Kapitel 20

 

Iris wartete in der Küche. Sie blickte auf, als wir eintraten, und brach in Tränen aus. »Ihr lebt«, begann sie, doch dann entdeckte sie Camilles Beine und schnappte nach Luft. »O meine Sterne, was ist passiert? Leg sie aufs Sofa, ich hole den Verbandskasten.«

Als sie hinauseilte, blickte Tim zu mir auf. »Ist er tot?«

Ich nickte. »Ja. Staub und Schatten. Von Dredge ist nichts weiter übrig geblieben als eine Erinnerung... « Doch noch während ich das sagte, fiel mir ein, dass etwas mehr von Dredge übrig geblieben war – seine Seele, für immer in den Klauen eines Halbgottes gefangen, der noch sadistischer war als Dredge. War das die Karma-Polizei in Aktion? Vielleicht. Vielleicht war es auch nur das Universum, das sich ein letztes Mal auf seine Kosten amüsierte.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Halb vier. Erin würde ich morgen Nacht besuchen. Jetzt war ich so erschöpft, dass ich mich nur noch in meinem Keller verstecken und die Welt ausschließen wollte. Aber vorher musste ich mich um ein paar Dinge kümmern. Ich ging ins Wohnzimmer, wo Iris gerade die tiefen Schnittwunden in Camilles Unterschenkeln nähte.

»Mit ein paar Stichen heilen sie besser«, sagte Iris.

Chase beobachtete das Ganze mit grünlichem Gesicht. »Seid ihr Frauen alle so geschickt mit Nadel und Faden?«, fragte er.

»Ich kann das besser als die Mädchen. Das kommt daher, dass ich mich so lange um die Kuusi-Familie gekümmert habe. Da gab es keinen Arzt, jedenfalls nicht nah genug, als dass man ihn im Notfall hätte holen können. Außerdem konnte ich Wunden immer schon besser heilen als diese Ärzte.« Sie biss den Faden durch und packte die Spule weg. »So, jetzt Heilsalbe, einen Verband, und in einer Woche müsste alles in Ordnung sein. Du wirst Narben zurückbehalten, aber sie werden kaum zu sehen sein.«

Camille schüttelte lächelnd den Kopf. »Die werden prima zu denen an meinen Armen passen«, sagte sie und blickte zu mir auf. »Welche Ironie, hm?«

»Auf die Art von Ironie können wir verzichten«, sagte ich und überlegte, wann ich ihr beibringen sollte, dass auch Trillian verletzt war. Sie würde ziemlich sauer sein, wenn sie erfuhr, dass ich ihr das verschwiegen hatte, aber das spielte jetzt keine große Rolle mehr. »Und, ist Roz auch da?«

»Jetzt schon«, sagte Roz von der Tür her. Er schlüpfte aus seinem Staubmantel und hängte ihn vorsichtig über eine Sessellehne. Dann setzte er sich, und seine Hose spannte sich an genau den richtigen Stellen über seinen Beinen. Sein T-Shirt saß auch hübsch eng, und ich ertappte mich dabei, wie meine Gedanken eine ziemlich unerwartete Richtung einschlugen. Vielleicht würde Roz tatsächlich einen guten Bettgefährten abgeben, zumindest für jemanden wie mich. Ich spielte mit dem Gedanken herum und schob ihn dann beiseite. Vielleicht... aber nicht in unmittelbarer Zukunft.

»Also, was hast du uns so Wichtiges zu erzählen?«, fragte ich.

»Ich habe jemanden mitgebracht.« Er wies auf die Tür. Ich richtete mich erschrocken auf. Wen zum Teufel hatte er in unser Haus eingeladen? Doch als eine verhüllte Gestalt durch die Tür trat, erkannte ich die Energie sofort. Elfenblut. Schweres, uraltes Elfenblut. Das war nicht Trenyth.

Camille kniff die Augen zusammen und schnappte dann nach Luft. »Euer Majestät!«, rief sie und versuchte aufzustehen.

Iris schob sie zurück aufs Sofa. »Und wenn sie die Herzkönigin ist, du bleibst hier sitzen und rührst dich nicht. Sonst reißt du dir die Naht wieder auf.«

Die Gestalt zog sich die Kapuze vom Kopf, und ich sprang auf, im selben Moment wie Delilah.

»Euer Majestät! Große Mutter, was tut Ihr hier drüben?« Ich rechnete halb damit, dass die Welt gleich implodieren würde. Asteria, die Elfenkönigin, kam zu uns nach Hause? Was zum Teufel war hier los? »Ist alles in Ordnung?«

»Vater – ist unserem Vater etwas zugestoßen?«, platzte Delilah heraus und schaffte es, gleichzeitig zu knicksen und in Tränen auszubrechen. Ich tat es ihr hastig gleich, nur ohne die Tränen, und bedeutete Morio und Chase, dass sie sich verbeugen sollten.

»Lasst die Förmlichkeiten«, sagte die uralte Königin und winkte ab, als sie uns niederknien sah. »Ich will nicht zu lange aus Elqaneve fortbleiben. Aber wir haben Wichtiges zu besprechen, und ich hielt es für klüger, euch aufzusuchen, statt zu warten, bis ihr meine Stadt erreichen könnt. Doch erst berichtet mir von Dredge.«

Wir erzählten ihr von dem Kampf und der Tatsache, dass er mit Loki verbündet gewesen war, nicht mit Schattenschwinge. Sie hörte aufmerksam zu und nickte stumm, als wir das Chaos darzulegen versuchten, das Dredge hinterlassen hatte.

»Dredge war schon immer die pure Bosheit, er hat es genossen, Verwirrung zu stiften. Ich hatte gehofft, Jareth würde ihm helfen können, aber nun wundert es mich nicht mehr, dass ihm das nicht gelungen ist. Wenn Dredge Loki im Rücken hatte, ist es schon erstaunlich, dass Jareth den Versuch überlebt hat. Keiner von uns wusste davon. Es ist ihm gelungen, uns bis zum bitteren Ende zu täuschen.« Sie hielt inne und sah Camille an. »Mein Mädchen, du bist verwundet. Weiß Trillian davon? Ich war betrübt, ihn so schwer verletzt zu sehen –«

»Was? Trillian wurde schwer verletzt?« Camille schaffte es, aufzuspringen. Diesmal war ich es, die sie zurück aufs Sofa schob.

Iris sprang ein. »Er wird schon wieder. Allerdings kann er so bald nicht wieder zurück in die Anderwelt, denn er ist als Spion enttarnt worden.« Sie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Er liegt oben in deinem Schlafzimmer. Ihr beide könnt also gemeinsam gesund werden, und mögen die Götter euch gnädig sein. Jedenfalls hoffe ich sehr, dass sie mir gegenüber gnädig sein werden, denn ich werde das Vergnügen haben, euch aufwarten zu dürfen.« Sie verdrehte die Augen.

»Deshalb bin ich hier«, sagte die Königin. »Ich wollte, dass ihr das, was ich euch zu sagen habe, von mir persönlich erfahrt.« Sie gab Roz einen Wink, und er trat zu ihr.

»Rozurial ist mein neuer Bote. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Trillian etwas geschieht, aber da er nun verletzt ist, wird Roz vorerst seine Aufgaben übernehmen. Er wird Botschaften überbringen, die ich nicht dem Flüsterspiegel anvertrauen möchte. Und es ist jetzt zu gefährlich, Trenyth zu euch zu schicken – mein Sekretär ist mir eine zu große Hilfe, um ihn dieser Gefahr auszusetzen.«

»Ist der Krieg wirklich so gefährlich geworden?«, fragte Delilah.

Königin Asteria schüttelte den Kopf. »Ein Krieg bringt stets Gefahren mit sich, aber nein... das ist nicht der einzige Grund. Ich habe meinen Gelehrten aufgetragen, die uralten Schriften zu studieren. Außerdem habe ich mehrere Seher auf diese Sache angesetzt.«

Sie hielt inne und seufzte dann tief. »Hört mir jetzt gut zu. Anscheinend haben die meisten – wenn nicht alle – der Geistsiegel irgendwie den Weg in die Umgebung von Seattle gefunden. In das Gebiet, das ihr als den pazifischen Nordwesten bezeichnet. Aber weshalb? Sind hier Kräfte großer Mächte konzentriert, welche die Eigenschaften der Siegel noch vermehren können? Und immer mehr Portale – Portale, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gab – öffnen sich plötzlich in der Anderwelt, und natürlich sind sie nicht bewacht. Wissen die Dämonen davon? Können sie diese Portale benutzen, um die Erde und die Anderwelt zu infiltrieren? So viele Fragen und bisher keine einzige Antwort.«

Während ich noch die Tragweite dessen, was sie uns gesagt hatte, zu begreifen versuchte, ergriff Roz das Wort. »Da ist noch etwas. Das dritte Geistsiegel – das dritte Bruchstück des uralten Talismans – ist irgendwo hier in Seattle versteckt. Jetzt, in diesem Augenblick. Ich konnte bisher nur feststellen, dass es eine Verbindung zwischen diesem Teilstück und einem Raksasa gibt.«

Camille stieß einen leisen Pfiff aus und richtete sich auf. »Die sind gefährlich.«

»Was ist das?«, fragte Chase.

»Ein Erdwelt-Dämon. Indisch«, sagte Morio. »Sehr mächtig.«

»Arbeitet der Raksasa also für Schattenschwinge?« Iris warf Camille einen finsteren Blick zu, und meine Schwester ließ sich wieder in die Kissen sinken.

»Ich weiß es nicht.« Roz rieb sich die Nase. »Aber es wird eure Aufgabe sein, das herauszufinden und das dritte Siegel in Sicherheit zu bringen. Und da sind noch ein paar Sachen... «

»Die uns nicht gefallen werden, richtig?« Ich blickte aus dem Fenster in die tiefverschneite Nacht. Die Wolken rissen auf, und es sah ganz so aus, als würde der Schneesturm allmählich nachlassen. Vielleicht hatte Loki den Schnee tatsächlich wieder mitgenommen.

»Höchstwahrscheinlich, junge Frau«, sagte die Königin mit einem schwachen Lächeln. »Es ist uns gelungen, einen von Schattenschwinges Spionen gefangen zu nehmen. Der Unhold lebt nicht mehr, aber vor seinem Tod hat er uns gestanden, dass es ein ganzes Netzwerk von Spionen in eurer Gegend gibt. Vermutlich weiß Schattenschwinge also, dass alle Siegel hier zu finden sind. Deshalb schickt er seine Späher durch die hiesigen Portale und nirgendwo anders hin.«

Scheiße. »Dann weiß er also, was wir wissen.«

»Zum größten Teil, ja. Das Wettrennen hat begonnen, die Zeit arbeitet nicht mehr für euch, und euer Wissensvorsprung ist dahin. Dredge war ein abscheuliches Ungeheuer. Neben Schattenschwinge sah er aus wie ein Schuljunge.«

»Was noch?«, fragte Camille.

Roz schnaubte. »Zu Hause in der Anderwelt haben die Kryptos zu den Waffen gegriffen... Sie haben sich aus dem Bürgerkrieg in Y’Elestrial vollständig zurückgezogen, und es gibt Gerüchte, im Windweidental braue sich etwas zusammen. Es hat wohl etwas mit den Dahns-Einhörnern zu tun. Wir haben im Moment noch keine Ahnung, was genau da los sein könnte... «

»Nicht alle von uns tappen im Dunkeln«, unterbrach die Königin ihn und erhob sich. »Seid darauf vorbereitet, dass in den kommenden Monaten ein Bote der Einhörner an euch herantreten wird. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis sich gewisse Angelegenheiten in der Anderwelt erledigt haben, also macht euch keine allzu großen Sorgen und stellt keine Fragen.« Sie rückte ihren Umhang zurecht und wandte sich Roz zu. »Und jetzt muss ich nach Elqaneve zurückkehren. Meine Wachen erwarten mich bereits. Rozurial, du wirst mich zum Portal begleiten.«

Ohne weitere Umstände wandte sie sich ab und verließ den Raum, ehe wir uns auch nur verabschieden konnten. Camille verlangte sofort, Trillian zu sehen, und Chase, Morio und Delilah begannen alle gleichzeitig, aufgeregt von den Geistsiegeln zu reden. Ich ging in die Küche, um ein wenig Ruhe zu finden.

Maggie spielte in ihrem Laufstall, und ich hob sie hoch und legte sie mir an die Schulter. Es war so viel passiert, dass ich kaum wusste, wie ich das alles verarbeiten sollte. Ich hatte mich von meinem Meister befreit, die Person besiegt und getötet, die ich in allen Welten am meisten gehasst hatte, und ich war plötzlich zur Mutter geworden – all das in nicht einmal einer Woche.

Iris kam zu mir. »Geht es dir gut?«

Ich schüttelte den Kopf. »Mehr oder weniger... nein... ja... Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was ich denken oder tun soll. Ich bin im Moment völlig durcheinander.«

Sie hüpfte auf ihren hohen Barhocker und stützte die Ellbogen auf den Küchentisch. »Wegen Nerissa?«

»Wegen Nerissa und Jareth – ich habe mit ihm geschlafen, obwohl ich dachte, ich könnte die Berührung eines Mannes nie wieder ertragen. Und dann ist da noch Erin. Ich bin jetzt Mutter, Iris. Ich habe geschworen, dass ich niemals jemanden zum Vampir machen würde, und doch habe ich es getan. Und obendrein eine Freundin von uns.«

»Du hast sie nicht getötet, Menolly. Du hast sie vor dem Tod gerettet – jedenfalls vor dem Tod, der für Menschen bedeutet, dass sie nicht wieder aufstehen und davonspazieren.«

»Ich weiß einfach nicht, was gerade mit mir geschieht.« Ich starrte auf das kleine Schildpatt-Baby, das sich auf meinem Arm zusammengerollt hatte, kraulte es unter dem Kinn und küsste es sacht auf die Nase, ehe ich es wieder in seinen Laufstall setzte.

Iris runzelte die Stirn. »Manchmal treten Leute aus einem ganz bestimmten Grund in unser Leben, und wenn dieser Grund sich erledigt hat – gehen sie wieder. Lass deine Sorgen erst einmal ruhen. Zwing dich nicht zu Entscheidungen, die zu treffen du noch nicht bereit bist.«

Ich dachte an Nerissa. Ihre Haut war so zart gewesen, ihre Berührung heilsam. Und Jareth – vor langer Zeit hatte er eine Vampirin geliebt. Ich hatte ihm ein wenig von dieser Erinnerung zurückgebracht, damit er sich daran klammern konnte, während er mir sein Blut schenkte.

»Camille hat mich einmal gefragt, ob Vampire träumen. Ich habe ihr eine sehr einfache Antwort auf eine komplexe Frage gegeben. Jetzt habe ich selbst eine Frage: Können Vampire lieben? Kann ich lieben? Beziehungen haben wie meine Schwestern?« Ich wartete, aber keine Antwort erschien, nicht einmal ein Flüstern, das mich hätte leiten können.

»Menolly, du bist nicht dasselbe Mädchen, das noch letzte Woche in dieser Küche gestanden hat.« Iris sprang von ihrem Hocker und begann, Kekse auf einem Teller zu arrangieren. »Du hast so viel durchgemacht. Wie kannst du erwarten, genau zu wissen, wer du bist, und wozu du fähig bist, ehe sich der Staub gelegt hat?«

»Das kann ich wohl nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Dredge ist schuld daran, dass ich mich davor fürchte, je wieder jemanden zu lieben – von Anfang an hat er versucht, mich zu benutzen, um meine Familie zu zerstören.«

»Und jetzt ist er weg. Und du bist noch hier«, erwiderte sie mit glitzernden Augen.

»Ja, er ist weg. Und ich bin hier. Aber was bedeutet das?«, fragte ich leise.

Iris wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Die Welt könnte schon heute Nacht untergehen, mein Mädchen. Nimm es mit deinen Ängsten auf, aber eine nach der anderen, falls und wenn sie aufkommen – nicht vorher.«

Und dann war alles wieder in Ordnung. Ich lachte und fühlte mich leichter, unbeschwerter, als ich mich seit meinem Tod je gefühlt hatte. »Der Morgen zieht herauf, liebe Freundin. Wir sehen uns heute Abend.«

»Friedvolle Träume.« Iris winkte mir nach, als ich durch den geheimen Zugang in meinen Keller schlüpfte.

Während ich mich auszog, blickte ich auf die Narben hinab, die sich über meinen Körper zogen. Dredge hatte mich auf ewig gezeichnet, aber er war weg. Asche und Staub. Meine Schwestern und meine Freunde waren in Sicherheit. Ob es mir gefiel oder nicht, ich hatte jetzt eine Tochter. Und jemand hatte mir das größte Geschenk der Welt gemacht – ich war frei, mein Alptraum zerschmettert.

 

Ende - Schwestern des Mondes 03 - Die Vampirin