VII

Der Eingang war nur ein Loch im Boden einer Höhle, in dem das Wasser während eines Unwetters verschwand. Darunter aber weitete sich der Durchlaß zu einem Gewölbe aus, in dem er fast aufrecht stehen konnte. Hier blieb Var eine ganze Weile, reglos, bis er im Dunkeln sehen konnte und alle Gerüche in sich aufgenommen hatte.

Er wußte, in welcher Richtung der Berg lag. Dieser Orientierungssinn, wie auch der Geruchssinn und die ausgezeichnete Nachtsicht und seine Fähigkeit, gebückt zu laufen, waren ihm von seinem Leben in der Wildnis geblieben. Ja, eigentlich war er noch immer in der Wildnis zu Hause. Er streifte die Schuhe ab. Gemocht hatte er sie nie besonders, und für seine Aufgabe waren die hufähnlichen Zehen besser geeignet.

Noch immer drang Wasser ein, aber der Hauptteil der Höhle war trocken. Am Boden lag Kies. Die Seitenwände waren glitschig. Moosähnlicher Schwamm wuchs daran. Auf eine bloße Vermutung hin, die seine Beobachtungsgabe ihm eingab, nahm Var seinen Stock und kratzte damit an der Wand. Unter der schleimigen Lebensschicht knirschte Metall auf Metall.

Diese Höhle war also nicht natürlich. Der Herr hatte schon angedeutet, daß dies der Fall sein könnte. Der Berg als Ganzes sei künstlich, hatte er gesagt, obwohl auch der Herr nicht wußte, wie das alles entstanden sein konnte.

Die Chancen, daß eine künstliche Höhle mit einem künstlichen Berg in Verbindung stehen konnte, standen gut.

Augen, Ohren und Nase hatten sich an die Umgebung gewöhnt, und Var konnte weiter vordringen. Seine Aufgabe war es, einen Weg in den gefürchteten Berg zu finden und kartographisch festzulegen. Einen Weg, der die Verteidigungsanlagen an der Oberfläche umging und der für Menschen begehbar war. Fand er diesen Weg, ohne daß die Unterweltler es merkten, dann war dem Imperium ein nahezu unblutiger Sieg gewiß. Gab es diesen Weg nicht, dann kam es zu einem an der Oberfläche geführten, schrecklichen Kampf. Von seiner Mission hingen Menschenleben ab, ja vielleicht sogar das Leben des Herrn.

Er kam nun zu einer Gabelung im Tunnel. Die auf den Berg zu führende Röhre war voller Schotter und losen Steinbrocken. Die andere war breit und sauber. Var wußte warum: Bei starkem Regen nahm das Wasser diesen Weg und riß alle Hindernisse mit sich fort. Er würde dem Lauf des Wassers folgen müssen, um sicher zu sein, daß er überhaupt irgendwohin gelangte, doch würde er daneben sorgfältig das Wetter beobachten müssen, damit das Wasser ihn nicht einholte. War es möglich, ein Unwetter vorauszusehen – unter der Erde?

Der Gang wurde breiter, je höher er anstieg. Die Wände waren metallisch und fast senkrecht. Ganz oben sah man nun deutlich Metallverstrebungen. Der Boden verbreiterte und vertiefte sich, und Var spähte vorsichtig hinunter und entdeckte glitschigen Schlamm und darin Bewegung: Würmer, Larven und Ärgeres. Es hatte Zeiten gegeben, da er sie mit Genuß verzehrt hatte, doch inzwischen hatte die Zivilisation seinen Geschmack beeinflußt.

Er tastete mit dem Fuß die ebene Fläche der oberen Plattform ab. Unter der verkrusteten Schmutzschicht lag ein Fliesenboden. Die Geräusche erweckten den Eindruck von Festigkeit.

Der Herr hatte ihm gesagt, in diesem Bereich gäbe es viele Gegenstände aus der Zeit vor dem großen Blitz. Die Alten hatten Gebäude und Tunnels und wundersame Maschinen gebaut, und davon war einiges erhalten, obwohl kein Mensch ihre Funktion durchschaute. Var war nicht annähernd imstande, den Sinn eines großen, langen Raumes mit verfliestem Boden und einem tiefen, raumteilenden Graben zu erfassen.

Er ging weiter, lauschte auf alle verdächtigen Geräusche und sog prüfend die abgestandene Luft durch die Nase. Seine Augen waren zwar nachtsichtig, aber in dieser absolut lichtlosen Schwärze konnte auch er nicht viel erkennen.

Schließlich verengte sich die Plattform, und die Wand ging schräg in die Senke über. Der einzige Weg, der übrig blieb, führte hinunter. Die Alten konnten ihn unmöglich zum Gehen benutzt haben, da er ins Nichts führte. Sie seien wie die Irren oder wie die Unterweltler gewesen, hatte der Herr gesagt, nur noch schlimmer. Ihre Motive waren undurchschaubar. Dieser Gang hier war der beste Beweis. So viel Mühe und Aufwand für eine gänzlich sinnlose Konstruktion…

Vorsichtig kletterte er hinunter. Die Senke war nur wenige Fuß tief und auch nicht weiter gefährlich. Es war das Leben im Schlamm, das ihn Vorsicht walten ließ. Bei unbekannten Lebewesen wußte man nie, welche unangenehmen Überraschungen einem bevorstanden.

Doch der Schlamm erwies sich als härter, als es zunächst ausgesehen hatte. Daran war nur die Dunkelheit schuld. Aus dieser dunklen Masse hoben sich zwei schmale Metalleisten ab, die in einigen Fuß Entfernung parallel zueinander lagen. Ganz fest waren sie, und ließen sich nicht biegen und nicht bewegen, gleichgültig wieviel Kraft er auch aufwandte. Und sie reichten, so weit er sehen konnte. Er entdeckte, daß er, wenn er auf einer balancierte und so weiterging, nicht mit dem Schmutz in Berührung kam, und das war immerhin etwas.

Er ging weiter. Seine Huf-Zehen, die auch durch das Tragen von Schuhen nicht weicher geworden waren, schlugen schwer aufs Metall, bis er endlich das richtige Gefühl dafür bekommen hatte. Er konnte nun trotz Dunkelheit und schmaler Trittfläche gut das Gleichgewicht halten. Der Tunnel erstreckte sich ins Unendliche und führte nicht auf den Berg zu. Er zögerte weiterzugehen, weil er die Wassermassen eines Unwetters fürchtete, vor denen es womöglich kein Entkommen gab. Dann aber wurde ihm klar, daß der Tunnel so groß war, daß es lange dauern würde, bis er sich gänzlich füllte, und dazu bemerkte er schleimige Wasserstandspuren an den Wänden, bloß zwei, drei Fuß über den Schienen. Sollte es wirklich zum Äußersten kommen, konnte er schwimmen oder weiterwaten.

Aber auch so war das Weiterverfolgen des Ganges zwecklos. Er machte wieder eine Biegung, entfernte sich immer mehr vom Berg und wurde daher für die Zwecke des Herrn unbrauchbar. Er wollte noch fünf Minuten weitergehen und dann kehrtmachen. Doch er mußte bereits nach einer Minute haltmachen. Der Tunnel endete hier. Oder vielmehr er wurde durch etwas blockiert. Durch einen gewaltigen Metallstöpsel mit Verankerungen und Ringen und Spalten.

Var hieb mit dem Stock darauf ein. Das Ding war hohl, aber fest. Es lag auf den Schienen auf, und war ein wenig erhöht, so daß es den Boden nicht berührte.

Ob hinter diesem Hindernis eine Kreuzung oder Abzweigung lag? Var suchte nach einem festen Halt und zog sich an dem Stöpsel hoch. Er mußte herausbekommen, ob es oben einen Durchgang gab.

Es gab ihn. Er steckte den Kopf hinein und atmete die muffige Luft ein. Ein Klopfen auf die Seitenteile klang metallisch. Schließlich kletterte er durch die Öffnung.

Der Boden dahinter war höher, als man von draußen sehen konnte, und mit einer dicken Schicht von Schmutz bedeckt. Hier roch es wie in einem der Häuser im Ödland. Es gab Vorrichtungen, die waren wie Sitze, und dann etwas in regelmäßigen Abständen, das Fenster sein konnten, nur war der Zwischenraum zwischen diesen Öffnungen und der nackten Tunnelwand sehr gering. Und alles war finster. Seine Augen waren nutzlos, und die Ohren von der langen Stille überreizt. Var mußte schließlich die Taschenlampe der Irren zu Hilfe nehmen, die der Herr ihm gegeben hatte. Denn es gab hier Leben.

Vor ihm rührte sich etwas. Var unterdrückte den Reflex hochzuspringen und richtete den Lichtstrahl auf das Geräusch, während er seine Augen mit der anderen Hand vor der Helligkeit abschirmte.

Eine Ratte war es, ein geflecktes Tier mit großen Augen, das mit schmerzlichem Aufquietschen vor dem Licht floh.

Var wußte: Ratten traten nie einzeln auf. Wo eine existierte, da konnten auch Hunderte leben. Und wo Ratten hausten, da gab es auch Raubtiere. Vielleicht nur kleine – Wiesel, Nerze, Mungos – wahrscheinlich aber sehr zahlreich. Auch die Ratten konnten in größerer Zahl gemeingefährlich werden, wie ihn seine Erfahrung in den Ödland-Häusern gelehrt hatte.

Er lief den schmalen Gang zwischen den Sitzen entlang, auf den Ausgang zu, den ihm seine Taschenlampe zeigte. Er mußte sich beeilen, ehe sich hier zu viele dieser Tiere zusammenrotteten. Ratten ließen sich nämlich nicht lange grundlos einschüchtern. Hinter der Tür lag eine Art Kammer und wieder eine Tür. Wieder so eine geheimnisvolle Anlage der Alten!

Und in dieser Kammer lag eine Schlange. Ein Tier von mehreren Fuß Länge. Nicht giftig, wie er annahm, aber unbekannt, möglicherweise eine Mutation. Er wich zurück.

Hinter ihm hatten sich die Ratten bereits formiert. Var schritt mitten durch ihre Scharen, indem er seinen Lichtstrahl jeweils dorthin richtete, wo er seinen nächsten Schritt setzte. Die Ratten wichen zappelnd zurück. Doch hinter ihm schlossen sie sich wieder dicht zusammen und zeigten drohend ihre kleinen Zähne. Viel zu angriffslustig für Vars Geschmack. Er war da in ein scheußliches Nest geraten, und auf ihrem eigenen Gebiet konnten Ratten frech werden.

Er kletterte aus dem Fenster und ließ sich auf den nassen Boden des Tunnels fallen. Seine Füße versanken im Schlamm. Der Boden war hier weicher. Var knipste die Taschenlampe aus, wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und suchte wieder eine Schiene, auf der er den Rückweg durch den Tunnel antreten konnte.

Er mußte einen anderen Weg in den Berg finden. Nicht die Ratten und Schlangen waren es, die ihn hier hinderten, sondern die Wahrscheinlichkeit, daß hier noch andere Tiere lauerten. Ein größerer Trupp Menschen würde sie alle aufscheuchen. Und die Richtung stimmte ohnehin nicht.

Doch so einfach sollte er hier nicht wegkommen. Er spürte, daß etwas Leises den Tunnel entlangkam. Er spürte den Luftzug und ging nervös in Verteidigungsstellung. Es war eine Fledermaus, die erste von vielen.

Wie ernährten sich diese vielen Tiere? Hier existierten keine Grünpflanzen, nur Schimmel und Pilze. Und Insekten. Jetzt hörte er ihr Geflatter und Gekrabbel, als sie sich von der Fledermaus aufgescheucht aus ihren myriaden Schlupfwinkeln in die muffige Luft erhoben.

Widerstrebend ließ er seine Lampe aufleuchten.

Es waren weiße Falter darunter.

Vars Herz pochte. Er konnte diesen tödlichen Insekten nicht ausweichen, er konnte nur still stehen – und das brachte wieder andere Gefahren mit sich. Er mußte weiter, und wenn er dabei einem Falter in die Quere kam… es blieben ihm zwei Stunden, an die Oberfläche zu kommen und Hilfe zu holen, ehe das Gift ihn in eine totale und möglicherweise tödliche Bewußtlosigkeit stürzte. Mit Sicherheit tödlich, wenn es ihn hier unten in den Tunnels übermannte, wo kein Mensch ihn je finden würde. Auch wenn er nur einen kleinen Stich abbekam, der ihn nur schwächte. Der Regen würde bald kommen… oder die Ratten und die Schlangen.

Aber nicht alle weißen Falter waren Mutanten wie im Ödland. Diese da sahen kleiner aus. Vielleicht waren sie harmlos.

Falls sie doch zu der todbringenden Sorte gehörten, dann war dieser Weg hier unbrauchbar. Für Menschen unpassierbar, auch wenn er geradewegs zum Berg führte. Eine weitere Erkundung hatte keinen Sinn.

Am besten, man verschaffte sich sofort Gewißheit. Var lief die Schiene entlang, bis er eine der hohen Plattformen erreichte. Er kletterte hinauf, orientierte sich kurz und erkannte den Ausgangspunkt seines Weges. Er machte Jagd auf einen weißen Falter und fing einen zwischen den zwei gewölbten Handflächen. Nur seine Finger waren ungeschickt, aber die Gelenke und Handflächen konnte er geschickt einsetzen.

So hielt er das Insekt zwischen den Händen, voller Angst, aber mit grimmiger Entschlossenheit. Dreißig Sekunden lang stand er so da und beobachtete seine zitternden, schweißnassen Finger.

Der Falter flatterte in seinem Kerker, aber Var spürte keinen Einstich. Er drückte sachte zu, und das Tier wollte sich freikämpfen.

Schließlich ließ er es frei. Der Falter war harmlos.

Nun machte er eine Pause und wartete ab, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Eher wäre er mit lahmen Händen gegen einen Meister im Schwertkampf im Ring angetreten als wieder gegen einen Ödland-Falter. Aber er wußte jetzt, daß der Weg frei war.

Er durchquerte die Doppelgleis-Senke und gelangte zur anderen Plattform. Von hier aus führten Tunnels in die richtige Richtung. Er schalt sich, daß er sie vorhin nicht bemerkt hatte, entschied sich für einen Tunnel und machte sich auf den Weg.

Und hielt sogleich inne. Seine Haut brannte.

Hier gab es Strahlung. Sehr intensive Strahlung.

Er machte kehrt und versuchte es mit einer anderen Abzweigung. Doch traf es ihn noch früher. Unpassierbar.

Er versuchte einen dritten. Diesmal kam er etwas weiter, stieß schließlich aber wieder gegen eine Strahlungsmauer. Es war, als wäre der Berg durch Röntgen abgeschirmt.

Blieb also nur der Tunnel mit den Schienen, der in die andere Richtung führte. Vielleicht konnte man damit die tödlichen Strahlen umgehen. Er mußte es ausprobieren.

Var sprang hinunter und lief die Schienen entlang. Er kam weiter als vorhin, denn jetzt setzte er seine Schritte schon viel sicherer. Der Tunnel machte eine Biegung in Richtung Berg.

Immer weiter führte er, meilenweit. Var kam an einer langen Reihe von Plattformen vorbei und spürte einen Hauch von Strahlung. Aber noch ehe er haltmachen und umkehren konnte, war die Strahlung auch schon vorbei, und er konnte weiter. Für einen längeren Aufenthalt war dieser Bereich nicht geeignet.

Der Schotter zwischen den Schienen wurde gröber, die Wände rauher und gefurchter, so als wäre diese Region durch gewaltigen Druck erschüttert und zusammengepreßt worden. Während seiner in der Wildnis verbrachten Jahre hatte er zusammengebrochene Bauwerke dieser Art gesehen. Er fragte sich, ob Schutt und Strahlung irgendwie miteinander in Verbindung standen. Eine müßige Spekulation.

Er war dem Berg schon sehr nahe, als er eine dritte Erweiterung des Tunnels mit einer weiteren Plattform erreichte. Überall stieß er dort auf Geröll und an manchen Stellen auch auf Strahlung. Er lief schnell weiter, da ihm die Wände hier recht brüchig erschienen. Ein Ödland-Bau in diesem Zustand wäre bei dem kleinsten Anlaß zusammengebrochen, und hier würde sich herabfallendes Gestein besonders verheerend auswirken.

Schließlich waren die Schienen zu Ende. Verbogenes Metall ragte turmartig in die Höhe, dahinter türmten sich Gesteinsmassen und machten den Tunnel unpassierbar.

Var ging den Weg zurück zur dritten Plattform. Er erkletterte die zum Berg hin gelegene Seite, wich sorgfältig dem Geröll aus und gab acht auf eventuelles Hautbrennen. Immer wenn er Strahlung spürte, wich er aus. Der Herr hatte eine völlig strahlungsfreie Route verlangt, denn gewöhnliche Menschen waren der Strahlung gegenüber anfälliger als Var, trotz ihrer Fähigkeit, diese Strahlung mit klickenden Kästchen aufzuspüren.

Zwei Gänge waren auf diese unsichtbare Weise versperrt. Der dritte erwies sich als einigermaßen passierbar. Große Haufen von Losung zeigten an, daß Tiere diese Passierbarkeit bereits entdeckt hatten. Dies wiederum ließ drauf schließen, daß der Gang zu einem Ziel führte, vielleicht an die Oberfläche, denn Tiere würden in so großer Zahl nicht in eine Sackgasse laufen.

Der Gang verzweigte sich, die Alten hatten sich offenbar nicht für eine Richtung entscheiden können – und wieder wählte Var jene Abzweigung, die zum Berg führte.

Doch hier war der Bau eines Tieres, eines großen Tieres. Der Kot war groß und frisch, die Ausscheidung eines Fleischfressers. Schon konnte Var die Ausdünstungen riechen, und dann hörte er die Schritte.

Er hätte davonlaufen können, blieb aber stehen und wartete, weil er wissen mußte, was hier lauerte. Vorsichtig richtete er den Lichtstrahl in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Ratten huschten aufgeschreckt davon. Und dann erschien ein plumper Schädel, froschähnlich, mit Glotzaugen und Hornschnabel. Ein zahnloses Maul, darin ein rosa Aufblitzen. Eine Ratte quietschte, tat einen Sprung und wurde von einem rosa Band in die Mundöffnung gezerrt. Eine überlange, klebrige Zunge war ihr zum Verhängnis geworden.

Der Lichtstrahl tanzte über ein Glotzauge, und das Tier zwinkerte und wich aus. Es sah aus wie ein ungeheurer Salamander. Als Var vor ihm zurückwich, kam der gewaltige Leib, etwa fünf Meter lang, zum Vorschein. Die Haut schimmerte geschmeidig. Die Beine waren plump, der Schweif kurz.

Var war nicht ganz sicher, ob er das Tier mit seinen zwei Stöcken würde töten können, aber er konnte es verletzten und zurücktreiben. Er sah nun, daß er eine Amphibienmutation vor sich hatte. Die feuchte Haut und die flossenähnlichen Gliedmaßen waren Anzeichen dafür, daß das Tier viel Zeit im Wasser zubrachte. Und noch etwas fiel ihm auf. Var verspürte ein leichtes Hautbrennen. Das Tier war also radioaktiv.

Dies bedeutete, daß es hier Wasser gab, vermutlich einen überfluteten Tunnel, Wasser, das ins strahlenverseuchte Gebiet reichte und verseucht war. Und es existierten sicher noch andere Wesen dieser Art. Also war dieser Weg für den Menschen auch nicht geeignet.

Var drehte sich um und spurtete los, nicht weil er das Tier fürchtete, sondern weil er seine Nähe meiden wollte. Gegen den Riesensalamander vorzugehen, war nicht notwendig.

Blieb also nur die andere Abzweigung. Er lief weiter, getrieben von der immer knapper werdenden Zeit. Außerdem machte sich der Hunger bei ihm bemerkbar. Er hätte sich auch so eine lange Zunge gewünscht, die die Jagd erleichterte. Der Mensch mußte eben auf manche Vorteile verzichten.

Der Tunnel weitete sich, und am anderen Ende dieser Erweiterung sah er Licht.

Kein Tageslicht. Es war vielmehr der gelbe Schein einer elektrischen Birne. Er hatte den Berg erreicht.

Der Gang war hier sauber und breit. Kisten waren übereinandergestapelt und boten ihm ein wenig Deckung. Dies mußte ein Lagerraum sein.

Seine Mission war erfolgreich beendet. Er konnte nun kehrtmachen und die bewaffneten Truppen hier hereinführen. Sicher ging es von hier aus weiter in die Zentralbereiche des Berges. Und hier war die Stelle, von wo aus die Männer ihren Angriff beginnen konnten.

Dennoch – er wollte sich vergewissern, denn es war nicht auszudenken, wenn durch einen Zufall der Weg doch nicht offen gewesen wäre. Er wagte sich weiter vor, immer hinter den Kisten Deckung suchend, obwohl niemand zu sehen war. Da entdeckte er am anderen Ende eine geschlossene Tür. Vorsichtig schlich er näher. Er faßte nach der sonderbaren Klinke…

Und hörte Schritte.

Var wollte sofort in Richtung Tunnel davon, merkte aber, daß er dazu keine Zeit mehr hatte. Er drückte sich hinter die Kisten, als auch schon die Tür aufging. Er wollte zunächst abwarten. Entdeckte man ihn, konnte er den Mann töten und die Flucht ergreifen. Er faßte nach seinen zwei Stöcken. Dabei wagte er nicht einmal einen Blick aus seiner Deckung heraus, weil er eine Entdeckung fürchtete.

Die Schritte kamen auf ihn zu, sonderbar leichte und rasche Schritte. Als die Person an ihm vorüberging, steckte Var vorsichtig den Kopf hervor und riskierte einen Blick.

Es war eine Frau.

Er umfaßte die Stöcke fester. Wie sollte er eine Frau töten? Im Ring kämpften nur Männer. Zwar waren die Frauen nicht ausdrücklich davon ausgeschlossen. Es mangelte ihnen aber an Intelligenz und Geschick, und überdies bestand ihre Hauptaufgabe darin, die Männer zu unterhalten und ihnen zur Seite zu stehen. Und wenn er sie tötete – was sollte er dann mit der Leiche machen? Eine Leiche ließ sich nur schwer für längere Zeit verbergen, des Geruches wegen. Und damit würde er seine Anwesenheit, wenn auch nicht gleich, verraten. Jedenfalls zu früh, als daß die Nomaden hier heimlich hätten eindringen können.

Sie war in mittleren Jahren, wenn auch von zierlicherem Körperbau als jene anderen Frauen ihres Alters, die er kannte, nämlich Sola. Das braune Haar war kurz und gelockt, und ihr Gesicht hatte etwas Elfenhaftes an sich. Sie bewegte sich mit viel Anmut. Fast hätte Var sie für ein Kind gehalten. Sahen alle Unterweltler so aus? Klein, nicht mehr jung und zierlich? Dann brauchte man sich ja wegen des bevorstehenden Kampfes keine Sorgen zu machen.

Sie warf einen Blick auf den Boden – und hielt inne.

Auf dem staubigen Boden hob sich Vars Spur deutlich ab. Der runde verhornte Ballen, die schützenden um die Zehen herum gewachsenen Nägel. Das sah nicht unbedingt nach einer menschlichen Spur aus, aber in jedem Fall wußte sie nun, daß hier etwas Größeres als eine Ratte eingedrungen war.

Var ging mit erhobenen Stöcken auf sie los. Ihm blieb nichts anderes übrig.

Sie drehte sich um, die kleinen Hände schützend erhoben.

Seine Stöcke trafen ihr Ziel nicht… verfehlten ihren Kopf… er geriet aus dem Gleichgewicht, fiel gegen die Mauer, rutschte zu Boden.

Dann hatte er sich gefangen und wollte wieder angreifen. Sie hatte inzwischen ihr Gewand abgestreift und stand kämpf- und abwehrbereit da. In ihrem kurzen Hemdchen wirkte sie erstaunlich weiblich für ihr Alter. Wieder ganz wie Sola.

Er hatte diese wachsame, von Kampfgeschick kündende Haltung schon kennengelernt. Damals als der Herr ihn im Ödland eingefangen hatte. Und immer wenn die Männer einander im Ring gegenüberstanden. Unglaublich, daß eine Frau jenseits ihrer Blüte, noch dazu kaum größer als ein Kind, so viel Kampfgeist zeigte. Doch er hatte gelernt, sich mit Seltsamkeiten abzufinden und sich entsprechend zu verhalten.

Er machte kehrt und kroch in den Tunnel zurück.

Kaum im Dunkeln verschwunden, rollte er sich zurecht und wartete mit schlagbereiten Stöcken, daß ihr Kopf in der knappen Öffnung auftauchte. Doch sie bewies Klugheit und folgte ihm nicht. Er riskierte einen Blick zurück und sah, daß sie noch immer dastand und wartete.

Er kroch rasch weiter. Als er sich in Sicherheit wähnte, fing er zu laufen an, und achtete dabei darauf, daß er denselben Weg wie zuvor nahm. Er mußte schleunigst Bericht erstatten.