FREITAG NACH INVOCAVIT

Kaum hatten die Spielleute ihr Strohlager verlassen, da machten sich Elbelin und Gottfrid auf ins Martinsviertel, um Herrn Heinrich von Alzey zu treffen.

Robert verabschiedete Elbelin mit einem Schlag auf die Schulter. ťIhr kommt ja recht voran in der Welt. Passt auf, dass sie euch nicht am Ende im Stift behalten wollen.Ť

Elbelin lachte. ťSo reich sind wir nicht.Ť

Als die anderen den Saal zum Spielen herrichteten, kehrten die beiden zurück. Auch Meister Wolfram hatte offenbar auf das Frühstück verzichtet und schaute nun ungeduldig in die Runde, bis Tisch und Bänke an ihrem Platz standen. Gerade als Alheit den Raum verlassen wollte, trat Israel ein, gefolgt von zwei Knechten, die eine schwere, eisenbeschlagene Truhe mit einem Vorhängeschloss trugen. Sie setzten den Kasten in einer Ecke der Gaststube ab und gingen händereibend davon.

Alheit überlegte, ob sie noch einmal diesen Händler aufsuchen sollte, mit dem sie vor zwei Tagen gesprochen hatte. Dabei waren so viele Namen gefallen, dass sie sich an den seinen nur mit Mühe erinnerte: Johann Schure. Der Gedanke an einen Dudelsack lockte sie. Doch sie entschied sich dagegen. Jeder Besuch auf dem Markt dünnte ihren Beutel aus, auch wenn sie nur Kleinigkeiten kaufte. Um ein Instrument oder auch nur gutes Zubehör auszuwählen, brauchte sie Franz. Allein konnte sie nicht unterscheiden, ob ein Missklang durch ihr Unvermögen entstand oder durch schlechte Ware. Noch nie war es ihr so dringlich erschienen, das zu ändern. Aber was konnte sie unternehmen?

Außerdem hoffte sie, dass die Musiker bald auseinandergehen würden, um zu üben, sodass sie wieder mittun konnte. Bis dahin brachte sie die letzten Stiche an ihren neuen Kleidern an und probierte die Stücke, die sie noch in Erinnerung hatte, stumm auf der Flöte. Noch hielt der Sonnenschein. Ihr Platz oben an der Treppe, vor der Tür des Schlafraums, war fast angenehm.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie das Kommen und Gehen auf dem Hof. Burkhard führte ein gutes Haus, das musste man ihm lassen. Die Leute gingen zielstrebig ihrer Arbeit nach und wussten, was sie taten. Bis auf den einfältigen Klaus. Aber auch für ihn fand sich immer eine eintönige Tätigkeit, die er dann stundenlang voll Freude ausführte. Jetzt las er Äpfel von einem Korb in den anderen. Jeden einzelnen betrachtete er genau, die faulen legte er beiseite.

Da kam ein Fremder auf den Hof, ein Mann mit langen grauen Locken und einer blauen, weiß eingefassten Cotte. Alheit legte die Flöte beiseite. Das war der, von dem sich Lene vorgestern am Stadthaus verabschiedet hatte. Breitspurig schritt er auf die Tür zum Schankraum zu.

Klaus ließ seinen letzten Apfel fallen und lief mit Geheul in die Küche, als der Fremde näher kam. Der achtete nicht einmal darauf.

Groß und breit trat Burkhard aus der Küche dem Fremden entgegen. ťGott segne Euch, Platzmeister.Ť Das klang nicht nach freudigem Willkommen. Alheit stellte sich an die Tür, um zu lauschen.

Der Platzmeister erwiderte den Gruß. ťWohnt ein Jude namens Israel ben Abraham bei dir?Ť

ťDer ist grad da drin. Warum?Ť

ťWohnt er bei dir?Ť

Burkhard schüttelte den Kopf. ťDer kommt immer nach dem Frühstück und geht abends vor dem Essen. Ist halt nicht koscher bei mir.Ť

Der Platzmeister machte einen Schritt auf die Tür zu. Zögernd hob Burkhard die Hand, um ihn aufzuhalten.

ťIch will mir den Kerl einmal ansehen.Ť Damit schob der Platzmeister den Wirt beiseite, öffnete die Tür einen Spalt und schaute hinein.

Musik wehte in den Hof.

ťDer mit der GuiterneŤ, sagte Burkhard. Offenbar hatte der Platzmeister ihn etwas gefragt.

Und der Wirt kannte einen Namen für das Instrument mit dem merkwürdig gebogenen Hals, über das sich Alheit am ersten Tag gewundert hatte.

Ehe sie dafür eine Erklärung fand, hatte der Platzmeister die Tür wieder geschlossen. ťHast du einen zuverlässigen Knecht?Ť

ťMeinen Klaus.Ť

Der Platzmeister winkte ärgerlich ab. ťEinen gescheiten. Ich muss wissen, wo der Kerl hingeht, wenn er dein Haus verlässt.Ť

Burkhard hielt die Hand auf.

Was der Platzmeister hineinlegte, schien ihn zufriedenzustellen, denn er sagte: ťIch schicke Euch einen Boten.Ť

ťDanke.Ť

Ein Geräusch hinter Alheit lenkte sie von dem Geschehen im Hof ab. Auf den ersten Blick war niemand in der Schlafkammer zu sehen. Alheit trat ein, ließ die Tür weit offen, damit genügend Licht hineinfiel. Im Raum regte sich nichts, aber draußen vor dem Fenster

Dort konnte niemand sein, höchstens die Katze. Trotzdem durchquerte Alheit den Raum und schaute durch das kleine, mit dünnem Pergament verschlossene Fenster.

Dahinter lag ein niedriges Dach, das in einen benachbarten Hof abfiel. Auf dem First stolzierte der rote Kater mit erhobenem Schwanz. War da nicht noch eine andere verstohlene Bewegung in der Nähe des Schlotes? Etwas Graues, größer als der Kater?

Unwillig schüttelte Alheit den Kopf. Sie sah Geister am helllichten Tag.

 

Meister Wolfram schaute seine Schüler herausfordernd an. Er hatte ihnen ein Tanzstück vorgespielt, das es in sich hatte. Franz brauchte eine Weile, bis er das Stück auf der Laute nachspielen konnte. Er hörte genau auf Elbelin, der ebenfalls zupfte und meist schneller begriff als er. Außerdem wünschte er sich seine Drehleier herbei. Die hatte die richtige Lautstärke für Tanzmusik.

Elbelin sprach es aus: ťIst das nicht ein Stück für laute Instrumente?Ť

Meister Wolfram sah erstaunt auf – vielleicht schien es auch nur so wegen seiner Augengläser. ťSo etwas haben doch gar nicht alle.Ť

ťDoch, gewissŤ, antwortete Elbelin. Franz und einige andere in der Runde nickten.

ťBär hört gutŤ, sagte Tamas, ťmuss ich nicht laut spielen.Ť

Doch Elbelin und Gottfrid waren schon aus dem Saal gelaufen.

Robert Piper hoffte anscheinend, sich mit schrillen Tönen durchzusetzen. Marjorie und Katherine steckten die Köpfe zusammen, wurden sich aber offenbar nicht einig. Die Tochter lief nach draußen, obwohl die Mutter versuchte, sie daran zu hindern.

Franz folgte ihr voller Vorfreude. Hinter ihm machte sich auch Meister Wolfram auf den Weg, verbissen wie ein Ritter, der in einen schweren Kampf zieht.

Als sie zurückkehrten, trug Katherine Alheits Schalmei in den Händen wie einen Siegespreis. Franz fragte sich, wie ihr das wohl gelungen war.

Wolfram brachte einen offensichtlich schweren Kasten mit. Als er ihn öffnete, kam ein Portativ mit Metallpfeifen zum Vorschein. Franz pfiff durch die Zähne. Robert lief gleich hinzu, schaute sich alles genau an und stellte viele Fragen. Meister Wolfram antwortete kurz angebunden. ťSchwer ist das Ding jedenfalls.Ť

ťAber schönŤ, schwärmte Elbelin und strich über das Holzgehäuse. ťSpielst du uns den Tanz bitte einmal vor?Ť

Wolfram schien zu zweifeln, ob der Junge es ernst meinte oder ihn verspotten wollte, doch dann setzte er sich zurecht, nahm sein Instrument auf den Schoß und spielte. Die Pfeifen klangen scharf, wenn auch nicht laut genug, um Dudelsack und Schalmei zu übertönen.

Meister Wolfram hatte offenbar genaue Vorstellungen, wie die Musik klingen musste, und teilte die Gruppe auf.

Tamas, Robert und Marjorie eröffneten den Tanz, dann begann Katherine ihren seltsamen Gesang. Bis zu dieser Stelle konnte auch Israel noch mithalten, doch dann fiel Franz ein. Der Jude legte die Guiterne beiseite, ging zu seiner Truhe und nahm den Dudelsack heraus. Er ließ den Bordun laufen und hörte mit gerunzelter Stirn zu. An einer passenden Stelle fiel er in die Melodie ein, brach aber gleich wieder ab. Sein Instrument stimmte nicht zu den anderen. Den Sack unter dem Arm beobachtete er das Treiben missmutig.

Elbelin und Gottfrid übertönten den Rest der Gruppe mühelos. Sie nahmen das Stück auf, als stünden sie auf einem Marktplatz und wollten die Leute zum Tanzen bewegen. Einer trieb den anderen zu immer gewagteren Verzierungen an. Katherine hörte auf zu singen und blies ein paar schräge Töne auf der Schalmei, gab aber schnell wieder auf. Tamas nahm nun statt der Fidel das Tamburin zur Hand und ließ die Schellen klappern.

Meister Wolfram drückte mit finsterem Gesicht den Balg seiner kleinen Orgel wie ein Besessener. Nur mit zahlreichen Misstönen drang er durch.

Elbelin zog die Augenbrauen hoch und brach unvermittelt ab. Verwirrt hörte Wolfram auf zu spielen. Nur der Ungar trommelte fröhlich weiter im Takt. Nach ein paar Sekunden setzten die beiden Jungen ebenso plötzlich wieder ein.

 

Alheit hatte sich gerade von der lästigen Katze abgewandt und überlegte, ob sie nicht wieder auf Elbelins Dudelsack spielen sollte. Er hatte ihr das ja nicht verboten. Doch als sie sich dem Lager näherte, flog die Tür weit auf. Elbelin und Gottfrid stürmten herein, dicht gefolgt von Franz, der fröhlich vor sich hin trällerte. Hastig griffen sie nach ihren Instrumenten und eilten wieder davon, ohne die Tür zu schließen. Alheit lief ihnen nach, um zu sehen, was es so Dringendes gäbe. Doch über den Hof kam nur Katherine auf sie zu und bat Alheit um ihre Schalmei.

ťWir lernen gerade einen neuen TanzŤ, erklärte das Mädchen außer Atem, ťund die Jungen sind so laut

Ť

Gegen das Versprechen, ihr den Tanz so bald wie möglich beizubringen, ließ Alheit sie mit dem Instrument ziehen.

Kurz darauf setzte die Musik im Schankraum wieder ein und wurde bald sehr laut und lebhaft. Die Melodie gefiel Alheit, aber so schnell konnte sie sich nicht hineinfinden. Sie brauchte jemanden, der ihr den Tanz stückweise vorspielte. Sie lauschte, ob sie Katherine heraushören konnte, doch es gelang ihr nicht. Es sei denn, man wollte ihr ein paar Quietschtöne zurechnen, kurz bevor die Melodie in einem Wirbel von Schellengeklapper endete.

Wenig später kam Israel heraus, mit Hut und Mantel. Ohne sich weiter umzuschauen, verließ er den Hof. Alheit lief die Treppe hinunter zum Tor. Tatsächlich folgte dem Juden in sicherer Entfernung eine kleine, verkrümmte Gestalt. Falls er etwas davon bemerkte, zeigte er es nicht.

Alheit wandte sich wieder zu ihren Gefährten um und schaute geradewegs in Lenes grinsendes Gesicht. Anscheinend hatte sie so gebannt auf den Buckligen gestarrt, dass die Hure unbemerkt an ihr vorbeigekommen war.

Als Klaus mit Kessel und Kelle zum Essen rief, folgte kaum einer seiner Aufforderung. Im Gegenteil.

Elbelin rief Tamas an: ťWolltest du uns nicht etwas zeigen?Ť

ťGleich.Ť

Er tat allerdings nicht viel mehr, als die Stalltür aufzuschließen und den Bären von der Kette zu lösen, dann überließ er Lene das Feld. Sie schlug das Schellentamburin und rief dem Bären kurze Befehle zu, die ungarisch sein mochten. Das Tier hob und senkte gehorsam die Pfoten, balancierte eine Stange, schlug Purzelbäume und machte Handstand. Dann begann Tamas zu fideln. Der Bär erhob sich wieder auf die Hinterbeine, tappte von einem Fuß auf den anderen und drehte sich im Kreis. Lene sprang zu ihm hin, als wäre er ein höfischer Tänzer.

Alle schauten wie gebannt zu. Auch Klaus stand mit offenem Mund zwischen den Spielleuten.

ťWie leicht wäre es jetzt, herumzugehen und den Zuschauern die Beutel abzuschneidenŤ, murmelte Alheit, die annahm, dass Franz neben ihr stand. Doch er hatte sich bis an die Tür der Gaststube zurückgezogen. Sie eilte zu ihm und wiederholte ihre Bemerkung.

Er zuckte die Schultern. ťDazu bräuchten sie noch einen Dritten.Ť

ťSie werden einen finden, wenn sie ihn suchen.Ť

 

Dort lag das Opfer, still, scheinbar unschuldig. Einen Augenblick verharrte er, um seiner Vorfreude Raum zu geben. Diesem gleißenden Feuer in seinem Inneren, das er lange vermisst hatte. Eine Hand glitt zum Messer, zog es aus der Scheide. Der dünne Strahl Tageslicht, der durch die Türritze fiel, schlug einen Funken von der Klinge. Die innere Flamme loderte empor.

Er stürzte sich auf den verhassten Dudelsack, stieß mit dem Messer durch das Leder, riss lange Schnitte hinein, kreuz und quer, auf und ab, schlitzte die Naht auf. Wie Weihrauchduft stieg ihm der Wachsgeruch in die Nase. Doch das genügte ihm nicht. Er wollte mehr.

Er riss die Spielpfeife aus ihrem Stock, hielt sie schräg zu Boden und trat darauf. Das Birnbaumholz splitterte, weit oben, wo es kaum so dick wie ein Faden war. Er packte die Bruchstelle und trat noch einmal zu. Knirschend brach das Holz auch weiter unten entzwei. Den Schalltrichter, den jämmerlichen Rest, hieb er gegen den gemauerten Kamin, immer wieder, bis der Rand nachgab und die Stücke davonflogen.

Die erste, ungestüme Wut war dahin. Das Feuer brannte gleichmäßig und heiß, gerade recht, um damit zu arbeiten. Ruhig, fast vergnügt zog er die Bordunpfeife aus dem Stock und das obere Ende aus dem unteren. Drei, vier gut gezielte Schläge gegen den Kamin, dann war auch dieser Schalltrichter Kleinholz. Er trat die langen Teile zusammen, wie er es geübt hatte.

Dann besah er sein Werk. Es war nicht mehr viel übrig von der Sackpfeife. Aus dem Hof erklang die elende Fidel des Ungarn zum Gebrumm des Bären. Er hatte noch etwas Zeit.

Von seinem Gürtel löste er einen Lederbeutel und schnupperte daran wie ein Koch an einem besonders guten Braten. Dann fasste er mit zwei Fingern in das braune Mus und strich es in das Mundstück. Er wischte sich die Finger an dem Laken ab, auf dem die Bruchstücke des Dudelsacks lagen, und begann den letzten Teil seiner Arbeit.

Er nahm das Doppelrohrblatt aus der Spielpfeife – aus dem, was davon übrig war – und biss ein paarmal kräftig darauf. Das gute welsche Rohr splitterte, er spuckte die Fasern aus. Dann zerbiss er das einfache Blatt aus der Bordunpfeife und warf die Reste auf den geschlitzten Sack.

Mehr konnte er nicht tun. Erleichtert ging er zur Tür, vergewisserte sich, dass ihn niemand sah, und ging hinunter in den Hof.

 

Irgendwann verkündete Tamas das Ende der Vorstellung. ťBär geht jetzt schlafen.Ť Er spielte eine Melodie, die gut als Wiegenlied zu erkennen war, auch wenn niemand verstand, was er dazu sang. Der Bär drehte sich immer langsamer, senkte die Vorderbeine zum Boden und legte sich nieder. Die Umstehenden applaudierten.

ťStümperŤ, zischte Wolfram vernehmlich und ging eilig in den Saal zum Essen. Dort zankte der Wirt den Küchenjungen aus, weil die Tafel noch nicht bereit war.

 

Am Abend, während die anderen in der Gaststube zu spielen begannen, saß Franz still an den warmen Schlot gelehnt und summte vor sich hin. Wenn er nur genug Geld hätte

So viele schöne Instrumente gab es hier, die er noch kaum kannte. Rebec und Fidel zum Beispiel. Von ihnen träumte er schon lange. Der Bogen und die frei zu greifenden Saiten boten sicher mehr Möglichkeiten als das Rad und die Tangenten der Drehleier. So klang es zumindest, wenn Tamas fidelte. Wenn es nur nicht so schwer wäre, mit ihm zu reden. Er könnte Franz bestimmt einiges beibringen.

Oder Gottfrid mit seinem Rebec. Franz musste sich eingestehen, dass er es kaum wagte, den Jungen anzusprechen. Er spielte so gut, wusste so viel, dass er fast übermenschlich wirkte. Das Gleiche galt für Elbelin und seine Rotta. Dabei gaben die beiden ihr Wissen großzügig weiter.

Franz lächelte. Vorhin hatten sie sicher ein wenig übertrieben und den Rest der Gruppe an die Wand gespielt. Das vertrugen nicht alle Spielleute. Alheit stand auch lieber auf der anderen Seite. Wenn sie Worms wirklich mit einem Dudelsack verließ, musste er sich von seinen Träumen verabschieden. Nicht nur des Geldes wegen. Rebec, Rotta, ja selbst Roberts schrille Flöten gingen dagegen unter. Erst recht die Harfe, die ebenfalls nach Franz’ Geschmack wäre. Sie passte gut als Liedbegleitung, aber auch für fröhliche Tanzmelodien – drinnen, nicht auf dem Marktplatz. Wenn sie nur etwas kleiner wäre. So passte sie weder in eine Kiepe noch auf den Handkarren. Und viel zu stimmen gab es auch. Vier Saiten oder 40, das war schon ein Unterschied. Trotzdem. Franz stellte sich vor, wie schön sich zu so einer Harfe singen ließ. Er würde Marjorie fragen, ob er ihr Instrument nicht einmal ausprobieren durfte.

Ebenso unwahrscheinlich wie sein Traum von der Harfe war der vom Portativ. Das Instrument, das Meister Wolfram heute zum Vorschein gebracht hatte. Er zog zu Pferd durch die Lande und konnte solche Lasten mit sich führen. Für einfache Fahrende, die zu Fuß unterwegs waren, war das schöne Stück einfach zu schwer. Aber Franz mochte den Klang der Pfeifen. Mindestens ebenso gut gefiel ihm jedoch die Vorstellung, im Sitzen zu spielen, vielleicht gar in einem Saal mit Kamin, vor verständigen Zuhörern, an einer reich gedeckten Tafel.

Energisch schüttelte er den Kopf. Er hatte sich über Winter an das Wohlleben in Heidelberg gewöhnt. Aber jetzt kam das Frühjahr, auch wenn man noch nicht viel davon sah, und damit andere Feste.

ťWas ist?Ť, sagte eine Frauenstimme dicht neben ihm. ťWas schüttelst du den Kopf?Ť

Lene hatte sich an seiner Seite niedergelassen, ihr Gesicht nur bleiche Wangen, große Augen und ein roter Mund.

ťNichtsŤ, antwortete Franz. ťIch habe nur ein paar Träume verjagt.Ť

ťWarum? Willst du nicht mehr träumen?Ť

ťNoch nicht. Wenn ich einmal so alt bin wie Meister Wolfram, dann kann ich von solchen Dingen träumen.Ť

Lene lächelte anzüglich. ťBis dahin tust du es lieber?Ť

ťBis dahin will ich andere Träume in die Tat umsetzenŤ, erwiderte Franz ernsthaft.

Lene stockte einen Augenblick, doch dann sagte sie: ťWelche Träume sind das?Ť Sie schob sich noch näher an ihn heran. ťKann ich dir dabei helfen?Ť Ihre Stimme wurde immer tiefer.

Franz richtete sich auf und sah sie überrascht an. ťDu wirst lachen, ja.Ť

ťWie denn?Ť Jetzt war es an Lene, überrascht zu sein.

ťIch möchte mich mit deinem Mann unterhaltenŤ, sagte Franz, und Lene sah noch erstaunter drein. ťÜber seine Fidel, und so, dass wir einander wirklich verstehen. Dazu brauche ich dich.Ť

ťIch kann kein UngarischŤ, entgegnete Lene abweisend. ťUnd überhaupt habe ich mich schon viel zu lange hier aufgehalten. Ich muss wieder hinunter, ich werde erwartet.Ť Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt und ging mit wiegenden Hüften zur Tür.

Franz blickte ihr seufzend nach. Einfach war ihr Leben gewiss nicht, aber sie musste ihr Geld anderswo verdienen, nicht bei ihm.

 

Nach dem Essen blieben die zehn in der Gaststube beisammen. Sie spielten ihre Weisen, tauschten Instrumente aus und erzählten von ihren Abenteuern auf der Straße.

Burkhard stand ruhig im Hintergrund, hörte zu und summte manchmal leise mit. Bis wieder Herr Heinrich von Alzey mit seinem Knappen kam. Dann ging er, den Wein für den Ritter zu holen.

ťDie Stiftsherren von St. Paulus waren von unseren beiden Spielleuten sehr angetanŤ, berichtete dieser. ťSie werden also am Sonntag und am Fest des Apostels

Matthias dort spielen, nach der Messe und zum Essen vor der Vesper.Ť

Elbelin und Gottfrid brachen in ein jubelndes Gloria aus.

ťHab ich es euch nicht gesagt? Die werden euch behalten wollenŤ, spottete Robert.

ťDa habt ihr noch allerhand ArbeitŤ, mahnte Meister Wolfram. ťMit euren Tanzweisen vom Marktplatz könnt ihr bei diesen Herren nicht ankommen.Ť

Elbelin lachte. ťWir waren schließlich zwei Jahre im Dienst der Kirche.Ť Gottfrid strich ein reich verziertes Halleluja.

ťJedenfalls habe ich keine Zeit, mit euch gesondert zu übenŤ, schloss der Meister. ťWir werden uns morgen noch einmal die Tänze von heute vornehmen. Vielleicht geht es ja diesmal ohne euer Heidenspektakel.Ť

Halb scherzhaft zog Elbelin den Kopf ein. ťVerzeih uns, Meister. Da ist die Musik mit uns durchgegangen. Morgen sind wir ganz fromme Schüler.Ť

ťWieso? Was war los? Was habt ihr gespielt?Ť, wollte Herr Heinrich wissen.

Elbelin erzählte, und bald spielten alle die Melodien dieses Tages. Alheit versuchte gar nicht erst mitzukommen. Sie war froh, wenn sie jeweils den Übergang von einem Tanz zum nächsten hören konnte.

Spät am Abend neigte sich der Knappe zu Herrn Heinrichs Ohr. Daraufhin seufzte der Ritter: ťJa, du hast recht, Ewald.Ť Er gab dem jungen Mann die Laute und stand auf. ťIch muss euch verlassen, meine Freunde. Gute Nacht.Ť

Daraufhin löste sich die Versammlung schnell auf. Wolfram, Robert und seine Familie gingen in ihr Quartier im Erdgeschoss. Durch die Tür fiel der warme Schein des kleinen Feuers im Kamin auf den Hof. Die anderen stiegen die Treppe hinauf.

Alheit wollte sich eben niederlegen, als Elbelin einen Schrei ausstieß.

ťWas ist?Ť Lene fand als Erste eine Laterne und trat an das Lager des Jungen. Alheit entzündete ein weiteres Licht und eilte hinzu.

Nachdem sich ihre Augen an den schwachen Schimmer gewöhnt hatten, sah sie ein seltsames Gebilde auf Elbelins Bett liegen. Der Spielmann kniete daneben.

Es war der Dudelsack. Bordun und Spielpfeife waren mehrmals geknickt, der Lederbalg aufgeschlitzt, alle Rohrblätter zerkaut.

ťWer war das?Ť, fragte sie.

Elbelin zuckte die Schultern. Dann tastete er ziellos durch die Bruchstücke.

ťMan sieht nichtsŤ, klagte Gottfrid, der noch immer mit seiner Laterne kämpfte.

Alheit brachte eine Filzdecke. ťHier. Leg alles darauf. Morgen bei Tageslicht sehen wir mehr.Ť

Elbelin nickte und begann die Stücke zusammenzulesen.

Lene kicherte. ťWie die ungeschickte Magd mit dem Milchtopf.Ť