XIX

Soli schlief unruhig. Ihr ganzes Leben lief noch einmal vor ihr ab in diesem Augenblick, da sie einer dramatischen Veränderung gegenüberstand. An ihre früheste Kindheit unter den Nomaden konnte sie sich nicht erinnern, nur an Schnee und schauerliche Kälte und an ihren Vater Sol, der sie schützte, obwohl beide dem Tode geweiht waren. Und dann waren sie wieder am Leben, unter Schmerzen zwar, und Sosa war ihre neue Mutter. Und nach dem Schock der Veränderung war es gut so gewesen, denn Sosa war eine bemerkenswerte Frau, verheerend im Kampf und in der Liebe gleichermaßen. Und die Unterwelt war faszinierend. Bis Bob sie mit der Brutalität der Politik bekannt gemacht und sie hinausgeschickt hatte, damit sie ihre Lebensform gegen die Wilden verteidige.

Sie hatte angenommen, alle Nomaden wären verstümmelt. Var hatte fleckige Haut, sonderbare Hände und einen Buckel. Doch Sosa hatte sie gelehrt, daß die äußere Erscheinung bei einem Mann nicht wichtig wäre. Seine Ausdauer und sein Geschick im Kampf wären wichtiger, am wichtigsten aber seine Persönlichkeit. »Wenn ein Mann stark ist und aufrecht und liebevoll wie dein Vater, dann vertraue ihm und mache ihn dir zum Freund«, hatte ihr Rat gelautet.

Die Männer der Unterwelt hatten diesen Maßstäben nicht entsprochen. Jim, der Bibliothekar, war aufrichtig und liebevoll und intelligent, aber stark war er nicht. Ein einziger Hieb in den Leib hätte ihn auf die Krankenstation gebracht. Bob, der Führer, war stark, aber weder ehrlich noch gut. Eigentlich kam nur ihr Vater Sol an Sosas Anforderungen heran. Daher erlernte sie von ihm die Kunst des Stockkampfes. Sie lernte gut und wartete ab.

Und der häßliche Var war stark, wenn auch mit den Stöcken nicht so geschickt wie sie. Und er war ehrlich, denn er hatte keine Steine auf sie herunterprasseln lassen, obgleich sie natürlich leicht jedem Stein ausgewichen wäre. Und er war sehr liebevoll gewesen, denn er hatte sie vor der schrecklichen Kälte geschützt, so wie ihr Vater es einmal getan hatte. Dies war der einzige Feind, dem sie nicht kühn entgegentreten konnte: Sie haßte und fürchtete die Kälte.

Sie hatte ihn als guten Menschen kennengelernt, obwohl er ein feindlicher Wilder war, und er hatte sie in der Folge auch nie enttäuscht. Er war nicht ausgesprochen gescheit, aber das war Sol auch nicht. Männer wie Bob und der Namenlose flößten einem Furcht ein, weil ihr Verstand tödlicher war als ihr Körper. Sie zog Gefährten vor, deren Motive sie einigermaßen ausloten konnte.

An welchem Punkt sich diese Wertschätzung in Liebe verwandelt hatte, das wußte sie nicht. Es war allmählich gekommen, hatte sich im Laufe des Zusammenseins vertieft und war zugleich mit ihrer Weiblichkeit gereift. Sie selbst neigte dazu, diesen Übergang zu jenem Zeitpunkt anzusetzen, als das giftige Insekt sie gestochen hatte, und er sie den ganzen Weg zur Hütte geschleppt hatte und sie dort pflegte. Damals war sie die meiste Zeit über bei Bewußtsein gewesen, hatte sich aber nicht rühren oder gar antworten können. Sie hatte ihn beobachtet, als er sich alleine wähnte, und hatte schon lange, ehe er es zugab, gewußt, daß er um sie gekämpft hatte.

Fünfmal hatte er ihr unter Lebensgefahr das Leben gerettet und hatte keine Gegenleistung verlangt. Er war ein richtiger Mann, und das nicht nur wegen seines Mutes und seiner Opferbereitschaft. Hätte sie ihn nicht schon geliebt, so hätte sie damals damit begonnen. Doch als sie ihn und sich nach Neu Kreta gebracht hatte, hatte er im Sterben gelegen. Und sie mußte ihre Schuld ihm gegenüber ausgleichen. Einen Augenblick lang war sie versucht gewesen, seinen goldenen Armreif einzutauschen, da ihr klar war, welchen Wert er in dieser Gegend besaß. Aber damit hätte sie sich der Möglichkeit beraubt, ihn je zu besitzen samt allen damit zusammenhängenden Folgen. Und sie mußte fürchten, daß man den Reif einfach nahm, wie man das Boot genommen hatte, ohne Gegenleistung. Obgleich ihnen beiden der Tod drohte, brachte sie es nicht über sich, ihren Traum aufzugeben.

Also hatte sie sich für den Tempel entscheiden müssen, ein Angebot, das man nicht einfach von ihr fordern durfte, eines, mit dem sie die anderen bei der Stange halten konnte. Und sie hatte geweint, nicht so sehr um ihretwegen, sondern weil sie ihn verlor. Der Tempelklatsch hatte ihr zugetragen, daß er niedrige Arbeit verrichte, und sie litt unter der Vorstellung, wie er sich erniedrigt fühlen mußte, während sie sich gleichzeitig ausmalte, wie sehr sie ihm fehlte. Süße Mädchenträume, unsinnig, aber wichtig. Sie stellte sich sogar vor, daß er sie hin und wieder beobachtete, ja, daß er ihretwegen sogar Gott Minos zum Kampfe herausfordere.

Und dann war er gekommen, genau in dem Augenblick, als sie schon gewillt war, sich in ihr grausames Schicksal zu ergeben. Und sie hatte gesehen, wie er das Labyrinth betrat. Da hatte sie sich wegen ihrer idealistischen Torheit verflucht.

»Sollte ich ihn lebend wiedersehen«, hatte sie sich, hilflos und angekettet geschworen, »werde ich ihn festhalten und ihm sagen, daß ich ihn liebe.« Das war eine aus Verzweiflung geborene Überzeugung.

Und doch war es geschehen.

Von diesem Augenblick an hatte sie aufgehört, ihn zu verstehen. Sie war nun eine Frau, bereit und willens, ihn als Mann zu akzeptieren, und der Beweis war ja vollbracht worden. Und dennoch behandelte er sie wie ein Kind. Warum nur, wenn sie die Liebe bereits vollzogen hatten? Warum zog er sich zurück, wenn sie sich ihm näherte? Warum war er zwei Jahre lang geblieben, hatte seinen Reif behalten und war dann gekommen, hatte sie genommen – nur um nachher ihre Annäherungen zu mißachten? Sie hatte sich gefügt, weil es ja nicht in ihrer Macht stand, die Lage zu ändern. Und allmählich hatte sie entdeckt, daß sie sich geändert hatte und nicht er, und daß er es nicht gemerkt hatte. Nicht ganz jedenfalls. Var war naiv. Er hatte seine Wanderschaft mit einem Kind begonnen, und nach seinem Dafürhalten war er immer noch mit einem Kind unterwegs. In seinen Augen würde sie immer ein Kind sein.

Kaum hatte sie sich an diese Situation einigermaßen gewöhnt, da hatte der Überfall stattgefunden und sie war hierher geschafft worden. Erst hatte sie geglaubt, Var wäre tot. Und dann mußte sie erfahren, daß er eigentlich dahinter steckte. Ihre Wut hatte Wochen gedauert.

Bis sie auf den Gedanken gekommen war, daß sie in seinen Augen diesem Fegefeuer als Frau entsteigen würde. Er wollte, daß sie hier blieb, damit er die bereits stattgefundene Veränderung sozusagen offiziell akzeptieren konnte. Damit er ihr seinen Armreif auf ehrenhafte Weise anbieten konnte.

Da änderte sie ihre Haltung. Sie entdeckte, daß man ihr hier eine gute Erziehung vermitteln konnte. Die Erzieherinnen waren zwar streng, aber sie waren aufrichtig, und wußten sehr viel. Soli vervollkommnete ihre Lesekünste an den Schriftzeichen und erlernte auch andere Fächer, von deren Existenz sie bislang kaum etwas geahnt hatte. Und was das Wichtigste war, sie erlernte jene weiblichen Künste, mittels derer sie jeden Mann beherrschen und gefügig machen konnte. Doch war dies ein Kampf, nicht minder Schwer wie mit Waffen, doch ebenso lohnend.

Var würde einige Überraschungen erleben.

Und jetzt hatte man sie – gegen ihren Willen – mit Kaiser Ch’in verlobt. Keine Frage, es war eine sehr vorteilhafte Verbindung. Er entstammte der Gründerdynastie dieses Reiches, das, wollte man den Sagen Glauben schenken, Jahrtausende vor dem großen Brand gegründet worden war. Sicher hatte Ch’ins Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit die Sache in die Hand genommen. Aber ihre Studien hatten ihr Ch’in als den gezeigt, der er wirklich war: Ein aufgeblasener, arroganter Fürst in mittleren Jahren, der das große Glück hatte, als Ratgeber ein ihm treu ergebenes taktisches Genie zu besitzen. Daher konnte Ch’in sich mit immer jünger werdenden Bräuten vergnügen, während sein meisterhaft regiertes Land sich ausweitete. Viele Frauen schmeichelte es, wenn sie sein ständig auf der Suche befindliches Auge befriedigten, und sie genossen es, seinem luxuriösen Harem beigefügt zu werden. Auf Soli traf dies nicht zu. Sie hatte ihre Wahl schon längst getroffen und ließ sich nicht so einfach davon abbringen.

Blieb noch das Problem, mit Ch’in fertig zu werden und gleichzeitig Var herumzukriegen. Sie wußte, daß sie zu beidem imstande war, daß sie es aber nicht gleichzeitig schaffen würde.

Schließlich war Var zu ihr gekommen, kurz vor dem Examen – doch er hatte es nach Männerart verpatzt. Er hatte in ihr Gemach klettern wollen und war von Ch’ins Handlangern überwältigt und deportiert worden. Sie hatte die Vorsteherin gebeten, einzuschreiten, und diese strenge, freundliche und mutige Frau hatte ihrer Bitte entsprochen. Man hatte Var wegen seiner Torheit gescholten und ihn unversehrt und mit Geld ausgestattet auf fremdem Territorium abgesetzt. Im Moment war er in Sicherheit – solange er keine neue Torheit beging.

Und dennoch schlief sie unruhig. Denn die Situation war keineswegs im Lot, und es konnte noch sehr vieles schief gehen. Sie war noch zu keinem Entschluß gekommen, wie sie mit Ch’in fertig würde. Weigerte sie sich, seinen Wünschen nachzukommen, wurde sie womöglich entführt, vergewaltigt und ermordet. Der Kaiser war verheerend, wenn er sich in seinem Stolz getroffen fühlte. Und auch die Schule würde zu leiden haben, vielleicht sogar sehr arg. Nein – offener Widerstand war nicht ratsam.

Sie konnte aber Ch’in mit einer festlichen Hochzeitsnacht gnädig stimmen und ihm dann eine traurige Geschichte von unerfüllter Liebe auftischen. Ein Appell an seine Eitelkeit konnte Wunder wirken, insbesondere wenn die damit verbundene Anspielung auf einen politischen Vorteil nicht zu diskret ausfiel. Ein romantisch verklärtes Bild des Kaisers würde den Effekt gewisser harter militärischer Maßnahmen, wie zum Beispiel das Daumenabschneiden bei Gefangenen und ihr Verkauf als Gladiatoren, mildern. Zwar war Ch’in nicht der einzige, der so verfuhr. Es war eine allgemein geübte Praktik. Doch war es nicht bedeutungslos, denn der äußere Eindruck galt hier sehr viel.

Ja, die Heirat schien der beste Weg. Nach einem angemessenen Zeitraum konnte sie immer noch weglaufen, falls ihr Plan nicht klappte. Und auf diese Weise würde man die Schule unbehelligt lassen. Sodann konnte sie den Aufenthaltsort Vars feststellen und ihn zur Vernunft bringen.

Nur – sie war sich Vars nicht sicher. Ja, sie konnte natürlich den Mann in ihm ansprechen, zweifellos. Doch sie mißtraute seinem gesunden Menschenverstand. Sie konnte sich nicht darauf verlassen, daß er nicht doch eine Tollkühnheit beging. Vielleicht unternahm er aus Eifersucht etwas gegen Ch’in, oder aber er kam noch vor dem Schlußexamen zurück in ihre Nähe. Var war für solche Sachen einfach nicht klug genug, und dazu kam, daß er ungemein halsstarrig sein konnte. Daß er Minos damals entgegengetreten war, war eine unglaubliche Torheit gewesen…

Und das war natürlich der Grund, warum sie ihn liebte.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, daß sie ihn ermutigt hatte, das chinesische Helicon zu suchen, Es gab dieses Gegenstück zum Berg irgendwo, doch sie befanden sich wohl noch sehr weit davon entfernt. Wahrscheinlich waren die hiesigen Unterweltler ebensolche Geheimniskrämer wie die Amerikas, so daß eine Suche sich sehr schwierig gestalten würde. Sie hatte aber gar nicht beabsichtigt, Helicon tatsächlich zu finden, nein, sie hatte Var nur ein angemessenes Ziel vor Augen stellen wollen. Ein Ziel, an dessen Erreichung sie teilnehmen konnte, während sie heranwuchs.

Sie fragte sich, was aus ihrem Vater und dem Namenlosen wohl geworden sein mochte. Hatten sie die Verfolgung endlich aufgegeben? Sie bezweifelte es. Sobald sie Var in der Hand hatte, würde sie für eine Versöhnung sorgen. Es hatte ihr damals weh getan, als sie vor Sol davongelaufen war, doch sie wußte, daß sie nicht mit ihm nach Helicon zurückwollte, und jetzt war es vor allem wichtig, Var auf der Spur zu bleiben. Sol war der Mann ihrer Kindheit gewesen, Var sollte der Mann ihres Frauenlebens werden.

Doch bei dem Gedanken an Helicon fiel ihr Sosa ein, die einzige Mutter, an die sie eine Erinnerung besaß. In gewisser Weise, war der Verlust Sosas schlimmer als der Sols. Was diese stolze kleine Frau jetzt wohl machte? Hatte sie sich mit dem Verschwinden von Mann und Tochter abgefunden? Soli bezweifelte es, und das schmerzte.

Schließlich ließen ihre Erinnerungen, ihre Befürchtungen, ihr Pläneschmieden nach, und sie schlief ein.

*

Ch’in war noch stattlicher, als man sich erzählte. Tatsächlich war er fett. Sein Angesicht hatte zwar Züge bewahrt, die in seiner Jugend hübsch gewesen sein mochten, doch über die Jugend war er schon lange hinaus. Nicht einmal die Pracht seiner Gewänder ließ ihn dem Auge angenehm erscheinen.

Soli konnte einen kurzen Blick auf ihn werfen, als sie am Examenstag aus dem Fenster spähte. Er besichtigte seine Truppen, wobei er sich nicht einmal der Mühe unterzog, sich aus dem gepolsterten Sitz seines von einem Fahrer gesteuerten offenen Wagens zu erheben. Und plötzlich wurde sie unsicher, ob sie seine Gefühle wecken und in die gewünschte Richtung würde lenken können. Er wirkte schon zu gesetzt und zu abgebrüht, um sich von einem Mädchen beeinflussen zu lassen.

Sie nahm eilig das Frühstück zu sich und machte sich sodann an ihre Toilette. Zuerst eine warme Dusche und dann ein strapaziös sorgfältiges Ankleiden, Schicht um Schicht. Dann kam das Kämmen, damit das Haar Glanz bekam. Nagelfeilen, Schminken, ein vollkommener Verwandlungsprozeß, um ein Mädchen in eine Dame zu verwandeln. Sorgfältig begutachtete sie sich im Spiegel.

Sie sah ein farbenprächtiges Wesen aus Röcken, Rüschen und Perlen und Gefunkel. Ihre Füße wirkten winzig in den kunstvollen Pantoffeln, das Gesicht elfenhaft unter dem ausladenden Hut. Keine Frau in Amerika trug solche Gewänder, doch fand sie ihr Aussehen nicht unattraktiv.

Die Examensfeier lief genau nach Plan ab. Fünfunddreißig Mädchen bekamen ihre Diplome ausgehändigt und marschierten sodann einzeln hinaus in den Hof, wo sie von den stolzen Eltern erwartet wurden. Soli war die letzte, ehrenhalber sozusagen, denn es war klar, das einem Mädchen, das auf sie gefolgt wäre, nur geringe Aufmerksamkeit zuteil würde. Zum Teil lag dies darin begründet, weil sie die einzige Vertreterin ihrer Rasse war. Doch sie wußte auch, daß sie, obwohl jünger als manche andere – nämlich erst dreizehn – eine Schönheit war. Sie wußte es, weil dieses Wissen ein Vorteil war, und sie besaß dazu die Anmut, sich richtig zu präsentieren. Hätte sie diese grundlegenden Techniken nicht erlernt, sie hätte das Examen nicht bestanden.

Ch’in erwartete sie, geschützt von einer Phalanx von Soldaten. Prächtig sah er aus in seiner quasi-militärischen Aufmachung mit Medaillen und Schärpen. Wäre seine Mitte schmaler gewesen, hätte er die vielen Orden gar nicht untergebracht. Aber ihm fehlte natürlich ein goldener Armreif, und darauf kam es an.

Sie lächelte ihm zu und wandte dabei den Kopf so, daß die Sonne ihre Augen und Zähne aufblitzen ließ. Dann ging sie auf ihn zu mit einer Haltung, die ihre Brüste und ihre Hüften zur Geltung brachte, und ihre schlanke Taille. Sie nahm seine Hände.

Ja, sie lieferte den Zuschauern den Auftritt, den Ch’in sich erkauft hatte. Sie mußte glänzen, um die eben absolvierte Ausbildung zu rechtfertigen. Äußere Erscheinung war alles.

Der Kaiser wandte sich um, und sie wandte sich mit ihm um, als wäre sie eins mit ihm und begleitete ihn zum kaiserlichen Wagen.

Die Menschen drängten sich hinter der Postenreihe zusammen, begierig, einen Blick auf den Kaiser und seine schöne Braut zu werfen. Die meisten waren Einheimische, die Ch’in im Moment keine Ergebenheit schuldeten, doch sie waren fasziniert, von den Zeichen der Macht – und wußten wohl, daß sie ihm morgen oder im nächsten Jahr – vielleicht sehr wohl Ergebenheit schulden würden. Eine ganze Anzahl Zuschauer kam von weither. Die Grenztruppen des Herrschers dieses Gebietes verhielten sich verdächtig zurückhaltend. Er wollte offenbar jeden Ärger mit Ch’in vermeiden.

In der Nähe des schimmernden Wagens stand ein ernster, mantelumhüllter Mann. Plötzlich wurde ihr Blick gefangen, sie sah genauer hin -»Sol!« flüsterte sie.

Der Anblick ihres Vaters, gänzlich unerwartet, nach fünf Jahren und Tausenden von Meilen, überwältigte sie. Sie hatte ihn zuletzt in Helicon gesehen, doch sein liebes Gesicht war ihr vertraut wie eh und je.

Ch’in hörte ihren leisen Ausruf und folgte ihrem Blick. »Wer ist dieser Mann?«

Die Soldaten reagierten unverzüglich und packten Sol. Da wurden seine Hände sichtbar und sie sah, daß sein linker Daumen fehlte.

Zunächst spürte sie einen Schock, dann aber übermannte sie Wut. Man hatte ihren Vater als Gladiator verkauft! Und völlig unvernünftig gab sie allein Ch’in die Schuld daran.

Sie schlug auf ihn ein und wandte dabei die Technik an, die Sosa sie gelehrt hatte. Ch’in schnappte nach Luft und schwankte. Die Soldaten zogen ihre Pistolen.

Und dann geriet Sol in Bewegung, teilte nach links und rechts Hiebe aus und stieß die Wachen beiseite. Ein Schwert blitzte in seiner Hand auf. Er sprang und kam neben Soli zu stehen, die Klinge an Ch’ins Kehle gelegt. Die festgefügte Kette der Soldaten riß, und die erstaunten Zuschauer drängten näher heran. Soli sah Gewehre im Anschlag und wußte, daß Sol auf der Stelle getötet würde, was immer er tat. Es waren ihrer zu viele, Soldaten und Waffen. Jemand würde sicher einen Schuß abgeben, auch wenn es dem Kaiser das Leben kostete.

Doch dann erhoben sich groteske Gestalten mitten in der Menge und fingen an, die Menschen wegzustoßen. Gladiatoren – die nun außerhalb der Arena wüteten. Hungrige Tiger hätten nicht verheerender wirken können! In wenigen Augenblicken waren alle Bewaffneten außer Gefecht gesetzt. Einige Waffen wurden abgefeuert, aber ohne jede Zielsicherheit. Das Handgemenge wurde allein durch Muskelkraft entschieden.

Sol stieß Ch’in rüde beiseite, legte den Arm um Soli und hob sie in den Wagen. Ein Riese schleuderte den Fahrer heraus und schwang sich selbst in den Fahrersitz. Der Motor heulte auf. Zwei weitere gewaltige Männer drängten herein und versetzten das Fahrzeug in gewaltige Schwankungen, als es sich in Bewegung setzte. Sie schwangen krumme schimmernde Schwerter bedrohlich gegen alle, die sich dem Wagen in den Weg stellten. Organisierter Widerstand konnte gar nicht erst entstehen.

Soli hielt sich fest und sah um sich. Plötzlich erkannte sie den Fahrer. Es war der Namenlose, der Mann, der geschworen hatte, Var zu töten!

Nun hörte man Schüsse und Schreie, denn die Soldaten hatten wieder zu den Waffen gegriffen, kaum daß die Gladiatoren losgefahren waren. Doch die Menge war so dicht, daß die Kugeln nur Unschuldige und nicht die Flüchtenden trafen. Endlich hatte der Wagen freie Bahn und raste über die Straße dahin. Soli hatte zunächst angenommen, das Fahrzeug sei nur Schaustück, doch es war tatsächlich eine voll funktionsfähige Maschine.

»Hoffentlich wird Var es schaffen«, sagte der Namenlose mit einem Blick nach hinten.

»Var?« fragte sie atemlos. »Ihr habt Var gefunden?«

»Er hat uns gefunden. Uns befreit und uns hierhergebracht. Wir waren – « Er hielt den Daumenstummel hoch.

»Ihr habt nicht gekämpft? Ihr und Var?« Aber das war ohnehin klar.

»Möchtest du wieder mit dem Wilden auf Wanderschaft gehen?« fragte er, statt eine Antwort zu geben.

Sie wunderte sich, warum der Namenlose an ihren Gefühlen Var gegenüber interessiert war. Doch sie antwortete: »Ja.«

Der Wagen jagte weiter – nordwärts.