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Es war geschafft.
Duncan stand da und sah zu, wie der Mri ging, und wußte, daß die She'pan Melein bald kommen mußte, um die nominelle Kontrolle über das Schiff zu fordern, jetzt, wo Niun sich dessen versichert hatte, daß sie auf keinen Widerstand und keine Beleidigung stoßen würde.
So war das bei den Mri, daß die She'pan die Entscheidungen fällte, wenn sie für eine Rücksprache erreichbar war. Boaz hätte das dem Militär berichten können; er selbst hätte es denen mitteilen können, die die Pläne für die Sicherheit der FLOWER gemacht hatten, hätten sie nur gefragt – daß die Mri-Kel'ein, die Schwarzgewandeten, die ein Schrecken gewesen waren, wo sie auch auftauchten, nicht die Autorität waren, die in Erwägung gezogen werden mußte.
Niun verstand das Artefakt nicht, das er verehrte. Auch das überraschte Duncan nicht. Niun, so tüchtig er war, lehnte es ab, bestimmte Dinge zu wissen, die er als für ihn unpassend erachtete. Vor jeder Handlung von politischer Bedeutung mußte er sich mit Melein beraten, wenn er die Möglichkeit dazu hatte. Duncan hatte sich verzweifelt darauf verlassen. Es hatte geklappt. Er fühlte sich bestätigt, von einem Gewicht befreit, das seit Tagen auf ihm gelegen hatte, jetzt wo er Niun ganz und auf den Beinen sah und dorthin unterwegs, wohin er wie er kalkuliert hatte – gehen würde.
Er fand sich mit einem merkwürdigen Mangel an Furcht bei der Sache, die er getan hatte. Furcht empfand er, wenn er nachts wach lag, sich an die Ruinen in den Bergen erinnerte, den Alptraum von Sil'athen, das Inferno, das sich auf sie herabgesenkt hatte; oder wenn er über die Regul lächelte, die versucht hatten, ihn zu töten und stattdessen eine empfindende Lebensform getötet hatten. Vor den Mri empfand er nur einen kenntnisreichen Respekt.
Es gab immer noch eine gute Möglichkeit, daß sich die Mri gegen ihn wendeten und ihn töteten; damit hatte er von Anfang an gerechnet – aber es würde nicht zu dem passen, was er von ihnen wußte. Wenn es geschah, dann aus den Tiefen irgendeiner Mri Logik heraus, die diese beiden Mri ihm gegenüber nie gezeigt hatten, selbst dann nicht, wenn sie bitter provoziert worden waren.
Die Zeit für Bedauern war lange vorbei. Es gab nur noch wenig Zeit für ihn, etwas zu tun. Er wischte sich mit dem Handrücken über die verschleierten Augen. Während der letzten vier Tage hatte er hin und wieder ein Nickerchen gemacht, wenn er konnte, aber er hatte nicht im Bett geschlafen, hatte sich nicht getraut, nicht, solange die Lage an Bord im Fluß war, mit zwei freien Regul-Schiffen im System und einem nervösen Menschenschiff in seinem Gefolge.
Er setzte sich an die Konsole, rief Daten von den Instrumenten ab, die in ihren geschäftigen Sequenzen aufblitzten, sah, daß sie zur Transition bereit waren, das Leitsystem auf den Bezugsstern ausgerichtet und bereit, den Sprung zu machen, sobald die anderen Systeme der FOX den Computer darüber informierten, daß sie weit genug von der nächstliegenden grö- ßeren Masse entfernt waren. Das konnte noch einen Tag dauern: automatische Toleranzbereiche waren größer, als sie sein mußten. Aber länger würde es sicherlich nicht dauern.
Von soweit draußen war Kesrith im Sonnenglanz untergegangen, und das rote Arain erlangte seine angemessene Unbedeutsamkeit im stellaren Vergleich, ein bloßes Grenzleuchtfeuer für Menschen, das den Grenzbereich der menschlichen Territorien kennzeichnete, ein Stern, umkreist von einer spärlich bevölkerten Welt und verschiedenen anderen, auf denen nichts lebte.
Und einer der Schirme zeigte das Schemabild, auf dem die Position der Regul als weiter draußen erschien, als sie inzwischen hätten sein müssen: sie vollzogen eine vorsichtige Annäherung. Er kümmerte sich nicht um die Position der Regul; sie waren weit entfernt im System und kein Teil dessen, was ihn beschäftigte.
Auf einem anderen Schirm tauchte das winzige Objekt auf, das der Reiter SANTIAGO von der SABER war, sein treuer Schatten.
Er war jetzt näher dran als bisher.
Er biß sich auf die Lippe, sein Herzschlag beschleunigte sich, denn er wollte die Funkstille nicht brechen oder einen Streit mit seiner Eskorte beginnen: die Mri waren auf freiem Fuß. Aber die Tatsache der Mri veranlaßte ihn zu einer raschen Konsultation des Computers, und er fluchte vor sich hin und langte nach dem Kom-Schalter.
»SANTIAGO«, signalisierte er. »SANTIAGO, hier FOX. Bitte halten Sie größeren Abstand. Sie sind auf meinem Scanner, und Ihre Masse wird von meinen Instrumenten registriert. Sie verhindern Sprung.«
Es gab eine lange Pause. »Wir kopieren«, antwortete die SANTIAGO und machte anscheinend eine Pause zur Konsultation. »Hier Zahadi. Möchte Sie darüber informieren, daß sich bei uns Schwierigkeiten entwickeln.«
Der Kapitän der SANTIAGO. Die Kälte der Vorahnung durchfuhr Duncan. »Erklären Sie!« forderte er Zahadi auf.
»FOX«, kam die Stimme zu gegebener Zeit zurück. »Ich setze Sie davon in Kenntnis, daß keines der Regul Schiffe anflugbereit ist. Hulagh ist mit der Fähre auf die Station gekommen. Situation dort außerordentlich angespannt. Hulagh hat verlangt, an Bord des Regul Schiffe SIGGRAV gehen zu können. Stavros' letzte Nachricht wie folgt: An Bord gehen wird erlaubt werden. Alle Bedingungen für Sondermission sind unverändert. Weitermachen! Botschaft nach Erhalt vernichten!«
»SANTIAGO, wir sind zum Sprung bereit. Situation andernorts irrelevant. Sie verhindern den Sprung. Bitte verlassen Sie Scannbereich!«
»Wir kopieren«, erwiderte Zahadi.
Es folgte ein langes Schweigen. Duncan wartete und beobachtete die Scanneranzeige. Nichts veränderte sich. Er wiederholte seine Forderung unbeirrt.
Immer noch gab es keine Antwort. Die SANTIAGO befand sich nach wie vor im Scannbereich.
Wieder schnippte er die Verbindung ein und verfluchte diesmal die SANTIAGO und alle, die sich an Bord befanden; die SANTIAGO blieb, wo sie war, benutzte stur ihre Masse, um ihn am Sprung zu hindern – dessen war er sich jetzt sicher.
Stavros' Befehle – ein Schiff, dem Stavros nicht ganz Vertrauen konnte, an der Leine, vorsätzliche Verzögerung.
Und die Mri würden kommen. Er überlegte, was geschehen würde, wenn Melein durch diesen Korridor kam, um mit den Dusei ihre Wünsche durchzusetzen. Niun wartete vielleicht, um nach seinen Waffen zu suchen; sie beide mochten eine Zeitlang warten und die Rückkehr ihrer Kraft abwarten: Niun konnte kaum gehen, und Melein konnte es vielleicht gar nicht. Es war zuviel der Hoffnung, daß sie nicht eingreifen würden.
Stavros' Einmischung. Stavros kannte ihn, vertraute ihm nicht genug, um ihn ohne Behinderung davonfliegen zu lassen.
Und in plötzlich aufblitzendem Begreifen hieb er den Scanner auf Maximum. Ein sich bewegender Punkt tauchte an der Grenze des Feldes auf und nä- herte sich rasch.
Er fluchte und gab einen panischen Anruf an die SANTIAGO ein, beschwerte sich darüber.
»FOX, FOX«, kam endlich die Antwort. »Hier SABER über SANTIAGO, zugewiesene Eskorte. Erbitten Bestätigung.«
Duncan beugte sich vor und justierte den Scanner, die andere Hand zusammengeballt. »SABER, hier FOX. Eskorte nicht Inhalt meiner Befehle. Ziehen Sie sich zurück, ziehen Sie sich zurück!«
Es gab zur erwarteten Zeit keine Bestätigung. Nichts.
Die SABER veränderte ihren Kurs nicht.
»Erbitte Erklärung«, sendete Duncan.
Keine Antwort kam. SABER setzte den Abfangkurs fort. In sehr kurzer Zeit würde es für Duncan keine Wahl mehr geben.
Er fluchte über sie. »SABER«, drängte er. »SABER, geben Sie folgende Nachricht an SANTIAGO weiter. Ziehen Sie sich aus meinem Scanbereich zurück! Wiederhole: Ziehen Sie sich aus meinem Scannbereich zurück! Dieses Schiff ist sprungbereit und Ihre Masse wird registriert. Erbitte offiziellen Logbucheintrag folgender Nachricht: SANTIAGO, Sie haben fünf vorhergehende Warnungen mißachtet. In fünfzehn Minuten werde ich dieses Schiff durch manuelle Überbrückung springen lassen. Wenn Sie nicht sofort Fluchtmanöver durchführen, werden Sie von meinem Feld eingefangen werden. Ich rate Ihnen, sich zurückzuziehen. Fünfzehn Minuten laufen.«
Die Sekunden tickten dahin. Duncans Hand schwitzte auf dem Überbrückschalter. Der Punkt, der die SANTIAGO darstellte, fing an, sich fortzubewegen, aber die SABER näherte sich weiterhin rasch.
»FOX«, hörte er. »Hier SABER, Koch spricht. Setze Sie hiermit davon in Kenntnis, daß diese Operation ab jetzt auch unsere ist. Wir sind angewiesen worden, Ihnen zu folgen. Befehl des Ehrenwerten G. Stavros, Gouverneur der Kesrith-Gebiete.«
Es traf ihn in der Magengrube: O Gott, raus hier, raus hier! wünschte er entweder den anderen oder sich, das wußte er nicht. Er zitterte unter der Anstrengung der lange gehaltenen Handstellung.
Ein Kriegsschiff von einem Kilometer Länge mit einem Begleit-Scout. Er beobachtete, wie sich die SABER näherte, noch nicht nah genug, daß ihre große Masse registriert wurde, aber näherkommend. Sie kamen auf der Spur der SANTIAGO heran, und die SANTIAGO, nicht sternflugtauglich, würde sich ankoppeln und auf der plumpen Konstruktion der SABER in den Sprung reiten.
Kriegsschiffe, keine Sondermission. Er war zu einem Lotsen für Kriegsschiffe gemacht worden!
Nein, nein, nein! tobte er innerlich über die andern, und in einer sowohl impulsiven wie auch bedachten Handlung rammte er die Hand nach vorne und hieb die Handüberbrückung.
Sprung.
Er hielt sich am Schaltpult fest, während ihm alle Teile seines Körpers gleichzeitig Lügen erzählten, während die Wände wie Wasser zerflossen, während Formen sich in sich zu winden schienen und es keinen Raum gab; und wieder gab; und sich das Zerfließen wieder umkehrte und sich alle Formen zurück in den Normalzustand wanden.
* * *
Die Sterne auf den Schirmen waren andere. Duncan zitterte unter der Desorientierung, kämpfte sich daraus hervor wie ein Mann, der aus einem Gefecht im tiefen Raum hervorflog.
Er griff nach den Scannerkontrollen, während das winzigste Ungleichgewicht in seinem Körper Schwindel auslöste und dem Eindruck, daß immer noch Zwischenräume existieren, in die er stürzen konnte, weder hinauf noch hinab. Wenn im Sprung Zeit verging, nahm der Verstand sie nicht wahr, nahm nichts davon aus dem Abgrund heraus mit, nur dieses schreckliche Verdrehen nach innen. Er ließ den Scanner schweifen.
Nichts war da außer dem Klang der Sterne.
Da war nichts.
Er sackte im Polster zusammen und kämpfte gegen die emotionale Auflösung, die oft nach der Transition eintrat; und diesmal war sie mehr als nur körperlich. Er hatte einen furchtbaren, unwiderruflichen Fehler gemacht – nicht für die Mri, nicht für sie: er hatte für sie zumindest Zeit erkauft, während Koch und Stavros das aussortierten, was er gemacht hatte, sich besprachen und überlegten, welche Farbe er spielte und was mit ihm gemacht werden sollte.
Die Regul leben, hatte Stavros gesagt, ihre Opfer nicht. Also befassen wir uns mit den Regul, die immer noch eine gefährliche Macht sind.
Kriegsschiffe, nicht die FLOWER, nicht Leute wie Boaz und Luiz. Die Hälfte von Stavros' militärischen Kräften hatte sich darauf vorbereitet, dem Kielwasser der unbewaffneten FOX zu folgen, selbst während Regul Kesrith bedrohten. Kriegsschiffe, und er mit den Mri an Bord vor ihnen, um Verteidigungsanlagen auf die Probe zu stellen – ein unbewaffnetes Schiff, und dann die anderen.
Um letzte Mri-Basen aufzuspüren und zu zerstö- ren, alles, was das Band finden konnte: zu beenden, was die Regul begonnen hatten.
Er beugte den Kopf in die Arme und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Die Muskeln zitterten vor Wut, aufgrund der Reaktion. Für einen Moment konnte er nichts anderes tun; und dann suchte er mit immer noch konsulsivisch zuckenden Fingern die Ampulle, die er seit Tagen in seinem Gürtel trug, weil er nie wußte, zu welcher Zeit der Sprung stattfinden würde. Er brach sie auf, ließ sie beinahe fallen, stieß die Nadel in die Armvene und ließ die Droge in seinen Blutstrom eindringen.
Wärme verteilte sich in ihm, ein Gefühl der Ruhe, der Fähigkeit, die unnatürlichen Verzerrungen des Sprunges zu meistern, zu funktionieren, bis es wieder Muße zum Ausruhen gab. Sein Verstand klärte sich, hielt jedoch Abstand zu jeder Art von Streß.
Er überlegte klar, was er getan hatte: daß die SABER ihnen folgen würde; sie hatten dort identische Aufzeichnungen – alles war vervielfältigt worden. Die Kriegsschiffe also würden unweigerlich kommen. Es würde ein Kriegsgerichtsverfahren geben, wenn die Menschheit ihn je wieder einfing; sein direkter Widerstand gegen Koch machte das gewiß. Aber wenn die Mri erfuhren, was er gemacht hatte, würden sie sich vielleicht selbst darum kümmern, so daß die menschliche Gerechtigkeit in der Tat eine sehr ferne Drohung war.
Er dachte ruhig an diese Dinge, ob nun aufgrund der Erschöpfung von Tagen ohne Schlaf – er fragte sich entfernt, ob das schuld an dem war, was er gemacht hatte, oder ob der Abzug viel früher durchgezogen worden war, viel früher, als er sich um die Befreiung der Mri gekümmert hatte. Er versuchte, auf dem Band Informationen zu finden, aber es sagte ihm nichts, weder die Zeitspanne zum Weiterflug, noch die Anzahl der Sprünge, noch irgendeinen Hinweis darauf, wo sie sich befanden. Er betrachtete den Stern im Scanner. Möglicherweise eine Mri-Basis. In dem Falle konnte seine Zeit in Tage bemessen sein.
Er stieß sich von den Kontrollen ab. Die Sinne sandten ihm immer noch wie wild Signale, selbst unter den beruhigenden Auswirkungen der Droge. Es war schlimmer, als er es je erlebt hatte. Das machte die Müdigkeit. Er dachte, daß er, wenn die Lage auch nur für eine Stunde stabil blieb, in sein Quartier gehen und sich waschen und hinlegen würde, jetzt wo es zu spät war, sich um irgend etwas Sorgen zu machen.
Und ein Dus schlenderte durch die Tür, und dahinter das zweite Dus; und hinter ihnen kamen die Mri.
* * *
Er wich zurück. Melein kam herbei, wie gewohnt unverschleiert, die Finger in denen Niuns verschränkt, der sie stützte. Sie betrat den Kontrollraum, als Duncan zurücktrat, und ihre goldenen Augen schweiften hindurch und richteten sich auf das Objekt, das neben den Kontrollen lag: auf das Artefakt in seinem Behälter. Sie ging zu ihm, mißachtete alles andere, und berührte das silberne Ovoid mit den Fingerspitzen, neigte sich mit Niun, der sie ihm Gleichgewicht hielt, tastete, wie um sich zu vergewissern, daß es wirklich war.
Dann richtete sie sich auf. Ihre bernsteinfarbenen Augen suchten Duncans, beschattet und durchbohrend direkt.
»Ich will sitzen«, sagte sie, ihre Stimme ein rauhes Flüstern; und Niun half ihr vorsichtig, sich auf den gepolsterten Lehnsessel der Kom-Station zu setzen, als handele es sich um einen Thron. Sie saß aufrecht, die Hand gegen die Rippen gepreßt, wo sie verwundet worden war, und für einen Moment litt sie unter Atemnot. Es schien jedoch vorbeizugehen, und sie senkte die Hand. Die beiden Dusei kamen herbei und drängten sich zu ihren Füßen zusammen, bildeten für sie einen lebendigen Wall an ihren Knien. Und sie streckte die linke Hand zu Niun aus, der sich neben ihr auf das Deck setzte, den Ellbogen gegen das grö- ßere Dus gestützt. Duncan betrachtete sie beide: für seine benebelten Sinne hatte sich das moderne Kontrollzentrum in die Halle einer Priesterkönigin verwandelt, in der er ein Fremder war. Melein blickte ihn direkt an: hinter ihr zeigten die Sternenschirme einen Staub aus Lichter, und die farbigen Anzeigen blitzten in träger Reihenfolge und hypnotisch regelmäßig.
»Duncan«, sagte Melein sanft, »wohin fliegt das Schiff?«
Er erinnerte sich daran, daß es nicht immer erlaubt war, sie direkt anzusprechen, obwohl es ihm einmal gestattet worden war. Jetzt lagen die Dinge anders. Er blickte auf Niuns verschleiertes und nicht mitteilsames Gesicht. »Sage der She'pan, daß das uns führt«, antwortete er und wies mit einem Achselzucken auf das Ovoid neben ihnen.
»Ich spreche mit ihm«, sagte Melein, und ein Stirnrunzeln erschien auf ihrem Gesicht. »Erkläre! Erkläre es, Kel Duncan!«
»Weißt du«, fragte er sie, »was es enthält?«
»Weißt du es!«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Aufzeichnungen. Navigatorische Aufzeichnungen. Aber nicht unser Ziel. Kennst du es?«
Ihr liebliches Gesicht verwandelte sich in eine Maske, so unausdeutbar wie die Niuns, obwohl unverschleiert. »Warum bist du mit uns allein? Hättest du nicht weiser gehandelt, wenn du uns von den Kontrollen ferngehalten hättest, Kel Duncan?«
Sie schritt mit ihm die Grenzen von Fragen ab. Mühsam klärte er seinen Verstand, suchte nach Erklärungen, aber sie streckte ihm beharrlich die Hand entgegen, und es gab nichts Gütigeres, als ihre langen, schlanken Finger in die eigene Hand zu nehmen. Die fremdartige Berührung bestürzte ihn, und er befand sich, im Hinblick auf die Dusei, in einer gefährlichen Position. »Setz dich!« befahl sie ihm, denn sie mußte zu ihm aufsehen, wenn er stand. Und es gab keinen anderen Platz als das Deck, gegen die Körper der Dusei, wie Niun ruhte. »Bist du jetzt zu fremd für uns?« fragte sie, verspottete ihn.
Er tat wie befohlen. Seine Knie schmerzten auf dem Deck. Zwangsläufig berührte er die Dusei und kannte die Falle, den Kontakt mit den Tieren, das Verschwimmen der Sinne. Er bekam Angst, und die Tiere wußten es, erhoben sich mächtig gegen ihn; er unterdrückte die Furcht, und sie ließen sich wieder nieder.
»Ich habe«, sagte Melein zu ihm, ihre Stimme fern und ruhig, »einmal gesagt, daß wir ein Schiff und einen Weg von Kesrith finden würden; ich habe gesagt, daß ich das Pan'en haben muß, und du warst dabei und konntest es hören. Kel Duncan, sind diese Dinge dein Geschenk, allein deines?«
Sie war nicht naiv, diese Kindkönigin: sie fragte, was sie nicht glaubte. Er fühlte, wie sich Abgründe vor seinen Füßen öffneten. »Die Politiker«, sagte er, »wollen euch nicht in den Händen der Regul sehen. Ihr seid frei. Nein, das ist nicht mein Geschenk; es stand mir nicht zur Verfügung, um es euch zu geben. Andere – haben diese Dinge arrangiert. Wenn ihr in Regul- oder Menschenraum bleibt, seid ihr erledigt; dieses Schiff ist unbewaffnet. Aber wir haben jetzt keine Eskorte mehr, She'pan. Wir sind allein. Und wir werden diesem Band bis zu seinem Ziel folgen.«
Sie schwieg einen Moment lang. Duncan betrachtete Niun, fand dort keinen Trost, war sich nicht sicher, ob einer von beiden ihm glaubte. Melein redete in ihrer eigenen Sprache; Niun antwortete einsilbig, ohne sein Gesicht zu wenden oder den Ausdruck zu ändern. Tsi'mri, hörte Duncan: das Mri-Wort für Außenseiter; und er hatte Angst.
»Haßt dich deine Rasse?« fragte Melein. »Warum bist du an Bord allein, Kel Duncan?«
»Um mich um euch – und die Maschinen zu kümmern. Jemand muß es tun. She'pan, von dem, von diesem Gegenstand, haben Wissenschaftler unsere Leitbänder angefertigt. Wir sind an sie gebunden, und es gibt nichts, was ihr oder ich dagegen machen könnten. Ich bediene das Schiff; ich bringe euch zu eurem Ziel, worum es sich dabei auch handelt. Und wenn ich das getan habe, werde ich das Schiff nehmen und zu meinem Volk fliegen und ihm sagen, daß die Mri keinen Anteil mehr haben wollen an der Politik der Regul oder Menschen, und daß der Krieg für immer vorbei ist. Zu Ende. Deswegen bin ich an Bord.«
Ein besorgtes Stirnrunzeln verstärkte sich auf Meleins Gesicht, als sie in seine Augen starrte. »Ich kann keine Wahrheit in dir lesen«, bekannte sie, »als der Tsi'mri, der du bist. Und deine Augen blicken nicht rein.«
»Medikamente«, sagte Niun leise, das erste Wort, das er ohne Aufforderung sprach. »Sie benutzen sie bei Transitionen.«
Die Mri hatten keine, lehnten Medikamente ab, selbst das: Niuns sie erlangte erniedrigende Kraft, und Duncan spürte den Stich dadurch, empfand im selben Augenblick dessen Gefahr. Zum erstenmal geriet er in Panik; die Dusei fuhren alarmiert auf, und Niun wies sie zurecht, beruhigte sie mit den Händen.
»Du weißt nicht«, sagte Melein daraufhin, »was deine Vorgesetzten mit dir gemacht haben, Kel Duncan. Wieviel Zeit lassen sie dir bis zur Rückkehr?«
»Ich weiß nicht«, sagte er.
»Es ist eine so lange Reise. Du solltest nicht hier sein. Du hättest das nicht tun sollen, Kel Duncan.«
»Es ist ein langer Weg zurück, She'pan. Wir sind gesprungen.«
»Dies ist jetzt ein Mri-Schiff. Und wohin wir gehen, dorthin kann kein Tsi'mri gehen.«
Die Dusei regten sich, standen auf. Duncan machte Anstalten, sich zu erheben, aber Niun packte ihn am Handgelenk, ein kraftloser Druck, eine Warnung ohne Drohung. »Nein«, sagte Niun. Die Augen über dem Schleier blickten jetzt nicht mehr streng. »Nein. Sei ruhig, Duncan!«
Die Dusei hatten sich in eine Aussparung links von Melein zurückgezogen und gaben Warnrufe von sich, kleine stoßartige Atemzüge. Die kleinen Augen glitzerten gefährlich, aber nach einem Moment beruhigten sie sich, setzten sich, beobachteten immer noch.
Und Niun sprach zu Melein, ruhig, in seiner eigenen Sprache, erhielt eine Antwort und redete drängend weiter, als ob er Bitten vorbrachte, die ihrer Meinung zuwiderliefen. Duncan lauschte angespannt, konnte aber nur die Wörter Mri, Kesrith und Tsi'mri auffangen – Tsi'mri: wie Mri einfach das Volk bedeutete, so war das Wort für jede andere Rasse Nicht-Volk. So war ihr Denken beschaffen; es war ihm seit langem vertraut. Man konnte nicht dagegen argumentieren.
Schließlich, mit ein paar Worten, stand Melein auf, verschleierte das Gesicht und wandte sich ab, wandte ihnen bedachtsam den Rücken zu.
Es war eine frostige Geste. Duncan rappelte sich besorgt auf; und auch Niun erhob sich, stützte sich am Sessel ab, stand zwischen Duncan und den Dusei.
»Sie hat gesagt«, berichtete Niun, »daß ich keinem Fremden mehr erlauben darf, vor ihr Angesicht zu treten. Du bist ein Kel'en: ich werde gegen dich kämpfen, sobald ich kann, oder du magst bei uns bleiben und als Mri leben. Du kannst wählen.«
Er starrte Niun hilflos an, sah selbst ihn durch die Wirkung der Droge nur wie von ferne. »Ich habe nicht meinen Nacken aufs Spiel gesetzt, um euch freizubekommen, nur um dann einen von euch zu töten. Nein.«
»Du würdest mich nicht töten«, meinte Niun.
Das brachte ihn aus dem Gleichgewicht. »Ich bin nicht euer Feind«, protestierte er.
»Willst du in den Dienst der She'pan treten?«
»Ja.«
Er sagte es rasch; es war die einzig vernünftige Antwort. Wenn die Lage sich beruhigt hatte, irgendwann später, würde der Augenblick gekommen sein, vernünftig mit ihnen zu reden, ihnen zu erklären, warum er mitsamt dem Schiff freigelassen werden mußte. Es war ihr eigener Schutz, an den sie dachten.
Aber Niun blieb für einen Moment still, starrte ihn an, als ob er hinter dieser Zustimmung eine Lüge argwöhnte.
»Niun«, sagte Melein, ihnen immer noch den Rükken zuwendend; er trat zu ihr, und sie redeten leise miteinander. Dann schwieg er für einen Moment; die Dusei bewegten sich unruhig: eines stöhnte und stieß mit der Nase fordernd gegen Niuns Hand. Er liebkoste es abwesend, brachte es damit zum Schweigen, ging dann zurück auf die Seite des Raumes, wo Duncan stand.
»Kel Duncan«, sagte er, »die She'pan sagt, daß wir heimkehren. Wir kehren nach Hause zurück.«
Für einen Moment fiel es Duncan nicht ein – dann erst kam das dumpfe, ferne Begreifen. »Ihr habt Kesrith euer Heim genannt«, sagte er.
»Und Nisren. Kel-Wahrheit. Die She'pan weiß Bescheid. Duncan...« Die Augen über dem Schleier verloren ihre Teilnahmslosigkeit. »Vielleicht sind wir die letzten. Vielleicht ist nichts geblieben. Vielleicht wird es eine zu lange Reise. Aber wir machen sie. Und danach muß ich vergessen, ebenso wie du. Dies ist das Wort der She'pan, denn nichts menschliches kann auf solch einer Reise bei uns bleiben. Die She'pan sagt, daß du dem Volk ein großes Geschenk gemacht hast; und wegen dieses Dienstes magst du deinen Namen behalten, obwohl er menschlich ist, aber sonst nichts. Wir sind von der Sonne in die Dunkelheit gegangen; und in der Dunkelheit vergessen wir alles, was wir waren und sahen und wußten, und wir kehren heim zu unseren Vorfahren. Das ist, wozu du dich gesellt hast, Duncan. Wenn du jemals auf der Heimatwelt des Volkes stehst, wirst du Mri sein. Ist das begriffen? Ist es das, was du willst?«
Ein Dus drängte sich an sie, warm und mit drängenden Emotionen. Duncan fühlte eine Taubheit, spürte beinahe Niuns Furcht. Vergewaltigung der Persönlichkeit, der Selbstkontrolle: er wich zurück und das Dus scheute, kehrte dann beharrlich in seine Nähe zurück. Die Dusei konnte man nicht anlügen; die Mri letztendlich ebenfalls nicht. Eines Tages würden sie erfahren, was Menschen ihnen hatten zufügen wollen, was er zu ihrer Heimatwelt geführt hatte; ein zweites, tödlicheres Geschenk. Es war eine Ironie, daß sie ihn fragten, ob er es mit ihnen teilen wollte.
»Das ist, was ich will«, sagte er, denn er sah keine andere Wahl.
Niun runzelte die Stirn. »Ein Mri«, sagte er, »hätte nicht die Wahl treffen können, die du getroffen hast.«
Der Abstand, den ihm die Droge verlieh, schwand, überließ ihn der kalten Wirklichkeit. Er hörte, was Niun sagte, und es drehte sich, Vorahnungen wekkend, in seinem Bewußtsein. Er betrachtete Meleins Rücken, fragte sich, ob sie sich jetzt dazu herablassen würde, ihn zur Kenntnis zu nehmen, da er sich all ihren Bedingungen unterworfen hatte.
»Komm!« sagte Niun und wies auf die Tür. »Du hast das Schiff aufgegeben. Du gehörst hier jetzt nicht mehr hin.«
»Sie kann nicht damit umgehen«, protestierte er, dachte mit Bestürzung an Melein, die, wüstengeboren und regul-trainiert, ihre Hand an menschengemachte Maschinen legte.
Niuns ganzer Körper versteifte sich; das Stirnrunzeln kehrte zurück. »Komm!« wiederholte er. »Vergiß als erstes, wie man fragt! Du bist nur ein Kel'en.«
Es war Wahnsinn. Es war für den Moment unumgänglich. Meleins Unwissenheit konnte sie alle töten, aber sie war sicherlich vernünftig genug, von Unbesonnenheit Abstand zu nehmen. Das Schiff konnte von allein fliegen. Dies war eine weniger unmittelbare Gefahr als ein Streit mit Niun.
Hier waren die Dusei.
Hier war die schlichte Tatsache, daß er, wenn er den Mri besiegte, ihn auch töten mußte. Und er hatte nicht mit Stavros' Befehlen gebrochen, sich von Kesrith abgeschnitten, um den Job der Regul für die anderen zu Ende zu bringen. Mit der Zeit konnte er die Mri gut genug kennenlernen, um vernünftig mit ihnen zu reden, wo immer sie waren, auf einer Mri Welt oder einer der Regul.
Er fügte sich und verließ das Kontrollzentrum zusammen mit Niun, die Dusei hinter ihnen. Die Tür ging hinter ihnen zu, wurde versiegelt. Er hörte, wie das Schloß einschnappte.