9
Zwei Kriegsschiffe, sechs Reiter-Fahrzeuge.
Bai Hulagh Alagn-ni beobachtete mit Befriedigung den Unterschied, den Macht im Verhalten des Menschenvolkes spielte. Sie warteten auf den Frontstufen des Nom, zwei Handvoll Menschenjunglinge, um die Karawane vom Shuttle-Landeplatz in Empfang zu nehmen; und eine Anzahl Regul-Junglinge, die vier glänzende Silberschlitten brachten. Hulagh gab seinem Fahrer eine kurze Anweisung, dort zu den Regul hinaufzufahren: einige der neuen Leute weiter hinten in der Karawane waren noch scheu vor Menschen, und trotz seines Ranges und der zu erwartenden Unbequemlichkeit hatte Hulagh vor, vor ihnen auszusteigen und sich um die anderen zu kümmern. Er selbst hatte keine Angst vor Menschen und war darauf bedacht, daß sich keiner der anderen Alagn vor ihnen entwürdigte.
Das Fahrzeug hielt ohne Ruck an. Die Luke ging auf und ließ die vertraute, ätzende Luft von Kesrith herein: Hulagh schnaubte vor Widerwillen, als sie in seiner Nase brannte – aber sie enthielt jetzt nichtsdestotrotz einen gewissen Geschmack.
Er kümmerte sich nicht um die Menschen, die ihn neugierig beguckten; einige streckten versuchsweise Hände aus, um ihm zu helfen. Sein Fahrer, Suth Horag-gi, drängte sie zur Seite, und mit gekonnter und wirksamer Organisation brachte er den Schlitten in Position. Sehr vorsichtig hob Suth Hulaghs großes Gewicht auf seine verkümmerten Beine und schnell wieder hinab in den hausinternen Schlitten – eine Sanftheit und Freundlichkeit, die Hulagh inzwischen hoch schätzte. Er war mehr und mehr dazu gekommen, diesen Jungling des winzigen Doch Horag hochzuschätzen; sein Betragen während der schwierigen Tage auf der Station war fehlerlos gewesen. Natürlich brachte er dies nicht gegenüber Suth zum Ausdruck: das würde den Jungling, den er für größere Verantwortung auszubilden gedachte, nur verderben.
Diener nicht nur des ersten Ältesten von Alagn, sondern des ersten Ältesten des ersten Doch unter den ersten dreien der Regul: Suth kannte das kommende Glück noch nicht. Hulagh lächelte vor sich hin, eine Geste, die die Menschen kaum erkennen würden, ein Straffen der Muskulatur der unteren Augenlider, eine Entspannung der Nasenlöcher trotz der beißenden Luft.
Sein langes, vorsichtiges Manövrieren hatte Erfolg gehabt.
Acht Schiffe waren gekommen, ein Viertel der Stärke von Doch Alagn, und andere warteten noch. Sie waren gekommen, um das Schicksal ihres Ältesten herauszufinden, auf Kesrith zwischen Menschen und Mri aufgehalten und lange überfällig. Die Menschen hatten offensichtlich nicht erwartet, daß Alagn mit solcher Stärke reagierte – als ob Alagn vernünftigerweise etwas anderes hätte tun können. Stavros hatte offenkundig darin versagt, zu erkennen, wie sehr Alagn hier gebunden war durch die Anwesenheit eines Schiffprototyps, den die Hohe Versammlung der Regul Docha ihnen anvertraut hatte – verloren jetzt, verzogenes Metall auf einem zerstörten Hafen. Plötzlich aufschießende Furcht störte Hulaghs Befriedigung – aber diese ängstlichen Menschen boten die Mittel, den Verlust zu decken und ihm zum Trotz die Position Alagns zu verbessern.
Die Gesichter dieser menschlichen Junglinge, die Haltung der Menschen auf der Station, die Gespräche mit Stavros, all das zeigte eindeutig, daß die Menschen nicht kämpfen wollten. Hulagh hatte bereits seit langem daran geglaubt und spendete der Vernunft der Menschen natürlich Beifall. Auf Kesrith waren Älteste verpflichtet, menschliche und jetzt drei weitere der Regul, geringere Älteste und Alagn, in dem Teil der Karawane, der jetzt auszusteigen begann. Kämpfen ergab keinen Sinn. Hulagh stellte diese Haltung ernsthaft zur Schau, indem er die Ältesten des eigenen Doch herkommen ließ und glaubte, daß es sicher war. Die Menschen hätten bei Auftauchen der Kriegsschiffe den Kampf eröffnen können, beim ersten Anzeichen davon, daß es Reiter-Träger waren; aber stattdessen hatten sich die Menschen zum Gespräch entschlossen, trotz der Tatsache, daß sie hätten gewinnen können: Menschen waren wilde Kämpfer, was dadurch belegt wurde, daß sie sich mit den Mri hatten messen können – mit dem Vorteil der größeren Zahl sicherlich, aber Regul hätten den Mri nicht widerstehen können, und Hulagh gestand dies insgeheim ein. Nein, die Menschen wollten keinen weiteren Konflikt. Nach jenen ersten ängstlichen Tagen hatte Hulagh angefangen, Bai Stavros ehrlich zu vertrauen, der bekannte, daß die Menschen den Frieden nicht nur einhalten, sondern sogar ausweiten wollten.
Diese Wahrheit enthielt sicherlich tiefere Wahrheiten des Vorteils für Stavros und seine privaten Interessen: Stavros, mit einer Weisheit, die die Regul respektieren, vielleicht sogar lieben konnten, verpflichtete sich nicht gegenüber einem Verbündeten, sondern verfolgte mannigfaltige Beziehungen und untersuchte sie auf ihre Vorteile.
Da gab es beachtenswerterweise die Frage der Mri, die Stavros immer noch interessant fand und der er vermittels des angeblich wahnsinnigen Junglings Duncan nachging. Schon der Gedanke ließ Hulaghs Haut sich zusammenziehen. Wahnsinnig vielleicht, aber wenn der Jungling derartig fehlerhaft war, dann war es verrückt von Stavros, ihn wiedereinzusetzen. Und Hulagh glaubte nicht, daß Stavros verrückt war.
Eine Sonde hatte das System verlassen; das größte der menschlichen Kriegsschiffe hatte sie bis zum Rand des Systems eskortiert und war nach einem wütenden, codierten Funkwechsel mit der Sonde und dann mit Stavros zurückgekehrt. Hulagh bedauerte sehr, daß weder er noch seine Gehilfen diesen Austausch verstehen konnten, nach dem das Kriegsschiff und sein Reiter brav zur Station zurückgekommen waren, während das Schiff HANNIBAL die Regul Fahrzeuge bei ihrer Annäherung eskortierte.
Das Schiff mit den Mri an Bord hatte Kesrith verlassen, unmittelbar nachdem Stavros informiert worden war, daß Regul-Schiffe anflogen. Nach einer Besprechung mit Stavros war Duncan mitsamt seiner Habe auf dieses Schiff geschickt worden, mit allem, was von seinem Besitz nach der ursprünglichen Überführung übriggeblieben war. Ein Daueraufenthalt also, die letzte Spur seines Aufenthaltes aus dem Nom entfernt, obwohl er eigentlich auf dem Schiff gewohnt hatte. Als die Anwesenheit von Regul im System bekanntgegeben worden war, hatte die Sonde die Station verlassen: das hatte Hulagh von seinen Mit-Ältesten erfahren.
Duncan, der sich vermutlich auf der Station befand, war nicht verfügbar, auch nicht auf Hulaghs drängendste Nachfragen nach dem Jungling, und die Menschen waren ausweichend.
Duncans Verrücktheit kreiste um die Mri, die sich vermutlich ebenso auf der Station aufhielten.
Es war ein Spiel nach Regul-Art. Hulaghs Herzen arbeiteten schwer, wann immer er an die Mri dachte; zweifellos wußten die Menschen von seiner Angst. Blieb nur herauszufinden, welcherart der Handel war, den Stavros mit Alagn abzuschließen wünschte, denn den Menschen war es sicherlich ebenso klar, daß er jetzt über den Rückhalt verfügte, mit dem verhandelt werden mußte. Hulagh vertraute den Menschen, wie er den Mri nie hatte vertrauen können. Er traute einem Menschen wie Stavros sogar sehr, der mit Profit rechnete, wie es die Regul taten – was Macht anging, Gebiete, Ressourcen an Metall und Biostoffen, und den Schutz dessen, was ihm gehörte. Personen wie Stavros fand Hulagh in beruhigender Nähe seiner eigenen Geistesart; und deshalb war er auf eine frühzeitig angesetzte Konferenz aus.
Der letzte der Ältesten stieg aus. Hulagh drehte gemächlich seinen Schlitten herum, erwartete sie, verbrachte einen Zeitraum in der ätzenden Luft, für den er den ganzen Tag lang mit einer trockenen Kehle und stechenden Atemwegen würde bezahlen müssen.
Drei Älteste mit ihren Dienstjunglingen: Sharn, Karag und Hurn, letzterer männlich; Sharn, weiblich, Viertälteste des Doch; Karag, ein kürzlich gereifter Mann, der zu der Instabilität neigte, die die Reifung für junge Erwachsene bereithielt. Karag war Sharns Protegé und wahrscheinlich momentaner Gefährte, hatte immer noch die glatte Haut eines Junglings und noch nicht die Körpermasse von Sharn oder Hurn erlangt, sicherlich nicht Hulaghs gedeihliche Würde, aber er schätzte bereits den Gebrauch eines Schlittens – den letzten, den die Dienstjunglinge bereithielten. Hulagh sah geduldig zu, wie die Junglinge viel Aufhebens um die drei Erwachsenen machten und sie durch des Gedränge von Menschen hindurchbrachten.
Hulagh war nicht mehr allein, der einzige Älteste auf Kesrith, umgeben nur von Junglingen mit begrenzter Erfahrung und von fremden Docha. Sein eigenes war jetzt bei ihm. Alagn-ni, und seine Schiffe hingen ständig bemannt an der Station und waren durch ihre Nähe zu den menschlichen Fahrzeugen und zur Station dazu in der Lage, eine größere Bedrohung darzustellen, als sie es im Kampf vermochten. Die Menschen hatten dies zugelassen; und das war ein weiterer Grund, der Hulagh Vertrauen in den Frieden vermittelte. Er lächelte vor sich hin, drehte sich um und fuhr mit dem Schlitten die leichte Schrä- ge hinauf; Suth ging neben ihm, die Menschen machten Platz, um ihn hindurchzulassen. Er erreichte die warme, gefilterte Atmosphäre des Nom an der Spitze eines Zuges, der die hiesigen Junglinge, die danebenstanden und zuschauten, mit Ehrfurcht erfüllte und seinem lange geschädigten Stolz Genugtuung verschaffte.
»Stavros«, hörte er, wie ein Menschenjungling, indem er das Regul-Protokoll beachtete, Suth informierte, »wird den Bai wie gewünscht sofort empfangen.«
»Zur Verehrung Bai Stavros«, intonierte Hulagh, als Suth sich ihm feierlich zuwandte. »Sofort.«
* * *
Das Zusammentreffen fand nicht, wie es bei allen vorangegangenen Anlässen der Fall gewesen war, in Stavros' kleinem Büro statt, sondern in der offiziellen Konferenzhalle; und Stavros hatte sich mit uniformierten Junglingen und vielen unbewegten Gesichtern umgeben, die bei Menschen von einer stacheligen, wenn nicht feindseligen Stimmung zeugten. Hulagh blickte, jetzt mit seinen drei Ältesten und seiner Begleitung an Alagn-Junglingen im Rücken, um sich und lächelte auf Menschenart, war weit davon entfernt, sich an dem neuen Machtgleichgewicht zu stören, das den Menschen zweifellos Sorgen bereitete.
»Können wir«, schlug Hulagh sofort vor, bevor die Sitzordnung kompliziert werden konnte, »auf überflüssige Junglinge verzichten und direkt miteinander sprechen, Verehrung?«
Stavros wandte seinen Schlitten und gab Anweisungen: die Menschenjunglinge sortierten sich nach Rang, und einige gingen. Hulagh behielt Suth zurück und jeder der Alagn-Ältesten einen persönlichen Diener, während die vier Menschen, die sich selbst als erwachsen einschätzten, auf Stühlen und Stavros' Schlitten verteilten. Hulagh starrte einen von ihnen neugierig an, der keine Spur von Grau zeigte – diese Färbung hatte er für einen Hinweis auf den Reifezustand von Menschen gehalten, da andere Farbgebungen keinerlei Bezug dieser Art zu enthalten schienen. Er konnte den Verdacht nicht ganz unterdrücken, daß Stavros gegen das Protokoll verstieß, indem er diesen einen im inneren Kreis sitzen ließ, aber in seiner freimütigen Stimmung verzichtete er darauf, sich zu beschweren. Es konnte ja ein Ältester sein: Hulagh hatte niemals genau herausgefunden, was bei diesen Wesen das Alter bestimmte, die schon im Kindesalter geschlechtsreif wurden und deren Erscheinungsbild auf ihrem Weg zur Reife und danach chaotischen Veränderungen unterlag. Er sah Fragen von seinen Ältesten voraus und kannte zu seiner Verlegenheit die Antworten nicht.
Die Junglinge servierten endlos Soi. Das war erforderlich, denn die Reise hatte allen Energie abverlangt. Dann kamen die Vorstellungen: Hulagh nahm die Namen und Posten der sogenannten älteren Menschen in sich auf und antwortete mit den Namen seiner eigenen Ältesten, die durch den raschen Fluß fremdartiger Eindrücke und durch die Erschöpfung immer noch verwirrt zu sein schienen. Aber bei den Vorstellungen fand Hulagh Grund für einen Einwand und ließ mit einem ungeduldigen Seufzen seine Nasenlöcher beben. »Bai Stavros«, sagte er, »gibt es keinen Vertreter des Bai der Station?«
»Das ist unnötig«, sagte Stavros, wobei er den Kommunikationsschirm seines Schlittens benutzte, denn Hulagh hatte ihn in der Regul-Sprache angesprochen, und sie benutzte Stavros auch zur Antwort. »Die Politik wird hier bestimmt. Dort draußen wird sie ausgeführt. Bai Hulagh, wenn Ihre Ältesten sie fließend sprechen, können wir dann die menschliche Sprache verwenden?«
Das war charakteristisch für die Menschen, deren Erlerntes nicht in ihren Personen ruhte, sondern in schriftlichen Aufzeichnungen, daß selbst eine beträchtliche Zeitspanne auf Kesrith ihnen keine fließende Beherrschung der Regul-Sprache ermöglicht hatte. Sie vergaßen. Es hatte Hulagh amüsiert, daß Zusammentreffen oft auf Band gespeichert worden waren, damit die Menschen nicht vergaßen, was sie gesagt hatten und was man ihnen berichtet hatte. Zweifellos wurde auch dieses aufgezeichnet. In anderer Hinsicht amüsierte es ihn in keinster Weise, sich zu überlegen, daß jede Versprechung und jede Aussage eines dieser Geschöpfe auf einem solch armseligen Gedächtnis beruhte. Die Unwahrheit zu sagen, war für einen Regul etwas Schreckliches, denn was einmal gesagt worden war, konnte nicht wieder vergessen werden; aber zweifellos konnten Menschen alles vergessen, was sie wollten, und manchmal sogar die Tatsachen.
»Meine Ältesten sind noch nicht fließend«, sagte Hulagh und vermied jede Spur von Humor auf seinem Gesicht, als er hinzufügte: »Es wird lehrreich für sie sein, wenn Sie die Menschensprache benutzen. Ich werde für simultane Übersetzung aus meinen Schirm sorgen.«
»Sehr gut«, sagte Stavros laut. »Ein Vergnügen, Ihre Ältesten persönlich willkommen zu heißen.«
»Wir sind erfreut, willkommen zu sein.« Hulagh setzte seine leere Tasse ab, lehnte sich in die Polsterung zurück, stellte die Tastatur ein, um zu tun, was er Stavros versprochen hatte. »Und wir sind erfreut darüber, daß unsere menschlichen Freunde bereit sind, ihre Geschäfte zu unterbrechen, um diese höfliche Begrüßung durchzuführen. Aber wahre Absicht wird durch viel Formalität verhüllt. Wir sind keine streitenden Docha, was gesagt werden muß. Sie haben nicht angegriffen; wir haben nicht angegriffen. Wir sind erfreut über die Lage.«
Diese Direktheit schien die teilnehmenden Menschen zu stören. Stavros selbst lächelte, ein straffes, wachsames Lächeln. »Gut«, sagte er. »Wir versichern Ihnen erneut, daß wir sehr erfreut sind über die Aussicht, umfassenderer Verhandlungen mit Doch Alagn und der ganzen Regulrasse.«
»Wir wünschen ein solches Übereinkommen ebenso. Die Mri jedoch, sie bleiben ein Element der Unruhe.«
»Das muß nicht sein.«
»Weil sie nicht mehr auf Kesrith sind?«
Stavros hob die Brauen. Vielleicht ein Lächeln; Hulagh beobachtete die Reaktion sorgfältig und entschied anders. »Wir arbeiten daran«, sagte Stavros vorsichtig, »den Regul versichern zu können, daß von den Mri keine mögliche Gefahr mehr ausgeht.«
»Ich habe mich nach dem Jungling Duncan erkundet«, sagte Hulagh. »Er ist nicht verfügbar. Die Mri sind nicht mehr auf Kesrith. Ein Schiff ist abgeflogen. All diese Umstände – die vielleicht keine Beziehungen untereinander haben – scheinen eine immer noch schmerzliche Bedeutung zu erlangen.«
Es gab eine lange Pause. Stavros' Mund arbeitete und schuf einen Ausdruck, den Hulagh ebensowenig lesen konnte wie den vorherigen: Betroffenheit vielleicht, oder Mißvergnügen.
»Wir sind dabei«, sagte Stavros endlich, »die Verbreitung der Mri zu erforschen. Wir haben zur Sache gehörige Aufzeichnungen gefunden. Bai Hulagh, der Umfang der Aufzeichnungen ist außerordentlich beunruhigend.«
Hulagh sog Luft ein, hielt den Atem für einen Moment an. Er kannte Stavros wirklich gut genug, um sich auf das zu verlassen, was er sagte.
»Ein Teil davon«, sagte Stavros, »kann im Regul Raum liegen, aber nur ein Teil.«
»Verlassene Welten«, sagte Hulagh. In seiner Bestürzung hatte er nicht übersetzt. Er holte seine Auslassung; nach und erkannte Schrecken auf den Gesichtern der anderen Ältesten. »Nisren, Guragen – aber es trifft zu, daß sie sich weithin ausgedehnt haben. Ein Mri-Bericht, nicht wahr?«
»Sie schreiben in der Tat«, sagte Stavros.
»Ja«, sagte Hulagh. »Keine Literatur, keine Kunst, keine Wissenschaft, kein Handel; aber ich war in dem alten Edun – dort, auf den Hängen. Ich habe selbst gesehen, was vielleicht Inschriften waren. Aber ich kann sie nicht für Sie übersetzen, nicht ohne weiteres.«
»Numerische Aufzeichnungen, zum großen Teil. Wir haben sie gut genug verstanden, um uns Sorgen zu machen. Wir gehen der Frage nach. Sie mag sich als von großer Bedeutung für alle Regul herausstellen. Wir sind betroffen über den Umfang dessen, was diese Unterlagen uns vielleicht zeigen. Und über mögliche Überlappungen unserer Nachforschungen mit Regul-Gebiet. Eindringung in Randbereiche. Nicht lästig für Alagn, aber vielleicht für andere...«
»Holn.«
»Ja«, sagte Stavros. »Wir machen uns Sorgen über den Kurs dieser Sonde. Es mußte jedoch getan werden.«
Der Atem ließ Hulaghs Nasenlöcher flattern; die Herzen schlugen in einem besorgniserregenden Rhythmus. Er war sich der erschreckten Blicke seiner Ältesten, die auf ihm ruhten, überdeutlich bewußt. Sie verließen sich auf seine Erfahrung, denn sie selbst hatten keine. Er wurde sich quälend dessen bewußt, daß er mit einer Sache konfrontiert war, die Auswirkungen bis nach Mab haben würde. Und es gab keine Möglichkeit, sie zu verzögern oder sich zu beraten.
Alagn hatte die Macht, für die Docha zu sprechen, hatte dies bereits zuvor in den Verhandlungen mit den Menschen gemacht. Hulagh sammelte sich, verlangte nach mehr Soi, und in gleicher Weise erfrischten sich die anderen Ältesten. Tief in Gedanken nippte er an seinem Getränk, setzte ab, um Sharn, deren Rat willkommen war, sogar sachkundig, einen Blick zuzuwerfen. Sharn erwiderte mit einem Blick, der Verständnis für Hulaghs Betroffenheit enthielt und ihm zustimmte. Er freute sich darüber. Die anderen Ältesten sahen einfach verwirrt aus, und Karag schaffte es nicht, seine Beunruhigung zu verbergen.
»Bai Stavros«, sagte Hulagh schließlich und unterbrach damit eine ruhige Besprechung der Menschen untereinander, »Ihr... Eindringen könnte sich, was die Beziehungen zu den Docha angeht, als gefährlich erweisen. Jedoch könnte mit Unterstützung Alagns eine solche Expedition von hier aus genehmigt werden. Die von Ihnen erwähnten Aufzeichnungen, so verstehe ich, gehen in ihrem Umfang über Regul-Gebiet hinaus.«
»Unsere Kenntnis über Ihre Ausdehnung inbestimmten Bereichen ist nur vage, aber wir glauben es.«
»Sicherlich haben wir in dieser Sache ähnliche Interessen. Wir sind keine kriegerische Rasse. Sicherlich haben Sie das bei Entsendung dieser Sonde in Rechnung gestellt, und vielleicht wäre ihr das große Kriegsschiff gefolgt. Sicherlich...« Plötzlich kam Hulagh ein Gedanke: seine Nasenlöcher entspannten sich vor Verwunderung. »Sie haben diese Sonde als eine Ausrede vorgesehen. Sie haben sie mit Bedacht vorausfliegen lassen, um das Recht der Verfolgung zu beanspruchen, um sich selbst zu entschuldigen – Mri Rebellenschiff. Habe ich recht?«
Stavros gab keine Antwort, sondern blickte ihn nur argwöhnisch an. Die Gesichter der anderen waren undeutbar.
»Und doch haben Sie die Kriegsschiffe zurückgehalten«, sagte Hulagh. Seine Herzen nahmen einen unharmonischen Rhythmus an. »Für unsere Verhandlungen, Bai Stavros?«
»Es schien nützlich zu sein.«
»In der Tat. Hüten Sie sich vor einem Fehlurteil, Verehrung Bai Stavros. Ein Regul im Heimatterritorium unterscheidet sich sehr von einem Regul ferner Kolonien. Wenn das Überleben eines Doch auf dem Spiel steht, wird eine harte Haltung eingenommen.«
»Wir wünschen keinen Zwischenfall. Aber wir können auch nicht die Möglichkeiten, die in jenen Aufzeichnungen enthalten sind, unerforscht lassen. Eine Mri-Zuflucht bei Holn ist nur eine solche Möglichkeit.«
»Wir haben ähnliche Interessen«, sagte Hulagh ruhig. »Ich werde den Durchflug dieses Kriegsschiffes sanktionieren – in einer gemeinsamen Mission bei Austausch aller Daten.«
»Ein Bündnis.«
»Ein Bündnis«, sagte Hulagh, »zu unserer beider Schutz.«