7

Niun erwachte mit einer großen Lethargie, wie jedesmal, wenn er zu sich kam. Seine Augen ruhten zuerst auf Duncan, der dasaß, wie er es so oft getan hatte, und geduldig neben seinem Bett wartete. Niun wurde verwirrt, bestürzt durch eine vage Erinnerung.

»Ich dachte«, sagte er zu Duncan, »daß du fort wärst.«

Duncan streckte eine Hand aus und legte sie ihm auf den Arm. Niun versuchte, nur seine Finger zu bewegen, und diese Anstrengung ging über seine Kräfte. »Bist du wach?« fragte Duncan ihn. »Niun, wach auf!«

Er versuchte es ernsthaft, wußte, daß er es sicher tun konnte, wenn es Duncan war, der ihn dazu aufforderte. Aber die Membran über seinen Augen war halb geschlossen, verschleierte alles, machte es zu schwierig, den Blick einzustellen. Die Dunkelheit überkam ihn wieder, und das ging leichter und bequemer. Er spürte eine Berührung auf seiner Mähne, eine Berührung der Mutter – niemand sonst würde ihn so anfassen; aber es waren schwielige Finger, die daraufhin sein Gesicht berührten. Es blieb etwas, das ihn verwirrte und ihn kurz vor dem Erwachen festhielt.

»Trink!« wurde er aufgefordert, durch eine Stimme, der er vertraute. Er fühlte sich hochgehoben – Duncans Arm, erinnerte er sich. Der Plastikrand eines Bechers berührte seine Lippen. Er trank – kaltes Wasser, wie er feststellt –, schluckte mehrfach. Es floß in seinen Magen und blieb dort, vermittelte ein unbehagliches Gefühl.

Duncan stellte den Becher weg, ließ Niun auf das angehobene Polster zurücksinken, das ihn nicht wieder in den vorherigen Frieden weggleiten ließ, und die Anhebung des Kopfes verwirrte ihn für einen Moment. Niun fing an zu begreifen, daß er an diesem schrecklichen Ort erwachen sollte, daß es keine Zuflucht gab. Das Aroma von Speisen drang in seine Nase, unangenehm in dieser heißen, dichten Luft.

Er konnte die Glieder bewegen. Er fand, daß das ein Wunder war. Er versuchte, es zu machen, begann wieder, Empfindungen aufzunehmen, und Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen schließlich wieder in seinem Bewußtsein.

Er erinnerte sich an Feuer und Dunkelheit und einen Regul, der ihn – wie er dachte – getötet hatte.

Jetzt lag er auf einem Bett wie eine Frau des Kath, mit nacktem Gesicht und nacktem Körper nutzlos unter leichten Decken, die Glieder ohne Kraft.

Er befand sich an einem fremden Ort. Er hatte nicht den Wunsch, hier zu erwachen.

Aber in seinem Bewußtsein regte sich matt der Glaube, daß er noch etwas zu erledigen hatte, daß es eine noch unerfüllte Verpflichtung gab.

Das hatte ihm jemand gesagt. Er konnte sich nicht erinnern.

Er versuchte aufzustehen, schaffte es, sich für einen Augenblick aufzusetzen, bevor die Arme unkontrolliert zu zittern begannen und er zurückfiel. Duncans Arme fingen ihn sanft auf und legten ihn auf die Matratze zurück.

Danach war es leichter, zurück in die Dunkelheit zu schweben, in der es überhaupt keine Erinnerung gab. Aber Duncan ließ ihn nicht. Ein kaltes Tuch berührte sein Gesicht, trieb das Bewußtsein schockartig in ihn zurück.

»Komm schon!« sagte Duncan immer wieder zu ihm – hob seinen Kopf wieder an und goß Wasser zwischen die unwilligen Lippen. Dann folgte gesalzene Fleischbrühe, und Niuns Magen drohte mit einem Aufstand.

»Wasser«, bat er, nachdem er einen Mundvoll hinuntergeschluckt hatte. Und als er es erhielt, nahm er einen Schluck. Mehr schaffte er nicht.

Dann wurde er für eine Weile bewußtlos, erwachte wieder und fand sich in halb sitzender Stellung abgestützt. Ein besänftigender rollender Ton erfüllte seine Ohren und betäubte eine Zeitlang seinen Verstand; er fühlte Wärme auf seiner Hand, eine Bewegung. Er öffnete die Augen und sah zu seiner Verwirrung, daß ein großes Dus gekommen war und neben ihm saß. Es stieß das Bett an, ließ es erzittern, ließ sich dann nieder und beruhigte Niuns Gesicht mit seiner Zufriedenheit.

Und in dem Moment kehrte Duncan zurück – in der Kleidung der Menschen: er bemerkte das zum erstenmal. Duncan hatte sich wieder zu seiner Rasse gesellt, wie es richtig war. Dies war ein Ort der Menschen. Zum erstenmal begann Niun, Duncans Anwesenheit nicht als Delirium wahrzunehmen, das wirklichste und drängendste der Bilder, die seine Wachzeiten bevölkerten, sondern als eine Gegenwart, deren logischer Platz bei Menschen war. Deren Überlegungen zweifellos menschlich und bedrohlich waren.

Das gestörte Dus wandte den Blick zu Duncan, ließ sich wieder nieder und gab nur ein müdes Seufzen von sich. Es tolerierte den Menschen, und das verblüffte Niun; es erschreckte ihn, daß selbst die nicht korrumpierbaren Dusei verführt werden konnten. Kein Schutz verblieb ihm.

Dunkelheit zog durch sein Bewußtsein, eine unerwünschte Erinnerung, einstürzende Türme, das bleiche Gesicht der She'pan in der Dunkelheit, die Augen geschlossen.

Wieder hob das Dus den Kopf, stöhnte und schnupperte an Niuns Hand.

»Melein?« fragte er, den Blick auf Duncan gerichtet, auf weiße Wände und die Wirklichkeit – denn er mußte es fragen. Er erinnerte sich daran, daß er seinem Menschen vertraut hatte. Hoffnung erhob sich in ihm, weil keine Schuld Duncans Gesicht berührte, als er diese Frage stellte.

Der Mensch kam herbei und setzte sich neben ihn, faßte dabei das Dus an, als habe er überhaupt keine Probleme mit dem Tier; aber Furcht... Furcht gab es in ihm: Niun spürte sie. »Sie ist hier«, berichtete ihm Duncan. »Es geht ihr gut – so gut wie dir.«

»Das ist überhaupt nicht gut«, sagte Niun mit belegter Stimme, mit verzogenem Mund; aber dann stimmte es – dann stimmte es, und er hatte es nicht nur geträumt wie andere Träume. Er konnte nicht die Augen schließen, damit nicht die Tränen herausströmten und ihn beschämten. Er starrte Duncan an und befingerte die Samthaut des Dus zwischen ihnen, eine heiße und tröstende Glätte.

»Du bist frei«, erklärte Duncan vorsichtig und deutlich, wie man mit einem Kind spricht. »Ihr beide. Wir sind auf einem Schiff, das sich von Kesrith entfernt, und ich bin außer euch der einzige an Bord. Ich habe das gemacht, weil ich euch vertraue. Tut mir den Gefallen, mir für eine kleine Weile zu vertrauen!«

Dies, so unglaublich und verrückt es war, hatte den einfachen Klang der Wahrheit an sich: es gab kein Ausweichen in Duncans Blick. Niun akzeptierte es, so verwirrt er war, und dachte sofort an Begleitschiffe, die sie umgaben auf dem Weg in Gefangenschaft bei Menschen, an eine Myriade anderer Formen des Verrats. Aber da war Duncan.

Da war Duncan, auf dem alle Hoffnungen ruhten, der allein unter allen Menschenfeinden und Regul ihn ehrenvoll verstanden hatte, dessen Herz ehrenwert war, ein Kel'en des Menschenvolkes.

Er ballte die Hände, probierte ihre Stärke und fand, daß die Taubheit, die solange seinen Geist entleert und seine Glieder geschwächt hatte, jetzt zurückkehrte. Drogen: er erkannte die Wahrscheinlichkeit davon; aber sie verloren seine Sinne aus dem Griff und hinterließen sie zunehmend klar. Duncan gab ihm wieder Wasser zu trinken, und er trank; und mehr von der scheußlichen Brühe, und er trank auch sie, preßte die Kiefer zusammen und zwang den Magen dazu, die Nahrung zu behalten.

Die She'pan lebte: seine Wahrschwester Melein, Mutter des Volkes. Sie war seine Aufgabe. Er war Kel'en, Krieger, und die Krankheit und die Wunde und die Drogen hatten ihm seine Kraft und seine Schnelligkeit und sein Geschick geraubt, all das, was er jemals besessen hatte, nur um sein Leben zu erhalten, das im Dienst der She'pan stand.

Er weigerte sich, daran zu denken, was aus ihm geworden war, sondern dachte nur an die Notwendigkeit, auf seinen Füßen zu stehen, wieder die Kraft zum Gehen zu finden und zu ihr zu gehen, wo immer sie sich befand.

Bis dahin würde er alles ertragen.

Nach einer Zeit der Bewußtlosigkeit kehrte Duncan zurück, und in seinen Händen trug er ein schwarzes Kleiderbündel, das er auf den Tisch neben dem Bett legte.

»Deine Kleider«, sagte Duncan. »Wenn du mich läßt, helfe ich dir.«

Und das tat er, vorsichtig, freundlich, half ihm, für einen Moment zu sitzen, während seine Sinne wirbelten und grau wurden, ließ ihn dann wieder zurücksinken, eingehüllt in die vertraute Behaglichkeit des inneren Gewandes eines Kel'en, und auf Kissen gestützt.

Duncan nahm neben ihm Platz und wartete darauf, daß er wieder zu Atem kam. »Der She'pan geht es gut«, sagte er. »Sie hat gegessen, ihre Sachen verlangt und mich weggeschickt. Ich tat es.«

Niun schob eine Hand unter sein Gewand, wo sich eine Narbe über die Rippen zog, und wußte, daß er hätte sterben sollen. Sie beide hätten sterben sollen. »Tsi'mri-Medizin«, protestierte er mit vor Wut zitternder Stimme. Und doch wußte er, daß dieselben verbotenen Dinge sie beide am Leben erhalten hatten, und er war der mangelnden Bereitschaft zum Tode schuldig. Er war sechsundzwanzig Jahre alt; er hatte erwartet, vorher zu sterben: das taten die meisten Kel'ein, aber die meisten Kel'ein hatten bis dahin reichlich Ehre errungen. Niun hatte nichts erlangt, mit dem er stolz in die Dunkelheit gehen könnte. Alles, was er fast gewonnen hatte, hatte er wieder verloren – war gefangengenommen worden, hatte zugelassen, daß die She'pan ergriffen wurde. Er hätte sterben sollen.

Aber nicht hier, nicht so.

»Es war nicht dein Fehler«, sagte Duncan.

»Ich habe zu lange gelebt«, antwortete Niun, was der Wahrheit entsprach: sowohl er als auch Melein hatte ihre Rasse überlebt, das Volk überlebt; und das war bittere Wirklichkeit. Er wußte nicht, wozu sich Melein entschließen würde, wenn sie ihn wiederfand, oder was sie ihm zu tun befehlen würde. Er blickte Duncan bedauernd an. Er sah, daß Duncans Augen vor Müdigkeit schattig waren, daß er zerzaust war, als hätte er wenig geschlafen. Im Moment sah er verwirrt aus.

»Die Regul hätten dich gefangen«, sagte Duncan rauh. »Ich hatte die Möglichkeit, dich zu meinem Volk zu bringen, und ich habe sie ergriffen. Die She'pan hat nicht protestiert. Sie wußte, was ich tat.«

Diese Behauptung erschütterte Niuns Vertauen in vertrauenswürdige Dinge. Er starrte Duncan für einen Moment an und legte schließlich seinen Stolz ab, stellte Fragen, wie er es bei einem Bruder des Kel tun würde.

»Wo sind meine Waffen?«

»Alles, was dir gehört, ist hier«, sagte Duncan. »Ich bringe dir deine Waffen sofort, wenn du darauf bestehst. Aber du warst im Halbschlaf und du warst krank, und ich dachte, daß du vielleicht nicht weißt, wo du bist, oder nicht verstehst, was vorgeht. Ich hasse es, durch ein Mißverständnis erschossen zu werden.«

Das war zumindest vernünftig. Niun atmete vorsichtig kontrolliert aus und erinnerte sich daran, daß dieser Mensch dazu neigte, die Wahrheit zu sagen, entgegen der Erfahrung des Volkes mit Tsi'mri. »Ich bin nicht mehr krank«, sagte er.

»Willst du, daß ich gehe und deine Waffen hole?«

Niun dachte darüber nach, starrte in Duncans nacktes Gesicht; er hatte ihn herausgefordert... Duncan hatte mit einem Angebot geantwortet, obwohl seine Aufrichtigkeit beleidigenderweise angezweifelt worden war. »Nein«, sagte Niun und versuchte, sich zu entspannen. »Du gehst und kommst viel; wenn du wieder einmal kommst, bringst du sie.«

»Ich würde es vorziehen«, meinte Duncan, »zu warten, bis ich sicher bin, daß es dir gut geht. Dann werde ich sie bringen.«

Niun wandte unglücklich den Blick ab. Mit nacktem Gesicht empfand er die Hilflosigkeit seiner nutzlosen Glieder und lag still, gezwungen, die Situation zu akzeptieren. Das Dus regte sich, unbehaglich durch seinen Schmerz. Er streckte die Hand aus und tröstete es.

»Ich habe etwas zum Essen gebracht«, sagte Duncan. »Ich möchte, daß du ißt.«

»Ja«, stimmte Niun zu. Er warf sich in die Kissen, als Duncan hinaus in den Korridor ging, um zu holen, was er gebracht hatte; er nutzte den Moment, um zu Atem zu kommen, und hatte sich beruhigt, als Duncan zurückkam. Er war entschlossen, aus eigener Kraft zu essen, obwohl die Hand zitterte, als er die Schüssel nahm.

Es gab kaltes Obst von fremden Welten, von dessen Schmackhaftigkeit er gehört, das er aber nie gegessen hatte; es gab eine Art Brot, zu weich für seinen Geschmack und dick, aber man konnte es leicht essen; und Soi gab es, für das er eine Vorliebe hatte. Er nahm die Tasse mit dem bittersüßen Getränk in beide Hände und trank sie völlig aus, denn es war das einzige vertraute Kesrithi, selbst wenn es regul war, und er wußte, daß es ihm gut tat. Er hatte seinem miß- brauchten Magen viel zugemutet; er lag völlig reglos, nachdem er gegessen hatte, weil er vermutete, daß Stilliegen die einzige Möglichkeit war, das Essen zu behalten.

»Unter diesen Umständen«, sagte Duncan, nahm das Tablett und stellte es auf den Tisch, wo sofort das Dus anfing, es zu begutachten, »wirst du dich schnell genug erholen.« Er rettete das Tablett und brachte es in den Korridor hinaus, gefolgt von dem Verräter Dus mit dieser trauernden Gangart und gesenktem Kopf, das auf Mitgefühl hoffte.

Niun schloß die Augen und ruhte sich aus, hörte Aktivitäten weiter hinten im Korridor, maß die Entfernung bis dorthin. Geschirr klapperte; Stimmen konnte er nicht hören, nur das explosive Bellen eines Dus, mit dem die Tiere ihre eigenen Gefühle ausdrückten.

Melein? fragte er sich verzweifelt. Er hatte eine Frage gestellt; und die Frage nach seinen Waffen war abgewiesen worden. Er würde seine Ängste nicht ein zweitesmal an den Tag legen. Es war notwendig, sich daran zu erinnern, daß Duncan Tsi'mri war, und ein Feind.

Duncan kehrte nach einer geraumen Weile zurück, und bis dahin hatte sich die Nahrung etwas gesetzt, und Niuns Magen fühlte sich deshalb leichter. Duncan zeigte ihm eine Schalttafel in Reichweite seines Armes, zeigte ihm, wie er das Licht dimmen und wie er Hilfe anfordern konnte, sobald er etwas brauchte, auch, wo sich die sanitären Einrichtungen befanden. Die Anweisungen enthielten auch eine ausdrückliche Ermahnung, nicht den Versuch zu wagen und allein umherzugehen.

Niun sagte nichts, nahm lediglich alle angebotenen Instruktionen in sich auf, lag da und starrte Duncan an.

»Schlafe ein Weilchen«, wünschte ihm Duncan kurz darauf, spürte offensichtlich den Unwillen. Er ging zur Tür und blickte zurück. »Es gibt Essen, wann immer du willst. Du mußt mich nur rufen.«

Niun gab keine Antwort, und Duncan ging, ließ die Tür offen stehen; das Licht wurde schwächer, es fiel aus dem Flur herein.

Und als sich dann irgendwo eine Tür öffnete und wieder schloß, fing Niun methodisch an, sich zu bewegen, die Muskeln zu bewegen, die so lange nicht mehr an Bewegung gewöhnt waren. Er arbeitete bis zur Erschöpfung, und als er sich eine Zeitlang ausgeruht und geschlafen hatte, stellte er fest, daß das Dus zurückgekehrt war. Er redete mit ihm, und es kam herbei und legte den schweren Kopf auf die Bettkante. Er legte die Hände auf den großen Rücken und benutzte ihn als Stütze zum Aufstehen. Dann ging er ein paar Schritte, lehnte sich dabei auf das Tier, das ihn begleitete – ging dann wieder zurück und fiel mit zitternden Beinen über das Bett. Für eine Weile lag er ruhig, atmete schwer, und beinahe wurde ihm schlecht. Es dauerte einige Augenblicke, bevor er auch nur die kraftlosen Beine wieder ins Bett ziehen und sich ausruhen konnte.

Aber als er sich ausgeruht hatte, begann er wieder, sich zu bewegen, stand mit Hilfe des Dus auf und fing an, die wenigen möglichen Schritte auszuprobieren.

* * *

Ein langer Schlaf: ein Tag verging, mehr oder weniger – Zeit bedeutete nichts. Er maß sie nur am Eintreffen der Nahrung und solchen Perioden, in denen er allein war, in denen er versuchen konnte, seine Glieder wieder mit Leben zu erfüllen.

Ein weiterer Schlaf: an diesem Tag erwachte er allein, und nur das Dus war bei ihm. Seine Glieder schmerzten durch die erzwungenen Übungen, und immer noch war es Duncan nicht eingefallen, ihm seine Waffen zurückzugeben. Für einen Moment lag er still in der Dunkelheit und starrte hinaus in den erleuchteten Korridor.

Dann erhob er sich, diesmal ohne Hilfe des Dus, ging steifbeinig ins Badezimmer, wusch sich mit Wasser und zog sich sorgfältig und vollständig an, wobei er die Kleider benutzte, die zusammengefaltet auf dem Tisch lagen. Als letztes legte er das Zaidhe an, das mit Quasten verzierte Kopftuch, das Sichtschutz gegen das Licht unfreundlicher Sonnen bot; und mit dem Zaidhe legte er den Mez an, den Schleier, den er unterm Kinn befestigte – Sittsamkeit war hier aufgegeben, allein mit Duncan, der sein Gesicht bereits kannte. In den schwarzen Gewändern des Kel empfand er sich fast wieder als vollständig und verspürte einen Stich, als er die goldenen Ehrenzeichen berührte, die sein waren: das schwarze Symbol des Edun Kesrithun mit dem eingeprägten Zeichen der offenen Hand... es hing an einer Kette, dieses J'tal, denn es stammte vom Nacken Intels, der verschiedenen Mutter; und ein kleiner Ring war an den Ehrengürtel gebunden – die Erinnerung überfiel ihn bitter und furchtbar –, von der Hand der Mutter von Elag; und – weitere Erinnerungen, voll jungem Schmerz – ein kleines goldenes Glücks-J'tal, in der Gestalt eines Blattes, das nie auf dem öden Kesrith gewachsen war: dies stammte von einem älteren Bruder des Kel und rief andere in sein Gedächtnis zurück, die Meister, die ihn in Waffen und dem Gesetz des Kel unterrichtet hatten.

Und er erhielt sie aus der Hand eines Menschen zurück.

Er lehnte sich für einen Moment an die Wand, während das Dus nervös seine Schnauze an sein Bein stieß; als er wieder zu Atem gekommen war, ging er zur Tür, sah hinaus und trat ungehindert auf den Korridor, das Dus hinter ihm.

Schon der sich ihm bietende Anblick war fremdartig: enge, rechtwinklige Korridore, während er an die schrägen Wände seines eigenen zerstörten Hauses gewöhnt war oder die gekrümmten Wände von Regul-Innenräumen. Das Atmen fiel ihm schwer, denn die Luft war dick und roch beißend nach unvertrauten chemischen Düften. In seiner Verwirrung stützte er sich an die Wand, als ihn sein eigenes Dus beiseitestieß – und vor sich, weit unten im Korridor, erblickte er ein weiteres Dus, das den breiten Kopf aus einer Tür herausstreckte. Das seine watschelte los, um sich zu dem anderen zu gesellen, zeigte sich recht fröhlich.

Er hatte es gewußt: irgendwo in der drogenverschleierten Tiefe seines Inneren hatte er die Anwesenheit des anderen gespürt, die ihn beruhigte und an ihm zerrte. Zwei Dusei, eines davon bei Melein, die einmal zum Kel gehört hatte, die immer noch solch ein Tier anfassen konnte.

Es war ein langer Weg, der längste, den er je versucht hatte; er stieß sich von der Wand ab und ging zu dieser Tür, lehnte sich an den Türrahmen und sah hinein.

Melein, die She'pan.

Sie lebte wahrhaftig noch; sie schlief – voll bekleidet in ihrer Einfachheit, ihren zerlumpten gelben Gewändern der Sen-Kaste, die sie überdauert hatte. Sie war so zerbrechlich geworden, dachte Niun schmerzlich, so dünn; es war eine Sache, wenn ein Kel'en verletzt wurde, hungerte oder mit Drogen betäubt wurde – aber daß sie mit ihr so umgegangen waren: Zorn schwellte in ihm empor, so daß er für einen Moment nicht sehen konnte, und die Dusei stöhnten und zogen sich in die Ecke zurück.

Er verließ seinen Platz am Eingang, kam herbei und sank neben ihrem Bett auf die Knie, wo sie auf der Seite schlief, den Kopf auf einem Arm liegend. Die Dusei kehrten zurück und schlossen ihn eng ein; und er berührte die schlanken Finger ihrer geöffneten Hand.

Ihre goldenen Augen öffneten sich und blinzelten vor Überraschung. Zuerst schien sie verwirrt zu sein, streckte dann die Hand aus und faßte an sein nacktes Gesicht, als wolle sie prüfen, ob er ein Traum war oder nicht.

»Niun«, flüsterte sie. »Niun!«

»Was soll ich tun?« fragte er sie, zitterte fast vor Angst vor dieser Frage, denn er war nur ein Kel'en und konnte keine Entscheidungen treffen. Er war die Hand des Volkes, und sie war des Volkes Verstand und Herz.

Wenn sie nicht leben wollte, würde er sie und sich töten. Aber er sah den kalten, klaren Blick ihrer Augen, und dies war nicht der Blick einer Besiegten.

»Ich habe auf dich gewartet«, berichtete sie ihm.

* * *

Niun nahm die Dusei mit. Sie gingen, eines hinter dem anderen, vor ihm her, denn sie waren zu groß, um im Korridor nebeneinander zu gehen. Ganz langsam klickten die Klauen auf dem harten Boden. Durch ihren seltsamen Sinn wußten sie, wen er suchte – wußten auch, daß dies keine Jagd im Sinn eines Spieles war, mit einer Tötung am Schluß; und doch waren sie beunruhigt, vielleicht weil sie mit dem gegangen waren, den sie jetzt jagten.

Und sie begegneten Duncan im engen Gang direkt hinter einer Biegung.

So vertrauensselig, wie er daherkam, wollte er vielleicht gerade nach ihnen sehen. Er war nicht bewaffnet; er war es nie gewesen, erinnerte sich Niun mit plötzlicher Verwirrung in seinem Zorn. Und vielleicht hatte Duncan sie zu diesem Moment verführt, hatte darauf gewartet. Er schien zu wissen, wie die Dinge zwischen ihnen lagen: er stand reglos vor den Dusei, wartete darauf, daß Niun sagte oder tat, was er wollte. Sicherlich wußte er, daß sein Leben in Gefahr war.

»Es ist sonst niemand an Bord«, erinnerte ihn Niun, forderte ihn mit seiner eigenen Behauptung heraus.

»Ja. Ich habe dir die Wahrheit gesagt.«

Duncan hatte Angst. Die Dus-Gefühle waren drükkend und schwer. Er gab jedoch seiner Furcht nicht nach – das würde ihn das Leben gekostet haben.

»Yai!« rief Niun die Dusei zurück, zog ihre Aufmerksamkeit aus dieser ausschließlichen und gefährlichen Konzentration zurück. Sie schwankten nervös, und das Gefühl entspannte sich. Sie würden ihm nicht trotzen. »Duncan«, sage er daraufhin, so direkt, wie er zu einem Bruder des Kel sprechen würde, »was hast du mit uns zu machen gehofft?«

Duncan zuckte auf Menschenart die Achseln, zeigte ein schwaches, müdes Zucken der Lippen. Mit seinem nackten Gesicht sah er aus wie ein Mann, dessen Körper oder dessen Geist lange keine Ruhe mehr gehabt hatte. Er war manchmal naiv, dieser Mensch Duncan, aber er wäre dazu in der Lage gewesen, auf sich aufzupassen, und wußte sicherlich, daß er das hätte tun sollen. Niun legte seine Gedanken an Gewalt für den Moment beiseite.

»Ich wollte«, sagte Duncan, »euch nicht in die Hände der Regul fallen lassen.«

»Du hast dein Volk einfach gefragt, und sie haben dir dieses Schiff zu deinem Vergnügen gegeben. Bist du so groß bei ihnen, daß sie dir so eifrig gefallen wollen?«

Duncan fuhr nicht auf gegen den Sarkasmus. Sein Ausdruck blieb nur müde, und erneut zuckte er die Achseln. »Ich bin allein. Und ich habe nicht vor, um die Kontrolle des Schiffes zu streiten. Du kannst es übernehmen. Aber ich möchte darauf hinweisen, daß es kein Kriegsschiff ist, daß wir nicht bewaffnet sind und wir möglicherweise bereits das tun, was du möchtest. Ich denke nicht, daß du tatsächlich die Kontrolle übernehmen kannst. Wir navigieren nach Band.«

Niun blickte finster. Damit hatte er in seiner Unerfahrenheit nicht gerechnet. Er starrte Duncan an, wußte, daß seine Kräfte begrenzt waren, selbst in bezug auf das Stehenbleiben. Er konnte die Dusei loslassen, das Schiff übernehmen; aber das, was Duncan gesagt hatte, daß keiner von ihnen das Schiff handhaben konnte, machte seine Ruhe verständlich.

»Wo fliegen wir hin?« wollte Niun wissen.

»Ich weiß es nicht«, sagte Duncan. »Ich weiß es nicht. Komm mit mir zu den Kontrollen, und ich zeige dir, was ich meine!«

* * *

Das Ovoid ruhte in einem mit Schaumstoff ausgekleideten Kasten, ein schimmernder und schöner Gegenstand, einzigartig, heilig. Seine Oberfläche wies keinen Makel auf, obwohl Niun wußte, daß es zwischen Felsen herumgepurzelt war und die Götter mochten wissen, was widerstanden hatte, bevor es hierhergekommen war. Er kniete daneben nieder, kümmerte sich nicht um Duncans Anwesenheit, streckte ehrfurchtsvoll eine Hand aus und faßte an diese kalte, glatte Oberfläche, als sei es die Haut eines fühlenden Wesens.

Ein Stück der Mri-Seele war dieses Ding, dieses Pan'en, dieses Mysterium, das er getragen hatte, bis er nicht mehr konnte. Er wäre gestorben, um es vor Tsi'mri-Händen zu beschützen.

Und vor Tsi'mri war es zu ihnen gekommen, berührt und entweiht.

Duncans Tat. Es gab sonst niemanden, der es gefunden haben könnte.

Niun stand auf, die Augen verschleiert, weil ihn die Membran für einen Augenblick betrog; und vor einem für das Volk Fremden hätte er sich im Zorn verschleiert, aber Duncan war ihm näher gewesen als viele andere seiner eigenen Rasse. Er wußte nicht, welche Art von Großmut oder Drohung durch dieses Geschenk beabsichtigt wurde. Er spürte eine Tischkante im Rücken, was willkommen war, denn die Beine gaben unter ihm nach. Das Dus kam herbei, das große scheinbar unbeholfene Geschöpf, vorsichtig an diesem Ort feiner Instrumente und enger Räume. Es legte sich zu seinen Füßen nieder, bot ihm Wärme und Stetigkeit an, als er sie brauchte.

»Du kennst die Mri gut genug«, sagte Niun, »um zu wissen, daß du sehr unbekümmert warst, als du das berührt hast.«

»Es ist deins. Ich habe es für dich zurückgeholt; oder hättest du es lieber gehabt, wenn es da draußen verlorengegangen wäre?«

Niun sah wieder zu dem Pan'en hinab, dann wieder auf zu Duncan, überlegte immer noch, was hinter diesem unverschleierten Gesicht lag; und langsam, bedächtig befestigte er den Schleier vor seinem Gesicht – eine Warnung, falls Duncan diese Mri-Geste gelernt haben sollte, die auflöste, was an Persönlichem zwischen ihnen war. »Die Menschen sind verrückt vor Neugier. So haben mich meine Ältesten gelehrt, und ich finde, sie hatten recht. Es kann nicht in euren Händen gewesen sein, ohne daß eure Gelehrten Einblick in es genommen haben; und es ist sogar möglich, daß sie herausgefunden haben, was es ist. Da ich selbst nur ein Kel'en bin, bin ich nicht berechtigt, das zu wissen. Vielleicht weißt du es. Ich will es nicht wissen.«

»Du hast recht mit deinem Verdacht.«

»Da du ein Mensch bist, wußtest du, was geschehen würde, wenn du es zu deinem Volk bringst.«

»Ich habe nicht gewußt, was es ist. Ich habe nicht gewußt, daß es für sie mehr als nur eine Kuriosität sein würde.«

»Ist es aber«, mutmaßte Niun, und als Duncan keine Antwort gab: »Sind wir deswegen hier? Ein Ding war den Mri geblieben, einen Schatz hatten wir, und hier liegt er, und hier bist du, allein, und plötzlich gibt man uns Entgelt und unsere Freiheit – ein Schiff für unseren Abflug, unter großen Kosten. Für welchen Dienst an der Menschheit ist das ein gerechtes Entgelt, Kel Duncan? Vierzig Kriegsjahre lang haben wir mit deiner Rasse gerungen, und dafür gibt man uns Geschenke?«

»Der Krieg ist zu Ende«, sagte Duncan. »Vorbei. Eine tote Sache.«

»Die Mri auch«, sagte Mri, zwang sich zu dieser Bitterkeit, verwarf die Großzügigkeit von Tsi'mri und all ihre komplizierten Anforderungen. Schwäche überkam ihn wieder, ließ ihm die Sinne verschwinden und die zu lange unter Spannung stehenden Muskeln zittern. Er umklammerte die Tischkante mit der Hand, holte tief Atem und ließ ihn wieder fahren, worauf sich sein Blick wieder klärte. »Ich weiß nicht, warum du allein an Bord bist«, sagte er. »Wir beide verstehen einander nicht, Kel Duncan.«

»Einfach ausgedrückt«, meinte Duncan, nachdem er diese faire Warnung aufgenommen hatte. »Vielleicht irre ich mich, aber ich dachte, daß du meinen Versuch erkennen würdest, euch Gutes zu tun. Ihr seid frei.«

Niun ließ den Blick über die Kontrollen schweifen, über das fremdartige Durcheinander eines Systems so unähnlich dem der Regul-Kontrollen, die er nur in der Theorie kannte. Ein dünnes Schweißrinnsal floß unter seinen Gewändern die linke Seite hinab.

»Werden wir eskortiert?« fragte er.

»Bis jetzt stehen wir unter Beobachtung«, sagte Duncan. »Unsere Leute sind nicht so vertrauensselig. Und weder du noch ich können irgend etwas mit diesem Leitsystem anfangen: wir sind auf Band. Vielleicht kannst du uns da rausreißen, aber wenn du das machst, zweifle ich nicht daran, daß sich das ganze Schiff selbst zerstören wird.«

Das zumindest klang vernünftig. Niun überdachte es, während seine Hand abwesend den Kopf des Dus streichelte, das sich neben ihm aufsetzte.

»Ich werde gehen und der She'pan berichten, was du gesagt hast«, sagte Niun schließlich. Er schickte das Dus mit einem sanften Wort voraus und folgte ihm und seinem Gefährten, ließ Duncan im Besitz der Kontrollen. Duncan konnte sie alle töten; aber er hätte es schon lange machen können, wenn er es vorgehabt hätte. Er hätte sie einschließen können, aber möglicherweise war das ganze Schiff ein Gefängnis, das von außen bewacht wurde. Es blieb die Frage, warum Duncan entschieden hatte, hier bei ihnen zu sein. Niun vermutete, daß es mit dem merkwürdigen Ehrgefühl dieses Menschen zu tun hatte, das offensichtlich existierte, aber völlig verschieden war von dem der Mri.

Oder vielleicht hatte es nichts mit Duncans Bindung an die Mri-Rasse zu tun; es erschien Niun möglich, daß sie beide Kel'ein waren und unter ähnlichem Gesetz lebten, unter der Leitung von anderen, und jemand anderes entschied, was und wo sie es tun durften.

Niun konnte verstehen, daß ein Mann Gefährtenschaft mit einem anderen Kel'en finden mochte, dem er eines Tages gegenüberstehen und ihn töten mußte. Es wurde gesungen, daß dergleichen geschehen war.

Es war niemals gut, Freundschaften außerhalb des eigenen Hauses zu bilden; solche Verbindungen hatten ein sprichwörtlich schlechtes Schicksal, denn die Pflicht setzte die Treue zum Haus an die erste Stelle und die Befehle der She'pan über alles.