Kapitel 4
Träumen Vampire eigentlich, wenn sie schlafen? Diese Frage hatte Camille mir einmal gestellt, als sie heruntergekommen war, um mich zu wecken. Wie hätte ich ihr das erklären können? Sie wandelte in drei Welten: in der Anderwelt, der Erdwelt und im Reich der Mondmutter. Aber ihr Weg war ein ganz anderer als der meine.
Ja, wollte ich ihr sagen. Wir träumten von Blut und Sex und Leidenschaft. Aber das entsprach nicht ganz der Wahrheit, obwohl meine dahintreibenden Gedanken oft von beängstigenden Bildern erfüllt wurden, die mich warnten, wenn ich ein bisschen zu weit auf das Raubtier in mir zudriftete, weg von meinem wahren Selbst.
Vielleicht hätte ich ihr auch sagen sollen, dass Vampire im Schlaf durch die Hallen der Toten wandelten. Wir spazierten durch Wiesen und Wälder, streiften durch die Straßen von Städten und glitten übers Meer dahin. Wir wandelten mit dem Wind, wir wandelten auf dem Wasser. Wir waren die eigentlichen Windwandler. Aber auch das wäre nur ein Teil der Antwort gewesen.
Tatsache war: Wenn die Macht der Sonne mich in den finsteren Schlummer der Untoten hinabzwang, träumte ich von zu Hause – von der Anderwelt und meiner Kindheit. Ich träumte davon, wie ich zum ersten Mal einen Mann geküsst hatte – Keris, den Nachbarsjungen. Ich träumte davon, wie ich zum ersten Mal eine Frau geküsst hatte – Elyas, ebenfalls Agentin beim AND. Ich träumte davon, Priesterin in der Schwesternschaft der Alten zu werden, eine Hoffnung, die ich begraben hatte, als ich meine erste Blutung bekam und zur Frau wurde. Ich träumte von Bewegung und Mustern und Fraktalen, von Tanz, Musik und Poesie.
Und nach besonders stressigen Nächten träumte ich von Dredge. Leider genoss ich nicht mehr den Luxus anderer Leute, die aus ihren Alpträumen aufwachen konnten. Wenn ich erst schlief und die Erinnerungen mir einen unwillkommenen Besuch abstatteten, konnte ich nichts tun, als sie auszuhalten, die Folter, die Vergewaltigung und – schließlich – meinen ersehnten Tod noch einmal zu durchleben. Wieder und wieder träumte ich von meiner Verwandlung. Wie Sisyphos wurde ich immer wiedergeboren, nur dass ich mich nicht des Verrats an den Göttern schuldig gemacht, sondern die Geheimnisse eines sehr übellaunigen Vampirs und seiner Mannschaft ausspioniert hatte. Damit hatte ich mir meine ewige Strafe verdient – dazu verflucht, unter den Untoten zu wandeln bis zu jenem Tag, da ich bereit sein würde, loszulassen und den endgültigen Tod zu sterben.
Camille und Delilah erzählte ich nie von diesen Alpträumen. Das war nicht nötig. Warum sollten wir alle solch finstere Erinnerungen mit uns herumtragen müssen? Sie konnten nichts tun, nichts an meinem Schicksal ändern, und ich wollte sie nicht mit dem Wissen belasten, wie bösartig Leute, lebendig oder untot, wirklich sein konnten. Allerdings hatten sie diese hässliche Wahrheit selbst erkennen müssen, bei unserem Kampf gegen die Dämonen.
Ich legte mein Buch weg und schlüpfte langsam aus Jeans und Rollkragenpulli. Der Gedanke an Dredge hatte zu viele Erinnerungen geweckt. Ich blickte an meinem Körper hinab. Es hatte keinen Sinn mehr, in einen Spiegel zu schauen. Mein Spiegelbild schaute mir nicht mehr entgegen, nie mehr. Und doch – jedes Mal, wenn ich mich auszog und die Narben sah, wie konnte ich den Erinnerungen entkommen?
Das Treffen war fast vorbei...
Noch ein paar Minuten, und ich konnte mich rausschleichen, frei und sicher und mit den Informationen, die wir brauchten. Ich atmete langsam und tief durch und hielt mich gut fest; ich hatte nur gefährlichen Halt gefunden, weit oben in der Höhle. Aus dieser Entfernung konnte der Elwing-Blutclan die Hitze, die mein Körper abgab, nicht spüren, aber mein hochempfindliches Gehör schnappte alles auf, was gesagt wurde. Ein weiterer Vorteil meines gemischten Blutes. Ich konnte leise Schritte in der benachbarten Kammer hören.
Zufrieden sagte ich mir, dass ich nur noch ein bisschen länger warten musste. Vor fünf Minuten hatte ich die entscheidenden Informationen erhalten, die sie zu Fall bringen würden. Dredge war brillant, konnte sich aber offenbar nicht einmal vorstellen, dass irgendjemand, irgendwo, Pläne gegen ihn schmieden könnte. Niemand außer dem AND wäre mutig – oder waghalsig – genug, den Elwing-Blutclan auszuspionieren. Da kam ich ins Spiel.
Jetzt brauchte ich nur noch zu warten, bis sie die Höhle verließen. Nach diesen Treffen zerstreuten sie sich immer, um zu trinken. Ich war schon dreimal hier gewesen und jedes Mal mit Leichtigkeit unbemerkt davongekommen. Dies war mein letzter Auftrag für diese Mission. Ich hatte, was wir brauchten. Ich konnte bestätigen, was der AND vermutet hatte: Dredge und seine Kumpane hatten sich verschworen und wollten einen eigenen Hof gründen, mit Dredge als ihrem König. Vampirreiche waren in der Anderwelt verboten, und sämtliche Feenregierungen hatten diesem Abkommen zugestimmt. Vampire durften Nester bilden, mit einer maximalen Mitgliederzahl von dreizehn – wenn sie die überschritten, mussten die Überzähligen eine eigene Enklave gründen.
Dieses Gesetz hatte Dredge bereits gebrochen – ich hatte dreiundzwanzig Mitglieder des Elwing-Clans gezählt. Und er wollte seine Herrschaft weit über sein jetziges Einflussgebiet hinaus ausdehnen. Er wollte sich zum Vampirfürsten aufschwingen – und wir vermuteten, dass er vorhatte, von den Geldströmen zu profitieren, die durch die Gilden der Diebe und Meuchler flossen. Wenn ihm das gelang, wäre er in einer Position, die ihm erlaubte, seinen sadistischen Begierden nachzugeben, ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Die Leute würden zu viel Angst vor ihm haben, um sich zur Wehr zu setzen, wenn er erst ein ganzes Reich statt nur ein Nest regierte.
Mit dem Wissen, das ich gesammelt hatte, konnte der AND schon morgen früh ein Team hier reinschicken, das jeden einzelnen Blutsauger dieses abtrünnigen Clans vernichten würde. Die Drohung, sie in die U-Reiche abzuschieben, hatte sich nicht als sonderlich wirkungsvoll erwiesen, weil es uns nie gelungen war, sie festzunehmen.
Ich brauchte nur leise zu sein und mich gut festzuhalten, während sie die Höhle verließen, dann hatte ich es bald geschafft. Für diese Leistung könnte ich sogar befördert werden – eine Premiere für die D’Artigo-Mädels. Na ja, wenn man sich unsere Erfolgsbilanz so ansah, würde eine Beförderung uns zumindest davor schützen, dass der AND uns in irgendein mieses Kaff unten im Süden schickte, damit wir den Abschaum im Auge behielten. Wir waren nicht faul... nur manchmal ein bisschen vom Pech verfolgt.
Ich erschauerte, als ein kalter Luftzug vorbeistrich, obwohl ich einen hautengen Anzug aus Spinnenseide trug. Mein Haar war fest zu einem Knoten zusammengesteckt, damit es mir nicht ins Gesicht fiel. Ich hatte mich gründlich gestreckt und gedehnt, ehe ich meinen Dienst begonnen hatte, aber jetzt schmerzte jeder Muskel in meinem Körper, und ich konnte nur noch daran denken, endlich nach Hause zu gehen und mir ein heißes Bad einzulassen. Camille und ich hatten vor, gegen Mitternacht loszuziehen, auf eine Party. Im Collequia fand eine Opiumparty statt, und Camille wollte mir da irgendjemanden vorstellen – einen Kerl, mit dem sie seit ein paar Wochen zusammen war. Er hieß Trillian oder so ähnlich. Die Tatsache, dass sie uns nichts über ihn erzählen wollte, sagte mir, dass mit dem Kerl irgendwas nicht stimmte. Camille hatte außerdem ein Faible für böse Jungs.
Schmerz flammte in meinem rechten Arm auf. Verdammt noch mal, warum brauchten die Vampire so lange dafür, die Höhle zu verlassen? Ich kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was da unten vor sich ging. Von meinem Versteck aus konnte ich sie nicht gut sehen. Aber das bedeutete auch, dass sie mich nicht sehen konnten.
Noch zehn Minuten, dachte ich. Nur zehn Minuten. Ich zwang mich, meine brennenden Muskeln zu ignorieren, und versuchte, an irgendetwas anderes zu denken. Vater hatte uns versprochen, dass wir noch vor dem nächsten Vollmond einen Ausflug machen würden – Verwandte im Windweidental besuchen oder vielleicht ein paar Tage in Aladril verbringen, der Stadt der Seher. Einen Kurzurlaub konnten wir alle gut gebrauchen, denn wir vier hatten in letzter Zeit sehr hart gearbeitet. Ich war jeden Abend so müde, dass ich einschlief, sobald mein Kopf das Kissen berührte.
Verflucht. Ein Jucken im Nacken machte mich wahnsinnig. Als ich mich ein wenig bewegte, um das Jucken zu lindern, brach der kleine Felsvorsprung, auf dem meine rechte Hand ruhte, ohne jede Vorwarnung glatt ab.
Heilige Scheiße! Ich tastete verzweifelt nach dem nächsten Vorsprung und hoffte voller Panik, dass ich irgendeine Spalte, einen Vorsprung, einen Halt zu fassen bekäme, aber meine Finger trafen auf nichts als glatten Fels. Meine Füße glitten ab, als meine Hände über den Granit rutschten. Ich verlor den Halt und stürzte dem Boden dort unten entgegen.
Es heißt, kurz vor dem Tod würde einem das eigene Leben noch einmal blitzschnell vor dem geistigen Auge vorüberziehen, aber das Einzige, was mir durch den Kopf ging, war ein Gebet – ich hoffte auf das Glück, mir bei meinem Sturz den Hals zu brechen, denn ich wusste, wer in diesen Höhlen herumstrich. Und dann prallte ich mit einem Schlag auf dem Boden auf, der mir sämtliche Knochen durcheinanderschüttelte.
Verdammt. Ich lebte noch, und meine Landung hatte einen furchtbaren Lärm gemacht. Das bedeutete: Wenn ich unversehrt davonkommen wollte, musste ich rennen wie der Teufel. Als ich mich aufrappelte und auf den nächsten Ausgang zulief, hörte ich, wie hinter mir Bewegung entstand. Sie hatten mich gehört und kamen nachsehen. Scheiße. War das mein Ende?
Während ich den Tunnel entlangrannte, gab ich mich keinerlei Illusionen darüber hin, was geschehen würde, wenn sie mich erwischten. Die Vampire des Elwing-Blutclans waren gesetzlose, arrogante Raubtiere, angeführt von einem Vampir, der im Blut seiner Opfer badete. Der Clan ignorierte den vampirischen Sittenkodex – deshalb hatte ich ja überhaupt den Auftrag, ihn auszuspionieren.
Ich schlitterte um eine Biegung des unterirdischen Gangs, und ein höllischer Krampf durchzuckte meinen Unterschenkel, denn die plötzliche, heftige Bewegung setzte viel Milchsäure frei. Das schwache Schimmern von Sternenlicht vor mir sagte mir, dass ich es fast nach draußen geschafft hatte. Vielleicht würde ich sie im Wald abschütteln können – ich war sehr geschickt darin, mich zu verbergen. Ich rang nach Luft, zwang meinen protestierenden Körper, schneller zu laufen, und hielt den Blick fest auf den Höhlenausgang gerichtet.
Noch zehn Schritte, und ich konnte die Freiheit schon riechen. Neun Schritte, und ich tastete nach dem Notfall-Pflock an meinem Gürtel. Ich schaffte es, ihn herauszureißen, rannte mit voller Kraft, pumpte mit den Armen und erlief mir den Vorsprung, der mir eine Chance geben würde, das hier zu überleben. Nur noch ein paar Schritte – ein paar Meter...
Und dann erschien die Silhouette eines Mannes in der Öffnung vor mir. Groß und dunkel, mit langem, lockigem Haar, gekleidet in schwarzes Leder, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das einen Stein sprengen könnte. Ich wusste, wer das war. Dredge. Der Anführer des Elwing-Blutclans. Er verherrlichte die Folter, schwelgte in Schmerz.
Ich bremste scharf ab und warf mich nach rechts herum, in den Seitengang, aus dem er eben hervorgetreten war. Dredge machte keine Anstalten, mir zu folgen, aber ich hörte seine Stimme hinter mir sagen: »Wenn ihr der Jagd überdrüssig werdet, bringt sie zu mir. Rührt sie nicht an. Ich habe etwas ganz Besonderes mit ihr vor.«
Grauen überkam mich, als ich erkannte, dass der Gang mich zurück zur Haupthöhle führen würde. Kurz vor dem Ende bemerkte ich einen Strahl Mondlicht, der durch einen Spalt in der Decke hereinfiel. Ein rascher Blick nach oben sagte mir, dass ich gerade schmal genug war, mich durch diesen Riss zu zwängen. Ich zog mich an der Wand hoch und tastete verzweifelt nach dem nächsten Halt. Inzwischen brannte jedes meiner Gelenke wie Feuer, und ich hatte mir mindestens fünf verschiedene Muskeln böse gezerrt. Ich unterdrückte den Schmerz und zwang mich, nur auf die Decke zu achten. Ich musste es nur bis zu diesem Spalt schaffen. Nur aus dieser Höhle heraus.
Ich war keinen halben Meter mehr von dem Riss entfernt, als eine Hand meinen Knöchel packte. Ich versuchte, mich mit einem Tritt loszureißen, doch mein Angreifer hielt mich mit eisernem Griff fest und riss mich mit einem heftigen Ruck von der Wand. Als er losließ, stürzte ich und prallte mit dem Rücken auf den Boden.
Das Geräusch meiner brechenden Rippen hallte durch den Gang, Sekunden bevor der Schmerz einsetzte. Stöhnend blinzelte ich gegen die Tränen an und blickte plötzlich in das Gesicht eines Elfen. Oder das, was einmal ein Elf gewesen war. Alterslos, blass und fahl beugte er sich über mich, und mir fiel der Pflock wieder ein. Wo war er? Ich hatte ihn wieder in meinen Gürtel gesteckt, um besser klettern zu können. Als ich danach tastete, starrte der Vampir mir in die Augen.
»Entspann dich... lass einfach los.« Seine Stimme war beruhigend, so sanft wie eine Frühlingsbrise, und ich spürte den überwältigenden Drang, die Augen zu schließen und mich seinen Worten zu überlassen. Doch dann lächelte er, und in diesem Augenblick sah ich die ausgefahrenen Reißzähne, schimmernde Nadeln, die meinem Leben ein Ende machen würden.
»Nein«, flüsterte ich und versuchte, die Beherrschung über meine Sinne wiederzuerlangen. Ich zwang meine Hand, sich zum Gürtel zu bewegen, wo ich den hölzernen Pflock spürte, der an meinen Körper gepresst war.
»Es wird so viel leichter sein, wenn du mir erlaubst, dir zu helfen«, sagte der Vampir. »Ich heiße Velan. Wie ist dein Name?«
Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und blinzelte. Er war nicht mein Freund, und er würde mir nicht helfen. Seine Stimme versprach eine zärtliche Umarmung, aber ich zwang mich, daran zu denken, was er war und wo ich mich befand. Ich schüttelte den Kopf und schaffte es, meine Finger um den Pflock zu schließen, obwohl der Schmerz der gebrochenen Knochen in meiner Brust loderte.
Velan hatte nicht gemerkt, was ich da versuchte, so sehr konzentrierte er sich darauf, mich mit seinem Blick zu bannen.
»Komm näher«, flüsterte ich. »Hilf mir... «
Er beugte sich zu mir herunter. Ich wartete genau den richtigen Augenblick ab, weil ich wusste, dass ich nur eine Chance haben würde; blitzschnell drehte ich den Pflock herum, das spitze Ende nach oben, zielte auf seine Brust und legte alle Kraft, die ich aufbringen konnte, in den Stoß. Ich biss mir auf die Lippen, als der Schmerz durch meine Rippen, meine Brust, meine Lunge fuhr.
Treffer! Ich hatte ihn voll erwischt, und der schockierte Ausdruck auf seinem Gesicht war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Er öffnete den Mund, doch ehe er ein Wort hervorbringen konnte, zerstob er zu einer Wolke aus Asche und Knochensplittern, die auf mich herabregneten.
Hustend richtete ich mich auf und biss mir erneut auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien. Jede Faser schmerzte – jeder Muskel, jeder Knochen... als lägen meine Nerven bloß und würden mit einem Messer abgeschabt. Ich schaffte es, taumelnd auf die Füße zu kommen. Der Tunnel war leer, aber das würde er nicht mehr lange sein. Der einzige Weg, der mir offenstand, war der zurück in die Hauptkammer. Außer... Ich blickte wieder zu dem Spalt in der Höhlendecke hinauf. Vielleicht konnte ich es immer noch schaffen, durch diesen schmalen Schacht zu klettern. Ich war verletzt, aber hochmotiviert – mir standen noch wesentlich schlimmere Schmerzen bevor, wenn ich Dredges Kumpanen die Chance gab, mich zu fangen.
Langsam tastete ich nach einem Halt hier, einer Stütze für meine Zehen dort und arbeitete mich wieder die Felswand hoch. Ich versuchte, meinen Atem zu beruhigen, denn jeder Atemzug löste schwindelerregende Krämpfe in meiner Brust aus.
Während ich mich an der Wand hochschob, schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf; die meisten drehten sich darum, dass ich sofort meine Kündigung einreichen würde, wenn ich nach Y’Elestrial zurückgekehrt war. Falls ich je nach Y’Elestrial zurückkehrte. Warum zum Teufel hatte der AND diesen Auftrag mir erteilt? Es gab andere Späher, andere Akrobaten beim AND, die viel besser waren als ich. War das eine Strafe? Oder hatten die da oben entschieden, dass der Fall eigentlich nicht so wichtig war? Die Idioten hatten keine Ahnung, und jetzt würde ich ein weiterer Fall in der Statistik werden, dank meiner dämlichen Vorgesetzten. Ich blickte mich um und stellte überrascht fest, dass ich schon fast oben war. Vielleicht war Wut genau das, was ich brauchte – sie lenkte mich jedenfalls von den Schmerzen ab. Ich stellte mir so lebhaft wie möglich unseren direkten Vorgesetzten vor und zielte im Geiste mit einer Armbrust auf ihn, während ich mich näher an den Spalt heranschob. Nur noch ein bisschen... noch ein paar Handbreit, und ich wäre frei.
Und da war es – gesegnetes Sternenlicht fiel mir ins Gesicht. Ich krallte mich an den Rändern des kurzen Schachts fest, zog langsam meinen schmerzenden Körper durch den Spalt und ließ mich in das duftende Gras fallen, das den Hügel bedeckte. Ich hatte es geschafft. Ich war tatsächlich entkommen. Jetzt musste ich es nur noch bis in den Wald schaffen, wo ich mich bis zum Morgen verstecken konnte. Erleichterung durchströmte mich wie süßes, kühles Wasser, und ich rappelte mich mühsam hoch.
»Brauchst du Hilfe?«
Eine Hand fiel auf meine Schulter, und ich erstarrte. Seine Stimme war tief und leise, und vom Klang seiner Worte wurde mir schwindlig. Ich zitterte, und der Gesang der Grillen und Frösche, die zärtliche Berührung der Brise auf meiner Haut waren mir nur allzu bewusst. Langsam drehte ich mich um und betete, dass ich mich irrte. Bitte, bitte lass das nicht wahr sein.
Aber da stand er, der große, dunkle Mann ganz in Leder, mit einem blendenden Lächeln. Dredge beugte sich zu mir herab und musterte mich, und ich stieß ein leises Wimmern aus. Seine Augen waren schwarz wie der Nachthimmel, umrandet mit glitzerndem Frost, und als er lächelte, schimmerten die Spitzen seiner Reißzähne im Sternenlicht. Ich versuchte mich zu bewegen, davonzulaufen, aber ich konnte den Blick nicht mehr abwenden. Er strich mit einer Hand sacht über meine Wange und liebkoste mich mit Fingern, die so kalt waren wie das Grab.
»Hast du dich verlaufen, kleines Mädchen? Die vom AND müssen den Verstand verloren haben, wenn sie glauben, du wärst dem Elwing-Blutclan gewachsen. Ich nehme dich jetzt mit zu mir nach Hause, und dann werden wir uns in aller Ruhe unterhalten«, sagte er und hob mich mühelos auf seine Arme.
»Übrigens, falls du das nicht wissen solltest, mein Name ist Dredge. Und du, meine Süße, wirst mir alles erzählen. Dann denke ich mir noch ein paar Spielchen für uns aus.«
Ich stöhnte leise, als meine gebrochenen Rippen aneinanderrieben und heißer Schmerz mich durchfuhr wie eine Lanze.
»Arme Kleine. Hast du Schmerzen?« Sein Gesicht verzerrte sich zu einem hässlichen Grinsen, er neigte den Kopf und flüsterte mir ins Ohr: »Keine Sorge, bald wirst du nicht mehr an deine gebrochenen Rippen denken. Erst werde ich dich bluten lassen, Schnitt für Schnitt für Schnitt, bis du vor Schmerzen wahnsinnig wirst. Und dann werde ich dich so lange ficken, bis jeder Nerv in deinem Körper nach Erlösung schreit und du mich anflehst, dich zu töten. O ja, meine Kleine, du wirst herausfinden, wie viel Schmerz ein Körper erdulden kann, ohne daran zu sterben.«
Er zögerte, dann huschte ein Leuchten durch diese toten Augen. »Weißt du, mir ist gerade ein hübsches Geschenk für deinen AND eingefallen. Ich bin wohl heute in einer seltsamen Stimmung. Ich glaube, ich werde dich nicht töten – nun ja, nicht endgültig. Nein, ich denke, ich werde dich zu einer von uns machen und dich dann nach Hause schicken, damit du über deine Freunde und deine Familie herfällst. Wie hört sich das an? Ewiges Leben? Ewige Schönheit? Eine Ewigkeit in dem Wissen, dass du all jene getötet hast, die du am meisten liebtest? Ja, das werde ich dir schenken, und du brauchst mich nicht einmal darum zu bitten.«
Von Grauen erfüllt, versuchte ich nach ihm zu schlagen, aber meine Arme blieben still wie tiefes, dunkles Wasser. Ich schaffte es nur, ein paar Worte herauszupressen, indem ich kräftig genug ausatmete. »Nein, das lasse ich nicht zu – ich werde keine von euch!«
»Psst«, sagte er, und meine Stimme verlor sich wieder. »Du kannst mich nicht daran hindern. Komm jetzt, Mädchen, dir steht die längste Nacht deines Lebens bevor.«
Stumm dachte ich an zu Hause. Wir hatten gerade zwei weitere Streuner aufgenommen – Trevor und Harlis, zwei herrenlose Kaninchen. Würde Delilah auch daran denken, sie zu füttern? Sie brachte immer irgendwelche armen Streuner mit nach Hause, dachte aber manchmal einfach nicht daran, sie zu füttern. Camille war zu sehr mit dem Haushalt beschäftigt, deshalb übernahm ich die Tiere, wenn unser Kätzchen sie wieder einmal vergaß.
Und das Erntefest stand vor der Tür. Ich hatte vorgehabt, mein neues Kleid anzuziehen und mit meinem Nachbarn Keris zum Fest zu gehen. Wir waren schon seit ein paar Monaten zusammen. Seine Lippen waren süß und zärtlich, wenn sie meine trafen, und wenn ich in seinen Armen lag, hatte ich das Gefühl, mich in ein sicheres Nest zu kuscheln. Jetzt zerfielen alle meine Zukunftspläne zu Asche, als hätte jemand ein Blatt Papier angezündet.
Wie würde meine Familie mit meinem Tod zurechtkommen? Camille wirkte immer so stark, aber hinter dieser selbstsicheren Fassade lag ein Brunnen voll Tränen, so tief, dass er gar keinen Grund zu haben schien. Nach Mutters Tod hatte sie ihre Trauer beiseitegeschoben, um für uns andere die Bruchstücke wieder zusammenzufügen. Würde sie dasselbe tun, wenn sie erfuhr, was mit mir geschehen war? Und Delilah... Unser Kätzchen verließ sich so auf mich. Sie brauchte mich. Und Vater... er hasste Vampire. Würde er auch mich hassen? Würde er mir die Schuld daran geben?
Wenn sie herausfanden, was geschehen war – würden sie mich aufspüren und vernichten? Würden sie lange trauern? Oder würde ich bald vergessen sein, eine schmerzhafte Erinnerung, die sie mitsamt den Überresten meiner Seelenstatue begraben wollten? Wenn ich doch nur nachgeben und jetzt ohnmächtig werden könnte, das Bewusstsein verlieren, sterben und es hinter mir haben... aber mein Geist war zu stark, und ich konnte nicht willentlich das Bewusstsein verlieren. Ein Blick auf Dredge sagte mir, dass er auch nicht vorhatte, mich einen Augenblick seines Genusses versäumen zu lassen.
Ich wünschte, ich wäre nie geboren worden, und blickte zu den Sternen auf, als er leichtfüßig in den Schacht sprang und mit mir auf den Armen hinab in die Höhle schwebte. Das war der letzte Blick auf wahre Schönheit durch klare, unverdorbene Augen.
»Menolly. Menolly? Es ist Zeit, aufzuwachen.«
Die zarte Stimme drang in meinen Traum und riss mich gerade noch rechtzeitig vom Abgrund zurück. Alle Erinnerung an den Traum zerbarst, als ich im Bett hochschoss. Der nagende Schmerz in meinem Magen drängte mich, aufzuspringen, denjenigen zu packen, der mich gestört hatte, und ihn mir einzuverleiben.
Ich blickte mich um und erkannte meine Umgebung. Ich war sicher in meinem Schlafzimmer, der hübsche grüne Stoff der Bettdecke wurde vom sanften Licht der imitierten TiffanyLampe auf dem Tisch erhellt. Iris saß im Schaukelstuhl, weit genug weg von mir, um sicher zu sein während dieser ersten Sekunden des Aufwachens, in denen ich am ehesten dazu neigte, gedankenlos zu reagieren. Camille hatte diese Lektion auf die harte Tour gelernt – und ich ebenfalls.
»Die Sonne geht unter. Zeit zum Aufstehen.« Sie erhob sich, strich ihre Schürze glatt und lächelte mich freundlich an. Ganz gleich, wie oft Iris mich schon mit ausgefahrenen Reißzähnen und blutroten Augen gesehen hatte, es schien sie nie zu beunruhigen. »Anna-Linda ist schon seit dem späten Vormittag auf. Ich habe mich lange mit ihr unterhalten. Sie weiß übrigens, was du bist. Offenbar bist du nicht der erste Vampir, der ihr begegnet ist.«
»Du machst wohl Witze. Wo hat sie schon einen anderen Vampir kennengelernt?« Ich öffnete meinen Kleiderschrank und überlegte, was ich anziehen sollte. Fast alle meine Sachen hatten lange Ärmel, denn ich achtete darauf, Arme und Beine zu bedecken. Die Narben waren längst verblasst, zogen sich aber über meinen ganzen Körper, und es war einfacher, sie zu verbergen, als sie ständig erklären zu müssen. Ich schob die Kleiderbügel herum und zog schließlich eine tiefsitzende Jeans, einen jagdgrünen Rolli und eine braune Wildleder-Weste hervor. Dazu noch meine Stiefel mit den Killer-Stiletto-Absätzen, und ich würde ganz präsentabel aussehen.
Iris lächelte. »Wann hast du eigentlich zuletzt ein Höschen oder einen BH getragen?«
»Äh – nie?«, erwiderte ich, schlüpfte in die Jeans und knöpfte sie zu. Sie saß eng, aber da ich nicht zu atmen brauchte, musste ich nur darauf achten, ob ich mich darin hinsetzen konnte, ohne dass die Nähte platzten. »Jedenfalls nicht Erdseits. Als ich noch am Leben war, habe ich natürlich Unterwäsche getragen, aber warum sollte ich mir jetzt noch die Mühe machen? Meine Brüste werden nie schlaff.«
Iris unterdrückte ein Lachen und schüttelte den Kopf. »Wie du meinst. Also, Anna-Linda hat mir heute beim Frühstück erzählt, dass es in Portland, Oregon, wo sie herkommt, einen Clan von Vampiren gibt. Ihr Bruder wollte dazugehören und hing mit einer Gruppe verwahrloster Jugendlicher herum, die immer wieder die Vampire herausgefordert haben. Sein Wunsch wurde schließlich erfüllt, aber die Vampire haben die Jugendlichen nicht verwandelt, sondern nur ausgesaugt. Die Medien haben darüber berichtet, als Serie von Ritualmorden, aber Anna-Linda hatte sich im Wald versteckt, um ihren Bruder auszuspionieren, als es passiert ist. Bald danach hat ihre Mutter einen neuen Mann mit nach Hause gebracht, der anfing, das Mädchen zu belästigen. Da ist Anna-Linda weggelaufen.«
Ich ließ mich aufs Bett fallen, um in die Stiefel zu schlüpfen und die Reißverschlüsse hochzuziehen. Während ich liebevoll das herrliche Wildleder streichelte, dachte ich darüber nach, was Iris mir erzählt hatte. Das Mädchen hatte offensichtlich Probleme, und wenn sie die Wahrheit sagte, konnten wir sie natürlich nicht einfach nach Hause schicken. Andererseits waren wir nicht dafür geeignet, ein menschliches Kind in unsere Obhut zu nehmen.
»Glaubst du, dass sie die Wahrheit sagt?« Ich schaute Iris an. Sie war eine sehr gute Menschenkennerin. Sie würde es merken, wenn das Mädchen sie belog.
Iris zog die Augenbrauen hoch. »Interessant, dass du mich das fragst. Ja, ich glaube schon. Trotzdem habe ich Chase gebeten, die Geschichte nachzuprüfen. Er hat die Polizei in Oregon angerufen, und offenbar gab es da unten einen Massenmord, der zu ihrer Schilderung vom Tod ihres Bruders passt. Ritualmorde, der Polizei zufolge; fünf Opfer, vollständig ausgeblutet. Die Vampire haben allerdings allen ihren Opfern die Pulsadern aufgeschnitten und genug Blut fließen lassen, damit es wie ein Mord aussah und nicht wie eine Vampirorgie. Eines der Opfer hieß Bobby Thomas – Anna-Lindas Bruder.«
Ich stand auf und machte mein Bett; Iris half mir und schüttelte die Kissen auf. Sie war eine hervorragende Haushälterin, so viel war sicher. Bevor sie hier eingezogen war, hatten wir nie glatte Bettlaken gehabt oder Kissen, die so frisch gestärkt waren, dass sie flüsterten, wenn wir uns hineinkuschelten. Wir hatten uns nie mit Bügeleisen und Bügelbrett abgegeben, aber jetzt stand eine Bügelstation in der Waschküche, die allwöchentlich zum Einsatz kam. Das war die eine Haushaltstätigkeit, die Iris lieber auf die altmodische Art erledigte als auf magische Weise. Ich zupfte an den Ecken des Spannbettlakens, zog es glatt, um die Falten zu entknittern, und schob dann das Gummiband unter die Matratze.
»Dumm... das ist pure Dummheit. Ich weiß nicht, ob mir diese armen Kids leidtun sollen, oder ob ich mir wünsche, irgendjemand hätte ihnen Vernunft eingebläut. Na ja, für beides ist es jetzt zu spät«, sagte ich und zog die Bettdecke gerade.
Iris legte die Kissen an ihren Platz. »Die meisten wissen es eben nicht besser. Das sind Teenager, nervös und voller Hormone. Ein paar kommen aus kaputten Familien. Ihr Vampire seid Raubtiere. Ganz unsterblich seid ihr vielleicht nicht, aber praktisch unverwundbar, was die meisten gewöhnlichen Kümmernisse angeht. Ihr besitzt Macht, und danach gieren so viele von diesen Jugendlichen – Macht, das Gefühl, Kontrolle über ihr Leben zu haben. Im Grunde kann man ihnen das kaum vorwerfen. Ich glaube, wir sind hier fertig«, fügte sie hinzu und blickte sich in meinem Schlafzimmer um. »Sieht alles ordentlich aus. Ich komme morgen wieder herunter, wenn du schläfst, und wische Staub.«
»Danke«, sagte ich und folgte ihr die Treppe hinauf. »Und du hast vermutlich recht. Eine Menge Leute sind so fasziniert von dem ganzen Glamour, dass sie die Wirklichkeit nicht sehen. Und viele von uns haben anfangs die besten Vorsätze. Trink gerade genug, um zu überleben. Töte keine Unschuldigen. Aber die Wahrheit sieht so aus: Diese guten Vorsätze sind mit der Zeit immer schwerer einzuhalten, außer man hat etwas, das einen immer und sehr deutlich daran erinnert, warum sie so wichtig sind.«
»Wie auch immer das bei ihrem Bruder war, Anna-Linda weiß, dass du ein Vampir bist, und es schien ihr nichts auszumachen. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt es mir beinahe komisch vor – ich glaube, sie hat sich sogar darüber gefreut«, sagte Iris, als wir die Küche betraten.
Ich hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Eine davon war wohl Anna-Lindas – die Stimme klang nach einer jungen Frau, aber da war noch eine zweite, die ich nicht erkannte. »Wer ist denn da?«, fragte ich.
»Chase ist hier. Und Zachary Lyonnesse und eine Frau aus seinem Rudel«, sagte Iris, deren Stimme einen eigenartigen Unterton annahm. »Ich mag sie. Sie heißt Nerissa und ist darauf spezialisiert, Jugendlichen aus Problemfamilien zu helfen. Sie arbeitet für den Sozialdienst, aber die haben keine Ahnung, dass sie ein Werpuma ist.«
»Sozialdienst?«, fragte ich.
»Ja. Die kümmern sich auch um Problemfamilien. Nerissa hat vorgeschlagen, dass wir für Anna-Linda einen Pflegeplatz in einer Übernatürlichen-Familie suchen, denn falls das Mädchen sich dann bei seinen Pflegeeltern verplappert, macht das nichts. Delilah hat an Siobhan gedacht und sie angerufen. Sie hat gesagt, sie würde das Mädchen sehr gern für eine Weile bei sich aufnehmen.«
Siobhan Morgan war eine Freundin von uns. Sie war ein Selkie, eine Werrobbe, die ursprünglich aus Irland stammte und in der menschlichen Gesellschaft als VBM durchging. Sie war sanft und gütig und liebte Kinder auf eine Art, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Außerdem war sie diplomatisch und klug und konnte so gut wie jede Situation unter Kontrolle halten.
»Wirklich? Ich weiß, dass wir Anna-Linda nicht hierbehalten können, aber... es kommt mir nicht richtig vor, sie so herumzuschubsen. Allerdings wäre es natürlich viel angenehmer, sie bei Siobhan unterzubringen, als das Mädchen zu irgendwelchen Fremden abzuschieben.«
Iris schüttelte den Kopf. »Anna-Linda hat sich heute Morgen geweigert, in ein Heim zu gehen. Sie hat damit gedroht, sofort wieder wegzulaufen, falls wir sie fortschicken. Chase gefällt die ganze Sache nicht, aber er wird sich nicht einmischen. Ich glaube, die Tatsache, dass Nerissa beruflich mit problematischen Jugendlichen zu tun hat, war da sehr nützlich – sie konnte ihn davon überzeugen, dass es das Beste wäre, sie bei Übernatürlichen unterzubringen.« Iris scheuchte mich weiter, während sie selbst in der Küche stehen blieb. »Geh nur, ich koche inzwischen Tee.«
Als ich das Wohnzimmer betrat, spürte ich sofort die angespannte Atmosphäre. Delilah saß zwischen Chase und Zach, ihre Miene wirkte ein wenig gequält. Seit Chase wusste, dass Delilah mit dem Werpuma geschlafen hatte, achteten die beiden Männer darauf, Abstand zueinander zu halten. Chase und Delilah hatten sich ein paarmal heftig deswegen gestritten, doch im Moment schien alles halbwegs in Ordnung zu sein.
Ich hatte das Gefühl, dass Chase nur deshalb stillhielt, weil er fürchtete, weiterer Streit könnte auf ein Ultimatum hinauslaufen, und Delilah könnte sich dann für Zach entscheiden. Ich mochte Chase zwar nicht, aber er tat mir leid. Ich bezweifelte stark, dass Delilah eine Beziehung mit einem VBM langfristig bewältigen konnte, aber das war ihre Angelegenheit.
Der letzte Rest Tageslicht verschwand vom Himmel, als ich unsere Gäste mit einem Nicken begrüßte. Ich trat ans Fenster und blickte hinaus auf die Schneedecke im Garten. Die Temperatur hing immer noch bei um die null Grad und hatte sich seit Tagen nicht verändert.
Anna-Linda lächelte mich schüchtern an. »Danke«, sagte sie. »Gestern Nacht habe ich ganz vergessen, danke zu sagen, weil ich so müde war, aber ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich gerettet haben.« Sie rutschte auf dem Sofa beiseite und klopfte auf den Platz neben sich. »Hier, Sie können sich zu mir setzen.«
Während ich überlegte, ob es klug war, sich neben die Kleine zu setzen, sah ich etwas in ihren Augen schimmern, und plötzlich begriff ich. Ich war ihre Heldin, ihre große Retterin. Vampir oder nicht, sie wollte mir näherkommen.
Ich warf einen Blick auf Nerissa, die es sich auf dem Liegesessel bequem gemacht hatte. Offensichtlich einer der RainierPumas, gar kein Zweifel. Sie hatte die gleichen wilden topasfarbenen Augen und das goldene Haar wie alle aus ihrem Clan. Aber sie trug ein Kostüm und Pumps, und ihr Haar war zu einem ordentlichen Chignon hochgesteckt. Sie sah aus, als sei sie direkt von der Arbeit hierhergekommen.
»Du musst Nerissa sein. Ich bin Menolly D’Artigo. Iris und ich haben Anna-Linda gestern Nacht in einer Seitengasse gefunden.« Ich streckte die Hand aus, und Nerissa stand auf und ergriff sie geschmeidig, und falls ihr auffiel, dass meine Haut viel kälter war als ihre, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken.
»Sie meinen, Sie haben mich gerettet«, mischte Anna-Linda sich ein.
Nerissa lächelte sie an. »Anna-Linda, Menolly und ich möchten uns kurz unter vier Augen unterhalten. Ich glaube, Miss Kuusi hat gesagt, sie wollte Tee kochen. Würdest du ihr vielleicht helfen?«
Nerissa hatte eine angenehme Stimme. Glatte Haut... sie sah liebenswürdig und zugleich energisch aus. Und mir gefiel nicht nur ihr Auftreten. Das anziehende Schimmern ihres Halses ließ mich einen Augenblick lang in Trance sinken, und ich spürte, wie meine Reißzähne aus dem Kiefer fuhren. Erschrocken über die Richtung, die meine Gedanken plötzlich eingeschlagen hatten, nickte ich abrupt. »Sie hat recht, Iris könnte sicher Hilfe gebrauchen. Warum gehst du nicht zu ihr in die Küche und fragst sie?«
Anna-Linda blickte enttäuscht drein, aber sie stand vom Sofa auf und ging zur Küche. Als sie im Flur verschwand, bedeutete ich Nerissa, mir in den selten benutzten Salon zu folgen. »Wir sind gleich wieder da«, sagte ich zu Delilah. Mit einem finsteren Blick auf die beiden Männer fügte ich hinzu: »Und inzwischen lasst ihr alle die Krallen hübsch eingezogen. Versprochen?«
Delilah errötete, und Zach zog den Kopf ein. Chase verdrehte nur die Augen, aber alle drei nickten. Ich führte Nerissa in den Salon und schloss die Tür, nur für den Fall, dass Anna-Linda die Küche verlassen sollte, ehe wir unser Gespräch beendet hatten.
»Ich nehme an, Iris und Chase haben dir schon erzählt, was wir herausgefunden haben?«, fragte ich.
Sie setzte sich auf die Armlehne eines antiken Sessels und stützte sich leicht mit einer Hand ab. Ich konnte mich kaum vom Anblick ihrer Beine losreißen, als sie das linke über das rechte schlug. Die Intensität meines Interesses machte mich nervös, und ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu sehen.
»Ja, das haben sie. Die arme Kleine hat eine Menge durchgemacht, aber ich rate euch wirklich davon ab, sie hierzubehalten. Glaub mir, ich bekomme in meinem Beruf eine Menge Straßenkinder zu sehen. Sie erheben einen leicht zu ihrem Idol, wenn man sie rettet, aber man darf sich nicht darauf verlassen. AnnaLinda ist ein Opfer, und sie wäre viel schlimmer dran gewesen, wenn du sie nicht vor diesen Zuhältern gerettet hättest, aber sie ist immer noch im Überlebensmodus. Und Leute, die ums Überleben kämpfen... «
»Sind zu allem fähig, was sie normalerweise nie tun würden«, beendete ich ihren Satz. »Sie hat immer noch Angst, und wer weiß, auf was für Ideen sie kommen könnte.«
Nerissa seufzte tief. »So ist es. Ich sage das nur sehr ungern, aber du darfst dich von deinem Mitgefühl nicht blenden lassen. Sie ist so traumatisiert, dass sie nur noch ihren Impulsen folgt. Im Augenblick vergöttert sie dich, weil du sie vor den Zuhältern gerettet hast, aber lass ihr ein, zwei Tage Zeit, sich zu beruhigen, und sie fängt vielleicht an, sich damit zu beschäftigen, dass ihr Bruder von Vampiren getötet wurde. Im Augenblick wäre es wirklich das Beste für sie, wenn sie bei Miss Morgan bliebe.«
Nerissa hatte recht. Anna-Linda war eine wandelnde Zeitbombe. Wir hatten schon zu viel um die Ohren, um uns um ein VBM-Kind zu kümmern. Und wenn ihre Mutter herausfand, dass wir sie bei uns aufgenommen hatten, könnte es gewaltigen Ärger geben.
Aber Nerissa ging in der Gesellschaft durch und arbeitete innerhalb des Jugendfürsorge-Systems, so dass sie sämtliche Tricks ausnutzen konnte. Sie würde es auch schaffen, die Tatsache zu verschleiern, dass Siobhan eine Übernatürliche war, weil Siobhan selbst ihre wahre Identität sorgsam verborgen hielt.
»Das klingt vernünftig, aber wie sollen wir sie dazu bringen, bei Siobhan zu bleiben? Sie hat doch sicher schon damit gedroht, wieder wegzulaufen, oder?« Meine Nase zuckte.
Nerissa roch nach Rosenseife und einem Hauch Puder. Während ich sie beobachtete, glühten ihre Wangen noch ein wenig rosiger, und ihre Brüste hoben und senkten sich mit jedem Atemzug. Ich ertappte mich dabei, dass ich die Hand ausstrecken und mit den Fingern über die weiche Haut streichen wollte, die ich mir unter dieser Seidenbluse vorstellte. Hastig legte ich den Rückwärtsgang ein und floh ans andere Ende des Raums, wo ich vorgab, aus dem Fenster zu starren.
Die Luft im Raum fühlte sich stickig an und wurde immer dicker, während sich das Schweigen zwischen uns ausdehnte. Ich war entsetzlich nervös und fragte mich, warum sie nicht geantwortet hatte, also drehte ich mich zu plötzlich um und stieß mit ihr zusammen. Nerissa war lautlos herübergekommen und stand direkt hinter mir.
»Vielleicht kannst du uns dabei helfen«, sagte sie mit weicher Stimme.
Vor Schreck fuhren meine Reißzähne aus, und ich packte sie unwillkürlich am Handgelenk. Ich war so durstig, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte als daran, die zarte Haut an ihrem Hals zu küssen und voller Hochgenuss die Zähne hineinzuschlagen.
Nerissa riss die Augen auf, doch sie blieb eisern stehen. »Menolly. Du tust mir weh«, sagte sie mit fester Stimme. Ich konnte ihre Angst spüren, aber sie zügelte sie gut.
Ich zwang mich, sie loszulassen, und schwebte zur Decke hinauf, um erst einmal die Fassung wiederzugewinnen. Als meine Reißzähne sich wieder zurückzogen, versuchte ich zu begreifen, was zum Teufel da gerade geschehen war. Normalerweise hatte ich mich wirklich besser im Griff – allerdings hatte ich Delilah schon oft warnen müssen, dass sie mich nicht erschrecken durfte. Sie bewegte sich so leise, dass ich sie nicht kommen hörte, und Nerissa hatte gerade dasselbe getan.
»Alles in Ordnung?«, fragte Nerissa.
Ich war so scharf wie seit meinem Tod nicht mehr. Langsam ließ ich mich zu Boden sinken, hielt aber sicheren Abstand zu ihr. »Verfluchte Werwesen. Ein kleiner Ratschlag, den du vielleicht an dein Rudel weitergeben solltest: Schleicht euch nie an Vampire heran. Werwesen, vor allem Werkatzen, schleichen gern herum. Glaub mir, du willst wirklich keinen Vampir überraschen, der vielleicht nicht bereit wäre, die Reißzähne wieder einzuziehen.« Ich war wütend, weil sie mich überrumpelt hatte, verschränkte die Arme und starrte sie finster an.
Sie errötete ganz zart, und ihre Hand flatterte hoch zu ihrem Hals. »Es tut mir leid. Ich habe über deine Art wohl noch viel zu lernen. Bitte entschuldige.«
»Ja, schon gut... aber denk nächstes Mal daran. Also, wie könnte ich Anna-Linda davon überzeugen, dass sie brav mit dir geht?«
Ich brauchte Zeit, um mit meiner Verwirrung klarzukommen. Ich hatte mich schon immer sowohl zu Männern als auch zu Frauen hingezogen gefühlt, das war es also nicht, was mir Angst machte. Nein, es machte mir zu schaffen, dass Nerissa nicht zurückgewichen war, als ich sie beinahe angegriffen hätte. Das war sogar ein Glück. Wenn sie die Nerven verloren und geflohen wäre, hätte der Reiz so stark werden können, dass ich sie möglicherweise gedankenlos angegriffen hätte. Aber da war noch etwas – ein tiefer Blick in ihre Augen sagte mir, dass sie nicht nur aus Verlegenheit errötete.
»Ich hatte mir überlegt, dass du sie vielleicht unter deinen Bann bringen könntest. Das wäre wohl die einfachste Möglichkeit. Oder deine Schwestern. Besitzt ihr nicht alle die Fähigkeit, Menschen mit eurem Charme zu verzaubern?«
Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. »Hm, ja. Die haben wir von unserem Vater geerbt – die Feen können jemanden mit einem Kuss, einer Berührung, manchmal auch nur mit einem Blick verzaubern. Und die Tatsache, dass ich ein Vampir bin, schadet in dem Fall auch nicht gerade. Du hast recht. Wenn sie glaubt, sie hätte der ganzen Idee von sich aus zugestimmt, wird sie nicht das Gefühl haben, wir hätten sie im Stich gelassen.«
»Genau«, sagte Nerissa. »Also, machst du es?«
Nickend zuckte ich mit den Schultern. »Ja, warum nicht?«
»Gut, dann ist das also geklärt.« Sie wandte sich der Tür zu, blieb aber stehen und drehte sich noch einmal um. »Ach, übrigens, nur damit du es weißt – ich spüre es auch«, sagte sie, und ihre Lippen verzogen sich zu einem vielsagenden Lächeln. »Die Hitze meine ich. Ich bin im Moment mit niemandem zusammen. Ruf mich doch mal an, wenn du möchtest. Ich habe keine Angst vor einer Herausforderung, weißt du? Und Venus Mondkind hat mich unterwiesen.«
Als sie zur Tür ging, folgte ich ihr langsam und fragte mich, was zum Teufel ich von dieser Einladung halten sollte. Und worin genau hatte Venus Mondkind sie unterwiesen? Er war ein wilder alter Schamane. Nerissa war gewiss kein MöchtegernVampir oder Groupie, aber unter diesem korrekt hochgesteckten Dutt und dem nüchternen Kostüm versteckte sie auch eine Seite, die sexy und etwas abgefahren war – das war offensichtlich. Die Frage war, ob ich herausfinden wollte, wie abgefahren?