Kapitel 18

 

Da ich noch nie einen Vampir erweckt hatte, wusste ich selbst nicht ganz genau, wie der Prozess ablief, aber ich war verdammt sicher, dass es für Erin leichter sein würde als meine eigene Wiedergeburt.

Der Schock, als ich die Augen geöffnet und geglaubt hatte, ich sei noch am Leben, war schlimm genug gewesen. Aber noch mehr Angst hatte mir das Gefühl gemacht, ersticken zu müssen, weil ich nicht einatmen konnte. Dann, langsam hatte mir gedämmert, dass ich tatsächlich tot war, diese Welt aber nicht hatte verlassen dürfen. Und in diesem Augenblick hatte mich der Wahnsinn gepackt, und der Hunger. Zumindest hatte Erin sich selbst dafür entschieden. Hoffentlich würde sie das nicht bereuen.

Ich blickte mich um. Da lagen ein paar Kissen und schwere Vorhänge, die wohl als Decken benutzt worden waren. »Sammelt bitte jemand diese Vorhänge ein und macht ihr ein Lager daraus? Legt sie auf die blutigen Kissen da und baut das Ganze mitten im Raum auf.«

Morio und Chase sammelten die Sachen ein, während Delilah und Camille den Bunker nach weiteren nützlichen Dingen absuchten. »Bleibt alle weit außerhalb von Erins Reichweite. Vor allem du, Chase. Wenn sie aufwacht, wird sie verwirrt und vor allem sterbenshungrig sein. Der Hunger wird so schlimm sein, dass sie bereit wäre, jeden in ihrer Nähe anzugreifen.«

Das Bimmeln meines Handys drang plötzlich in die gedämpfte Stille des Nests, und ich riss es aus der Tasche und fragte mich, wer zum Teufel mich jetzt anrufen könnte. Ich hatte Chrysandra Bescheid gesagt, dass ich ein, zwei Nächte lang nicht erreichbar sein würde, und außer meinen Schwestern hatte sonst kaum jemand meine Handynummer. Ich warf einen Blick auf die angezeigte Nummer. Iris. O Scheiße, was war passiert?

Ich klappte das Handy auf. »Iris, was ist los?«

Der Empfang war grauenhaft. Ich eilte nach draußen auf die Treppe, wo es besser wurde. »Sag schnell. Ich stecke hier in einer brenzligen Situation. Was ist passiert?«

Iris holte tief Luft. »Ich weiß Bescheid. Roz ist hier, und er will mit dir sprechen. Und noch etwas – Trillian ist gerade aus der Anderwelt zurückgekommen.«

Irgendetwas in ihrer Stimme machte mich misstrauisch. »Was ist mit ihm?«

»Er wurde schwer verletzt. Einer von Lethesanars Bogenschützen hat ihn getroffen.«

Heilige Scheiße. Hatte sie mich angerufen, damit ich es Camille schonend beibrachte? War Trillian tot? Ich ertappte mich dabei, dass ich im Stillen darum betete, der Geliebte meiner Schwester möge noch am Leben sein. »Sag schon.«

»Er wird es überleben, aber er hat viel Blut verloren. In nächster Zeit wird er nirgendwohin gehen können. Also verlasst euch nicht darauf, dass er euch heute Nacht zu Hilfe kommt. Seine Schulter ist übel zugerichtet. Ich habe Sharah angerufen, sie wird mit ihrer Ausrüstung hierherkommen und ihn behandeln.« Iris klang gehetzt. »Sie muss jeden Augenblick da sein. Ich gebe dir jetzt Roz.«

»Nur zu.« Ich beschloss, Camille erst einmal nichts von Trillian zu sagen. Wenn sie sich keine Sorgen um ihn machte, würde sie sich besser auf unsere Aufgabe konzentrieren können. Und da Iris gesagt hatte, dass er es überleben würde, war die Sache nicht wirklich dringend.

Roz war jetzt am Telefon. »Ich habe einen Freiwilligen gefunden. Ich habe nicht dieses innere Radar, mit dem du Perverse und Verbrecher ausfindig machst – jedenfalls nicht die Art, nach der du beim Jagen suchst. Und ich wollte kein unschuldiges Leben riskieren, denn Erin wird sehr gierig sein, wenn sie aufwacht.«

»Wen hast du dann gefunden? Und wie zum Teufel bist du so schnell zu uns nach Hause gekommen? Du kannst doch gar nicht Auto fahren, oder?«

»Ist doch egal, wie ich hierhergekommen bin – ich habe da meine Methoden. Die Sache ist die: Ich fürchte, es wird dir nicht gefallen, wer sich als Blutspender zur Verfügung gestellt hat.«

»Warum?« Ein Grummeln in meinem Magen sagte mir, dass er recht hatte – die Antwort würde mir ganz sicher nicht gefallen. »Wen hast du denn gefunden?«

Er räusperte sich. »Euren Freund Cleo – Tim Winthrop. Ich hatte so ein Gefühl, dass er hier sein würde, und er schien mir die beste Wahl zu sein. Ich habe allen hier von Erins Schicksal erzählt, und er hat sich freiwillig als Blutspender gemeldet.«

Heilige Scheiße! Natürlich stellte Tim sich zur Verfügung. Erin war für ihn so etwas wie seine Familie. Ich fauchte frustriert. Was für eine, Scheiße. Tim hatte eine kleine Tochter. Was, wenn irgendetwas furchtbar schiefging?

»Moment, lass mich schnell mit den anderen reden.« Ich drückte auf die »Stumm«-Taste und rannte zurück in den Bunker, um Camille und Delilah davon zu erzählen. Chase und Morio hörten zu, aber ihnen war offenbar klar, dass das unsere Sache war. »Also, was meint ihr? Sollen wir Roz bitten, Tim hierherzubringen?«

»Wie lange wird es noch dauern, bis sie aufwacht?«, fragte Camille mit einem Blick auf Erins reglose Gestalt.

Ich schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Vermutlich nicht mehr lange.«

Delilah scharrte mit der Stiefelspitze auf dem Boden. »So, wie ich das sehe, bleibt uns keine andere Wahl. Erin wird das Blut brauchen. Wir brauchen schnell einen Spender. Wir können es uns nicht leisten, wählerisch zu sein, und Tim hat sich freiwillig dazu bereit erklärt. Wir müssen eben unser Möglichstes tun, um sie daran zu hindern, ihn leer zu trinken.«

Ihre Gesichter sagten mir deutlich, dass meine Schwestern wussten, was für ein Risiko wir eingingen. Ich hatte mich dafür entschieden, ich hatte diese Herausforderung angenommen, und nun mussten wir alle mit den Konsequenzen fertig werden – wir durften Erin nicht im Stich lassen. Das Letzte, was ich tun wollte, war, gezwungenermaßen meine eigene Tochter zu vernichten.

Ich eilte die Treppe wieder hinauf und deaktivierte die Stumm-Funktion. »Bring Tim hierher. Beeil dich – uns bleibt nicht mehr viel Zeit, bis sie sich erhebt.«

»Sind schon unterwegs«, sagte er und legte dann auf, ehe ich ihn fragen konnte, wie er Tim rechtzeitig hierherschaffen wollte. Ich blickte mich um, vergewisserte mich, dass wir immer noch allein waren, und kehrte zu Erin zurück.

»Sie sind unterwegs. Hoffen wir, dass Roz fliegen kann«, sagte ich und kniete mich neben Erin. Sie war kalt, kälter als der Tod. Ich hielt ihre Hand und erinnerte mich.

»Wie ist das?«, fragte Camille und setzte sich neben mich. »Wie fühlt es sich an, der Zustand, in dem sie jetzt ist?«

»Wenn du erkennst, dass du immer noch mit deinem Körper verbunden bist, wirst du wieder hineingezogen. Du hast meine Erinnerungen ja gesehen – der Eistunnel... dann der blutrote Strom, der sich durch das silberne Band vom Körper zum Geist hin ausbreitet – wie eine Ader, die sich mit Feuer füllt. Alles hat nach Blut gerochen, und ich hatte Magenschmerzen vor Hunger. Ich hatte solchen Hunger, solchen Durst... «

»Die Blutlust«, sagte Delilah und setzte sich auf meine andere Seite.

»Ja... die Blutlust. Es ist, als ob... alles verschwindet, außer diesem Durst. Wie Salz in einer offenen Wunde. Ich konnte an nichts anderes denken als daran, jemanden zu finden, in dem ich mich verbeißen konnte, um meinen Durst zu stillen.« Ich ließ den Kopf hängen. Ich sprach sehr selten über meine Leidenschaft und den Drang zu trinken. Das war ein Thema, das meine Schwestern nicht so leicht verstehen konnten – zumindest dachte ich das.

Aber Camille nickte. »So ist es bei mir mit der Wilden Jagd. Bei Vollmond muss ich der Magie nachgeben, sonst würde die Mondmutter mich in den Wahnsinn treiben. Wenn ich es nicht in die Wälder schaffen könnte, würde ich den Verstand verlieren. Und wenn die Jagd erst begonnen hat... keine Kraft der Welt könnte mich dann noch aufhalten, außer der Tod selbst.«

»Genau so ist es«, sagte ich verblüfft – sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Oder wenn ich mich bei Vollmond verwandeln muss. Nichts auf der Welt könnte mich daran hindern. Wenn jemand das versuchen würde – ich glaube, ich würde sterben«, sagte Delilah. Leiser fügte sie hinzu: »Wenn die Todesmaid in mir erwacht, ist es noch schwerer. Der Herbstkönig beherrscht meine Panthergestalt, und ich habe keinerlei Vorwarnung, wenn er sie zum Vorschein bringt.«

Ich starrte auf Erins Leichnam. Sie verstanden es doch, auf ihre eigene Art. Ich hatte nie daran gedacht, die Kräfte, die das Wesen meiner Schwestern beherrschten, mit der Blutlust zu vergleichen, aber da war etwas dran. Jede von uns war ihrer eigenen Natur und Gestalt ausgeliefert, jede von uns kämpfte darum, Aspekte ihrer selbst zu kontrollieren, die für sie nicht ohne weiteres beherrschbar waren.

»Vielleicht hätte ich doch offener über all das reden sollen«, sagte ich. »Ich habe einfach nie daran gedacht, dass ihr auch mit euren inneren Dämonen kämpft – dass ihr beide Mächten verpflichtet seid, die viel größer und stärker sind als ihr. Natürlich wusste ich das, aber so ganz hatte ich es nicht verinnerlicht.«

Ich blickte auf. Chase und Morio stellten sich taub, aber es war offensichtlich, dass sie uns zugehört hatten. »Was ist mit euch? Chase, gibt es irgendetwas, das du nicht kontrollieren kannst, das Macht über dich hat, außer deinem eigenen Gewissen?«

Er wirkte verblüfft darüber, in diese Unterhaltung mit einbezogen zu werden, und runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht so recht. Wir Menschen glauben gern, dass wir die Kontrolle über unsere Welt haben, aber in Wahrheit haben wir nicht einmal Einfluss auf einen Bruchteil davon. Ich glaube nicht, dass ich etwas Vergleichbares habe wie das, wovon ihr gesprochen habt. Aber einige Leute werden von Kräften getrieben, die man nicht rational begreifen kann – religiöse Fanatiker, kriminelle Psychopathen... alles Mögliche.«

Delilah sah ihn neugierig an. »Glaubst du an die Götter?«

Chase zuckte mit den Schultern. »Ich will nicht behaupten, dass in der Welt keine höheren Mächte am Werk wären, aber ob ich zu einer von ihnen bete? Nein. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass niemand für mich sorgen wird außer ich selbst. Mein Vater war drogensüchtig und hat sich abgesetzt, als ich noch klein war. Meine Mutter ist verrückt. Fast meine gesamte Kindheit hindurch haben wir von der Wohlfahrt gelebt, weil sie keinen Job lange behalten konnte.« Er blickte zu Delilah auf, und sie sahen sich in die Augen. Ich hatte das Gefühl, dass sie schon einmal über solche Dinge gesprochen hatten.

»Wer hat sich dann um dich gekümmert?«, fragte ich.

»Ich selbst. Als ich ein Teenager war, habe ich es geschafft, die Schule nicht abzubrechen, obwohl ich nachmittags bei McDonald’s gearbeitet, morgens vor der Schule Zeitungen ausgetragen und in der Nachtschicht für Hunan’s Dragon Palace chinesisches Essen ausgefahren habe. Irgendwie habe ich jeden Monat die Miete zusammengekratzt. Meine Jobs bei McDonald’s und Hunan’s haben mich durchgebracht.«

»Und deine Mutter hat nichts getan, um dir dabei zu helfen?« Ich hörte Ablehnung und Verbitterung aus seiner Stimme. Kein Wunder, dass er es vermied, mit seiner Mutter zu sprechen, wenn es nicht absolut notwendig war. Delilah hatte mir erzählt, dass Chase’ Mutter sich ständig bei ihm beklagte, weil er sie nie anrief. Das war vermutlich der Grund dafür.

»Sie war zu sehr damit beschäftigt, den Richtigen zu finden, um sich groß um mich zu kümmern. Ihre diversen Freunde haben mich ab und zu vermöbelt, weil ich frech zu ihnen war. Sie haben meiner Mutter Geld gegeben, damit sie sich was zu essen kaufen konnte – aber nur für sie. Sie hat ADFC kassiert, das Geld aber für Kleider und Alkohol ausgegeben. Ich habe in jeder freien Minute gearbeitet. Entweder das, oder ich hätte mich einer Gang anschließen müssen. Und Gangs waren einfach nichts für mich.«

»ADFC?«, fragte Camille.

»Eine besondere staatliche Unterstützung für Familien mit Kindern«, erklärte Chase.

»Und ist dein Vater je zurückgekommen?«, fragte Camille stirnrunzelnd.

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit ich ein kleiner Junge war. Meine Mutter hat schließlich wieder geheiratet, aber da war ich schon auf der Polizeischule.« Er zuckte mit den Schultern. »Schnee von gestern.«

Ein plötzliches Geräusch beendete unsere Unterhaltung. Erin begann sich zu regen. Uns blieben bestenfalls noch fünf Minuten. »Scheiße. O Scheiße, wo bleiben Roz und Tim?«

»Sind schon da«, drang eine Stimme aus dem Flur herein. Roz und Tim betraten den Raum. Tim sah blass aus, wie durch die Mangel gedreht. Vielleicht hatte Roz ihn auf einem fliegenden Teppich hierherbefördert. Jedenfalls waren sie da, und das allein zählte.

»Tim, hör mir zu. Ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. Erin wird gleich aufwachen, und sie wird großen Hunger haben. Wenn du das immer noch durchziehen willst, werde ich für dich da sein und auf dich aufpassen. Sie wird genug trinken müssen, um nicht ins Koma zu fallen. Wenn du diese Menge Blut spendest, wird dir ziemlich schwindlig werden. Du hast doch keine gesundheitlichen Probleme, eine Anämie oder so was? Viren, Infektionen und so weiter werden ihr nichts anhaben, aber der Blutverlust könnte für dich gefährlich werden.«

Er schüttelte den Kopf und starrte mit glasigen Augen auf Erins schmale Gestalt. »Werde ich dadurch zum Vampir?«

»Nein, das geschieht nur, wenn du Blut aus den Adern eines Vampirs trinkst. Aber bitte hör zu – es könnte etwas schiefgehen. Ich bin viel stärker als sie. Ich kann sie daran hindern, dich zu töten. Aber ich bin mir da nur zu neunundneunzig Prozent sicher. Garantieren kann ich für nichts.« Ich fügte nicht hinzu, was noch alles passieren könnte – dass Erin zur Abtrünnigen werden könnte, dass sie sich für die dunkle Seite des Vampirismus entscheiden könnte. Wenn sie das tat, würde ich gezwungen sein, ihr Dasein endgültig zu beenden.

Tim riss sich das Hemd herunter. »Wie viel wird sie trinken?«

Ich starrte seine nackte Brust an, haarlos, der Bauch ein strammes Sixpack. »Mann, du hältst dich echt in Form«, platzte ich gedankenlos heraus.

Er senkte lächelnd den Kopf. »Jason gefalle ich so.«

»Weiß er, dass du hier bist?«

»Nein«, erwiderte er. »Er würde das nicht... Ich glaube nicht, dass ich ihm davon erzählen werde.«

»Okay.« Ich hatte Jason zwar nur ein paarmal gesehen, aber ich würde darauf wetten, dass Tim ganz schnell wieder Single wäre, wenn sein Verlobter je herausfand, was er noch so trieb. »Also, am besten bietest du ihr dein Handgelenk an. Dann kann sie dir vor lauter Aufregung nicht aus Versehen das Genick brechen, und ich komme besser an sie heran, wenn es sein muss. Lass dir von ihr keine Angst einjagen – wenn sie sich zum ersten Mal erhebt, wird sie verängstigt und sehr hungrig sein. Aber sie wird sich bald daran erinnern, wer sie ist.«

»Menolly!« Camilles Ruf klang so dringend, dass ich sofort zu ihr aufblickte.

Ich wirbelte herum. Erin hatte krampfhaft zu zucken begonnen. »Alle außer Tim und mir sofort raus hier! Wartet im Hauptraum. Kommt nicht hier rein, bis ich es euch sage.«

Chase und Morio gehorchten auf der Stelle, aber Delilah und Camille zögerten. »Sofort, verdammt! Raus mit euch! Ich will mich darauf konzentrieren, ihr zu helfen, statt euch vor ihr schützen zu müssen.« Das brachte sie endlich in Bewegung. Sie schlossen die Tür hinter sich.

Ich wandte mich Tim zu. »Du bleibst da in der Ecke, bis ich dich rufe. Und du entscheidest dich besser jetzt, und zwar endgültig, ob du das wirklich durchziehen willst. Denn wenn du einen Rückzieher machst, muss ich sie vernichten, und es wäre barmherziger, das jetzt gleich zu tun, ehe sie wieder zu Bewusstsein kommt.«

Tim wurde bleich. »Als meine Frau herausgefunden hatte, dass ich schwul bin, hat sie mich auf die Straße gesetzt. Erin hat mich bei sich aufgenommen. Sie hat mich ermuntert, mich endlich zu outen, und mich gezwungen, ehrlich zu Patty und zu mir selbst zu sein. Und sie hat mir geholfen, meine Beziehung zu meiner kleinen Tochter wieder aufzubauen. Das war entsetzlich schwer, und ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass ich mit meiner jahrelangen Täuschung eine Menge Leute sehr verletzt habe. Aber Erin war immer für mich da und hat mir geholfen, die Scherben aufzusammeln und sie wieder zusammenzusetzen. Ich schulde ihr eine Menge, Menolly.«

Ich nickte und kroch hinüber zu Erin. Blutiger Schaum rann ihr aus dem Mundwinkel. Die Verwandlung war hässlich, kein Zweifel. Sie war widerlich und schmutzig und hatte überhaupt nichts mit dem eleganten Dahinsinken gemeinsam, das man so oft in schlechten Filmen sah. Sie war auch kein überwältigendes sinnliches Erlebnis – jedenfalls so lange nicht, wie die Verwandlung nicht vollständig abgeschlossen war. Bis der Neugeborene trank und das Bewusstsein wiedererlangte, ähnelte das Ganze eher einem diabetischen Schock.

»Erin, Erin, kannst du mich hören?« Ich versuchte nicht einmal, ihren Kopf festzuhalten. Sie würde um sich schlagen, aber wenn sie sich jetzt dabei weh tat, würde ihr das nicht mehr schaden.

Erin öffnete die Augen und setzte sich ruckartig auf. Sie begann sich umzudrehen, und dann sah ich einen Ausdruck auf ihrem Gesicht, der mir sehr vertraut war. Nicht alle Neugeborenen gerieten in Panik, wenn sie merkten, dass sie nicht atmen konnten, aber Erin war offenbar nicht nur im Blute meine Tochter. Sie griff sich an den Hals und riss verängstigt die Augen auf.

»Hör auf – Erin, hör auf! Dir passiert nichts. Du brauchst nicht zu atmen. Hör auf, es zu versuchen. Entspann dich, entspann dich einfach.«

Mit bebenden Schultern leckte sie sich über die Lippen und hörte auf, um Atem zu ringen. Dann sah sie mich wieder an, und ich zuckte innerlich zusammen. Ich hatte dasselbe bei Dredge getan, als ich erwacht war. Jeder Vampir kannte seinen Meister. Jeder Vampir war an seinen Meister gebunden, auf eine Art und Weise, die jeden anderen Eid ausschloss, sogar Verpflichtungen gegenüber den Göttern.

Ich konnte den Hunger in ihren Augen sehen, die Verwirrung und Fassungslosigkeit, als sie sich kriechend vor mir auf den Boden warf, und einen Augenblick lang hasste ich mich selbst. Ich verabscheute mich zutiefst für das, was ich ihr angetan hatte.

»Ist es so weit?«, fragte Tim ruhig, und die Gelassenheit in seiner Stimme machte mir Mut. Ich warf ihm einen Blick zu und sah, dass er Erins Kampf nicht mit Abscheu, sondern mit Erleichterung beobachtete. Er fing meinen überraschten Blick auf. »Sie ist meine Freundin. Ohne dich wäre sie jetzt tot. Lass mich ihr helfen – bitte.«

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, also nickte ich. »Komm hier herüber, aber langsam.« Ich kniete mich hinter Erin und hielt ihr mit einer Hand die Arme hinter dem Rücken zusammen. Mit der anderen streichelte ich ihr den Kopf. Sie würde schwach sein, bis sie getrunken hatte. Sie wehrte sich nicht, sondern wandte den Kopf und sah mich über die Schultern an, als suche sie nach Führung. Sie schlug sich besser als die meisten anderen Neugeborenen, so viel war sicher. Trotz ihres Hungers sah ich bereits einen Funken des Wiedererkennens in ihren Augen, der mehr war als das bloße Erkennen ihrer Meisterin.

Tim streckte ihr sein Handgelenk hin. »Erin, erkennst du mich? Ich bin es, Tim. Ich bin hier, um dir zu helfen. Du kannst von mir trinken. Das ist in Ordnung.« Seine Stimme war sehr beruhigend, so ganz anders als das schrille Wiehern seiner Drag-Queen-Persönlichkeit, Cleo Blanco. Ich konnte mir vorstellen, wie er mit dieser Stimme seiner Tochter eine Gutenachtgeschichte vorlas.

Erin schien ebenfalls darauf zu reagieren. Sie neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn neugierig. Ohne den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, beugte sie sich vor, schaute nur ganz kurz auf sein Handgelenk hinab, und dann fuhren ihre Reißzähne aus.

Ich redete sanft auf sie ein, als sie die Spitzen ihrer Zähne an sein Handgelenk legte, und führte sie ein Stück weg von der Pulsader. Sie brauchte nicht von der Hauptader zu trinken. Als ihre Zähne in die Haut eindrangen, schnappte Tim nach Luft und schloss die Augen.

»Tut es weh?«, fragte ich ihn, als Erin zu saugen begann und die Wunde leckte, um den Blutfluss anzuregen.

Er stieß ein zittriges Stöhnen aus. »Nein... nein, es tut nicht weh. Es fühlt sich himmlisch an. O Gott, das hätte ich nie erwartet.« Seine Stimme klang atemlos, und er sah aus, als würde er jeden Moment kommen.

Plötzlich wallte Stolz in mir auf. Erin war so viel weiter, als ich in ihrem Stadium gewesen war. Dredge hatte mich hungrig auf die Welt losgelassen, mir kaum genug Blut gegeben, um mich auf den Beinen halten zu können. Ich hatte auf dem Weg nach Hause ein fürchterliches Blutbad angerichtet.

Als Erin sich beruhigte und ich spürte, dass sich ihre Energie stabilisiert hatte, löste ich sie sacht von Tim, der zu Boden gesunken war, halb bewusstlos vor Ekstase, ohne die Gefahr zu bemerken, in der er schwebte. Erin wehrte sich zunächst, als ich sie wegziehen wollte, doch dann blickte sie zu mir auf und ließ sein Handgelenk los.

»Tim. Tim!«

Verblüfft blinzelte er und blickte zu mir auf. »Hm?«

»Geh zurück. Kriech langsam rückwärts von ihr weg. Sie hat für den Augenblick genug getrunken.« Ich wartete, bis er sich ein Stück beiseitegewälzt hatte, und drehte Erin dann sanft zu mir herum. »Erin, weißt du, wer ich bin?«

Sie sah mich einen Moment lang an und nickte dann. »Menolly. Aber... was ist passiert? Wo bin ich?«

»Erinnerst du dich daran, dass dich jemand entführt hat?« Ich sprach langsam, denn ich wollte ihr alles schonend beibringen – nur für den Fall, dass sie noch nicht verstanden hatte, was eben geschehen war. Aber auch jetzt überraschte sie mich.

»Ja«, sagte sie und blickte zu Boden. »Die Vampire haben mich entführt. Sie haben mich beinahe umgebracht.«

»Sie haben dich umgebracht«, sagte ich. »Aber wir haben dich gefunden, kurz bevor du gestorben bist. Verstehst du, was ich sage?«

Das Blut strömte jetzt durch ihren Körper und stärkte sie; sie schaute zu Tim hinüber. »Dass ich jetzt eine von euch bin«, flüsterte sie und sah wieder mich an. »Ich bin ein Vampir, und ich habe mich gerade von meinem besten Freund genährt und es genossen. Ich will mehr. Was wird jetzt mit mir geschehen?«

Ich schloss sie in die Arme und drückte sie an mich. Sie würde für immer eine Frau mittleren Alters mit kurzem Haar und einem Bäuchlein sein, aber sie klammerte sich an mir fest.

»Du schaffst das. Niemand zwingt dich, Schrecken und Zerstörung zu verbreiten. Du brauchst dich nicht in ein Monster zu verwandeln. Ja, wir sind Raubtiere, das ist wahr. Wir nähren uns von Blut. Nichts kann daran etwas ändern. Aber du hast es selbst in der Hand, wie du mit deinen Bedürfnissen umgehst, du kannst entscheiden, von wem du dich nährst und ob du deinen Wirten Schmerzen zufügst oder ihnen Genuss bereitest. Ich bin bei dir, ich werde dir helfen, und meine Freunde bei den Anonymen Bluttrinkern ebenso.«

Dann schob ich sie auf Armeslänge von mir und sah sie streng an. »Aber, Erin, eines musst du wissen. Ich bin deine Meisterin. Wenn du beschließt, auf eigene Faust loszuziehen und ein Blutbad anzurichten, werde ich dir nachjagen und dich vernichten. Ich kann dich immer und überall aufspüren. Hast du das verstanden?«

Erin erschauerte. »Ja. Ich habe dich selbst darum gebeten. Ich werde dir niemals Vorwürfe machen, Menolly.«

Ich biss mir auf die Zunge. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre all das nie passiert. Dann wäre Dredge nicht hier, um sein Chaos zu verbreiten und meine Freunde da hineinzuziehen. Aber was hätte sein können oder nicht, spielte keine Rolle mehr. Es zählte nur das Hier und Jetzt.

Wenn ich in den vergangenen zwölf Jahren eines gelernt hatte, dann, wie man Reue überwand. Natürlich hatte ich auf ewig mein Päckchen zu tragen, aber man konnte die Zeit nun einmal nicht zurückdrehen. Wir konnten nur Gegenwart und Zukunft ändern. Und jetzt, da ich nicht mehr an Dredge gefesselt war, konnte ich mich darauf konzentrieren, ihn zu zerstören und die Welt von einem Grauen zu befreien, das schon vor Hunderten von Jahren hätte vernichtet werden sollen.

Ich blickte zu Tim auf. »Holst du bitte Delilah?«

Er nickte und eilte hinaus.

Erin japste plötzlich. »Ich kriege keine Luft!«

»Nein, denk daran: Du kannst keine Luft holen, nicht so, wie du es gewohnt warst. Versuch es gar nicht erst. Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht sterben wirst – du wirst nicht ersticken. Verstehst du, wir atmen nur, wenn wir uns bewusst darum bemühen. Dein Gehirn versucht, die Muster abzuspulen, die dein Körper im Leben gebraucht hat, aber als Vampir brauchst du keinen Sauerstoff, und dein Körper wüsste gar nicht, was er damit anfangen sollte.«

»Wie soll ich das nur alles lernen?«, rief sie, und zum ersten Mal wirkte sie starr vor Entsetzen.

Ich packte sie bei den Schultern. »Hör mir zu. Hör zu. Erstens, hör auf, darum zu kämpfen. Atme aus. Atme nicht ein, stoße nur die Luft aus, die du gerade einatmen wolltest.«

Sie sah mir fest in die Augen, und ich spürte, wie sie zusammensank, als die Luft aus ihrer Lunge wich, die nicht länger zu atmen brauchte.

»Gut. Jetzt schließe die Augen. Horche aufmerksam in dich hinein. Ist dir schwindlig? Hast du das Gefühl, du würdest ohnmächtig werden, wenn du jetzt nicht atmest?«

Sie gehorchte, und nach ein paar Sekunden der Stille sagte sie. »Nein. Nein, ich glaube, ich verstehe es jetzt – wenn ich nicht darum kämpfe, Luft zu holen, merke ich gar nicht, dass ich überhaupt nicht atme.«

»Genau so ist es. Du gerätst nur in Panik, wenn dein Gehirn dir befiehlt zu atmen, aber dein Körper nicht mehr darauf eingestellt ist. Du kannst Luft holen und sie wieder ausstoßen, aber du musst deine Lunge darauf vorbereiten, sonst verwirrst du nur deinen Körper. Das gehört alles zu deiner Verwandlung.« Ich hielt ihre Hände, während sie bewusst versuchte, sich zu entspannen.

Da kam Delilah herein, gefolgt von Tim. »Ist alles in Ordnung?« Sie kniete sich ein paar Schritte entfernt von uns hin und beobachtete Erin vorsichtig.

Erin schaute zu ihr hinüber. »Hallo, Delilah. Ich... ich bin nicht sicher... Ich meine, was mache ich denn jetzt? Meinen Laden kann ich nicht mehr führen, oder? Ich kann nicht einfach nach Hause gehen. Menolly, was passiert als Nächstes mit mir?«

Ich lächelte sie sanft an. »Du wirst von den Besten lernen. Delilah, fahr mit Roz rüber zu Sassy Branson. Bitte sie, mit hierherzukommen. Wenn sie nicht zu Hause ist, ruf Wade an. Weißt du was, ruf ihn lieber zuerst an. Er ist darauf spezialisiert, Neugeborenen bei der Umstellung zu helfen.« Ich warf ihr mein Handy zu. »Seine Nummer ist im Telefonbuch gespeichert.«

Delilah drückte ein paar Tasten. »Kein Empfang. Ich muss nach oben gehen.«

»Geh nicht allein. Nimm Roz mit. Sag mir kurz Bescheid, ob du Wade erreicht hast, bevor ihr zu Sassy fahrt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, also beeil dich.«

Tim räusperte sich. »Erin, ich kann jemanden anrufen, der dein Geschäft für ein paar Tage übernehmen könnte. Lindsey aus dem Green-Goddess-Frauenhaus. Sie hat immer Klientinnen, die einen Aushilfsjob brauchen.« Er biss sich hart auf die Lippe, und ich schüttelte den Kopf und blickte vielsagend auf das Blut, das hervorquoll und sich auf seiner blassen Haut abzeichnete. Er wischte es hastig weg und lächelte mich schulterzuckend an.

Erin kämpfte immer noch um Beherrschung. Und sie machte ihre Sache verdammt gut. Die meisten Vampire drehten erst einmal durch, wenn sie sich erhoben hatten – das ganze Ausmaß dieser Verwandlung, ihre Auswirkungen, wurden einem erst klar, wenn man erkannt hatte, dass das eigene Leben soeben auf den Kopf gestellt worden war und es nie, nie wieder so werden würde wie vorher.

»Danke«, sagte sie. »Bitte erzähl ihr nicht, was passiert ist. Noch nicht. Ich muss erst einmal selbst damit klarkommen. Sag ihr nur, ich wäre krank.«

»Kein Problem«, erwiderte Tim.

»Du gehst jetzt besser nach nebenan«, unterbrach ich die beiden. »Sie muss sich ausruhen und aufhören, an dein Herz zu denken, das ein so lautes Stakkato klopft, dass ich es bis hierher hören kann.«

Er nickte. »Okay. Aber Erin, ich habe dich immer noch sehr gern. Sonst hätte ich mich nicht als Blutspender für dich angeboten.«

Sie brachte ein schwaches »Danke« heraus, als er den Raum verließ. Schweigend saßen wir da, bis Delilah zurückkam.

»Wade ist in ein paar Minuten hier. Er hat gesagt, wir könnten uns den Weg zu Sassy sparen – er kommt gerade von dort, und sie macht schon ein Zimmer für Erin fertig.« Einen Moment später öffnete sich die Tür erneut, und Wade kam herein.

»Delilah hat mir alles erzählt«, sagte er. »Ihr habt die Neulinge ausgeschaltet?«

»Die meisten, aber ich fürchte, ein paar könnten entkommen sein. Wir werden sehr wachsam sein müssen. Wie wir sie erwischen, überlegen wir uns, wenn ich Dredge vernichtet habe. Aber kann ich dich erst einmal bitten, Erin zu Sassy zu bringen? Und dafür zu sorgen, dass Tim sicher nach Hause kommt? Er ist immer noch in Gefahr, weil er mein Freund ist, und offen gestanden glaube ich, dass Erin ein bisschen zu viel von ihm getrunken hat. Er ist ziemlich fertig, auch wenn er das noch gar nicht gemerkt hat.«

Wade schüttelte den Kopf. »Ich glaube, bei euch zu Hause wäre Tim sicherer. Iris ist sehr wohl in der Lage, ihn zu beschützen, nicht wahr?«

»Da hast du wohl recht. Delilah, bitte Roz, Tim zu uns nach Hause zu bringen und dann so bald wie möglich wieder herzukommen. Ich weiß ja nicht, wie er so schnell von hier nach da kommt, aber schnell ist er, und das ist alles, was mich im Moment interessiert.«

Als Delilah hinausging, wandte ich mich wieder Erin zu. »Hör zu, Erin. Wade ist ein guter Freund von mir. Er leitet eine Organisation, der auch ich angehöre. Du hast mich sicher schon davon sprechen gehört – die Anonymen Bluttrinker.«

Sie nickte eifrig. »Ja, ich weiß, wovon du sprichst. Hallo, Wade.«

»Hallo, Erin«, sagte er sanft. »Willkommen in der Unterwelt.«

»Wade wird dich jetzt zu Sassy Branson bringen. Sie ist bei den AB aktiv, und sie ist selbst ein Vampir. Du wirst eine Weile dort bleiben, und sie und Wade werden dir helfen, dich an dein neues Dasein anzupassen. Ich habe heute Nacht noch eine Schlacht zu schlagen. Wenn ich siege – und glaub mir, das habe ich vor –, dann komme ich dich bald besuchen. Wahrscheinlich schon morgen, sobald es dunkel wird. Bis dahin bitte ich dich, mit Wade mitzugehen und zu tun, was er sagt. Du kannst ihm vertrauen.«

Wie ich gehofft hatte, war ihr instinktiver Wunsch, mir alles recht zu machen, sehr stark. Sie streckte Wade die Hand hin, und er half ihr auf.

Dredge hatte mich nach Hause geschickt, damit ich meine Familie auslöschte, und jetzt schickte ich Erin zu Sassy. Zum Glück waren meine Wut und meine Erinnerungen an die Folter noch lebendig genug gewesen, um einen Funken Bewusstsein zu erhalten. Ich hatte es geschafft, mich selbst einzuschließen, ehe ich Camille attackieren konnte. Von da an hatte der AND übernommen. Erin würde zumindest keine schlimmen Erinnerungen an mich haben, und ihre Verwandlung lief jetzt schon viel glatter, als ich gehofft hatte.

Wade führte sie hinaus, und ich folgte den beiden und sah zu, wie er sie unter den Nachthimmel führte. Erin würde niemals wieder die Sonne sehen, nie wieder die Wärme eines Sommernachmittags genießen. Aber das war ihre Entscheidung gewesen – obwohl ihr wenig anderes übriggeblieben war. Stirb jetzt oder lebe eine Ewigkeit. Kein Vampir, den ich kannte, war mehr als fünftausend Jahre alt, und wer konnte wissen, was jenen geschehen war, die früher verwandelt worden waren?

Vielleicht gab es gar keine. Vielleicht hatte es die Kräfte, die den Vampirismus hervorgebracht hatten, davor einfach nicht gegeben. Vielleicht... vielleicht begingen uralte Vampire Selbstmord, wenn sie äonenlang in ihrem Körper gefangen gewesen waren. Ich hatte nicht vor, so lange zu warten und es selbst herauszufinden. Bis meine Schwestern diese Welt verließen und zu unseren Ahnen heimkehrten? Sicher. Tausend Jahre? Möglicherweise. Die meisten Feen lebten ohnehin so lange. Bis in alle Ewigkeit? Auf gar keinen Fall.

Nachdem Wade Erin hinausgebracht hatte, drehte ich mich zu den anderen um. »Ihr dürfte eigentlich nichts passieren. Ich glaube, sie wird es tatsächlich schaffen. Aber ich wünschte, es wäre nie so weit gekommen.«

Chase räusperte sich. »Ja. Und ich werde mir einen guten Grund für ihre Abwesenheit ausdenken müssen, sonst wird sich die Klatschpresse darauf stürzen, was der Besitzerin der Scarlot-Harlot-Boutique zugestoßen sein könnte.«

»Wir helfen dir«, sagte ich. »Zumindest kann Erin ein paar Freundinnen anrufen und ihnen erzählen, sie wolle Urlaub machen. So was in der Art.«

»Tja, dann sind wir hier wohl fertig«, sagte Camille. »Was kommt als Nächstes?«

Ich bedeutete den anderen, mir nach oben zu folgen. »Was jetzt kommt? Sobald Roz wieder da ist, suchen wir Dredge und vernichten den Dreckskerl.« Ich überprüfte die Pflöcke in meinem Gürtel. So oder so, Dredge würde zugrunde gehen. Und ich hatte vor, ihm den endgültigen Stoß zu versetzen.