Kapitel 7

 

Wir einigten uns auf einen Zeitplan, druckten ihn aus und hängten ihn an die Pinnwand, und Iris servierte Delilah und Camille ihr Abendessen. Während sie aßen, erzählten wir Iris von Roz und den drei neuen Opfern.

»Ihr habt also keine Ahnung, warum sie sich ausgerechnet diese Leute ausgesucht haben?« Iris reichte meinen Schwestern einen Nachschlag. Ich mochte es nicht besonders, Leuten beim Essen zuzusehen – das weckte zu viele Erinnerungen daran, wie es war, lebendig zu sein, und ich hatte gutes Essen sehr geliebt –, aber um der Unterhaltung willen überwand ich diese Abneigung.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Wir wissen im Grunde nicht mehr als vorher, nur dass diese Morde in der Gegend von Green Lake passiert sind.«

»Wo Sassy wohnt«, bemerkte Delilah und spießte mit der Gabel eine Nudel auf.

»Weshalb ich ihr noch heute Nacht einen Besuch abstatten werde.« Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und schlug ein Bein über.

Iris runzelte die Stirn. »Glaubst du denn, dass sie etwas damit zu tun hatte?«

Camille und Delilah rissen die Köpfe hoch. Offensichtlich waren sie noch gar nicht auf diesen Gedanken gekommen, obwohl er mir schon im Hinterkopf herumspukte.

Ich schüttelte den Kopf. »Sassy scheint mir nicht der Typ zu sein, der gern den Gesetzlosen spielt. Aber, na ja, wenn... falls... das Raubtier die Oberhand gewinnt, könnte sie die ethischen Regeln vergessen, die sie seit ihrer Verwandlung so sorgfältig kultiviert hat.«

Camille warf mir einen Blick zu. »Was sagt dir dein Instinkt?«

Ich starrte einen Moment lang auf den Tisch und überlegte, wie ich das erklären sollte. »Meine Instinkte sind nicht wie eure. Und Vampire sind sehr geschickt darin, sich zu verbergen und ihre wahre Natur zu verschleiern. Ich weiß es ehrlich nicht, obwohl ich bezweifle, dass sie hinter diesen Morden steckt. Ich bin ziemlich sicher, dass wir es mit Dredge zu tun haben.« Als ich aufblickte, merkte ich, dass Camille mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck beobachtete. »Du bist dir bei mir auch nicht ganz sicher, oder?«

Sie stammelte: »Nein, nein, das ist es nicht – ich wollte nicht andeuten, dass... «

Delilah wurde blass und ließ ihre Serviette auf den Boden fallen. Seufzend legte ich den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. »Ist schon gut. Wirklich. Ich weiß, dass du mir gegenüber immer noch misstrauisch bist. Das ist auch gut so. Ich würde euch beide niemals verletzen... nicht, solange ich weiß, was ich tue. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Ich bin jetzt ein Dämon. Manchmal... passieren eben Dinge... « Ich reckte den Kopf hoch, denn ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Verfluchte Gefühle – sie waren zwar verändert, aber immer noch da.

Camille beugte sich vor und schob mit ernster Miene ihren Teller von sich. »Was sollen wir tun, falls du je... «

»Falls ich je die Kontrolle verliere? Falls das Raubtier mich ganz und gar übernimmt?« Ich starrte sie an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Tötet mich, ganz egal, wie. Ich weigere mich, Dredge gewinnen zu lassen. Ich weigere mich, zu einer Kopie dieses geisteskranken Sadisten zu werden. Lieber kehre ich zu unseren Ahnen zurück, ehe ich als Monster weiterlebe.«

Delilahs Unterlippe bebte, und sie begann zu zittern. Ich gab Camille einen Wink, die sofort um den Tisch herum zu ihr eilte. »Delilah«, sagte sie, »Schätzchen, ist schon gut. Alles ist okay... «

»Das war doch nur hypothetisch, Kätzchen. Mach dir keine Sorgen... «

Ich hatte noch nicht ausgesprochen, als ein goldener Lichtschein um Delilah aufschimmerte und sie sich zu verwandeln begann. Scheiße. Camille und ich hätten es besser wissen müssen – so ein schwieriges Thema anzusprechen, ohne sie vorher zu warnen! Obwohl Delilah als Todesmaid gebrandmarkt war und damit in Diensten des Herbstfürsten stand, obwohl sie sich neuerdings in einen schwarzen Panther verwandeln konnte, wenn er es ihr befahl, war sie tief im Herzen immer noch dieses empfindliche goldene Tigerkätzchen.

Camille erreichte sie zuerst. Delilah blickte vom Boden auf und miaute, und Camille streckte die Arme aus. Mit einem kräftigen Satz sprang Delilah auf ihre Arme und begrub den Kopf zwischen Camilles üppigen Brüsten.

»Das war gedankenlos von mir«, sagte sie. »Ich hätte dich unter vier Augen fragen und Delilah dann schonend darauf vorbereiten sollen.« Sie setzte sich auf Delilahs Stuhl, streichelte zärtlich das lange Fell und küsste die Katze auf den Kopf. »Ach, Kleines, so forsch du auch auftrittst, du bist immer noch viel zu weichherzig.« Camille warf mir einen traurigen Blick zu. »Ich mache mir Sorgen, was der bevorstehende Krieg ihr antun wird. Schattenschwinge hat bisher nur ein paar unbedeutende Gefolgsleute gegen uns in den Kampf geschickt. Was wird passieren, wenn ganze Horden durchbrechen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Damit befassen wir uns, wenn es so weit ist. Delilah wird es überleben. Das Mal auf ihrer Stirn sichert ihr einen Verbündeten, der stärker ist als jeder Dämon. Niemand kann den Tod besiegen... oder seine Schergen. Und ob es uns gefällt oder nicht, unsere Schwester ist jetzt mit dem König der Ernte vermählt. Sie wird noch ihre Zeit brauchen, aber was wetten wir, dass sie am Ende stärker und härter ist als wir beide?«

Iris hatte während dieser Unterhaltung geschwiegen. Jetzt rutschte sie von ihrem Barhocker, ging um den Tisch herum, nahm Camille Delilah ab und legte sich unser Kätzchen auf die Schulter. Delilah ließ sich das ohne Protest gefallen und starrte aus großen, runden Augen mit diesem katzentypischen, vollkonzentrierten Blick die Wand an.

»Ihr Mädchen seid alle stärker, als ihr glaubt«, erklärte Iris. »Das müsst ihr sein. Und ich werde für euch da sein, ganz gleich, was geschieht. Ich bin ziemlich sicher, dass ihr morgen Abend bei der Übernatürlichen-Versammlung merken werdet, wie viele Verbündete ihr bereits gewonnen habt. Euer Ruf hat sich herumgesprochen.«

»Wie meinst du das?« Ich starrte Iris an.

Sie neigte den Kopf zur Seite, und ein verschmitztes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht. »Denk doch mal darüber nach. Der Jägermond-Clan – einer der meistgefürchteten Werclans weit und breit –, ausgelöscht.« Sie schnippte mit den Fingern. »In einer einzigen Nacht dezimiert. Alle wissen, wem sie das zu verdanken haben. Die Leute wissen auch, dass ihr einen Drachen auf eurer Seite habt. Sogar Delilahs neuer Job als Todesmaid hat sich herumgesprochen. Euch ist nicht klar, dass ihr allmählich zu Berühmtheiten werdet. Wenn das Subkult-Netzwerk erkennt, wie die Situation mit Schattenschwinge wirklich aussieht, werden sie überleben wollen. Und sie werden euch folgen, wenn es hart auf hart kommt.«

Camille strich ihr Kleid glatt und wandte sich wieder ihrem Teller zu.

Ich schloss die Augen. »Wer eine Krone trägt, dessen Haupt ist schwer«, sagte ich.

»Setz dich noch nicht gleich auf einen Thron«, warnte Iris mich. »Noch schwerer haben es diejenigen, die ihm die Krone vom Haupt schlagen wollen, und verzweifelter sind sie obendrein. Die Schlachtreihen werden aufgestellt.« Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Energie im Raum wurde zum Greifen dicht, und Delilah schmiegte sich schnurrend an Iris’ Brust. »Im Lauf der nächsten Monate werden die Übernatürlichen ihre Tarnung aufgeben und sich verbünden. Es stehen rauhe Zeiten bevor. Ich fürchte, die Menschen werden glauben, dass die Übernatürlichen sich gegen sie erheben wollen. Wenn das eintritt... «

»Bandenkriege.« Camille glitt von ihrem Stuhl und kniete sich neben Iris. »Iris, bist du eine Seherin?«

Ein Lächeln breitete sich langsam über das Gesicht der Talonhaltija, und sie flüsterte: »Wenn es nötig ist. Ich habe in der Vergangenheit viele Dinge getan, von denen ihr nichts wisst. Aber glaubt mir, ich bin aus gutem Grund hier.« Und dann, ohne die Augen zu öffnen, wandte sie sich mir zu. »Du musst nach Aladril gehen. Er wartet auf dich. Hast du verstanden?«

Ein Schauer lief mir über den Rücken, der sich trotz meiner todeskühlen Haut eiskalt anfühlte. Magie hing in der Luft, die Magie des Zweiten Gesichts, die Magie der Voraussage, die Magie von Wind und Eis, die Iris so geschickt handhabte.

»Wir gehen, Sonntagnacht.«

Camille legte Iris eine Hand aufs Knie. »Brauchst du irgendetwas? Etwas, das dir nützlich sein könnte?«

Iris stieß leise den Atem aus. »Bringt mir einen Kristall mit. Selbst dann, wenn ihr ihn in einem der Läden kaufen müsst. Aqualin – ein klarer, blauer Stein, der nur aus den Tiefen des Wyvernmeers kommt. Die Sirenen bauen ihn ab und verkaufen ihn an die Seher. Er wird mehr kosten, als ihr bezahlen könnt, aber sagt ihnen, dass eine Priesterin der Undutar ihn braucht. Dann müsstet ihr ihn bekommen.«

»Undutar?« Bei meiner Frage erwachte Iris aus ihrer Trance und blinzelte. Ich wollte gerade erneut fragen, als Delilah ein lautes Brummen ausstieß, von Iris’ Schulter sprang und auf die Vorhänge zusauste. Sie schaffte nur die halbe Strecke, dann wallte goldener Nebel um sie auf, und ihr Körper begann sich zu verwandeln. Delilah zuckte und wand sich in äußerst schmerzhaft aussehenden Krämpfen, ein verschwommenes Knäuel aus Fell und Fleisch im grausamen Griff der seltsamen Magie unserer Familie. Als sie mit einem lauten »Uff!« auf den Knien landete, eilte Camille zu ihr.

Ich starrte Iris an, die meinen Blick stumm erwiderte. Als ich den Mund öffnete, schüttelte sie den Kopf. »Frag nicht. Noch nicht. Die Zeit ist noch nicht gekommen, Menolly. Ich könnte dir nichts über meine Beziehung zu Undutar sagen, selbst wenn du mich bedrohen wolltest. Über gewisse Ereignisse in meiner Vergangenheit kann ich nicht sprechen... « Ihre Stimme erstarb, doch in ihren Augen glitzerte plötzlich ein schimmernder Wirbel aus Licht: das Silber des Mondes, das Indigoblau des Zwielichts, weiße Wolken, die mit dem Wind vorüberrasten.

Iris seufzte tief, und ihre Augen nahmen wieder ihre normale Farbe an – blau wie der Morgenhimmel. Sosehr meine Neugier auch brannte, ich wusste es besser, als sie zu bedrängen. Iris würde es uns schon sagen, wenn – falls – sie das konnte. Ich nickte stumm und eilte dann zu Camille, um ihr mit Delilah zu helfen, die ein wenig benommen aussah, ansonsten aber wohl keinen Schaden genommen hatte.

»Alles in Ordnung, Kätzchen?«, fragte ich, als sie auf ihren Stuhl glitt.

Camille griff zur Teekanne und schenkte sich und Delilah nach.

Delilah nickte und wurde rot. »Entschuldigung. Ich dachte, ich hätte inzwischen mehr Kontrolle über die Verwandlung, aber offenbar habe ich mich geirrt. Entweder das, oder sie ist genauso unzuverlässig und sporadisch anfällig wie Camilles Magie.«

»He!« Camille erstarrte, die Teekanne erhoben. »Bei vielen Sprüchen bin ich schon besser geworden.«

»Ja, wenn man Todesmagie dazuzählt. Aber ich spreche von der Mondmagie – deinen angeborenen Fähigkeiten.« Delilah lächelte mit blitzenden Zähnen. »Das war doch nicht böse gemeint, Camille. Du scheinst wirklich ein Händchen für die dunkle Magie zu haben, in der Morio dich unterweist, aber kannst du ehrlich behaupten, dass du bei den Sprüchen, die du von klein auf gelernt hast, besser geworden bist?«

Camille seufzte tief. »Ich weiß es nicht. Und ich verstehe selbst nicht, warum mir die Todesmagie so zu liegen scheint. Das ist mir unheimlich, aber ich weiß, dass ich die Dinge lernen muss, die Morio mir beibringt. Es fühlt sich wichtig an, aber ich weiß nicht, warum.« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Wir brauchen alle Schlaf. Delilah und mir bleiben ohnehin nur noch ein paar Stunden. Menolly, wir wecken dich vor der Versammlung, dann fahren wir alle gemeinsam hin.«

Ich nickte. Meine Schwestern küssten mich auf die Wange, winkten Iris zu und verschwanden die Treppe hinauf. Sie wandelten in der Welt des Tages. Ich lebte nur in der Nacht. Zwei sehr verschiedene Welten, die die Sonne auseinanderhielt.

»Ich fahre dann mal zu Sassy.« Ich stand auf und warf einen Blick auf die Uhr. Noch vier Stunden bis Sonnenaufgang – reichlich Zeit, um nach Green Lake hinüberzufahren und festzustellen, ob da irgendetwas vor sich ging, wovon ich wissen sollte. »Iris, pass gut auf das Haus auf«, sagte ich.

Sie tätschelte meine Hand. »Das tue ich immer, Liebes. Gib gut auf dich acht, hast du gehört?«

»Laut und deutlich«, sagte ich, schnappte mir Schlüsselbund und Handtasche und ging hinaus zu meinem Jaguar.

 

Die Fahrt zu Sassy dauerte mitten in der Nacht etwa zwanzig Minuten. Die Straßen von Seattle waren fast leer, nur hin und wieder schlich ein Auto die schummrig erleuchteten Straßen entlang. Das Eis auf den Bürgersteigen schimmerte im Licht der Straßenlaternen, und die Welt fühlte sich an wie schallgedämpft von der Schneeschicht, die in den vergangenen paar Tagen überall festgefroren war. Wieder einmal nahm ich mir vor, Camille nach diesem seltsamen Winter zu fragen. Sie und Iris konnten der Sache mal nachgehen und feststellen, ob hinter der plötzlichen arktischen Kälte, die Seattle fest im Griff hatte, irgendetwas Magisches steckte.

Sassys Haus war eigentlich eher eine Villa, umgeben von achttausend Quadratmetern sehr gepflegten Gartens hinter einem schmiedeeisernen, mit Spitzen bewehrten Zaun. Das Tor war mit einer Sprechanlage ausgestattet, und ich drückte auf den Knopf, dankbar, dass ich nicht aus dem Auto steigen und das Ding selbst würde öffnen müssen. Nicht dass die Kälte oder das schwere Tor mir etwas ausgemacht hätten – auch das Eisen wäre nicht allzu schlimm gewesen, wenn ich mich beeilte –, aber die Nacht war schon so stressig gewesen. Ich wünschte mir, dass dieser Besuch leicht und locker verlief.

»Ja?«, drang Janets Stimme aus der Sprechanlage. Janet war Sassys persönliche Assistentin und arbeitete schon seit vierzig Jahren für sie, seit Sassy mit sechzehn debütiert hatte.

»Hier ist Menolly. Ich muss mit Sassy sprechen. Ist sie zu Hause?« Janet wusste, wer ich war. Abgesehen von meinen Schwestern war sie außerdem der einzige Nicht-Vampir, der wusste, dass Sassy jetzt eine Goldkarte für die Mitgliedschaft im Blutsauger-Club besaß. Offenbar hatte die ältere Frau diese Veränderung ebenso gelassen akzeptiert wie etwa den Hinweis, dass die Müllabfuhr jetzt an einem anderen Tag käme oder der Supermarkt um die Ecke diese Woche alles um fünfzig Cent reduziert hätte.

Janet machte nicht viele Worte. Sie antwortete mir nicht, aber das Tor gab ein Klicken von sich und schwang langsam auf. Ich wartete, bis ich durchfahren konnte, ohne mein Auto zu zerkratzen, und kroch dann im Schritttempo die schmale, gewundene Auffahrt entlang, um nicht etwa irgendein streunendes Tier anzufahren. Das Bransonsche Anwesen war bewachsen mit alten Trauerweiden und Eichen, Tannen und Flieder.

Sassy hatte sich gut verheiratet, trotz ihrer lesbischen Neigung, und als Johan gestorben war, hatte er ihr so viel Geld hinterlassen, dass sie sich nie Sorgen um ihr Auskommen machen würde. Na ja, er hatte natürlich nicht damit gerechnet, für alle Ewigkeit vorsorgen zu müssen, aber das Problem würde Sassy lösen, wenn es so weit war.

Ich parkte vor der vierstöckigen Villa, die an das Herrenhaus einer Plantage erinnerte, mitsamt der umlaufenden Veranda. Als ich die Stufen hinaufeilte, fragte ich mich, was zum Teufel Sassy im Lauf der Jahre mit diesem Kasten anstellen würde. In etwa dreißig Jahren würde man allmählich damit rechnen, dass sie starb. Was würde sie dann tun? Ihren eigenen Tod vortäuschen?

An der Tür prangte ein Türklopfer mit Marleys Gesicht, dem Geist aus der Weihnachtsgeschichte. Sassy hatte einen fiesen Sinn für Humor. Wenn man den schweren Messingklopfer betätigte, hallte ein schweres Poch von drinnen heraus, und die Titelmelodie von Die Munsters erklang.

Gleich darauf öffnete Janet die Tür.

»Guten Abend, Miss Menolly«, sagte sie. Janet war groß, hatte schneeweißes Haar und so helle Haut, dass sie kaum mehr Farbe hatte als mein Albino-Teint, und hielt sich ein wenig krumm, als hätte sie einen leichten Buckel. Sie sah nie so aus, als sei sie müde oder hätte Schmerzen, und trug stets ein makelloses Leinenkostüm.

»Miss Sassy erwartet Sie im Salon.« Sie wies auf die erste Tür rechts.

»Danke sehr.« Als ich die Tür öffnete, blendete mich der ganz in Weiß gehaltene Raum, so stark war der Kontrast zum dunkelrot gestrichenen Flur.

Sassys Salon war so stilvoll und nobel, wie ihr ganzes Leben es gewesen war. Kein Stäubchen wagte es, sich auf den glänzend polierten Tischen niederzulassen, sämtliche Pflanzen waren üppig grün. Jeden Morgen öffnete Janet die schweren Samtvorhänge und alle Fenster, um gründlich zu lüften, so dass der Raum immer frisch und sauber roch.

Sassy, in einem hellblauen Ann-Taylor-Hosenanzug, saß in einem Lehnsessel, der mit einem neutralen Jacquard bezogen war. Wie immer war ihr Haar perfekt frisiert. Sie quälte sich seit Wochen mit der Frage herum, ob sie es färben sollte oder nicht.

»Wenn die Farbe abscheulich aussieht, müsste ich sie wieder herausbleichen lassen«, jammerte sie ständig.

»Dann lass es doch«, sagte ich stets dazu.

»Aber ich vermisse mein prachtvolles rotes Haar – ich will solche Haare wie du.«

Dann schüttelte ich immer den Kopf und ermahnte sie – Vampir hin oder her, wenn sie ihr Haar oft genug mit Chemie misshandelte, würde sie irgendwann für alle Ewigkeit eine Glatze haben.

Ich wusste, dass das nicht besonders nett von mir war, aber tief im Herzen war ich erleichtert. Wenn man schon in einen Vampir verwandelt werden musste – nun ja, zumindest war ich jung und gesund gewesen, als es passiert war. Abgesehen von den kleinen Geschenken, die Dredge auf meiner Haut hinterlassen hatte, natürlich.

»Menolly!« Sassy sprang auf, und ein strahlendes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht. Sie streckte die Arme aus, und ich ließ mich widerstrebend von ihr umarmen. Sie küsste mich auf beide Wangen. Nur Luftküsse, okay, aber ich mochte es eigentlich nicht, wenn mich irgendjemand außer meinen Schwestern oder Iris berührte. »Was führt dich hierher?«

»Darf ich?« Ich deutete auf einen Schaukelstuhl. Nur Platz für einen, da konnte Sassy mir nicht so auf die Pelle rücken.

»Aber natürlich. Mach es dir bequem.«

Ich blickte mich im Zimmer um und musterte die Gemälde, Skulpturen und den Stutzflügel, die Besucher daran erinnerten, dass sie es mit altem Geldadel zu tun hatten. »Ich wollte dich fragen, ob du von irgendwelchen seltsamen Vorkommnissen in der Vampirgemeinde gehört hast, vor allem in den letzten paar Tagen.«

Sie verengte die Augen zu Schlitzen. »Wovon sprichst du? Was ist passiert?«

»Es hat allein in dieser Woche sieben Morde gegeben – von denen wir wissen. Drei gestern Nacht in der Umgebung von Green Lake. Alle Opfer wurden von Vampiren getötet, und alle haben sich wieder erhoben.« Ich beobachtete sie aufmerksam und suchte nach irgendwelchen Anzeichen von Wissen in ihrem Gesicht, aber sie wirkte nur schockiert.

»Nein«, sagte sie und griff sich sacht an die Kehle. »Sieben? Bist du sicher? Das ist ja schrecklich.«

Ich glaubte ihr. Sassy war gut, aber nicht gut genug, um Schuldgefühle so völlig zu überspielen. Im Gegensatz zu vielen anderen Vampiren hatte sie noch ein Gewissen.

»Ja, leider. Ich musste heute Nacht drei von ihnen mit dem Pflock töten, mit Hilfe eines Incubus, der sich als Vampirjäger verdingt.« Ich zögerte und fasste mir dann ein Herz. »Ich habe dir bisher nur wenig über meine Verwandlung erzählt. Die Sache ist die – wir glauben, dass die Vampire, die mich gefoltert und verwandelt haben, in die Erdwelt vorgedrungen sind. Was sie hier vorhaben, weiß ich noch nicht genau, aber du kannst mir glauben, dass sie nichts Gutes im Schilde führen. Ihr Anführer – Dredge, mein Meister – ist ein Sadist. Sein größtes Vergnügen besteht darin, anderen Schmerzen zuzufügen.«

Sassys ungläubiger Ausdruck wich der Bestürzung. »Ach du lieber Himmel. Menolly, glaubst du, dass sie hinter dir her sind?«

Ich erstarrte. Dieser Gedanke war mir noch gar nicht gekommen. Wir hatten angenommen, dass die Vampire eine Möglichkeit suchten, in die Unterirdischen Reiche zu gelangen, aber vielleicht irrten wir uns da. Wisteria hegte einen heftigen Groll gegen mich – gegen uns alle drei. Wenn sie sich gezielt mit dem Elwing-Blutclan zusammengetan hatte, könnte ein persönliches Motiv hinter diesen Angriffen stecken – und nicht irgendein großer Plan, der mit Schattenschwinge zu tun hatte.

»Heilige Scheiße, daran habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte ich.

Sassy schüttelte den Kopf. »Ich weiß ja nicht, was die eurer Meinung nach sonst vorhaben könnten, aber das wäre mein erster Gedanke. Trägt dein Meister dir denn irgendetwas nach?«

Ich blinzelte. »Das ist, als würde man fragen, ob Hannibal Lecter einen Groll gegen seine Opfer hegt. Es ist einfach... Mein Meister hat einfach gern mit mir gespielt.«

»Aber du bist ihm entkommen. Du gehörst nicht seinem Clan an, nicht wahr?« Sie starrte mich durchdringend an, und ich hatte das Gefühl, dass sie mehr aus meiner Seele las, als mir lieb war. »Was genau hat er dir angetan?«

Ich überlegte. Würde sie damit klarkommen? Ja, sie war ein Vampir, aber sie hatte immer noch diese sanfte, gütige Seite, die ihr im Lauf ihres Lebens eine große Schar von Freunden beschert hatte.

»Weißt du«, sagte sie, lehnte sich auf dem Diwan zurück und ließ ein diamantfunkelndes Handgelenk auf der Lehne ruhen, »ich habe auch so meine Geheimnisse. Wenn sie herausgekommen wären, solange ich noch am Leben war, hätten sie mich meinen Platz in der Gesellschaft gekostet. Vor allem, als ich noch ein Teenager war, in den späten Sechzigern.«

Ich wusste nicht recht, worauf sie hinauswollte, und neigte den Kopf zur Seite. »Tatsächlich?«

Sie nickte. »Du meine Güte, ja. Für mich waren die Sechziger geprägt von Partys, Studentenvereinigungen und teuren, privaten Mädchenschulen. Der Aufruhr der damaligen Jugendkultur ist einfach an mir vorübergegangen, zur großen Erleichterung meiner Eltern. Sie haben mich auf ein exklusives Mädcheninternat in Frankreich geschickt, in der Überzeugung, dass ich als perfekte, sittsame junge Dame zurückkehren würde, bereit, meinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen.«

»Und, was ist passiert?«

Sie lächelte mich an, und mir wurde klar, wie umwerfend sie in ihrer Jugend gewesen sein musste. Sie war immer noch eine Schönheit, aber die Blüte der Jugend musste ihr einen besonderen, aparten Reiz verliehen haben.

»Was meine Eltern nicht wussten: Während dieser beiden letzten Schuljahre in Frankreich habe ich entdeckt, dass ich... die Gesellschaft von Frauen bevorzuge. Die Erkenntnis verdanke ich einem wunderbaren Mädchen namens Claudine. Ich erkannte, dass ich eine lesbienne bin, wie Claudine es ausgedrückt hat. Wir hatten zehn Monate lang eine heiße Affäre, dann haben wir uns wegen irgendetwas gestritten – ich weiß nicht einmal mehr, was. Ich war am Boden zerstört. Claudine trennte sich von mir, ich beendete die Schule und kehrte nach Hause zurück.« Sassy deutete vage auf Wände und Decke. »Und dies, dies ist das Leben, in dem ich schließlich gelandet bin.«

Delilah hatte erwähnt, dass Sassy sie angemacht hatte, aber ich hatte geglaubt, dieses Interesse fürs eigene Geschlecht sei erst nach ihrer Verwandlung erwacht, nicht schon vorher da gewesen. »Aber du warst doch jahrelang verheiratet... «

»O ja«, sagte Sassy. »Ich war verheiratet, und Johan war ein wunderbarer Mann. Er hat für mich gesorgt, und auf Partys und bei offiziellen Anlässen habe ich mich an seinem Arm gut gemacht. Ich habe hinter ihm gestanden, ihm mit meinem Geld und meinem Familiennamen den Rücken gestärkt. Er hat es in der Welt der Medizin weit gebracht und dafür gesorgt, dass ich alles hatte, was ich wollte. Er hatte ein paar Affären, aber die hatte ich auch. Wir waren beide sehr diskret. Dann hat er sich zur Ruhe gesetzt, und drei Monate später ist er gestorben.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, blutig rot, und sie blinzelte sie fort.

»Hast du ihn geliebt?«, fragte ich, gefesselt von ihrer Geschichte.

Sie dachte kurz darüber nach. »Ja, ich glaube, das habe ich. Aber nicht mit der Leidenschaft, die man für einen Liebhaber empfindet. Ich habe ihn geliebt, weil er ein guter Mann war, weil er mich geachtet und mich nie in Verlegenheit gebracht hat. Als er starb, dachte ich: Vielleicht kann ich mich jetzt zu meiner Neigung bekennen – allen enthüllen, wer ich wirklich bin. Aber dann habe ich mir meine Freunde sehr genau angesehen. Sie sind wunderbare Menschen, aber festgefahren in ihren Ansichten, und ich wusste... ich wusste, wenn ich ihnen die Wahrheit sagte, würden sie sich von mir abwenden.«

»Ich verstehe.« Und das tat ich auch. Wenn ihre Freunde sie im Stich ließen, würde sie niemanden mehr haben. Sie hatte eine Tochter geboren, die jung gestorben war – sie war ertrunken. Und Sassys eigene Verwandtschaft war vermutlich inzwischen ebenfalls verstorben.

»Na ja, zuerst machte es mir nicht so viel aus. Ich hatte endlich die Entscheidung gefällt, mein Leben radikal zu verändern. Ich hatte daran gedacht, nach Soho oder San Francisco zu ziehen. Aber dann, eines Abends auf einer Party, lernte ich Takiya kennen. Er sah gut aus und war sehr weltgewandt. Ich dachte, er wolle nur mit mir befreundet sein, und als er mich anrief, klang er so einsam, dass ich ihn hierher zum Abendessen eingeladen habe. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich auf der Speisekarte stand.«

Sie hob die Hand, ein trauriges Lächeln auf den Lippen. »Er hatte sich in mich verliebt und hat mich in einen Vampir verwandelt, weil er wollte, dass ich für immer bei ihm bleibe. Ich war entsetzt. Die Ironie bei der Geschichte ist: Zwei Nächte, nachdem ich mich erhoben hatte, hat jemand Takiya getötet. Er hat sich in ein Wölkchen Asche aufgelöst, und ich blicke jetzt ganz allein der Ewigkeit entgegen.«

»Wer hat ihn getötet?« Mich beschlich da ein bestimmter Verdacht.

Mit einem Grinsen, das reichlich Zähne zeigte, antwortete sie: »Ich. Ich hatte mich gerade überwunden, einen Neuanfang zu wagen, ein offenes Leben zu führen als diejenige, die ich wirklich bin – und er hat mir alles verdorben.« Sie neigte den Kopf zur Seite. »Weißt du, warum ich dir all das erzähle?«

Auf mein verwundertes Kopfschütteln hin lachte sie. »Das dachte ich mir. Ich habe dir meine Geschichte aus zwei Gründen erzählt. Erstens: Wenn ich dir meine Geheimnisse anvertraue, weißt du, dass du mir deine erzählen kannst. So etwas baut Vertrauen auf, Menolly. Und der zweite Grund... Ich finde es nicht richtig, andere zu erwecken. Außer jemand fleht darum, außer jemand stirbt und bittet dich um Hilfe, und du weißt – du bist dir absolut sicher –, dass derjenige es nicht bereuen wird. Wer auch immer diese armen Menschen angreift, muss aufgehalten werden. Es ist schlimm genug, sie auszusaugen und zu töten, aber sie gegen ihren Willen zu diesem Dasein zu erwecken? Das ist gewissenlos.«

Während sie sprach, erkannte ich ihre Kraft, den Willen hinter ihren Worten. Ich sah ihr in die Augen und dachte: Das ist eine Frau, die wahrhaft verstanden hat, was es bedeutet, für eine Sache einzustehen, an die man glaubt. Sie hatte ihren eigenen Meister vernichtet – eine äußerst gefährliche Angelegenheit, falls andere Blutskinder dieses Meisters in der Nähe sein sollten.

»Wade und die AB-Gruppe sind alles, was mich davon abhält, mich in die Sonne zu legen«, fügte sie hinzu. »Er gibt mir Hoffnung. Wahrscheinlich können wir nicht verhindern, dass der Vampirismus sich ausbreitet, aber vielleicht können wir die Gewalt und die schrecklichen Auswirkungen ein wenig eindämmen. Wir können unsere Natur nicht verleugnen, aber wir können sie kontrollieren.«

Ich lehnte mich zurück, nun vollkommen überzeugt davon, dass sie mit den Morden nichts zu tun hatte. »Ich nehme an, du hast nichts gehört, das den Verdacht nahelegt, irgendwelche ortsansässigen Vampire könnten dahinterstecken?«

»Die Sonne geht in einer guten Stunde auf. Du solltest zusehen, dass du nach Hause kommst.« Sie erhob sich und betätigte die Klingel, um Janet herbeizurufen. »Es ist weithin bekannt, dass ich Takiya vernichtet habe. Ich bezweifle ernsthaft, dass mich die anderen Vampire je in ihre Geheimnisse einweihen werden. Aber ich werde die Ohren offen halten. Und ein bisschen herumschnüffeln. Ich habe immer noch ein paar Kontakte an den richtigen Stellen sitzen.«

Ich folgte ihrem Hinweis, stand auf und ging zur Tür. »Danke, Sassy.«

An der Tür, die Hand schon am Türknauf, blieb ich stehen. Ohne mich umzudrehen, sagte ich: »Dredge hat mich gefoltert, bis ich den Verstand verloren habe. Erst hat er seine Fingernägel und ein kleines, stumpfes Messer benutzt, um jeden Zentimeter meiner Haut aufzuritzen, außer an Händen, Fügen und im Gesicht. Er hat sich Zeit gelassen und ist Millimeter für Millimeter vorgegangen. Dann hat er mich vergewaltigt, bis ich dachte, ich müsste an der eisigen Kälte seines Fleisches sterben. Danach hat Dredge sich die Pulsader aufgeschnitten und mich gezwungen zu trinken. Als ich mich erhoben habe, hat er mich nach Hause geschickt, damit ich über meine Familie herfalle.«

Hinter mir hörte ich Sassy nach Luft schnappen.

»Manche Geheimnisse bleiben besser geheim«, sagte ich. »Aber du hast danach gefragt. Du sollst wissen, mit was für Monstern wir es hier zu tun bekommen. Bist du trotzdem dabei? Wirst du uns helfen, falls wir deine Hilfe brauchen?«

»Ihr könnt auf mich zählen«, murmelte sie leise.

Ich nickte und schloss dann die Tür hinter mir. Nicht mehr lange bis zum Morgengrauen, und für mich wurde es Zeit zu schlafen.