Kapitel 10
Morio, nimm Iris und Nerissa mit. Ich fahre mit Camille und Tim«, sagte Trillian.
Camille schlang einen Arm um Tim und führte ihn zur Tür. Dann blickte sie zu Delilah und mir zurück. »Seid vorsichtig, ja?«
Nerissa hielt die Tür auf, und die anderen eilten in die glitzernd kalte Nacht hinaus. Ich wandte mich Delilah zu. »Du und Wade fahrt schon mal voraus. Wir treffen uns vor der Leichenhalle. Spielt ja nicht die Helden – wartet auf mich, ehe ihr reingeht. Wade, wir brauchen Pflöcke. Hast du welche?«
Er schnaubte ironisch. »Ja, so etwas habe ich natürlich immer bei mir.«
»Er vielleicht nicht, aber ich.« Die Stimme von der Tür her ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ich wirbelte herum. Roz betrat die Boutique.
»Hast du uns nachspioniert?«
»Nicht direkt. Ich habe den Zoo überprüft, wie ich es dir gesagt habe, und dann bin ich deinem... Marker... hierhergefolgt.« Er zupfte am Gürtel seines langen Mantels und wirkte beinahe belustigt.
»Meinem Marker? Ich habe einen Marker?« Ein Marker war so etwas wie ein magisches GPS-Signal – normalerweise bedeutete es, dass man von einem Zauberer oder einer Hexe markiert worden war. Wenn ich so etwas trug, dann hatte irgendjemand mich mit einem Zauber belegt, um meine Position verfolgen zu können, und ich wollte verdammt noch mal wissen, wer das getan hatte.
Sein Blick flackerte überrascht auf. »Du wusstest nichts davon?«
Ich runzelte die Stirn. »Wenn ich davon gewusst hätte, dann hätte ich sowohl mit dem Marker als auch mit der Person, die ihn mir angeheftet hat, kurzen Prozess gemacht.«
Wade berührte mich federleicht am Arm. »Wir haben keine Zeit, darüber zu diskutieren, ob du magisch verwanzt bist. Wir müssen uns um diese Neulinge kümmern, ehe sie sich erheben.«
»Er hat recht«, sagte Delilah. »Wir können Camille und Morio später bitten, festzustellen, wer dahintersteckt. Jetzt müssen wir los. Chase wird bald auf dem Weg zum Obduktionsraum sein, und ich will ihn da nicht allein haben. Außerdem ist es nicht sicher, Sharah da einfach stehenzulassen. Wenn diese Vampire sich erheben, ehe wir dort sind, ist sie eine tote Elfe. Oder sogar eine untote.«
Ich gab Roz einen Wink. »Du kommst mit mir.«
Wade sprang in Delilahs Jeep, während Roz mit mir in den Jaguar stieg. »Wenn wir fertig sind«, sagte ich, »müssen wir zwei uns unterhalten. Dredge hat eine Freundin von uns entführt – einen Menschen. Wir könnten deine Hilfe gebrauchen, wenn wir sie retten sollen.«
»Was bekomme ich dafür?« Roz wandte den Kopf zum Fenster und starrte auf die dunklen Gebäude und Straßenlaternen, die verschwommen vorbeizischten.
Ich antwortete nicht, sondern trat das Gaspedal durch und dachte über diesen Marker nach. War es möglich, dass Dredge mir das Ding angehängt hatte? Aber das wäre unsinnig gewesen. Er brauchte keinen Marker, um mich zu finden.
»Hast du mir den Marker verpasst? Sag lieber die Wahrheit, denn Camille und Morio finden es sowieso heraus.«
Roz drehte sich nicht einmal um. »Das war nicht nötig. Der Marker war schon da. Ich brauchte mich nur darauf einzustellen.«
»Weißt du, wer es war? War es Dredge?« Ich hatte das Gefühl, dass er mehr über diese Sache wusste, als er zugeben wollte.
»Da kann ich auch nur raten, aber wenn du unbedingt eine Antwort hören willst, würde ich sagen, nein. Dein Meister hätte das gar nicht nötig. Ich vermute, dass Königin Asteria dich und deine Schwestern hat markieren lassen. So kann sie immer feststellen, wo ihr seid, falls irgendetwas passieren sollte.«
Königin Asteria! Darauf wäre ich nie gekommen, aber es klang logisch. »Da könntest du recht haben. Sie beschützt ihre Leute, und sie weiß, dass wir in Gefahr sind. Dass wir mit toten Dämonen bei ihr hereingeplatzt sind, hat sie wohl nicht gerade beruhigt.« Ich warf Roz einen Seitenblick zu. »Ich bin sicher, dass sie dir alles darüber erzählt hat, also frag gar nicht erst. Ich will jetzt nicht an Bad Ass Luke und seine Kumpane denken.«
Roz lachte, tief und kehlig, und ich wurde mir plötzlich der Tatsache bewusst, dass ich gerade mit einem weiteren Dämon zusammen war, der, genau wie ich, zwischen Schatten und Feuer wandelte. »Ich hatte gar nicht vor, dich danach zu fragen. Das Einzige, was mich interessiert, ist, Dredge zu jagen und ihn zu zerstören.«
Ich schaltete und fuhr den Hügel hoch. Delilahs Jeep war immer noch direkt hinter mir. »Was wirst du tun, wenn er tot ist?«
»Dann tue ich wohl wieder das, was ich am besten kann, denke ich«, sagte er. »Bei Nacht Frauen verführen. Was denn sonst?«
»Hast du schon mal daran gedacht, ein paar deiner Talente für die gute Sache einzusetzen?« Roz war wirklich nützlich. Wir mussten erst mehr über ihn in Erfahrung bringen, aber ich konnte mir vorstellen, dass er ein starker Verbündeter im Kampf gegen Schattenschwinge werden könnte.
»Nein, aber für Vorschläge bin ich immer offen«, sagte er und durchwühlte seine große Tasche. »Ich habe sieben Pflöcke. Das sollte reichen. Hoffe ich.«
»Drei weitere Opfer. Drei weitere Kerben auf seinem Holz. Ich frage mich, ob die Frauen unter unseren vier Neulingen diesmal die Schuldigen sein könnten. Schließlich waren Dredge und die Männer damit beschäftigt, Erin zu kidnappen.« Ich fand es merkwürdig, dass Dredges Leute noch niemandem in der Stadt aufgefallen waren. Sie mussten hier ebenso fehl am Platze wirken wie er, aber die beiden Vampire, die ihm bei Erins Entführung geholfen hatten, waren unsere Neulinge gewesen. Was war da los?
»Meinst du, er versucht, sich hier ein Meisternest aufzubauen?« Roz runzelte die Stirn. »Wenn es groß genug wird, könnte er die Neuen weiterschicken. Vielleicht hat er vor, die ganze Gegend unter seine Kontrolle zu bringen.« Er wartete auf meine Antwort, doch ehe ich etwas sagen konnte, wies er auf den Park. »Da drüben geht irgendetwas vor sich. Ich kann es spüren.«
Er hatte recht – da geschah gerade etwas Hässliches. Der Geruch von Blut hing so schwer in der Luft, dass er trotz der geschlossenen Scheiben bis ins Auto drang. Ich fuhr abrupt rechts ran, stieß die Tür auf und rannte los, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Roz war dicht hinter mir. Ich hörte Reifen quietschen, als Delilahs Jeep ebenfalls anhielt, aber ich war schon auf dem Weg in den kleinen Park, der die Nachbarschaft aufwerten sollte.
Meine Stiefel berührten kaum den Boden, meine Absätze machten so gut wie kein Gräusch, und meine Reißzähne fuhren aus. Der Geruch nach Vampiren lag schwer in der Luft – dieser unverwechselbare Duft von Blut und Tod und Hunger.
Der Park zog sich etwa über einen halben Häuserblock und war angelegt mit Tannen, Ahornbäumen und Trauerweiden. Ich schoss in die Dunkelheit, immer der Nase nach. Jetzt konnte ich die letzten, japsenden Atemzüge eines Sterbenden hören.
Als ich auf eine kleine Lichtung stieß, die durch Bäume von der Straße abgeschirmt wurde, sah ich, dass unser Quartett aus dem Kino eine Orgie feierte. Zwei Frauen lagen auf dem Boden, und die beiden Männer hatten sich über sie gebeugt. Die beiden weiblichen Vampire hielten einen jungen Mann fest, der sich loszureißen versuchte. Er sah aus, als sei er etwa fünfzehn Jahre alt, und er war bereits gebissen worden. Vor meinen Augen sackte er im Griff der Frauen leblos zusammen.
»Der Meister hat gesagt, dass wir sie diesmal mitnehmen sollen!«, schrie eine der Frauen, als sie mich entdeckte, und ich sprintete auf sie zu. »Gehen wir.«
»Was ist mit diesem Miststück?«, fragte einer der Männer. Sein Name war Bob. Ich erkannte ihn von den Fotos aus der Leichenhalle.
Der andere Mann schüttelte den Kopf. »Lasst sie. Dredge hat gesagt, die gehört ihm.«
Ich legte einen Zahn zu, als sie sich ihre Opfer über die Schultern warfen und davonrannten. »Folge ihnen!«, brüllte ich zu Roz zurück, während ich Bäumen auswich und über Felsen sprang und versuchte, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Sie waren schnell, aber ich war schneller und schaffte es, auf eine Armeslänge an den guten alten Bob heranzukommen, der Mühe hatte, die füllige Frau auf seiner Schulter nicht zu verlieren. Er fuhr fauchend herum, und ich landete einen Hieb, der ihm das Hemd zerfetzte und eine Spur tiefer Kratzer über seinen Rücken zog. Als er die Frau beiseitewarf, zerriss ein Knack die Nachtluft – irgendetwas in der Leiche war gebrochen. Ich durfte mir jetzt keine Gedanken um sie machen. Sie war bereits tot.
Als Bob mit ausgefahrenen Reißzähnen und glühenden Augen kampfbereit die Arme ausbreitete, sprang ich ihn an und riss ihn knurrend zu Boden. Ich war älter, ich hatte mehr Erfahrung, und ich war skrupelloser. Als er hintenüberkippte, zielte ich auf seine Kehle und schlitzte ihn auf, von einem Ohr zum anderen.
»Hier!« Roz warf mir einen Pflock zu, den ich locker aus der Luft fing. Doch als ich ihn über mein Opfer hielt, zögerte ich. »Worauf wartest du?«, rief Roz. »Töte ihn – schnell, solange er am Boden liegt.«
»Nein. Er lebt, und er kennt Dredge. Vielleicht kann er uns sagen, wo dieser Schwanzlutscher steckt!«
Roz kniete sich neben mich und behielt die fliehenden Vampire argwöhnisch im Auge. Sie hatten es geschafft, ihm zu entwischen. »Die lernen schnell, was? Ihre Loyalität gehört Dredge und Dredge allein. Wenn einer fällt, lassen sie ihn einfach zurück.«
»So ist es. So läuft das«, sagte ich. »He, hast du zufällig Silberdraht dabei?«
»Ich habe etwas Besseres«, sagte Roz grinsend. »Diese kleine Überraschung habe ich heute vorbereitet.« Er holte ein Seil hervor, und ich wich augenblicklich zurück. Es war in Knoblauchöl getränkt. »Ja, dachte ich mir doch, dass das funktionieren würde«, fügte er hinzu und lächelte über meine Reaktion.
»Bleib mir mit diesem Mist vom Leib«, sagte ich. »Meinst du, dass das Seil stark genug ist, um ihn zu halten?«
»Soll ich dich mal damit fesseln, damit wir sehen, ob du dich befreien kannst?«
Ich warf ihm einen bösen Blick zu. »Ja, und danach würde ich gern im Sonnenschein tanzen. Beeil dich. Wir müssen hier weg, falls sie mit Verstärkung zurückkommen.«
Erst jetzt holten Delilah und Wade uns ein. »Was ist passiert?«
»Sieh mal nach der Frau da drüben. Lebt sie noch?« Ich gab Wade einen Wink. »Mach du das. Delilah, du musst Roz helfen, unseren Freund hier mit diesem stinkenden Seil zu fesseln.«
Während Roz den Kerl festhielt, wickelte Delilah ihm das Seil um die Handgelenke, dann um die Knöchel. Sobald das Seil die Haut des Vampirs berührte, fing er an zu kreischen.
Ich versetzte ihm einen Tritt in die Seite. Hart. Er war bei der Entführung dabei gewesen, und ich hatte keinerlei Mitleid mit ihm. »Halt’s Maul, sonst gebe ich dir einen echten Grund zu schreien. Meine Schwester wird gerade in Todesmagie ausgebildet. Ich bin sicher, dass sie und ihr Partner etwas Hübsches für Vampire in petto haben.« Ich bluffte nur, aber das wusste er ja nicht.
Wade winkte mich zu sich herüber. »Sie ist tot, aber sie hat getrunken. Sieh dir mal ihr Kinn an.«
Das Gesicht der Frau war mit Blut bespritzt. Bob hatte sie gezwungen zu trinken, ehe sie gestorben war. Nicht mehr lange, und sie würde sich erheben. Mit starrer Miene wandte ich mich zu Roz um. »Gib mir den Pflock.«
Wade erbleichte, als ich mich über die Frau beugte. »Es tut mir leid«, sagte ich. »Ich finde es grässlich, das zu tun, aber... « Ich verzog das Gesicht, rammte ihr den Pflock durchs Herz und schauderte, als ein leises Heulen die Nacht erfüllte und ihr Körper zu Staub zerstob. Sie hatte sich schnell verwandelt. Dredges Blut war stark. Alle seine Kinder – auch ich – besaßen außergewöhnliche Kraft.
»Menolly, die Leichenhalle«, sagte Delilah. »Wir haben nicht so viel Zeit.«
Scheiße. Die Leichenhalle! Vor lauter Aufregung darüber, einen der Neulinge erledigt zu haben, hätte ich Sharah beinahe vergessen. »Was sollen wir bis dahin mit ihm machen? Wir können ihn nicht hierlassen, sonst ruft er womöglich seine Grabnachbarn zu Hilfe, aber er hat Informationen, die wir dringend brauchen.«
»Fahrt ihr weiter. Wade und ich bringen ihn nach Hause. Dann müsst ihr aber allein mit den Vampiren im Obduktionsraum fertig werden.« Delilah klopfte sich die Jeans ab, während Wade unseren Gefangenen auf die Füße zerrte. Glücklicherweise verursachten die knoblauchgetränkten Fesseln offenbar solche Qualen, dass er nicht darauf achtete, was wir sagten.
»Seid ihr verrückt? Wir können diesem Geschöpf keinen Zugang zu unserem Haus gewähren! Lasst mich schnell nachdenken.« Ich ging die Möglichkeiten durch und schnippte dann mit den Fingern. »Ich hab’s. Kommt her, ihr beiden. Roz, könntest du einen Moment auf unseren Kumpel aufpassen?« Roz übernahm Wades Wachposten, und ich bedeutete Delilah und Wade, mir ein Stück zu folgen, damit uns niemand belauschen konnte.
»Bringt ihn in den Wayfarer. Die Bar ist schon geschlossen, also werdet ihr euch nicht mit neugierigen Fragen von Gästen herumschlagen müssen. Unten, in der Nähe des Raums mit dem Portal, findet ihr eine Metalltür. Tavah kennt euch, sie wird euch nicht angreifen. Hier ist der Schlüssel zu diesem Raum.« Ich löste einen schweren Schlüssel von meinem Schlüsselbund und drückte ihn Delilah in die Hand. Sie schloss die Finger darum und jaulte leise auf. Der Schlüssel enthielt Eisen. Ein kleines Rauchwölkchen stieg von ihrer Hand auf. »Ja, ich weiß, dass es weh tut, aber das bisschen Eisen wird keinen großen Schaden anrichten.«
»Was ist hinter dieser Tür?«, fragte Wade.
»Eine magiedichte Kammer, eigens eingebaut für den Fall, dass Gesetzlose aus der Anderwelt über den Wayfarer zurück nach Hause deportiert werden müssen. Der AND hat den Raum eingebaut, und Jocko hat sich an das ›top secret‹ gehalten. Ich glaube nicht, dass er Wisteria davon erzählt hat, und keiner meiner Mitarbeiter weiß davon. Als ich den Laden übernommen habe, hat das Hauptquartier mich in das kleine Geheimnis eingeweiht. Der Raum ist ausbruchsicher für mindere Dämonen, also müsste er auch einen Vampir aushalten. Der Kerl könnte von dort aus auch keine Botschaften über die Astralebene rausschicken. Schließt ihn da ein, dann kommt zur Leichenhalle. Und beeilt euch.«
Delilah lachte heiser auf. »Das Zimmerchen wird uns noch gelegen kommen, vermutlich öfter, als wir glauben. Also gut, fahrt los und macht euch keine Gedanken. Wade und ich kommen schon klar. Aber... gebt uns einen von diesen Pflöcken mit. Nur für alle Fälle.« Ein wilder Glanz trat in ihre Augen, und ich hatte das üble Gefühl, dass uns noch jemand durch ihre Augen beobachtete. Der Geruch von Herbstfeuern hing in der Luft, wurde aber vom nächsten Windstoß zerstreut.
»Ich glaube, du hast Gesellschaft«, sagte ich leise und reichte ihr den Pflock.
»Ich weiß«, flüsterte sie. »Ich kann ihn hier spüren. Der Herbstkönig ist schon da, seit die ersten Leichen gefunden wurden.«
»Tja, wir haben jetzt keine Zeit, ihn zu fragen, warum. Los. Und lass ja dein Handy eingeschaltet.« Ich schob sie und Wade hinüber zu Bob. Sie hievten ihn hoch und schleiften ihn zwischen sich in Richtung Jeep. Roz und ich folgten ihnen und behielten sie im Auge, bis der Wagen in die Dunkelheit davonraste.
»Ich hoffe, ihnen passiert nichts.« Ich hätte es nicht ertragen, wenn Kätzchen meinetwegen irgendetwas zugestoßen wäre.
»Sie sind stark, und sie haben Erfahrung.« Roz zuckte mit den Schultern und reichte mir die Handtasche der Frau, die ich vernichtet hatte. »Hier, die kannst du vielleicht brauchen... um sie zu identifizieren. Komm, fahren wir zur Leichenhalle. Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät.«
Ich trug die Handtasche wie ein rohes Ei. Da drin lagen die letzten Dinge, die sie berührt hatte. Dredge hatte das Leben aus ihr getilgt. Und ich den falschen Tod. Ich konnte nur hoffen, dass sie jetzt mit ihren Ahnen wandelte.
Das Gebäude des AETT, wohin Sharah die neuen Leichen hatte bringen lassen, lag nur ein paar Querstraßen weiter. Als wir mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz einbogen, sahen wir Trillian und Chase aus ihrem Wagen steigen.
»Warum zum Teufel hat das so lange gedauert?«, fragte Trillian. »Habt ihr noch irgendwo ein Bierchen getrunken oder was?«
»Halt’s Maul, Svartaner. Wir sind im Park auf die ersten vier Neulinge gestoßen, die gerade weitere Opfer abgeerntet hatten. Drei von ihnen sind uns entkommen. Der vierte wird erst einmal sicher weggesperrt.«
»Und die Opfer?«, fragte Chase, der bleich geworden war.
Ich starrte ihn an und forderte ihn praktisch heraus, eine vorwurfsvolle Bemerkung zu machen. »Zwei haben sie mitgenommen – einer davon war ein Teenager, ein Junge. Das dritte Opfer haben wir zu Staub zerblasen. Sie hatte bereits begonnen, sich zu verwandeln.«
Er wurde noch blasser und eilte dann auf das Gebäude zu. Ich rannte ihm nach, und Roz und Trillian bildeten die Nachhut. Roz holte seine Pflöcke hervor und warf einen davon Trillian zu, der brummte und ihn mit Leichtigkeit auffing.
An der Tür hielt ich inne. »Da wären wir wieder mal. Runde zwei. Sehen wir nach, was los ist. Wenn sie sich schon erhoben haben, steckt Sharah wirklich in der Scheiße.« Ich stieß die Flügeltür auf, und wieder einmal huschten wir die Treppe zur Leichenhalle hinunter.
Als wir neulich hier gewesen waren, hatte ich die Überwachungskameras nicht bemerkt, aber jetzt fielen sie mir auf, und ebenso die magischen Detektoren, die es den Wachen oben ermöglichten, Besucher und Gefangene aus der Anderwelt zu erkennen. Als wir an einem der Sensoren vorbeirannten, begann er schrill zu heulen.
Chase zückte seine Waffe, drehte sich um und schoss das Ding einfach ab. Als der Bann mit einem Funkenregen explodierte, lachte er leise auf. Ich starrte ihn an. »Was hast du denn eingeworfen, Johnson?«
»Ich musste nur mal Dampf ablassen«, erwiderte er.
Trillian brummte ihm etwas zu, das ich nicht verstand.
Die Leichenhalle war im Keller, und als wir uns den Türen zum zweiten Obduktionsraum näherten, spürte ich, dass irgendetwas Schreckliches passiert war. Wir kamen zu spät. Ich spürte es bis in die Tiefe meines Herzens. Ich schob mich an den anderen vorbei, stieß die Türen auf und schaltete das Licht an. Drei Edelstahl-Tische standen leer vor mir, die ehemals sterilen Tücher auf dem Boden, besudelt.
»O verflucht! Sie haben sich erhoben. Seid vorsichtig.« Sofort begann ich kampfbereit den Raum zu umrunden, den Pflock leicht erhoben.
»Sharah!« Chase’ Ruf klang wie ein rauhes Bellen, und Trillian trat zu ihm, um ihm Deckung zu geben. Ich folgte dem Geruch der jüngsten Neugeborenen. Drei weitere Vampire, die frei herumliefen. Mit den dreien, die uns im Park entkommen waren, und ihren beiden neuen Opfern hatte Dredge jetzt mindestens acht um sich geschart.
Sie konnten sonst wo sein – im Gebäude oder bereits draußen. Ich betete nur darum, dass Sharah rechtzeitig geflohen war.
»Chase und Trillian, ihr bleibt zusammen und seid wachsam. Ich sehe mal hinten nach. Roz, gib mir Deckung.« Ich ging auf das Hinterzimmer der Leichenhalle zu, wo Labortests durchgeführt und die Überreste beseitigt wurden.
Roz hielt sich hinter mir. Ich hob den gestiefelten Fuß und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Das Kreischen von berstendem Metall zerriss die Luft, als die Angeln und Scharniere sich verbogen und die schwere Metalltür aus dem Rahmen ins Nebenzimmer kippte. Ich sprang darüber hinweg, Roz dicht hinter mir.
Dieses Hinterzimmer hatte ich erst einmal gesehen – Sharah hatte uns während der verspäteten Weihnachtsfeier, die Chase für das gesamte AETT gegeben hatte, das ganze Haus gezeigt. An den Wänden reihten sich Schränke an Becken, auf den Arbeitsflächen blitzten alle möglichen Klingen, Knochensägen, Haken und andere Instrumente, über deren Zweck ich nicht einmal nachdenken wollte. Der Raum wurde von Neonlampen schwach erhellt, und die sterilen Gerüche der Chirurgenseife und des Chlorreinigers, mit dessen Hilfe die Spuren der Toten beseitigt wurden, konnten den Gestank der Fäulnis nicht ganz überdecken. Die letzte Haltestelle der Fahrt. Kein Umsteigen, keine weiteren Reisen in diesem Körper. Außer man bekam seine Fahrkarte von Dredge.
»Jeden Schrank aufmachen und überprüfen.« Ich riss eine Tür nach der anderen auf und suchte nach irgendwelchen Hinweisen auf Sharah oder die Neulinge. Ich fand Flaschen mit Herzen und Augen und Lebern, die in Formaldehyd schwammen, Flaschen voller Blut und Flaschen mit Dingen, die ich lieber nicht benennen wollte. Aber keine Vampire.
Roz nahm sich die andere Seite vor, und wir arbeiteten uns schweigend voran, bis wir das andere Ende des Raums erreicht hatten und vor der zweiten Tür standen. Wortlos trat ich vor, und er gab mir Rückendeckung. Ich rammte die Tür mit der Schulter, das Holz erbebte und splitterte dann, als das Schloss nachgab.
Der Flur war schwach erleuchtet – wieder nur matte Neonlampen – und führte zu Toiletten und einem Notausgang. Die Tür des Notausgangs stand offen, die Drähte zum Feueralarm waren durchtrennt. Ich schob den Kopf nach draußen und starrte in die kleine Grünanlage hinter dem Gebäude. Sie waren weg. Ich konnte ihre Essenz noch wahrnehmen, aber sie waren durch diese Tür gegangen und verschwunden.
Ich drehte mich um und sah Roz auf die Damentoilette zeigen.
»Ist da jemand drin?«, flüsterte ich kaum hörbar. Er nickte.
Ich schlich mich zu ihm und öffnete vorsichtig die Tür, nur einen Spaltbreit. Dahinter waren eine Dusche und zwei Toilettenkabinen, und aus einer davon drang ein schwaches Wimmern. Ich erkannte die Stimme.
»Sharah! Sharah, bist du das? Ich bin es, Menolly. Komm raus.« Vorsichtig näherte ich mich der Kabine. Was, wenn sie angegriffen und verwandelt worden war und sich bereits erhoben hatte? Vampirische Elfen konnten wesentlich schlimmer sein als normale Vampire. Genau wie vampirische Feen besaßen auch sie meist stärkere und dunklere Kräfte. Aber bei den Elfen lief die Verwandlung ihrer grundlegenden Natur so zuwider, dass sie normalerweise den Verstand verloren und wahnsinnig wurden. Nur sehr wenige fanden den Weg zurück.
Die Tür der Kabine ging auf, und Sharah taumelte heraus. Sie war verletzt, das war offensichtlich – Blut tropfte von ihrer Schulter und ihren Handgelenken. Aber ihr Mund war sauber, und ich spürte bei ihr nichts von einer Untoten. Sie lebte noch.
»Sag schnell, haben sie dich gezwungen, ihr Blut zu trinken?«, fragte ich und warf meinen Pflock Roz zu, der ihn auffing und die Tür zum Flur im Auge behielt.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein... du kannst gern an mir riechen, wenn du willst.«
Ich bedeutete ihr, Abstand zu halten. »Das wäre nicht klug, das weißt du doch. Du bist mit Blut beschmiert, und ich bin in vollem Jagdmodus. Komm mir nicht zu nahe.« Ich zögerte. Sie brauchte Hilfe, und zwar schnell, aber dazu mussten wir sie zu den anderen zurückbringen. Ich durfte es nicht riskieren, mit ihr allein zu bleiben, während Roz Hilfe holte, und ich wollte ihn auch nicht mit ihr allein hierlassen, nur für den Fall, dass die Neulinge zurückkehren sollten.
»Roz, trag sie zurück in die Haupthalle.«
»Meinst du wirklich, dass wir sie bewegen sollten?« Er reichte mir die Pflöcke und fing die schwankende Sharah auf.
Seine Augen blitzten auf, als sie sich an ihn lehnte, und ich schüttelte den Kopf. »Bild dir ja keine Schwachheiten ein. Sie ist schwer verletzt.«
Er grinste verschlagen und zuckte mit den Schultern. »Ein Dämon wird doch noch träumen dürfen, oder?«
Sharah schnappte nach Luft. »Dämon?«
»Halt still, sonst lasse ich dich noch aus Versehen fallen«, erwiderte er grimmig. »Ich bin ein Incubus. Na und? Uns erwarten viel größere Gefahren als die, die ich je für euch darstellen könnte, verehrte Elfe.«
Sie blickte ihm ins Gesicht, nickte dann und lehnte den Kopf an seine Schulter, als er herumwirbelte und den Raum verließ. Ich folgte ihm und trat kurz beiseite, um den Notausgang zu schließen. Es war nichts da, womit ich ihn hätte verbarrikadieren können, aber eine offene Tür wäre eine Einladung an jedermann gewesen, der hier vorbeikam, ob Vampir, Mensch oder Fee.
Wir kehrten zu den anderen in die Leichenhalle zurück. Delilah und Wade waren inzwischen gekommen. Delilah sah stinkwütend aus.
»Das hat ja nicht lange gedauert. Gab es Schwierigkeiten mit Bob?«, fragte ich.
Delilah nickte. »Ja. Auf halbem Wege hat er es geschafft, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Wir mussten ihn vernichten, sonst hätte er uns gehabt.«
»Verflucht... «, begann ich, doch Wade hob die Hand.
»Uns blieb keine andere Wahl. Verbuch es unter Pech oder wo immer du willst, jedenfalls ist er weg. Konzentrieren wir uns auf das Hier und Jetzt.«
Ich brummelte vor mich hin, wusste aber, dass er recht hatte. Jetzt konnten wir ohnehin nichts mehr tun, und Delilah war eine gute Kämpferin. Sie hätte unseren potenziellen Informanten nicht getötet, wenn sie nicht ernsthaft in Gefahr gewesen wäre.
Delilah warf einen einzigen Blick auf Sharah, als Roz sie hereintrug, und rannte hinüber, um zu helfen, Chase ihr dicht auf den Fersen.
»Nach oben«, sagte er. »Da ist ein Behandlungsraum. Folgt mir.«
»Sei vorsichtig. Wir wissen nicht, ob sie durch das ganze Haus gezogen sind, ehe sie den Ausgang gefunden haben. Sie könnten auch außen herum geschlichen und oben wieder eingestiegen sein.« Dredge und seinen Kindern traute ich alles zu, vor allem, wenn es verschlagen, hinterhältig oder dazu geeignet war, so viel Schmerz wie nur möglich zu verursachen.
Wade und Trillian übernahmen die Nachhut, Roz und ich gingen voran. Wir blieben vor den Aufzügen stehen, direkt neben der Treppe.
»Die Aufzüge will ich nicht riskieren«, sagte ich. »Falls uns da oben ein Trupp Vampire erwartet, möchte ich nicht in einer kleinen Metallkiste gefangen sein.«
Chase beäugte die Treppe. »Dann müssten wir Sharah drei Stockwerke hochtragen, und sie ist ziemlich schwer verletzt.«
Ich trat zurück. »Ich könnte sie problemlos tragen, aber... « Ich zögerte, und Delilah verstand sofort.
»Sie blutet. Ich mache das.« Delilah war stärker als Chase.
Er fühlte sich dadurch zum Glück nicht gekränkt, sondern war sofort einverstanden. »Ja, nimm du sie. Du bist stärker und schneller als ich.«
Delilah lagerte Sharah auf ihren Armen und stieg die Treppe hoch, geführt von Roz und mir. Chase lief neben ihr her und half ihr, das Gleichgewicht und Sharah zu halten.
Am Kopf der Treppe spähte ich durch das Sichtfenster in der Flügeltür, die zum Großraumbüro führte. Chase hatte ein Büro im Polizeihauptquartier und eines hier, und er pendelte zwischen beiden hin und her.
»Chase, kennst du den Kerl am Wachpult?«, fragte ich, winkte ihn heran und ließ ihn durch das Fenster schauen.
Chase nickte. »Ja. Das ist Yugi. Ein Empath aus Schweden.«
»Menschlich?«, fragte ich.
»VBM, genau wie ich«, sagte er. »Warum, spürst du etwas? Stimmt was nicht?«
»Nein, aber... « Ich verstummte, als Yugi mich entdeckte. Er sprang auf und rief etwas über die Schulter. Drei Männer kamen um eine Ecke geschossen und liefen auf uns zu. »Warum zum Teufel haben sie den Magiesensor nicht gehört? Sie hätten doch nachsehen müssen, was da los war. Zumindest müssten sie den Schuss gehört haben, den du darauf abgefeuert hast.«
»Ich weiß nicht... «, sagte Chase und zückte seine Dienstmarke. Er trat zurück, als die Männer die Türen aufstießen und in den Vorraum platzten. Abrupt blieben sie stehen, als sie Chase sahen.
»Sharah!«, rief Yugi, dem sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. »Detective, was ist mit ihr?«
»Wir müssen sie sofort in den Behandlungsraum bringen. Seien Sie vorsichtig. Hier laufen möglicherweise Vampire frei herum, und sie gehören nicht zur freundlichen Sorte«, erklärte Chase, schob sich zwischen den Männern hindurch und bedeutete uns, ihm zu folgen.
»Sollen wir unten nachsehen?«, fragte Yugi und wies auf die Treppe.
Ich mischte mich ein, noch ehe Chase ein Wort sagen konnte. »Wenn Sie das tun, setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel. Gehen Sie wieder rein, sichern Sie diese Tür, und rufen Sie alle Ihre Leute hierher. Dieses Gebäude muss gründlich durchsucht werden. Sie müssen sich darauf vorbereiten, dass die Neulinge vielleicht zurückkommen werden. Der Notausgang unten wurde aufgebrochen und die Alarmleitungen gekappt. Und warum zum Teufel haben Sie den Alarm des Magiesensors nicht gehört? Chase hat das verfluchte Ding von der Wand geschossen, und niemand hat sich auch nur die Mühe gemacht, den Kopf durch die Tür zu stecken und nachzusehen, was da los war. Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hier arbeiten? Bei Burger King oder bei einer High-Tech-Spezialeinheit?«
Ich wartete seine Antwort nicht ab, sondern drängte mich an den Männern vorbei, hinter Chase und Delilah her, die die immer noch blutende Sharah auf den Armen trug. Der Geruch ihres Blutes machte mich verrückt, aber ich hatte es bisher geschafft, mich im Griff zu behalten. Ich warf Wade einen Blick zu. Der fing ihn auf und nickte kaum merklich, und ich wusste, dass auch er mit seiner primitiven Natur zu kämpfen hatte.
An der Tür zum Behandlungsraum ließen wir Roz und Trillian den Vortritt, damit sie den Raum abcheckten. Trillian schob den Kopf durch den Türspalt heraus. »Bringt sie rein.«
»Menolly, Wade, wie wäre es, wenn ihr hier draußen Stellung bezieht und die Tür bewacht?«, schlug Roz vor.
Mir lief ein Schauer über den Rücken. Er wusste es. Er wusste, dass dies die reinste Folter war – zu hetzen, zu jagen, dann das Blut zu riechen und doch nicht trinken zu dürfen.
»Danke«, sagte ich leise, und er trat beiseite, um die anderen vorzulassen. Dann nahm er meine Hände in seine.
»Ich weiß. Ich weiß... Bei mir ist es ein anderer Durst, aber ich verstehe sehr gut«, murmelte er. Plötzlich zog er mich in seine Arme und presste die Lippen auf meinen Mund. Ich schnappte nach Luft, als das Feuer seines Kusses durch meinen ganzen Körper brannte. Ich schwamm in den Wellen der Sinnlichkeit, die von ihm ausgingen, und wollte am liebsten darin ertrinken, tief hineintauchen und nie wieder an die Oberfläche kommen.
Roz brach den Kuss ab und hielt mein Kinn leicht in einer Handfläche. »Wenn du mich brauchst, ganz gleich wie, musst du nur fragen. Ich verstehe das Wesen der Jagd. Ich kann deine Anspannung lösen – ich kenne Wege, die du dir nicht einmal vorstellen kannst.« Ohne ein Wort zu Wade wandte er sich ab und verschwand im Behandlungszimmer.
Ich lehnte mich an die Wand und versuchte, die zuckenden Flammen zu dämpfen, die in meinem Bauch züngelten. Wade trat still zu mir. Er berührte mich nicht, sondern blieb einfach dicht neben mir stehen, ein beruhigender, tröstlicher Anker im Meer des Begehrens, das durch jede Faser meines Wesens tobte.
»So viel... zu viel... «, stammelte ich und hatte das Gefühl, dass ich in tausend spröde Scherben zerbrechen würde, wenn vor Tagesanbruch noch irgendetwas passierte.
»Atme tief durch. Konzentriere dich darauf, deinen Hunger loszulassen«, sagte er.
Also atmete ich durch. Meine Lunge brauchte keine Luft, aber ich brauchte dieses Ritual, die Gewohnheit. Ich atmete durch den Mund, damit ich das Blut nicht roch, oder Roz’ Hitze, die ich noch immer auf dem Gesicht spürte. Ich atmete, um den Hunger zu besänftigen, den Durst zu besänftigen, das finstere Feuer zu löschen, das in mir aufgeflammt war. Ich atmete, um mich daran zu erinnern, dass ich zwar das Leben hinter mir gelassen hatte, aber immer noch ein bewusstes, denkendes Geschöpf war, das einen Willen besaß, das sich dafür entscheiden konnte, einem strengen Pfad zu folgen, auf dem Blut und Leidenschaft nur durch Einverständnis zu erlangen waren und nicht, indem man Unschuldige zerfleischte.
Als ich beim Zählen meiner Atemzüge den Faden verloren hatte, hörte ich auf und hob den Kopf. »Ich bin Menolly D’Artigo«, sagte ich. »Ich bin die Tochter eines Gardisten. Ich bin halb Fee, halb Mensch. Und ich bin ein Vampir, der sich dafür entschieden hat, auf dem Hochseil zu balancieren und sich daran zu erinnern, wie es war, im Licht zu tanzen, obwohl ich jetzt im Dunklen wandle. Ich habe die Kontrolle. Nicht meine Natur und nicht das Raubtier in mir. Ich treffe die Entscheidungen.«
Diese Litanei, die der AND mich gelehrt hatte, half mir auch heute noch. Ich blickte zu Wade hinüber, der mir ein dünnes Lächeln schenkte.
»Ich bin wieder da«, sagte ich. Aber irgendwo tief in mir konnte ich finsteres Gelächter hören, während die Worte für den Augenblick durch meine Gedanken huschten. Ausnahmsweise einmal sehnte ich mich nach dem nahenden Morgen, der mich in meine Träume hinabziehen würde. Dort hatte ich zumindest eine Chance, zu entkommen, zu vergessen, den ständigen Kampf ruhen zu lassen, der in meinem Herzen tobte.