XVIII Veg
Veg erlangte das Bewußtsein unter Schmerzen wieder. Er lag an einem rauhen Strand, mit dem Gesicht an einem nassen Felsen, den Füßen im Wasser, und ihm war heiß. Er wußte nicht, wo er war oder wie ei hierher gekommen war. Sein Schädel brummte, er war durch und durch durchnäßt, und auch ansonsten fühlte er sich alles andere als kräftig.
Vorsichtig setzte er sich aufrecht und wartete darauf, daß das anschließende Schwindelgefühl vorüberging.
Der Strand war nicht der Rede wert, kaum mehr als ein Intervall zwischen See und Land, und das Land selbst war spärlich. Tatsächlich war es nichts anderes als eine Felsennadel, die aus den Wellen emporragte, mit einem einzigen Vorsprung, auf dem er saß. Ähnlich den puzzleartigen Riffen, die dieses Teilstück vom Ozean trennten - nicht daß dies seine Situation verbesserte.
Er hatte seinen Knüppel verloren, das Messer aber noch bei sich. Die Idee mit dem Knüppel hatte sich nicht als sehr vorteilhaft erwiesen; niemand hatte mit den Waffen etwas Vernünftiges anfangen können. Nun, nächstes Mal würde er sich mehr darum kümmern. Seine Kleidung war zerrissen und sein Hals von Insektenbissen angeschwollen, dort wo er ihn entblößt hatte. Er wünschte, daß er einiges von dem schlammigen Wasser auskotzen könnte, das er geschluckt haben mußte aber dann würde er sich vermutlich hungrig fühlen.
Widerstrebend kehrten seine Kräfte zurück und mit ihnen einige verschwommene Erinnerungen. Er hatte gegen einen Regierungsagenten gekämpft - nein, das war auf der Erde gewesen, vor einer Ewigkeit, und der Mann hatte sich am Ende als ganz anständig herausgestellt. Veg war festgenommen und zusammen mit Cal und Quilon und den acht, nein, sieben Mantas in den Orbit gebracht worden. Dann - hierher nach Paläo, mit vier Mantas, und eine Reise über den Ozean. Und ein Zusammenstoß mit Brach, der Echse von zehnfacher Lebensgröße mit armartigen Beinen. Und ein Vogel und. Er hatte sich mit Aquilon geliebt! Quilon!
Danach wurde es nebelhaft. Ihre weichen Schenkel und Cal in Schwierigkeiten und Schuldgefühle und ein Schwimmen und Laufen durch den Sumpf und.
Und nun war er hier, allein auf einen Felsen geworfen. Kein Freund, kein Manta, keine Frau, kein Vogel.
Zeit war vergangen; jetzt hatte er eine Erinnerung daran, daß er nachts vor Kälte gezittert hatte, dann fiel die Blende wieder.
Warum hatte er es getan? Nach all der Zeit, auf drei Welten - warum hatte er sie genommen? Es war nichts Physisches zwischen ihnen gewesen, nur ein Versprechen. Nun gab es dieses Versprechen nicht mehr.
Dann erinnerte er sich an den Rest des Ganzen. Cal - sie hatten mit Cal gebrochen! Die Tyrannenechse war hinter seinem Freund her, während Veg mit Aquilon herumgemacht hatte. Zu spät hatte er sich an die Loyalität seinem Freund gegenüber erinnert und versucht, zu ihm zu gelangen. Unterwegs hatte es ein weiteres Beben gegeben, das ihn ins Wasser schleuderte, und er war blind herumgeschwommen und hatte versucht, wieder herauszukommen.
Er hatte Glück gehabt, daß er nicht ertrunken war. Die Wellen waren schlimm genug gewesen, und auf dem Weg hätte ihn irgendeins der großen Seetiere verschlingen können. Es sei denn, diese Schwimmer waren dadurch genauso erschüttert worden wie er.
Er blickte über die Wasseroberfläche hinweg. Sie würden jetzt nicht erschüttert sein - und die Flut stieg an. Ihm blieb vielleicht noch eine weitere Stunde, bis seine Insel völlig verschwand.
Nun, es war besser, weiterzumachen. Vielleicht war Cal tot, und Aquilon ebenfalls. Aber vielleicht warteten sie gerade darauf, daß er sie fand.
Er wandte sich dem Land zu und tauchte ein, wobei das Klatschen ein Zeichen des Trotzes war. Der Aufprall seiner Haut auf dem Wasser belebte ihn, und er kraulte mit kräftigen Zügen dem Ufer entgegen. Es gab Kratzer auf seinem Rücken, und das Brennen des Salzes trug seinen Teil dazu bei, ihn anzuspornen. Salz? Er hatte gedacht, daß dieses Gebiet Süßwasser war, aus dem
Fluß und dem Sumpf. Aber vielleicht war das nur bei Ebbe der Fall oder im Flußbett selbst.
Irgend etwas bewegte sich im Wasser. Eine Schnauze durchbrach die Oberfläche - ein mächtiger Schnabel. Veg sah ihn auf sich zukommen.
Ein schwimmender Tricer?
Es war eine riesige Meeresschildkröte, angelockt durch das Klatschen. Veg kümmerte sich normalerweise wenig um Schildkröten, aber diese hier gehörte kaum der Art an, an die er gewöhnt war. Sie war zweimal so lang wie er, mit einer starken Lederhaut anstatt eines echten Schilds, und ihr Maul war erschreckend. Ihre zwei Vorderfüße waren rundum muskulöse Paddel, die sie schnell vorwärtstrieben. Dies war das Tier, das von Cal als Archeion bezeichnet worden war, als sie es vom Floß aus beobachtet hatten. Der einzige Grund, aus dem sich Veg an den Namen erinnerte, war seine Ähnlichkeit mit Aquilon. Arky hatte er es getauft und die Angelegenheit vergessen; aber es kam ihm jetzt gar nicht lustig oder drollig vor. Allein der Kopf mußte genausoviel wiegen wie Veg!
Er trat Wasser, unschlüssig, wie er reagieren sollte. Er glaubte nicht, daß Schildkröten Menschen fraßen.
Arky glitt heran, geschmeidig und schnell in seinem Element. Veg begriff, daß es töricht gewesen war, seine Fähigkeiten anhand derer seiner Vettern zu beurteilen, die er an Land beobachtet hatte. Dies war eine mächtige Kreatur, fähig, ihn ganz nebenbei auszulöschen. Er packte sein winzig erscheinendes Messer. Würde es diese Haut überhaupt durchdringen können?
Die Schildkröte schnupperte nach ihm. Veg war sich nicht sicher, daß dies mit ihrem Kopf unter Wasser möglich war, aber es blieb die beste Beschreibung. Dann entschied sie, daß er nicht eßbar war, und drehte ab, wobei ihr gewaltiger Rückenpanzer seine Beine tou- chierte. Er fühlte sich schwindlig vor Erleichterung - ein Gefühl, das ihm ziemlich fremd war. Offensichtlich war er noch nicht so gut erholt, wie er gedacht hatte. Die Schrammen auf seinem Rücken brannten wieder.
Arky hob seinen Kopf über das Wasser. Veg folgte seinem vermuteten Blick - und nahm eine Kräuselspur wahr, die vom offenen Meer kam. Es war eine weitere Kreatur.
Und. er sah die Scheibe eines Mantas, der ebenfalls auf ihn zukam. Das war ungeheuer beruhigend. Hex vermutlich, der nach der verlorengegangenen Truppe Ausschau hielt. Jetzt konnte er wieder Kontakt aufnehmen und die anderen finden.
Vorausgesetzt, daß sie noch lebten. Das Beben war hart gewesen.
Hex war vor der Seekreatur zur Stelle, aber nur ganz knapp. Die Schildkröte schwebte unmittelbar unter der Oberfläche, ungefähr sieben Meter entfernt, und blickte dem schwimmenden Neuankömmling entgegen.
Veg, jetzt in puncto Sicherheit beruhigt, kraulte wieder dem Strand entgegen.
Er hörte, wie das Wesen, leise platschend, hinter ihm erschien, und mußte nachsehen. Es war ein Monasau- rier - das tückischste Reptil des Meeres. Fast zehn Meter lang, der Rumpf hoch biegsam, der Schwanz senkrecht nach außen gebogen und durchaus kraftvoll genug, vier paddelförmige Glieder. Der Kopf war schmal, die Nase spitz, aber die Kiefer waren reichlich mit scharfen, nach hinten gekrümmten Zähnen gespickt. Eine Art Haube oder Kamm begann im Nacken und setzte sich bis zum Schwanz fort, und dieser Kamm bewegte sich unmittelbar über dem Wasser unheilverkündend hin und her, als die Kreatur schwamm. Es war so, als ob sich die schlimmsten Züge von Krokodil, Schildkröte und Hai vereinigt und verstärkt hatten - und Veg war von echter Furcht erfüllt.
Plötzlich schien Hex' Schutz kaum ausreichend zu sein. Mosa war zu groß, zu bedrohlich - und der größte Teil seines Körpers wurde durch das Wasser abgeschirmt. Er würde von unten an ihn herankommen, und der Manta würde nicht imstande sein, zuzuschlagen.
Mosa umkreiste sowohl ihn als auch die Schildkröte, so als ob er überlegte, wen er zuerst attackieren sollte. Arky, sich der Gefahr voll bewußt, rotierte an Ort und Stelle, die Räuberechse immer im Auge behaltend. Augenscheinlich traute die Schildkröte ihrer Panzerung nicht zu, den Zähnen Mosas zu widerstehen, obwohl es möglicherweise nur die nicht in den Körper einziehbaren Füße waren, um die sie sich sorgte. Wenn Arky beunruhigt war, wie sollte sich Veg da fühlen?
Das Ufer war viel zu weit entfernt; er konnte es jetzt nie mehr schaffen. Der kleiner werdende Felsen, auf dem er genächtigt hatte, war dank seiner Trödelei noch ziemlich nah aber während Mosa ihn beobachtete, konnte er auch dorthin nicht gelangen.
Hex hielt sich über dem Wasser, zog innerhalb der Kreise des Monasauriers seinen eigenen. Das Reptil war sich des Mantas bewußt, aber nicht sonderlich an ihm interessiert. Vermutlich hielt er Hex für einen Pterodak- tylus, der auf die Überbleibsel wartete.
Veg war sich ziemlich sicher, daß sich Mosa für den warmen, ungepanzerten Appetithappen entscheiden würde: für ihn. Dann, gestärkt durch den Leckerbissen, konnte er es in aller Ruhe mit der zäheren Schildkröte aufnehmen. Es wurde kein besonderes Genie verlangt, um die leichtere Beute auszuwählen.
Mosa entschied sich. Geschmeidig kurvte er auf Veg zu.
Hex schlug ihm das entblößte Auge aus.
Das Reptil schien nicht sofort zu begreifen, was geschehen war. Mit zuschnappenden Zähnen setzte es seinen Angriff fort, in die Richtung schwimmend, die seinem verbliebenen Auge gelegen kam.
Veg fing an, zu dem Felsen hinüberzuschwimmen. Mosa wurde auf die Bewegung aufmerksam und kam wieder auf ihn zu, die Kiefer aufgerissen. Zufällig oder absichtlich befand sich sein gesundes Auge unter Wasser, sicher vor Hex' Peitschenschlag.
Veg hatte eine Inspiration. Er warf sich auf die große Schildkröte.
Mosa scherte aus, für den Augenblick verwirrt durch die Kombination der Objekte: zwei zusammen im Wasser, ein drittes in der Luft. Veg erinnerte sich an etwas, was Cal einmal gesagt hatte - daß Tiere durch mehr als zwei Objekte verwirrt wurden; sie konnten nicht zählen. Arky war ebenfalls verwirrt; er konnte sich nicht auf Veg konzentrieren, während die gefährliche Echse so dicht hinter ihm war. Auch durch den Manta war er beunruhigt.
Veg wich dem Maul aus und berührte die glatte Hülle. Sie mochte nicht aussehen wie der Schild einer Schildkröte, aber sie erschien steinhart. Er kam hinter sie und blieb nah dran. Es gab nicht viel, an das er sich klammern konnte. Mosa machte einen Ausfall, und Arky vergaß Veg, als er sich der größeren Bedrohung entgegenstemmte. Hex fuhr fort, an der Oberfläche zu patrouillieren. Alles schien sich in einer Art Sackgasse zu befinden.
Mosa kreiste umher, paßte sich seinem beengten Sichtfeld an. Er hatte nicht die Absicht, die Jagd aufzugeben; tatsächlich mochte der Geschmack seines eigenen Bluts ihn zu irgendwelchen berserkerhaften Anstrengungen stimulieren. Und es erschien Veg, daß Mosa die physische Beschaffenheit zum Erfolg besaß, denn er war massiger als Mensch, Manta und Schildkröte zusammen und dem Kampf im Ozean voll angepaßt. Sogar völlig blind (Hex mochte das andere Auge noch erwischen) konnte er ihn wittern und erledigen. Arky war nur ein vorübergehender Schutz; wenn sich die Schildkröte einmal entschloß, abzuziehen, würde sich Mosa auf den zurückgebliebenen Bissen stürzen und die oberflächlichen Verletzungen abschütteln, die ihm Hex zufügen mochte.
Der Tod kam schrittweise auf ihn zu. Es war eine Art Schachmattdrohung, der er nicht entrinnen konnte, da eine Figur nach der anderen ausgeschaltet wurde. Irgendwie schreckte ihn das Ende nicht mehr in der Weise, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Wenn es ein Zufallselement gegeben hätte, wäre er wohl bemüht und angespannt gewesen. Wie es jedoch aussah.
Der Zufall schlug zu. Plötzlich erschien eine Gruppe von Haien auf der Szene, schlanke, glatte Geschosse voller Hunger. Augenblicklich bildete Mosa, der Verwundete, den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Auf einmal begriff Veg, was passiert war. Am Anfang war er von seinem Felsen gesprungen und hatte ein Klatschen verursacht, das die Schildkröte anlockte. Aber unterdessen hatte sein aufgekratzter Rücken im Wasser geblutet, und Mosa hatte das gerochen. Dann hatten der Aufruhr und Mosas eigene Verletzung die Haie alarmiert.
Glücklicher Zufall? Vielleicht weniger, als er vermutet hatte.
Sehr bald würden diese Killerfische hinter ihm her sein.
Mosa befand sich jetzt in einem Kampf um sein Leben. Kein einziger Hai erreichte das Reptil an Größe, aber es gab rund zwanzig von ihnen, einige fast fünf Meter lang, und alle waren aufgrund des Blutes wie rasend. Schon hatten sie große, klaffende Wunden in
Mosas Haut gerissen. Mehrere von ihnen waren tot, denn als Individuum war Mosa viel barbarischer als sie
- aber jetzt hatte sich die Mattdrohung umgekehrt.
Arky, kein Dummkopf, nutzte die Gelegenheit, um in sichereres Territorium wegzutauchen. Seine mächtigen Flossen pflügten das Wasser und schufen eine Turbulenz, die Veg herumwirbelte und mitzerrte. Dann war die Schildkröte verschwunden, sich schneller fortbewegend, als er folgen konnte.
Veg strebte dem Felsen entgegen. Zwei Haie lösten sich von der Hauptstreitmacht, so als ob ihnen das Oberkommando den Befehl, dazu erteilt hatte, und kreuzten hinter ihm her. Hex schlitzte ihre hochstehenden Flossen auf und veranlaßte sie, sich gegenseitig zu bekämpfen. Die Ablenkung war ausreichend. Er erreichte die Sicherheit.
Er stand knöcheltief auf seiner Insel und fragte sich, was er tun würde, wenn ihn die Flut wieder den Haien auslieferte. Hex konnte sie nicht ewig ablenken. Veg konnte nicht erwarten, daß ihn das Glück abermals rettete. Bei einer nüchternen Analyse gehörte er nicht zu jenen Heldenfiguren, die immer siegreich blieben, gleichgültig wie schlecht die Erfolgsaussichten auch standen. Er fühlte sich hohl ohne Cal, und tiefes Bedauern über die Trennung, die sie vorgenommen hatten, überkam ihn. Es war auch eigentlich nicht Aquilons Fehler gewesen; sie hatte nicht beabsichtigt, solchen Kummer heraufzubeschwören.
Wie leicht es jetzt war, seine vorangegangene Verhaltensweise zu beurteilen.
Hex ließ sich auf dem höchsten Punkt des Felsens nieder, wobei sich sein Fuß spreizte, um ihn unbeholfen zu packen. Es war ein Fuß zum Sitzen und Abstoßen, weniger ein Greifwerkzeug, und die Stellung mußte unbequem sein - aber Hex schien bis zum Ende bleiben zu wollen. Es hatte keinen Zweck für Veg, selbst bis zu diesem Punkt hochzuklettern; die Stelle war zu schmal und zu steil, um etwas anderes als einen andauernden Balanceakt zu ermöglichen, und dieser würde das Ende nur herausschieben, es jedoch nicht abwenden.
Wo war Cal jetzt? Der Manta Circe hatte gesagt, daß die Tyrannenechse hinter ihm her war, allein. Das bedeutete den sicheren Tod für den kleinen Mann. Aber Cal hatte bei derartigen Sachen so eine Art. Er mochte einen Weg gefunden haben, um.
Unmöglich. Was konnte ein Mann, irgendein Mann, gegen Tyrann ausrichten? Cal war jetzt schon verdaut.
Nein, das durfte nicht sein. Nicht sein Freund!
Veg machte sich klar, daß er bloß Hex zu fragen brauchte. Der Manta würde bestimmt Bescheid wissen. Ein Knall des Schwanzes würde ihm sagen, daß Cal lebte; zwei Knalle.
Er würgte an der Frage. Sie wollte nicht herauskommen. Er hatte Angst vor der Antwort.
Das Wasser stand ihm bis zu den Knien. Schon umkreiste ein kleiner Hai den Felsen, wartend.
Sollte er sterben, ohne Bescheid zu wissen?
Vielleicht war dies seine Strafe dafür, daß er Aquilon mißbraucht hatte.
Veg blickte über das Wasser hinweg, auf das wilde Tal, die schneebedeckten Berge, die Inseln, die in die See hineinreichten, den ebenen Horizont jenseits der Durchfahrt zwischen den großen Inseln Silly und Che- rybdis. Er blickte hinüber, ohne etwas zu erwarten.
Und sah ein Schiff.