Ich hatte mittlerweile oft genug für Wish Catering gejobbt, um aus Erfahrung zu wissen, wann eine Party ein Erfolg war: Man brauchte leckeres Essen, und zwar nicht zu knapp, entspannte Gäste, die viel lachten, das war klar. Aber es gab da noch etwas, das gewisse Etwas, die undefinierbare, aber besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn Menschen sich angeregt unterhalten, mit Appetit essen und sich einfach gut miteinander verstehen; dann entsteht eine fast greifbare Energie, durch die man Kleinigkeiten wie zerfetzte Zelte oder Gewitterschauer oder gar das Ende der Welt völlig vergisst. Nach einer Stunde wurde mehr als deutlich, dass diese Party im Haus meiner Mutter alle erforderlichen Zutaten – und zwar in rauen Mengen – besaß, um ein Erfolg zu werden. Daran bestand überhaupt kein Zweifel mehr.
»Tolle Party, Deborah!«
»Die Räume im Bistro-Stil herzurichten war eine klasse Idee!«
»Köstlich, diese Fleischklopse!«
Meine Mutter wurde mit Komplimenten geradezu überschüttet, während sie zwischen ihren Gästen umherging. Plauderte, nickte, lächelte, sich für die Komplimente bedankte. Ich hatte zum ersten Mal überhaupt den Eindruck, dass es ihr tatsächlich Spaß machte, sich mit ihrem Weinglas unter die Leute zu mischen und fröhlichen Smalltalk zu betreiben. Ausnahmsweise sah sie nicht so aus, als hätte sie ständig bloß ihre Portfolios im Hinterkopf und wie sie sie an den Mann beziehungsweise die Frau brachte oder als müsste sie unbedingt über die nächste Phase im Bauplan fachsimpeln. Ab und zu ging sie an mir vorbei, berührte mich kurz am Rücken, am Arm; doch wenn ich mich in der Annahme zu ihr umdrehte, sie wollte mir damit signalisieren, dass sie irgendetwas bräuchte oder ich bitte irgendetwas tun sollte, war sie schon wieder weitergegangen und warf mir höchstens rasch einen Blick über die Schulter hinweg zu. Lächelte mich an, bevor sie sich dem nächsten Gast zuwandte.
Meiner Mutter ging’s gut. Mir ging’s auch gut. Zumindest würde es mir irgendwann gut gehen. Mir war klar, dass sich zwischen uns nicht alles an einem einzigen Tag verändern konnte und wir noch viel Diskussionsbedarf hatten. Anderthalb Jahre, um genau zu sein. Momentan bemühte ich mich allerdings, mich so gut wie möglich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Was gut klappte – bis ich plötzlich Jason entdeckte.
Er war gerade hereingekommen, stand, in Regenjacke, im Eingangsbereich und blickte sich suchend nach mir um. Nachdem er mich entdeckt hatte, rief er meinen Namen und kam rasch auf mich zu. Ich rührte mich nicht, sondern sah ihm stumm entgegen, bis er direkt vor mir stand. »Hallo, Macy.«
»Hallo.« Ich nahm mir eine Sekunde Zeit, um ihn einfach bloß anzuschauen: den frisch geschnittenen, ordentlichen Haarschnitt, das konservative Poloshirt, das er sich in seine Khakihose gesteckt hatte. Er sah aus wie an dem Tag, an dem er abgeflogen war. Ob für mich wohl dasselbe galt?
»Wie geht es dir?«, fragte Jason.
In unserer Nähe standen ein paar Leute, die genau in diesem Augenblick in lautes Gelächter ausbrachen. Wir blickten zu ihnen hinüber, so dass unser Schweigen durch ihr Lachen ausgefüllt wurde. Schließlich meinte er: »Schön, dich zu sehen.«
»Gleichfalls.«
Jason stand vor mir, sah mich an. Ich war total verunsichert. Wusste nicht, was ich sagen sollte. Er trat noch einen Schritt näher an mich heran, beugte sich etwas vor und fragte: »Können wir uns irgendwo allein unterhalten?«
Ich nickte. »Natürlich.«
Als wir durch den Flur Richtung Küche liefen, hatte ich das Gefühl, dass uns jemand nachsah. Entweder Kristy, mit grimmigem Blick, dachte ich, oder Monica. Doch zu meinem Erstaunen war es keine von beiden, wie ich bemerkte, als ich mich umdrehte, sondern meine Mutter. Sie stand am Buffet, ihr Blick ruhte auf mir. Jason entdeckte sie ebenfalls und winkte ihr grüßend zu. Sie nickte mit einem leichten Lächeln zurück, ließ mich jedoch nicht aus den Augen, bis wir um die Ecke gebogen waren und ich sie nicht mehr sehen konnte.
Die Tür von der Küche zum Garten stand offen. In dem Trubel war mir gar nicht aufgefallen, dass es zu regnen aufgehört hatte. Wir gingen hinaus. Alles tropfte und es war einigermaßen kühl, aber der Himmel hatte aufgeklart. Ein paar Leute standen in Grüppchen im Garten, redeten, lachten, einige rauchten, ihre Stimmen ein gleichmäßiges Auf und Ab. Jason und ich stellten uns ein wenig abseits auf die Stufen, die zum Rasen hinunterführten. Als ich mich zurücklehnte, spürte ich das nasse Geländer an meinen Beinen.
»Ziemlich große Party«, meinte Jason und sah sich um.
»Allerdings«, erwiderte ich. »Du kannst dir nicht vorstellen, was alles schief gegangen ist . . . der helle Wahnsinn.« Über seinen Kopf hinweg hatte ich durchs Küchenfenster eine ganz gute Sicht nach drinnen. Delia schob soeben ein weiteres Blech mit Krabbenpastetchen in den Backofen. Monica lehnte an der Küchentheke und untersuchte ihre Haare auf Spliss, wobei sie so träge und gelangweilt aussah wie eh und je.
»Der helle Wahnsinn?«, fragte Jason. »Was genau?«
Ich holte Luft, setzte an, es ihm zu erklären, hielt inne. Zu kompliziert, zu umständlich, dachte ich. »Ach, bloß eine kleine Katastrophe nach der anderen«, antwortete ich. »Aber inzwischen läuft alles glatt.«
Gefolgt von einer ganzen Gruppe Leute mit Gläsern und Häppchen in den Händen, trat in diesem Moment meine Schwester auf die Terrasse. Als sie an uns vorbei die Stufen hinunterging, sagte Caroline gerade laut und deutlich: ». . . repräsentiert eine authentische Symbiose von Kunst und Abfall.« Sie hatte wieder voll ihren Kunsthistoriker-Ton drauf. »Sie werden sehen, die einzelnen Stücke sind wirklich sehr beeindruckend. Zum Beispiel die Engel . . . der Engel als Symbol für die Zugänglichkeit und gleichzeitige Begrenztheit von Religion.«
Jason und ich wichen etwas zurück, um Carolines Gefolge vorbeizulassen. Offensichtlich waren sie ganz gespannt auf die Führung, das merkte man an ihrem Nicken, ihren gemurmelten, zustimmenden Bemerkungen. Nachdem die Gruppe um die Hausecke verschwunden war, fragte Jason: »Macht Caroline seit neuestem Skulpturen?«
Ich lächelte. »Nein, sie hat bloß welche gekauft, die sie ganz toll findet.«
Jason lehnte sich weit zurück, um an der Hauswand entlang zu dem Engel hinüberblicken zu können, um den Caroline und ihre Gruppe nun herumstanden. »Sieht ganz interessant aus«, meinte er. »Aber was den Symbolgehalt betrifft . . . ich weiß nicht so recht. Ich finde, sie sehen einfach aus wie Gartendeko.«
»Sind sie auch«, antwortete ich. »So was Ähnliches jedenfalls. Aber sie haben auch ihre eigenen Bedeutungen. Meint jedenfalls Caroline.«
Er betrachtete den Engel noch mal genauer. »Ich finde nicht, dass Material und Aussage besonders gut zusammenpassen. Im Gegenteil, für mein Gefühl lenkt das Material vom Thema ab. Besser gesagt: So bedeutend die Vision des Künstlers vielleicht gewesen sein mag – am Ende ist und bleibt das Ding aus Schrott.«
Ich sah ihn an und wusste nicht so recht, was ich darauf erwidern sollte. »Nun, ich denke, es kommt immer darauf an, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.«
Jason lächelte mich milde an. »Schrott ist Schrott, Macy«, sagte er. Aus irgendeinem Grund stellten sich mir bei seinem Tonfall die Nackenhärchen auf.
Ich holte tief Luft. Er hat keine Ahnung, will bloß Konversation machen. »Du wolltest etwas mit mir besprechen?«, fragte ich.
»Ach ja, stimmt, natürlich.«
Ich wartete. In der Küche befand sich gerade niemand außer Bert, der Fleischklopse auf einer Platte anrichtete und sich gelegentlich einen in den Mund stopfte. Plötzlich merkte er, dass ich ihn beobachtete, und lächelte verlegen. Ich erwiderte sein Lächeln. Jason wandte den Kopf, um zu sehen, wem mein Lächeln galt.
»Entschuldige«, meinte ich. »Was wolltest du sagen?«
Er betrachtete seine Hände. »Ich wollte bloß –« begann er, unterbrach sich aber gleich wieder, als wäre ihm eine andere, bessere Formulierung für das, was er mir sagen wollte, eingefallen. »Diese Mail, in der ich dir vorschlug, wir sollten uns vorübergehend trennen – ich weiß, ich habe mich ziemlich ungeschickt verhalten. Aber ich wünsche mir wirklich, dass wir ausführlich über unsere Beziehung reden und darüber, wie und wohin sie sich im kommenden Jahr entwickeln soll. Natürlich nur für den Fall, dass wir gemeinsam beschließen zusammenzubleiben.«
Ich hörte zu. Ehrlich, ich hörte zu. Aber gleichzeitig nahm ich wahr, was um mich herum vor sich ging: Gelächter, das aus dem Haus drang, die kühle, feuchte Luft an meinem Hals, die Stimme meiner Schwester, die unbeirrbar ihren Vortrag über Form, Funktion und Kontrast hielt.
»Ich weiß nicht«, sagte ich.
»Schon okay.« Jason nickte, als verliefe das Gespräch exakt so, wie er es erwartet hatte. »Geht mir ähnlich, ich weiß auch nicht so richtig. Aber genau an diesem Punkt sollte der Dialog meiner Meinung nach ansetzen. Wie wir uns fühlen, was wir erwarten, welche Grenzen wir vielleicht ziehen wollen, bevor wir uns wieder aufeinander einlassen.«
». . . ein klarer Standpunkt, ein sehr eigenwilliger Blickwinkel«, verkündete Caroline in diesem Moment. »Der Künstler kommentiert deutlich, anschaulich und unmissverständlich das Geschehen innerhalb des Rahmens und wie der Rahmen wiederum das Geschehen prägt.«
Jason schien davon längst nicht so abgelenkt zu sein wie ich, denn er fuhr fort: »Ich habe mir gedacht, wir könnten vielleicht jeder eine Liste aufstellen, was wir von einer Beziehung erwarten. Was wir wollen, was uns wichtig ist. Dann verabreden wir uns, setzen uns zusammen und vergleichen, in welchen Punkten wir übereinstimmen.«
»Eine Liste.«
»Ja, eine Liste«, antwortete er. »Auf diese Weise haben wir es schwarz auf weiß, welche Ziele wir uns für unsere Beziehung gesteckt haben. Wenn irgendwann Probleme auftauchen, können wir anhand der Listen nachvollziehen, wo die Gründe dafür liegen. Das wird es uns enorm erleichtern, Lösungen auszuarbeiten.«
Ich hörte die Stimme meiner Schwester zwar noch; doch je weiter sie mit ihrem Trüppchen ums Haus herumlief, umso leiser wurde sie.
»Und wenn es nicht funktioniert?«, fragte ich.
Jason blinzelte mich verwirrt an. »Warum sollte es nicht funktionieren?«
»Darum.«
Er warf mir einen auffordernden Blick zu. »Weil . . .?«
»Weil die Dinge manchmal einfach laufen, wie sie laufen«, antwortete ich. Eine leichte Brise wehte plötzlich über uns hinweg. »Oder es passiert etwas, das nicht auf der Liste steht. Etwas Unerwartetes.«
»Zum Beispiel?«
»Keine Ahnung«, antwortete ich leicht gefrustet. »Darum geht es doch. Manchmal passieren Sachen aus heiterem Himmel, völlig überraschende Sachen. Man kann sich nicht auf alles vorbereiten, so was meine ich.«
»Aber wir werden auf alles vorbereitet sein.« Jason wirkte vollkommen durcheinander. »Weil wir unsere Listen haben.«
Ich verdrehte die Augen. »Jason!«
»Tut mir Leid, Macy.« Er trat einen Schritt zurück und sah mich an. »Ich verstehe einfach nicht, was du mir sagen willst.«
Und schlagartig wurde mir klar: Er verstand mich tatsächlich nicht. Hatte nicht die geringste Ahnung, wovon ich sprach. Dieser Gedanke war so abwegig und gleichzeitig so einleuchtend, dass ich wusste: Das war der springende Punkt. Das war die Realität, zumindest für Jason. Für Jason gab es nichts Überraschendes oder Unerwartetes. Sein Leben bestand aus Listen und Listen von Listen, Oberlisten und Unterlisten – wie die Packlisten, die ich vor Wochen, zu Beginn der Sommerferien, mit ihm durchgegangen war.
»Es ist bloß . . .« Aber ich unterbrach mich. Schüttelte den Kopf.
»Es ist was?« Er wartete. Wollte wirklich, aufrichtig wissen, was ich meinte. »Erklär’s mir.«
Doch das konnte ich nicht. Ich hatte es ganz allein lernen müssen. Meine Mutter ebenfalls. Auch Jason würde es irgendwann lernen. Doch so was konnte einem niemand beibringen. Die Erfahrung musste man selbst machen. Wenn man Glück hatte, kam man auf der anderen Seite wieder raus und hatte es kapiert. Und falls nicht, wurde man eben immer wieder zurückgeworfen, musste den Spuren aufs Neue folgen, bis man am Ende den richtigen Weg fand.
»Bitte, Macy, versuch wenigstens es mir zu erklären.«
Ich holte tief Luft. Ich wollte ja gern versuchen Worte dafür zu finden, dass es hierfür keine Worte gab. Doch da sah ich, an Jasons Kopf vorbei, wie Wes in die Küche kam. Ich atmete wieder aus. Hatte plötzlich nur noch Augen für Wes.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schaute sich aufmerksam um. Musterte die Leute im Wohnzimmer, die Leute an der Küchentheke. Delia kam mit einem Tablett leerer Gläser reingewirbelt. Stellte es ab, küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange. Sie wechselten ein paar Worte, behielten dabei das Partygeschehen im Auge. Wes sagte etwas, worauf sie die Schultern zuckte und Richtung Wohnzimmer zeigte. Bist du sicher?, fragte er sie, ich konnte es an seinen Lippen ablesen. Delia nickte, drückte liebevoll seinen Arm, öffnete die Backofentür. Wes warf einen Blick nach draußen und entdeckte mich. Mit Jason. Ich sah ihn beschwörend an, versuchte ihm zu signalisieren: Moment, lauf nicht weg. Doch er drehte sich um, verließ die Küche durch die Seitentür, die hinter ihm ins Schloss fiel.
»Macy?« Caroline kam ums Haus herumgelaufen. »Kommst du bitte mal?«
»Macy?«, fragte Jason. »Was –«
»Moment«, sagte ich, schlängelte mich um die Leute herum, die in Grüppchen auf der Terrasse standen, und lief die Stufen auf der Seite runter, wo Wes rausgegangen war. Ich konnte ihn noch sehen, er erreichte gerade das Ende unserer Auffahrt.
»Weißt du, was das soll?«, fragte Caroline. Einen Moment lang dachte ich, sie meinte Wes. Doch als ich mich umdrehte, sah ich, dass sie mit ihrem Gefolge vor einer Skulptur stand.
»Was denn?«, fragte ich zerstreut, denn mittlerweile hatte ich Wes aus den Augen verloren.
»Ich frage mich bloß . . . die hier habe ich noch nie gesehen.« Sie betrachtete die Skulptur. »Mir gehört sie jedenfalls nicht.«
»Macy?« Jason war mir gefolgt. »Ich denke wirklich, wir sollten –«
Doch ich hörte gar nicht hin. Hörte weder ihm zu noch Caroline, die um die Skulptur herumstöckelte und fachsimpelte. Auch die Partygeräusche, die durch die Fenster in den Garten drangen, hörte ich nicht. Alles, was ich hörte, war das leise Klingeln, das von der Skulptur ausging: ein neuer Engel – vielmehr eine Engelin (das war eindeutig). Sie stand da, die Füße hüftbreit auseinander, die Hände vor der Brust gefaltet. Ihr Mund war ein nach oben ausgerichteter Schlüssel, ihre Augen bestanden aus mit Dichtungsringen eingefasstem Strandglas und ihr Heiligenschein aus lauter winzigen Herzhänden. Doch das Auffälligste an ihr waren die beiden Gebilde, die über ihrem Kopf aufragten und wodurch sie sich von allen bisherigen Engeln unterschied. Zwei dünne Aluminiumplatten, die oben spitz und unten kurvig rund ausgeschnitten sowie mit Miniglöckchen umsäumt waren, von denen das Klingeln ausging, das ich hörte. Das wir alle hörten.
»Ich verstehe das nicht«, meinte Caroline nachdenklich. »Sie ist die einzige mit Flügeln. Warum wohl?«
Das Leben stellt einem Millionen Fragen. Man kann unmöglich alle Antworten kennen. Aber diese Antwort kannte ich.
»Damit sie fliegen kann«, sagte ich. Und fing an zu laufen.
Ich dachte, es würde so sein wie in meinen Träumen. War es aber nicht. Das Laufen fiel mir so leicht, wie einem alles leicht fällt, das einem mal alles bedeutet hat. Zwar waren die ersten paar Schritte noch ein bisschen wackelig, nicht rund, nicht gleichmäßig, und ich brauchte einen Moment, um meinen Atemrhythmus zu finden. Doch dann verfiel ich in mein ureigenes Tempo, alles andere verschwamm, bis nichts mehr existierte außer mir selbst und dem, was vor mir lag und mit jedem Schritt näher rückte. Wes.
Als ich ihn einholte, war ich völlig außer Atem. Ich hatte ein knallrotes Gesicht und mein Herz schlug so wild, dass ich für einen Augenblick nichts anderes mehr hören konnte. Bevor ich ihn ganz erreicht hatte, drehte er sich erstaunt zu mir um. Zunächst sagte keiner von uns einen Ton. Ich musste sowieso erst mal wieder Luft kriegen.
»Macy«, begann Wes schließlich. Es haute ihn offensichtlich um, dass ich ihm nachgerannt war, urplötzlich dicht vor ihm stand und keuchte. »Was –«
Ich unterbrach ihn, indem ich die Hand hob, »tut mir Leid« sagte, noch einmal tief durchatmete und fortfuhr: »Aber es gab eine Änderung.«
Wes blinzelte mich verwirrt an. »Eine Änderung«, wiederholte er.
Ich bejahte. »Bei den Regeln.«
Im ersten Moment hatte er keine Ahnung, wovon ich sprach, daher dauerte es etwas, bis der Groschen fiel. Doch dann entspannte er sich und antwortete: »Ach so, ja, die Regeln.«
»Genau.«
»Davon wusste ich ja gar nichts«, merkte er mit feinem Unterton an.
»Die Änderung ist auch gerade erst in Kraft getreten«, erwiderte ich.
»Und das heißt?«
»Das heißt, sie gilt ab sofort.« Ich wollte ihm so viel sagen, dass ich keine Ahnung hatte, womit ich anfangen sollte.
»Macy.« Seine Stimme klang sanft. Er schaute mich sehr aufmerksam an. »Du brauchst nicht –«
»Die Regel.« Ich schüttelte abwehrend den Kopf. »Frag mich, worin die Änderung besteht.«
Wes schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich leicht auf dem Absatz zurück. »Okay«, meinte er schließlich. »Was gibt es für eine neue Regel?«
»Geändert haben sich die Voraussetzungen dafür, wann jemand gewonnen hat.« Noch einmal holte ich tief Luft. »So wurde es jedenfalls einstimmig beschlossen. Damit ich gewinne, muss ich die Frage beantworten, bei der du an dem Abend auf deinem Truck gepasst hast. Erst dann hätte ich wirklich gewonnen.«
»Die Frage, bei der ich gepasst habe«, wiederholte Wes.
Ich nickte. »So lautet die Regel.«
Mir war vollkommen bewusst, dass in dem Schweigen, welches nun folgte, alles hätte passieren können. Vielleicht kam ich wieder zu spät. Vielleicht hatte ich wieder eine Chance verpasst. Doch zumindest hatte ich es versucht und diese Gewissheit würde mir bleiben. Ich hatte mein Herz in meine Hand gelegt und sie ausgestreckt, egal welche Konsequenzen daraus folgten.
»Okay«, meinte Wes und holte seinerseits tief Luft. »Wenn du absolut alles tun könntest, was du wolltest – was wäre das?«
Ich trat einen Schritt näher, ganz dicht an ihn heran. »Das«, antwortete ich. Und küsste ihn.
Ich küsste ihn, mitten auf der Straße, während die Welt um uns herum sich weiterdrehte. Irgendwo hinter mir wartete Jason auf eine Erklärung, meine Schwester hielt ihre Vorträge und der Engel blickte in den Himmel. Wartete darauf, loszufliegen.
Und was tat ich? Ich versuchte das Richtige zu tun. Was auch immer das bedeutete. Auf jeden Fall hatte ich das Gefühl, endlich auf dem einzig richtigen, nämlich meinem Weg zu sein.
Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, dass von dieser Sekunde an für immer alles genau so bliebe. Für jeden Menschen ist dies ein anderer Augenblick, und hätte ich die Wahl gehabt, so hätte ich es mir jetzt, in diesem Moment, gewünscht, als ich mit Wes zusammen war und mir sein Kuss den Atem nahm, um ihn mir umso reicher wieder zurückzugeben – und ich verwundert, begeistert und, mehr als alles andere, lebendig war wie nie zuvor.