohalm. „Und was ist, wenn meine Frauen bei mir bleiben wollen?“

 

Xylos schüttelte den Kopf. „Die Königin wird alles prüfen und dann eine allgemeingültige Entscheidung treffen.“ Jennifer Schreiner Honigblut

 

Im selben Moment, als er es ausgesprochen hatte, begriff Xylos, dass er Gorgias verloren hatte. Der Groll des jungen Vampirs richtete sich nun nicht mehr nur gegen Xylos, der ihn absichtlich provoziert hatte, sondern auch gegen die Königin.

 

In Gedanken ohrfeigte er sich selber. Wieso konnte er seine Neugier nicht aus Dingen heraushalten, die ihn nichts angingen? Liebe war nun einmal nichts für ihn; sie entzog sich völlig seinem Verständnis.

 

„Allgemeingültig?!“, höhnte Gorgias und rollte seine Augen.

 

„Sie wird sie nicht töten, das verspreche ich dir!“

 

„Wieviel ist dein Versprechen wert?!“ Gorgias Frage war leise. Zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort hätte Xylos ihn für sie getötet. Doch heute fühlte er sich leer und ausgebrannt.

 

„Alles, mein Freund! Alles!“, gab der Callboy statt dessen zurück und ließ den Jüngeren die Müdigkeit in seinen Worten fühlen. Seit dem Tod der Hexe fühlte Xylos sich matt und alt. Der Augenblick seines größten Triumphes war der Moment gewesen, in dem er begriffen hatte, dass er ein Soziopath war. Gefühlskalt und kalkulierend, bar jeglicher echten Emotion.

 

Seitdem nagte der Zahn der Zeit an seiner Überheblichkeit.

 

„Ich werde auf deine Kette achten, als wäre sie meine eigene …“ Xylos stutzte kurz, bevor er korrigierte: „Vergiss das, ich werde auf sie achten, wie ich auf etwas achten würde, was mir am Herzen liegt.“

 

Gorgias Blick war unergründlich, als er sich wieder den beiden Frauen zuwandte.

 

„Du kannst sie trotzdem noch haben“, lenkte Xylos ein. Bei Gorgias Gesichtsausdruck fügte er ein „Hinterher!“ hinzu. Schließlich hatten die beiden für ihn bezahlt, und Zahlkunden pflegte Xylos glücklich zu machen, bevor er ihnen zeigte, wie wenig sie ihm bedeuteten. Jennifer Schreiner Honigblut