3
AMATIS
Am späten Nachmittag hatten Luke und Clary den See weit hinter sich gelassen und hasteten durch eine scheinbar endlose, mit hohem Gras bewachsene Ebene. In regelmäßigen Abständen erhoben sich aus den Wiesenflächen steile Hügel mit schwarzen Felsen und Clary war vom stundenlangen Auf- und Abklettern inzwischen sichtlich erschöpft. Sie rutschte mit ihren Schuhen auf dem feuchten Gras ständig aus, als wäre es eine schmierige Marmorfläche, und als sie endlich einen schmalen Feldweg erreichten, bluteten ihre mit Grasflecken übersäten Hände aus mehreren Wunden.
Luke marschierte entschlossenen Schrittes vor ihr her, deutete gelegentlich auf irgendeine Sehenswürdigkeit und fügte mit düsterer Stimme ein paar kurze Erläuterungen hinzu, als sei er der deprimierteste Reiseleiter der Welt. »Wir haben gerade die Brocelind-Ebene durchquert«, sagte er, als sie wieder einmal auf einem Hügel standen und in westlicher Richtung ein dunkles Dickicht hoher Bäume sahen, hinter denen die Sonne bereits tief über dem Horizont stand. »Das ist der Wald. Früher waren die Tiefebenen des Landes fast vollständig von Wäldern bedeckt, doch große Teile wurden gerodet, um Platz für die Stadt zu schaffen - und um die Wolfsrudel und Vampirnester zu vertreiben, die sich dort angesiedelt hatten. Der Brocelind-Wald war schon immer ein Zufluchtsort für Schattenweltler.«
Schweigend folgten Luke und Clary der Schotterstraße, die mehrere Kilometer parallel zum Waldrand verlief und dann eine scharfe Kurve machte. Die Bäume schienen schlagartig zu verschwinden, als ein Gebirgsgrat über ihnen aufragte. Nachdem sie um den Felsvorsprung eines steilen Hügels gebogen waren, musste Clary erstaunt blinzeln: Wenn ihre Augen sie nicht täuschten, lagen dort unten Häuser. Kleine weiße Häuser, ordentlich aufgereiht wie in einem Märchendorf. »Wir sind da!«, rief sie und stürmte los. Erst als ihr auffiel, dass Luke nicht länger an ihrer Seite war, hielt sie inne.
Clary drehte sich um und sah, dass er in der Mitte der staubigen Straße stand und den Kopf schüttelte. »Nein«, sagte er, während er sich in Bewegung setzte, um zu ihr aufzuschließen. »Das ist nicht Alicante.«
»Dann ist es eine andere Stadt? Du hast doch gesagt, es gäbe hier in der Nähe keine Ortschaften …«
»Das ist ein Friedhof - Alicantes Stadt der Gebeine. Oder hast du geglaubt, die Stille Stadt in New York wäre unsere einzige Ruhestätte?« Lukes Ton klang traurig. »Dies ist die Totenstadt, in der all diejenigen beigesetzt werden, die in Idris sterben. Aber das wirst du gleich sehen. Wir müssen nämlich durch die Nekropole hindurch, um nach Alicante zu kommen.«
Seit jener Nacht, in der Simon gestorben war, hatte Clary keinen Friedhof mehr betreten und die Erinnerung daran jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken, während sie die schmalen Wege passierten, die sich wie weiße Bänder zwischen den Mausoleen hindurchwanden. Irgendjemand kümmerte sich hingebungsvoll um die Grabstätten: Der Marmor glänzte wie frisch poliert und der Rasen war sorgfältig geschnitten. Auf manchen Grabplatten lagen weiße Blumen, die Clary zunächst für Lilien hielt. Doch sie verströmten einen würzigen, unbekannten Duft, der in ihr die Frage weckte, ob es sich vielleicht um Pflanzen handelte, die nur in Idris wuchsen. Jedes der Mausoleen wirkte wie ein gedrungenes Haus; manche besaßen kleine Metall- oder Gittertore und über den Eingängen waren die Namen der Schattenjägerfamilien in den Marmor gemeißelt. CARTWRICHT. MERRYWEATHER. HIGH-TOWER. BLACKWELL. MIDWINTER. Vor einer Grabstätte blieb Clary stehen: HERONDALE.
Langsam drehte sie sich zu Luke um. »Das war der Name der Inquisitorin.«
»Stimmt. Das hier ist die Gruft ihrer Familie. Sieh mal.« Er zeigte auf die weißen Buchstaben, die neben der Tür in das graue Gestein gemeißelt waren: MARCUS HERONDALE. STEPHEN HERONDALE. Beide waren im selben Jahr gestorben. Clary spürte einen Stich, einen Anflug von Mitleid, den sie nicht unterdrücken konnte, sosehr sie die Inquisitorin auch gehasst haben mochte - den Ehemann und den Sohn zu verlieren und dann auch noch so kurz hintereinander… Unter Stephens Name standen drei lateinische Worte: AVE ATQUE VALE.
»Was bedeutet diese Inschrift?«, fragte Clary und wandte sich erneut Luke zu.
»Sie bedeutet >Sei gegrüßt und leb wohl!<. Es sind die Schlussworte aus einem Gedicht von Catull. Irgendwann haben sie sich als Abschiedsgruß der Nephilim bei Begräbnissen oder im Schlachtengetümmel eingebürgert. Aber jetzt komm weiter - mit solchen Dingen sollte man sich nicht zu intensiv beschäftigen, Clary.« Luke nahm sie an den Schultern und schob sie sanft von dem Mausoleum fort.
Vielleicht hat er recht, dachte Clary. Vielleicht war es wirklich besser, sich in diesem Moment nicht zu sehr mit den Gedanken an den Tod zu beschäftigen. Mit gesenkten Augen folgte sie Luke durch die Nekropole, doch als sie schon vor dem Eisentor am anderen Ende standen, fiel ihr Blick auf eine kleine Grabstätte, die wie ein weißer Pilz im Schatten einer dicht belaubten Eiche aufragte. Der Name über der Tür sprang ihr entgegen, als wären die Buchstaben in Neonfarben gemalt worden.
FAIRCHILD.
»Clary …«Luke streckte den Arm nach ihr aus, aber sie steuerte bereits darauf zu. Seufzend folgte er ihr in den Schatten des Baums, wo Clary wie angewurzelt stehen blieb und die Namen ihrer Großeltern und Urgroßeltern las, von deren Existenz sie nicht einmal geahnt hatte. ALOYSIUS FAIRCHILD. ADELE FAIRCHILD, GEB. NICHTSHADE. GRANVILLE FAIRCHILD. Und unter all diesen Namen: JOCELYN MORGENSTERN, GEB. FAIRCHILD. Eine eisige Woge erfasste Clary. Der Anblick des Namens ihrer Mutter brachte schlagartig die Erinnerung an ihre schlimmsten Albträume hoch, in denen sie am Grab ihrer Mom stand und niemand ihr sagen wollte, was geschehen oder woran sie gestorben war.
»Aber sie ist doch gar nicht tot«, protestierte Clary und schaute zu Luke auf. »Sie ist nicht tot…«
»Das hat der Rat nicht gewusst«, erklärte Luke sanft.
Clary schnappte nach Luft. Plötzlich konnte sie Lukes Stimme nicht mehr hören und ihn auch nicht mehr erkennen. Stattdessen sah sie eine zerklüftete Hügellandschaft, aus der grauweiße Gräber aufragten wie abgebrochene Knochen. Ein schwarzer Grabstein tauchte drohend vor ihr auf. Unregelmäßige Buchstaben waren in die düstere Vorderseite gemeißelt: CLARISSA MORGENSTERN, geb. 1991, gest. 2007. Unter den Worten befand sich die ungelenke Kinderzeichnung eines Schädels mit gähnend schwarzen Augenhöhlen. Clary stieß einen Schrei aus und wich taumelnd zurück.
Luke fing sie auf und hielt sie an den Schultern. »Clary, was ist los? Was hast du?«
Clary zeigte auf das Grab. »Da … sieh nur…« Doch das Bild hatte sich in Luft aufgelöst. Vor ihr lag eine grüne, ebene Grasfläche, mit den weißen Mausoleen in sauber angeordneten Reihen. Clary wirbelte zu Luke herum. »Ich habe gerade meinen eigenen Grabstein gesehen«, murmelte sie. »Darauf stand, dass ich sterben würde … noch in diesem Jahr.« Sie erschauderte.
Luke zog ein bedenkliches Gesicht. »Das sind die ersten Auswirkungen des Seewassers«, sagte er. »Du beginnst zu halluzinieren. Komm, wir müssen weiter - uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«
Jace marschierte mit Simon die Treppe hinauf und durch einen kurzen Flur, von dem auf beiden Seiten mehrere Türen abgingen. Mit unvermindertem Tempo hielt er auf eine der Türen zu und stieß sie mit gestrecktem Arm auf. »Hier rein«, sagte er mit finsterer Miene und schob Simon durch den Türrahmen. Dahinter lag ein Raum, der Simon an eine Bibliothek erinnerte: lange Reihen mit hohen Bücherregalen, mehrere Sofas und Ohrensessel. »Hier dürften wir einigermaßen ungestört sein…«, fügte Jace hinzu und verstummte plötzlich, als er jemanden bemerkte.
Eine kleine Gestalt erhob sich nervös aus einem der Sessel - ein Junge mit braunen Haaren und einer Brille. Auf seinem zarten Gesicht lag ein ernster Ausdruck und er hielt ein dickes Buch in der Hand. Simon war hinreichend mit Clarys Lesegewohnheiten vertraut, um selbst aus dieser Entfernung erkennen zu können, dass es sich um einen Manga-Band handelte.
Jace runzelte die Stirn. »Tut mir leid, Max, aber wir brauchen diesen Raum. Für ein Erwachsenengespräch.«
»Aber Izzy und Alec haben mich bereits aus dem Wohnzimmer verjagt, damit sie Erwachsenengespräche führen können«, protestierte Max. »Wo soll ich denn dann hingehen?«
Jace zuckte die Achseln. »Wie war’s mit deinem Zimmer?« Dann zeigte er mit dem Daumen auf die Tür. »Tu mal was für dein Vaterland, Kleiner. Abmarsch!«
Gekränkt stakste Max zur Tür, das Buch fest an die Brust gedrückt. Sofort verspürte Simon Mitleid mit dem Jungen. Dieses Lebensalter war wirklich übel: einerseits alt genug, um wissen zu wollen, was los war, aber andererseits noch so jung, dass man ständig weggeschickt wurde. Als der Junge an ihm vorbeiging, warf er Simon einen verängstigten, argwöhnischen Blick zu. Dos ist der Vampir, sagten seine Augen.
»Komm schon.« Jace schob Simon in die Bibliothek, drückte die Tür hinter ihnen ins Schloss und verriegelte sie. Der Raum roch staubig und war dank der geschlossenen Tür nun so dunkel, dass selbst Simon kaum etwas erkennen konnte. Zügig durchquerte Jace das Zimmer und riss die Vorhänge auf der anderen Seite auf, hinter denen ein hohes Buntglasfenster zum Vorschein kam, das auf den Kanal neben dem Haus hinausging. Nur wenige Meter unter ihnen spritzte Wasser gegen das Mauerwerk und in die steinerne Brüstung war ein verwittertes Dekor aus Runen und Sternen gemeißelt.
Mit finsterer Miene wandte Jace sich nun an Simon: »Was zum Teufel hast du für ein Problem, Vampir?«
»Ich ein Problem? Du bist doch derjenige, der mich fast an den Haaren aus dem Wohnzimmer geschleift hat.«
»Weil du den anderen gerade verraten wolltest, dass Clary ihre Reisepläne keineswegs abgeblasen hatte. Und weißt du, was dann passiert wäre? Sie hätten sich mit ihr in Verbindung gesetzt und dafür gesorgt, dass sie nachkommt. Und ich hab dir doch bereits erklärt, warum das auf keinen Fall geht.«
Simon schüttelte den Kopf. »Ich versteh dich echt nicht«, sagte er. »Manchmal verhältst du dich so, als würde dir etwas an Clary liegen, und dann wiederum …«
Jace starrte ihn an. Staubpartikel tanzten in der warmen Luft und bildeten einen schimmernden Vorhang zwischen den beiden Jungen. »Dann was?«
»Du hast mit Aline geflirtet«, erklärte Simon. »Und in dem Moment sah es nicht danach aus, als würdest du auch nur einen Gedanken an Clary verschwenden.«
»Das geht dich absolut gar nichts an«, schnaubte Jace. »Außerdem ist Clary meine Schwester. Das weißt du ganz genau.«
»Ich war auch am Lichten Hof! Schon vergessen?«, erwiderte Simon. »Und ich erinnere mich sehr gut, was die Feenkönigin gesagt hat: Das Mädchen kann nur durch den Kuss erlöst werden, den sie am meisten ersehnt.«
»Keine Frage, dass du dich daran erinnerst! Dieser Moment scheint sich dir förmlich ins Gehirn gebrannt zu haben, was, Vampir?«
Simon stieß tief aus seiner Kehle ein Geräusch hervor, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er dazu fähig war. »Oh, nein, da spiel ich nicht mit. Ich werde mich nicht mit dir über Clary streiten. Das ist einfach lächerlich.« »Und warum hast du dann überhaupt damit angefangen?« »Aus einem bestimmten Grund«, sagte Simon. »Wenn du willst, dass ich lüge - nicht Clary gegenüber, aber gegenüber deinen ganzen Schattenjägerfreunden … wenn du also willst, dass ich so tue, als wäre es Clarys eigene Entscheidung gewesen, nicht nach Idris zu kommen, und wenn ich so tun soll, als wüsste ich nichts von ihren besonderen Kräften oder davon, wozu sie wirklich fähig ist, dann musst du umgekehrt auch was für mich tun.«
»Prima«, erwiderte Jace. »Und was willst du?« Simon schwieg einen Moment und schaute an Jace vorbei zu der Häuserzeile auf der anderen Seite des Kanals. Hinter den Zinnen der Dächer konnte er die glänzenden Spitzen der Dämonentürme erkennen. »Ich will, dass du dein Möglichstes tust, um Clary davon zu überzeugen, dass du nichts für sie empfindest. Und jetzt erzähl mir nicht, du wärst ihr Bruder; das weiß ich bereits. Hör auf, sie hinzuhalten, obwohl du genau weißt, dass das, was zwischen euch beiden auch immer sein mag, keine Zukunft hat. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich sie für mich selbst möchte. Ich sage das, weil ich ihr Freund bin und nicht will, dass sie verletzt wird.«
Einen langen Moment schaute Jace schweigend auf seine Hände - schlanke Hände, deren Finger und Knöchel mit alten Narben übersät waren und auf deren Rücken das feine weiße Gittermuster verblasster Runenmale prangte. Die Hände eines Kriegers, nicht die eines Jugendlichen. »Das habe ich bereits getan«, sagte er schließlich. »Ich habe ihr gesagt, dass ich von jetzt an nur noch ihr Bruder sein werde.«
»Oh.« Simon hatte damit gerechnet, dass Jace sich ihm in diesem Punkt widersetzen, mit ihm streiten würde. Dass er einfach aufgab, hatte er nicht erwartet. Ein Jace, der einfach aufgab, war etwas vollkommen Neues und Simon hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass er diesen Gefallen überhaupt von ihm verlangt hatte. Das hat Clary gar nicht erwähnt, lag es ihm auf der Zunge. Aber anderseits: Warum sollte sie auch? Wenn er es sich recht überlegte, war sie in letzter Zeit ungewöhnlich still und in sich gekehrt gewesen, sobald Jace’ Name fiel. »Okay, das wäre dann ja geregelt«, sagte er. »Aber da ist noch eine letzte Sache.«
»Ah ja?«, fragte Jace ohne großes Interesse. »Und was soll das sein?«
»Was hat Valentin gesagt, als Clary diese Rune an die Schiffswand gezeichnet hat? Es klang irgendwie nach einer fremden Sprache. Meme soundso …?«
»Mene, Mene, Tekel, Upharsin«, sagte Jace mit einem matten Lächeln. »Das kennst du nicht? Es handelt sich um einen Spruch aus der Bibel, Vampir. Aus dem alten Teil … das ist doch dein Buch der Bücher, oder?«
»Nur weil ich Jude bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich das Alte Testament auswendig kann.«
»Das ist die geisterhafte Schrift an der Wand. >Gott hat die Tage deines Königtums gezählt und ihm ein Ende bereitet! Du bist auf einer Waage gewogen und als zu leicht befunden worden!« Es ist ein Omen, ein Anzeichen eines drohenden Unheils - es bedeutet den Untergang eines Königreichs.«
»Aber was hat das mit Valentin zu tun?«
»Nicht nur mit Valentin … das hat etwas mit uns allen zu tun«, sagte Jace. »Mit dem Rat und den Gesetzen. Das, wozu Clary fähig ist, wirft alles über den Haufen, was man bisher für wahr gehalten hat. Kein Mensch kann neue Runen erschaffen oder die Sorte von Runen zeichnen, die Clary zeichnen kann. Diese Macht besitzen nur Engel. Aber da Clary offensichtlich doch dazu in der Lage ist… na ja, es sieht ganz nach einem Omen aus. Die Dinge sind im Umbruch. Die Gesetzmäßigkeiten ändern sich. Die alten Vorgehensweisen werden vielleicht nie wieder die richtigen sein. So wie der Aufstand der Engel das Ende der damaligen Welt einläutete, den Himmel teilte und die Hölle erschuf, so könnte dies das Ende der Nephilim bedeuten. Dies ist unser Krieg im Himmel, Vampir, und nur eine Seite kann siegreich daraus hervorgehen. Und mein Vater setzt alles daran, dass seine Seite gewinnt.«
Obwohl die Luft ziemlich kalt war, war es Clary in ihren feuchten Sachen unheimlich heiß. Schweiß rann ihr in Strömen übers Gesicht und tränkte den Kragen ihres Capes, während Luke sie am Arm packte und in der anbrechenden Dunkelheit eilig über die staubige Straße schob. Inzwischen konnten sie die ersten Lichter von Alicante erkennen. Die Stadt lag in einer Talmulde, durch die ein silbrig glänzender Fluss strömte - es hatte den Anschein, als würde er an einem Ende der Häuserschluchten im Erdboden verschwinden und erst auf der anderen Seite wieder auftauchen. Ein Meer sandfarbener Häuser mit roten Schieferdächern schlängelte sich in einem Labyrinth schmaler, gewundener Gassen einen steilen Hügel hinauf. Und auf dem Kamm des Hügels erhob sich ein dunkles, wuchtiges Steingemäuer, mit Säulen und Zinnen und vier glitzernden Türmen - einem in jeder Himmelsrichtung. Zwischen den anderen Häusern verteilt ragten weitere dieser hohen, dünnen, kristallartigen Türme auf, die allesamt wie Quarz schimmerten. Sie erinnerten an Glasnadeln, die den Himmel durchbohrten. Das schwindende Licht der Sonne erzeugte glitzernde Regenbögen auf ihren Oberflächen, die wie Funken eines Streichholzes aufleuchteten. Es war ein wundervoller, wenngleich auch sehr seltsamer Anblick.
Erst wenn du Alicante mit seinen Gläsernen Türmen gesehen hast, weißt du überhaupt, was eine Stadt ist.
»Was war das?«, fragte Luke, der Clarys Murmeln zufällig gehört hatte. »Was hast du gerade gesagt?«
Clary war sich nicht bewusst gewesen, dass sie laut gesprochen hatte. Verlegen wiederholte sie ihre Worte, woraufhin Luke sie überrascht ansah. »Von wem hast du das?«
»Von Hodge«, erklärte Clary. »Das hat Hodge mal zu mir gesagt.«
Luke studierte sie eingehender. »Du bist ja glühend rot im Gesicht«, bemerkte er. »Wie fühlst du dich?«
Clarys Nacken schmerzte, ihr ganzer Körper schien in Flammen zu stehen und ihr Mund war vollkommen ausgetrocknet. »Gut. Mir geht’s gut«, erwiderte sie. »Lass uns einfach weitergehen, okay?«
»Okay.« Luke deutete auf die Stadt. Am Rand, wo die Bebauung endete, konnte Clary einen Torbogen erkennen, mit zwei geschwungenen Seitenflügeln, die sich in der Mitte trafen. In seinem Schatten stand ein Schattenjäger in schwarzer Kampfmontur und hielt Wache. »Das da drüben ist das Nordtor. Hier können Schattenweltler die Stadt auf offiziellem Wege betreten - vorausgesetzt, sie haben die nötigen Dokumente. Der Zugang wird Tag und Nacht bewacht. Wenn wir also in einer geschäftlichen Angelegenheit hier wären oder eine Aufenthaltsgenehmigung besäßen, würden wir Alicante durch dieses Tor betreten.«
»Aber da sind doch überhaupt keine Mauern um die Stadt«, bemerkte Clary. »Das Ganze sieht nicht gerade nach einem wehrhaften Tor aus.«
»Die Schutzschilde sind zwar unsichtbar, aber nicht zu unterschätzen. Sie werden von den Dämonentürmen gesteuert, die diese Aufgabe seit Tausenden von Jahren wahrnehmen. Aber das wirst du gleich selbst spüren, wenn du sie passierst.« Erneut warf er einen besorgten Blick auf Clarys gerötetes Gesicht. »Bist du bereit?«
Clary nickte. Gemeinsam entfernten sie sich vom Tor und bewegten sich in östlicher Richtung um die Stadt herum, wo die Gebäude in dichten Gruppen beieinanderstanden. Mit einer Handbewegung bedeutete Luke Clary, sich leise zu verhalten, und zog sie auf eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern zu. Clary schloss die Augen, als erwartete sie, gegen eine unsichtbare Wand zu prallen, sobald sie einen Fuß in die Straßen Alicantes setzte - was jedoch nicht geschah. Stattdessen spürte sie einen plötzlichen Druck, als säße sie in einem Flugzeug, das in ein Luftloch fällt. Es knackste kurz in ihren Ohren - und dann war das Gefühl auch schon vorüber und sie stand in der Gasse zwischen den beiden Gebäuden.
Genau wie in jeder Gasse in New York - oder offenbar jeder anderen Stadt dieser Welt - stank es dort nach Katzenpisse.
Vorsichtig spähte Clary um die Ecke eines der Gebäude. Eine breitere Straße mit kleinen Geschäften und Häusern zog sich in Serpentinen den Hügel hinauf. »Weit und breit niemand zu sehen«, stellte sie überrascht fest.
Im schwindenden Licht der Abenddämmerung wirkte Luke fast grau. »Wahrscheinlich findet in der Garnison gerade eine wichtige Versammlung statt, an der alle teilnehmen. Das wäre das Einzige, was die Straßen derartig leer fegen könnte.«
»Aber das ist doch prima, oder? So kann uns niemand entdecken.«
»Es ist gut und schlecht zugleich. Die Straßen sind größtenteils verlassen, was von Vorteil ist. Aber sollte uns doch jemand begegnen, wächst auch das Risiko, dass ihm unsere Anwesenheit auffällt und er uns anspricht.«
»Hast du nicht gesagt, alle wären in der Garnison?«
Luke lächelte matt. »Das darfst du nicht so wörtlich nehmen, Clary. Ich meinte, alle erwachsenen Schattenjäger. Kinder, Jugendliche und alle anderen, die von der Sitzung ausgeschlossen sind, bleiben natürlich in ihrem Viertel.«
Jugendliche. Sofort musste Clary an Jace denken und ihr Puls machte unwillkürlich einen Sprung wie ein Rennpferd beim Start aus der Box.
Luke runzelte die Stirn, so als könnte er ihre Gedanken lesen. »Von diesem Moment an breche ich das Gesetz durch meine Anwesenheit in Alicante, da ich mich am Tor nicht angemeldet habe. Wenn irgendjemand mich erkennen sollte, könnten wir in enorme Schwierigkeiten geraten.« Rasch schaute er zu dem schmalen Streifen rötlichen Abendhimmels hinauf, der zwischen den Dächern zu sehen war. »Wir müssen unbedingt weg von den Straßen.«
»Ich dachte, wir wollten zum Haus deines Freunds oder deiner Freundin.«
»Das stimmt, wir sind bereits auf dem Weg dorthin. Allerdings handelt es sich genau genommen nicht um eine Freundin.«
»Aber wer ist sie dann …?«
»Folg mir einfach.« Luke tauchte in einen Durchgang zwischen zwei Häusern ein, der so schmal war, dass Clary die Arme ausstrecken und beide Hausmauern mit den Fingerspitzen berühren konnte. Sie folgte ihm bis zu einer gewundenen Kopfsteinstraße, an der zahlreiche kleine Geschäfte lagen. Die Gebäude erinnerten sie an eine Mischung aus gotisch anmutender Traumlandschaft und Kindermärchen und die Steinfassaden waren mit diversen Gestalten aus Sagen und Legenden dekoriert: Monster- und Dämonenköpfe, geflügelte Pferde, ein Bauwerk, das aussah wie ein Haus auf Hühnerbeinen, Meerjungfrauen und natürlich Engel. Steinerne Wasserspeier mit grotesken Fratzen ragten an jeder Häuserecke hervor und sämtliche Flächen trugen Runen - sie waren über die Türen verteilt, geschickt im Design einer abstrakten Steinmetzarbeit verborgen oder an dünnen Metallketten aufgehängt, die wie Windspiele in der leichten Brise tanzten. Schutzrunen, glückbringende Runen und sogar solche für erfolgreiche Geschäfte. Als Clary all diese geheimen Zeichen betrachtete, wurde ihr zunehmend schwindlig.
Schweigend liefen sie weiter, immer im Schatten der Gebäude. Das Kopfsteinpflaster lag verlassen vor ihnen; sämtliche Geschäfte hatten geschlossen und waren verriegelt. Hin und wieder warf Clary einen verstohlenen Blick in die Schaufenster, die sie passierten. Es erschien ihr merkwürdig, in einer Ladenvitrine luxuriös verzierte, köstliche Pralinen zu entdecken und im nächsten Fenster eine ebenso üppige Präsentation tödlich glitzernder Waffen - Macheten, Streitkolben, mit Nägeln gespickte Knüppel und eine Fülle von Seraphklingen in unterschiedlichen Größen. »Keine Schusswaffen«, murmelte Clary, wobei ihr ihre eigene Stimme wie aus großer Ferne erschien.
Luke sah sie blinzelnd an. »Was meinst du damit?«
»Schattenjäger scheinen keinerlei Schusswaffen zu verwenden«, sagte Clary.
»Die Runen verhindern, dass sich das Schießpulver entzünden kann«, erklärte Luke. »Aber niemand weiß, warum. Trotzdem hat es Nephilim gegeben, die gegenüber Lykanthropen Gewehre eingesetzt haben. Um uns zu töten, braucht man keine Runen - eine einfache Silberkugel erfüllt den gleichen Zweck«, fügte er finster hinzu. Plötzlich hob er den Kopf. Im schwachen Licht der Dämmerung sah es fast so aus, als würde er wie ein Wolf die Ohren spitzen. »Stimmen«, sagte er. »Die Versammlung in der Garnison scheint vorüber sein.«
Rasch nahm er Clary am Arm und zog sie von der Hauptstraße fort in eine Seitengasse, an deren Ende ein kleiner Platz mit einem Brunnen in der Mitte auftauchte. Direkt vor ihnen führte eine Steinbrücke über einen schmalen Kanal. Im schwindenden Licht wirkte das Wasser des Kanals fast schwarz. Clary konnte die Stimmen nun selbst hören, die aus den umliegenden Straßen zu ihnen drangen. Sie klangen laut und aufgebracht. Clarys Schwindelanfall wurde immer stärker - sie hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füßen schwanken und sie jeden Moment fallen. Keuchend lehnte sie sich gegen eine Häuserwand und schnappte nach Luft.
»Clary«, stieß Luke leise hervor. »Clary, alles in Ordnung mit dir?«
Seine Stimme klang gepresst und irgendwie seltsam. Clary schaute ihn an und ihr stockte der Atem. Seine Ohren waren lang und spitz, seine Zähne blitzten rasiermesserscharf auf und seine Augen funkelten in einem gefährlichen Gelbton …
»Luke«, flüsterte Clary. »Was passiert mit dir?«
»Clary.« Luke streckte die Hand nach ihr aus. Seine Finger waren merkwürdig lang, seine Nägel spitz und rostrot. »Was ist los?«
Clary schrie auf und wich zurück. Sie verstand nicht, wovor sie sich so sehr fürchtete - schließlich hatte sie Luke schon öfter in Wolfsgestalt gesehen und er hatte ihr nie auch nur ein Haar gekrümmt. Doch ihre Angst wuchs ins Unermessliche, saß wie ein lebendiges Wesen tief in ihr drin und ließ sich nicht mehr steuern. Luke packte Clary an den Schultern, doch sie krümmte sich und duckte sich von ihm fort, fort von seinen gelben, wilden Augen, obwohl er versuchte, sie zu beruhigen und mit seiner herkömmlichen, menschlichen Stimme anflehte, leise zu sein. »Clary, bitte …«
»Lass mich los! Lass mich los!«
Aber Luke ließ sie nicht los. »Das kommt von dem Seewasser … du halluzinierst, Clary … bitte versuch, dich zusammenzureißen.« Er zog sie in Richtung der Brücke, musste sie fast hinter sich herschleifen.
Clary spürte, wie ihr Tränen übers Gesicht rannen und ihre glühenden Wangen kühlten.
»Das ist alles nur eine Halluzination; nichts davon ist real. Bitte, versuch durchzuhalten, bitte«, flehte Luke und half ihr auf die Brücke. Clary konnte das Wasser riechen, das unter ihr grün und muffig dahinfloss. Irgendwelche Wesen bewegten sich unterhalb der Wasseroberfläche. Als sie genauer hinsah, schoss plötzlich ein schwarzer Fangarm daraus hervor, dessen schwammige Spitze mit nadelscharfen Zähnen besetzt war. Clary zuckte zusammen und wich zurück; sie wollte schreien, doch aus ihrer Kehle drang nur ein unterdrücktes Stöhnen.
Luke fing sie auf, als ihre Knie nachgaben, und hob sie hoch. Seit ihrem fünften oder sechsten Lebensjahr hatte er sie nicht mehr auf diese Weise gehalten. »Clary«, sagte er, doch der Rest seiner Worte verschwamm und verschmolz zu einem unzusammenhängenden Rauschen. Mit Clary auf den Armen stürmte Luke an einer Reihe hoher, schmaler Gebäude vorbei, die Clary fast an die Reihenhäuser in Brooklyn erinnerte - oder hatte sie jetzt bereits Wahnvorstellung von ihrem eigenen Viertel? Die Luft um sie herum schien zu wabern, die Lichter der Häuser flackerten wie Fackeln und der Kanal schimmerte in einem unheilvollen Phosphorgelb. Clary hatte das Gefühl, als würde sich jeder einzelne Knochen in ihrem Körper auflösen.
»Hier ist es«, rief Luke und blieb abrupt vor einem hohen Kanalhaus stehen. Laut hämmerte er gegen die Tür, die in einem leuchtenden, fast grellen Rot gestrichen war und in deren Mitte eine einzelne goldene Rune prangte. Plötzlich zerflossen die Konturen des Schriftzeichens und nahmen die Gestalt eines grässlichen, grinsenden Totenschädels an. Das ist nicht echt… nur eine Halluzination, ermahnte Clary sich unter Aufbringung all ihrer Kräfte und unterdrückte einen Schrei, indem sie auf ihre Faust biss, bis sie Blut im Mund schmeckte.
Der Schmerz schenkte ihr kurzfristig einen etwas klareren Kopf. Im nächsten Moment flog die Tür auf und eine Frau in einem dunklen Kleid erschien im Türrahmen. Auf ihrem Gesicht stand eine Mischung aus Ärger und Überraschung. Ihre wirren graubraunen Haare waren sorglos zu zwei langen Zöpfen geflochten und ihre blauen Augen kamen Clary irgendwie bekannt vor. Ein Elbenlichtstein leuchtete in ihrer Hand.
»Wer da?«, fragte sie gebieterisch. »Was wollt ihr?«
»Amatis.« Luke trat in den Lichtkegel des Elbenlichts, mit Clary auf dem Arm. »Ich bin’s.«
Die Frau erbleichte, taumelte und stützte sich mit einer Hand am Türrahmen ab. »Lucian?«
Luke versuchte, einen Schritt auf sie zuzugehen, doch die Frau versperrte ihm den Weg. Sie schüttelte mit solcher Vehemenz den Kopf, dass ihre Zöpfe hin und her wippten. »Wie konntest du nur hierher
kommen, Lucian? Wie kannst du es nur wagen?«
»Ich hatte keine andere Wahl.« Luke verstärkte seinen Griff um Clary, die einen Schrei unterdrücken musste - ihr gesamter Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen, jedes Nervende brannte wie ein loderndes Feuer.
»Du solltest besser wieder gehen«, sagte Amatis. »Wenn du die Stadt sofort verlässt…«
»Ich bin nicht meinetwegen gekommen. Ich bin wegen des Mädchens hier. Sie liegt im Sterben.« Als die Frau ihn unverwandt anstarrte, fügte er hinzu: »Amatis, bitte. Sie ist Jocelyns Tochter.«
Es entstand eine lange Stille, während der Amatis reglos wie eine Statue in der Tür verharrte. Sie schien wie erstarrt - ob nun vor Überraschung oder vor Entsetzen, vermochte Clary nicht zu sagen. Mühsam ballte Clary die Faust. Ihre Handfläche klebte vor Blut, wo sich die Nägel in die Haut bohrten, doch selbst dieser Schmerz half nun nichts mehr - die Welt um sie herum löste sich in sanften Farben auf, wie ein Puzzle, dessen Teile sich auf einer Wasseroberfläche zerstreuen. Und sie hörte kaum noch Amatis’ Stimme, als die ältere Frau einen Schritt beiseitetrat und den Weg freigab: »Also gut, Lucian. Bring sie herein.«
Als Simon und Jace ins Wohnzimmer zurückkehrten, hatte Aline auf dem kleinen Beistelltisch zwischen den beiden Sofas das Abendbrot angerichtet. Neben Brot und Käse entdeckten die beiden auch Kuchen, Äpfel und sogar eine Flasche Wein, den Max aber nicht anrühren durfte. Er hatte sich mit einem Stück Kuchen in eine Ecke zurückgezogen und las. Simon hatte vollstes Verständnis für den kleinen Jungen: Vermutlich fühlte Max sich in der lachenden und scherzenden Gruppe ebenso verloren wie er selbst.
Als Simon sah, wie Aline nach einem Stück Apfel griff und dabei Jace’ Handgelenk mit den Fingern berührte, spürte er, wie er sich innerlich verkrampfte. Aber das ist doch genau das, was du von ihm verlangt hast, hielt er sich vor Augen. Trotzdem konnte er das Gefühl einfach nicht loswerden, dass Clary dabei irgendwie missachtet wurde.
Über Alines Kopf hinweg traf sich sein Blick mit Jace’, der daraufhin lächelte - ein Lächeln, das nur aus spitzen Zähnen zu bestehen schien, obwohl er kein Vampir war. Betreten schaute Simon fort und sah sich im Raum um. Dabei bemerkte er, dass die Musik, die er vorher gehört hatte, nicht aus einer Stereoanlage kam, sondern aus einem kompliziert wirkenden mechanischen Gerät.
Einen Moment lang dachte er daran, ein Gespräch mit Isabelle zu beginnen, aber das Mädchen unterhielt sich angeregt mit Sebastian, der ihr sein elegantes Gesicht aufmerksam zugewandt hatte. Jace hatte sich einmal über Simons Schwärmerei für Isabelle lustig gemacht, aber Sebastian war zweifellos in der Lage, mit ihr fertig zu werden. Schattenjäger wurden doch dazu erzogen, mit allem fertig zu werden, oder? Doch als Simon sich an den Blick in Jace’ Augen erinnerte, als dieser erklärt hatte, er wolle von nun an nur noch Clarys Bruder sein, fragte er sich, ob das auch wirklich stimmte.
»Wir haben keinen Wein mehr«, verkündete Isabelle im nächsten Moment und stellte die leere Flasche mit einem dumpfen Dröhnen auf den Tisch. »Ich hol mal Nachschub.« Dabei zwinkerte sie Sebastian zu und verschwand in Richtung Küche.
»Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber du erscheinst heute Abend ziemlich schweigsam.« Mit einem entwaffnenden Lächeln beugte Sebastian sich über die Rückenlehne Simons Sessel. Für jemanden mit solch dunklen Haaren, Verlegte Simon, war Sebastians Haut erstaunlich blass, als würde er nicht oft in die Sonne gehen. »Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Sebastian nun.
Simon zuckte die Achseln. »Bei euren Gesprächen gibt es nicht viele Themen, zu denen ich etwas beitragen könnte. Entweder redet ihr über die Politik hier in Idris oder über Leute, von denen ich noch nie gehört habe, oder über beides.«
Sebastians Lächeln verschwand. »Wir Nephilim können manchmal ein ziemlich exklusiver Zirkel sein. Aber so ist das nun mal bei denjenigen, die vom Rest der Welt ausgeschlossensind.«
»Ist es nicht eher so, dass ihr euch selbst ausschließt? Ihr verachtet normale Menschen …«
»>Verachtet< erscheint mir ein wenig zu stark«, erwiderte Sebastian. »Und außerdem: Glaubst du wirklich, die Welt der Menschen würde gern etwas mit uns zu tun haben? Schließlich sind wir eine konstante Mahnung daran, dass es sich bei all ihren tröstlichen, beruhigenden Beteuerungen - es gibt keine echten Vampire und, nein, unter dem Bett sind keine Dämonen oder Monster - in Wahrheit nur um Lügen handelt.« Er drehte sich zu Jace um, der sie beide eine ganze Weile schweigend angestarrt hatte, wie Simon nun auffiel. »Bist du nicht auch meiner Meinung?«
Jace lächelte. »De ce crezi ca va ascultam conversatia?«
Mit einem Ausdruck erfreuten Interesses in den Augen erwiderte Sebastian seinen Blick. »M-ai urmärit de cänd ai ajuns aici«, sagte er. »Nu-mi dau seama dacä nu mä placi ori dacä esti atät de bünuitor cu toata lumeä.« Dann stand er auf. »Ich weiß es durchaus zu schätzen, meine Rumänischkenntnisse ein wenig auffrischen zu können, aber wenn es dir nichts ausmacht, gehe ich mal nachsehen, was Isabelle so lange in der Küche treibt.« Und damit verschwand er durch die Tür und ließ Jace zurück, der ihm ratlos nachschaute.
»Was ist los? Spricht er doch kein Rumänisch?«, fragte Simon.
»Doch«, sagte Jace. Zwischen seinen Augen war eine kleine Falte aufgetaucht. »Doch, sein Rumänisch ist ganz okay.«
Ehe Simon nachhaken konnte, was er damit meinte, kam Alec in den Raum marschiert. Er runzelte die Stirn, genau wie bei seinem Aufbruch, und sein Blick ruhte einen Moment auf Simon, musterte ihn mit einem fast verwirrten Ausdruck in den blauen Augen.
Jace schaute auf. »Wie? Schon zurück?«
»Ja, aber nur kurz.« Alec beugte sich zum Tisch hinunter und nahm mit seiner behandschuhten Hand einen Apfel vom Obstteller. »Ich bin nur zurückgekommen, um ihn zu holen«, erklärte er und deutete mit dem Apfel auf Simon. »Sein Typ wird verlangt … in der Garnison.«
Aline zog ein überraschtes Gesicht. »Wirklich?«, sagte sie, doch Jace hatte sich bereits von der Couch erhoben und löste seine Hand aus ihrem Griff.
»Wofür verlangt?«, fragte er gefährlich ruhig. »Ich hoffe, das hast du wenigstens in Erfahrung gebracht, ehe du dein Wort gegeben hast, ihn dort abzuliefern.«
»Natürlich habe ich das gefragt«, fauchte Alec. »Ich bin doch nicht blöd.«
»Ach, komm schon«, rief Isabelle, die in diesem Moment zusammen mit Sebastian und einer Flasche Wein wieder in der Tür erschien. »Manchmal bist du schon ein kleines bisschen blöd. Nur ein kleines bisschen«, fügte sie hinzu, als Alec ihr einen vernichtenden Blick zuwarf.
»Der Rat schickt Simon nach New York zurück«, sagte er. »Durch das Portal.«
»Aber er ist doch gerade erst angekommen!«, protestierte Isabelle schmollend. »Wo bleibt denn da der Spaß?«
»Hier geht’s auch nicht um Spaß, Izzy. Dass Simon hierher nach Alicante gekommen ist, war ein Versehen. Daher denkt der Rat, dass es für ihn das Beste wäre, in seine Heimat zurückzukehren.«
»Prima«, sagte Simon. »Vielleicht schaffe ich es ja noch nach Hause, bevor meine Mutter überhaupt mitkriegt, dass ich weg war. Wie groß ist der Zeitunterschied zwischen Alicante und Manhattan?«
»Du hast eine Mutter?«, fragte Aline erstaunt.
Doch Simon beschloss, diese Frage zu ignorieren. »Jetzt mal im Ernst«, sagte er, während Alec und Jace einen Blick tauschten. »Das ist wirklich prima. Denn ich will so schnell wie möglich von hier fort.«
»Wirst du ihn begleiten?«, wandte Jace sich an Alec. »Und dafür sorgen, dass alles glattgeht?«
Die beiden Jungen sahen einander auf eine Art und Weise an, die Simon durchaus vertraut war. Genauso tauschten Clary und er manchmal Blicke, verschlüsselte Blicke, wenn sie nicht wollten, dass ihre Eltern etwas von ihren Plänen erfuhren.
»Was ist denn los?«, fragte er und schaute von Jace zu Alec und wieder zurück. »Irgendetwas stimmt hier doch nicht?«
Die beiden Schattenjäger räusperten sich, dann blickte Alec betreten zur Seite, während Jace sich mit einem ausdruckslosen Lächeln Simon zuwandte. »Nichts«, sagte er. »Es ist alles in bester Ordnung. Herzlichen Glückwunsch, Vampir - du darfst wieder nach Hause.«