11

Vier Tage.

Duncan erinnerte sich nur undeutlich an sie, ein mühseliges, unvernünftiges Durcheinander. Er arbeitete, um die Stunden auszufüllen, erschöpfte sich mit Bedacht, um sich nachts ohne langes Nachdenken in einen traumlosen Schlaf werfen zu können. Niun tat nichts anderes, als sich üben, still und häufig. Ich bin kein Lastenträger, hatte der Mri steif beharrt, als Duncan vorschlug, er könne sich sehr wohl üben, indem er ihm half; und daraufhin vervollständigte der Mri den Affront, indem er ihn daran erinnerte, daß die Dusei gepflegt werden wollten.

Ich auch nicht, hatte Duncan zurückgegeben und die Flüche unterdrückt, die sich in seinem Mund formten. Die Mri waren unduldsam, töteten oder starben aus geringfügigen Ursachen, und es war später noch Zeit, vernünftig mit Niun zu reden, dessen körperliche Schwäche zweifellos seinen Unmut nährte und dessen Ungewißheit über seine Lage insgesamt seine Haltung verhärtete.

Die Dusei verlangten wirklich nach Pflege; und nach angemessener Verzögerung ging Duncan zu ihnen und kümmerte sich um ihre Bedürfnisse; belohnt durch ihren Behaglichkeitsimpuls schämte er sich dafür, daß er sie trotzdem mißachtet hatte – und er floh davor, denn viel davon konnte er nicht ertragen.

Es war nicht das letztemal, daß seine Absichten mit denen Niuns ins Gehege kamen. Der Mri stellte Fragen und bestand darauf, daß er die Mri-Sprachen beherrschen sollte – mit Unterstreichung durch Gesten verstand er einige Wörter –, und manchmal gab Niun vor, ihn nicht zu verstehen, bis er einen Mri Ausdruck gebrauchte, obwohl der Mri die Menschensprache fließend beherrschte. Dann nicht, war er oft versucht zu sagen und verzichtete doch darauf, denn er konnte sich später immer noch streiten, und die Dusei, die sich herumtrieben, wurden unangenehm und aufgebracht und trugen damit zur Situation bei. Letztlich setzte Niun seinen Kopf durch.

Es ergab Sinn, dachte Duncan später auf seinem Bett, während der Mri den Boden bevorzugte. Niun kämpfte um die Bewahrung dessen, was sein war, eines Weges und einer Sprache, die fast vollständig untergegangen waren. Es war ein stiller Kampf, der gegen ihn geführt wurde, der ihnen am meisten geholfen hatte und sie jetzt am stärksten bedrohte. Das war etwas, gegen das Gewehre und Geschick nichts nützten und das trotzdem um Leben und Tod ging. Deshalb waren sie überhaupt hier, deshalb waren sie nicht in der Lage gewesen, unter Menschen zu leben – weshalb er sich mit Stavros auseinandergesetzt hatte, um sie zu befreien. Sie konnten keine Kompromisse schließen. Was ihnen fremd war, konnten sie nicht ertragen. Ein Mensch konnte das; ein Mensch konnte sich anpassen, gewandt wie ein Jo, das wie Sand oder Stein aussah und wartete. Darüber dachte er nach und über den schlafenden Mri, der mit dem Kopf gegen sein Dus gelehnt lag, unverschleiert, wie er es gegenüber einem Feind nicht sein würde.

Nach Jo-Art konnte sich ein Mensch immer wieder ändern. Die Mri würden stur sterben, und deshalb war es unumgänglich, daß Niun sich durchsetzte.

Am Morgen ging Duncan seiner Routine nach, hielt sich mit Einwänden gegen Niun völlig zurück und ging sogar soweit, zu fragen, was er tun sollte.

Niuns bersteinfarbene Augen schweiften durch die Kabine; seine langgliedrige Hand machte eine umfassende Geste. »E'nai«, sagte er, »i!« – Beseitige alles! Duncan starrte ihn an, holte tief Atem und dachte nach.

Das Schiff wurde kalt, während die Tage verstrichen, die Luft nahm allmählich Kesriths trockene Kälte an. Duncan war froh über die Wärme der Mri Gewänder, die er jetzt ausschließlich trug. Er lernte den Umgang mit dem Schleier; er lernte Wörter und Höflichkeiten und Gesten und legte sein früheres Verhalten ab.

Niun spürte sicherlich, wieweit Duncan gedrängt wurde, die Frustration, die manchmal in ihm aufwallte, und er wandte das Gesicht ab und brachte den Schleier wieder an, sobald die Dinge zu eine Sackgasse gerieten. Dann gab es für eine Weile Schweigen und schließlich wieder Worte. Niun nannte die Dinge, die ihm nicht paßten, bei Namen: Bequemlichkeit und Möbel aller Art. Duncan nahm es hin und gab die persönlichen Gegenstände her, die ihm noch verblieben waren, denn seine Bindung an sie schien an diesem Ort fern zu sein angesichts des vor ihm liegenden Elends; und was eine Beschädigung des Schiffes anging, so schien derartiges eine unzureichende Rache an denen zu sein, die ihn hierhergeschickt hatten. Er arbeitete, zuerst verwirrt über das, was Niun wollte, dann mit grimmigen Vergnügen. Er beraubte alle zugänglichen Kabinen ihrer Möblierung, nahm die Möbelstücke auseinander und lagerte die Teile, die aus nützlichen Metallen und Materialien bestanden, und warf den Rest in den Beseitigungsschacht.

Den Möbelteilen folgten alle Geräte, die der Mri für überflüssig hielt, medizinische und andere, ebenso alle gelagerten Güter, die als Luxus angesehen wurden.

Es war Wahnsinn. Duncan verlor sich darin, fing in seiner Frustration an, Sachen herauszusuchen und wegzuwerfen, zerstörte aus Freude am Zerstören, verwandelte das Schiff in eine leere Hülle, in der er sich nicht an Stavros oder die Menschheit oder irgend etwas anderes erinnern mußte, das er für diesen Flug aufgegeben hatte. Der Verlust von allem betäubte den Sinn für Verlust.

Bereits an der Station waren die Labors zum größ- ten Teil leergemacht worden, von allem befreit, was man als unnötig für die Mission eingeschätzt hatte – und alles, was er verzweifelt gerne gerettet hätte, war bereits von Niun zerstört worden. Duncan beendete diese Arbeit bis zu den Leisten, an denen das Mobiliar befestigt gewesen war, scheuerte die Böden und Wände mit einem chemischen Mittel und hinterließ alles in einem für Niun akzeptablen Zustand – denn diese größte Kabine auf dem Schiff hatte Niun als seine ausgesucht.

Danach schlief Duncan auf einem Lager, das nicht dicker war als eine zusammengefaltete Decke, erwachte steif und fing in der kalten Luft wieder an zu husten. Das veranlaßte ihn, über seiner Gesundheit zu brüten und verzweifelt an die Medikamente zu denken, die Niun vernichtet hatte, aus diesem und aus anderen Gründen.

Aber Niun betrachtete ihn mit einigen Betroffenheit, forderte ihn an diesem Tag nicht zur Arbeit auf und übernahm selbst die Vorbereitung der Mahlzeiten und die Pflege der Dusei. Niun blühte in der kalten und dünnen Luft auf, hatte seine gebrechliche, torkelnde Gangart verloren und wurde nicht mehr so schnell müde.

»Du ruhst dich aus«, verlangte er von Duncan, als dieser auf dem Versuch beharrte, seinen Arbeitsplan einzuhalten. Duncan zuckte die Achseln und behauptete, daß die Maschinen ohne ihn nicht funktionieren würden, was nicht stimmte. Der Gedanke an Untätigkeit flößte ihm jedoch Panik ein, an das Herumsitzen in der Schale, als die er die Labors und den Rest des Schiffes hinterlassen hatte, ohne Bücher – Niun hatte die Buch- und Musikbänder aus seinem Quartier herausgeworfen –, ohne irgendeine Beschäftigung für Hände oder Geist.

Und als er dazu gezwungen wurde, kehrte er in das Labor zurück, diesen entleerten weißen Raum, und setzte sich in die Ecke, wo ihm wenigstens sein und Niuns Lager und das Zusammenlaufen der Wände ein Gefühl des Untergebrachtseins vermittelten. Dort saß er, wie er es spät nachts tat, um einzuschlafen, und fügte Zahlenketten aneinander, vollzog komplexe Kalkulationen von imaginärer Navigation – irgend etwas, um die Stunden zu füllen. Er beobachtete den sich nicht verändernden Sternenschirm, die einzige Ausstattung des Labors. Die einzigen Geräusche waren das Flüstern der Luft in den Rohrleitungen und der stetige Arbeitston der inneren Funktionen des Schiffes.

Und sonst nicht.

Nichts.

Niun war an diesem Tag lange weg – bei Melein, vermutete Duncan, in dem Teil des Schiffes, der ihm versperrt war. Selbst die Dusei, die Niun ständig begleiteten, waren weg. In seiner Untätigkeit fand Duncan ein Metallstück und fertigte ein Muster auf den Fliesen neben seinem Lager und machte dann mit einem gewissen grimmigen Humor Markierungen für die Tage, die vorbeigegangen waren, die Tage der Schiffszeit. Er tat dies in der verzweifelten Vermutung, daß eine Zeit kommen mochte, wo er an diesem Ort den Bezug zu allem verlieren würde.

Neun Tage waren es bisher. Selbst dessen war er sich nicht völlig sicher.

Er fing mit einer Zahlenkette an, lenkte seinen Verstand von den Gitteröffnungen ab, die in seinem Gedächtnis aufzutauchen begannen, versuchte, sich in Regelmäßigkeiten zu verlieren.

Anders als ein Jo konnte er sich nicht erfolgreich anpassen, dachte er; selbst ein Jo würde in dieser sterilen Zelle nichts vorfinden, nachdem es seine Tarnung gestalten konnte. Es würde schwarz werden wie das erbärmliche Exemplar, das er in Boaz' Labor gesehen hatte, das eine Farbänderung nach der anderen durchlief, bis es bei der auffälligsten aller Farben hängenblieb. Vielleicht war das eine Selbstmordmethode, ein Todeswunsch.

Er wandte seine Gedanken auch davon ab, aber das Bild kehrte zurück, das Bild der schwarzen geflügelten Kreatur im silbernen Käfig – er selbst aus einer gottähnlichen Perspektive, wie er in der Ecke eines weißen und leeren Raumes saß.

Neun Tage.

Am Nachmittag des zehnten Tages kehrte Niun frü- her als sonst zurück, verbannte die Dusei in die gegenüberliegende Ecke des Raumes und entschleierte sich, setzte sich in geringem Abstand Duncan gegenüber mit gekreuzten Beinen auf den Boden.

»Du sitzt zuviel«, sagte er.

»Ich ruhe mich aus«, sagte Duncan mit einer Spur von Bitterkeit.

Niun hielt zwei dünne Metallstangen hoch, nicht länger als eine Hand. »Du wirst ein Spiel lernen«, sagte er, und nicht: Ich werde dich lehren; nicht: Würde es dir gefallen. Duncan runzelte die Stirn, überlegte, ob er sich beleidigt fühlen sollte. Aber daß die grimmigen Mri eine Unterhaltung hatten, das erweckte sein Interesse, versprach Kameradschaft und eine Möglichkeit, mit dem Kel'en zu reden, wie er seit der Wü- ste mit ihm nicht mehr hatte sprechen können.

Und es versprach etwas, um das Schweigen zu füllen.

Er regte sich auf seinem Lager, nahm vorsichtig dieselbe Haltung ein wie Niun, mit gekreuzten Beinen, die Hände auf den Knien. Niun zeigte ihm den Griff, mit dem er das Ende der Stange in der rechten Hand hielt.

»Du mußt sie fangen«, sagte er und wirbelte sie ihm zu. Duncan packte sie überrascht mit der Faust, nicht mit den Fingern, und das Ende stach ihm in die Handfläche.

Die zweite folgte aus Niuns linker Hand. Duncan packte sie und ließ sie fallen. Niun hob die beiden leeren Hände.

»Beide auf einmal!« sagte er.

Es war schwierig. Es war über alle Maßen schwierig. Duncans arbeitswunde Hände waren nicht so schnell wie Niuns schlanke Finger, die niemals danebengriffen, die die ungeschicktesten Würfe mitten aus der Luft holten und sie stets im selben Winkel und mit derselben Geschwindigkeit zurückgaben – einzeln, bis Duncan den schwierigen Auffanggriff beherrschte, dann beide gleichzeitig.

»Wir nennen es Shon'ai«, sagte Niun. »Shonau ist vorübergehen; in deiner Sprache also das Spiel des Wandels. Es besingt das Volk. Jede Kaste spielt es auf ihre eigene Art.« Er sprach, und die Stangen flogen behutsam zwischen ihnen hin und her. Duncans Finger gewannen an Sicherheit. »Es gibt drei Kasten das Volkes: Kath und Kel und Sen. Wir gehören zum Kel, wir mit den schwarzen Gewändern, wir Kämpfenden; die Angehörigen des Sen tragen die gelben Gewänder, sind die Gelehrten; und das weiße Gewand trägt die She'pan. Das Kath ist die Kaste der Frauen, die weder Kel noch Sen angehören, der Blaugewandeten, und der Kinder; diese gehören zum Kath, bis sie einer Kaste beitreten.«

Duncan griff daneben. Die Stange traf sein Knie und klapperte zu Boden. Er rieb sich das Knie und machte weiter, im Wechsel mit Niun vor und zurück, vor und zurück. Es war schwer, zuzuhören und sich gleichzeitig auf die Stangen zu konzentrieren. Leichtsinnigerweise versuchte er zu antworten.

»Die Männer«, sagte er, »die weder Kel noch Sen sind. Was ist mit ihnen?«

Der Rhythmus hatte keinen Bruch. »Sie sterben«, sagte Niun. »Die nicht für das Sen geeignet sind, die nicht für das Kel geeignet sind, die kein Herz haben, sie sterben. Manche sterben beim Spiel. Wir spielen, wie das Sen spielt, mit Stangen. Das Kel spielt mit Waffen.« Die Würfe wurden heftiger und schneller. »Es ist einfach bei zwei Spielern. Mit dreien schwieriger. Bei großen Kreisen wird es am schwersten. Ich habe in einem Zehnerkreis gespielt. Wenn der Kreis viel größer wird, wird es wieder eine Sache von Unfällen und des Zufalls.«

Die Stangen kamen diesmal heftig. Duncans Hände fuhren hoch, um sie zu fangen, lenkten eine ab, die sein Gesicht verletzt hätte, ohne sie fangen zu können. Sie fiel zu Boden. Die andere hatte er gepackt. Der Rhythmus war unterbrochen.

»Du bist schwach mit der linken Hand«, meint Niun. »Aber du hast das Herz. Gut. Du wirst die Geschicklichkeit entwickeln, bevor ich anfange, dir die Yin'ein zu zeigen, die alten Waffen. Die Zahen'ein, die modernen Waffen, kennst du so gut wie ich. In der Beziehung habe ich dir nichts zu zeigen. Mit den Yin'ein fängt man im Shon'ai an. Wirf!«

Duncan warf. Niun hielt die Hand hoch und fing die ihm getrennt zugeworfenen Stangen leicht auf – mit einer Hand holte er sie mühelos aus der Luft. Duncan blinzelte, bestürzt über die Geschicklichkeit des Mri, und maß seine eigene daran.

»Es ist Zeit zum Ausruhen«, meinte Niun dann. »Ich möchte nicht sehen, wie du danebenfaßt.« Er steckte die Stangen in seinen Gürtel. »Es ist Zeit«, sagte er, »daß wir anfangen, miteinander zu reden. Mir ist befohlen worden, sie zu vergessen, und das gilt auch für dich. Du kennst einige Worte der Mu'ara, der gemeinsamen Sprache. Und selbst die mußt du vergessen und bei der Hal'ari bleiben, der Hohen Sprache. Es ist das Gesetz der Dunkelheiten, daß alles aus dem Dazwischen wächst, muß sterben. Also laß dich nicht verwirren. Manchmal gibt es zwei Worte für eine Sache, eines Mu'ara, eines Hal'ari, und du mußt sogar ein Mri-Wort vergessen.«

»Niun«, protestierte Duncan und hob Einhalt gebietend eine Hand. »Ich kenne nicht genug Worte.«

»Du wirst sie lernen. Wir haben Zeit genug.«

Duncan runzelte die Stirn, betrachtete den Mri unter den Brauen hervor und näherte sich vorsichtig an das an, was bereits zurückgewiesen worden war. »Wieviel Zeit?«

Niun zuckte die Achseln.

»Weiß es die She'pan?« fragte Duncan.

Die Membran blinzelte über Niuns Augen. »Dein Herz ist noch immer Tsi'mri.«

Das war eine typische Mri-Antwort, die ihn zum Wahnsinn treiben konnte. Duncan tastete das Muster ab, das er in den Boden gekratzt hatte, und überlegte, wie er vernünftig mit dem Mri reden konnte. Urplötzlich hielt Niun seine Hand fest. Er riß sie wieder frei und blickte tief beleidigt auf.

»Noch eines«, sagte Niun. »Ein Kel'en liest und schreibt nicht.«

»Ich tue es.«

»Vergiß es!«

Duncan starrte ihn an. Niun verschleierte sich und stand auf. Es war eine kerzengerade Aufwärtsbewegung, die er noch wenige Tage zuvor nicht hätte ausführen können, eine Anmut, die natürlich war für einen Mann, der sein Leben auf dem Boden sitzend verbracht hatte. Aber Duncan wirkte weniger anmutig bei dem Versuch, aufzustehen und ihm ins Gesicht zu blicken.

»Hör zu!« sagte er.

Und eine Sirene ertönte.

Duncan erlebte einen Moment hellwachen Bewußtseins, bevor ihn die Panik übermannte, die nackte Angst. Sie näherten sich der Transition, hatten einen Sprungpunkt erreicht. Die Dusei hatten es bemerkt. Ihre Gefühle überschwemmten den Raum wie ein Flut – Angst, Abscheu.

»Yai!« rief Niun ihnen zu, beruhigte sie damit. Er ging zur Tür und packte den Handgriff dort. Duncan ging zu dem an der anderen Seite des Raumes, heuchelte eine Ruhe, die er nicht empfand. Seine Eingeweide verknoteten sich in erschreckter Erwartung des Kommenden – und es gab keine Drogen, nichts. Nur Niuns kaltes, regloses Vorbild hinderte ihn daran, zu Boden zu sinken und dort zu warten.

Die Sirene verstummte. Einen Moment später signalisierte eine Klingel den bevorstehenden Sprung – ein automatischer Alarm, den das Schiff auslöste, als das Band auf sein Ziel zulief. Noch hatten sie nicht erfahren, wo sie sich befanden. Der namenlose gelbe Stern hing immer noch als einer unter vielen im Feld des Schirms. Keine anderen Schiffe waren gekommen. Nichts.

Plötzlich trat das einleitende Gefühl der Unsicherheit auf, und Wände, Boden, Zeit, Materie kräuselten sich und zerrissen. Im Ausfluß durchlief der Verstand etwas Unwiederbringliches, als sich der Prozeß umkehrte; es blieb jedoch der Eindruck unvorstellbarer Tiefe und überstimulierter Sinne. Die Wände kräuselten sich in die Festigkeit zurück. Hände fühlten. Atem und Sicht kehrten zurück.

Aber die Klingel schrillte weiter, kündete immer noch einen bevorstehenden Sprung an.

»Etwas stimmt nicht!« schrie Duncan. Er sah Niuns Blick, die Furcht, etwas darin Ungewohntes. Und Niun rief ihm etwas zu, das mit Melein zu tun hatte – und rannte los.

Die Dus-Gefühle überfluteten den Raum. Wieder setzte die Auflösung ein, das Kräuseln, die Verdrehung im Magen wie bei einem Todessturz. Duncan klammerte sich fest, wo er war, sehnte sich nach Bewußtlosigkeit, schaffte es nicht, sie zu erreichen. Der Raum löste sich auf. Formte sich erneut.

Die Klingel schrillte weiter und weiter, und die Verzerrung setzte ein drittesmal ein. Dus-Körper umgaben Duncan, strahlten Angst aus. Er kreischte, verlor den Halt und fiel zwischen den Tieren zu Boden, eins mit ihnen, Tierverstand, Tiersinn, und die Klingeln. Wieder begann das Kräuseln, dann die Verfestigung; und ein weiteres Mal..., und wieder..., und wieder.

* * *

Er spürte die Festigkeit um sich, Berührung und Lichtwahrnehmungen, die ihm fremd anmuteten nach den Abgründen, die er bereist hatte. Er schrie auf und spürte die Wärme der Dusei an seinem Körper, ihren starken Trost, die verrückte Irrationalität ihrer nicht begreifenden Geister.

Sie waren sein Anker. Sie hatten ihn gehalten, eins mit ihm. Er gab für eine Weile sein Menschsein auf und sich ihnen hin, den Arm um einen massigen Nacken geschlungen, empfing ihre Wärme und ihren Trost, bis er klar erkannte, was er ihnen gab. Er fluchte und stieß sie, und sie zogen sich daraufhin zurück. Duncan wurde sich wieder seiner selbst bewußt.

Ein Mensch, der sich mit ihnen niedergelegt hatte, nicht mehr gewesen war als sie.

Er stemmte sich hoch und taumelte zum Ausgang. Die Beine klappten unter ihm zusammen, als er nach dem Handgriff langte, die Finger zu schwach, um ihn festzuhalten. Sein Magen versuchte sich umzuwenden, als ob unten seitlich wäre. Er hatte aber nicht mehr die Kraft, den Inhalt hochzuwürgen, und ihm wurde schwarz vor den Augen.

Mit ausgebreiteten Gliedern fiel er zu Boden, wünschte sich immer noch die Übelkeit, konnte sie aber nicht empfinden. Er lag eine Zeitlang still, der Atem ging schwer, und die Dusei verzogen sich in die gegenüberliegende Ecke, jetzt getrennt von ihm, gaben ihm nichts als ihre Angst.

Niun kehrte zurück – nach welchem Zeitraum, wußte Duncan nicht –, sank zu Boden und beugte den verschleierten Kopf auf die verschränkten Arme. Duncan lag still auf der Seite, war nicht bereit, mehr zu tun als zu atmen.

»Melein geht es gut«, sagte Niun in seiner Sprache. Soviel konnte Duncan verstehen; und Niun sagte noch etwas, aber Duncan konnte es nicht zusammensetzen.

»Was ist passiert?« verlangte er zu wissen, eine Anstrengung, die ihm viel an Übelkeit kostete. Niun zuckte jedoch nur die Achseln. »Niun, wo sind wir?«

Aber Niun sagte nichts, konnte vielleicht nicht antworten, oder gab in Mri-Sturheit einfach vor, die menschliche Sprache nicht mehr zu verstehen.

Duncan verfluchte ihn, und die Anstrengung verkrampfte seinen Magen und würgte endlich den Inhalt hervor. Er konnte sich nicht bewegen, nicht einmal zur Seite wenden. Nach einer geraumen Weile regte sich Niun in etwas, das sicherlich Ekel war, holte nasse Handtücher, reinigte die Stelle und wusch Duncans Gesicht. Die Berührung und die Anhebung seines Kopfes erzeugten ein weiteres trockenes Würgen, und danach ließ Niun ihn allein und setzte sich gerade noch innerhalb seines Blickfeldes an die entgegengesetzte Wand des Raumes.

Schließlich kam eines der Dusei, schnupperte an ihm, bedrängte ihn mit Wärme. Duncan hob die kraftlose Hand und schlug das Tier. Mit einem Schrei des Erschreckens und der Empörung bäumte es sich zur Seite hin auf und strahlte eine solch schreckliche Verwirrung aus, daß Duncan laut aufschrie. Jenseits des Raumes erhob sich Niun. Und wieder erklangen die Sirene und die Klingel. Auflösung. Duncan suchte nicht die Sicherheit der Wand, die Illusion, einen festen Halt zu haben. Er ließ sich gehen. Als es vorbei war, lag er auf dem Boden und würgte und schluchzte und schnappte nach Luft, die Finger auf dem festen Untergrund ausgebreitet.

Die Dusei kamen zurück und drängten ihm ihre teilnahmsvollen Gefühle auf. Er fing an, nach Luft zu ringen, konnte nicht atmen, bis sich etwas auf seine Brust lehnte und die Luft hineinzwang, bis Niuns Hand ihn an der Schulter packte und mit verletzender Kraft schüttelte. Dadurch vernebelte sich wieder seine Wahrnehmung, verlor er wieder den Kontakt zum Raum. Er starrte den Mri völlig ausdruckslos an und schluchzte.

* * *

Am nächsten Morgen fand er wieder zu sich, ein hart erkämpftes Zu-sich-kommen, während die Muskeln der Glieder und des Bauches unter der Spannung, die er nicht loswerden konnte, noch zu Zuckungen neigten. Er erinnerte sich mit akuter Scham an seinen Zusammenbruch, daran, wie er die verbliebene Zeit des vergangenen Tages – oder des vorangegangenen – verbracht hatte, in einer Ecke zusammengerollt. Er erinnerte sich an die Tränen, die grundlos und heiß über sein Gesicht geströmt waren, daran, daß er einfach nicht damit hatte aufhören können.

An diesem Morgen starrte ihn Niun an, bernsteinfarbene Augen über dem Schleier, die finster blickten, während er eine Tasse Soi in Duncans zitternde Hand schob, ihn festhielt, damit er trinken konnte. Das heiße, bittersüße Getränk strömte wie Öl in Duncans unwilligen Magen und lag dort, milderte etwas die Kälte. Erneut brachen die Tränen aus, ohne jeden Grund. Er trank langsam, hielt die Tasse wie ein Kind in beiden Händen, während ihm die Tränen über das Gesicht glitten. Er blickte dem Mri in die Augen und begegnete dort einer kalten Zurückhaltung, die keine Verwandtschaft zwischen ihnen erkannte.

»Ich helfe dir beim Gehen«, sagte Niun.

»Nein«, entgegnete er mit solcher Kraft, daß der Mri ihn allein ließ, aufstand und wegging, sich noch einmal umdrehte, dann verschwand, immun gegen die Schwäche, die Duncan angriff.

An diesem Tag strahlten selbst die Dusei Mißtrauen ihm gegenüber aus. Wenn sie das Zimmer durchquerten, scheuten sie vor ihm, haßten seine Gegenwart. Und als Niun zurückkehrte, setzte er sich am anderen Ende des Raumes nieder, besänftigte die besorgten Dusei und starrte ihn lange an.

Während die Schiffsnacht sie umgab, erfolgte erneut ein Sprung, bald darauf ein zweiter. Duncan kauerte sich in seiner Ecke zusammen, preßte die Kiefer aufeinander, um der Übelkeit zu begegnen, war anschließend benommen und hatte ungeheure Lükken in seinem Gedächtnis. Am Morgen fand er die Kraft, um taumelnd sein unordentliches Lager zu verlassen, vom Selbstekel getrieben zu baden und seinem schmerzenden Magen schließlich etwas Nahrung zu geben. Aber an den besseren Teil des Tages konnte er sich nicht klar erinnern.

Niun betrachtete ihn finster und wartete, so dachte Duncan abwesend, darauf, daß er starb oder die Schwäche abschüttelte. Und Duncan spürte die Verachtung wie eine fühlbare Kraft, beugte den Kopf auf die Arme und brütete verzweifelt darüber nach; wie er dem Band die Kontrolle entreißen konnte, bevor die Fehlfunktion sie alle tötete – wie er sie zu einer zufälligen, verlorenen Zuflucht bringen würde, wo die Menschheit sie nicht finden konnte.

Aber er war nicht in der Lage, das zu tun, und in seinen klareren Momenten gestand er sich das ein. Die Mri konnten überleben, solange das Schiff funktionierte. Er fing an, wie besessen an Selbstmord zu denken, brütete darüber und erinnerte sich dann in seinen angstvollen und im Kreise laufenden Gedanken daran, daß keine Drogen mehr da waren.

»Tsi'mri«, bezeichnete ihn Niun schließlich, nachdem er aufgestanden war und ihn eine Zeitlang angestarrt hatte.

Verachtung brannte in der Stimme des Mri. Er ging weg, und die Empörung darüber gab Duncan die Kraft, aufzustehen und gegen die Benebelung seiner Sinne zu kämpfen. Sofort wurde ihm wieder übel; diesmal erbrach er sich in die Toilette, blinzelte die Tränen aus den Augen, wusch sich das Gesicht und versuchte, das Zittern zu beherrschen, das durch seine Glieder lief.

Und er kehrte ins Wohnquartier zurück und versuchte, über den nackten Boden in seiner Mitte zu gehen. Er hatte es halb geschafft, bevor seine Wahrnehmung sich von innen nach außen wendete und er aus dem Gleichgewicht taumelte. Er warf sich zur Wand hin, tastete wild, fand sie und brach an ihr zusammen.

Niun stand dabei und sah zu. Duncan hatte es nicht bemerkt. Niun betrachtete ihn mit verschleiertem Gesicht von Kopf bis Fuß.

»Du warst Kel'en«, sagte er dann. »Was bist du jetzt?«

Duncan kämpfte um Worte, fand keine, die herauskommen wollten. Niun ging zu seinem Lager und setzte sich dort nieder, und Duncan setzte sich, wo er war, auf den harten Boden, wollte aufstehen und gehen und den Mri belügen. Er konnte es nicht. Niuns Verachtung nagte an ihm. Er begann wieder, mit der Zeit zu rechnen, wieviele Tage er auf diese Art verloren hatte, geistlos und desorientiert.

»Eine Frage«, sagte er auf Hal'ari. »Wieviele Tage – wieviele sind vergangen?«

Er erwartete keine Antwort von Niun, war innerlich darauf vorbereitet, daß dieser schwieg oder eine Gehässigkeit äußerte. »Vier«, sagte Niun ruhig. »Vier, seit du krank bist.«

»Hilf mir«, bat Duncan, zwang die Worte zwischen den Zähnen hindurch. »Hilf mir aufzustehen!«

Schweigend erhob sich der Mri, trat zu ihm und faßte ihn am Arm, zog ihn auf die Füße und half ihm beim Gehen, bot ihm den Halt, der ihm die Bewegung ermöglichte. Duncan kämpfte um die Klarheit seiner Sinne, versuchte, ihnen vorzulügen – überredete Niun dazu, ihn durch die Instandhaltungsroutine in ihrem Sektor zu führen, versuchte, das zu machen, was er gewöhnt war.

Er ruhte sich aus, so gut er konnte, die Muskeln immer noch angespannt. Und er begann den nächsten Morgen und den darauffolgenden und den nächsten mit der Entschlossenheit, daß der nächste Sprung ihn nicht zugrunde richten würde.

Der Sprung kam, Tage später, und diesmal stand Duncan fest am Handgriff und kämpfte gegen die Übelkeit. Schon kurze Zeit später versuchte er, zur Halle zu gehen, schaffte es und kehrte erschöpft zu seinem Lager zurück.

Er hätte, dachte er mit zunehmender Bitterkeit, die Mri sterben lassen können; er hätte Bequemlichkeit und Sicherheit haben können. Er haßte Niuns Fähigkeit, die Sprünge zu ertragen, die Geistesnatur, die das Umstülpen nach innen und außen ertragen konnte, ohne sich aufzulösen.

Und Niun ließ sich, ob er nun seine Bitterkeit spürte oder nicht, dazu herab, wieder mit ihm zu sprechen – saß neben ihm, in Anspruch genommen von einer einseitigen Konversation auf Hal'ari, als ob es eine Rolle spielte. Manchmal rezitierte er Gesänge und bestand darauf, daß Duncan sie wiederholte, sie lernte. Duncan gehorchte lustlos, um Frieden zu haben, um endlich alleingelassen zu werden, wiederholte die endlosen Ketten von Namen und Zeugungen und Worten, die ihm nichts sagten. Es kümmerte ihn wenig, und schließlich bemitleidete er den Mri, der seine Geschichte und seine Mythen in solch einem versagenden Schiff ausbreitete. Er fühlte sich wie in einer abschüssigen Kurve, die Schlacht war zu spät gewonnen worden. Er konnte keine Nahrung mehr unten behalten, die Glieder wurden schwach; er wurde dünner als der Mri und zerbrechlicher.

»Ich sterbe«, vertraute er Niun schließlich an, als er genug Hal'ari für solch einen Gedanken gelernt hatte. Niun blickte ihn sachlich und unverschleiert an, wie immer, wenn er sich mit ihm auf einer persönlichen Ebene unterhielt. Duncan jedoch zog den Schleier nicht herab, zog seine Verhüllung vor.

»Hast du den Wunsch, zu sterben?« fragte ihn Niun in einem Ton, der vollen Respekt für einen derartigen Wunsch ausdrückte. Für einen Augenblick war Duncan überrascht, begriff, daß der Mri ihm auf der Stelle dabei helfen würde. »Möchtest du einen Becher mit Wasser?« Der Tonfall wäre derselbe gewesen.

Er suchte nach Worten, mit denen er antworten konnte. »Ich möchte«, sagte er, »mit euch gehen. Aber ich kann nicht essen. Ich kann nicht schlafen. Nein, ich will nicht sterben. Aber ich sterbe.«

Niun runzelte die Stirn und blinzelte mit den Augen. Er streckte eine schlanke, goldene Hand aus und berührte Duncans Ärmel. Es war eine seltsame Geste, ein Ausdruck des Mitleids, hätte er den Mri nicht besser gekannt.

»Bleib am Leben«, wünschte Niun ernsthaft.

Duncan weinte beinahe, konnte es aber unterdrükken.

»Wir werden Shon'ai spielen«, sagte Niun.

Es war Wahnsinn. Duncan hätte es abgelehnt, denn seine Hände zitterten und er wußte, daß er danebengreifen würde: es fiel ihm ein, daß dies ein Weg war, ihm den Tod zu gewähren. Aber Niuns Freundlichkeit versprach anderes, versprach Gesellschaft und Beschäftigung für die langen Stunden. Man konnte nicht an etwas anderes denken und dabei Shon'ai spielen.

In der Nachbarschaft eines roten Sterns, an fünf Tagen ohne Sprung, spielten sie Shon'ai und unterhielten sich, unverschleiert. Es gab einen Gesang zum Spiel und einen Rhythmus der Hände, der das Auffangen noch schwieriger machte. Duncan lernte ihn, und er lief selbst am Rande des Schlafes noch durch sein Gehirn, betäubte ihn, beanspruchte sein Bewußtsein vollständig. Zum erstenmal seit ungezählten Nächten schlief er tief, und am Morgen aß er mehr, als er zuvor gekonnt hatte.

Am sechsten Tag in der Nähe dieses Stern spielten sie schneller, und Duncan erlitt bei einem Treffer eine Knochenverletzung und erfuhr, daß Niun ihn nicht länger an der Hand halten würde.

Zwei weitere Male wurde er getroffen, einmal durch Nervosität danebengreifend und einmal durch Zorn. Niun erwiderte einen Wurf mit größerem Geschick als Duncan es schaffen konnte, nachdem dieser sich, gereizt durch den ersten Treffer, dem Mri gegenüber einen Foulwurf geleistet hatte. Duncan verarbeitete den Schmerz und erfuhr, daß es das Erleiden von größerem Schmerz und die Niederlage im Spiel bedeutete, wenn man durch Angst oder Zorn die Konzentration einbüßte. Er sammelte sich und widmete sich dem Shon'ai mit tiefstem Ernst, immer noch mit Stäben und nicht mit geschärftem Stahl, womit das Kel spielte.

»Warum«, fragte er Niun, als er genug Wörter dafür hatte, »habt ihr ein Spiel, in dem ihr eure Brüder verletzen könnt?«

»Man spielt Shon'ai«, erklärte Niun lapidar, »um das Leben zu verdienen, um den Geist des Volkes zu spüren. Man wirft. Man erhält. Wir spielen, um das Leben zu verdienen. Wir werfen. Mit leeren Händen warten wir. Und wir lernen es, stark zu sein.«

Es gab eine Schwelle der Furcht in dem Spiel, die Gewißheit, daß es eine Gefahr gab, daß es keine Gnade gab. Nach einer Zeit konnte man ein sicherer Spieler sein, solange die Geschwindigkeit innerhalb der Grenzen des eigenen Geschicks blieb, und dann doch erkennen, daß es sehr ernst wurde, wenn die Geschwindigkeit zunahm. Angst tauchte auf, die Nerven versagten, und das Spiel ging unter Schmerzen verloren.

Spiele, riet ihm Niun, um das Leben zu verdienen! Wirf dein Leben, Kel'en, und fang es mit deinen Händen!

Er begriff, und damit gleichzeitig noch etwas anderes, warum die Mri große Freude an solch einem Spiel haben konnten.

Und zum erstenmal begriff er die eigentümliche Verrücktheit, mit der die Mri nicht nur überleben, sondern sich auch am unnatürlichen Gefühl der Sprünge ergötzen konnten, durch die sich das Schiff scheinbar zufällig von Stern zu Stern warf.

Zwei weitere Male sprangen sie, und Duncan stand ruhig und wartete, als die Klingel schrillte und die Auflösung einsetzte. Er beobachtete den Mri, kannte den Geist des Kel'en, der ihm gegenüberstand, wußte, wie man sich gehen ließ und völlig im Rhythmus des Spieles aufging, mit dem Schiff ging und sich nicht fürchtete.

Beim zweiten dieser Sprünge brach er in ein wildes Gelächter aus, denn die Ausbildung des Dienstes hatte auf das Überleben abgezielt, die des Spieles dagegen etwas komplex Fremdartiges: eine sorglose Verrücktheit, der Mut der Mri.

Kel'en.

Er hatte etwas verloren, etwas, dem er einst Wert beigemessen hatte, und wie bei den anderen Besitztümern, die er dem Vergessen überantwortet hatte, war das Gefühl des Verlustes schwach und fern.

Niun betrachtete ihn, schätzte ihn schweigend ab, und er begegnete diesem Blick direkt, während ihm der Verlust noch zu schaffen machte. Eines der Dusei, das kleinere, stieß mit der Nase gegen seine Hand. Er riß sie zurück und wandte das Gesicht von Niuns kritischem Blick ab. Er ging mit regelmäßigen Schritten zu seiner Ecke, während die Sinne ihn zu betrü- gen versuchten und doch nicht die Macht dazu hatten.

Er war nicht der, den Stavros lanciert hatte.

Er saß auf seinem Lager und starrte auf die zerkratzte Tagezählung, die er begonnen und dann versäumt hatte. Es war nicht mehr die verstreichende Zeit, die eine Rolle spielte, sondern das, was vor ihm lag – genug Zeit, um in der Tat vergessen zu können.

Das Schreiben vergessen, die menschliche Sprache, Kesrith. Es gab Lücken in seiner Vergangenheit, nicht allein in den letzten Tagen, diesen fiebrigen und furchtbaren Stunden; es gab andere, die aus seinem Gedächtnis seltsame und sich verschiebende Muster machten, als ob einige der Dinge, an die er sich erinnerte, zu fremd waren in diesem Schiff und auf dieser langen Reise.

Die Dunkelheit, von der Niun sprach, fing an, solche Dinge zu verschlucken, wie ihr Maß, Ziel und Sinn fehlten.

Mit derselben Metallkante, mit der er die Markierungen gemacht hatte, zerkratzte er sie, löschte er die Aufzeichnung aus.