Kapitel 11
Auf dem Heimweg wussten wir zwei Dinge: Sharah würde überleben, und der Alarm des Magie-De-tektorsystems hatte die Jungs oben nicht aufgeschreckt, weil jemand ihn mit einem Dämpfungszauber belegt hatte. Im Flur und im Treppenhaus hörte man ihn laut und deutlich. Hinter den Türen des Hauptbüros war kein Ton zu vernehmen.
Alle bis auf mich waren erschöpft, und auch ich war emotional angeschlagen. Wir vermissten noch immer eine Freundin, die Dredge und seine Mannschaft entführt hatten, und es liefen mindestens acht abtrünnige Vampire frei in der Stadt herum – einer davon ein süßer Junge im Teenageralter, der sich vermutlich sofort auf die nächsten Schulmädchen stürzen würde. Ein grausiger Gedanke, aber leider nur zu real.
Roz hatte nicht mit uns nach Hause fahren wollen. »Ich suche weiter nach Spuren«, sagte er. »Ich brauche kaum Schlaf. Ich kann mich umsehen, während ihr euch ausruht.«
Ich wusste zwar immer noch nicht so recht, was ich von ihm halten sollte, nahm seine Hilfe aber dankbar an. Er hatte sich bisher nur bewährt, und das bedeutete nicht unbedingt, dass wir ihm vertrauen konnten, aber es machte mir doch Hoffnung – vielleicht war er wirklich in Ordnung.
Wade hatte sich zu seinem Nest aufgemacht, und Delilah wollte Chase noch bei dessen Wohnung absetzen, ehe sie nach Hause kam. Trillian fuhr mit mir und zog während der gesamten Fahrt ein finsteres Gesicht.
»Was hast du denn?«, fragte ich, als wir über den Highway rasten.
»Camille macht sich völlig verrückt wegen Erin. Sie hat mir gesagt, das sei allein ihre Schuld. Sie hätte niemals Freundschaft mit einem Menschen schließen dürfen, weil die Gefahr von Kollateralschäden einfach zu groß sei, und sie wisse ja, wozu Schattenschwinge und sein Gefolge fähig sind.« Er starrte düster aus dem Fenster. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie unglücklich ist.«
»Ich auch nicht. Und diese ›Kollateralschäden‹ werden ins Unermessliche wachsen, falls die Dämonen tatsächlich durchbrechen. Aber wenn Dredge nicht hinter mir her wäre, dann würde uns irgendjemand anders bedrohen. Camille sollte stolz darauf sein, dass sie hier ist und echte Hilfe leistet. Wenn wir Bad Ass Luke nicht aufgehalten hätten, hätte er Schattenschwinge womöglich längst den Weg hierher eröffnet. Sie ist diejenige, die dahintergekommen ist, wo seine Schwachstelle liegt.« Ich überholte ein dahinkriechendes Auto und drehte die Musik lauter.
Trillian brummte: »Du weißt das, und ich weiß das, aber ich glaube, Camille ist völlig erschöpft. Sie tut zwar immer so mutig, aber die vergangenen paar Monate haben sie fertiggemacht. Und sie macht sich ständig Sorgen um euren Vater und eure Tante.«
Ein wenig genervt sagte ich: »Tja, das tut Delilah auch. Vermutlich noch mehr als Camille. Ich übrigens auch, falls das jemanden interessiert. Ich behalte meine Sorgen eben für mich.« Ich starrte auf die Straße, während meine Räder die Straße auffraßen und der Jaguar durch die Nacht flitzte. »Wir stecken da alle gemeinsam drin. Es gibt keinen Ausweg, wir müssen uns eben daran gewöhnen.«
»Du hast keine Freundinnen«, erwiderte Trillian schnaubend. »Wie könntest du nachvollziehen, was Camille durchmacht? Wenn dieser Sadist Erin umbringt, wird Camille sich das nie verzeihen.«
»Das wird sie lernen müssen«, sagte ich grimmig. »Ich muss mir jeden Tag verzeihen, was ich selbst tue. Je länger dieser Krieg mit Schattenschwinge dauert, desto mehr Todesopfer wird er fordern. Die Dämonen werden immer aggressiver, und wir müssen da mithalten. Wir spielen hier nicht Käsekästchen. Ja, es ist scheiße, aber wir haben es nun mal mit der Wirklichkeit zu tun.«
Noch während diese bitteren Worte über meine Lippen kamen, bereute ich sie. Ich war nicht hartherzig, im Grunde, aber ich hörte mich an wie ein knallhartes Miststück. Kein Wunder, dass Trillian mich von oben herab musterte. Ich erwartete irgendeine scharfe Erwiderung, doch er wandte sich nur wieder dem Fenster zu.
Gleich darauf sagte er: »Du hast natürlich recht. Ich verstehe schon. Ich habe die Fratze des Krieges schon oft genug gesehen. Ich sehe sie jedes Mal, wenn ich heim in die Anderwelt reise. Aber Camille und Delilah... Sie sind nicht an Tod und Gemetzel gewöhnt.«
»Ich schon«, sagte ich leise. »Ich wünschte, es wäre anders, aber... «
»Du lebst mit dem Geschmack von Blut auf der Zunge. Ich lebe mit dem Blut, das an meinen Händen klebt. Wir akzeptieren das als einen Teil unseres Lebens. Aber diese beiden... sie haben gerade erst begonnen, ihren Platz im Reich der Schatten zu erkunden. Delilah ist als Todesmaid gebrandmarkt worden. Camille lässt sich von diesem Yakuza-Wolf in Todesmagie unterweisen.«
»Das kannst du dir sparen. Beeindruckt mich überhaupt nicht. Morio ist ein Yokai und kein Mitglied der Yakuza«, sagte ich, weil ich automatisch Camille in Schutz nehmen wollte. Doch noch während ich sprach, fiel mir auf, dass Trillian zwar ein genusssüchtiger, Leute manipulierender Egoist war, sich aber offenbar wirklich etwas aus ihr machte.
»Bilde dir bloß nichts ein, o Blutjägerin. Dich zu beeindrucken, steht ganz unten auf meiner Prioritätenliste.« Trillian schüttelte den Kopf. »Hast du mir denn überhaupt nicht zugehört?«
Ich verdrehte die Augen gen Himmel. »Schon verstanden. Kann ich denn irgendetwas tun, um den beiden zu helfen, worauf ich noch nicht selbst gekommen bin?«
Er schüttelte den Kopf. »Bedauerlicherweise nein. Wir können nichts weiter tun, als für sie da zu sein und ihnen zu helfen, damit zurechtzukommen. Alle Reiche sind auf ihre Weise schön, aber ihrer Natur nach gibt es auf der Welt mehr Grauen als Glück. Und manchmal ist beides eng miteinander verwoben.« Er sah mir direkt in die Augen. »Wie bei dir. Du mit deinen blutigen Bissen und leidenschaftlichen Küssen. Du kannst mit deinem Charme einen Mann in den Tod ziehen und ihn glücklich sterben lassen. Du bist nicht weniger dämonisch als die Kreaturen, gegen die wir kämpfen, aber du hast dich dafür entschieden, deinen ethischen Grundsätzen treu zu bleiben.«
Und mit diesem zweifelhaften Kompliment hielten wir vor dem Haus. Ich machte mir nicht die Mühe, darauf zu antworten. Er hatte recht, so schmerzlich es auch für mich war, das zuzugeben. Alles, was er gesagt hatte, traf voll ins Schwarze, und ich konnte es nicht leugnen.
Camille und Morio saßen mitten im Wohnzimmer, als wir eintraten. Camille hockte mit verbundenen Augen im Schneidersitz auf dem Boden, die Handgelenke mit Silberketten gefesselt. Morio kniete hinter ihr, die Hände auf ihren Schultern. Sein Haar, das ihm seidig glatt bis auf die Schulterblätter fiel, reflektierte das Licht mit blauschwarzem Schimmer. Er trug einen locker fallenden, blau-weißen Kimono über einer schlichten Baumwollhose. Camille war in ein indigoblaues Gewand gehüllt, das kaum ihre Brüste bedeckte. Eines von Erins Flanellhemden lag auf ihrem Schoß. Die Musik, rhythmisch-esoterische Klänge, war laut aufgedreht, und Morio flüsterte Camille ins Ohr.
Ich warf einen einzigen Blick auf die Nebel, die sich um sie herum kräuselten, und floh in die Küche. Im Hinblick auf Camilles Neigung zu magischen Kurzschlüssen und der Tatsache, dass die beiden mit Todesmagie herummachten, hielt ich es nicht für ratsam, mich in einem Raum mit ihnen aufzuhalten, solange sie irgendetwas beschworen. Man konnte nie sicher sein, was dabei herauskam.
Trillian folgte mir, nachdem er einen missmutigen Blick auf die beiden geworfen hatte. Delilah saß mit Tim und Nerissa am Tisch und trank Kakao. Iris bereitete einen späten Imbiss zu, und Maggie spielte in ihrem Laufstall. Alles wirkte so friedvoll, und nur zu gern hätte ich mich der Illusion hingegeben, dies sei ein ganz normaler Abend, alles in Ordnung, wunderbar.
Ich ließ mich auf den Stuhl neben Nerissa gleiten, die mich bekümmert anlächelte. »Delilah hat uns erzählt, was passiert ist«, sagte sie.
Iris schüttelte den Kopf. »Diese Situation hat zu viele Variable. Ihr braucht Hilfe. Ihr müsst morgen Nacht nach Aladril reisen und diesen Seher aufsuchen.«
»Finde ich auch«, sagte ich. »Aber es wird verdammt schwer sein, Camille hier wegzubekommen, solange Erin vermisst wird.«
Tim fuhr zu mir herum. »Iris hat mir von Dredge erzählt. Erin ist so gut wie tot, nicht wahr?«
Verflucht. Ich warf Iris einen verärgerten Blick zu, den sie mit einem Schulterzucken erwiderte. Zweifellos hatte Tim sie so lange bedrängt, bis sie ihm erzählt hatte, was sie wusste. Aber was er jetzt dachte, konnte trotzdem noch nicht so schlimm sein wie die Wirklichkeit.
»Das weiß ich nicht sicher, aber wenn wir sie nicht bald finden, ja. Dann wird Dredge sie töten.« Folter erwähnte ich lieber nicht. Wozu auch?
»Der Morgen zieht auf, Menolly«, bemerkte Iris.
»Ich weiß, ich kann es spüren.« Und das stimmte. Das langsame, sachte Ziehen, das mich in die Bewusstlosigkeit holen wollte, tippte mir schon auf die Schulter. Nicht mehr lange, und ich würde mich zum Schlafen zurückziehen müssen. Wenn ich Glück hatte, würde ich heute nichts träumen. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Höchstens noch eine Stunde. »Nerissa, kommst du kurz mit?«
Wir gingen hintenrum in den Salon, um Camille und Morio im Wohnzimmer nicht zu stören. Als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, fragte ich: »Möchtest du, dass Delilah dich nach Hause fährt?«
»Jetzt?«, fragte sie überrascht.
Der Gedanke an Camilles Ängste schoss mir durch den Kopf. »Nerissa, unsere Feinde sind viel gefährlicher, als du ahnst. Du könntest in Gefahr geraten, wenn du bei uns bleibst. Wenn du dich mit uns... mit mir... einlässt.«
Langsam schloss sie die Lücke zwischen uns und hob die Hände, um sie sanft an meine Wangen zu schmiegen. »Das weiß ich. Das wusste ich schon, bevor ich mich entschieden habe, dass ich mit dir zusammen sein will. Ich bitte dich ja nicht, gleich dein ganzes Leben mit mir zu verbringen. Ich bitte dich überhaupt um kein Versprechen. Ich will nur hier bei dir sein, jetzt, heute Nacht.«
Ich sah ihr forschend in die Augen, wobei ich zu ihr aufblicken musste. Roz’ Kuss hatte gebrannt wie Feuer und mir beinahe Angst gemacht, aber Nerissas Lippen sahen warm und einladend aus, üppig und voller stummer Versprechen. Ich dachte daran, was wir zu verlieren hatten, falls ich nein sagte, und reckte mich langsam auf die Zehenspitzen, um sie zu küssen.
Sie schlang die Arme um mich, zog mich an sich und teilte meine Lippen mit der Zunge, um mich zu erkunden. Ich schauderte, als ihre Hand unter meinen Pulli glitt, und wich hastig zurück.
»Was ist denn? Habe ich etwas falsch gemacht?« Enttäuschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
»Ich muss dir erst etwas sagen.« Jede Narbe auf meinem Körper kribbelte. »Mein Körper ist mit Narben übersät. Und ich meine übersät.« Ich wandte den Blick ab. »Niemand hat mich mehr... auf diese Weise berührt, seit... seit Dredge mit mir fertig war und mich in einen Vampir verwandelt hat. Meine Schwestern glauben, ich hätte mit Wade geschlafen, aber die Wahrheit ist, dass wir so weit nie gekommen sind. Ich habe noch nie mit einem Menschen oder einem Erdwelt-Übernatürlichen geschlafen. Ich weiß nicht, was mich erwartet.«
»Willst du mit mir zusammen sein?«, fragte sie. »Bitte sei ehrlich; es ist in Ordnung, wenn du jetzt nein sagst. Ich wäre enttäuscht, aber ich bin ein großes Mädchen. Mit einer Zurückweisung werde ich schon fertig.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Es ist nur... verstehst du, ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen kann, wenn du dich erst ausgezogen hast. Vergangenen Sommer habe ich eine schlimme Erfahrung in einem Strip-Club gemacht – Camille hatte die schlaue Idee, wir sollten mehr von der Kultur hier kennenlernen. Es gibt so vieles, was ich über diesen Teil von mir gar nicht weiß... « Ich verstummte, als sie sacht mit dem Zeigefinger über meine Lippen strich.
»Psst«, sagte sie. »Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Mir geschieht nichts. Ich habe mich mit Venus Mondkind zusammengetan. Er hat mich gut ausgebildet.«
Ich starrte sie blinzelnd an. »Was hat das denn damit zu tun?«
Ihre Lippen verzogen sich zitternd zu einem Lächeln, das fast zu einem lüsternen Grinsen wurde. »Venus hat mich gelehrt, meine Furcht zu beherrschen und der Leidenschaft nachzugeben. Er hat mich gelehrt, wie man alte Wunden des Herzens und der Seele mit Sex heilen kann.«
Nerissa lächelte mich mädchenhaft an, aber hinter diesem einnehmenden Gesicht und der reservierten Strenge spürte ich einen wilden, freien Geist. Ich schluckte meine Sorgen herunter und zog langsam meinen Pulli aus. Dann wartete ich darauf, mich in ihrem Blick gespiegelt zu sehen.
»Das bin ich. Wenn du mich willst, nimm mich. Es liegt allein bei dir«, sagte ich und fühlte mich vollkommen bloßgelegt.
Ihr Blick fiel auf meinen Bauch, glitt aufwärts, blieb kurz an meinen Brüsten hängen, strich meinen Hals hinauf und traf schließlich den meinen. Sie zuckte nicht mit der Wimper und wandte sich nicht von den Hunderten feinen Narben ab, die stumm Dredges psychotische Misshandlung bezeugten.
»Er hat dir das angetan? Dieser Dredge?«, fragte sie gleich darauf mit einer Stimme, die beinahe wie ein Knurren klang.
Anstelle einer Antwort schlüpfte ich aus Stiefeln und Jeans, um ihr zu zeigen, dass die Narben sich auch abwärts über meinen gesamten Körper zogen. Einzig Hände, Füße und das Gesicht hatte er verschont und nicht mit seinen rasiermesserscharfen Nägeln gezeichnet. Ich hatte kein Schamhaar; das hatte er mir abrasiert und seinen Namen als kringelige Narbe auf meinem Venushügel eingeritzt. »Du gehörst mir«, hatte er gesagt und mein Fleisch aufgerissen. »Dein Körper und deine Seele sind mein Besitz, und ich erwecke dich.«
Nerissa zog sich aus und warf Jeans und Bluse beiseite. Sie war prachtvoll, mit schwellenden Brüsten und einem goldenen Nest aus Haaren, das sich in ihren geheiligten Schoß schmiegte. Sie sah aus wie eine Wikinger-Kriegerin, als sie die Nadeln aus ihrem Knoten löste und ihr Haar ausschüttelte, das ihr bis über die Schultern fiel – sie strahlte eine Energie aus, die ich nicht einordnen konnte.
Ich wollte sie berühren, fürchtete mich aber immer noch. Würde ich sie verletzen? Würde ich zubeißen, in einen unkontrollierbaren Rausch verfallen, wenn ich ihren Duft roch und ihr Herz unter meinen Fingern schlagen spürte? Ich wollte mich schon abwenden, als sie plötzlich auf mich zutrat, mich in die Arme nahm und die Lippen auf meine presste. Ihr Mund schmeckte wie süßer Honigwein, und ich gab meinen Widerstand auf – dieser Kuss sollte nie aufhören.
»Du bist wunderschön«, flüsterte sie, als sie eine Atempause einlegte, und sah mir tief in die Augen. Und ihr Blick sagte mir, dass sie es ernst meinte. Sie neigte wieder den Kopf, und ich ließ mich von ihr zum Sofa führen und auf den dicken, weichen Teppich davor hinabziehen. Ihre Lippen strichen meinen Hals entlang, und ein leiser Schrei drang aus meiner Kehle, als ihre süße Berührung über meine Schulter hinab zu meinen Brüsten zog.
Sie küsste meine Narben und murmelte etwas, das sich anhörte wie: »Wir werden ihn töten, Süße. Keine Sorge, wir töten ihn«, und dann nahm sie eine meiner Brustwarzen zwischen die Zähne und knabberte zart daran.
Wogen von Durst wallten in meinem Bauch auf, und meine Reißzähne fuhren aus, aber ich zwang sie, sich wieder einzuziehen, während ich Nerissas Liebkosung genoss. Sie saugte erst sacht, dann fester, und ich schloss die Augen und ließ mich in den Empfindungen treiben, die in meinem Körper emporstiegen. Eine Wolke, die in den strahlenden Himmel aufstieg, goldene Sonnenstrahlen, die auf meinem Haar schimmerten und mein Gesicht wärmten, das war meine Nerissa.
Ihre Küsse gaben mir zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl der Wärme, und als das Morgengrauen mich faul und schwer dem lethargischen Schlaf entgegensinken ließ, spreizte sie meine Beine und betrachtete meine Scham. Beim Gedanken an Dredges Namen, der dort verewigt war, wollte ich die Beine schließen und verbergen, was er mir angetan hatte, aber Nerissa zog sie sacht wieder auseinander, beugte sich vor und küsste das Mal, mit dem er mich besudelt hatte.
»Er mag seinen Namen hier hinterlassen haben, aber er wird dich nie wieder anrühren«, flüsterte sie, und Tränen traten ihr in die Augen, während sie mit einem Finger über die vernarbte Haut strich. Sie ließ den Tränen freien Lauf, fing die glitzernden Tropfen mit dem Zeigefinger auf und wusch mich damit. »Mit meinen Tränen gebe ich dir dich selbst zurück. Mit dem Salz reinige ich dich von ihm.«
Ein Schauer durchlief mich – ob es ihre Worte waren, ihre Berührung oder irgendein seltsamer Zauber, den sie von Venus Mondkind gelernt hatte, wusste ich nicht. Aber als sie die Lippen an meine Scham presste, stürzte ich in ein flammendes Inferno. Ein schmerzhafter Durst erwachte in mir, ein tosendes Begehren, zu trinken und mich am Brunnen ihres Lebens zu laben. Ich schoss hoch, mit glühenden Augen und ausgefahrenen Reißzähnen, und konnte mich kaum mehr beherrschen.
Nerissa zuckte nicht zusammen oder wich zurück. Sie legte eine Hand auf meine Schulter und schüttelte ruhig den Kopf. »Nein, Menolly. Lass dich einfach treiben.«
Ihre Furchtlosigkeit drang durch meine rot vernebelte Sicht, und ich kämpfte darum, mich zu konzentrieren, kämpfte gegen den Wunsch, die Zähne tief in ihren Hals zu schlagen und mich so mit ihr zu vereinigen. Nerissa drückte mich auf den Teppich zurück und beugte sich über mich. Ihre Lippen glitten über meinen Bauch, immer tiefer, und hinterließen eine Kaskade aus Küssen.
Und dann war sie angekommen, presste sich an mich, und ihre Zunge wirbelte in einem leidenschaftlichen Muster herum, das sämtliche Gedanken aus meinem Kopf vertrieb und nur die Welle übrig ließ, auf der ich nun ritt. Stur versuchte ich mich an meiner Angst festzuklammern – wenn ich mich gehenließ, würde ich ausrasten und sie überwältigen? Würde ich ihr die Kehle aufreißen? Aber das beständige Schlecken ihrer leicht rauhen Zunge durchbrach alle meine Barrieren. Ich fiel, stürzte, diesmal in einen anderen Abgrund, in dem sich ein üppig grüner Garten ausbreitete, ein Regenwald der Seligkeit anstelle der unerbittlichen Blutlust, die mein Leben beherrschte. Mit einem scharfen Aufschrei gab ich mich ihr hin und ließ mich mit Haut und Haaren in die köstliche Erlösung fallen.
Stille. Frieden. Dann richtete Nerissa sich auf, streckte sich und warf gemächlich einen Blick auf die Uhr. »Es ist schon fast Morgen. Du solltest wohl besser ins Bett gehen.«
Ich blinzelte. »Aber was ist mit dir? Bist du nicht... «
Sie lächelte und wischte sich geziert den Mund. »Mach dir um mich keine Gedanken. Ich habe meine Möglichkeiten. Und jetzt geh. Ich bin nur einen Anruf entfernt. Ich muss zurück ins Revier. Ich weiß, dass ihr heute Nacht schon etwas vorhabt, aber ruf mich später an, wenn sich alles ein bisschen beruhigt hat. Wenn du magst.« Ihr Lächeln war ansteckend, und ich erwiderte es. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit war mir schwindlig vor Glück.
»Ich werde dich anrufen, Nerissa«, sagte ich und zögerte dann. Doch ohne weiter darüber nachzudenken, was das bedeuten könnte, platzte ich heraus: »Du bist unglaublich. Du bist wunderschön und furchtlos. Ich hätte mir nie träumen lassen... «
Sie schlüpfte in ihre Sachen und gab mir noch einen raschen Kuss. »Menolly, ich bin nicht furchtlos. Ich bin mir nur der Welt bewusst, in der du lebst. Venus Mondkind wandelt im Schatten des Todes. Er hat mich gelehrt, dem Tod ins Gesicht zu blicken und auch die Schönheit in all seinen Aspekten zu finden. Und er hat mich gelehrt, wie ich aus dem Abgrund zurückkehren kann.« Damit schlüpfte sie aus dem Salon.
Ich sah ihr nach und dachte, dass ich noch etwas sagen sollte, aber sie war schon weg. Außerdem, ganz gleich, was ich jetzt sagte, es hätte nur platt klingen können. Was auch immer aus dieser Sache zwischen uns werden sollte, sie würde in ihrem eigenen Tempo wachsen.
Mit einem letzten Blick auf die geschlossenen Vorhänge, hinter denen schon trübes Grau schimmerte, schlüpfte ich in Jeans und Pulli und eilte ins Wohnzimmer. Alle waren im Begriff, sich schlafen zu legen. Trillian, Morio und Camille waren gerade auf dem Weg zur Treppe, und Tim war im Schaukelstuhl eingeschlafen.
Iris kam herein. »Die Küche ist sicher«, sagte sie, als Camille mir gute Nacht gewünscht hatte. »Delilah fährt Nerissa nach Hause.« Sie sah mich erwartungsvoll an, und ich lächelte nur. Als ich auf dem Weg zu meinem Versteck an ihr vorbeiging, flüsterte sie mir zu: »Freut mich für dich, Menolly. Aber sei vorsichtig. So viele Komplikationen.«
»Ich weiß«, erwiderte ich leise. »Ich weiß.« Und das stimmte auch. Aber ich war nicht bereit, mich einfach abzuwenden. Was ich zu Trillian gesagt hatte, war schlicht die Wahrheit: Kollateralschäden würde es so oder so geben, ob es uns gefiel oder nicht. Und es erschien mir beinahe wie ein Verbrechen, sich von Freundschaft und Liebe abzuwenden, von den Dingen, die das Leben lebenswert machten – selbst für diejenigen von uns, die das Leben eigentlich längst hinter sich gelassen hatten. Ich fragte mich, ob ich meine Entscheidung bereuen würde, als ich kurz innehielt, um Maggie auf die Stirn zu küssen. Dann ging ich nach unten, um mich für die Nacht einzuschließen.
Camille weckte mich kurz nach Sonnenuntergang. »Menolly, wir müssen gehen, wenn wir wirklich noch nach Aladril wollen.«
Blinzelnd richtete ich mich auf. Meine Träume waren von Leidenschaft geprägt gewesen und vom Bild einer goldenen Göttin, von einer feurigen Mähne sonnenglänzenden Haars, das über meine Haut strich. Eine nette Abwechslung.
Ich war überrascht, weil sie so begierig klang, gleich aufzubrechen, und fragte: »Du willst immer noch mitkommen, trotz der Sache mit Erin?«
»Mehr denn je. Morio und ich haben gestern Nacht wirklich alles versucht, aber wir konnten sie nicht aufspüren. Dredge ist zu geschickt darin, sich zu verbergen. Wir müssen etwas unternehmen, so schnell wie möglich.« Sie hielt inne und platzte dann heraus: »Es wird schlimm. Die Klatschpresse hat Wind davon bekommen, dass mindestens ein halbes Dutzend Leute vermisst werden, und sie kreischen herum, die Polizei müsse etwas tun. Zum Glück wissen bis jetzt nur wir davon, dass sie tot sind und ein paar von ihnen sich als Vampire wieder erhoben haben. Sonst weiß das noch niemand. Stell dir nur vor, was für eine Panik ausbrechen würde, falls das so weiterginge.«
»Was meinst du mit falls? Dredge wird nicht einfach aufhören, wenn ihn niemand stoppt.« Ich schlüpfte in hautenge Jeans und eine langärmelige Tunika aus Spinnenseide, darüber kam ein schwarzer Nietengürtel. Ich zog noch Lederhandschuhe und meine hochhackigen Stiefeletten an und war in fünf Minuten bereit zum Aufbruch. Auf Make-up verzichtete ich – es dauerte zu lange, mich zu schminken, ohne mein Spiegelbild sehen zu können, und warum sich die Mühe machen, wenn wir ohnehin heim in die Anderwelt wollten?
»Es kommt noch schlimmer«, sagte Camille und starrte zu Boden. Sie trug einen weiten, fließenden Rock aus der Anderwelt und ein maßgeschneidertes Korsett aus einem pflaumenblauen Jacquard-Stoff. Im Gegensatz zu mir hatte sie ein vollständiges Make-up aufgelegt. Das Haar floss ihr in weichen Locken über die Schultern.
»Du siehst aus, als wolltest du Hof und Krone einen offiziellen Besuch abstatten«, bemerkte ich. »Und was soll das heißen, ›es kommt noch schlimmer‹?«
»He, man kann nie wissen, wem man da drüben begegnet«, sagte sie. »Ich will den besten Eindruck machen. Und um deine Frage zu beantworten: Chase hat einen Bericht aus dem Rotlichtmilieu bekommen, von der Amüsiermeile in der Nähe des SeaTac-Flughafens. Letzte Nacht sind vier Mädchen der Stammbesetzung mit zwei angetrunkenen Kerlen verschwunden und nicht zurückgekommen. Ihre Mitbewohnerin, ebenfalls eine Nutte, hat sie als vermisst gemeldet. Chase hat Wind davon bekommen und ihr Fotos von den zwei Männern gezeigt, die im Kino getötet wurden.«
»Und?« Ich brauchte eigentlich nicht einmal zu fragen, denn ich kannte die Antwort schon.
»Sie hat sie zweifelsfrei identifiziert. Unsere Vampire haben also wieder zugeschlagen, und wer weiß, ob das ihre einzigen Opfer waren. Die Mitbewohnerin hat sich schon abgesetzt – offenbar befürchtet sie, dass es irgendein irrer Serienmörder auf Prostituierte abgesehen hat. Chase konnte sie nicht dazu überreden, in der Stadt zu bleiben.« Camille schüttelte den Kopf. »Natürlich will ich Erin finden, aber das wird uns nur gelingen, wenn wir Dredge aufspüren. Vielleicht kann dieser Typ in Aladril uns helfen, denn allein hatten wir bisher jedenfalls kein Glück. Königin Asteria ist offenbar überzeugt davon, dass er etwas für uns tun kann. Wir müssen dahin.«
»Ist Delilah schon fertig?« Ich blickte mich um und überlegte, ob ich sonst noch etwas mitnehmen sollte. Doch ich kam zu dem Schluss, dass meine Klauen und Reißzähne besser waren als jede Waffe, die ich hätte einstecken können, also wies ich auf die Treppe. »Gehen wir.«
»Delilah kommt nicht mit. Sie bleibt hier und hilft Tim mit der Datenbank. Je schneller wir Informationen durch die ÜWGruppen weiterleiten können, desto besser. Und irgendjemand sollte bei Iris und Maggie bleiben. Also gehen nur wir beide. Und Trillian.«
Ich knurrte leise. »Warum kommt der denn mit?«
»Weil er die Gegend kennt und Tanaquar ihn wegen einer neuen Mission zu sich berufen hat. Was bedeutet, dass uns hier drüben wieder einer fehlt.«
»Kommt Morio? Den Fuchsdämon hätte ich gern dabei.« Morio war ein guter Kämpfer, und ich traute ihm einiges zu – zum Beispiel zu verhindern, dass Camilles Magie vollkommen danebenging.
Sie seufzte. »Ich bin nicht begeistert von der Idee, ihn nach Aladril mitzunehmen – er kennt sich mit den Gebräuchen überhaupt nicht aus. Aber ja, er wäre bereit, uns zu begleiten.«
»Dann bleiben Delilah und Iris allein zu Hause? Das finde ich auch nicht gut. Dredge ist hinter uns her. Wenn wir weg sind... «
»Mach dir keine Sorgen. Zachary und Nerissa bleiben hier bei ihnen. Da wir gerade von ihr sprechen... ihr zwei gebt ein süßes Pärchen ab.«
Ich verdrehte die Augen. Natürlich wusste sie Bescheid. Wenn es irgendetwas mit Liebe oder Sex zu tun hatte, konnte man vor Camille nichts verbergen. »Also... «
»Sag es nicht. Sag gar nichts. Ich weiß, dass das nichts Festes ist, aber allein die Tatsache, dass du sie an dich herangelassen hast... Lass es einfach sein, was es ist«, riet sie mir. Und als wir die Küche erreichten, fügte sie hinzu: »Ich freue mich sehr für dich, Menolly. Ich glaube, das wird dir guttun.«
Trillian glaubte vielleicht, Camille fürchte sich davor, unsere hiesigen Bekannten in Gefahr zu bringen, aber in dieser Sache stand sie offenbar voll hinter mir. Als wir das Wohnzimmer betraten, war Trillian schon da, in seiner Anderwelt-Kleidung, und Morio stand neben ihm. Er trug etwas, das wie eine NinjaKostümierung aussah.
Ich unterdrückte ein Schnauben, konnte mir aber nicht verkneifen zu fragen: »Ist Halloween dieses Jahr früher?«
Er warf mir einen langen Blick zu, erwiderte aber nur: »Wenn du meinst.«
Trillians Blick hingegen war finster. »Das war sehr unhöflich.«
Das ließ ich nicht auf mir sitzen. »Seit wann machst du dich denn für den Kandidaten Nummer zwei stark?«
»Du und Delilah, ihr schaut zu viel Fernsehen«, bemerkte Camille.
»In letzter Zeit eigentlich nicht.« Seit unserer letzten nächtlichen Talkshow-Orgie waren schon ein, zwei Wochen vergangen. Natürlich würde ich das nie zugeben, aber ich vermisste diese Abende irgendwie – sie gaben uns Gelegenheit, einfach mal herumzuhängen und uns zu entspannen. »Aber ich sag dir was: Ich würde jetzt viel lieber vor der Glotze hängen, als abtrünnige Vampire zu jagen.«
Delilah seufzte laut. »Jerry Springer ist schon irgendwie scharf, findet ihr nicht?«
Camille und ich schrien empört auf, und sie winkte ab. »Raus mit euch. Tim und ich setzen uns jetzt an die Datenbank mit den ÜW-Freiwilligen. Und vielleicht gehe ich heute Nacht noch ein bisschen mit Roz auf Spähertour.«
»Was? Du kannst nicht mit ihm losziehen – er ist ein Incubus!« Na toll. Das hatte uns gerade noch gefehlt. Meine Schwester, die Todesmaid, die einem Incubus verfiel.
»Äh, ich weiß, was er ist. Und er weiß sehr genau, dass er es bei mir gar nicht erst zu versuchen braucht. Aber er hilft uns doch. Es gefällt mir nicht, ihn ganz allein da hinauszuschicken. Und denkt daran – neulich hat mir der Herbstkönig über die Schulter geschaut. Wir wissen also, dass er ein Auge auf mich hat.«
»Sei bloß vorsichtig, du Idiotin«, brummte ich und küsste sie auf die Wange.
Delilah erschauerte. »Ich bin hier nicht diejenige, die in Gefahr schwebt. Wenn Lethesanar euch erwischt... « Sie vollendete den Satz nicht, aber wir wussten beide, was sie meinte. Falls die Königin von Y’Elestrial uns erwischen sollte, konnten wir ebenso gut freiwillig in die Feuergrube springen.
»Dazu wird es nicht kommen«, sagte Trillian. »Das Portal von Großmutter Kojote führt nach Elqaneve, und von da aus ist es ganz einfach, über eines der privaten Elfenportale hinunter nach Aladril zu kommen.«
Königin Asteria hatte uns anvertraut, dass Elqaneve über mehrere geheime Portale verfügte, von denen Außenseiter normalerweise nichts erfuhren. Eines führte nach Aladril und eines nach Finstrinwyrd. Vermutlich gab es noch mehr, aber diese beiden waren die einzigen, die sie uns gegenüber erwähnt hatte. Wir durften sie benutzen, wenn wir es für notwendig hielten. Und jetzt sah es so aus, als sei es dringend notwendig. Natürlich wusste Trillian längst von diesen beiden Portalen. Er schien die Hände wirklich überall im Spiel zu haben.
»Wenn wir erst das Stadttor von Aladril erreicht haben, müssten wir sicher sein, zumindest vor Lethesanar und ihrem Klüngel. Sie würde es nicht wagen, Aladril anzugreifen, denn dann würden die Seher Y’Elestrial dem Erdboden gleichmachen.« Camille warf einen Blick auf die Uhr. »Gehen wir.«
Morio hielt seinen Schlüsselbund hoch. »Wir fahren mit meinem Auto. Also los, auf geht’s.«
Zehn Minuten später bogen wir auf den Waldweg ab und stiegen aus. Morio schloss den Wagen ab, und wir begannen die Wanderung durch den Wald. Camille hatte diesen Weg schon einmal zurückgelegt, allein und im Dunkeln, was mich ungeheuer beeindruckte, denn die verschneite Stille der Wälder war sogar mir unheimlich. Hier in der Erdwelt zog ich das Funkeln der Großstadtlichter einer Nacht in der Wildnis vor. Da lief alles kontrollierter, ich konnte eher vorhersehen, was geschehen würde. Dächer waren leicht zu erklimmen, und ich hatte nie das Gefühl, dass die stillen Gebäude mich beobachteten.
Camille ging voran. Wir bewegten uns lautlos durch den Wald, denn die dicke Schneedecke dämpfte jedes Geräusch. Der Mond schien durch eine Wolkenlücke – eine Seite der vollen, runden Pracht wurde bereits wieder von den dunklen Göttern gefressen. Dunkelmond, Neumond, war die Zeit, zu der die Toten am liebsten durch die Welt streiften. Die Mondmutter war die Herrin über die Wilde Jagd und über Hexen wie meine Schwester, aber die Dunkle Mutter wachte über uns, die wir aus dem Leben geschieden waren; die Eiszapfen auf den Darstellungen des Alten Weibes spiegelten die stählern blitzenden Zähne von Großmutter Kojote.
Wir erreichten das Portal, und Großmutter Kojote war da und trat schweigend beiseite, um uns passieren zu lassen. Als wir durch das schimmernde Netz aus Magie schritten, das zwischen den Menhiren hing, fragte ich mich, was uns in Aladril erwarten mochte. Würden wir genug erfahren, um Dredge aufspüren und zerstören zu können, ehe er die Menschheit in Panik versetzte und zu gewalttätigem Hass gegen alle Übernatürlichen anstachelte?