Kapitel 3

 

Als wir zu Hause ankamen, war es schon fast halb drei, aber das Haus war hellerleuchtet. Wir wohnten in einer dreistöckigen viktorianischen Villa, voll unterkellert – der Keller war mein Reich. Das Haus war ein wunderbarer, furchtbar teurer alter Kasten, wie unsere Mutter immer liebevoll gesagt hatte. Mutter hatte uns eine Menge über die Gebräuche und Redensarten der Erdwelt beigebracht, und wir hatten ihr sehr genau zugehört. Im Gegensatz zu meinen Schwestern, die damit zufrieden gewesen waren, zu Hause in der Anderwelt zu leben, hatte ich mich schon immer heimlich danach gesehnt, die Erdwelt mit all ihrer exotischen Technologie und ihren seltsamen Bräuchen zu besuchen. Nun war ich seit knapp einem Jahr hier und wusste immer noch nicht recht, was ich davon halten sollte.

Unser riesiges Grundstück war an drei Seiten von einem dichten Wäldchen umgeben. An einer Seite führte ein Pfad in den wilden Wald und hinab zum Birkensee. An den beiden anderen endete unser Besitz mitten im Wald, wo die Grundstücke der Nachbarn angrenzten. Zu den Häusern hier gehörten jeweils mindestens fünfzehn- bis zwanzigtausend Quadratmeter, und die meisten waren so klug, ihr Land nicht als Baugrundstücke zu verkaufen.

Das Haus selbst war so alt, dass es bezahlbar gewesen war, aber doch so neu, dass keine größeren Reparaturen fällig waren. Delilah bewohnte den zweiten Stock, Camille den ersten, das Erdgeschoss teilten wir uns, und der Keller gehörte natürlich mir. Iris wohnte bei uns und hatte sich in einem kleinen Raum neben der Küche behaglich eingerichtet.

Maggie schlief normalerweise bei Iris, aber wenn alle irgendwo unterwegs waren, brachte Iris sie zu mir in meinen Unterschlupf. Dort rollte die kleine Gargoyle sich in einem besonderen Bettchen zusammen, das wir für sie hergerichtet hatten, um sicher und behütet zu schlafen. Ich wachte zwar normalerweise knurrend und mit gefletschten Zähnen auf, hatte Maggie aber noch nie angegriffen. Dieselben Mechanismen, die andere dazu brachten, mich zu fürchten, kehrten sich um, wenn es um Maggie ging. Sie war mein persönlicher kleiner Schützling.

Iris und ich sprangen aus dem Auto. Iris weckte Anna-Linda, und die beiden folgten mir zur Vordertreppe. Ehe ich die Tür aufschließen konnte, riss Camille sie auf und scheuchte uns nach drinnen.

»Chase will mit dir sprechen. Chrysandra hat gesagt, du wärst auf dem Heimweg, wir haben schon Ausschau nach dir... « Plötzlich verstummte sie. »Wer ist das?«

»Ein Gast«, sagte ich knapp. »Ist Chase hier?«

»Im Wohnzimmer«, sagte sie und versuchte, an mir vorbeizuspähen.

»Das mit dem Mädchen erkläre ich dir gleich«, murmelte ich.

Als wir das Wohnzimmer betraten, schaute Delilah wie üblich eine ihrer Talkshows. Diesmal konfrontierte Jerry Springer ahnungslose Frauen mit ihren Verlobten, die ihnen in der Sendung gestehen würden, dass sie mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter geschlafen hatten. Na herrlich. Ich verstand nicht, was Delilah an diesem Mist so toll fand, aber sie hatte Spaß daran, und den ließ ich ihr. Ich hegte ja den Verdacht, dass sie auf Springer stand, aber diese Vorstellung war derart unappetitlich, dass ich möglichst nicht darüber nachdachte.

Chase hatte es sich neben ihr auf dem Sofa bequem gemacht und schnarchte leise. Von Trillian und Morio war nichts zu sehen. Morio war Camilles anderer Liebhaber – ein weiteres Mitglied ihres kleinen Harems. Morio war ein Yokai-kitsune, ein Fuchsdämon. Er war Japaner, ebenso umwerfend und ebenso begierig darauf, zu Camilles Gefolge zu gehören, wie ihre anderen Männer; außerdem unterwies er sie in Todesmagie, und sie entwickelte ihre neuen Fähigkeiten nur allzu leicht weiter. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Wade müsste bald kommen.

Delilah weckte Chase, der gähnte, sich die Augen rieb und sich aufrichtete. Die beiden gaben ein schickes Paar ab. Sie waren mit knapp über eins achtzig gleich groß, aber Delilah war so golden wie Chase dunkel. Ihre katzenhaften Züge strahlten vor Energie, während er auf südländische Art so gut aussah, dass es für das Cover des GQ locker reichen würde. Aber er war nicht mein Typ. Camilles Liebhaber auch nicht. Die meisten Männer wirkten überhaupt nicht anziehend auf mich, und das aus gutem Grund.

Ich nahm Iris beiseite. »Würdest du Anna-Linda in die Küche bringen, ihr etwas zu essen machen und sie dann ins Bett stecken? Und wenn du irgendeine Art von ›Lauf nicht davon‹Zauber kennst, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt dafür.«

Sie nickte, führte das Mädchen sacht zur Küche und fragte mit beruhigender Stimme, was Anna-Linda gern essen würde. Soweit ich das erkennen konnte, hatte die Kleine noch nicht gemerkt, dass ich ein Vampir war, und ich wollte, dass sie sich ein wenig erholte und sicher fühlte, ehe sie erfuhr, was ich war. Schließlich wollten wir sie nicht so erschrecken, dass sie wieder weglief.

Als die beiden außer Hörweite waren, setzte ich mich auf die Ottomane und bedeutete den anderen, sich vorzubeugen. »Die Kleine soll nicht hören, was ich euch gleich sagen werde«, flüsterte ich. »Sie ist für heute Nacht schon genug traumatisiert.«

Chase runzelte die Stirn. »Ich habe auch Neuigkeiten für dich... «

Ich schüttelte den Kopf. »Immer langsam mit den jungen Pferden. Chase, du wirst in einer der Gassen, die von der Wilshire Avenue abgehen, die Leichen von zwei Drogendealern finden. Aus Versehen haben sie jede einzelne Tablette Z-fen geschluckt, die sie dabeihatten. Ich habe sie davon abgehalten, die Kleine zu vergewaltigen. Sie wollten sie unter Drogen setzen und sie dann auf den Strich schicken. Sie heißt Anna-Linda Thomas, kommt aus Oregon und ist von zu Hause abgehauen. Ich rieche förmlich ein schlimmes Familienleben, aber du solltest das nachprüfen, ehe du irgendetwas sagst. Sie ist ziemlich scheu.«

»Wow. Du hattest ja einen interessanten Abend.« Delilah blinzelte und wandte mir ihr hübsches Gesicht zu. Sie war in den vergangenen Monaten viel erwachsener geworden, und dieser naive Funke war aus ihrem Blick verschwunden. Aber es waren nicht nur die Dämonen, die ihn erstickt hatten. Nein, eine schwarze Narbe in Form einer Sense prangte mitten auf ihrer Stirn. Sie war eine gezeichnete Frau, und das hatte sie sehr verändert – auf so vielfältige Weise, dass ich manches nur erahnen konnte.

Ich wandte mich wieder Chase zu. Er gähnte und klappte sein Notizbuch auf.

»Könnte ich einen Kaffee haben?«, bat er. »Und jetzt noch mal von vorn. Aber diesmal etwas langsamer.«

Delilah löste sich vom Sofa und ging in die Küche, um Koffein zu beschaffen. Camille fing meinen Blick auf und reckte lächelnd einen Daumen hoch. Sie war mir sehr ähnlich, obwohl ich sie in puncto Gnadenlosigkeit locker übertraf.

Ich berichtete noch einmal von dem Zwischenfall, Schritt für Schritt, und versuchte gar nicht erst, meine Ungeduld zu verbergen, als Chase laut seufzte.

»Hör mal zu, es ist mir scheißegal, dass dir von meinen Methoden übel wird – eines solltest du endlich kapieren«, sagte ich zu ihm. »Wir befinden uns nicht nur im Krieg gegen die Dämonen, sondern auch gegen eine ganze Welt voll Perverser da draußen. Wenn Iris und ich nicht zufällig genau in diesem Moment aufgetaucht wären, würde dieses kleine Mädchen jetzt auf den Knien rumrutschen und Schwänze lutschen, vollgepumpt mit Z-fen. Vielleicht müsste sie sich auch von irgendeinem Geschäftsreisenden, der sich mal ein bisschen amüsieren will, in den Arsch ficken lassen. Willst du, dass das passiert? Schön. Aber mir ist der Gedanke unerträglich, den Notruf zu wählen und dann einfach abzuwarten, bis die Polizei kommt. Und es passt mir nicht, dass dieser Abschaum sich einfach wieder freikaufen würde, wenn er tatsächlich mal eingebuchtet würde.«

Chase starrte auf seine Notizen hinab. Entweder hatte ich ihn furchtbar wütend gemacht oder aber einen Nerv getroffen, denn er klappte das Notizbuch zu und steckte es wieder ein. Mit einem Glitzern in den kühl blickenden Augen sagte er: »Bevor ihr drei hier ankamt, habe ich streng nach den Vorschriften gearbeitet. Ich war ein guter Cop. Dachte ich zumindest. Ich habe mich an die Regeln gehalten. Jetzt... weiß ich nicht mehr, was ich bin.«

Ich unterdrückte den Impuls, ihn an den Schultern zu packen und zu schütteln. »Hör mir zu. Du hast gelernt und dich angepasst. Das müssen wir alle. Und deswegen wirst du eine bessere Chance haben, das bevorstehende Chaos zu überleben. Nur zu, spiel wieder den guten Bullen und steck den Kopf in den Sand, wenn du das willst. Dann gehen wir nach Hause und überlassen Schattenschwinge das Portal. Wie weit werden deine Regeln und Vorschriften dich dann wohl bringen?«

Er wurde blass, und ich spürte Gewissensbisse, die ich sofort beiseiteschob. Von uns allen war ich am pragmatischsten. Trillian stand mir darin kaum nach, gefolgt von Camille und Morio, aber Chase und Delilah zögerten oft, wenn sie vor schwierige Entscheidungen gestellt wurden. Das konnte ich ihnen nicht verdenken. Es entsprach einfach nicht ihrer Art, die Dinge hart anzupacken. Aber wenn wir das Böse aufhalten wollten, das aus den U-Reichen durchsickerte, konnten wir es uns nicht leisten, so empfindlich zu sein, wenn es darum ging, ein paar Regeln zu brechen.

»Ja, ich weiß«, sagte er einen Augenblick später. »Ich höre dich klar und deutlich, auch wenn mir die Botschaft nicht gefällt.«

Delilah kam mit einem Tablett aus der Küche zurück, auf dem die Kaffeekanne und Becher standen. Außerdem hatte sie noch ein Glas Milch für sich und einen leeren Kelch für mich mitgebracht, den sie nun hochhielt. »Etwas zu trinken?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, danke, ich habe keinen Durst.«

»Okay, Waffenstillstand, was deine Vorgehensweise bei Zuhältern betrifft«, sagte Chase und nahm einen Becher Kaffee entgegen. »Sag mal, woher bekommst du eigentlich das Blut, das du in der Tiefkühltruhe lagerst? Oder will ich das lieber nicht wissen?«

Ich grinste. »Ich hatte mich schon gefragt, ob du je den Mumm aufbringen würdest, mich darauf anzusprechen. Alle paar Wochen stattet Camille einer kleinen Farm in der Nachbarschaft einen Besuch ab.«

Chase sah sie fragend an. »Und?«

Camille lachte. »Ein Kuss, und der Bauer gibt mir alles, was ich will. Sie legen etwas für uns zurück, wenn sie Vieh schlachten und ausbluten. Das ist ein Bio-Bauernhof, also ist das Blut nicht mit Chemikalien verseucht.«

»Tierblut funktioniert also auch?«, fragte Chase, der weniger geschockt aussah, als ich erwartet hatte; aber das konnte daran liegen, dass die Antwort wesentlich weniger schrecklich war, als er vermutlich befürchtet hatte.

»Na klar. Ist nicht meine Lieblingsnahrung, aber es erfüllt seinen Zweck, zumindest eine Zeitlang. Tierisches Blut kann den Hunger nicht allzu lange stillen, aber es reicht, um mich eine Weile über die Runden zu bringen. Unsere Tiefkühltruhe ist voll davon – das würde mir vier, fünf Monate reichen, falls ich mich hier verschanzen müsste.« Ich schwieg einen Moment lang. »Okay, was hast du für Neuigkeiten, Johnson?«

Er starrte in seinen Becher, blickte dann auf und sah mir direkt in die Augen. »Die vier Leichen, die wir heute Abend zur Autopsie gebracht haben – die Vampiropfer.«

Sein Tonfall sagte mir, dass mir nicht gefallen würde, was er mir zu sagen hatte. Camille und Delilah schauten auf den Boden. Offenbar wussten sie schon Bescheid.

»Sie sind weg.«

»Was soll das heißen, sie sind weg?« Ich starrte ihn an. »Leichen spazieren nicht einfach so davon. Na ja, jedenfalls nicht allzu häufig.«

»Gebrauche deinen Kopf, Mädchen«, sagte Chase, der erschöpft aussah. »Es laufen vier neugeborene, hungrige Vampire in der Stadt herum. Einer der Laboranten hat gesehen, wie sie sich erhoben haben. Er konnte sich verstecken, bis sie weg waren. Einer der Elfen, die mit Sharah zusammenarbeiten.« Chase hob den Becher an die Lippen. Der Kaffee musste kochend heiß sein, aber er zuckte nicht mit der Wimper.

Verfluchte Scheiße. »Glaubst du, dass sie Möchtegern-Vamps waren? Groupies, die einen Vampir gefunden haben, der bereit war, sie zu erwecken?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe sie überprüft. Keiner von ihnen hat sich in solchen Kreisen herumgetrieben. Sie sind nicht durch die einschlägigen Clubs gezogen, sie hatten gute Jobs, Wohnungen, Haustiere, Familien. Jetzt muss ich entscheiden, ob ich ihre Familien benachrichtigen soll oder nicht. Was soll ich denen sagen? Ihre Tochter ist tot, aber sie ist aufgestanden und davonspaziert? Oder warte ich einfach, bis die Opfer als vermisst gemeldet werden? Ich bewege mich da auf verdammt dünnem Eis, und ich bin heilfroh, dass bis jetzt nur das AETT involviert ist. Aber ich brauche unbedingt jemanden, der da rausgeht und diese neuen Vampire erledigt, ehe sie über die Bevölkerung von Seattle herfallen. Und außerdem muss ich den Scherzkeks kriegen, der sie erweckt hat.«

Toll. Diese Nacht wurde ja immer besser. »Hast du irgendwelche Hinweise?«

»Keine Ahnung. Du kennst die Vampirgemeinschaft viel besser, als ich sie je kennenlernen könnte. Meine Männer und ich wären wandelnde Zielscheiben, wenn wir ein paar von den Subkult-Clubs beträten, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden geschossen sind. Und glaub nicht, ich wüsste nicht, was da drin vor sich geht. Ich habe von diesen Partys im Dominick’s gehört.« Er stellte seinen Becher weg und zuckte müde mit den Schultern. »Ich weiß, das ist verdammt viel verlangt, noch dazu, wo ich dich eben erst wegen dem Kerl, der sie getötet hat, um Hilfe gebeten habe, aber... «

Ich blickte von Delilah zu Camille. »Ich nehme an, ihr seid dabei?«

Camille nickte. »Was sollten wir sonst tun?« Sie sah aus, als wollte sie noch etwas sagen, schüttelte dann aber nur den Kopf.

»Also, du hast irgendwas auf dem Herzen. Raus damit.«

Sie starrte einen Moment lang auf den Boden. »Wie oft kommt es deiner Erfahrung nach vor, dass Vampire ihre Beute einfach so herumliegen lassen, wo andere sie finden müssen? Und wenn sie neue Vampire erwecken wollten, würden sie diejenigen dann nicht mit in ihr Nest nehmen, um das dort zu tun?«

Was sie sagte, war völlig richtig, aber ich verstand nicht, worauf sie hinauswollte. »Nur weiter.«

»Ich glaube einfach... ich habe das Gefühl, das könnte eine Botschaft sein. Dass wir diese Leichen finden sollten, vor allem, wenn man bedenkt, dass Chase diesen anonymen Hinweis erhalten hat. Wer auch immer das getan hat, hat sich keine Mühe gegeben, die Bissmale zu verbergen, oder?« Sie runzelte die Stirn und schürzte die Lippen, eine Mimik, die mich so sehr an Vater erinnerte, dass ich den Blick nicht von ihr losreißen konnte.

»Was sie damit sagen will: Glaubst du, der Elwing-Blutclan könnte uns auf diese Weise mitteilen wollen, dass sie es durch die Portale geschafft haben?« Delilah stieß diesen Gedanken wie aus einer Maschinenpistole hervor. Sie zitterte, und mir wurde klar, dass sie erwartete, ich würde gleich explodieren.

Meine Schwestern wussten, dass ich äußerst ungern über den Elwing-Blutclan sprach. Mein Ausraster kurz nach dem Julfest, als sie mir gesagt hatten, dass der Clan womöglich auf dem Weg hierher war, bewies, dass ich noch nicht bereit war, darüber zu reden.

Das Problem war: Delilah konnte recht haben, und wenn dem so war, stand mir Grauenhaftes bevor. Ich ging zum Kamin hinüber und starrte in die knisternden, knackenden Flammen. Der Winter war wirklich sehr kalt, und auf einmal erschien er mir nur noch trübe und düster. Bis zum Frühling war es noch lange hin, und ich würde niemals wieder das Gesicht dem wiederkehrenden Licht entgegenrecken. Ich drehte mich um.

Chase blickte ein wenig verwirrt drein, wie üblich, aber Camille, Delilah und Iris musterten mich argwöhnisch. Einst hatte ich gelebt wie sie. Einst hatte ich tief durchgeatmet, einst hatte mein Herz gerast, hatte ich Kälte und Hitze und die Sonne auf meinem Gesicht gespürt. Der Elwing-Blutclan hatte mir all das genommen. Dredge hatte es mir genommen.

Er war stärker und älter als all die anderen, ihr Anführer, dunkler Wein in einer heißen Sommernacht. Dredge hatte mir die Haut in Fetzen geschnitten. Er hatte mich gelehrt, wie eng Lust mit intensivem, köstlichem Schmerz verbunden ist. Er hatte jede nur erdenkliche Waffe, die mich nicht auf der Stelle töten würde, an mir ausprobiert, auch seinen eigenen Körper. Er hatte mir die Seele in Stücke gerissen, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, Menolly wieder zusammenzufügen. Und dann am Ende... hatte er mir sein aufgeschlitztes Handgelenk an die Lippen gepresst. Sein Blut rann in meine Kehle. Mir blieb keine andere Wahl – ich musste schlucken oder ersticken. Also schluckte ich. Und dann kam das Ende, das nur der Anfang neuer Qualen war...

Ich schüttelte den Kopf und verbarrikadierte mich rasch gegen diese Gedanken. Manche Wege waren einfach zu gefährlich, um sie zu beschreiten. Der AND hatte meine geistige Gesundheit wiederhergestellt, aber sie konnten nichts gegen die Narben tun, die meinen Körper und mein Herz entstellten. Manche Wunden verheilen niemals. Manche Erinnerungen verblassen nicht.

»Dann sollten wir wohl besser rausfinden, ob sie wirklich dahinterstecken«, sagte ich. »Wade müsste gleich da sein. Wenn irgendjemand davon erfährt, was es Neues in der Vampirgemeinschaft gibt, dann er. Er hält enge Verbindung mit den meisten Nestern und Clubs.«

Wade nahm seine selbst gewählte Aufgabe, stets zu wissen, was im Untergrund vor sich ging, sehr ernst. Die Gemeinde der Übernatürlichen bestand aus drei Schichten – jenen, die sich offen zu ihrer Natur bekannten und am gesellschaftlichen Leben teilnahmen; jenen, die sich nicht angepasst hatten, aber notfalls als Menschen durchgehen konnten; und dann gab es noch die Übernatürlichen, die sich verborgen hielten und das menschlich geprägte Leben völlig mieden. Jedenfalls das Leben der ganz normalen, durchschnittlichen VBM.

»Wenn sie dahinterstecken... «, begann Camille, doch ihre Stimme erstarb.

»Wenn Dredge dahintersteckt, ist Wisteria bei ihm, und meine Vermutung wäre, dass sie versuchen, einen Weg in die Unterirdischen Reiche zu finden, um sich mit Schattenschwinge zu verbünden.« Ich zögerte und fuhr mir mit der Hand über die Augen. Normalerweise wurde ich nie müde, aber im Augenblick fühlte ich mich, als sei ich tausend Jahre alt. »Ich will, dass ihr mir eines versprecht.«

»Was denn?«, fragte Chase und starrte mich mit großen Augen an.

Als ich die Hand sinken ließ, merkte ich, dass sie nass war – mit blutigen Tränen verschmiert. Ich hatte geweint und es nicht einmal gemerkt. Ich machte mir nicht die Mühe, mir das Blut vom Gesicht zu wischen, sondern sah ihm direkt in die Augen. »Falls der Elwing-Blutclan in die Sache verwickelt ist, gehört Dredge mir allein. Und niemand verliert ein Wort darüber, was ich mit ihm anstelle, ganz gleich, was ich tue. Verstanden? Er gehört mir

Delilah stieß ein leises »Miau« aus. Camille blinzelte, sagte aber kein Wort. Sie warf mir nur einen Blick zu, der mir sagte, dass sie mich verstand. Chase nickte. Ich wandte mich wieder dem Feuer zu, als Iris zu mir trat, ein Geschirrtuch über der Schulter.

»Menolly? Maggie ist wach und sucht nach dir. Würdest du sie für mich halten, während ich ihre Salbeisahne zurechtmache? Ich glaube, sie hat Hunger.« Ihr flachsblondes Haar schimmerte im indirekten Licht, und in ihrem Blick war keinerlei Mitleid zu erkennen, nur reine, ungetrübte Ermunterung. Dankbar zwang ich meine Lunge, tief Luft zu holen. Ich brauchte nicht zu atmen, aber das half mir, mich zu beruhigen, wenn ich gestresst war.

»Danke«, sagte ich. »Ich komme.«

Wir gingen in die Küche, wo Maggie blinzelnd in ihrem Laufstall saß. Ich warf Iris einen Blick zu. »Du hast sie geweckt, stimmt’s?«

Iris zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Ich bin in mein Zimmer gegangen, um mein Notizbuch zu holen, und habe dabei wohl zu viel Lärm gemacht. Sie hat angefangen zu wimmern, also habe ich sie mitgenommen.« Sie wandte sich ab, um meinem finsteren Blick auszuweichen, aber ich kannte sie zu gut. Maggie war nicht von allein aufgewacht.

»Danke«, sagte ich und schüttelte die trübseligen Gedanken ab. »Was macht das Mädchen?«

»Anna-Linda schläft. Ich habe ihr einen Schlaftrunk untergejubelt. Sie muss sich ausruhen, und ich will nicht, dass sie während der Nacht aufwacht.« Iris deutete auf ihr Kämmerchen. »Ich habe sie in mein Bett gelegt. Ich kann auch im Schaukelstuhl schlafen oder auf dem Sofa, wenn es sein muss.« Sie stellte einen Topf auf den Herd und gab Sahne, Salbei, Zucker und Zimt hinein. Maggies spezielle Gargoyle-Milch würde ihr helfen, groß und stark zu werden. Und schlau – zumindest hofften wir das.

»Möchtest du Tee?«, fragte ich und griff nach dem Orangenblüten-Tee im Küchenschrank, Iris’ Lieblingsgetränk. In diesem Moment entdeckte Maggie mich und hob die Ärmchen. Sie war immer noch winzig, nicht größer als ein kleiner Hund, und ihr Fell war in einem wirbelnden Muster aus Orange, Schwarz und Weiß gezeichnet. Sie war eine Waldgargoyle, und Camille hatte sie aus dem Fresspaket eines Dämons gerettet. In den vergangenen Monaten war mir diese halbe Portion ans Herz gewachsen, obwohl ich es mit Tieren oder Babys eigentlich nie sonderlich gehabt hatte.

Ich hob sie auf, wobei ich darauf achtete, ihre Flügel nicht zu knicken, die noch sehr weich und biegsam waren. Mit der Zeit würden sie ledrig und breit werden, stark genug, Maggie in der Luft zu halten. Bis dahin mussten wir dafür sorgen, dass sie keinen Schaden nahmen. Maggie hatte noch kein Wort gesprochen – sie stieß nur ihr leises Muuf aus, und wir waren nicht sicher, ob sie je eine normale Intelligenz entwickeln würde. Sie war von Dämonen gezüchtet worden und hatte vermutlich nicht lange genug Muttermilch bekommen, um diesen Entwicklungsprozess anzustoßen. Aber ganz gleich, wie sie sich entwickeln mochte, wir würden sie lieben, uns um sie kümmern und sie beschützen. Sie hatte ein langes Leben vor sich, und wir würden für sie da sein.

Sie schlang die Arme um meinen Nacken und klammerte sich fest. Ich ging zum Schaukelstuhl, setzte mich hinein und wiegte sie sanft wieder in den Schlaf. Ich drückte die Nase in das Fell an ihrem Hals und atmete ihren Tiergeruch ein. Ihr kleines Herz pochte langsam im Rhythmus ihres jungen Lebens, aber ich fühlte überhaupt keinen Drang, keine Versuchung, keine Blutlust.

»Schlaf, Kindchen, schlaf; der Vater hüt’ die Schaf«, sang ich leise – dieses Lied hatte unsere Mutter uns oft vorgesungen, als wir noch klein gewesen waren. »Die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein... « Lächelnd schloss Maggie die Augen und dämmerte weg. Ich schaukelte sie sanft und versuchte, nicht an den Elwing-Blutclan zu denken. Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür.

»Das müsste Wade sein«, sagte ich zu Iris und drückte ihr widerstrebend Maggie in die Arme. »Aber lass mich die Tür aufmachen, vorsichtshalber.«

Ich spähte durch den Türspion, und es war tatsächlich Wade, der da draußen stand. Er winkte kurz, und ich öffnete die Tür. Abgesehen von mir war er der einzige Vampir, der über diese Schwelle treten durfte. Es war einfach keine gute Idee, Blutsaugern Zutritt zum eigenen Haus zu gewähren. Es stimmte nämlich wirklich, dass wir keine Wohnräume betreten konnten, wenn wir nicht dazu eingeladen worden waren. Ich öffnete die Tür und bat ihn herein.

Wade war ein seltsamer Typ. Mit seinen stacheligen, blondierten Haaren und den blassen Augen konnte man ihn leicht für einen Loser halten, wenn man nicht näher hinschaute. Er trug blaue Jeans, ein dickes Flanellhemd und seine Brille, ohne die man ihn nie sah. Die Gläser waren ungeschliffen, aber er hatte diese Brille sein Leben lang getragen und konnte sich nicht daran gewöhnen, ohne sie herumzulaufen, auch jetzt nicht, da er tot war.

»Was liegt an, meine Schöne?« Er zwinkerte mir zu.

Das war eine der Eigenschaften, die ich an ihm mochte – er hatte seinen Platz in der Welt als Vampir akzeptiert und nutzte ihn dazu, anderen zu helfen, für die dieses Dasein neu war. Und er hatte seine Menschlichkeit noch nicht verloren. Er liebte einen guten Witz, ein gutes Buch und eine gute Zigarre.

»Schlechtes Karma, Wade. Schlechte Neuigkeiten.« Ich streckte die Hand aus und berührte vorsichtig seine Fingerspitzen – unsere übliche Begrüßung – und führte ihn dann ins Wohnzimmer.

Wade verbeugte sich knapp vor meinen Schwestern und winkte Chase zu. Die beiden hatten sich schon ein-, zweimal gesehen, aber noch nie Gelegenheit gehabt, sich in Ruhe zu unterhalten. Chase wollte ihm die Hand hinstrecken, doch ich schüttelte warnend den Kopf. Delilah berührte leicht seinen Arm, und er zog ihn zurück.

»Huch, ja richtig. Entschuldigung«, sagte Chase.

Wade zuckte mit den Schultern. »Ich habe keinen Hunger, und selbst wenn ich hungrig wäre, würde ich aus Höflichkeit darauf verzichten, die anderen Gäste zu fressen.« Er blickte sich um, und ich wies auf einen Sessel. Als er Platz genommen hatte, erzählten wir ihm, was passiert war.

»Wir müssen wissen, ob sich im Untergrund irgendetwas tut.« Ich drehte den Bürostuhl hinter dem Schreibtisch herum und setzte mich rittlings darauf. »Im Ernst, Wade. Es könnte sein, dass hier eine gewaltige Scheiße läuft, und wir müssen wissen, womit wir es zu tun haben.«

Er wusste nicht alles über Schattenschwinge, aber doch genug, um ihn auf unserer Seite zu halten. Wade glaubte, wir könnten es schaffen, eine kleine Armee von Erdwelt-ÜW aufzustellen, falls die Dämonen in größerer Zahl hierher durchbrechen sollten. Sie wären unsere besten Kämpfer und viel wirkungsvoller als Soldaten mit Schusswaffen.

Wade lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Ach, verdammt. Und wir hatten mit der AB-Gruppe schon solche Fortschritte gemacht. Aber wie kommst du darauf, es könnte dein Meister sein und nicht irgendein abtrünniger Erdwelt-Vampir – jemand, der ausgerastet ist oder einfach neu in der Gegend? Ich will meine Suche nicht von vornherein so einschränken.«

Chase sah mich an. Ich zuckte mit den Schultern.

»Wir wissen es nicht mit Sicherheit«, sagte er und starrte Wade an. Ich hatte den Eindruck, dass es für Chase viel schlimmer war, einem Erdwelt-Vampir gegenüberzusitzen als mir. Ich stammte schließlich aus einem anderen Land, einer anderen Welt sogar. Mich konnte er hübsch in eine Schachtel packen. »Menolly kommt aus der Anderwelt, natürlich ist sie anders und seltsam.« Aber Wade... Wade war mitten in Seattle zum Vampir geworden. Ein Junge aus der Nachbarschaft, sozusagen, aber von der gefährlichen Sorte.

Das Schweigen im Raum wurde durchdringend, und ich tippte Chase aufs Knie. Er riss den Kopf hoch, und ich schnaubte. »Beruhig dich, ich wollte nur vorschlagen, dass du deinen Gedanken zu Ende führst. Du hast offenbar den Faden verloren.«

»Äh, ja. Danke... glaube ich.« Blinzelnd fuhr Chase fort: »Die Mädels glauben, dass der Elwing-Blutclan in die Sache verwickelt sein könnte. Aber du hast recht. Wir sollten davon ausgehen, dass es jeder beliebige Vampir sein könnte. Schließen wir nicht voreilig irgendwelche Türen.«

»Was ist also unser erster Schritt?« Wade sah mich an und grinste leicht. Er war an nervöse Sterbliche gewöhnt. Schließlich erlebte er sie oft genug am Freunde-und-Familien-Abend der Anonymen Bluttrinker.

Ich blickte mich um. Camille und Delilah hatten sich zusammengekuschelt und futterten Chips. Chase spielte an seinem Notizbuch herum. Iris feilte sich konzentriert die Fingernägel. Ich wartete einen Moment lang, aber es war offensichtlich, dass niemand die schmerzhafte Pause unterbrechen wollte.

»Redet bitte nicht alle auf einmal«, sagte ich kopfschüttelnd. »Ich bin doch hier nicht die Einzige mit einem Gehirn, oder?«

Camille zuckte mit den Schultern, wischte sich die Mundwinkel ab und schaffte es dabei irgendwie, ihren Lippenstift intakt zu lassen. »Na ja... «

»Wie machst du das?«, unterbrach ich sie.

»Was denn?«

»Dein Lippenstift. Er ist nicht verschmiert.«

Sie lächelte. »Das ist extra lang anhaltender Lack-Gloss. Verwischt nicht – da müsste ich schon mit dem Topfschwamm kommen. Macht das Essen in der Öffentlichkeit sehr viel einfacher. Darf ich jetzt fortfahren?«

»Klar«, sagte ich und überlegte, wie die Chemikalien in diesem Lipgloss sich auf meine Haut auswirken würden, jetzt da ich ein Vampir war. Manchmal ließen sich nämlich Sachen, die abwaschbar sein sollten, bei uns nicht abwaschen. Ich hatte an einem Vampir, der letzten Monat auf der Durchreise in Seattle gewesen war, ein grauenhaftes Beispiel für einen Rouge-Unfall gesehen. Wenn man sich grelle Feuerbälle auf beiden Wangen vorstellte, dann kam man der Sache nahe. Der Arme war ein pummeliger Teenager, dessen sogenannte Freunde – die sämtlich noch am Leben waren – sich einen Scherz mit ihm erlaubt hatten, während er geschlafen hatte. Und da wunderten sich Atmer, warum wir sie lieber nicht wissen ließen, wo sich unser Unterschlupf befand.

»Na ja, wir dachten, du hättest vielleicht schon eine Idee. Immerhin kennst du dich mit den Gewohnheiten von Vampiren besser aus als wir.« Camille warf Delilah einen Blick zu, die ihn nickend erwiderte. »Mit anderen Worten: Du bist dran.«

Mit einem Rülpser, bei dem sie kaum die Hand vor den Mund hielt, nickte Delilah eifrig. »So ist es! Du bist die Anführerin.«

»Und wie kommt ihr dazu, mir diese zweifelhafte Ehre zu übertragen?« Ich hatte das Gefühl, dass ich aus dieser Sache nicht so leicht rauskommen würde.

»He, ihr habt mich nach vorn geschoben, als Zachs Stamm abgeschlachtet wurde«, sagte Delilah. »Und Camille musste die Zügel übernehmen, als wir gegen Bad Ass Luke gekämpft haben. Jetzt bist du dran, Menolly.«

Ich warf Chase einen Blick zu. »Hast du dem noch was hinzuzufügen, Johnson?«

Er zupfte an seinem Kragen herum und runzelte die Stirn, als Delilah ein paar orangerote Chili-Käse-Chips auf seinen makellosen schwarzen Anzug fallen ließ. Aber er sagte kein Wort, zupfte sie nur ab und deponierte sie auf dem Couchtisch. Falls er sauer war, weil sie seinen Armani-Anzug bekrümelt hatte, sagte er jedenfalls nichts dazu.

»Nein«, erwiderte er gleich darauf. »Nein, denn ihr habt recht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wonach ich suchen sollte. Und da du... na ja... «

»Sprich es einfach aus.« Ich zog ein finsteres Gesicht und wünschte, die Leute würden nicht immer so um den heißen Brei herumschleichen. »Ich bin tot. Untot. Ein Vampir. Ich mache dir eine Scheißangst, ich nähre mich von Blut, und wenn du mir genug dafür bezahlen würdest, könnte ich sogar darüber nachdenken, in meinem langen schwarzen Cape herumzulaufen, iik, iik, iik zu kreischen und Bela Lugosi zu spielen!«

Alle starrten mich an, als sei mir ein zweiter Kopf gewachsen. Wade schnaubte so laut, dass er sich Rotz über das ganze Hemd geblasen hätte, wenn er noch gelebt hätte.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was ich bin. Ihr werdet mich gewiss nicht beleidigen, indem ihr das Offensichtliche aussprecht, also würdet ihr euch bitte mal entspannen und einfach normal weitermachen? Ich gehe euch schon nicht an die Kehle, nur weil ihr geradeheraus mit mir redet.«

Nach einer kurzen Pause hüstelte Camille. »Sind wir heute Abend ein bisschen empfindlich, hm?« Mit erstickter Stimme fügte sie hinzu: »Die Hormone kannst du dafür jedenfalls nicht mehr verantwortlich machen, das steht mal fest.«

Ich starrte sie an und unterdrückte ein Grinsen. Chase warf ihr einen panischen Blick zu, als sei sie verrückt geworden. Delilah war so in ihr Junk-Food vertieft, dass sie alles andere ignorierte. Iris starrte zur Decke hoch und tat so, als suchte sie die Ecken nach Spinnweben ab. Und Wade... nun ja... Wade saß einfach nur da und wartete, bis wir uns abreagiert hatten.

»Weißt du«, sagte ich sanft, »du könntest diese prachtvolle Figur für immer behalten, wenn du mich mal an deinen Hals lassen würdest.«

Camilles Hand schoss zu ihrer Kehle, doch dann lachte sie. »Frag mich in zweihundert Jahren noch mal, ja?«

»Abgemacht.« Ich gab es auf, den Großen Bösen Vampir zu spielen, und lachte mit ihr. »Können wir dieses Gespräch jetzt beenden? Ich hätte gern noch ein bisschen Zeit für mich, bevor ich ins Bett muss, und es sind nur noch wenige Stunden bis Sonnenaufgang.«

Chase verdrehte die Augen. »Dann halten wir also fest: Du bist hiermit zum Gehirn unserer Operation ernannt, weil du die Situation am besten kennst – du weißt, wie es ist, ein Vampir zu sein. Du und Wade habt das selbst schon erlebt. Also, was sollen wir tun? Wo fangen wir an zu suchen?«

Ich trat ans Fenster und starrte in die eisige Nacht hinaus. Der Winter machte uns allen zu schaffen, dachte ich. Wir waren gereizt und müde und ständig besorgt, was als Nächstes kommen mochte, und doch... blieb uns nichts anderes übrig. Wir taten, was wir tun mussten, mehr gab es dazu nicht zu sagen.

»Du meinst, wo ich hingehen würde, wenn ich ein neugeborener Vampir wäre? Kommt darauf an, ob mein Meister – oder meine Meisterin – mich zu sich rufen würde. Wade«, sagte ich, ohne mich umzudrehen. »Wie läuft das hier drüben ab? Werden die meisten neugeborenen Vampire von ihren Meistern unterwiesen, wie in der Anderwelt?«

Er runzelte die Stirn. »Äh, das weiß ich nicht. Wir sind so daran gewöhnt, uns verborgen zu halten – ich glaube, so etwas wie ein Protokoll für den Umgang mit Neugeborenen gibt es gar nicht. Als ich verwandelt wurde, bin ich danach allein in meiner Praxis aufgewacht. Offenbar wurde ich schon seit ein paar Tagen vermisst, aber niemand hat daran gedacht, in der Praxis nachzusehen, weil das ein langes Feiertags-Wochenende war und alle dachten, ich wäre einfach an den Strand gegangen. Als ich aufgewacht bin, habe ich eine ganze Weile gebraucht, bis ich begriffen habe, was passiert war. Na ja, als der Hunger eingesetzt hat, war es ziemlich offensichtlich.«

»Hm... Übernatürliche haben es in der Erdwelt wirklich nicht leicht, was? Keine Richtlinien, niemand, der sich um euch kümmert und euch im Auge behält. Sogar in den mieseren Blutclans in der Anderwelt kümmert man sich um diejenigen, die man für die Verwandlung ausgewählt hat, außer – wie in meinem Fall – das geschah aus Boshaftigkeit, um andere dadurch zu verletzen.«

Ich schob die Erinnerungen beiseite, die wieder in mir hochzukriechen drohten. Jetzt war keine Zeit dafür, meiner Wut freien Lauf zu lassen. »Wenn sie sich auf der Straße herumtreiben, könnten sie sonst wo sein. Aber sie werden anfangs sehr ungeschickt sein; sie werden eine deutliche Spur hinterlassen, weil sie noch nicht ganz begriffen haben, was mit ihnen passiert. Es dauert eine Weile, bis man dahinterkommt.«

Chase betrachtete mich mit undurchdringlichem Blick. »Ich will nicht mal so tun, als wüsste ich, was während dieser Verwandlung passiert, aber es kann nicht angenehm sein, nicht einmal dann, wenn jemand sich freiwillig darauf einlässt.«

»Ist es nicht«, erwiderte ich knapp.

Wade nickte, und ich sah ihm an, dass er an seinen eigenen Tod und seine Erweckung dachte. »Also sollten wir wohl zuerst herausfinden, wer sie verwandelt hat. Ich strecke mal meine Fühler aus. Währenddessen, Menolly, solltest du im Wayfarer die Augen offen halten. Das Erschreckendste ist eigentlich, dass derjenige, wer auch immer es war, vier auf einmal verwandelt hat. Das ist wirklich selten. Ich habe noch nie von einem Vampir gehört, der mehr als einen Neugeborenen auf einmal hervorgebracht hat – du vielleicht?«

»Ich weiß nicht... « Ich dachte an die Anderwelt, an den Elwing-Blutclan und daran, wozu die fähig waren. »Dredge war immer sehr wählerisch. Das wusste ich schon, bevor er mich zu fassen gekriegt hat, denn ich hatte den Clan ausspioniert. Sicherlich würde er nicht wahllos Opfer von der Straße nehmen, schon gar keine Menschen. Die meisten Vampire, die ein neues Nest aufbauen wollen, wählen ihre Neulinge sorgfältig. Immerhin wird man sehr, sehr lange an diese Leute gebunden sein.«

Wade runzelte die Stirn. »Vielleicht hat sich daran etwas geändert. Oder das Ganze hat überhaupt nichts mit Dredge zu tun. Jedenfalls müssen wir schnell sein, denn neugeborene Vampire müssen trinken, und trinken werden sie. Wenn wir sie nicht bald finden, werden sie eine Mordorgie feiern.«

Ich gab Chase einen Wink. »Dein Notizbuch.«

Er schlug es auf. »Okay, lass hören.«

»Als Erstes solltest du die Krankenhäuser und das Leichenschauhaus auf einen plötzlichen Anstieg von Gewaltopfern überprüfen. Vier Neugeborene können eine Menge Blut trinken, und offen gestanden haben wir im Augenblick so wenige Anhaltspunkte, dass der Kampf wohl ziemlich einseitig verlaufen wird, bis wir sinnvoll reagieren können.«

Delilah mischte sich ein. »Wisst ihr, vielleicht wird es Zeit, dass wir unsere Idee mit der Datenbank von allen Übernatürlichen in die Tat umsetzen. Ich weiß, es ist gefährlich, derartige Informationen irgendwo zu speichern, aber wie es aussieht, werden wir jegliche Hilfe brauchen, die wir nur kriegen können. Natürlich können wir niemanden zu irgendetwas verpflichten, aber wir sollten zumindest schon mal anfangen, alles zusammenzutragen. Mit Schattenschwinge auf dem Kriegspfad und einem Degath-Kommando nach dem anderen, das zum Spionieren hierhergeschickt wird, schaffen wir das einfach nicht mehr allein.«

Camille seufzte tief. »Sie hat recht. Wir müssen uns besser organisieren. Die Zügel des AND liegen jetzt inoffiziell in unseren Händen, und wir haben niemanden mehr, an den wir uns wenden können, wenn wir Unterstützung brauchen. Delilah, mach du dich an die Arbeit und überlege dir schon mal, wie diese Datenbank aussehen könnte. Vielleicht sollten wir ein Gipfeltreffen aller Anführer der übernatürlichen Gemeinschaften im Wayfarer abhalten. Die Oberhäupter der verschiedenen Nester, Stämme und Rudel bitten, sich uns anzuschließen. Wäre das okay, Menolly?«

»Oh, klar, das klingt nach einem Haufen Spaß.« Ich verzog das Gesicht. »Wir werden eine Armee brauchen, um den Frieden allein zwischen den verschiedenen Wergruppen zu sichern, ganz zu schweigen davon, was passiert, wenn wir auch noch Vampire, Erdwelt-Feen, Besucher aus der Anderwelt und auch sonst alles, was nicht ganz als menschlich gelten kann, mit in den Topf werfen. Aber ich glaube, wir sollten einen anderen Ort dafür finden. Der Wayfarer ist zu klein für so viele Leute. Außerdem wird dieses Treffen schon für genug Spannungen sorgen – da muss nicht auch noch Alkohol im Spiel sein. Sonst fangen die Teilnehmer unseres Gipfeltreffens noch an, sich gegenseitig Gläser und Flaschen auf den Kopf zu hauen.«

»Das wäre doch schon ein Anfang«, sagte Camille.

»Und jetzt muss ich ein bisschen entspannen. Ich bin in meinem Unterschlupf, falls mich irgendjemand braucht. Wade, du gehst lieber nach Hause, ehe es hell wird.« Ich begleitete ihn zur Tür und schlich mich dann in die Küche; plötzlich fühlte ich mich einsam. Alle anderen konnten noch aufbleiben und reden, sie konnten auf Schlaf verzichten und brauchten sich keine großen Sorgen darum zu machen. Sie hatten kein Problem damit, dass morgens die Sonne aufging. Für mich war das eine der Ungerechtigkeiten des Lebens, mit denen ich fertig werden musste. Ich lebte während der dunklen Stunden, immer im Schatten des Lebens. Manchmal wollte ich einen kindischen Wutanfall bekommen, aber das tat ich dann doch nie. Energie zu verschwenden, war einfach nicht mein Stil.

Ich schlüpfte durch den geheimen Eingang in meine Wohnung im Keller und fragte mich auf dem Weg die Treppe hinunter wohl zum tausendsten Mal, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich nicht von der Decke gestürzt und dem ElwingClan in die Hände gefallen wäre.

Ich versuchte, meine trübe Stimmung abzuschütteln, und wandte mich dem Stapel Bücher auf dem Nachttisch zu. Mein Bett war mit hübscher grüner Bettwäsche bezogen. Ich griff nach dem obersten Buch, einer Geschichte über eine Gruppe von Männern, die den Mount Everest bestiegen, lehnte mich auf dem Bett zurück und verlor mich in einer Welt aus Eis und Schnee, wo die Tage so glitzernd weiß waren, dass man davon blind wurde, wo der Schnee glänzte und funkelte – rein und klar – und wo die Sonne Freund war, nicht Feind.