Es wurde eine höchst unbehagliche Nacht. In Solis Sack fanden sich noch Proviant und etwas Kleidung, so daß Var sich innerlich und äußerlich ein wenig wappnen konnte. Doch die Härte der Träger, die Schärfe des immer wieder auffrischenden Windes, ihre zahlreichen Fleischwunden und die allgemeine Hoffnungslosigkeit ihrer Lage machten den Schlaf zu einem wahren Elend. Sie klammerten sich aneinander wie auf dem Gipfelplateau des Mount Muse, und flüsterten. »Schmerzt dein Kopf?« fragte Var und ließ die Frage beiläufiger klingen, als sie gemeint war.
»Ja. Ich muß mich wohl angeschlagen haben. Wie sind wir bloß aus dem Tunnel herausgekommen?«
Var sagte es ihr.
»Ich bin aufgewacht, als du mich auf die Beine stelltest«, sagte sie. »Ich hörte Stimmen und wurde geschüttelt, aber das alles war so weit weg, war vielleicht bloß ein Traum. Dann erwachte ich wieder und sah Wasser, wußte aber nicht, was gerade geschah und rührte mich nicht. Als du mich in den Bau schlepptest, war ich wieder ganz munter, wußte aber schon, daß ich mich da raushalten mußte. Ich hielt die Augen geschlossen, deswegen weiß ich nicht genau, wie alles war.«
Damit war erklärt, wieso sie so schnell auf die Beine gekommen war, als sie offiziell erwachte. Sie war so schlau gewesen, sich totzustellen, bis sie mehr wußte. Für Var war das zwar hart gewesen, doch er wußte, daß es sonst leicht noch schlimmer gekommen wäre. Die Amazonen waren sanfter mit ihm umgegangen, weil er für sie keine große Bedrohung darstellte, solange er das bewußtlose Mädchen mit sich schleppte.
»Diese Männer«, fuhr sie fort, »die waren fast so wie mein Vater. Bloß ist er kein Schwächling.«
Var wußte das. »Es waren Kastraten.«
»Aber diese Bienenhaus-Männer – wie konnten die -?« fragte sie.
Er wußte es nicht und wollte darüber keine Mutmaßungen anstellen. Dies war nun wirklich kein Gesprächsthema für ein weibliches Wesen, schon gar nicht für ein neun, ja fast zehnjähriges Mädchen.
»Var, was machen wir jetzt?« fragte sie nach einer Weile.
»Wenn es hell wird, könnten wir hinunterklettern und schwimmen. Vielleicht könnten wir so um den Strahlungsbereich herumkommen.«
»Ich kann nicht schwimmen.«
Sie war im Berg aufgewachsen. Sie hatte nie Gelegenheit gehabt, sich im offenen Wasser zu tummeln. Und während des Sommers und des Winters und des zweiten Sommers, die sie miteinander gewandert waren, hatte sich nie eine Gelegenheit zum Schwimmen geboten. Was sollten sie jetzt also anfangen?
»Wirst du es mir beibringen?« fragte sie schüchtern.
»Ich werde es dir beibringen.«
Schließlich schliefen sie doch ein. Der Wind legte sich, und das verbesserte die Lage.
Als wären sie ihrer Beute schon ganz sicher, hatten die Amazonen die zwei Flüchtlinge nicht unter Bewachung gestellt. Am nächsten Morgen stiegen Var und Soli unter einigen Schwierigkeiten zum Wasser ab. Er zeigte ihr die Schwimmbewegungen und wies sie an, sie solle den Kopf über Wasser halten. Soli hatte diese Kunst rasch gemeistert, spritzte aber viel Wasser auf und hielt sich eng an seiner Seite. »Es ist so tief!« rief sie aus. Sie schwammen westwärts, die Brücke entlang.
Die Strahlung kam, und sie mußten hinaus in den Ozean ausweichen. Soli bekam es mit der Angst zu tun, doch beide wußten, daß es keine andere Möglichkeit gab. Nach einer Weile mußte er Wassertreten, während sie sich erschöpft an ihn klammerte. Ob die Tropfen auf ihrem Gesicht vom Wasser herrührten oder Tränen waren, konnte er nicht unterscheiden. Es stand jedenfalls fest, daß sie müde, verängstigt und verzweifelt war. Var überlegte, ob es günstig wäre, ein Boot zu stehlen, entschied sich dann aber dagegen. Sie wollten ja verborgen bleiben und nicht durch solche Aktivität ihre Anwesenheit zu erkennen geben. Am sichersten waren sie auf der Brücke, wenn sie nur erst die Strahlung hinter sich gelassen hätten!
Sie kamen nur langsam voran. Mehrmals gelangten sie sicher zu einem Pfeiler und hielten sich fest, während Soli jede Menge Salzwasser ausspuckte. Ihre Lippen waren blau, ihr Gesicht elend. Schließlich kletterte Var an einem Pfeiler hoch und kroch steifbeinig weiter, bis er wieder auf Strahlung stieß. Sie mußten wieder weiterschwimmen.
Beim nächsten Versuch, eine halbe Stunde später, war keine Strahlung mehr spürbar. Er half ihr hinauf. Die Sonne zeigte sich, und sie aalten sich in der Wärme und aßen aufgeweichtes Brot aus dem Sack.
Und dann ging es die ebene Straße entlang in Richtung China. Durch den Verlust von Vars Sack waren ihre Vorräte auf die Hälfte zusammengeschmolzen, aber es bestand immerhin die Hoffnung, daß sie Fische fangen konnten. Und falls es unterwegs noch andere Inseln gab, fanden sie dort vielleicht Früchte oder Beeren oder wenigstens Ratten.
Später am Tag senkte sich die Straße hinunter auf eine Insel, eine viel größere, mehrere Meilen messende, mit Bäumen und Seehunden und Vögeln und Häusern.
Sie mußten auf der Hut sein, denn es konnten immerhin hier Menschen leben, und ihr Bienenhaus-Erlebnis hatte sie gelehrt, ihren eigenen Spezies nicht über den Weg zu trauen. Var hatte die wahre Stärke des Irren-Nomaden-Systems noch nie zuvor richtig eingeschätzt und begriff auch jetzt noch seine Mechanismen nicht zur Gänze. Aber die Menschen seiner Heimat waren irgendwie zivilisiert und unterschieden sich von denen im Bienenhaus. In Amerika brauchte kein Mensch Kastration oder einen Kampf außerhalb des Ringes fürchten.
Die Insel war unbewohnt. Sie entdeckten alte Konservendosen, rührten diese aber nicht an. Stellenweise wuchsen spärliche Beeren, und die sammelten sie als willkommene Ergänzung ihrer Vorräte. Eines der Häuser erschien ihnen einigermaßen intakt, und sie machten sich daran, die Ratten daraus zu vertreiben. (Soli erklärte, sie könnte auf das Verzehren von Ratten noch verzichten.)
Es dämmerte schon, als sie näher kommendes Motorengeräusch hörten. Sie versteckten sich und lugten durch ein schmutzstarrendes Glasfenster hinaus. Ein Boot voller Amazonen legte am Strand an. Diese Insel war also ihr Plündergebiet.
Die Frauen gingen an Land und unterzogen das Gebiet einer gründlichen Durchsuchung. Es sah aus, als kämen sie nur selten hierher, andernfalls hätten sie es nicht so gründlich durchkämmen müssen. Ein wahres Glück, daß sie dem Haus, in dem Soli und Var sich versteckt hielten, nicht nahe kamen. Als nächstes kamen ein paar Kastraten an Land. Sie wurden zu jenen Stellen getrieben, wo Beeren wuchsen, und mußten sich mit ihren Körben auf Beerenlese machen, während die panzertragenden Frauen sich abwechselnd Waffenübungen unterzogen.
Nach zwei Stunden waren die Körbe voll, und die Männer bestiegen die Boote. Var und Soli atmeten auf. Erschraken aber, als nun zwei Menschen an Land gingen und direkt auf die Häuser zukamen. Ein junger Mann und eine Frau. Sie gingen ganz langsam, der Mann trübsinnig voran, während die Frau ihn dauernd weiterschubste.
»Hier«, sagte sie und blieb vor einem Haus stehen. Sie stieß die Tür auf. Holz und Mörtel prasselten herunter, und die Frau wurde von starkem Hustenreiz gepackt.
Sie versuchte es beim nächsten Haus, dessen Tür aber versperrt war. Sie schien eine kräftige Frau zu sein und wirkte recht robust in ihrer Rüstung, doch die Tür gab nicht nach. Var hatte am Abend zuvor dieselbe Erfahrung machen müssen.
Schließlich kam die Amazone zu dem Haus, in dem Var und Soli sich versteckten.
Die Flüchtlinge hatten im hinteren Raum Zuflucht gesucht, als die Tür aufgerissen wurde.
»Gut«, sagte die Amazone. »Hier ist alles halbwegs in Ordnung. Kaum zu glauben, daß es seit Jahren unbewohnt ist.«
Var wagte kaum zu atmen, während er aus dem dunklen Hinterzimmer herausspähte. Soli tat es ihm gleich. Es gab zwar einen Hinterausgang – das hatten sie herausgefunden, noch ehe sie hier eingezogen waren –, doch diese Tür quietschte laut, und man hätte ihre Flucht sofort entdeckt. Dann hätten sie die zwei Besucher töten müssen, und die Jagd hätte wieder begonnen, diesmal ohne Strahlung, hinter der man in Deckung gehen konnte. Andere Paare drangen in die benachbarten Häuser ein. Das konnten sie deutlich hören. Jedes noch so leise Geräusch würde alle aufscheuchen. Besser, man wartete ab.
»Ausziehen!« sagte die Frau so gebieterisch wie die verblichene Königin. Resigniert kam der Mann der Aufforderung nach. Var, sah nun, daß er verstümmelt, aber nicht kastriert war.
Nun zog sich die Frau vom Helm bis zu den Beinschienen aus.
Lächelnd stand sie da.
Und Var wurde schlagartig klar, daß die beiden hergekommen waren, um Sex zu machen! Und die anderen Paare ebenso. Er sah zu Soli hinüber. Was die Kleine sich wohl denken mochte! Aber er konnte ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht ausmachen.
»Eine neue Königin wird gebraucht«, murmelte die Amazone und führte den Mann zu der kümmerlichen Matratze, auf der Var die Nacht verbracht hatte. »Ich habe vier gesunde Mädchen geboren. Noch eines, und ich kann mich am Wettbewerb um die Zucht-Führung beteiligen und mich um das Amt der Königin bewerben, wenn ich erst die anderen Bewerberinnen getötet habe… Du, mein Schönster, hast mir zu zweien dieser Töchter verholfen, und du sollst reich belohnt werden, wenn du mir noch ein Mädchen schenkst.«
»Ja«, äußerte der Mann bar jeder Begeisterung.
»Wenn du mich enttäuschst und nur einen Jungen machst, wird es dir übel ergehen.«
Der Mann nickte ergeben.
Enttäuscht mußte Var feststellen, daß er so etwas wie Neugier verspürte. Er hätte zu gern gesehen, was sich nun tat. Es war schrecklich – aber überwältigend.
Var, der sich ins Lauschen zu sehr vertieft hatte, verlor plötzlich das Gleichgewicht und polterte in den angrenzenden Raum.
Und dann ging alles ganz schnell. Var und Soli waren ertappt worden und mußten kämpfen. Noch ehe Var richtig wußte, was passiert war, lag das Amazonenpaar schon leblos auf dem Boden. Von den Booten und den anderen Hütten her hörte man Geschrei als Reaktion auf den kurzen Kampf. Var nahm der Amazone Pfeil und Bogen ab, Soli nahm den Speer. Dann rafften sie ihre eigenen Habseligkeiten zusammen und liefen durch die Hintertür hinaus. Trotz der Klemme, in der sie sich nun befanden, bedauerte Var, daß er nicht gesehen hatte, wie die Amazonen sich paarten. Ob er es je erfahren würde?
Bewaffnete Frauen stürmten vom Boot heran oder tauchten ein wenig ramponiert aus den Häusern auf. Fünf davon liefen auf Var und Soli zu, während die Männer unschlüssig am Strand auf und ab liefen. Drei hielten auf das eben verlassene Haus zu. Zwei sonderten sich ab und sicherten den Weg zur Brücke. Var sah, daß dieser Weg nun aussichtslos war. Die Frauen waren stark und die Chancen von fünf zu zwei bei hellichtem Tag standen eindeutig beim Gegner. Und die Männer würden natürlich ihren Weibern zu Hilfe kommen.
»Das Boot!« flüsterte Soli durchdringend. »Hier entlang!«
Var wußte, daß diese Richtung der reinste Irrsinn war. Soli aber lief bereits in rechten Winkeln auf den Weg des sich nähernden Trios zu. Er mußte ihr nach oder sie im Stich lassen. Rufen konnte er nicht, denn so hätten sie sich auf der Stelle verraten. Also lief er ihr nach. Sie hielt im Bogen auf das Boot zu. Die Amazonen, die auf dieses Manöver nicht gefaßt waren, beschränkten sich bei ihrer Suche auf die Häuser. Er hörte, wie sie aufkreischten, als sie das tote Paar fanden und wie sie durch die Häuser polterten. Soli hielt an, ehe sie auf die Männer bei den Booten stießen.
»Das sind Schwächlinge«, sagte sie atemlos. »Die kämpfen bestimmt nicht. Wenn wir sie anschreien und auf sie zustürmen, dann laufen sie weg.« Und sie setzte sich schreiend in Bewegung.
Wieder mußte Var ihr einfach folgen.
Die Männer stoben auseinander, obwohl sie zu viert waren, und voll ausgewachsen, Var staunte nicht wenig.
»Jetzt ins Boot!« rief Soli und kletterte auch schon an Bord.
Kaum hatte Var sich neben sie gesetzt, merkten die Amazonen, was passiert war und schlugen Alarm.
»Den Motor anwerfen!« rief Soli.
Er starrte sie verständnislos an.
»Schnur ziehen!« rief sie. Sie faßte nach einem Griff und zog heftig. Eine Leine hing daran, und gleich darauf ertönte ein Knall. Var fiel ein, daß er eine Amazone dasselbe hatte tun sehen, als man ihn und Soli im Boot zum Bau geschafft hatte.
Er faßte nach der Leine und zerrte mächtig daran. Die Leine gab ein ganzes Stück nach, der Motor heulte auf.
»Ich übernehme das Steuer!« übertönte Soli den Lärm. Sie hantierte an einem Rad herum. Zu Vars Verwunderung setzte das Boot sich in Bewegung. Soli wußte also, was sie da machte.
Unter ihrer Anleitung legten sie ab und glitten in tieferes Gewässer. Die Amazonen kamen gelaufen und schleuderten ihre Speere nach ihnen, doch war die Entfernung schon zu groß. Da gingen die Frauen in die Knie und brachten die Bogen in Anschlag.
Soli zog an einem anderen Griff, und der Motor vervielfachte sein Dröhnen. Das Boot tat einen Satz nach vorne.
Nun kamen die Pfeile dahergeschwirrt. Und es waren keine schlecht gezielten Schüsse. Der Maschinenbereich blieb ausgespart, den wollten die Schützinnen offenbar nicht beschädigen. Sie konzentrierten sich auf die Bootsinsassen. Und sie verfehlten ihr Ziel nur knapp. Nur Dank Solis Geschick mit dem Steuer entkamen sie dem ersten Pfeilhagel.
Schon lag die zweite Salve Pfeile im Anschlag, und diesmal würden sie treffen, trotz der immer größer werdenden Entfernung. Var nahm einen der runden Lederschilde der Amazonen und hielt ihn schützend hinter Solis Rücken, denn sie konnte den Pfeilen nicht ausweichen, während sie das Steuer hielt.
Drei Pfeile bohrten sich in den Schild. Tödliche Pfeile, wären sie nicht vom Leder aufgefangen worden. Zwei Pfeile trafen Var, der eine in den rechten Arm, der andere in den Unterleib. Er ließ sie stecken, nahm den Schild in die andere Hand und kniete hinter Soli nieder. So schützte er sie mit seinem Körper und dem Schild gleichzeitig.
Zwei weitere Pfeile schlugen dumpf ins Leder, schon mit geringerer Kraft. Ein weiterer Pfeil ritzte sein ungeschütztes Bein. Und einer surrte an seinem Kopf vorüber und schlug neben Soli ins Holz.
»Var, kannst du nicht…«, schimpfte sie, über die Schulter blickend.
Jetzt erst merkte sie, wie es um ihn stand. Sie schrie auf. Var verlor das Bewußtsein.