Kapitel 9
Delilah und Wade starrten uns an, als hätten wir den Verstand verloren.
»Ihr wollt, dass wir die Versammlung absagen?«, fragte Delilah. »Jetzt hört mal, wir haben hier einen ganzen Saal voller Werwesen, Vampire und aller möglichen anderen Übernatürlichen, von denen sich viele gegenseitig nicht ausstehen können. Wollt ihr ihnen wirklich sagen, dass sie den weiten Weg hierhergekommen sind, um Tee zu trinken und ein paar Kekse zu essen?«
»Was ist los?«, fragte Trillian, der hinter Camille trat und den Arm um ihre Taille schlang.
»Ich sage ja nicht, dass wir die Versammlung ausfallen lassen sollten, aber wir haben ein Problem.« Mit einem Nicken wies ich auf die Menge. »Großmutter Kojote hat uns gewarnt, lieber den Mund zu halten, was Schattenschwinge angeht. Ich halte nichts davon, ihrem Rat zuwiderzuhandeln, vor allem, da mir offenbar ein Höllenjob bevorsteht, mit dem ich diesen Ratschlag bezahlen soll.«
»Nicht nur das«, sagte Camille, »wir haben ein weiteres Problem. Morgana und Mordred sind vorhin hier aufgetaucht... «
»Moment mal«, unterbrach Trillian sie. »Du willst mir erzählen, Morgana sei in diesem Raum gewesen? Morgan Le Fay persönlich?« Er blickte sich mit allzu interessierter Miene um. Camille rammte ihm einen Ellbogen in die Magengegend.
»Sie war hier«, sagte sie. »Spar dir dein Interesse. Sie ist nicht deine Kragenweite. Offenbar haben sie und ihr kleines Gefolge sich aufgemacht, den Merlin zu suchen und aufzuwecken. Wir wissen nicht, warum, aber Mordred zufolge gehört es zu irgendeinem Plan, ›Anspruch zu erheben auf das, was ihnen rechtmäßig gehört‹.«
»Was auch immer das heißen soll«, unterbrach ich sie. »Das Problem ist, Großmutter Kojote hat uns gewarnt, ihnen nicht zu trauen – Morgana führt etwas im Schilde, und wir sollten sehr vorsichtig mit ihr umgehen.« Ich war so genervt, dass ich ein leises Fauchen ausstieß. Diese Nacht wurde zu einem Alptraum, noch ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte.
Wade, der bisher geschwiegen hatte, räusperte sich. »Ihr vertraut dieser Kojotenfrau?«
»Sie ist keine Frau, sie ist eine der Ewigen Alten. Die Ewigen Alten wachen über die Fäden des Schicksals. Manchmal – wenn es ihren eigenen Zwecken dient – intervenieren sie, um das Gleichgewicht zu wahren.« Camille rieb sich das Kinn. »Glaub mir, wenn sie dir einen Rat gibt, tust du gut daran, auf sie zu hören. Sie bietet ihre Hilfe nicht jedem an, und ihr Rat ist auch nicht billig.«
Morio, der still zugehört hatte, meldete sich zu Wort. »Camille hat recht. Großmutter Kojote zu ignorieren, wäre gefährlich. Sie steht auf unserer Seite, auch wenn es manchmal nicht so aussehen mag. Ich habe eine Idee, wie ich uns aus dieser Zwickmühle herausbringe. Darf ich?« Er wies auf das Podium.
Wade räusperte sich. »Nur zu«, sagte er. »Mir ist jedenfalls noch nichts eingefallen.«
Morio vergewisserte sich mit einem Blick, ob sonst niemand etwas dagegen hatte – keine von uns hatte Einwände –, und trat auf das Podium, während wir Übrigen uns auf die Stühle links und rechts vom Rednerpult verteilten. Ich konnte spüren, dass Camille den Atem anhielt, und ich fragte mich genau wie sie, was für einen Trick der Yokai diesmal aus dem Hut zaubern würde.
Morio hob die Hand. »Bitte setzt euch. Wir möchten die Versammlung eröffnen.« Alle drängten sich durcheinander, suchten sich ihre Plätze aus, und gleich darauf war es still im Saal, und nachdenkliche Erwartung hing in der Luft.
»Danke, dass ihr zu diesem Treffen erschienen seid und damit unseren Versuch unterstützt, möglichst viele Angehörige der hiesigen Übernatürlichen-Gemeinschaft zu erreichen. Wir bedanken uns für eure Zeit und Aufmerksamkeit.« Er wartete, bis der pflichtbewusste Applaus verklungen war. »Ich bin Morio, ein Yokai-kitsune, und gewiss kennt ihr Camille, Menolly und Delilah aus der Anderwelt. Und dies ist der Gastgeber des heutigen Abends, Wade Stevens, der Anführer der Anonymen Bluttrinker. Wir hoffen, dass wir gemeinsam Verbindungen innerhalb der Übernatürlichen-Gemeinschaft aufbauen können. Diese Verbindungen könnten sehr wichtig werden, vor allem angesichts einiger ernster Vorfälle in den vergangenen Tagen.«
Das erregte allgemeine Aufmerksamkeit. Die Leute verstummten erwartungsvoll. Morio winkte mich zum Rednerpult vor. »Das wäre ein günstiger Zeitpunkt, diese Vampirmorde zu erwähnen«, flüsterte er mir zu.
Ich wusste nicht recht, worauf er hinauswollte, war aber bereit, erst einmal mitzuspielen, also stellte ich mich vor das Mikrofon. »Mein Name ist Menolly D’Artigo, mir gehört der Wayfarer. Das Problem, das uns zu dieser Versammlung angeregt hat, betrifft die gesamte Übernatürlichen-Gemeinde. Wir brauchen eure Hilfe in einer ernsten Krisensituation. In den vergangenen Tagen haben mehrere abtrünnige Vampire begonnen, Menschen zu ermorden. Und nicht nur zu ermorden – sie haben sie auch wiedererweckt. Das ist nicht nur ein Problem der Menschen in dieser Stadt. Diese Vampire könnten sich ihre Opfer ebenso gut unter den Werwesen oder anderen Übernatürlichen suchen.«
Ein leises Raunen lief durch den Saal. Ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit, so viel war sicher. Ich räusperte mich und fuhr fort: »Natürlich können wir die Öffentlichkeit nicht über diese Morde aufklären. Wir sind der Ansicht, dass zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Menschen über das Problem Bescheid wissen sollten, außer den Ermittlern des Anderwelt-ErdweltTatort-Teams. Aber wir dachten, wenn wir uns an euch wenden, an die gesamte Gemeinschaft der Übernatürlichen, dann könnten wir vielleicht ein Subkult-Netzwerk aufbauen und das Problem abtrünniger Übernatürlicher selbst in die Hand nehmen.«
Das Summen, das sich nun im Versammlungssaal ausbreitete, klang wie aus einem großen Bienenstock. Zu Hause in der Anderwelt wäre eine solche Zusammenarbeit völlig selbstverständlich gewesen. Die Erdwelt-Übernatürlichen hatten eine Menge nachzuholen, aber das war nicht überraschend, wenn man bedachte, dass die meisten von ihnen bis vor wenigen Jahren völlig im Verborgenen gelebt hatten.
Camille trat zu mir ans Rednerpult. »Meine Schwester hat recht. Wir dürfen diejenigen, die darauf bestehen, die Verhaltensregeln zu brechen, seien es Vampire, Werwesen oder sonstige Übernatürliche, nicht länger ignorieren. Wenn es uns gelingt, ein Netzwerk aufzubauen, könnten wir Unschuldige, Menschen wie Übernatürliche, davor schützen, zur Zielscheibe von Hasspredigern, gewalttätigen Gruppen oder psychotischen Mördern zu werden.«
Während das Schweigen immer schwerer wurde, erkannte ich, wie heikel das Thema tatsächlich war. Aber wenn es uns gelang, hier eine geeinte Front aufzustellen, würden sie gut organisiert und kampfbereit sein, wenn es Zeit wurde, ihnen die Wahrheit über die Dämonen zu sagen.
Nach kurzem Schweigen erhob sich Bret, ein Vampir, der sich aus vollem Herzen der AB-Gruppe verschrieben hatte. »Ich kann verstehen, dass niemand gern petzt, aber wenn jemand der Gemeinschaft, in der wir leben, schadet, dann schadet er damit uns allen. Wir sind es uns selbst schuldig, solchen Unruhestiftern einen Riegel vorzuschieben.«
Er wandte sich an die Menge. »Wir alle haben viel zu verlieren, wenn wir zulassen, dass abtrünnige Übernatürliche unseren ethischen Kodex brechen. Die Anführer aller Clans und Nester haben vor langer Zeit im Geheimen Abkommen und Verträge geschlossen. Sie haben sich verpflichtet, diese Regelungen einzuhalten. Aber was nützen Eide und Abkommen, wenn wir jene ignorieren, die unsere Regeln brechen?«
Venus Mondkind erhob sich. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Alle wussten, wer der Schamane war, und alle – ganz gleich, welchem Clan sie angehörten oder ob sie ein Werwesen oder anderes ÜW waren – achteten seine Kraft und Weisheit.
Delilah, die sich mit dem Mikrofon in der Hand ins Publikum gestellt hatte, ging zu ihm hinüber.
»Ich bin autorisiert, das Rainier-Puma-Rudel per Eid zu verpflichten«, begann der Schamane. »Die D’Artigo-Schwestern und ihre Freunde haben vollkommen recht. Ich brauche keine weiteren Argumente mehr. Hier und heute verpflichte ich mich im Namen des Rainier-Rudels, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um ihnen beim Aufbau einer wahrhaftigen Gemeinschaft der Übernatürlichen zu helfen. Ihr könnt uns als eure Verbündeten betrachten.« Der stämmige Schamane spuckte in seine Hand und streckte sie dann Delilah hin. Sie spuckte auf ihre eigene Handfläche und drückte dann fest seine Hand.
Sobald Venus Mondkind seinen Pakt besiegelt hatte, tat der Marschall des Olympic-Wolfsrudels es ihm gleich. Das SellshyrNest, eine Gruppe von Vampiren, die den Subkult-Club namens Blood-Vain betrieben, sicherten uns ihre Hilfe zu. Zwei Abgesandte einer Familie von Erdwelt-Feen, den Vineyard-Nymphen, verpflichteten sich ebenfalls. Der Blue-Road-Stamm und das Loco-Lobo-Rudel erklärten, sie müssten die Angelegenheit mit ihrem Ältestenrat besprechen und würden sich bis Mitte der Woche bei uns melden.
»Wie soll das laufen?«, fragte dann ein Mann von den Loco Lobos. »Wer soll dieses Netzwerk leiten?«
Morio übernahm wieder das Mikrofon. »Die Einzelheiten haben wir noch nicht festgelegt. Wir hatten gehofft, eine Art Führungsstab aus Mitgliedern aller beteiligten Stämme bilden zu können. Idealerweise sollte das Netzwerk so funktionieren, dass alle binnen weniger Stunden benachrichtigt werden können, falls ein Clan, Nest oder Rudel ein Problem hat. Nur durch Einigkeit können wir dafür sorgen, dass wir unsere Rechte nicht verlieren, wenn Gesetze erlassen werden, die unser aller Leben betreffen. Die Menschen sind sich unserer Existenz jetzt bewusst, und ihr könnt sicher sein, dass sich früher oder später Gruppen bilden werden, die unsere Rechte schützen oder – wie es die Freiheitsengel versuchen – uns jegliche Rechte nehmen wollen.«
Ein Murmeln lief durch den Saal. Kluger Junge, dachte ich. Sprich ihr Bedürfnis nach Sicherheit an, und sie werden dir zuhören. Morio hatte wirklich Köpfchen. Der Fuchsdämon besaß eine Brillanz, die wir bisher unterschätzt hatten.
Ein Mitglied des Blue-Road-Stammes hob die Hand. Delilah ging zu ihr. »Bitte nennt eure Namen, bevor ihr einen Kommentar abgebt oder eine Frage stellt«, sagte sie zu ihr.
Die Frau, groß und imposant, nahm das Mikro entgegen. »Ich bin Orinya vom Blue-Road-Stamm. Ihr habt da ein sehr wichtiges Thema angesprochen. Unsere Halbbrüder sind die Ureinwohner dieses Landes, und sie wurden abgeschlachtet wie Vieh. Selbst als man ihnen dann gewisse Rechte zusprach, war der angerichtete Schaden bereits unumkehrbar. Wir sollten jetzt handeln, damit es uns nicht ebenso ergeht.«
Ein Mann hob die Hand. Er war stämmig, hatte eine barsche Stimme und trug zerrissene Jeans und eine Lederjacke. Delilah eilte zu ihm hinüber.
»Mein Name ist Trey, ich bin vom Olympic-Wolfsrudel. Ich finde auch, dass das ein wichtiges Thema ist, aber wie könnten wir uns zusammenschließen, ohne eine Panik auszulösen? Die Menschen sind auch so schon nervös genug. Seht euch nur die Aufrechte-Bürger-Patrouille oder die Freiheitsengel an. Die werden mit ihren Forderungen immer unverschämter. Früher oder später wird bei einem Konflikt zwischen Menschen und Übernatürlichen irgendwer ums Leben kommen, und dann gibt es einen regelrechten Bandenkrieg.«
Ich tippte Morio auf die Schulter. »Darf ich darauf antworten?« Er trat beiseite, und ich übernahm das Mikro.
»Wir haben uns gedacht, wenn wir jetzt eine Organisation gründen und Komitees aufstellen, können wir von uns aus auf diejenigen Gesetzgeber zugehen, die unserem Anliegen offen gegenüberstehen. Wir könnten uns sogar als erstes Ziel vornehmen, herauszufinden, ob irgendwelche Abgeordneten oder Senatoren getarnte Übernatürliche sind. Wenn wir sie aufspüren und für unser Anliegen gewinnen könnten, hätten wir schon einen gewaltigen Vorsprung.«
Wie ich gehofft hatte, traf meine Bemerkung über mögliche Übernatürliche in der Regierung voll ins Schwarze. Ein Dutzend Hände schossen in die Luft. Ich wandte mich Wade zu. »Würdest du mit einer Liste rumgehen, in die sich jeder eintragen kann, der mit uns zusammenarbeiten möchte?« Er trat sofort in Aktion, und zwei Minuten später wurde ein Klemmbrett herumgereicht; es trugen sich tatsächlich viele Leute ein.
Da offenbar niemand irgendwelche Informationen zu dem Vampirproblem beizusteuern hatte, ließen wir die Versammlung mit einer Frage-und-Antwort-Runde auslaufen. Als wir fertig waren, hatten wir tatsächlich genug Freiwillige, um gleich mehrere Komitees aufzustellen, darunter eines, das weitere ÜWGruppen ermuntern sollte, sich in unsere neue Freiwilligen-Datenbank eintragen zu lassen. Wade hatte sich bereit erklärt, die nächste Versammlung in einem Monat zu organisieren, damit wir feststellen konnten, was sich bis dahin schon getan hatte. Die einzige Sache, in der wir keinen Schritt vorangekommen waren, war das verfluchte Problem mit den abtrünnigen Vampiren.
Als ich mich durch die Menge arbeitete, sah ich Roz an einer Wand lehnen und ging zu ihm hinüber. »Es überrascht mich, dich hier zu sehen.«
Er ignorierte meinen Kommentar und schenkte mir ein faules Zwinkern. »Ihr habt nicht bekommen, was ihr euch erhofft hattet, nicht wahr?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Sei nicht allzu enttäuscht. Niemand hier wird in der Lage sein, den Elwing-Blutclan aufzuspüren. Dazu ist Dredge viel zu schlau. Das weißt du nur zu gut, meine Liebe.« Er beugte sich herab, bis seine Lippen mein Ohr streiften, und flüsterte: »Versuche niemals, Dredge und das, was er dir angetan hat, zu vergessen. Wenn du leichtsinnig wirst oder die Vergangenheit ignorierst, wird Dredge dich finden und töten. Ich kann nicht behaupten, ich wüsste, weshalb er hinter dir her ist, aber das ist er. Es ist offensichtlich, ob du das erkennen willst oder nicht. Und was Dredge will, bekommt er auch.«
»Sei dir da nicht so sicher.« Ich erschauerte. Roz’ Energie hüllte mich ein wie ein sinnlicher Umhang, und zu meiner eigenen Überraschung reagierte ich darauf. Ich beugte mich vor, roch das Pulsieren seines Blutes und spürte die Hitze, die er in Wogen ausstrahlte. »Dredge hat mich einmal gehabt. Er wird mich nie wieder berühren. Wenn ich mich selbst vernichten muss, um das zu verhindern, dann werde ich das bereitwillig tun.«
»Was hältst du davon, wenn wir stattdessen Dredge vernichten?«, entgegnete Roz und lachte leise. Er hob mein Kinn an, wobei seine Finger mich kaum berührten, und senkte den Kopf. Sein Atem kitzelte mich am Ohr. »Du bist eine Überlebende, kein Opfer, Menolly. Gib dir selbst niemals die Schuld an dem, was passiert ist, und lass nicht zu, dass er gewinnt. Dazu bist du viel zu wertvoll.«
Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, gierig auf ihn und zugleich verängstigt von meiner eigenen Reaktion. Als uns jemand unterbrach, trat ich rasch zurück.
»Entschuldigung. Ich wollte nicht stören, aber... « Bret stand neben uns und starrte den Incubus nervös an.
»Was ist denn los?«, fragte ich und versuchte, mich möglichst schnell wieder zu sammeln.
»Was du vorhin gesagt hast? Ich meine, wegen der neugeborenen Vampire?« Er druckste verlegen herum und fühlte sich sichtlich unbehaglich, aber ich sah ihm an, dass er etwas wusste.
Sofort wieder bei der Sache, räusperte ich mich und führte ihn zu zwei freien Stühlen. Roz folgte uns, obwohl ich ihn mit einem Stirnrunzeln daran zu hindern versuchte. Ich setzte mich und wies auf den Stuhl neben mir. »Wenn du mir etwas erzählen kannst, Bret, dann tu es bitte. Sie sind gefährlich, und sie machen Jagd auf unschuldige Menschen.«
Bret sackte wie ein angestochener Ballon auf dem Stuhl neben mir zusammen. »Gestern Nacht war ich auf Patrouille auf den Dächern, und ich habe etwas gehört. Es war eine Frau. Sie hat geschrien. Ich bin ihrer Stimme gefolgt, weil ich dachte, da steckt vielleicht jemand in Schwierigkeiten.«
»Was hast du gesehen?« Ich wusste inzwischen, wie das bei Bret lief. Er war schüchtern, aber er erzählte sehr gern von seinen Abenteuern, also würde ich ihn sanft zum Reden bringen, hübsch langsam, ohne ihn zu drängen, bis er damit herausrückte.
»Ich war drüben auf der Phinney Avenue North, in meiner Batvamp-Ausrüstung –«
Roz warf ihm einen eindringlichen Blick zu und fragte: »Batvamp?«
Ich sog scharf die Luft ein und sagte: »Bret war ein großer Fan von Comics, als er noch am Leben war. Als er sich damit abfinden musste, in einen Vampir verwandelt worden zu sein, hat er beschlossen, eine Superhelden-Rolle für sich zu schaffen. Er ist Batvamp. Jede Nacht patrouilliert er durch die Stadt und hält die Augen nach Leuten offen, die Hilfe brauchen.«
Ich achtete sorgsam darauf, meinen Gesichtsausdruck neutral zu halten. Die ganze Sache hörte sich vielleicht lächerlich an, aber Bret nahm sie todernst. Er war im Leben ein sehr mitfühlender, fürsorglicher Mensch gewesen, und in gewisser Weise hatte der Tod ihm das geschenkt, was er sich so verzweifelt gewünscht hatte – die Chance, als Superheld zu glänzen. Und wenn er einen albernen Namen und einen schwarzen Umhang brauchte, um diese Rolle auszufüllen, na und? Er ging da hinaus und bewirkte etwas.
Roz nahm sich meinen warnenden Blick zu Herzen. »Tatsächlich? Du hast also wirklich Leute in Not gerettet?«
Bret nickte. »Ich mache keinen großen Wind darum, weil das uncool ist, aber ich habe drei Frauen davor bewahrt, vergewaltigt zu werden. Und letzte Woche habe ich einem Mann geholfen, der bei einem schrecklichen Autounfall verletzt wurde. Ich bin bei ihm geblieben und habe ihn am Leben gehalten, bis die Sanitäter kamen. Ich bin verschwunden, ehe sie mich zu fassen kriegen konnten.«
»Bret ernährt sich von Perversen und Verbrechern, genau wie ich. Er ist eine große Stütze der Anonymen Bluttrinker und tut viel für die Mission, die Wade unserer Gruppe auf die Fahnen geschrieben hat.« Ich wandte mich wieder Bret zu. »Also, erzähl uns, was du gesehen hast.«
»Ich war in der Nähe vom Woodland Park Zoo. Ich bin den Schreien gefolgt, bis ich eine Frau auf dem Parkplatz entdeckt habe. Ihrer Kleidung nach arbeitet sie vermutlich im Zoo. Sie war in der Nähe eines Autos, wahrscheinlich wollte sie gerade nach Hause fahren. Ein Vampir hatte sie gepackt und hat versucht, sie zu Boden zu drücken.«
»Scheiße. Was hast du gemacht?«
»Ihn von ihr heruntergerissen. Er sah ziemlich verwirrt aus. Ich habe es geschafft, ihn festzuhalten, und ihr zugeschrien, sie solle weglaufen. Dann hat er sich losgerissen, und ich bin ihm gefolgt, aber er ist in einem der Tiergehege verschwunden und mir entwischt.« Er rutschte unbehaglich auf dem Stuhl herum. »Irgendetwas kam mir komisch vor. Ich wusste nicht so genau, was, aber dann habe ich das hier gesehen.« Er hielt ein kopiertes Foto von einem der ersten vier Opfer hoch. »Der Vampir – das war der hier. Ich bin ganz sicher.«
»David Barns. Bist du wirklich sicher?« Bis sie sich erhoben, konnte man von Vampiren noch Kameraaufnahmen machen. Ich hatte Chase ein paar Bilder aus der Leichenhalle abgeschwatzt, einen Haufen Kopien davon gemacht, und wir hatten sie vorhin während der Fragestunde an alle verteilt, die bereit waren, einen Blick darauf zu werfen.
»Ja. Und ich bin sicher, dass er nicht nur ein paar Schlucke trinken und dann wieder gehen wollte. Er wollte töten.« Bret runzelte die Stirn.
Roz räusperte sich. »Meinst du, es besteht die Möglichkeit, dass die Frau den Vampirangriff bei der Polizei angezeigt hat?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie gar nicht gemerkt, dass es ein Vampir war, der sie angegriffen hat. Vermutlich dachte sie, der Kerl wollte sie vergewaltigen, und irgendein guter Samariter sei rechtzeitig aufgetaucht, um ihn daran zu hindern. Aber ich werde Chase bitten, das zu überprüfen, wenn ich nach Hause komme.«
»Ich kann mich weiter an nichts erinnern, das euch nützlich sein könnte«, sagte Bret. »Ich hoffe, damit könnt ihr schon mal was anfangen.«
»Das hast du sehr gut gemacht«, sagte ich. »Wenn dir noch etwas Ungewöhnliches auffällt, ruf mich an, okay?«
Bret sah aus, als würde er gleich platzen vor Stolz. »Freut mich, dass ich helfen konnte! Und ich bin froh, dass ich den Mund aufgemacht habe. Wenn ihr jemanden für Patrouillen braucht, bin ich euer Mann.«
Ich berührte ihn sehr leicht und sacht an der Schulter. Die meisten Vampire mochten es nicht, wenn man sie anfasste, und unter uns glich ein solches leichtes Schulterklopfen praktisch einer festen Umarmung. »Bret, mach einfach weiter so. Aber sei vorsichtig. Das Böse in dieser Welt ist viel gewaltiger, als du dir ausmalen kannst. Manchmal ist es mit Abschrecken nicht getan.«
Ich hielt inne und überlegte, ob ich ihn vor Dredge warnen sollte. Wir waren in unserer kleinen Ansprache nicht auf Einzelheiten eingegangen. Aber was würde das nützen? Falls Bret meinem Meister über den Weg lief, würde Dredge ohnehin den Boden mit ihm aufwischen. »Bleib wachsam und spiel nicht den Helden, außer dir bleibt gar keine andere Möglichkeit. Ich melde mich bei dir.«
Als er sich abwandte, sah ich Roz an. »Der Woodland Park Zoo liegt in der Nähe von Green Lake. Ich wette zehn zu eins, dass Dredge oder die Neulinge dort ihr Versteck haben.«
»Ich sehe mich heute Nacht mal um«, sagte Roz. »Und du brauchst mich nicht zu ermahnen, mit wem ich es zu tun habe. Ich weiß es.« Er warf mir eine Kusshand zu und verschwand zur Tür hinaus. Während ich ihm nachschaute, trat Camille zu mir und starrte ebenfalls auf seinen entschwindenden Rücken.
»Was weißt du über ihn, Menolly?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nicht genug. Zu viel. Er ist ein Söldner, aber er hat es auf Dredge abgesehen. Diesen Hass kenne ich gut.«
Sie warf mir einen fragenden Blick zu, doch ich schüttelte ihn ab. »Komm, wir fangen lieber an, hier aufzuräumen. Die Leute gehen, und ich will noch in der Bar vorbeischauen.«
Als wir anfingen, die Stühle zusammenzuklappen, klimperte Camilles Handy – »Dare« von den Gorillaz. Sie warf einen Blick auf die Nummer des Anrufers und zog eine Augenbraue hoch. »Hm, das ist Tim – Cleo. Ich gehe lieber ran. So spät ruft er sonst nie an.«
Sie trat beiseite, und wir räumten weiter auf. Tim Winthrop oder Cleo Blanco, wie sein Alter Ego hieß, war ein flamboyanter Freund von uns. Er war tagsüber Informatikstudent, abends Drag Queen, brillant, klug und witzig. Tims umwerfender Freund Jason hatte ihm kürzlich einen fetten Klunker an den Ringfinger gesteckt. Sie waren verlobt, die Hochzeit sollte im Sommer stattfinden. Tim hatte die Programmierung der ÜWDatenbank übernommen, die er gemeinsam mit Delilah aufbauen würde, und er arbeitete außerdem aushilfsweise für unsere neue Version des AND – allerdings erfuhr er da nur, was er unbedingt wissen musste.
Plötzlich stieß Camille ein lautes »Verfluchte Scheiße!« aus.
Delilah fuhr herum. »Was ist passiert?«, fragte sie, doch Camille winkte ab und hörte mit gequälter Miene weiter zu; sie sah aus, als müsse sie sich gleich übergeben.
»Wir sind sofort bei dir. Versteck dich irgendwo und komm nicht raus, ehe wir da sind und dir die Losung geben. Ich rufe dann... hm... Lämmchen, alles klar?... Genau, komm nicht raus, bis du mich Lämmchen rufen hörst. Wir kommen, so schnell wir können, Tim. Halte durch. Alles kommt wieder in Ordnung. Das verspreche ich dir.« Sie klappte ihr Handy zu. »Lasst die Stühle. Wir räumen später auf.«
»Was ist passiert?« Ich ließ den Stuhl fallen, den ich gerade in der Hand hielt. Was auch immer passiert sein mochte, es war schlimm genug, um Camille Angst einzujagen. Was bedeutete, dass es wirklich, wirklich übel sein musste.
Sie war schon an der Tür, und wir beeilten uns, sie einzuholen. Auf dem Weg zu den Autos erzählte sie uns, was passiert war. »Nach einem von Tims Auftritten hat er mit Erin noch im Wayfarer vorbeigeschaut. Dann sind sie zu Erins Laden gegangen – sie wollten noch ins Kino. Tim war im Hinterzimmer, um sich die Frauenklamotten auszuziehen, als er Erin schreien gehört hat. Er ist zur Tür zum Laden gerannt, hat es aber zum Glück geschafft, sich zurückzuhalten. Eine Gruppe Vampire schleifte gerade Erin durch die Tür nach draußen. Sie haben ihn nicht gesehen, und er hat sich in der Besenkammer versteckt. Da sitzt er jetzt noch.«
Scheiße! Erin Mathews war die Inhaberin der Scarlot Harlot Dessous-Boutique und die Vorsitzende des örtlichen Vereins der Feenfreunde – ein Fanclub von Menschen, die von den Feen aus der Anderwelt fasziniert waren. Erin war außerdem Tims größte Stütze und eine sehr gute Freundin von Camille.
Camille war schon fast bei ihrem Auto angekommen, bis sie fertig erzählt hatte. Ich blickte mich um, weil ich wissen wollte, wer mit uns gekommen war. Wade, Iris und Nerissa bogen vor den Autos in meine Richtung ab. Zachary hielt auf Delilahs Jeep zu. Trillian und Morio waren Camille dicht auf den Fersen. Als wir alle anfuhren, raste Camille voran, und ihr Lexus zischte beinahe lautlos durch die frostige Nacht.
»Glaubst du, Erin könnte noch am Leben sein?«, fragte Iris.
»Zunächst einmal müssen wir herausfinden, wer sie entführt hat. Wenn es Dredge war... « Da kam mir ein Gedanke. Einer, den ich lieber nicht gehabt hätte. Dredge war irgendwo da draußen und verbarg sich in den Schatten. Wenn Roz recht hatte und mein Meister es darauf anlegte, mir das Leben zur Hölle zu machen – was läge da näher, als meinen Freunden etwas anzutun? Tim und Erin waren in der Bar gewesen, ehe sie die paar Querstraßen weiter zum Scarlot Harlot zu Fuß gegangen waren, und jeder dort wusste, dass sie gute Freunde von uns waren. Wenn Dredge die Bar beobachten ließ, wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den beiden zu Erins Laden zu folgen.
Wade stieß einen leisen Pfiff aus. »Du glaubst, dein Meister steckt dahinter?«
Ich knurrte. »Nenn ihn nicht so! Ich weigere mich, irgendeine Verbindung zu diesem dreckigen Mörder anzuerkennen.«
»Aber du musst dich den Tatsachen stellen, Menolly«, sagte Wade. »Diese Verbindung zu leugnen, wird dir nichts nützen. Ich denke sogar, dass es dir schaden würde.«
»Was zum Teufel soll das heißen?« Ich fand es grässlich, diese Seite von mir vor Nerissa offenbaren zu müssen, die stumm neben Iris auf dem Rücksitz saß.
»Denk doch mal darüber nach. Ich wette, er kann dir überallhin folgen, weil ihr über sein Blut verbunden seid. Ist dir denn nicht klar, dass du immer mit Dredge verbunden sein wirst, solange dieses Band existiert?« Wade starrte mich an. »Was zum Teufel hat der AND dir eigentlich beigebracht?«
Ich biss mir auf die Lippe und trat aufs Gas. Wie hatte ich nur so dämlich sein können? Natürlich konnte Dredge mich jederzeit aufspüren, allein dank der Tatsache, dass er mein Meister war.
Wade räusperte sich. »Bist du okay?«
»Nein, ich bin nicht okay. Dieser beschissene Sadist hält vielleicht eine unserer Freundinnen gefangen. Einen VBM obendrein. Ich weiß, was Dredge im Geist und am Körper seiner Opfer anrichten kann. Mich hätte er beinahe zerstört. Erin hat keine Chance zu überleben, wenn er beschließt, sie zu foltern. Und wenn er sie danach verwandelt, dann werden wir sie vernichten müssen, weil sie völlig den Verstand verlieren und durchdrehen wird. Was glaubst du wohl, wie ich mich fühle, wenn ich daran denke, dass ich womöglich eine Freundin werde töten müssen, die nie, niemals in so etwas hätte hineingezogen werden dürfen?«
Nerissa beugte sich vor. »Ich will euch nicht unterbrechen, aber wenn er wirklich so schlimm ist, warum hat der AND ihn am Leben gelassen? Warum haben sie ihn nicht längst in die Unterirdischen Reiche deportiert?«
»Aha, du hast also mit Zachary darüber gesprochen. Der Junge muss lernen, den Mund zu halten, ehe er sich bei den falschen Leuten verplappert.« Bewusst atmete ich zittrig durch. »Entschuldige. Ich sollte dich nicht anschreien. Also, das war so: Dredge stand schon auf der Liste für die nächste Deportation. Wir waren bereit, zu ihm vorzudringen, um unseren Verdacht gegen ihn endgültig zu bestätigen, und dieser Auftrag wurde mir erteilt.« Ich hielt inne und versuchte, die Tränen zurückzudrängen, die mir in den Augen brannten. Blut war salziger als Wasser. Weinen tat weh.
»Du brauchst nichts weiter zu sägen«, erklärte sie, aber ich unterbrach sie.
»Nein. Du musst wissen, was uns bevorsteht. Wenn du willst, setze ich dich dann an einem sicheren Ort ab, und du kannst nach Hause gehen. Dredge wurde nicht deportiert, weil ich versagt habe. Er hat mich erwischt. Er hat mich gefoltert. Er hat mich vergewaltigt. Er hat mich getötet, und als ich mich als Vampir wieder erhoben habe, bin ich durchgedreht. Bis der AND davon erfuhr, was passiert war, hatte er sich mitsamt seinem Nest abgesetzt.«
»Wie lange hat es gedauert, bis du... wieder bei Verstand warst?«
Ich wandte mich um und grinste sie kalt an. »Muss jederzeit so weit sein. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.«
Sie lachte, aber es klang bekümmert. »Ach, Menolly... «
»Im Ernst... jetzt geht es. Ich habe mich daran gewöhnt. Aber ich war über ein Jahr lang völlig irre. Es hat sehr lange gedauert, bis ich dem AND irgendetwas sagen konnte. Und man kann kein Gerichtsverfahren abhalten, wenn niemand da ist. Man kann niemanden deportieren, den man nicht in seiner Gewalt hat. Dredge und der Elwing-Clan sind danach immer in Bewegung geblieben, und der AND wollte keinen weiteren Agenten hinter ihnen herschicken, weil das Risiko zu groß war. Und ich habe mich geweigert, es noch einmal zu versuchen. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte.«
»Halt nicht an«, sagte sie rasch. »Wir müssen so schnell wie möglich zum Laden deiner Freundin. Ich will bei dir bleiben.«
Ich warf einen Blick in den Rückspiegel. Nerissa konnte mich nicht sehen, da ich kein Spiegelbild erzeugte, aber ich konnte sie sehen, und ihr Blick war an meinen Hinterkopf geheftet. Ihre Miene drückte nacktes Begehren aus, und ich roch das Parfüm ihrer Erregung, das allmählich den Wagen erfüllte.
Ich ertappte Wade dabei, wie er mich ansah, dann Nerissa. Ein Lächeln breitete sich langsam über seine Lippen, das ihn auf verschrobene Weise sexy wirken ließ. Er zwinkerte mir zu, und ich sah, wie die Spitzen seiner Reißzähne sich hervorschoben.
»Sag es nicht«, hauchte ich so leise, dass nicht einmal der Werpuma hinter uns es hören konnte. Es war, als flüsterte man Worte aus Nebel, die sich auflösten, sobald ich sie ausgesprochen hatte.
Wade zwinkerte mir zu. »Da hast du dir was Heißes geangelt«, flüsterte er zurück. »Lust auf einen Dreier?«
»In deinen Träumen, du Spinner.« Aber ich erwiderte sein Grinsen. Ich war hier nicht die Einzige, die ihre Gefühle unterdrückte. Wade hielt sich streng an seine ethischen Regeln, aber manchmal fürchtete ich, dass er das Raubtier in sich so stark unterdrückte, dass er irgendwann ausrasten würde. Ich hoffte sehr, dass es seine Mutter war, über die er dann herfallen würde, um der Ruhe und des Friedens in unserer kleinen Vampirgemeinde willen.
»Ich träume einfach weiter«, flüsterte er.
Diesmal ignorierte ich ihn. Wir mussten uns auf Dredge konzentrieren, der nie ausrastete und Fehler machte, weil er mit den Füßen voran in die Finsternis gesprungen war und die Schatten in sich aufgesogen hatte, bis sein gesamtes Wesen nach dem tiefsten Abgrund stank.
Ich blinkte, bog links ab und holte zu Camille auf. Delilah war dicht hinter uns. Und dann waren wir da – vor dem Scarlot Harlot. Mitten in der Nacht gab es reichlich Parkplätze; ich lenkte den Jaguar in eine Lücke und schaltete den Motor aus.
Iris beugte sich vor. »Menolly, könnte das etwas damit zu tun haben, was Großmutter Kojote von dir verlangt?«
Wieder brach eine tonnenschwere Erkenntnis über mich herein. Scheiße. War ich denn heute Nacht zu nichts zu gebrauchen?
»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, fluchte ich und sprang aus dem Wagen. Würde ich Erin tatsächlich vernichten müssen? Und würde Camille von ihrem Gewissen durch die Mangel gedreht werden, weil sie mich zwingen musste, ihre Freundin zu töten? »Die Götter wandeln heute Nacht über unsere Gräber«, brummte ich und ging zur Tür. »Bis wir Schattenschwinge im Kampf gegenüberstehen, sind wir alle selbst zu Dämonen geworden.«
Dann fiel mir die Ironie meines Satzes auf, und ich musste lachen – meine Stimme klang heiser und kratzig. Ich war ein Dämon. Ich stand bereits auf der falschen Seite, zumindest logisch betrachtet, und ich hielt mich nur durch die bewusste Entscheidung, dieser Seite in mir nicht nachzugeben, vom Sturz ins Höllenfeuer ab. Ich ignorierte Iris’ fragenden Blick, denn wir rannten nun auf die Tür zu, nur wenige Schritte hinter Camille und ihren Jungs.
Wie ein Tornado fegten wir durch die Tür, Camille und Morio mit einsatzbereiten Zaubern. Trillian hatte seine hässliche, gezackte Klinge gezückt. Sofort suchten wir den Raum ab, und Morio sprach einen Zauber, der Illusionen enthüllte. Nichts. Nach ein paar Minuten waren wir sicher, dass die Boutique sauber war, und Camille rief das Codewort, das Tim aus seinem Versteck holen sollte.
In Dockers-Schuhen und einem dicken Pulli hatte er so gar nichts mehr von Marilyn Monroe – seine derzeitige Lieblingsrolle als Frauenimitator. Sein früher kurzes braunes Haar war zu einem lockigen Schopf gewachsen, und auf seinem Gesicht waren noch Spuren von Bühnenschminke zu sehen, aber was mir am meisten auffiel, war die Angst in seinen Augen.
»Sie ist weg... sie haben sie mitgenommen. Ich konnte sie nicht aufhalten. Wenn ich es versucht hätte, hätten sie... «
»Psst«, säuselte Camille, während Delilah ihn in den Arm nahm und ihn sacht auf die Stirn küsste. Er lehnte sich an ihre Schulter, zermürbt und erschöpft.
»Hast du irgendetwas gehört, Tim? Haben sie erwähnt, wohin sie Erin bringen wollten? Wie viele waren es? Wie haben sie ausgesehen? Ich weiß, dass du fix und fertig bist, aber du musst uns alles sagen, woran du dich erinnern kannst.« Ich wollte ihn nicht bedrängen – er wirkte völlig durcheinander –, aber je schneller wir die Verfolgung aufnehmen konnten, umso besser.
Nerissa bemerkte die Mikrowelle auf der Anrichte, neben der eine Schachtel Teebeutel und Kekse standen. Sie eilte hinüber, stellte einen Becher Wasser in die Mikrowelle, und keine zwei Minuten später drückte sie Tim einen dampfenden Becher Pfefferminztee und ein paar Kekse in die Hand. »Du stehst unter Schock. Iss, trink... Zucker und Minze werden dir guttun.«
Wade begann im Laden herumzuschnüffeln in der Hoffnung, irgendeinen Geruch aufzuschnappen, während Camille und Morio sich in eine Ecke zurückzogen und die Hände miteinander verschränkten. Ich konnte seine geflüsterten Anweisungen hören.
»Atme tief ein. Konzentriere dich, konzentriere dich jetzt... Die Vampire leben im Reich des Todes, und das können wir mittels des Zaubers erreichen, den ich dich letzte Woche gelehrt habe – Beschwörung der Dunklen. Wenn wir den letzten Vers weglassen, riskieren wir nicht, sie hierherzuholen. Wir könnten Glück haben, und der Zauber zeigt uns den Weg zu ihnen. Gib auch die Energie der Mondmutter in den Zauber, wenn du kannst.«
»Ich versuche es«, sagte Camille. »Ich kann einen Silberpfeil herabrufen, vielleicht könnten wir den als Kompass benutzen.«
Ich wechselte einen Blick mit Delilah, die diese Unterhaltung ebenfalls mitgehört hatte. Inzwischen wussten wir alle, dass Morio Camille in Todesmagie unterwies, aber ich fragte mich, wie weit sie sich schon mit dem Fuchsdämon verstrickt hatte. Denn im Grunde wusste keine von uns sonderlich viel über ihn, und wir wussten auch nicht, wie tief in den Schatten er sich bewegte. Er stand auf unserer Seite, das hatte Großmutter Kojote klargemacht, aber mich beschlich der Verdacht, dass er viel mehr auf dem Kasten hatte, als er sich anmerken ließ. Sexmagie, Todesmagie... was für ein Yokai war er wirklich?
Delilah schüttelte den Kopf, und ich ließ die Sache auf sich beruhen. Jetzt war nicht der passende Zeitpunkt, um nachzubohren. Wir hatten zu viel zu tun. Ich wandte mich wieder Tim zu, der den Becher mit beiden Händen umklammerte wie einen Schutzschild. Er sah mich an und erschauerte.
»Du hast mich etwas gefragt?« Er sah ausgemergelt aus, völlig am Ende. Ich merkte, dass wir ihn bei der Hand nehmen mussten, wenn wir irgendetwas Nützliches von ihm erfahren wollten. Er wollte uns gewiss helfen. Er war nur zu erschöpft, um irgendetwas aus eigenem Antrieb zu tun.
»Fangen wir damit an, was du gesehen hast. Erzähl uns jede Kleinigkeit, an die du dich erinnern kannst.« Ich gab Iris einen Wink, die ein Notizbuch und einen Stift hervorholte. Sie hatte ein fotografisches Gedächtnis, aber ich wollte keinerlei Risiko eingehen.
Er holte tief Luft und stieß sie scharf wieder aus. »Ich habe mich hinten umgezogen und plötzlich Erin schreien gehört. Ich bin schnell in die Hose gefahren – ich war nackt –, und als ich an die Tür kam, die in den Verkaufsraum führt, habe ich drei Männer gesehen. Sie hatten Erin gepackt, und sie hat sich gewehrt, aber dann hat einer von ihnen mit der Hand vor ihrem Gesicht herumgewedelt, und sie hat aufgehört, als hätte sie einfach vergessen, was mit ihr passiert.«
»Du hast gesagt, es waren Vampire. Woher weißt du das? Wie haben sie ausgesehen?« Ich klammerte mich an die vage Hoffnung, dass Erin von ein paar VBM entführt worden war, die sie vielleicht nur berauben wollten. Das war lächerlich, aber dann wäre es so viel einfacher gewesen, sie zu retten.
Tim zerschmetterte meine Hoffnung sofort. »Sie standen vor dem großen Spiegel da drüben.« Er deutete auf einen dreiteiligen Spiegel, in dem man sich von allen Seiten betrachten konnte; Erin hatte ihn im Hauptraum der Boutique aufgestellt. »Und die Einzige, die ich darin sehen konnte, war Erin. Keiner der Männer hatte ein Spiegelbild. Gibt es viele Wesen, die kein Spiegelbild werfen?«
Ich schloss die Augen und überlegte krampfhaft, ob ich daran irgendetwas Hoffnungsvolles finden könnte. »Vielleicht... ein paar Geister, aber... nein, Tim. Wahrscheinlich hast du recht, und es waren Vampire, die sie entführt haben. Erzähl mir, wie sie ausgesehen haben. Drei Männer, hast du gesagt? Bist du sicher, dass keine Frau dabei war?« Die vier Neugeborenen aus dem Kino – die Einzigen, von denen wir sicher waren, dass sie noch da draußen herumliefen – waren zwei Männer und zwei Frauen gewesen. Wenn die Jungs nicht die Mädels sitzengelassen und sich mit einem dritten, männlichen Vampir zusammengetan hatten, war es unwahrscheinlich, dass sie Erin entführt hatten. Neugeborene, die zusammen ihr Nest hatten, neigten dazu, erst einmal unter sich zu bleiben.
Tim runzelte die Stirn, und ich sah ihm an, dass er sich bemühte, sich an jedes Detail zu erinnern. Erin war seine beste Freundin, und was ihr passiert war, tat ihm entsetzlich weh. Er verströmte Schmerz wie Motorenöl, verbrannt und zähflüssig. Außerdem vermutete ich, dass Tim sich schuldig fühlte, weil er sich versteckt hatte, statt Erin zu Hilfe zu kommen. Wenn man das Klügste tat, fühlte es sich eben manchmal doch nicht so an, als hätte man das Richtige getan.
»Der Kerl, der sie festgehalten hat, war klein und stämmig... Er hatte kurzrasiertes Haar. Der zweite Mann war... ich weiß nicht... stinknormal. Diese beiden sahen so aus, als gehörten sie hierher, in diese Zeit, in diese Welt. Aber der Dritte... der hat mir eine Heidenangst eingejagt.«
Ich blickte in seine Augen auf. Schiere Angst. Primitives Grauen. Und in diesem Moment wusste ich Bescheid. »Er war groß, mit langem, dunklem, lockigem Haar, nicht wahr? Und er hatte einen Bartschatten und trug schwarze Ledersachen mit Nieten, oder? Und du wusstest, allein vom Hinsehen, dass du in das Antlitz der Hölle selbst blickst.«
Tim nickte, und seine Augen weiteten sich. »Ja, woher weißt du das?«
»Hat er irgendetwas gesagt?« Mein Magen fühlte sich an, als wollte er sich gleich in meine Kehle hochstülpen.
»Nur zwei Worte. Er hat gesagt: Nehmt sie. Er ist böse, Menolly. Ich schwöre dir, allein von seinem Anblick habe ich solche Angst bekommen, dass ich mir fast in die Hose gepinkelt hätte. Ich wollte Erin helfen, aber... er hat ausgesehen, als würde er mich bei lebendigem Leib auffressen und dann die Knochen ausspucken. Ich habe einfach die Nerven verloren. Ich habe mich versteckt, verdammt noch mal. Ich habe mich versteckt und überhaupt nichts getan!«
Als ich zurücktrat, damit Delilah Tim trösten konnte, wusste ich, dass Dredge Erin in seiner Gewalt hatte. Zumindest für den Augenblick. Das konnte nur Dredge gewesen sein. Er weidete sich an Angst, und wer ihm in die Augen sah, der wusste, dass sein Leben vorüber war, dass er den Kampf verloren hatte und nun die Bestrafung dafür beginnen würde...
»Wie heißt du, Mädchen?« Seine Stimme drang mir bis ins Mark. Sie war eiskalt, und ich wusste, dass Tränen bei ihm nicht funktionieren würden, dass kein Betteln und kein Flehen mich vor dem bewahren konnte, was er mit mir vorhatte. »Nenn mir deinen Namen.«
Obwohl ich wusste, dass man Vampiren niemals seinen Namen nennen darf, konnte ich seinem Befehl nicht widerstehen. »Menolly«, flüsterte ich. »Menolly D’Artigo.«
Dredge beugte sich über mich, und das schiefe Lächeln auf seinem Gesicht drückte finstere Freude aus. Er strich mit einem scharf gefeilten Fingernagel über meine Wange, so leicht, dass gerade noch kein Blut floss. »Nun, Menolly D’Artigo, ich bin im Begriff, dich auf den höchsten Berggipfel zu tragen. Dann werde ich dich in den Abgrund werfen und zuschauen, wie du fällst und fällst und fällst.«
Er riss meinen Anzug auf, und von der feuchten Kälte in den Höhlen wurden meine Brustwarzen hart. Ich hörte leises Lachen und Geflüster um mich herum und erkannte, dass wir Zuschauer hatten. Gemurmel drang an mein Ohr, Pfiffe und Vorschläge, aber Dredge winkte ab. »Nur Geduld. Wir haben alle Zeit der Welt.«
Er beugte sich herab und leckte mir über den Bauch, von der Brust bis zum Nabel. Ich erschauerte, wollte nicht darauf reagieren und war zornig auf meinen Körper, der mich verriet. Ein Beben im Unterleib ließ mich nach Luft schnappen, und wieder lachte er.
»Gefällt dir, ja? Gut. Wie ist es damit?«
Er verschränkte die Finger und ließ die Knöchel knacken. Ehe ich mich versah, riss eine Phalanx rasiermesserscharfer Klingen mir den Bauch auf und hinterließ eine vielfache Spur flacher Schnittwunden, die in meinem Fleisch brannten. Ich war auf den Schmerz nicht gefasst gewesen und kreischte, und Dredge erschauerte vor Genuss. »Schrei, so laut du willst. Niemand hört dich hier. Niemand wird dich retten.«
Eine weitere Reihe feiner Schnitte, und dann wurde Salzwasser über mein verletztes Fleisch gekippt. Ein paar Minuten lang verbiss ich mir die Schreie, während er gemächlich und sorgfältig in schmalen Linien Muster auf jeden Zoll meines Körpers zeichnete. Jeden Schnitt beträufelte er mit Salzwasser, damit alle zu sichtbaren Narben werden sollten. Nach dem zehnten Schnitt, einer Spirale zwischen meinen Brüsten, begann ich zu schreien. Nach dem dreißigsten brachte ich keine zusammenhängenden Worte mehr heraus. Und nach hundert Schnitten begann erst die eigentliche Folter.
»Menolly? Menolly? Alles in Ordnung?« Delilah berührte mich an der Schulter, und ich erschrak. Rasch sprang sie zurück, als ich ein Fauchen ausstieß.
Ich schüttelte den Kopf und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich hatte jetzt keine Zeit, mich in Erinnerungen zu verlieren. Dredge hatte Erin, und das bedeutete, dass sie verloren war, wenn wir sie nicht fanden, ehe er sie sich vornahm.
»Entschuldigung... ich habe nur nachgedacht.« Ich sah Delilah einen Blick mit Camille wechseln, die einen silbernen Pfeil aus Mondlicht in der Hand hielt. »Hat euer Zauber funktioniert?«, fragte ich und ignorierte den besorgten Blickwechsel.
Sie wurde bleich und schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht der geringste Hinweis.«
»Uns bleiben noch fünf Stunden bis Sonnenaufgang. Wir müssen anfangen, die Stadt abzusuchen... « Ich verstummte, als Delilahs Handy klingelte.
»Chase«, flüsterte sie und klappte es auf. Bitte, bitte lass zu Hause alles in Ordnung sein, betete ich stumm und hoffte, dass die Götter mir dieses eine Mal Gehör schenkten. Sie legte auf. »Wir müssen nach Hause. Chase hat einen Anruf von Sharah erhalten. Vier neue Vampiropfer – das AETT hat sie zum Glück erreicht, bevor die Polizei davon erfahren hat. Sie haben sich noch nicht erhoben, aber ihr wisst so gut wie ich, dass sie das bald tun werden.«
Ich warf Tim einen Blick zu. »Tim, wir müssen gehen. Wir müssen uns darum kümmern, bevor sie sich erheben und noch jemanden anfallen. Uns bleibt keine andere Wahl.«
»Kann Chase das nicht übernehmen? Erin ist irgendwo da draußen mit diesem Monster... «
»Ich weiß, und wenn es eine Möglichkeit gäbe, sie jetzt sofort zurückzuholen, dann würde ich es tun. Aber wir haben keine Ahnung, wo wir nach ihr suchen sollen. Ich verspreche dir, dass wir alles tun werden, was in unserer Macht steht. Du kannst bei Camille und Morio mitfahren.« Ich wandte mich den beiden zu. »Versucht euch unterwegs etwas einfallen zu lassen, wie wir Erin finden können.« Wortlos flehte ich sie an, mitzuspielen, auch wenn sie meinten, jetzt nichts tun zu können. Tim brauchte eine Hoffnung, an die er sich noch ein wenig klammern konnte. Und ich musste jetzt in den Autopsieraum und ein paar Vampire vernichten.
Camille verstand meinen Wink. »Es gibt einige Zauber, die wir noch nicht probiert haben. Wir können es zu Hause versuchen. Komm mit, Tim. Menolly, willst du da etwa allein hingehen?«
Ich warf Wade und Nerissa einen Blick zu. »Nein. Nehmt Nerissa, Iris und Trillian mit. Trillian, du holst Chase zu Hause ab und kommst mit ihm zur Leichenhalle. Delilah, Wade und ich warten dort auf euch.« Ich brachte Delilah sehr ungern in Gefahr, aber uns blieb keine andere Wahl, und in einem echten Kampf war sie eher zu gebrauchen als Camille.
Die Dinge standen schlecht, aber ich hatte das Gefühl, dass sie in den nächsten Monaten noch viel schlimmer werden würden, und hier an der Front konnten wir uns den Luxus des Rückzugs nicht leisten. Als wir hinaus in die Nacht eilten, sah ich Erin vor mir, und mir wurde übel. Was auch immer mit ihr geschehen mochte, ich hoffte nur, dass es schnell ging. Aber tief im Inneren wusste ich, dass Dredge kein Erbarmen kannte – mit niemandem.