Kapitel 8

 

Am Samstag hielten meine Träume still, eine willkommene Erleichterung. Als Camille mich bei Sonnenuntergang weckte, hatten sie und Delilah schon gegessen. Iris war gerade damit beschäftigt, Maggie zu einem Bäuerchen zu bewegen. Ich schlüpfte rasch in schwarze Jeans, einen dunkelroten Rolli und eine passende schwarze Jeansjacke darüber. Während ich meine Stiefeletten mit den Stiletto-Absätzen anzog, setzte Camille sich auf die Bettkante. Sie trug einen halb durchsichtigen Rock, ein hautenges Bustier und eine bekümmerte Miene.

»Stimmt was nicht?« Ich trat kurz in mein Badezimmer, legte pfirsichfarbenen Lipgloss, etwas grünen Lidschatten und schwarzen Eyeliner auf, ehe ich das Ganze mit ein wenig Wimperntusche vollendete.

Ich hatte nie das Bedürfnis gehabt, mich zu schminken, ehe meine Hautfarbe beschlossen hatte, sich jenseits von Bleich anzusiedeln. Doch selbst da hatte ich erst in die Erdwelt kommen müssen, um endlich aktiv zu werden. Nach ein paar katastrophalen Versuchen mit dem, was das Kosmetikregal der rund um die Uhr geöffneten Drogerie zu bieten hatte, war Camille mir zu Hilfe geeilt. Sie ging tagsüber für mich einkaufen, wenn die großen Kaufhäuser geöffnet hatten, und kam mit einer Tüte guter Kosmetik nach der anderen nach Hause, bis wir den perfekten Look und die Produkte gefunden hatten, die mit der seltsamen Chemie meiner Haut nicht unglücklich reagierten. Jetzt konnte ich mich in fünf Minuten von einer wandelnden Toten in ein glamouröses Weib verwandeln. Ich war immer noch furchtbar blass, aber zumindest sah ich gut aus.

Camille seufzte, als ich ins Schlafzimmer zurückkam. »Ich habe den Nachmittag mit Morio verbracht. Trillian ist mitten reingeplatzt.«

Ich lachte auf. »O Mann, da wäre ich gern dabei gewesen! Was ist passiert?« Im Gegensatz zu Delilah schreckte ich vor keiner peinlichen Frage zurück, außer das Thema war völlig tabu. »Schonungslos« war mein zweiter Vorname. Okay, war er nicht. Mein zweiter Vorname lautete Rosabelle; wie auch immer, ich hatte keine Scheu, meine Nase irgendwo hineinzustecken, wenn jemand die Tür einen Spaltbreit offen ließ.

Camille lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Sie starrte zur Decke hinauf. »Morio hatte sich teilweise verwandelt, und es war verdammt heiß. Seine Reißzähne waren voll ausgefahren, und seine Krallen auch. Nicht nur das – seine Augen haben geglüht, er sah aus, als wäre er eben aus dem Schlund der Hölle hervorgesprungen. Prachtvoll, aber schon irgendwie beängstigend.«

»Du stehst wirklich nicht auf Blümchensex, oder?« Ich starrte sie grinsend an. Sie trieb es also gern mit Morio, wenn er seine Dämonengestalt annahm? Offenbar war dies nicht das erste Mal gewesen. »Weiter, was ist dann passiert?«

»Es ist so – Trillian hat nie groß danach gefragt, was ich eigentlich mit Morio mache. Solange sich die beiden nicht in die Quere kommen.« Sie richtete sich auf, und Lachfältchen bildeten sich um ihre Augen. »Ach, Menolly, ich hatte solche Mühe, mir das Lachen zu verkneifen. Trillian sah aus, als würde er gleich einen Anfall bekommen.«

»Stinksauer, was?«

»Nein, das ist es ja gerade. Er war nicht sauer, er war nur... na ja... er sah beinahe schockiert aus. Ihm war wohl nicht klar, wie weit ich zu gehen bereit bin. Aber weißt du, wenn Morio sich verwandelt, bringt er mich auf Touren wie niemand sonst – es ist, als könnten wir gemeinsam eine andere Welt betreten. Dorthin komme ich mit niemand anderem.«

»Hat Trillian nicht damit gedroht, Morio zu Horsd’œuvres zu verarbeiten?« Ihr anderer Liebhaber behauptete regelmäßig, er werde den Fuchsdämon in Scheibchen schneiden, aber wir alle wussten, dass das bloß Gerede war. Jedenfalls solange Morio nicht anzweifelte, dass Trillian in Camilles Leben den Status des Alpha-Männchens genoss.

Camille schluckte schwer und schüttelte den Kopf. »Nicht direkt.«

»Wo liegt dann das Problem?«, fragte ich. Allmählich verlor ich die Geduld.

»Ich weiß nicht, ob es überhaupt eines gibt. Verstehst du – Trillian wollte dableiben und zuschauen. Er hat darauf bestanden. Und ehe ich wusste, wie mir geschah, war er bei uns im Bett. Trillian ist nicht bi, er steht nicht auf Männer, und Morio auch nicht. Aber ich hatte am Ende den besten Sex meines Lebens. Jetzt ist Trillian der Ansicht, eine echte Ménage à trois sei gar keine so üble Idee. Er will eben, dass ich... glücklich bin.«

Also, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich setzte mich im Schneidersitz neben sie aufs Bett. »Und was hält Morio davon?«, fragte ich und musste plötzlich lächeln. Es fühlte sich so gut an, wie zwei normale Schwestern zu quatschen, über irgendetwas außer Schattenschwinge, Krieg und Blutvergießen.

Camille lachte leise. »Schwer zu sagen. Er ist nicht besitzergreifend, obwohl er jeden Angreifer töten würde, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn ich in Gefahr wäre. Aber er... er hat Trillian einfach in meinem Bett willkommen geheißen.« Sie lächelte zärtlich.

»Solange es dich glücklich macht«, sagte ich und sah sie aufmerksam an.

»Ich bin glücklich«, sagte sie. »Ich habe wohl doch mehr von Vaters Seite geerbt als von Mutters, aber ich weiß, dass ich trotzdem niemals ganz in eine der beiden Welten passen werde.«

Ich schüttelte den Kopf. »Du passt wunderbar in beide. Du bist nur ein bisschen auffällig. Delilah ist diejenige, die wirklich Schwierigkeiten damit hat, zu Hause in der Anderwelt. Dass sie mit Zachary geschlafen hat, war pures Mitleid – du weißt, dass sie ihr Herz an Chase verloren hat.«

Camille verzog das Gesicht. »Ja, und die Götter allein wissen, was sie an ihm findet. Aber das ist ihre Sache.« Abrupt stand sie auf und strich ihren Rock glatt. »Bist du bereit? Wir sollten im Versammlungsraum sein, ehe alle anderen kommen. Trillian und Morio kommen auch ins Gemeindezentrum. Smoky hat gesagt, er hätte zu tun und könne nicht kommen. Ich habe keine Ahnung, was er tut, und ich habe ihn auch nicht danach gefragt.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Smoky ist eine gewaltige Komplikation in deinem Leben. Und du kannst kaum etwas dagegen tun.« Drachen schufen sich ihre eigenen Regeln. Wenn man das einmal begriffen hatte, standen die Chancen, nicht von einem gefressen zu werden, gleich viel besser.

»Erzähl mir was Neues«, sagte sie. »Glaubst du, wir werden je seinen richtigen Namen erfahren?«

Ich schnaubte. »Na klar, muss jeden Tag so weit sein. Ich meine, wenn er beschließt, uns zu töten, kann er ihn ebenso gut vorher ausspucken.« Auf ihren bissigen Blick hin sagte ich: »Also ehrlich, wer eine dumme Frage stellt, kriegt eine dumme Antwort. Du weißt ganz genau, dass Drachen ihren Namen so sorgfältig hüten wie ihr Gold. Söldner, das sind sie.« Ich erwartete, dass sie mir widersprechen würde, aber sie lachte nur.

»Eins zu null für dich«, sagte sie und ging die Treppe hinauf. »Aber manchmal sind sie einfach attraktiver, als gut für sie ist – oder für uns.« Ich folgte ihr schweigend. Zumindest konnten wir uns nicht darüber beklagen, dass unser Leben langweilig war.

 

Chase wartete schon auf uns, als wir das Wohnzimmer betraten. Delilah hatte ihn gebeten, den Babysitter für Maggie zu spielen, und er hatte sich widerstrebend dazu bereit erklärt.

»Ich finde ja immer noch, dass ich euch zu der Versammlung begleiten sollte«, sagte er.

Delilah lachte. »Ach, hör schon auf, Chase. Kommt nicht in Frage. Wir haben allen versprochen, dass wir bei unserem ersten Treffen keinen VBM zulassen werden. Wenn wir dieses Versprechen brechen, wird es keine weitere Versammlung mehr geben, das kann ich dir versichern. Ich erzähle dir alles haarklein, wenn wir nach Hause kommen. Sei lieb, Schatz.« Sie beugte sich vor, um ihn zu küssen. Er grinste jungenhaft und zog sie auf seinen Schoß.

»Schon gut, ihr zwei, Schluss jetzt«, sagte ich und brachte Maggie aus der Küche. Ihr Gesicht, das einen seltsam engelsgleichen Ausdruck hatte, erhellte sich noch mehr, als sie Chase entdeckte. Aus irgendeinem Grund mochte die kleine Gargoyle ihn. »Hier, Schatz, pass gut auf sie auf, solange wir weg sind.«

»Okay, okay«, sagte er. Delilah rappelte sich von seinem Schoß auf, und er legte sich Maggie in die Armbeuge. »Aber lasst mich ja nicht die ganze Nacht hier sitzen. Ich bin nicht der geborene Babysitter.«

»Das glaube ich nicht«, sagte ich. »Sieh dich doch nur an – ganz der stolze Papa.«

Chase setzte sich Maggie aufs Knie, und Delilah reichte ihm die Fernbedienung. Iris brachte ihm noch ein Tablett mit einer Schüssel Chips und ein paar Dosen Sprite, das sie auf das Tischchen neben ihm stellte. Maggie beschäftigte sich bereits mit dem plüschigen Teddybären, den Chase ihr zum Julfest geschenkt hatte, und die beiden gaben ein sehr heimeliges Bild ab.

»Schon gut, schon gut... raus mit euch. Seid vorsichtig. Und kommt bald wieder, ja?«, sagte er und scheuchte uns hinaus.

Iris fuhr bei mir mit, Delilah nahm ihren Jeep und Camille ihren Lexus. Es konnte ja sein, dass wir uns nach der ÜWVersammlung würden trennen müssen, und wir hatten die Erfahrung gemacht, dass es klüger war, mit mehreren Fahrzeugen unterwegs zu sein. Machte vieles einfacher. Der Motor meines Jaguars schnurrte, während wir durch die kristallklare, dunkle Nacht zu dem Gebäude fuhren, in dem sich sonst die AB-Gruppe traf.

Iris hatte sich für die Versammlung extra umgezogen und trug ihr blaues Kleid und den weißen Umhang. Ihr knöchellanges goldblondes Haar war zu einem komplizierten Muster geflochten und aufgesteckt. Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Bruce hat mich heute angerufen.«

»Bruce?« Einen Moment lang sagte mir der Name gar nichts, dann fiel es mir wieder ein. »Der Hausgeist von neulich Nacht aus der Bar?«

»Also, genau genommen ist er ein Leprechaun. Er hat mich gefragt, ob ich kommende Woche mit ihm ausgehen möchte. Ich kann es nicht fassen – nach dreißig Jahren wage ich mich endlich wieder hinaus auf die Wildbahn!«

»Es ist ja nicht so, als hätte dich vorher keiner gefragt«, sagte ich. »Henry Jeffries himmelt dich an.«

Sie verzog das Gesicht. »Henry Jeffries ist ein sehr netter Mann, aber ich bin nicht auf der Suche nach einem menschlichen Gefährten, und außerdem ist er zu alt für mich. Na ja, in Jahren gemessen bin ich natürlich älter als er, aber ich bin noch jung genug, um eine Familie gründen zu wollen, und er ist... also... er kommt einfach nicht in Frage.«

Ich unterdrückte ein Lächeln. Als Camilles treuester Kunde, besagter Henry Jeffries, endlich den Mut aufgebracht hatte, Iris um ein Date zu bitten, hatte sie Magenschmerzen vorgeschoben. Beim zweiten Mal hatte sie behauptet, sie hätte Kopfschmerzen. Beim dritten Mal war ihr keine Ausrede mehr eingefallen, und sie hatte sich halbherzig bereit erklärt, mit ihm ins Kino zu gehen. Er war ganz der perfekte, altmodische Gentleman gewesen, und sie hatte sich zu Tode gelangweilt. Seitdem hielt sie sich vom Indigo Crescent fern, wenn sie vermutete, er könnte an diesem Tag dort auftauchen. Aber irgendwann würde sie sich mit seiner Vernarrtheit befassen müssen.

»Du unterschätzt deine Wirkung auf Männer, meine Liebe.«

»Oh, natürlich«, erwiderte sie spitz. »Dir ist hoffentlich klar, dass es jedem das Selbstbewusstsein rauben würde, den ganzen Tag lang von euch dreien umgeben zu sein. Ihr seid alle so verdammt schön.«

Ich schaltete den Blinker ein und bog nach links auf den Baltimore Drive ab. »Iris, das siehst du falsch. Ja, viele Männer springen spontan auf uns an, aber die meisten kriegen ziemlich bald eine Scheißangst oder werden von der Tatsache vergrault, dass wir nicht ihren Phantasievorstellungen entsprechen, sobald sie uns erst näher kennenlernen. Aber Männer lieben deine Offenheit, dein Lächeln und deine Art, dich zu behaupten, ohne ihnen das Gefühl zu geben, du würdest sie gleich bei lebendigem Leib auffressen. Obwohl du das könntest«, fügte ich hinzu, denn ich musste daran denken, welchen Schaden sie mit einer schweren Bratpfanne anrichten konnte, ganz zu schweigen von ihrem Händchen für Magie. »Da sind wir«, sagte ich und bog auf den Parkplatz ab. »Kommt Bruce denn zu der Versammlung heute Abend?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er ist bei einer Veranstaltung von so einer irischen historischen Gesellschaft. Er ist Gründungsmitglied, also muss er dabei sein.«

Das Bürgerhaus, die Belles-Faire Community Hall, war früher eine Grundschule gewesen. Als wir den großen Versammlungsraum im Keller betraten, waren Wade und Sassy schon da, aber es war noch niemand von den anderen Übernatürlichen erschienen. Die beiden waren damit beschäftigt, den Saal ein bisschen herauszuputzen. Sassy hatte einen Party-Service beauftragt, und ein unglaubliches Büfett verschiedenster Häppchen füllte einen langen Tisch. So ziemlich jeder dürfte hier etwas nach seinem Geschmack finden, dachte ich. Wade winkte mich zu sich herüber. Ich erlaubte ihm, mich mit einem flüchtigen Kuss auf den Kopf zu begrüßen.

»Menolly, schön, dich zu sehen. Und euch auch«, fügte er hinzu und begrüßte die anderen, die hinter mir hereinschlenderten, mit einem Nicken. »Könntet ihr uns helfen, die Stühle aufzustellen? Das wäre wirklich nett.«

»Wir machen das«, sagte eine barsche Stimme von der Tür her. Wir drehten uns um und sahen Zachary Lyonnesse und Venus Mondkind eintreten, gefolgt von mehreren weiteren Mitgliedern des Rainier-Puma-Rudels.

»Mädels... «, sagte Zach mit einem Nicken, und dann blieb sein Blick an Delilahs Gesicht hängen. Seine Sehnsucht war offenkundig. Chase war nicht der Einzige, der von unserem Kätzchen völlig hingerissen war. Wenn ich Zach so sah, war ich doppelt froh, dass wir den Detective zu Hause gelassen hatten. Die Gefahr testosteronbedingter Gewaltausbrüche war ohnehin schon hoch genug, wenn man die kastenartigen Hierarchien der diversen Clans und Nester bedachte. Das Letzte, was wir brauchten, war ein Wettsabbern um meine Schwester.

Als ich an ihm vorbei nach seinem Gefolge schaute, entdeckte ich ein Gesicht, das ein plötzliches Feuer in meinem Herzen entfachte. Ich erstarrte, erschüttert. Nerissa starrte mich ebenso unverwandt an wie ich sie.

Sie löste sich von der Gruppe und kam zu mir herüber. »Menolly, ich bin froh, dass du da bist. Ich habe extra darum gebeten, heute Abend als Abgesandte des Rainier-Rudels hierhergeschickt zu werden – ich hatte gehofft, dass wir uns ein bisschen unterhalten könnten.«

Sie war gut einen Kopf größer als ich und ziemlich stark. Muskeln zeichneten sich unter der glatten Haut ihrer Arme ab, als sie ihren Mantel auszog und über einen Stuhl legte. Natürlich war ich ihr haushoch überlegen wegen dieser VampirSache, aber sie war sehr wohl in der Lage, es mit einem großen, kräftigen Mann aufzunehmen.

Sie streckte die Hand aus, zögerte einen Moment und legte dann unter meinem wachsamen Blick leicht die Finger auf meinen Arm. Etwas wie eine angespannte Feder begann sich am Ansatz meiner Wirbelsäule zu entrollen, und ich erschauerte. Ich starrte in diese leuchtend goldenen Augen, wie schimmerndes Sonnenlicht, und sie schwankte leicht, als ich einen Schritt näher trat.

Alles andere begann zu verschwimmen, als der Duft ihres Parfüms, der Geruch ihrer Haut, das Pochen ihres Herzschlags meine Sinne überwältigten. Ich sog tief die Luft ein, um mir ihren Duft einzuprägen, und spürte, wie der Durst in mir wuchs; meine Reißzähne fuhren aus. Ihr Hals schimmerte im künstlichen Licht und schien mich zu locken, während sie sich mit der Zunge über die Lippen fuhr und unter meinem Blick erbebte.

»Menolly? Menolly? Komm zurück«, flüsterte eine drängende Stimme hinter mir.

Ich wirbelte herum, und meine Augen waren sofort auf Jagd eingestellt. Wade stieß ein leises Knurren aus und schüttelte energisch den Kopf. Er warf Nerissa einen Blick zu und sah dann mich wieder an. Plötzlich wurde mir bewusst, wo wir waren und dass eine einzige falsche Bewegung Panik bei den Pumas auslösen konnte, falls diese die Szene missverstanden. Ich schloss die Augen und kämpfte um Beherrschung, während ich mich langsam vom Abgrund zurückarbeitete. Verflucht. Es wäre so leicht gewesen, Wade beiseitezustoßen, Nerissa in meinen Bann zu ziehen, sie in meine Arme zu reißen, ihr Blut zu kosten, eine Spur von Küssen über ihren Körper zu legen...

»Menolly. Hör auf. Sofort.«

Die Worte hallten durch mein von Leidenschaft vernebeltes Hirn. Ich öffnete die Augen und starrte plötzlich in das Gesicht einer alten Hexe – einer Frau, die ganz in Waldgrün gekleidet war und ein stählernes Gebiss hatte. Ihr Gesicht wies mehr Runzeln auf als ein alter Baum Jahresringe.

O Scheiße. Großmutter Kojote! Ich war ihr noch nie zuvor begegnet, aber Camille war schon bei ihr gewesen, und die Beschreibung reichte mir, um zu erkennen, wen ich da vor mir hatte. Meine Reißzähne zogen sich zurück, und ich schluckte den Kloß herunter, den ich plötzlich in der Kehle hatte. Großmutter Kojote war eine der Ewigen Alten – sie konnte mich einfach ausradieren, ohne auch nur ein Flüstern von sich geben zu müssen, und genau das würde sie auch erbarmungslos tun, falls sie es für nötig hielt.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich... «

»Das war nicht ihre Schuld«, mischte Nerissa sich ein. »Ich habe damit angefangen.« Sie warf Zach einen Blick zu, der sie anstarrte; sein Gesicht war verzerrt vor ungläubiger Verwirrung.

»Es ist mir gleich, wer damit angefangen hat«, sagte Großmutter Kojote. »Denkt daran, wo ihr seid. Denkt daran, warum ihr hier seid. So viel hängt von diesem Abend ab. Enttäuscht mich nicht.« Sie wandte sich ab und ging hinüber zu Camille, die nervös lächelte. »Und, haben sich diese Dämonenfinger schon als nützlich erwiesen, meine Liebe?«, fragte die Alte. Ich entspannte mich allmählich und drehte mich wieder zu den Werpumas um.

Zach starrte Nerissa an. »Was zum Teufel ist hier los? Nerissa?«

Sie wirkte nicht im mindesten verlegen, sondern zuckte nur mit den Schultern. »Ich denke, ich werde nach der Versammlung noch in der Stadt bleiben, Cousin«, erklärte sie und warf mir einen fragenden Blick zu.

Ich zögerte. Seit Dredge hatte ich mich niemandem hingegeben. Er war der letzte Mann – lebendig oder tot –, der mich intim berührt hatte. War ich bereit für eine sexuelle Beziehung? Die Vorstellung von Männerhänden auf meinem Körper jagte mir eine Scheißangst ein – die Erinnerung an Dredge war noch viel zu frisch. Aber eine Frau... und nicht bloß irgendeine Frau. Nerissa hatte so etwas an sich... Konnte ich sie mit in meine Welt nehmen, ohne dass ihr etwas geschah? Ich betrachtete sie, und sie warf mir eine Kusshand zu. Ich musste es herausfinden, so oder so.

»Sie übernachtet bei uns, Zach. Nerissa, du kannst mit mir nach Hause fahren.« Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich ab und ging in den vorderen Teil des Saals, wo meine Schwestern gerade eine geflüsterte Konferenz mit Wade, Sassy, Großmutter Kojote, Morio und Trillian abhielten. Iris hatte die Gastgeber-Pflichten übernommen – sie empfing die Leute an der Tür, begrüßte sie und sorgte dafür, dass sich alle wohl fühlten.

Camille räusperte sich. »Nett, dass du auch vorbeischaust«, bemerkte sie trocken. »Es kommen immer mehr. Wir haben von den wichtigsten Clans Wachen rekrutiert und sie im Raum verteilt, damit sie für Ordnung sorgen können. Hoffen wir, dass heute Abend niemand eins auf die Schnauze bekommt.«

Ich blickte mich im Saal um, der sich rasch füllte. Die meisten Gruppen, die ihre Teilnahme zugesagt hatten, hatten eine Handvoll Abgesandte hergeschickt – die Anzahl hing von der Größe des jeweiligen Clans ab und von seiner Stellung innerhalb der Übernatürlichen-Gemeinde.

Die Pumas des Rainier-Rudels stachen natürlich hervor, allein durch ihre Größe und ihr gutes, skandinavisch wirkendes Aussehen. Aber die Wolfclans waren ebenso ansehnlich. Die meisten ihrer schlanken, muskulösen Leute sahen aus, als hätten sie mongolische Vorfahren gehabt, und sie bewegten sich mit einer kultivierten Arroganz, die man kaum ignorieren konnte. Ich erkannte Mitglieder des Olympic-Wolfsrudels, dem bedeutendsten Rudel in diesem Bundesstaat, aber auch ein paar von den Loco-Lobo- und Cascadia-Rudeln.

Die Werpumas waren auf zwei Gruppen beschränkt – das Rainier-Rudel und das Icicle-Falls-Rudel, dessen Mitglieder schmaler und kleiner waren als Zachs Leute. Mit dem Obsidianschimmer ihrer Haut konnten sie Trillian Konkurrenz machen, aber Trillian hatte diesen Anderwelt-Ausdruck in den Augen, und sein Haar schimmerte platinhell, während die Icicle-FallsPanther eher wie erdgeborene Menschen aussahen als wie Feen. Sie waren schwarze Panther, die sich in den Tiefen der Wälder verbargen, und ihr Haar war so schwarz wie ihre Haut.

Camille rückte näher an mich heran, und Trillian folgte dicht hinter ihr. Mit einem Nicken wies sie zur Tür. »Sieht so aus, als hätten sich auch ein paar, die ganz im Verborgenen leben, dazu durchgerungen, heute zu kommen.«

Sie hatte recht. Ich war nicht ganz sicher, was für Übernatürliche das sein mochten, aber ein Grüppchen von drei sehr ungleich aussehenden Gestalten hatte soeben den Raum betreten. Und seltsame Gestalten waren das – ihre Klamotten sahen aus, als wären sie vor etwa zweihundert Jahren aus der Mode gekommen. Ich nickte Camille zu und sagte: »Dann gehen wir unsere neuen Freunde mal begrüßen.«

Wir drängten uns in Richtung der Neuankömmlinge durch, und Camille schnappte plötzlich nach Luft. »Das sind alte Feen, Menolly. Sehr alt. Ich kann es bis hierher spüren.«

Die drei, eine Frau und zwei Männer, drehten sich um, als wir uns ihnen näherten. In ihren Augen glühte ein inneres Licht, das man gar nicht übersehen konnte. Ich war nicht sicher, ob sie zu den Sidhe gehörten oder einer anderen, viel älteren Linie der Feen entstammten, aber wer auch immer sie sein mochten, in ihren Auren hing dunkle Magie, so schwer wie ein Leichentuch.

Die beiden Männer waren höchstens mittelgroß, aber kräftig, mit schulterlangem, geflochtenem Haar, und sie trugen goldene Umhänge. Die Frau war sogar noch kleiner als ich, knapp eins fünfzig, mit langem, dunklem Haar und einem silbernen, halbmondförmigen Mal auf der Stirn.

Sie neigte ganz leicht den Kopf vor Camille. »Grüße, meine Mondschwester.«

Camille wirkte wie gebannt, und ihr Gesicht rötete sich vor Aufregung. Sie erwiderte die Verbeugung und streckte die Hände aus. »Seid willkommen. Wir haben wahrlich nicht damit gerechnet, Euresgleichen durch diese Tür kommen zu sehen.«

Da ich immer noch keinen Schimmer hatte, wer sie waren, räusperte ich mich. »Camille, kennst du diese Frau?«

Camille warf mir einen warnenden Blick zu. »Benimm dich«, zischte sie leise und wandte sich dann wieder dem Trio zu. »Danke, dass Ihr gekommen seid. Wir brauchen alle Unterstützung, die wir bekommen können.«

»Wir behalten uns vor, erst dann zu entscheiden, ob wir eingreifen werden, wenn wir mehr wissen«, erklärte der Jüngere der beiden Männer. Dann sah er mich an. »Geschöpf der Nacht und doch eine von uns... aber nicht ganz. Du und deine Schwestern, ihr stammt aus der Anderwelt, richtig?«

Ich neigte den Kopf zur Seite, immer noch argwöhnisch. »Ich bin Menolly D’Artigo, das ist meine Schwester Camille, und die Blondine da drüben ist Delilah. Wir stammen aus der Anderwelt, ja, aber unsere Mutter war ein Mensch aus der Erdwelt. Und ihr seid?« Camille mochte um diese Leute herumscharwenzeln, aber ich hatte nicht die Absicht, vor irgendwem auf die Knie zu fallen, solange ich nicht wusste, wer sie waren.

Die Frau lächelte schwach, aber mit einem Glitzern in den Augen. »Du darfst mich Morgana nennen. Ich bin eine Tochter der Mondgöttin, wie deine Schwester hier.«

Morgana? Mir blieb der Mund offen stehen, und ich wich hastig einen Schritt zurück. »Doch nicht die Morgana?«

Sie lachte leise. »Die einzig wahre.«

Eine der größten Zauberinnen, die je gelebt hatten! Morgana war halb menschlich, halb Fee, genau wie wir, nur dass sie offenbar nicht unter den Kurzschlüssen litt, die die Fähigkeiten der meisten Halbblüter beeinträchtigten. Morgana hatte sich bei der Spaltung der Welten dafür entschieden, hier zurückzubleiben, und man glaubte, sie sei längst Geschichte. Ihr Erscheinen bewies, dass das nur wilde Gerüchte gewesen waren. Sie war so lebendig wie wir alle. Na ja, so lebendig wie Camille und Delilah.

Ich sah die Männer an. »Dann müssen das... «

»Mordred, mein Neffe, obgleich viele ihn fälschlicherweise für meinen Sohn halten. Und dies« – sie wies auf den älteren Mann – »ist Arturo, mein Gefährte aus dem goldenen Wald.«

Ihre Augen blitzten auf, violett wie Camilles. Vielleicht eine Verbindung aufgrund der Mondmagie, vielleicht auch etwas anderes. Ich warf einen Blick auf Arturo. Er sah aus wie ein VBM, aber irgendetwas an ihm stimmte nicht ganz. Mordred hingegen besaß offensichtlich ein Teil Feenblut.

Camille starrte Morgana an, ganz hingerissener Fan, wie nur kleine Mädchen es sein können. »Mein Lehrer hat uns alles über Euch erzählt. Ihr wart die größte Zauberin, die je gelebt hat. Euch hier zu sehen, ist eine Ehre.«

Morgana hob die Hand, strich Camille übers Gesicht und ließ die Finger zärtlich an ihrer Wange ruhen. »Ihr drei seid also in unsere Welt zurückgekehrt. Weshalb, wenn ich fragen darf?«

Ihre Frage klang völlig harmlos, aber irgendetwas löste bei mir Alarm aus. »Wir haben unsere Gründe dafür«, sagte ich, ehe Camille oder sonst jemand antworten konnte. »Wir wollen mehr über das Volk unserer Mutter erfahren. Wir möchten mehr über ihr Leben hier wissen.« Eine glatte Lüge, aber ich hatte so ein dummes Gefühl, das keine Ruhe geben wollte. »Und was führt Euch zu unserer Versammlung heute Abend?«

Mordred starrte mich mit undurchdringlichem Blick an, aber ich hatte das Gefühl, dass er mir meine Geschichte nicht abkaufte. »Es ist an der Zeit, die großen Mächte zu wecken. Zeit, Anspruch zu erheben auf das, was rechtmäßig uns gehört.«

Die großen Mächte wecken... Anspruch erheben... Das klang irgendwie nicht nett. Ich wandte mich Morgana zu. »Und mit den großen Mächten meint Ihr... ?«

Camille schnappte nach Luft. »Den Merlin? Sucht Ihr nach dem Merlin? Ist er noch am Leben?«

Morgana zuckte mit den Schultern, und ihr Glamour verblasste. Auf einmal sah sie müde und ausgelaugt aus. »Ja, wir suchen nach dem Merlin. Wir hatten gehofft, dass ihr vielleicht etwas von ihm gehört habt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt oder nicht, aber Mordred, Arturo und ich tun unser Möglichstes, um ihn zu finden. Falls die Kristallhöhle noch existiert, werden wir tun, was immer nötig sein mag, um ihn aufzuwecken. Und die Herrin vom See ebenfalls.«

»Ihr wollt versuchen, Avalon aus dem Reich der Schatten und Nebel zurückzuholen?« Ich fragte mich: Wie mächtig genau waren diese drei? Oder für wie mächtig hielten sie sich?

»Nein.« Mit einem schiefen Lächeln schüttelte Morgana den Kopf. »Avalon ist längst davongetrieben. Und Artus, mein geliebter Artus – selbst wenn er erwachen sollte, könnte er sich niemals an dieses moderne Zeitalter anpassen. Aber wir können noch immer den Schleier durchdringen und unsere Verbündeten aus uralten Zeiten herbeirufen.«

»Mit Titania braucht Ihr nicht zu rechnen. Wir haben sie kennengelernt«, brummte Camille.

Morgana hob den Kopf. »Gib nicht so vorschnell ein Urteil ab. Es ist nicht leicht, vom Thron gestoßen und als Königin abgesetzt zu werden.« Sie blickte sich um. Bisher hatte sie offenbar niemand außer uns bemerkt, und nun erkannte ich, dass sie einen Glamour um sich gelegt und ihn nur für wenige Anwesende durchsichtig gemacht hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Was ist Euer Ziel? Ihr sagt, Ihr wollt Anspruch erheben auf das, was rechtmäßig Euch gehört, aber wovon sprecht Ihr da?«

Camille warf mir einen hässlichen Blick zu. Ich wusste, dass ich mich schon fast unverschämt benahm, aber das war mir egal. Aalglattes Geschwafel mochte ich von Menschen nicht hören, und es gefiel mir auch nicht, wenn Feen so etwas von sich gaben.

Die Zauberin tippte sich an die Nase. »Das werdet ihr erfahren, wenn die Zeit gekommen ist. Bis dahin – falls ihr Nachricht vom Merlin erhaltet, lasst es uns wissen.«

»Und wie sollen wir das machen? Wollt Ihr Euch hier niederlassen?«, fragte ich, nun sehr misstrauisch. Wenn die drei sich dauerhaft hier in der Gegend ansiedelten, würden wir sie gut im Auge behalten müssen.

»Ich entschuldige mich für meine Schwester«, mischte Camille sich ein, die nun schon fast sauer klang. »Bitte nehmt es ihr nicht übel – sie hat nach ihrem Tod ihre guten Manieren verloren.«

»Wie dem auch sei«, sagte Morgana. »Wir werden euch wieder aufsuchen. Verlasst euch darauf.« Sie blickte sich um. »Eure Versammlung wird wohl gleich beginnen, also gehen wir jetzt. Es ist möglich, dass ihr eine ganze Weile nicht mehr von uns hören werdet. Macht euch nicht die Mühe, uns aufspüren zu wollen. Achtet auf Raben und Krähen, sie bringen euch Nachricht von mir.« Sie verstummte und tätschelte erneut Camilles Wange. »Lass dich von niemandem«, fügte sie mit giftigem Blick auf mich hinzu, »zu vorschnellen Schlüssen verleiten.«

Noch ehe Camille oder ich ein Wort sagen konnten, nickte sie knapp, alle drei wandten sich um und rauschten zur Tür hinaus.

Als sie auf der Treppe verschwunden waren, räusperte ich mich. »Was hältst du davon?«

Camille schnaubte. »Weiß ich nicht genau, aber du warst jedenfalls reichlich zickig. Allerdings haben sie uns wirklich nicht viel gesagt, oder? Ich frage mich, wo sie sich all die Jahre lang herumgetrieben hat. Sie scheint jedenfalls wesentlich besser in Form zu sein als Titania, das muss ich ihr lassen.«

»Irgendetwas an dieser Begegnung kommt mir komisch vor. Bist du sicher, dass sie wirklich ist, wer sie zu sein behauptet? Dass sie uns nichts vorgemacht hat?«

Camille seufzte tief und schaudernd. »So geblendet ich auch bin, muss ich ehrlich sagen, dass ich nicht sicher bin. Fragen wir Großmutter Kojote«, schlug sie vor, und ehe ich protestieren konnte, packte sie mich am Arm und schleifte mich durch den Saal.

Ich erhaschte gerade noch einen Blick auf mehrere Mitglieder des Blue-Road-Stammes – Werbären –, die den Raum betraten, bevor ich wieder vor Großmutter Kojote stand. Sie hatte sich auf einem Stuhl in der Ecke niedergelassen und beobachtete, wie sich der Raum füllte.

Camille berichtete ihr von Morganas Erscheinen. »Wir möchten gern wissen, ob sie das wirklich war und was sie will.«

Großmutter Kojote bedeutete uns, dass wir uns setzen sollten. Zu ihren Füßen. Camille ließ sich sofort auf den Boden sinken, und ich tat es ihr nach. Wenn eine der Ewigen Alten einem sagte, man solle sich zu ihren Füßen setzen, dann setzte man sich.

Sie blickte sich um und vergewisserte sich, dass uns niemand belauschte. »Das war Morgana, allerdings. Denkt daran: Nicht alle, die euch Hilfe anbieten, sind vertrauenswürdig, selbst wenn sie nicht die Wege des Bösen beschreiten. Es gibt nur wenige, die der Zauberin ebenbürtig sind, aber sie dürstet nach Macht. Dieser Durst war in der Vergangenheit ihr Verderben. Ich bezweifle, dass sie in den Jahren seither viel dazugelernt hat.«

Zumindest sprach Großmutter Kojote diesmal nicht in Rätseln. Ich runzelte die Stirn und fragte mich, was dieses kleine Juwel an Information uns kosten würde. Bei den Ewigen Alten hatte alles seinen Preis.

»Dann sollten wir ihr also nicht vertrauen?« Ich warf Camille einen Blick zu, die niedergeschlagen auf den Boden starrte.

Großmutter Kojote sah mir unverwandt in die Augen. »Es gibt nur wenige, denen ihr in dieser Welt vertrauen könnt. Selbst jene, die es gut meinen, können unter zu großem Druck einbrechen. Je mehr Leute eure Geheimnisse kennen, desto größer ist das Risiko eines Verrats. Deshalb bin ich heute Abend hier. Eine Warnung: Überlegt es euch gut, ehe ihr Geheimnisse über die Dämonen preisgebt, denn wenn ihr Humpty erst von der Mauer geschubst habt, steht ihr vor einem Haufen Rührei.« Damit erhob sie sich und marschierte hinüber zum Büfett.

Camille und ich saßen da und starrten einander an.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich weiß, dass du lieber etwas anderes gehört hättest.«

»Mein Lehrer verehrte Morgana als Heldin. Es fühlt sich an, als sei gerade eines meiner größten Vorbilder von seinem Podest gefallen. Und ich frage mich, was dieses Gerede bedeuten sollte – dass sie Anspruch auf das erheben wolle, was rechtmäßig ihr gehört. Wenn sie vorhat, irgendeinen Streit unter uralten Mächten anzuzetteln, sollten wir wirklich die Ohren offen halten, bis wir dahinterkommen, was zum Teufel sie im Schilde führt.« Sie schlug mit der flachen Hand auf den Boden und stand dann auf. »Verflucht, ich hasse das. Es gibt so viele Variable, so viele unbekannte Faktoren, die jetzt das Gleichgewicht der Dinge beeinflussen.«

»Vielleicht wird sie den Merlin gar nicht finden. Oder irgendwo anders suchen. Der Merlin kann unmöglich hier in der Gegend sein«, sagte ich, aber dann kam mir ein scheußlicher Gedanke. »Du glaubst doch nicht, dass sie von den Geistsiegeln weiß, oder? Dass sie sie sucht, um sie für ihre eigenen Zwecke einzusetzen?« Gewiss würde sich jemand wie Morgana weigern, die zweite Geige unter einem Dämonenfürsten zu spielen. Wenn sie hinter den Siegeln her war, dann deshalb, weil sie sie für sich selbst haben wollte.

Camille warf mir einen geknickten Blick zu. »Daran habe ich gar nicht gedacht. Ach, zur Hölle! Als hätten wir nicht schon genug Sorgen.«

»Denk erst mal nicht daran. Wir müssen schleunigst die Köpfe mit Delilah und den Jungs zusammenstecken und über das sprechen, was Großmutter Kojote sonst noch gesagt hat. Ich bin nämlich nicht mehr so sicher, ob diese Versammlung wirklich eine gute Idee war«, brummte ich.

Camille nickte. »Ich auch nicht.«

In diesem Moment kehrte die Ewige Alte zurück, einen albernen Harry-Potter-Pappteller voller Kekse in der Hand. »Da wäre noch eine Sache, Mädels.«

Wenn sie nur noch eine einzige niederschmetternde Neuigkeit für uns hatte, würde ich einfach auf die Versammlung pfeifen und nach Hause fahren. Aber sie schenkte uns nur ein stählern blitzendes Grinsen, bei dem sogar Dredge ein Schauer über den Rücken gelaufen wäre.

»Die Bezahlung für meinen Rat... «

Camille wand sich jetzt schon. Als sie Großmutter Kojote das letzte Mal etwas schuldig geblieben war, hatte sie ihre Schuld damit begleichen müssen, dass sie ein paar Dämonen die Finger abhackte.

»Was wollt Ihr, alte Hexe?«, fragte ich geradeheraus, denn für heute Abend hatte ich genug dummes Geschwätz gehört. Camille schnappte nach Luft, aber Großmutter Kojote lachte nur.

»Ich mag dich, Mädchen, aber pass auf, wie du mit mir sprichst.« Der warnende Tonfall war unmissverständlich, und ich schluckte und deutete mit einem Nicken an, dass ich die Warnung beherzigen würde. »Ich gebe dir einen besonders heiklen Auftrag.«

»Nur mir oder auch Camille?« Das fand ich unfair. Camille war diejenige gewesen, die ihr die Frage gestellt hatte. Aber Fairness spielte in der Welt der Unsterblichen nun mal keine Rolle. Wie auch immer die Sache laufen mochte, ich würde mich nicht darüber beklagen. Es hatte keinen Sinn, sie noch mehr zu reizen, als ich es ohnehin schon getan hatte. Sich auf dem Spielplatz der Götter auf einem schmalen Grat zu bewegen, erforderte Balance und gutes Timing, und ich war nicht ganz sicher, ob ich beides beherrschte, wenn es um diplomatische Fragen ging.

»Beide, obgleich der Löwenanteil dir zufallen wird. Camilles Aufgabe wird es sein, dich davon zu überzeugen, dass du das durchziehen musst.«

O-oh. Camille und ich wechselten einen Blick.

»Das klingt nicht gut«, sagte ich. Was zum Teufel stand mir da bevor?

Großmutter Kojote atmete langsam und tief aus. Sie kniff die Augen zusammen, so dass ihre Augenwinkel in den Lachfältchen verschwanden. »Menolly, du wirst etwas tun müssen, von dem du geschworen hast, dass du es niemals tun würdest. Du wirst wissen, was das ist, wenn die Zeit gekommen ist, und du wirst dich dagegen sperren. Aber du musst es tun, ganz gleich, wie sehr du den Gedanken verabscheust. Eine lange Schicksalskette hängt an deiner Tat... oder deiner Untätigkeit. Enttäusche mich nicht. Wenn du davor zurückscheust, bringst du ein wichtiges Kräfteverhältnis aus dem Gleichgewicht.«

Ehe ich sie bitten konnte, mir das näher zu erklären, wandte sie sich ab und verschwand wie ein Wolkenfähnchen in der gleißenden Sonne.

Ich blinzelte. »Alles gerät außer Kontrolle.«

Camille schüttelte den Kopf. »Ich sage dir das nur ungern, aber es ist längst alles außer Kontrolle geraten – an dem Tag, an dem wir uns entschlossen haben, diesen Auftrag vom AND anzunehmen.« Sie schaute zum Podium ganz vorn im Saal. »Komm, wir müssen unsere ursprünglichen Pläne für diese Versammlung umwerfen. Und wir haben nicht ganz zehn Minuten Zeit, um uns eine neue Strategie einfallen zu lassen.«

Während wir zum Podium eilten, wo Wade sich leise mit Sassy und Delilah unterhielt, konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, dass wir schon etwas in Gang gesetzt hatten – eine sehr große und sehr gefährliche Maschine.