Kapitel 12

 

Ich hatte vergessen, dass die Nächte in der Anderwelt, ohne elektrisches Licht und Neonleuchten überall, viel dunkler waren und man die Sterne besser sehen konnte. Die Welt wirkte viel größer und weiter als Erdseits, und ich stellte ein wenig schockiert fest, wie sehr ich mich schon an meine Wahlheimat gewöhnt hatte.

Camille hatte uns Stunden zuvor über den Flüsterspiegel angekündigt, und Trenyth erwartete uns bereits. Er winkte unsere Höflichkeiten ab und kam direkt zur Sache.

»Ihre Majestät bedauert sehr – sie kann sich heute Abend nicht mit euch treffen. Geht nicht nach Y’Elestrial, so groß die Versuchung auch sein mag.« Er schob uns auf einen Weg in der Nähe des Grabhügels zu, in dem das erste Portal versteckt war. »Folgt mir. Ich habe nicht viel Zeit, also werde ich euch nicht bis nach Aladril begleiten können, aber ihr dürft denselben Weg nehmen, um wieder nach Hause zu gelangen.«

Alles in der Anderwelt war anders – die Luft fühlte sich anders an, und die Energie, die ich im Boden spürte. Als wir aus dem Portal traten, war es, als sei die ganze Welt zum Leben erwacht und sich unserer Gegenwart bewusst.

In der Erdwelt hatte ich mich an das Gefühl eines sehr gedämpften Bewusstseins gewöhnt und sogar Geschmack daran gefunden. Wenn meine scharfen Sinne ohnehin übermäßig auf jeden Laut, jeden Geruch und jeden Pulsschlag in meiner Nähe reagierten, war es zur Abwechslung ganz angenehm, nicht auch noch von den natürlichen Energien der Elemente überflutet zu werden. Aber hier war diese Lebendigkeit von allem noch immer eine glühende, vitale Kraft, die das gesamte Wesen unseres Heimatlands durchdrang.

Ein seliger Ausdruck breitete sich über Camilles Gesicht. »Ach, es tut so gut, zu Hause zu sein. Das hat mir so gefehlt.«

Morio begaffte das Panorama des Sternenhimmels. »So klar und deutlich habe ich die Sterne noch nie gesehen – nicht einmal von den Höhen des Fujiyama aus.« Er trat einen Schritt auf Camille zu, die den Kopf in den Nacken legte und tief einatmete.

»Ein herrlicher Anblick, nicht?«, bemerkte sie. »Ich wünschte, wir könnten dir Y’Elestrial zeigen. Unsere Heimatstadt ist unglaublich schön.«

»Wir müssen uns beeilen«, mahnte Trenyth und bedeutete uns, ihm zu folgen. »Ich wünschte, wir könnten uns mehr Zeit lassen, aber das dürfen wir nicht.«

Ich berührte Camille am Arm.

Sie seufzte, lang und bebend, und ihre Schultern sanken herab. »Ich komme ja schon.«

Ich reihte mich hinter ihr und Trillian neben Morio ein, und wir marschierten einen knappen halben Kilometer weit bis zu einer gewaltigen Eiche, die mindestens sechs- oder siebenhundert Jahre alt sein musste. Der Baum ragte als dunkle Silhouette in den Nachthimmel auf, umrahmt von einem schwachen Leuchten. Die Äste breiteten sich über dem Pfad aus, behangen mit Moos und Efeu. Spinnweben hingen zwischen den Zweigen, und die Spinnen beobachteten uns wachsam und hoben die gekrümmten Beine, wenn wir ihnen zu nahe kamen.

Camille schnappte nach Luft. »Diese Eiche muss uralt sein.«

»Ich habe noch nie so viel Macht bei einem Baum gespürt«, sagte Morio. »Oder vielleicht schon, aber nicht diese... Verbundenheit.«

»Die Wälder hier sind denjenigen, die den Weg der Magie beschreiten, viel stärker verbunden«, erklärte Camille. »Erdseits sind die Wälder wild und unberechenbar. Sie verschließen sich und hüten ihre dunklen Geheimnisse. Hier besitzen die Wälder mehr Macht, und es ist leichter, Umgang mit ihnen zu pflegen. Natürlich mögen die Wälder trotzdem nicht jeden. Schon so mancher hat einen Wald betreten und ist nie wieder herausgekommen.«

Morio nickte und starrte hingerissen zu dem alten Riesen auf. »Ich glaube, ich verstehe.«

»Wir haben die Eiche um das Portal herum wachsen lassen«, sagte Trenyth. »Ich erinnere mich gut an damals, als wir die Eichel gepflanzt haben. Sobald ihr durch die Tür tretet, befindet ihr euch im Portal. Mögen die Götter mit euch sein.«

Trillian trat beiseite. »Hier muss ich euch verlassen. Ich kehre so bald wie möglich in die Erdwelt zurück. Gebt gut auf euch acht.« Er wandte sich Camille zu und streckte die Arme aus. Stumm ging sie zu ihm, und sie küssten sich. Sie sahen aus wie das perfekte Paar. Er liebte sie, und sie liebte ihn. Auf ihre eigene Art waren sie so gut wie verheiratet, obwohl ich wusste, dass sie nie offiziell die Ehe schließen würden. Als Camille von ihm zurücktrat, schimmerten Tränen in ihren Augen.

»Jedes Mal, wenn du ausziehst, habe ich Angst, dass du vielleicht nie zurückkommst. Sorg bloß dafür, dass du deinen Hintern lebend wieder rüberschaffst, hörst du?«

Er hielt ihre Hände. »Dies sind finstere Zeiten. Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde immer zu dir zurückkehren, wenn es irgendeinen Weg gibt.«

»Die Mondmutter schütze dich.« Sie hob die Hand und strich ihm das lange, silbrige Haar aus dem Gesicht. »Du bist mein. Du gehörst mir.«

Seine frostfarbenen Augen blitzten auf, doch er neigte nur den Kopf, wandte sich dann ab und verschwand in der Nacht. Camille sah ihm noch einen Moment lang nach, bis Morio ihr eine Hand auf die Schulter legte. Sie wies auf den Baum.

»Gehen wir«, sagte sie und trat durch das Portal, das sie knisternd verschlang. Morio folgte ihr, und dann war ich dran. Durch das Portal zu gehen war, als betrete man in voller Metallrüstung eine Magnetfabrik. Es fühlte sich an, als würde jede einzelne Körperzelle von den anderen losgerissen und dann wieder zusammengestampft, ehe man ganz mitbekommen hatte, was mit einem passierte. Es war nicht viel zu sehen oder zu hören, bis auf blendende Farbblitze und ein aufdringliches Summen, das den ganzen Schädel vibrieren ließ. Und dann, so plötzlich, wie sie begonnen hatte, war die Reise wieder vorbei.

Als wir in Aladril aus dem Portal traten, hoffte ich, dass der Mann, den wir in der Stadt suchten, ebenso begierig darauf sein würde, mit uns zu sprechen, wie wir mit ihm.

 

Das Portal von Elqaneve nach Aladril führte in einen kleinen Schrein, knapp einen halben Kilometer außerhalb der Stadt der Seher. Die Wachen waren benachrichtigt worden und erwarteten uns bereits. Sie sahen zwar aus wie Vollblutmenschen, hatten aber eine magische Aura. Sie stanken förmlich nach Magie – ein eindeutiger Geruch nach Ozon und brennendem Metall.

Zwei Männer und eine Frau warteten auf uns. Alle waren sehr groß, über einen Meter neunzig, und ihre Mienen waren abweisend. Lange Umhänge verhüllten ihre Körper, Orange bei der Frau, Indigo bei den Männern, doch es war nirgends eine Waffe zu sehen. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass sie so etwas nicht brauchten.

»Trenyth hat sich für euch verbürgt«, sagte einer der Männer. Sein Haar war streng zurückgebürstet und kurz geschnitten, seine Haut hatte die Farbe von Kaffee. Er nickte uns knapp zu. »Wir erlauben für gewöhnlich keinerlei Dämonen, gleich welcher Art, unsere Stadt zu betreten, doch eure Umstände haben uns bewogen, eine Ausnahme zu machen. Enttäuscht uns nicht.«

Ich biss mir auf die Zunge. Nicht der passende Zeitpunkt für eine treffende Erwiderung.

Er hielt uns drei Halsketten hin. »Tragt sie stets am Körper. Ehe ihr sie euch umhängt, legt die Kette und eine Hand auf diese Platte.« Er streckte uns etwas hin, das aussah wie ein quadratisches Stück Silber, und offenbar bemerkte er mein Schaudern. »Das ist kein Silber, ihr braucht nicht beunruhigt zu sein. Es wird euch nicht schaden. Diese Legierung stimmt eure Identifizierungskette auf eure Körperchemie ab, so dass niemand eure Identität stehlen kann.«

Das war mal eine interessante Information, die man sich gut merken sollte. Sich nach Aladril hineinzuschmuggeln wäre bestenfalls sehr schwierig gewesen, aber selbst wenn man es schaffte, sich den Wachen gegenüber auszuweisen, würde einem das bei diesem magischen GPS-System nichts nützen. Das war sogar noch besser als ein Marker.

»Wenn ihr eure Identifikation nicht tragt, werdet ihr als Bedrohung für die Stadt angesehen, und die Wache kann mit euch verfahren, wie sie es für richtig hält.« Offenbar war seine kleine Ansprache damit beendet, denn er legte die Ketten auf den Tisch und trat zurück.

Ich schluckte meinen Stolz hinunter und legte die Hand und eine der Ketten auf den magischen Scanner. Ein paar Sekunden später flammte ein greller Lichtblitz auf, und der Seher bedeutete mir, die Perlenkette jetzt umzuhängen. Nichts geschah – kein Brennen, kein Stechen, kein vages Gefühl, irgendwie beschränkt oder behindert zu sein. Camille und Morio taten es mir nach. »Wir danken Euch«, sagte ich. »Wir wissen Eure Hilfe zu schätzen.«

Camille brummte etwas Unverständliches, und ich stieß sie mit dem Ellbogen an. »Halt den Mund«, flüsterte ich, so leise ich konnte. Sie beruhigte sich.

»Ihr dürft euch frei in der Stadt bewegen. Haltet euch an die Regeln. Wenn ihr nicht wisst, ob etwas erlaubt ist, fragt erst nach. Ihr habt drei Tage, dann müsst ihr hierher zurückkehren und eine Verlängerung beantragen.« Die Frau sprach auch nicht herzlicher mit uns als die Männer. Sie deutete auf den Pfad, der vor der Tür begann. »Dieser Weg führt euch nach Aladril. Haltet euch nirgends auf und weicht nicht vom Pfad ab, wenn ihr nicht den Tod riskieren wollt.«

Sie ging nicht näher darauf ein, wie wir sterben würden, aber ich für meinen Teil entschied, sie beim Wort zu nehmen. Wir gingen hinaus und fanden uns auf einem gepflasterten Weg wieder, der auf die schimmernden Türme von Aladril zuführte. Der Pfad war deutlich markiert, mit Lichtkugeln, die zu beiden Seiten in der Luft schwebten. Wir konnten uns also schon mal nicht darauf herausreden, aus Versehen irgendwo falsch abgebogen zu sein. Sobald die Frau hinter uns im Schrein verschwand, liefen wir los.

Ich hatte eines Nachts mit Delilah und Camille Der Zauberer von Oz gesehen, und dieser Pfad konnte es jederzeit mit Dorothys gelbem Ziegelsteinweg aufnehmen. Die Pflastersteine mochten nicht gelb und gleichförmig sein, der umgebende Wald leuchtete nicht neongrün in Technicolor, und Aladril war auch nicht die Smaragdstadt, aber wir waren ganz gewiss nicht mehr in Seattle, Toto.

Es lief sich gut auf dieser Straße, obwohl die Lichter, die den Weg erhellten, einem so ein gruseliges »Wir beobachten dich«Gefühl vermittelten.

»Das sind Blickfänger«, bemerkte Camille.

»Blickfänger?«

»Magische Kugeln, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen. Sie bewirken bei niemandem direkt etwas, denn sie werden normalerweise als Warnsignale eingesetzt, aber... sie sind so ähnlich wie ein Stoppschild in der Erdwelt.« Sie warf Morio einen Blick zu. »Kennst du den Zauber, durch den sie erschaffen werden? Scheint genau deine Richtung zu sein.«

Er schüttelte den Kopf und rückte näher an sie heran. »Nein, ich glaube, das gehört nicht zu meinem Repertoire. Andere Yokai kennen ihn vielleicht, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich hatte zu Hause kaum mit anderen Naturdämonen zu tun. Aber ich kann mir vorstellen, dass jemand wie Titania solche Zauber einsetzt. Jedenfalls früher, als sie noch nicht an der Flasche hing.«

»Ich habe in meiner Ausbildung nur sehr wenige höhere Sprüche gelernt«, sagte Camille. »Mein Lehrer hat sich nicht die Mühe gemacht, mir irgendetwas beibringen zu wollen, von dem er glaubte, ich könnte allzu großen Mist damit bauen – bis auf die Energieblitze. Bis ich zu den fortgeschritteneren Lehrinhalten kam, hatte sich herumgesprochen, dass ich ein Tollpatsch sei. Allmählich glaube ich, ich hätte vielleicht nicht solche Probleme, wenn ich Lehrer gehabt hätte, die sich ein bisschen mehr gekümmert hätten, statt mir den Rücken zuzukehren, weil ich ein Halbblut bin.«

Den Tonfall in ihrer Stimme kannte ich gut.

Morio tätschelte ihr den Arm. »Vielleicht können wir dir helfen, einiges von dem nachzuholen, was du verpasst hast.« Seine Stimme klang so zärtlich, dass ich den Kopf hochriss und die beiden anstarrte. Camille mochte Trillian gehören, aber es war offensichtlich, dass Morio langsam und unauffällig ebenfalls sein Territorium abgesteckt hatte. Versuchte er den Svartaner zu unterlaufen oder ihn eher zu ergänzen? Ich schob den Gedanken beiseite. Das Einzige, was jetzt zählte, war die Frage, als was für ein Mann sich dieser Seher entpuppen würde, den wir hier suchten.

Wir kamen um eine Biegung, und die eleganten, gewundenen Türme Aladrils ragten hinter der Stadtmauer auf. Spindeltürme krönten prächtige Kuppeln, Marmor und Alabaster schimmerten, so fein poliert, dass sie das Sternenlicht spiegelten. Die Architektur Aladrils ähnelte der von Terial, einer Hafenstadt am Rande des Miramismeeres, doch das war auch das Einzige, was die beiden Städte gemeinsam hatten. Terial war eine lebhafte, laute Stadt voller Händler und Kaufleute. Aladril war eine stille Stadt der Gelehrten, der Seher und der Magie.

Als wir uns dem Tor näherten, bedeutete uns ein Wächter in einer Uniform, weiß und türkis mit goldenen Schulterstücken, dass wir stehen bleiben sollten. »Identifiziert Euch, bitte.«

Wir streckten ihm unsere Ketten hin. Er zückte etwas, das ganz ähnlich aussah wie der Wanzen-Detektor, den Königin Asteria uns gegeben hatte. Mit diesem Kristall berührte der Wächter das Plättchen an unseren Halsketten, und ein leises Piepen ertönte. Mir warf er einen merkwürdigen Blick zu, trat dann zurück und wies auf das Tor. »Tretet ein. Aladril, die Stadt der Seher, heißt Euch willkommen.«

Ich zögerte. »Wisst Ihr, wo wir einen Seher namens Jareth finden? Königin Asteria schickt mich zu ihm.«

Der Wächter musterte mich wieder mit diesem rätselhaften Blick. »Seid Ihr sicher, dass sie Jareth gesagt hat?«

»Ja«, sagte ich, »ganz sicher.«

Er nahm wieder seine undurchdringliche Miene und Haltung an. »Ihr findet Meister Jareth im Tempel des Gerichts. Folgt der Arabel-Avenue bis zum Park, dann geht es durch die Gärten zur Straße der Tempel. Dort werdet Ihr ihn finden.« Ich dankte ihm, und als ich mich abwandte, hörte ich ihn hauchen: »Und mögen die Götter Euch den Weg ebnen, kleine Dämonin.«

Ich blickte zu ihm zurück und wollte fragen, was zum Teufel das nun wieder heißen sollte, doch er ignorierte mich. Na ja, auch egal. Wir würden es bald genug selbst herausfinden.

Als wir durch das zehn Meter hohe Tor schritten, legte sich eine Stille über uns, als dämpfe eine magische Decke die Laute der Welt. Trotz der Nachtstunde herrschte auf den Straßen reges Treiben, Leute in langen Umhängen kamen und gingen, und alle wirkten sehr geschäftig.

Die Straßen waren mit Backstein gepflastert. Die Fassaden der Gebäude bestanden aus Putz oder Marmor, manche sahen aus, als seien sie aus Bronze. Kuppeln prägten die Silhouette der Stadt, mit Türmen und Türmchen, die sich in den Himmel erhoben und an deren Spitzen Flaggen in Blau, Weiß und Gold flatterten. Wir sahen keine Zug- oder Reittiere in Aladril, jedenfalls keine Pferde oder Ochsen, aber Hunde, Katzen und Kaninchen huschten die Straßen entlang, und ich hatte das Gefühl, dass sie magische Begleiter waren.

»Da«, sagte Camille und deutete auf ein Straßenschild. »Arabel-Avenue.«

Wir standen am Rand einer Prachtstraße, offenbar einer Hauptstraße, denn eine Menge Leute eilten still an uns vorbei. Der Mond war auf dem Weg in die Dunkelheit, aber dieselben Lichtkugeln, die den Pfad nach Aladril erhellt hatten, schmückten auch die Straßen der Stadt.

Als wir uns der Masse der Passanten anschlossen, stellte ich fest, dass ich Männer und Frauen kaum auseinanderhalten konnte. Die meisten Bewohner der Stadt waren in weite, wallende Umhänge mit Kapuzen gehüllt, und ihr Duft unterschied sich viel weniger als der von männlichen und weiblichen Menschen. Oder Feen. Ich hatte festgestellt, dass die Geschlechter sich bei den meisten Rassen deutlich im Geruch unterschieden – vermutlich lag das an irgendwelchen Pheromonen; aber hier schien das nicht zuzutreffen.

Selbst mitten im Winter erfüllten nachtblühende Wyreröschen die Luft mit ihrem köstlichen Duft, und ich glaubte, von irgendwoher Musik zu hören, bis ich versuchte, konzentriert darauf zu lauschen. Sobald ich das tat, entglitt sie mir, und ich war nicht mehr sicher, ob ich überhaupt etwas gehört hatte. Ich war erst einmal in Aladril gewesen, Camille hingegen schon mehrmals, und es war, als sei meine Erinnerung an die Stadt verblasst, sobald ich das Tor hinter mir gelassen hatte; nur ein vager Eindruck dessen, was ich hier gesehen oder getan hatte, war mir geblieben.

»Die Energie hier ist so dicht, dass ich Kopfschmerzen davon bekomme«, sagte Morio mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Wie viele Seher leben denn hier? Der geistige Puls dieser Stadt wummert wie tausend Trommeln.«

Camille zuckte mit den Schultern. »Niemand weiß viel über Aufbau und Struktur von Aladril, oder auch nur, wer oder was die ursprünglichen Einwohner genau sind. Nur sehr wenigen Außenstehenden wird gestattet, sich hier niederzulassen, und diejenigen, die das tun, verschwinden irgendwie, und man hört praktisch nie wieder von ihnen. Erinnerst du dich an Cousine Kerii?«

Ich nickte. »Ja. Ihr Lehrer fand, sie hätte als Hexe ein solches Talent in Divination, dass er ihr empfahl, sich in Aladril weiter ausbilden zu lassen.« Ich wandte mich zu Morio um und fügte hinzu: »Wir haben ein- oder zweimal von ihr gehört, nachdem sie hierhergezogen war, dann nichts mehr. Wir wissen, dass sie noch lebt, denn ihre Seelenstatue ist noch intakt – jedenfalls war sie es, als wir zuletzt unseren Ahnenschrein besucht haben –, aber wir hatten seit damals keinerlei Kontakt mehr zu ihr.«

»Seelenstatue? Was ist das?« Morio rieb sich die Nasenwurzel und kniff die Augen zusammen. »Ich fühle mich, als wäre ich zu lange in der Nähe eines Highspeed-Internetportals gewesen. Internet-Cafés sind die reinste Hölle für mich – zu viel drahtlose Übermittlung.«

Camille blickte sich um. »Die Magie hier ist so schwer, dass ich sie spüre wie einen Druck auf den Schultern. Und was die Seelenstatuen angeht: Wenn wir geboren werden, fertigen die Schamanen für jeden von uns eine Seelenstatue an. Die wird im Schrein der Familie aufgestellt, und wenn wir sterben, zerbricht sie.« Sie warf mir einen Blick zu. »Menollys Statue ist zerbrochen, als sie starb. Als sie erweckt wurde, fügten die Scherben sich wieder zusammen, aber die Statue war... «

»Missgestaltet. Du kannst es ruhig aussprechen«, sagte ich. »Ich war dort, ich weiß, wie sie aussieht. Wenn ich den endgültigen Tod sterbe, wird sie für immer zerbersten.«

Morio blinzelte. »Das ist interessant. Ihr könnt also feststellen, ob euer Vater und eure Tante noch leben... «

»Genau«, unterbrach Camille ihn. »Jedes Mal wenn Trillian in die Anderwelt zurückkehrt, nimmt er sich die Zeit, jemanden nach unserem Schrein schauen zu lassen. Und ja, die Seelenstatuen von Vater und Tante Rythwar sind noch heil. Sie leben, wir wissen nur nicht, wo sie sind.«

»Da ist der Park«, sagte ich und zeigte nach vorn. Wir waren eine gute Stunde gelaufen und standen nun vor einer großen, ummauerten Wildnis. Na ja, Wildnis war vielleicht der falsche Ausdruck, denn dies war Aladril. In der Stadt der Seher wirkte nichts wild oder ungezähmt.

Wir erreichten die Gärten, die von einer mannshohen Marmormauer umgeben waren; sie erstreckte sich in beide Richtungen, so weit wir sehen konnten. Der Eingang war nicht verschlossen, das Tor stand sogar offen, aber als wir hindurchschritten, spürte ich deutlich die Trennung zwischen der Stadt an sich und den versunkenen Gärten in ihrer Mitte. Zum Beispiel stieg die Temperatur um ein paar Grad an, sobald wir durch das Haupttor gingen.

Marmorne Stufen führten über zahlreiche Terrassenbeete voller Rosen, Jasmin und Lilien nach unten. Blumen und Bäume waren in einer exotischen Umarmung miteinander verbunden, und gepflegte Wege führten durch das Blütenmeer. Ich zählte insgesamt fünfzehn Terrassen, und Rampen und Treppen führten hinab zur untersten Ebene. Entlang der Wege luden Bänke aus geschmiedetem Messing und Stein den müden Spaziergänger zum Ausruhen und Meditieren ein. Am Grund der Gärten umschloss eine Balustrade einen großen Springbrunnen; bernsteinfarbenes Wasser, durch irgendeinen Zauber beleuchtet, spritzte aus einer Reihe hübsch arrangierter, streng geometrischer Quader.

»Es ist so warm hier«, bemerkte Morio und sah sich um.

»Stell dir den Park als eine Art Gewächshaus unter freiem Himmel vor, mit einer unsichtbaren Decke und magisch beheizt. Hier gibt es auch irgendwo ein öffentliches Bad, wenn ich mich recht erinnere.« Camille blickte sich um, als wir die ersten Stufen hinuntergingen. Sie sah vollkommen selig aus.

»Genießt du den Kontaktrausch?«, bemerkte ich lächelnd.

»O ja«, sagte sie und schloss für einen Moment die Augen, während sie die Energie förmlich aufsaugte. »Die Magie fließt hier wie Wein, und ich bin schon leicht beschwipst. Ich glaube, hier würde ich gern leben.«

»Glaube ich nicht«, sagte ich. »Ich bezweifle, dass du dich hier gut einfügen würdest. Du bist viel zu lebhaft, um dich in so ruhiger, gesetzter Energie wohl zu fühlen, ganz gleich, wie stark magisch sie auch sein mag, und das weißt du auch.« Ich lächelte ihr zu, während wir dem gewundenen Pfad folgten. Hin und wieder kamen wir an jemandem vorbei, der auf einer Bank oder im Gras saß, aber niemand blickte auf oder gab zu erkennen, dass er uns bemerkt hatte.

Ein plötzliches Kreischen erschreckte mich. Eine Eule saß in einer Weide und beobachtete uns. Ich konnte spüren, wie ihr starrer Blick die Dunkelheit durchdrang.

»Wir werden gemustert«, flüsterte ich. »Eule auf zwei Uhr, in der Weide.«

Camilles Blick huschte kurz zu unserem Beobachter hinauf. »Das ist keine Eule«, sagte sie. »Vielleicht ein magischer Begleiter, aber ganz sicher keine gewöhnliche Eule.«

Morio fügte hinzu: »Das ist auch kein Werwesen. Könnte aber irgendeine andere Art Gestaltwandler sein, oder vielleicht ein Schattenspäher – eine Illusion, die jemand ausgesandt hat, um uns auszuspionieren.«

»Ich denke, wir sollten sie vorerst ignorieren.« Camille seufzte leise. »Wenn wir irgendetwas damit anstellen, erregen wir nur das Misstrauen desjenigen, der uns beobachtet. Wir haben keine Ahnung, wer sie geschickt hat, und wenn derjenige nicht zu den bösen Jungs gehört, könnten wir Verbündete verärgern, indem wir uns der Eule gegenüber abscheulich benehmen.«

»Was für Verbündete?«, schnaubte ich. »Wir hoffen doch bloß, dass dieses Treffen mit Jareth irgendetwas bringen wird. Wir wissen noch gar nicht, ob diese Reise nicht eine einzige Zeitverschwendung ist.«

»Königin Asteria ist offenbar anderer Meinung. Und ich sehe keinen Sinn darin, eine Allianz zu ruinieren, die gerade erst geknüpft wurde.« Camille runzelte nachdenklich die Stirn. »Halten wir erst einmal nur die Augen offen. Wenn uns jemand verfolgt, wird er sich schon irgendwann verraten.«

Die Eule folgte uns durch die Gärten und glitt lautlos von Baum zu Baum. Ich versuchte, nicht hinzusehen. Vermutlich waren die drei Wachen, die uns am Portal die Ketten gegeben hatten, doch der Meinung, dass man uns nicht trauen konnte, und ließen uns deshalb von der Eule beschatten. Wie dem auch sei, wir hatten inzwischen fast das andere Ende der Gärten erreicht.

Der Aufstieg über fünfzehn Treppen dauerte etwas länger als der Weg hinunter, aber Morio war topfit, und weder Camille noch ich waren erschöpft. Das Leben in der Erdwelt hatte unserer Ausdauer nicht weiter geschadet. Am Tor des Parks sah ich, wie die Eule abdrehte. Interessant. Vielleicht hatte unser Beobachter sich nur vergewissern wollen, dass wir die Wahrheit gesagt hatten, was unser Ziel anging.

Als wir den Park verließen, zögerte ich. Die Vorstellung, sich einfach ein weiches Plätzchen zu suchen, sich auszuruhen und zu entspannen, war so verführerisch, dass ich die Gärten nicht verlassen wollte. Wenn wir Zeit und Kraft dazu hatten, konnten wir vielleicht wieder einmal hierherkommen und die beruhigende Stille genießen.

Der Ausgang führte uns auf die Straße der Tempel, eine weitere Prachtstraße, diesmal flankiert von riesigen Marmorgebäuden. Der Name war passend – ich sah mindestens fünfzehn verschiedene Tempel, in beiden Richtungen an der Straße gelegen. Ich fragte mich, wie die Priester mit all den unterschiedlichen Energien zurechtkamen, die auf so engem Raum durcheinanderwirbelten, aber zweifellos hatten die Gründer Aladrils auch dafür eine Lösung gefunden.

»Wonach suchen wir gleich wieder?«, fragte Camille.

»Nach dem Tempel des Gerichts«, antwortete Morio. »Und darf ich anmerken, dass ich diesen Namen nicht sonderlich ermutigend finde?« Er starrte auf die Reihe gewaltiger Tempel. »So etwas habe ich noch nie gesehen, auf all meinen Reisen. Ich frage mich, ob es im antiken Griechenland oder in Ägypten so ausgesehen hat.«

»Keine Ahnung, aber ich gebe dir recht, was den Namen angeht. Ich frage mich, welchem Gott dieser Jareth wohl dient.« Camille sah mich an, aber ich schüttelte den Kopf.

»Das weiß ich nicht. Religion war noch nie meine Stärke. Ich will im Grunde gar nichts darüber wissen«, fügte ich hinzu. Die Götter hatten mich in meiner Not ignoriert, und ich war der ziemlich festen Meinung, dass sie sich nur dann in die Angelegenheiten der Sterblichen einmischten, wenn es ihren persönlichen Zwecken nützte. Wenn man sich auf sie verließ, konnte man damit rechnen, im entscheidenden Moment im Regen stehengelassen zu werden.

Die Straße war fast leer, im Gegensatz zu der Avenue vorhin, aber es waren genug Leute unterwegs, die wir notfalls nach dem Tempel fragen konnten. Die Gebäude erinnerten vom Stil her an griechische oder ägyptische Vorbilder und verliehen der Straße eine surreale, avantgardistische Ausstrahlung. Vom ästhetischen Standpunkt aus war die Straße der Tempel insgesamt eine Beleidigung für das Auge. Energetisch glich sie einem wirbelnden Mahlstrom.

»Die Magie hier ist unglaublich dicht«, sagte Camille mit rauher Stimme. »Ich kann kaum sprechen – sie macht mich ganz benommen.«

»Vielleicht sollte ich allein weitergehen«, sagte ich und warf ihr einen Blick zu. »Du siehst ziemlich fertig aus.« Und das tat sie auch. Morio und Camille hatten glasige Augen, und der Ausdruck, mit dem sie wie benebelt auf die Reihe von Gebäuden starrten, war beinahe verwirrt.

Camille zupfte am Saum ihres Tops. »Ich weiß nicht. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dich hier allein herumwandern zu lassen.«

»Ich bin in Aladril. Wer sollte mir hier etwas tun, solange ich mich anständig benehme? Roz konnte nicht durch das Tor gehen. Die Energie hat ihn zurückgestoßen. Ich bezweifle, dass Lethesanar hier willkommen wäre, und Dredges Leute... tja, wenn die Wachen schon gezögert haben, mich in die Stadt zu lassen, werden sie Dredge wohl kaum das Tor aufhalten.« Ich gab ihr einen Stups. »Kehr um und warte im Garten, da ist es warm. Ich suche den Tempel des Gerichts und rede mit diesem Jareth.«

Sie zögerte, doch Morio nahm sie bei der Hand.

»Menolly hat recht«, sagte er. »Ich kann kaum geradeaus gehen, geschweige denn mich auf unsere Mission konzentrieren. Wir müssen uns vernünftig abschirmen, ehe wir uns der Energie hier oben aussetzen. Das können wir doch im Park machen.«

Camille runzelte die Stirn, nickte aber dann und ließ sich von ihm zurück zum Tor führen.

Ich hielt sie auf. »Moment noch. Was sollten wir Iris gleich wieder mitbringen? Irgendeinen Kristall?«

»Einen Aqualin aus dem Wyvernmeer«, sagte Camille mit schwacher Stimme. »Aber du musst den Sehern sagen, dass Iris eine Priesterin der... «

»Undutar ist. Das weiß ich noch. Geht und arbeitet an eurer Abschirmung. Ich bin in etwa einer Stunde wieder da. Wenn ich in zwei Stunden noch nicht zurück bin, macht euch auf die Suche nach mir.« Ich warf einen Blick auf die Uhr. Camille konnte keine tragen, aber ich mochte die Dinger. »Funktionieren die hier überhaupt?«

Morio hob das Handgelenk. Er trug eine goldene Uhr – sah aus wie eine Rolex – unter dem langen Ärmel versteckt. »Ja, das habe ich gleich bei unserer Ankunft überprüft. Also, jetzt ist es halb neun, Erdwelt-Zeit. Wenn du bis elf nicht wieder da bist, suchen wir nach dir.«

Ich winkte den beiden zu. »Seid schön brav. Und wenn ihr diese Eule wiederseht, versucht doch mal herauszufinden, was sie will.«

Sie wandten sich dem Park zu, und ich ging hinaus auf die Straße. Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte, und entschied mich willkürlich dafür, nach links zu gehen. Die Chance, die richtige Richtung zu treffen, war fifty-fifty, also warum nicht diejenige einschlagen, die meinem Schicksal eher zu entsprechen schien?

 

Während ich die Straße entlangspazierte und versuchte, so auszusehen, als gehörte ich hierher, fiel mir auf, dass es manchmal sogar ganz praktisch war, keine magischen Fähigkeiten zu haben. Morio und Camille konnten die gewaltigen Überschüsse von Energie nicht aushalten und mussten sich erst dagegen abschirmen. Ich hingegen konnte die mächtigen Wellen magischer Energie, die durch diese Stadt strömten, kaum spüren.

Ich sah mich um. Fast alle trugen weite Gewänder, und es war schwer, Laune oder Temperament der Passanten unter diesen dunklen Kapuzen abzuschätzen. Schließlich entschied ich mich für einen Abzählreim, und am Ende deutete mein Finger auf einen Mann in einem goldenen Kimono, der an einer Wand lehnte und etwas rauchte, das verdächtig einer Zigarette ähnelte. Als ich näher kam, trieb der beißende Geruch von Wermut und Beifuß zu mir herüber, und ich verzog das Gesicht. Beifuß war einfach ekelhaft, und Wermut war nicht besonders gut für die Gehirnzellen.

»Hallo«, sagte ich und trat auf ihn zu. »Ich würde Euch gern etwas fragen, wenn ich darf... «

»Psst«, fiel er mir ins Wort. »Still. Hört Ihr das?« Er neigte den Kopf zur Seite, als lausche er angestrengt einem leisen Flüstern.

Ich lauschte brav, denn ich vermutete, dass aufdringliche Direktheit mich in dieser Stadt nicht weit bringen würde. Nach ein paar Augenblicken hörte ich tatsächlich einen schwachen Rhythmus in der sanften Brise; es hörte sich an wie langsamer Trommelschlag. Camille benutzte oft solche Klänge, um sich in Trance zu versetzen und in einem anderen Geisteszustand arbeiten zu können.

»Was ist das?«, flüsterte ich.

»Im Tempel des Hycondis halten sie heute Abend ihr Ritual ab. Sie bringen ein Opfer dar.«

Ich schluckte eine voreilige Erwiderung herunter und zwang mich, meine oberflächlichen Eindrücke für mich zu behalten. Zu Hause in Y’Elestrial unterlagen die Tempel Beschränkungen – es war genau festgelegt, was sie tun durften und was nicht. Die meisten Rituale waren gestattet, aber alle, zu denen ein bewusstes Opfer gehörte, waren verboten; allerdings gingen fanatische Sekten oft in den Untergrund, um ihre finsteren Riten im Verborgenen abzuhalten.

»Hycondis?«, fragte ich und hoffte sehr, dass dieser Gott, wer immer er auch sein mochte, nichts mit dem Tempel des Gerichts zu tun hatte.

»Der Herr der Krankheit. Seine Anhänger opfern ihm Leichen, um sie zu reinigen und zu läutern, ehe sie in den Schoß der Mutter zurückkehren.« Er klang gelangweilt, als rezitiere er aus einem Lehrbuch.

»Ihr meint, sie sind schon tot, wenn sie geopfert werden?«

Mit angewiderter Miene verdrehte er die Augen gen Himmel. »Natürlich sind sie tot. Im Gegensatz zu den Opfern, die Ihr Eurem Magen bringt, Vampirin. Also, was wollt Ihr?« Er warf seine Kräuterzigarette weg, und sie verschwand mit einem kleinen Lichtblitz, statt als Müll auf der Straße liegen zu bleiben. Praktisch, wirklich praktisch.

»Ich suche den Tempel des Gerichts«, sagte ich.

»Zweifellos. Ich bin sicher, Ihr habt eine Menge zu büßen«, sagte er mit einem leisen Schnauben. O Mann, der hielt sich wohl für besonders witzig. »Ihr findet den Tempel in dieser Richtung, zwei Querstraßen weiter, dann nach rechts bis zur nächsten Ecke, und schon seid Ihr da.«

Ich wollte mich bei ihm bedanken, doch er wandte sich ab und ignorierte mich, als wäre ich gar nicht da. Ich ließ die Sache auf sich beruhen – es hatte keinen Sinn, Streit mit jemandem anzufangen, nur weil er unhöflich war. Außerdem war ich hier schließlich der Besucher.

Die Straße leerte sich, je weiter ich ging. Ich sah auf meine Armbanduhr. Viertel vor neun. War das hier Essenszeit? Falls es hier eine nächtliche Ausgangssperre gab, hatten die Wachen sie jedenfalls nicht erwähnt. Aus welchem Grund auch immer, um neun Uhr unserer Zeit war kein einziger Fußgänger mehr unterwegs. Ab und zu hörte ich etwas vorbeirumpeln, das nach einer Kutsche klang, aber ich konnte nichts sehen. Mir sträubten sich die Nackenhaare, schon seit ich diese Seitenstraße, die Tempelstraße, betreten hatte.

Und dann stand ich vor dem Tempel des Gerichts. Eine riesige, aus Stein gemeißelte Waage, so groß wie der Schuppen in unserem Garten, stand vor dem Eingang. Ich blieb stehen und starrte an dem megalithisch wirkenden Gebäude empor. Die Doppeltür wurde von einer violetten Flamme erhellt, die sich am Türbogen entlangzog, und als ich darauf zutrat, züngelten die Flammen auf, knisternd und hell. Über dem Türbogen war eine Inschrift eingemeißelt: »Tretet ein, die ihr Sühne und Gerechtigkeit sucht.«

Ich hoffte aufrichtig, dass ich nicht in Flammen aufgehen würde, trat vor, schob einen der schweren Türflügel auf und trat ein.