»Also das macht mich allmählich wirklich nervös«, sagte Delia mit gedämpfter Stimme. Worauf ich nur zustimmend nicken konnte; wir standen nebeneinander in der Küche und sahen durch die Tür zum Salon hinüber. Wir waren also beide nervös, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Delia bangte um die zerbrechlichen, wertvollen Antiquitäten, von denen es in diesem Haus auf jeder freien Fläche wimmelte, denn Monica war soeben mit einem Tablett Weingläser hinausmarschiert – volle Weingläser auf einem voll beladenen Tablett. Ich dagegen hatte ein ganz anderes Problem, denn knapp einen Meter von der Tür entfernt, durch die auch ich demnächst gehen musste, um zu servieren, standen Jasons Eltern. Sozusagen in idealer Grabscher-Position.
Bisher hatte ich noch nicht rausgemusst, weil ich in der Küche gestanden und zusammen mit Wes in Windeseile Garnelen gepult hatte – so schnell zwei menschliche Wesen überhaupt Garnelen pulen konnten. Das war nötig geworden, weil Delia es vergessen hatte. Und vergessen hatte sie es wiederum wegen einer mittleren Krise, die sich unter anderem deswegen zusammengebraut hatte, weil ihre großartigen Profiöfen sich heute nicht hatten anschalten lassen.
In diesem Moment hörte ich ein gurrendes Lachen, das ich leider nur zu gut kannte. Und als Kristy nun mit einer leeren Servierplatte hereinkam (die sie, mit Schinkenmuffins beladen, erst vor wenigen Minuten hinausgetragen hatte), sah ich durch die halb geöffnete Tür flüchtig Mrs Talbot. Dann fiel die Tür wieder zu, und mich beschlich das sichere Gefühl, dass sie mich ebenfalls bemerkt hatte.
»Unglaublich«, sagte Wes.
»Was?« Für einen Augenblick dachte ich, er meinte Mrs Talbot.
»Ich fasse es nicht.« Als ich seinem Blick folgte, merkte ich, dass er sowohl die Garnele in meiner Hand als auch den Garnelenberg vor mir meinte, der ungefähr doppelt so hoch war wie seiner. »Wie kriegst du das nur so schnell hin?«
»Tue ich doch gar nicht.« Ich zog die Garnele aus ihrer Schale und legte sie zu den anderen.
Er warf mir bloß einen Blick zu und betrachtete dann etwas kläglich die Garnele in seiner Hand. »Ich habe dich beobachtet«, sagte er. »Während ich noch mit dieser einen rummache, hast du schon fünf geschafft. Mindestens.«
Ich schnappte mir die nächste Garnele, zupfte die Beine ab, zog sie an einem Stück aus der Schale, legte sie auf den Stapel vor mich. Alles in einer einzigen, fließenden Bewegung.
»Sechs«, meinte er. »Das wird allmählich peinlich. Wo oder von wem hast du das gelernt?«
Ich nahm mir die nächste vor. »Von oder besser gesagt wegen meines Vaters. Wenn wir in den Sommerferien am Meer waren, haben wir oft pfundweise Garnelen fürs Abendessen gekauft. Sie wurden nur kurz gedünstet und dann ging die Post ab. Sein absolutes Lieblingsessen. Und er war superschnell. Wenn man also überhaupt welche abhaben wollte, musste man sich tierisch beeilen.« Ich legte die nächste geschälte Garnele zu den übrigen auf den Haufen. »Ich musste es einfach lernen, es war der reinste Darwinismus: Nur die Starken kommen durch.«
Endlich schaffte er es, die Garnele in seiner Hand zu schälen und auf seinen Stapel zu legen. »Bei uns zu Hause war’s genau umgekehrt«, meinte er. »Man tat alles, was man konnte, um nicht essen zu müssen.«
»Wieso das denn?«
»Nach der Scheidung war meine Mutter auf dem Trip, dass man sich unbedingt gesund ernähren muss.« Wes nahm sich die nächste Garnele vor und imitierte meine Methode, indem er zunächst einmal alle Beine auf einmal abriss. »Nach dem Motto: Wer seinen Körper entschlackt, reinigt auch seinen Geist. Oder so was Ähnliches. Es gab keine Hamburger mehr, keine Hotdogs, sondern Linsenauflauf mit Tofusalat. Und das waren noch die Highlights.«
»Mein Vater war das genaue Gegenteil.« Ich machte mich über die nächste Garnele her. »Für ihn gab es nichts Besseres und Gesünderes als Fleisch, und zwar rotes Fleisch. Schon Huhn war in seinen Augen ein Gemüse.«
»Die Einstellung gefällt mir«, meinte Wes.
»Garnelen! Ich brauche dringend Garnelen!«, fauchte Delia aus dem Hintergrund. Ich schob den Stapel vor mir auf eine Platte, sauste zum Spülbecken, wusch sie blitzschnell ab und tupfte sie noch schneller trocken, während Delia Zahnstocher, Servietten sowie Cocktailsauce auf einem Tablett bereitstellte.
»Die Schinkenmuffins sind echt der Hit. Gehen rasend schnell weg«, verkündete Kristy, die gerade schon wieder zur Tür hereinkam; ihre leer geräumte Servierplatte balancierte sie auf der flachen Hand. Was sie heute anhatte, stellte ihre bisherigen Outfits in den Schatten: Schwarzer Lederrock, Motorradstiefel, eine weiße, weite Bauernbluse, und die Haare hatte sie mit einem Paar roter Essstäbchen hoch auf dem Kopf festgesteckt. »Da draußen schwirren lauter Professoren und so Leute rum. Echt daneben, die Typen. Tun total vornehm und sind gleichzeitig so was von gierig. Sagen total affig ›Das sieht aber köstlich aus‹, machen einen auf höflich und zurückhaltend, aber bevor man Piep sagen kann, haben sie einem die Platte leer gefuttert.«
»Zwei Stück und weiter«, sagte ich.
»Ja ja, schon klar.« Kristy pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Heute ist es irgendwie nervig.«
In dem Moment, als Delia Kristy das Tablett mit den Garnelen geben wollte, ertönte aus dem Nebenraum ein lautes Scheppern. Wir alle blieben wie angewurzelt stehen.
»Scheiße«, sagte Delia. »Ich meinte Scheibenkleister. Nein, ehrlich gesagt, meine ich Scheiße. Aber wirklich.«
Kristy öffnete die Tür einen Spalt weit. »Nichts von dem Edelkram, der hier überall rumsteht«, berichtete sie. Delia entspannte sich merklich.
»Aber ein paar Weingläser sind auf dem Teppich gelandet«, fuhr Kristy fort.
»Rot oder weiß?«, erkundigte sich Delia.
»Äh . . . rot«, erwiderte Kristy.
»Scheiße!« Delia durchquerte mit großen Schritten die Küche, um sich den großen Plastikbehälter zu holen, den wir jedes Mal dabeihatten, ohne dass ich bisher mitgekriegt hätte, was drin war. »Und ausgerechnet heute hat Bert was anderes vor.«
Ich warf Wes einen fragenden Blick zu. Er sagte: »Bert ist ein Genie, wenn’s um Flecken geht. Er kriegt alles aus allem raus.«
Wes nickte und pulte bedächtig eine weitere Garnele. »Ja, seine Fleckentfernungsfähigkeiten sind legendär.«
Delia holte eine Flasche Teppichreinigungsmittel und einen Lappen aus dem Plastikbehälter. »Und wie bist du?«, fragte sie, während sie mir beides in die Hand drückte.
»Wie bin ich inwiefern?«, fragte ich zurück.
»Wenn es darum geht, Flecken wegzukriegen.«
Ich betrachtete die Reinigungsmittelflasche und den Lappen in meiner Hand. Kristy schob sich mit der Garnelenplatte durch die Tür.
»Äh . . . mmh . . .«, antwortete ich. Die Tür hatte sich noch nicht wieder geschlossen, daher erhaschte ich einen kurzen Blick in den Salon. Monica hockte auf dem Boden und klaubte im Schneckentempo Glasscherben auf. Die Gastgeberin stand neben ihr und sah zu. »Ich bin nicht gerade –«
»Nun mach schon, bitte! An die Arbeit.« Delia schob mich Richtung Tür, und zwar so energisch, dass ich beinahe gestolpert wäre. Zum Glück fand ich beinahe genauso schnell mein Gleichgewicht wieder, sonst wäre ich noch mit dem Gesicht voran auf einen kleinen Beistelltisch gepurzelt, der gleich hinter der Tür stand. Ich brauchte einen Moment, um mich zu fangen; dann ging ich zu Monica, die beim Scherben-Aufsammeln und Teppich-Saubermachen keine nennenswerten Fortschritte zu machen schien.
»Hallo.« Ich hockte mich neben sie. »Alles okay?«
»Mmm-hmmm.« Monica stand auf, wischte sich die Hände an der Schürze ab und verzog sich Richtung Küche. Mich und ihr Tablett ließ sie da. So viel zum Thema Teamarbeit, dachte ich, legte Reinigungsmittel mitsamt Lappen neben mir ab und fing an, Scherben aufzusammeln, so schnell ich konnte. Ich hatte gerade alle Scherben beieinander – zumindest hoffte ich das – und war dabei, den Teppich einzusprühen, da hörte ich von schräg oben hinter mir eine Stimme.
»Macy? Bist du das?«
Ich sprühte weiter, als würden dadurch nicht nur der Fleck, sondern auch ich mitsamt der ganzen Situation verschwinden. Doch nachdem ich sorgfältig und ausgiebig alles eingesprüht hatte, was auch nur entfernt nach Fleck aussah, blieb mir gar nichts anderes mehr übrig als aufzublicken.
»Hallo«, sagte ich zu Mrs Talbot. Sie stand vor mir und hielt eine Serviette in der Hand, auf der sich die Garnelen bloß so türmten. »Wie geht es Ihnen?«
»Uns geht es gut.« Dabei warf sie einen Blick zu Mr Talbot rüber, der sich großzügig an den Garnelen auf Kristys Tablett bediente, während Kristy wiederum vergeblich versuchte sich und die Garnelen von ihm loszueisen. »Arbeitest du etwa hier?«
Einerseits war die Frage berechtigt, das wusste ich auch. Andererseits fragte ich mich dann doch, ob Mrs Talbot wirklich so klug war, wie alle Welt glaubte; schließlich trug ich eine Schürze mit dem Wish-Catering-Logo, hockte auf einem Teppich im Haus fremder Leute und versuchte verzweifelt, einen Riesenrotweinfleck zu entfernen. »Ja, ich . . . äh . . . habe aber erst vor kurzem damit angefangen.« Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr.
»Aber du arbeitest auch noch am Infoschalter in der Bibliothek, oder?« Sie wirkte plötzlich geradezu besorgt. Wenn Jason diesen ernsthaften Gesichtsausdruck aufsetzte, sah er genauso aus. Und wenn irgendwas möglicherweise nicht exakt so war, wie es sein sollte, wurde er, genau wie sie, wie auf Knopfdruck nervös.
Ich nickte. »Den Job hier mache ich nur ab und zu, wenn ich ein bisschen Extrageld brauche.«
»Ach so.« Wieder warf sie Mr Talbot einen Blick zu; er stand in der Gegend rum und kaute vor sich hin. Auf seiner Serviette stapelten sich wesentlich mehr Garnelen als Kristys obligatorische zwei Stück, es war ein ganzer Berg. »Wie schön.«
Ich zog den Kopf ein und ging wieder in die Hocke. Zum Glück gesellte sich jetzt eine Frau zu Mrs Talbot, um sich nach irgendeiner Forschungsreise zu erkundigen. Die zwei zogen weiter. Uff. Geschlagene fünf Minuten lang sprühte, rieb und wischte ich vor mich hin, wischte, sprühte und rieb. Bis am Rand meines Blickfelds ein Paar Motorradstiefel auftauchten und ungeduldig auf den Boden klopften.
»Es sieht nicht gerade toll aus, wenn jemand auf einer Party stundenlang auf dem Boden hockt«, sagte Kristy halblaut.
»Ich sitze hier nicht rum, weil’s Spaß macht«, konterte ich. »Monica hat mich mit dem Fleck einfach allein gelassen.«
Kristy ging auf erstaunlich damenhafte Weise neben mir in die Hocke und sagte mit ebenso erstaunlich ernster Stimme: »Du musst versuchen, sie zu verstehen. Monica hat’s nicht leicht, nicht mit sich, nicht mit anderen. Sie ist total unsicher, weil sie so tollpatschig ist; deshalb macht sie oft einfach zu und haut ab, statt zu versuchen damit klarzukommen. Ist so eine Art Schutzmechanismus. Eigentlich ist Monica ein sehr emotionaler Mensch, wirklich.«
Kristy hatte noch nicht zu Ende geredet, da öffnete sich die Küchentür. Monica kam mit einer Platte voll gratinierter Ziegenkäsetoasts herein und stapfte auf ihrer Serviertour mit ausdruckslosem Gesicht vorbei ohne uns eines Blickes zu würdigen.
»Siehst du?«, sagte Kristy. »Sie ist total aufgewühlt.«
»Macy«, ertönte eine dröhnende Stimme über unseren Köpfen. »Hallo, du da unten.«
Kristy und ich blickten gleichzeitig auf. Mr Talbot – wer sonst? – lächelte uns breit an, wobei das meiner Meinung nach weniger mit unserem beschaulichen kleinen Schwatz dort unten auf dem Teppich zu tun hatte als vielmehr mit den Garnelen auf Kristys Tablett. Und ich hatte mich nicht getäuscht, denn noch während wir aufstanden, angelte er sich eine und stopfte sie sich in den Mund.
»Hallo, Mr Talbot, schön, Sie zu sehen«, sagte ich. Kristy dagegen funkelte ihn bloß erbost an.
»Gleichfalls«, antwortete er. »Martha hat mir erzählt, du hast diesen Job zusätzlich zu dem in der Bibliothek angenommen. Fleißig, fleißig. Überforderst du dich nicht etwas? Von Jason weiß ich, dass die Arbeit in der Bibliothek sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Er sagt immer, er könne keinen zweiten Job nebenher bewältigen.«
»Das ist auch bestimmt so«, entgegnete ich.
Mr Talbot hob leicht pikiert die Augenbrauen, was ihn nicht daran hinderte, seine Pfoten nach der nächsten Garnele auszustrecken.
Rasch hob Kristy das Tablett auf ihre andere Hand.
Ich bückte mich, um die Reinigungsmittelflasche und den Lappen aufzuheben. Der Fleck sah wundersamerweise so aus, als würde er tatsächlich verschwinden. An Mr Talbot gewandt erklärte ich: »Damit wollte ich bloß sagen, Jason konzentriert sich eben auf alles, was er tut. Er ist schließlich sehr engagiert.«
Mr Talbot nickte. »Das stimmt.« Und fügte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Ich bin froh, dass du anscheinend Verständnis für ihn hast, vor allem wenn ich bedenke, wie die Dinge zwischen euch stehen. Ich meine die Entscheidung, die er kürzlich treffen musste, was eure Beziehung angeht.« Er tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab. »Er mag dich, ganz sicher. Aber Jason hat so viel um die Ohren, dass er darauf achten muss, seine Hauptziele nicht aus den Augen zu verlieren.«
Was erwartete der Mann eigentlich von mir? Ich starrte ihn an und fragte mich, wie ich seiner Meinung nach auf so eine Bemerkung wohl reagieren sollte. Ich lenkte Jason von seinen Hauptzielen ab? Ich spürte, wie ich rot wurde.
»Jedenfalls weiß ich ganz sicher«, fuhr Mr Talbot fort, »dass er – wie Martha und ich übrigens auch – die Hoffnung nicht aufgegeben hat, ihr zwei findet nach seiner Rückkehr eventuell einen gemeinsamen Weg, eure Beziehung fortzusetzen.«
Und mit diesen Worten wollte er sich die nächste Garnele schnappen. Doch während seine Hand sich zielsicher darauf zubewegte, riss Kristy das Tablett so heftig herum, dass ein paar Garnelen über den Rand rutschten und mit einem sanften Platsch auf dem Teppich landeten. Mr Talbot sah sie verwirrt an. Dann wanderte sein Blick zu den Garnelen auf dem Boden. Als würde er sich fragen, ob die Maximal-zwei-Stück-Regel auch auf diese anwendbar war.
»Tut mir Leid«, sagte Kristy in aalglattem Ton und machte auf dem Absatz kehrt. »Aber wir haben jetzt gerade das Hauptziel, die nächste Runde Vorspeisen zu servieren, und dürfen uns auf keinen Fall davon ablenken lassen.«
»Kristy!«, zischte ich.
»Komm endlich«, erwiderte sie ungerührt und marschierte los. Mir blieb gar nichts anderes übrig als ihr zu folgen; jedenfalls fiel mir auf die Schnelle nichts Besseres ein. Ich lief also hinter Kristy her, wobei ich mich nicht mehr umschaute. Ob aus Stolz oder weil ich mir den Anblick ersparen wollte, wie Mr Talbot Garnelen vom Fußboden aß, weiß ich nicht.
Kristy öffnete die Küchentür mit Schmackes, stürmte auf die Küchentheke zu und knallte das Tablett hin. Wes und Delia, die gerade Weingläser auf mehreren Tabletts bereitstellten, sahen uns erstaunt an.
»Krass. Absolut das Letzte!«, begann Kristy. »Ihr werdet nicht glauben, was da gerade abgegangen ist.«
»Ist noch etwas kaputtgegangen oder verschüttet worden?«, fragte Delia sofort. »Mann, was ist heute bloß los?«
»Nein, darum geht’s nicht«, erwiderte Kristy. Als ich sie ansah, wurde mir klar, dass ich vielleicht gekränkt, verletzt, Kristy dagegen stocksauer war.
»Wisst ihr, wer sich da draußen rumtreibt?«, fuhr Kristy fort.
Delia blickte alarmiert Richtung Tür. »Monica?«
»Nein. Der Vater von Macys ätzendem Freund. Und wisst ihr, was der gerade vor mir und allen anderen Leuten zu ihr gesagt hat?«
Dieses Mal versuchten Wes und Delia gar nicht erst die Frage zu beantworten, sondern sahen stattdessen erst mich und dann wieder Kristy an. Aus dem Nebenraum drang mal wieder Mrs Talbots Gegurre.
»Der Typ hat doch glatt quer durch den Raum krakeelt, sein beschissener, blöder Sohn habe sich von ihr getrennt, weil sie ihn beim Erreichen seiner Ziele störe.«
Delia hob die Augenbrauen. Und Wes? Keine Ahnung, wie er reagierte, da ich mich krampfhaft bemühte, nicht in seine Richtung zu schauen.
»Außerdem hat er mir die halbe Garnelenplatte weggefressen.« Kristy steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein. »Er beleidigt meine Freundin, schleudert ihr Unverschämtheiten ins Gesicht und wagt es dann noch, sich eine Garnele nach der anderen zu grabschen. Ich hätte ihm am liebsten eine runtergehauen.«
»Hast du aber nicht, oder?«, fragte Delia vorsichtig.
»Nein«, erwiderte Kristy. Delia enspannte sich merklich. »Aber ich habe ihm den Hahn zugedreht«, fuhr Kristy fort. »Keine Garnelen mehr für Monsieur, definitiv und unwiderruflich. Und wenn er sich noch einmal an mein Tablett ranmacht, trete ich ihm auf die Füße, aber so was von.«
»Bitte nicht«, sagte Delia. »Bitte, Kristy, lass gut sein. Kannst du ihn nicht einfach ignorieren?«
Und ich? Starrte angestrengt auf die gegenüberliegende Wand und versuchte mich zu beruhigen. Was mir angesichts der Fülle an Beleidigungen und Peinlichkeiten, denen ich in den letzten paar Minuten ausgesetzt gewesen war, nicht unbedingt leicht fiel.
»Es geht ums Prinzip.« Kristy schaufelte mit beiden Händen Garnelen auf die Servierplatte. »Und deshalb lautet die Antwort: Nein, ich kann ihn nicht ignorieren.«
Die Tür öffnete sich. Monica schleppte sich herein, blies sich ihren Pony aus dem Gesicht. »Garnelen«, meinte sie trocken und warf Kristy einen Blick zu.
»Kann ich mir denken.« Kristy stellte eine Schale mit frischer Cocktailsauce auf ihr Tablett, legte ein paar Servietten dazu. »Idioten!«
»Kristy«, sagte Delia beschwichtigend, doch Kristy stürmte bereits mit hoch erhobenem Tablett durch die Tür und ließ sie hinter sich zukrachen. Delia blickte sich leicht verzweifelt um, als würde sie etwas suchen; ihre Wahl fiel auf eins der Tabletts mit Weingläsern. Sie nahm es vorsichtig in beide Hände.
»Nur um sicherzugehen«, sagte sie, schob die Tür mit dem Fuß auf und blickte hinaus in den Salon, wo Kristy gerade an ein paar Gästen vorbeidüste, deren Hände sich vergeblich nach den Garnelen ausstreckten. »Ich drehe mal eine Runde mit dem Wein, um sie etwas im Auge zu behalten. Wes, du nimmst auch ein Tablett. Monica, da stehen Ziegenkäsetoasts frisch aus dem Backofen, servierst du die bitte? Und Macy –«
Ich drehte mich um und sah sie an, froh, etwas zu tun zu bekommen. Etwas, worauf ich mich konzentrieren konnte. Etwas, das mich ablenken würde.
»Tut mir Leid, was passiert ist.« Und bei diesen Worten lächelte Delia mich so herzlich an, dass ich mir beschämt vorkam. Als wäre dieses Lächeln die dritte Peinlichkeit des Abends, die größte von allen – obwohl ich genau wusste, dass Delia es so gar nicht gemeint hatte. Die Tür fiel hinter ihr zu. Ich stand da, mein Herz tat weh, mein Gesicht brannte. Als wären sämtliche Minderwertigkeitsgefühle, die sich seit Jasons E-Mail in mir angestaut hatten, nicht länger mein Geheimnis, sondern mir ins Gesicht geschrieben, für jedermann sichtbar.
Nachdem Delia gegangen war, kam mir die Küche irgendwie kleiner vor. Monica beförderte wie üblich langsamst Toasts vom Backblech auf eine Servierplatte. Wes stand irgendwo hinter mir im Raum und schenkte in die restlichen Gläser auf seinem Tablett Wein ein. Durch die Hintertür konnte ich in den Garten und auf die Straße schauen. Einen Augenblick lang war ich versucht die Tür zu öffnen. Hindurchzugehen. Weg von hier, nur weg. Ich spürte förmlich das Gras unter meinen Füßen, die Sonne auf meinem Gesicht, während ich das ganze Elend hinter mir ließ.
Monica nahm ihre Platte mit Toasts, ging so dicht an mir vorbei, dass sie mich beinahe anrempelte, und verschwand Richtung Salon. Für einen Moment drangen Partygeräusche und Stimmen durch die geöffnete Tür in die Küche, dann wurde es wieder still. Als ich mich umwandte, um Wes anzuschauen, hob auch er gerade sein Tablett an, wobei er die Gläser darauf geschickt verrückte, um sie ins Gleichgewicht zu bringen. Offensichtlich war ihm das in dem Moment wesentlich wichtiger als meine Unzulänglichkeiten und Fehler. Doch plötzlich sah er auf, erwiderte meinen Blick.
»Hey«, sagte er. Ich merkte, wie sich etwas in mir seiner unausweichlichen Frage entgegenstemmte.
»Bist du . . .«
»Okay. Alles in Ordnung«, platzte ich heraus. Es war so leicht, diese stereotype Antwort zu geben, es geschah automatisch. Wie oft hatte ich schon so reagiert? »Das war bloß eine blöde Bemerkung, hat mir nichts ausgemacht, wirklich, ich bin okay.«
». . . vielleicht in der Lage, auch ein Tablett mit Gläsern zu nehmen und rumzureichen?«, beendete Wes seine Frage.
Und dann klappten wir beide gleichzeitig den Mund zu. Pause. Einer dieser Momente, in denen man nicht weiß, wer auf was zuerst reagieren soll. Ich musste plötzlich an ein Rennen denken, bei dem die Kontrahenten zeitgleich über die Ziellinie gekommen sind und alle gespannt auf die Entscheidung der Wettkampfrichter warten, die noch heftig darüber debattieren, wie das Zielfoto zu interpretieren sei.
»Ja.« Ich deutete zustimmend mit dem Kinn auf das Tablett hinter ihm. »Geh schon mal vor, ich komme gleich nach.«
»In Ordnung.« Er sah mich an, als überlegte er, ob er noch etwas hinzufügen sollte. Doch dann sagte er nichts. Ging stattdessen zur Tür und stieß sie mit seiner freien Hand auf. »Bis gleich, wir sehen uns draußen.«
Während Wes durch die Tür in den Salon trat, erhaschte ich erneut einen flüchtigen Blick auf die Party. Viel konnte ich zwar nicht sehen, doch es reichte, um zu wissen, was dort draußen abging. Kristy pflügte auf ihrem Rachefeldzug für mich empört mit ihrem Tablett durch die Gästeschar, während Delia ihr auf dem Fuß folgte, Entschuldigungen murmelte, die Wogen glättete. Monica befand sich wahrscheinlich wie immer auf ihrem eigenen Trip und kriegte von alledem entweder überhaupt nichts mit oder drückte gerade durch ihre scheinbare Gleichgültigkeit aus, dass sie von den Ereignissen völlig aufgewühlt war – je nachdem, wie man es sehen wollte. Und Wes umkreiste den Raum wie ein guter Hütehund, der alles und jeden im Auge behielt. Ich passte in die Welt dort draußen – die Welt der Talbots – nicht hinein, jetzt noch weniger als vorher. Falls ich überhaupt je dazugehört hatte. Aber es war völlig okay, irgendwo nicht dazuzugehören, solange es einen Ort gab, wo man dazugehörte. Deshalb hob ich mein Tablett hoch, achtete darauf, es gerade zu halten, und ging durch die Tür, um meinen Freunden beim Servieren zu helfen.
»Nun hau schon ab, Delia«, sagte Kristy. »Wir schaffen das auch ohne dich. Alles im grünen Bereich.«
Delia schüttelte den Kopf, beide Hände an die Schläfen gepresst. »Ich weiß, ich habe etwas vergessen. Ich weiß es. Wenn ich bloß wüsste, was.«
Pete, Delias Mann, stand geduldig wartend neben seinem Wagen, Autoschlüssel in der Hand. »Unsere Tischreservierung, Liebes . . . hätten wir nicht vor ungefähr zehn Minuten dort sein sollen?«
»Das ist es nicht, was ich vergessen habe«, fauchte sie und warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Es ist etwas anderes. Meine Güte, Delia, wo hast du bloß deinen Kopf? Denk nach.«
Gähnend blickte Kristy auf ihre Armbanduhr. Halb acht. Wir hatten die Intellektuellenparty hinter uns gebracht, standen in der Auffahrt der Gastgeber herum und wollten endlich los. Das heißt, wir waren eigentlich schon fast weg gewesen, da fiel Delia ein, dass sie irgendetwas Wichtiges vergessen hatte. Aber sie kam einfach nicht drauf.
»Ihr wisst doch, wie das ist, oder?« Sie schnippte mit den Fingern, als könnte sie dadurch die Neurotransmitter in ihrem Hirn, die dafür sorgten, dass es ihr wieder einfallen würde, in Gang setzen. »Wenn man weiß, man hat was vergessen, kommt aber ums Verrecken nicht drauf, was es ist.«
»Bist du sicher? Vielleicht hat es ja was mit Schwangerschaftshormonen zu tun und du hast gar nicht wirklich was vergessen«, meinte Kristy.
Delia funkelte sie an. »Ja, ich bin sicher.«
Wir wechselten viel sagende Blicke. Je näher der errechnete Termin rückte, umso saurer wurde Delia, wenn irgendwer irgendwas – Vergesslichkeit, heftige Stimmungsschwankungen, die feste Überzeugung, dass jeder Raum definitiv zu heiß war, selbst wenn wir anderen vor lauter Kälte mit den Zähnen klapperten – auf ihre Schwangerschaft schob.
»Liebling«, meinte Pete sanft und legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm. »Der Babysitter kostet uns zehn Dollar pro Stunde. Können wir jetzt bitte losfahren und essen gehen?«
In einem letzten angestrengten Versuch, sich zu erinnern, schloss Delia die Augen. Schüttelte schließlich resigniert den Kopf. »Na gut«, sagte sie. Das Signal zum Aufbruch, endlich. Pete hielt ihr die Wagentür auf. Kristy kramte ihre Autoschlüssel aus der Handtasche. Wes und ich marschierten Richtung Lieferwagen.
»Ich wette mit euch, in fünf Minuten fällt es mir wieder ein. Und dann ist es zu spät«, murmelte Delia vor sich hin, während sie sich schwerfällig auf dem Beifahrersitz von Petes Auto niederließ, sich den Gurt angelte und ihn nur mit Mühe über ihren Bauch zog, um sich anzuschnallen. Als ich zu Wes in den Lieferwagen stieg, setzte Pete gerade aus der Auffahrt zurück und fuhr die Straße entlang davon. Am Stoppschild hielt er vorschriftsmäßig an. Ob es ihr wohl in diesem Augenblick einfiel? Vermutlich.
»Wann soll das Baby eigentlich kommen?«, rief Kristy durchs offene Fenster zu uns herüber, als sie – mit Monica auf dem Beifahrersitz – neben uns bremste. Sie hatte ihr Outfit inzwischen gewechselt; denn nachdem wir den Lieferwagen beladen und unser Geld bekommen hatten, verschwand sie kurz in der Garage und kam wieder mit Jeansminirock, Bluse mit gerafften Ärmeln, Plateausandalen, hoch angesetztem, wippendem Pferdeschwanz. Kristy war sehr wandlungsfähig, dachte ich bewundernd, während sie sich vor uns im Kreis drehte, um das Ausgeh-Styling des Abends vorzuführen.
»Am zehnten Juli«, antwortete Wes und ließ den Motor an.
»Also bleiben . . .« Angestrengt kniff Kristy die Augen zusammen, während sie auszurechnen versuchte wie viel Zeit bis dahin noch vergehen würde. Schließlich gab sie auf. »Jedenfalls noch viel zu lang, bis sie endlich wieder normal ist.«
»Drei Wochen«, meinte ich.
»Genau.« Kristy seufzte. Warf einen kurzen prüfenden Blick in den Rückspiegel. »Also, Leute, die Party ist in Lakeview. Bis zum Hillcrest Drive, dann rechts abbiegen, wieder links in die Willow Street. Es ist das Haus am Ende der Sackgasse. Wir treffen uns da. Ach, und Macy?«
»Ja?«
Sie beugte sich noch weiter durchs Fenster und sprach, als würde sie mir etwas total Vertrauliches mitteilen, obwohl wir ziemlich weit voneinander entfernt und in zwei unterschiedlichen Autos saßen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Wes sich genau zwischen uns befand. »Aus gut unterrichteten Kreisen weiß ich, dass jede Menge Supertypen auf diese Party kommen«, fuhr sie fort. »Jungs, die nicht so sind wie alle anderen. Du weißt, was ich meine?«
Wes fummelte am Rückspiegel herum, um ihn einzustellen. Ich war mir seiner Nähe deutlich bewusst.
»Äh . . . nein, nicht so genau«, antwortete ich.
»Keine Panik.« Kristy legte den ersten Gang ein. »Noch bevor dieser Abend zu Ende geht, wirst du es wissen. Bis gleich!« Autoradio auf volle Lautstärke eingestellt, bretterte sie im Rückwärtsgang los, wendete auf der Straße, blieb am Stoppschild nicht wirklich stehen und verschwand in einer Staubwolke.
»Na dann.« Wes fuhr ebenfalls los, allerdings in etwas gemäßigterem Tempo. »Dann checken wir mal, was auf dieser Party so abgeht, okay?«
»Klar.«
Während der nächsten fünf Minuten dachte ich krampfhaft darüber nach, wie ich möglichst geistreich eine Unterhaltung anzetteln könnte. Potenzielle Themen, von völlig banal bis halbwegs aussichtsreich, schwirrten mir durchs Hirn, während wir über stille, leere Landstraßen fuhren. Als ich das Schweigen nicht länger aushielt, machte ich einfach den Mund auf, um etwas zu sagen, obwohl ich noch gar nicht wusste, was.
»Also«, fing ich an. Doch weiter kam ich nicht. Und wie sich herausstellte, kamen auch wir nicht weiter.
Denn der Motor, der bis zu diesem Moment vergnügt vor sich hin gebrummt hatte, fing plötzlich an zu husten. Dann zu stottern. Zu stöhnen. Und schließlich: nichts mehr. Wir hielten auf dem platten Land an. Und da standen wir nun.
Zuerst sagte keiner von uns beiden etwas. Über uns flog ein Vogel daher, man sah allerdings nur seinen Schatten auf der Windschutzscheibe.
»Also«, meinte Wes, als würde er da weitermachen, wo ich begonnen hatte. »Das hat Delia vergessen.«
Ich sah ihn an. »Was?«
Er hob die Hand und deutete auf die Tankanzeige des Armaturenbretts. Der Zeiger stand bei null. Leer. »Benzin.«
»Benzin«, wiederholte ich. Und konnte in meinem Kopf förmlich hören, wie auch Delia das Wort aussprach, nachdem es ihr endlich eingefallen war. Ein Schlag mit der flachen Hand gegen die Stirn und: Benzin.
Wes hatte bereits die Tür auf seiner Seite geöffnet und stieg aus. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich stieg ebenfalls aus, lief um den Lieferwagen herum und blickte in beide Richtungen die leere Straße entlang.
Ich hatte schon oft gehört, wie Leute beim Erzählen den Ausdruck »mitten im Nirgendwo« benutzten, und es eigentlich immer als Übertreibung empfunden. Doch während mein Blick nun über die flachen Wiesen und Felder schweifte, die uns umgaben, kam mir der Ausdruck plötzlich als sehr zutreffend in den Sinn. Kein Auto in Sicht, keine Häuser in erreichbarer Nähe. Das einzige Licht stammte vom Mond, der voll und gelb auf halber Höhe über uns am Himmel hing.
»Wie weit ist es deiner Meinung nach bis zur nächsten Tankstelle?«, fragte ich.
Wes kniff die Augen zusammen und blickte prüfend in die Richtung, aus der wir gekommen waren, bevor er sich umdrehte und die Straße vor uns entlangschaute. Er sah aus, als würde er eine wissenschaftliche Einschätzung vornehmen. »Keine Ahnung«, meinte er schließlich. »Ich schätze, das finden wir noch früh genug heraus.«
Wir schoben den Lieferwagen an den Straßenrand, kurbelten die Fenster hoch, schlossen die Türen ab. In der Stille hörte sich alles besonders laut an: unsere Schritte, das Schließen der Türen, der unvermittelte Ruf einer Eule, bei dem ich heftig zusammenzuckte. Während Wes ein letztes Mal nachsah, ob der Lieferwagen auch wirklich okay stand und richtig abgeschlossen war, stellte ich mich mitten auf die Straße und wartete auf ihn. Die Hände in den Taschen vergraben, kam er schließlich auf mich zugelaufen.
»Okay, jetzt müssen wir uns entscheiden«, sagte er. »Links oder rechts?«
Ich blickte erst in die eine, dann in die andere Richtung. »Links«, meinte ich. Und wir marschierten los.
»Grüne Bohnen«, sagte Wes.
»Nusseis«, konterte ich.
Er musste einen Moment überlegen. Alles, was ich in der Stille hören konnte, waren unsere Schritte. »Sahnetorte.«
»Erdbeereis.«
»Mit wie vielen Eissorten willst du mir denn noch kommen?« Entnervt legte er den Kopf in den Nacken und blickte gen Himmel. »Mir fallen keine Wörter mit S mehr ein.«
»Ich habe dich gewarnt«, antwortete ich. »Ich spiele das Spiel schließlich nicht zum ersten Mal.«
Wieder dachte er schweigend nach. Bereits seit zwanzig Minuten gingen wir die dunkle Landstraße entlang. Bisher war kein einziges Auto vorbeigekommen. Ich hatte zwar mein Handy dabei, aber Kristy ging nicht ran, Bert war nicht zu Hause und meine Mutter bei einer Besprechung, deshalb waren wir fürs Erste auf uns allein gestellt. Nachdem wir eine Zeit lang stumm nebeneinander hergelaufen waren, meinte Wes, wir könnten vielleicht etwas spielen, weil es a) Spaß mache und b) die Zeit dadurch schneller vergehe. Für Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst war es zu dunkel, deshalb schlug ich Letzter-Buchstabe-gleich-erster-Buchstabe vor. Das kannte er zwar nicht, hatte aber nichts dagegen. Ich ließ ihn sogar das Gebiet aussuchen, Nahrungsmittel und Speisen, aber er hatte trotzdem schwere Probleme mitzuhalten.
»Slim Fast«, verkündete er nun.
»Das ist nichts zu essen.«
»Was denn sonst?«
»Was zu trinken.«
Er warf mir einen Blick zu. »Du willst wohl um jeden Preis gewinnen?«
»Nein.« Ich schob meine Hände in die Hosentaschen. Ein leichter Wind strich über uns hinweg, so dass die Blätter in den Bäumen am Straßenrand raschelten. »Trotzdem ist es etwas zu trinken und nichts zu essen. Mehr sage ich gar nicht.«
»Du bist ja eine richtige Pedantin«, meinte er. »Ich wusste gar nicht, dass du so auf Regeln abfährst.«
»Es war einfach nötig, darauf zu achten, weil meine Schwester bei allem gemogelt hat.«
»Sogar bei diesem Spiel?«
»Bei jedem Spiel«, antwortete ich. »Wenn wir Monopoly gespielt haben, wollte sie immer die Bank verwalten und zahlte sich dafür bei jedem Kauf oder Verkauf von Grundstücken und Häusern alle möglichen Kredite und Servicegebühren aus. Erst als ich mit zehn oder elf Jahren mal bei wem anders Monopoly gespielt habe, kriegte ich mit, dass man das gar nicht darf.«
Wes lachte. Auch dieses Geräusch wirkte in der Stille lauter, als es war. Ich musste bei der Erinnerung ebenfalls lächeln.
»Du weißt doch, es gibt ein Spiel, bei dem man einander anstarrt, und der, der als Erster blinzelt, hat verloren«, fuhr ich fort. »Sie hat immer geblinzelt, immer, schwor aber jedes Mal, das stimme nicht, absolut nicht, wie kommst du darauf, dass ich geblinzelt habe, und zwang einen weiterzumachen, bis sie tatsächlich gewonnen hatte. Und bei Wahrheit log sie grundsätzlich.«
»Wahrheit?« Er warf einen Blick über die Schulter, weil hinter uns ein leicht gruseliger Ruf ertönte. Ich hoffte, dass es wieder eine Eule und nicht irgendetwas anderes war.
»Was ist das jetzt wieder, Wahrheit?«, fuhr Wes fort.
Ich sah ihn an. »Sag bloß, du hast noch nie Wahrheit gespielt«, antwortete ich. »Was habt ihr früher eigentlich gemacht, wenn ihr im Auto unterwegs wart?«
»Über Politik und aktuelles Zeitgeschehen oder andere anregende Gesprächsthemen diskutiert.«
»Oh.«
»Das war ein Witz.« Er lächelte. »Normalerweise haben wir Comics gelesen und uns hinten auf der Rückbank geprügelt, bis mein Vater drohte, anzuhalten und ›die Sache ein für alle Mal zu regeln‹. Typischer Spruch von ihm. Später, als wir dann nur noch mit meiner Mutter unterwegs waren, haben wir Folksongs gesungen.«
Da musste ich doch mal nachfragen. »Ihr habt Folksongs gesungen?« Irgendwie schwer vorstellbar.
»Ich hatte keine andere Wahl. Es war wie bei dem Linsenauflauf. Alternativen gab es nicht.« Er seufzte tief. »Ich kenne sämtliche Lieder von Woody Guthrie auswendig.«
»Singst du mir was vor?« Ich stieß ihn mit dem Ellbogen an. »Du willst mir doch ganz bestimmt was vorsingen.«
»Nein«, erwiderte er knapp.
»Komm, mach schon. Ich wette, du kannst super singen.«
»Nein.«
»Wes«, sagte ich mit ernster Stimme.
»Macy«, entgegnete er ebenso ernst. »Nein.«
Eine Zeit lang gingen wir wieder schweigend nebeneinanderher. In weiter Ferne sah ich plötzlich Scheinwerferlicht, doch der Wagen bog ab. Wes atmete entnervt durch und ich fragte mich, wie weit wir wohl schon gelaufen waren.
»Okay, zurück zur Wahrheit«, sagte er. »Wie spielt man das?«
»Fällt dir kein anderes Nahrungsmittel mit S mehr ein?«, konterte ich.
»Quatsch«, antwortete er entrüstet. Doch dann: »Kann schon sein. Also, wie geht Wahrheit?«
»Das können wir nicht spielen«, antwortete ich. Vor uns stieg der Weg jetzt leicht an und aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Zaun neben der Straße auf.
»Warum nicht?«
»Weil es ziemlich ekelig werden kann«, antwortete ich.
»Inwiefern?«
»Ist einfach so. Man muss nämlich die Wahrheit sagen, selbst wenn man nicht will.«
»Damit komme ich schon klar«, erwiderte er.
»Dir fällt doch nicht mal mehr ein Lebensmittel mit S ein«, sagte ich.
»Dir denn?«
»Schnecken«, antwortete ich. »Salbeinudeln.«
»Okay, okay, ich glaube dir ja. Trotzdem – verrate mir jetzt endlich, wie man Wahrheit spielt.«
»Na gut, aber sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
Er warf mir bloß einen Blick zu. Okay, dachte ich, wie du willst.
»Es gibt bei Wahrheit nur eine einzige Regel. Nämlich dass man die Wahrheit sagen muss.«
»Und wie gewinnt man?«, erkundigte er sich.
»Typisch«, meinte ich. »So eine Frage können auch nur Jungen stellen.«
»Wieso? Weil Mädchen keinen Wert darauf legen, zu gewinnen?« Er lachte trocken auf. »Erzähl mir nichts. Du warst doch diejenige, die plötzlich auf die Regeln pochte und mir nicht zugestehen wollte, dass Slim Fast etwas zu essen ist.«
»Ist es auch nicht, sondern was zu trinken.«
Er verdrehte die Augen. Ich fasse es nicht, dachte ich. Noch vor ein, zwei Wochen war es eine echte Herausforderung für mich gewesen, in Wes’ Gegenwart auch nur einen einzigen zusammenhängenden Satz über die Lippen zu bringen. Und jetzt diskutierten wir über Getränke.
»Okay, zurück zum Thema«, meinte er. »Was muss ich über das Wahrheitsspiel noch wissen?«
Ich holte tief Luft. »Um zu gewinnen, muss man eine Frage stellen, die der andere nicht beantworten will. Sagen wir mal, ich stelle dir eine Frage und du weigerst dich zu antworten. Dann darfst du mir eine stellen, aber wenn ich sie beantworte, habe ich gewonnen.«
»Viel zu einfach«, meinte er. »Und wenn ich dich was total Harmloses frage?«
»Das würdest du nicht«, antwortete ich. »Man stellt in so einem Moment immer eine richtig schwierige, heikle Frage. Weil man nämlich gewinnen will. Du auch.«
»Aha.« Er nickte, zögernd, aber zustimmend. Dachte noch einen Moment lang über das nach, was ich gesagt hatte. Nickte erneut: »Mann, klingt wirklich hart. Das kann höllisch werden.«
»Ist ein typisches Mädchenspiel, zum Beispiel dann, wenn alle zusammen bei einer Freundin übernachten und Lust auf Drama haben.« Ich legte meinen Kopf in den Nacken und sah zu den Sternen empor. »Ich habe dir gesagt, dieses Spiel willst du gar nicht spielen.«
»Doch.« Er streckte sich, warf sich in die Brust. »Das kriege ich schon hin.«
»Ehrlich?«
»Ja. Schieß los.«
Nun dachte ich einen Augenblick lang nach. Wir liefen an der gelben Mittellinie entlang. Der Mond warf schräge Strahlen zu uns herab. »Also gut«, sagte ich schließlich. »Lieblingsfarbe?«
Er warf mir einen Blick zu. »Die Frage ist eine Beleidigung. Du brauchst mich nicht zu schonen.«
»Ich will dich nicht schonen, nur langsam an das Spiel gewöhnen«, antwortete ich.
»Vergiss das mit dem Gewöhnen. Frag mich was Richtiges.«
Ich verdrehte die Augen. »Ja ja, schon gut.« Und dann fragte ich ohne nachzudenken: »Weswegen wurdest du auf die Myers School geschickt?«
Wes schwieg. Auf einmal war ich mir sicher, dass ich zu weit gegangen war.
Doch schließlich antwortete er: »Ich bin zusammen mit ein paar Kumpels eingebrochen. Wir haben nichts geklaut, nur ein paar Bier aus dem Kühlschrank genommen und getrunken. Aber ein Nachbar sah uns von nebenan und alarmierte die Bullen. Als sie auftauchten, sind wir getürmt, aber sie haben uns erwischt.«
»Warum hast du das überhaupt gemacht?«
»Was? Abhauen?«
»Nein«, antwortete ich, obwohl mich das ebenfalls interessiert hätte. »Einbrechen.«
Wes zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Meine Kumpels hatten solche Aktionen schon ein paar Mal gebracht, ich bis dahin noch nie. Ich habe eben mitgemacht, weil ich in dem Moment zufällig mit ihnen herumhing.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Es war das erste Mal, dass ich überhaupt was Strafbares gemacht habe. Das erste und einzige Mal. Aber Staatsanwalt und Richter waren zu der Zeit auf dem Trip, dass sie einem harte Strafen verpassten, um es einem von vornherein gründlich auszutreiben. Deshalb buchteten sie mich ein. Eigentlich für sechs Monate, aber ich war nach vieren wieder draußen.«
»Mein Freund«, begann ich, hatte aber sofort das Gefühl, mich dringend korrigieren zu müssen, und fügte deshalb hinzu: »Mein angeblicher Ex-Freund oder auch nicht war oft in Myers, um Nachhilfestunden zu geben.«
»Echt?«
Ich nickte. »Ja.«
»Genau, was ist eigentlich mit diesem so genannten Freund los?«, fragte er.
»Bitte?«
»Ich bin dran mit Fragen«, antwortete Wes. »So läuft das Spiel doch, oder?«
»Äh . . . ja, stimmt«, sagte ich.
Wes machte eine lässige Geste, nach dem Motto: Hab ich Recht oder hab ich Recht? Das kann ja toll werden, dachte ich, und spähte angestrengt in die Ferne, ob vielleicht irgendwo Scheinwerferlicht zu sehen wäre. Vergeblich.
»Ich warte«, meinte Wes. »Gibst du auf?«
»Nein«, entgegnete ich bissig. »Ich werde antworten. Ich denke bloß darüber nach, wie ich es formulieren soll.«
Wieder vergingen ein paar Sekunden.
»Gibt es eine zeitliche Begrenzung bei dem Spiel?«, fragte er. Ich funkelte ihn an.
»Man wird ja wohl noch fragen dürfen«, murmelte er leicht spöttisch.
»Na gut.« Ich holte tief Luft. »Wir waren ungefähr anderthalb Jahre zusammen. Und er ist so . . . er ist so was wie ein Genie, musst du wissen. Hyperbegabt, hochintelligent, super engagiert. Am Anfang der Sommerferien ist er weggefahren, worauf ich wohl ein bisschen zu sehr geklammert habe, falls du verstehst, was ich meine. Da hat er anscheinend Angst bekommen. Er braucht eben seine Freiheit.«
»Was meinst du genau mit Klammern?«, fragte er.
»Weißt du nicht, was das Wort bedeutet, oder was?«
»Ich weiß, was es für mich bedeutet«, entgegnete er. »Aber das ist individuell verschieden.«
»Nun«, fing ich an, unterbrach mich aber sofort wieder, weil ich tatsächlich nicht genau wusste, wie ich es ihm erklären sollte. »Zuerst hat er sich darüber aufgeregt, dass ich den Job, bei dem ich ihn vertrete, nicht so ernst genommen habe, wie ich seiner Meinung nach sollte. Und als ich ihm dann in einer E-Mail auch noch schrieb, dass ich ihn liebe, hat er gescheut.«
»Gescheut?«
»Wie ein Pferd«, antwortete ich. »Oder brauchst du für das Wort auch noch mehr Erklärung?«
»Nö.« Er legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Mond hinauf. »Das heißt also, ihr habt Probleme miteinander, weil du ihm die bewussten drei Worte geschrieben und den Job in der Bibliothek nicht ganz so ernst genommen hast, wie er es sich gewünscht hätte.«
»Ja, so ungefähr.« In Wes’ Zusammenfassung klang das Ganze ziemlich banal und dämlich, genau wie bei Kristy, nachdem ich es ihr erzählt hatte. Aber alles klingt dämlich und banal, wenn man lediglich die Fakten beschreibt, ohne die Zusammenhänge zu erklären, und – da durchzuckte es mich: »Moment mal.« Ich blieb abrupt stehen. »Von der Bibliothek habe ich keinen Ton gesagt.«
»Doch, hast du«, antwortete er. »Du –«
Ich fiel ihm ins Wort, weil ich mir absolut sicher war. »Nein, ich habe sie mit keiner Silbe erwähnt.«
Pause. Wes war ebenfalls stehen geblieben. Wich meinem Blick nicht aus, schwieg aber.
»Kristy«, sagte ich schließlich.
»Nicht direkt. Ich habe bloß ein bisschen was von dem mitgekriegt, worüber ihr euch neulich Nacht auf der Lichtung unterhalten habt.«
Ich lief weiter. »Dann hast du es jetzt eben doppelt gehört. Obwohl ich finde, dafür müsstest du eigentlich bestraft werden. Schließlich hast du eine Frage gestellt, deren Antwort du bereits kanntest. Das verstößt gegen die Regeln.«
»Ich denke, die einzige Regel besteht darin, dass man unter allen Umständen die Wahrheit sagen muss.«
Ich schnitt eine Grimasse. »Okay, dann gibt es eben zwei Regeln.«
Wes schnaubte belustigt. »Und als Nächstes erzählst du mir was von Servicegebühren oder was?«
»Was ist eigentlich los mit dir?«, fragte ich. »Hast du irgendein Problem?«
Ein Achselzucken. »Nö, überhaupt nicht. Ich schlage bloß vor, diese neue Regel ersatzlos zu streichen.«
»Du hast überhaupt nichts vorzuschlagen«, erwiderte ich. »Dies ist ein Spiel mit genau definierten Regeln, das schon gespielt wurde, bevor du überhaupt wusstest, dass es existiert.«
»Mag ja sein, aber das ist nicht der Punkt.«
Manno! War der eigentlich immer so stur? Die Eigenschaft war mir an Wes bisher noch gar nicht aufgefallen.
»Genau definierte Regeln, ha!«, fuhr Wes gerade fort. »Du denkst dir doch selber ständig neue aus, je nachdem, wie es dir in den Kram passt.«
»Tue ich nicht«, antwortete ich empört. Doch er warf mir bloß einen Blick zu nach dem Motto: Ich glaube dir kein Wort. Deshalb setzte ich hinzu: »Okay, wenn du schon die Regeln ändern willst, dann erkläre mir wenigstens mal, warum und in welchem Fall das überhaupt nötig wäre.«
Er lachte. »Ui, das klingt aber schwer nach Schülermitverwaltung.«
Eigentlich hätte ich auf diese Bemerkung hin alles Recht gehabt, beleidigt zu sein, fand ich, verkniff mir aber jeglichen Kommentar und sagte stattdessen auffordernd: »Ich warte.«
»Ich finde, manchmal sollte es schon erlaubt sein, eine Frage zu stellen, deren Antwort man kennt«, antwortete er.
Typisch Mann, dachte ich. Meckert an den Regeln rum, bevor das Spiel überhaupt richtig losgegangen ist.
»Auf diese Weise kann man testen, ob der andere auch wirklich die Wahrheit sagt.«
In dem Moment sahen wir es: Scheinwerferlicht in der Ferne. Es kam auf uns zu, näher, immer näher – bis es schließlich an einer Abbiegung nach links fegte und wieder verschwand.
Wes schüttelte frustriert den Kopf und sah mich an. »Na schön, vergiss es. Lassen wir das mit den Extraregeln. Wir einigen uns darauf, nie zu lügen, basta. Okay?«
Ich nickte. »Von mir aus.«
»Dann mal los, du bist dran«, sagte er.
Ich dachte sorgfältig nach, wollte mir nämlich eine wirklich gute Frage einfallen lassen. Schließlich hatte ich sie: »Okay, du hast mich danach gefragt, also tue ich’s auch. Erzähl mir von deiner letzten Freundin.«
»Von meiner letzten Freundin?«, fragte er zurück. »Oder von meiner jetzigen?«
Ich muss zugeben, ich war überrascht. Nicht nur überrascht – nein, es haute mich fast um vor Enttäuschung. Aber ich fing mich schnell wieder. Was hatte ich mir denn eingebildet? Natürlich hatte ein Typ wie Wes eine Freundin.
»Deine jetzige Freundin«, erwiderte ich daher. »Was läuft zwischen euch?«
»Nun, sie sitzt hinter Schloss und Riegel, damit fängt es schon mal an«, antwortete er.
Ich sah ihn an. »Du bist mit einer zusammen, die im Gefängnis ist?«
»In einer geschlossenen Anstalt, die auf Entziehungskuren spezialisiert ist.« Das Wort kam ihm so leicht über die Lippen wie mir das Wort Schlaumeiercamp, wenn ich Leuten erzählte, wo Jason gerade steckte. Als wäre es genauso normal. »Ich habe sie in Myers kennen gelernt. Man hatte sie wegen Ladendiebstahls eingebuchtet, doch weil sie seither noch mal erwischt worden ist, und zwar mit ziemlich viel Marihuana in den Taschen, muss sie jetzt ihre Zeit im Evergreen Care Center absitzen, zumindest solange die Versicherung ihres Vaters die Rehabilitierungsmaßnahme noch zahlt.«
»Wie heißt sie?«
»Becky.«
Becky. Becky, die bekiffte Ladendiebin, dachte ich, rief mich aber sofort zur Ordnung. Sei nicht so gemein, ermahnte ich mich selbst, bevor ich fragte: »Scheint was Ernstes zu sein zwischen euch, oder?«
Erneutes Achselzucken. »Becky hatte im letzten Jahr ständig irgendwelchen Ärger, deswegen haben wir uns kaum gesehen. Sie will partout nicht, dass ich sie in Evergreen besuche, deshalb haben wir beschlossen zu warten, bis sie wieder draußen ist, und dann zu sehen, wie’s mit uns weitergehen könnte.«
»Und wann wird das sein?«
»Am Ende des Sommers.« Wes trat gegen ein Steinchen, so dass es quer über den Asphalt schlitterte. »Bis dahin hängen wir sozusagen in einer Art Warteschleife.«
»So ähnlich wie bei mir«, antwortete ich. »Ende August wollen wir überlegen, ob wir wieder zusammenkommen oder ob es für uns beide das Beste ist, wenn wir endgültig auseinander gehen.«
Er verzog leicht gequält das Gesicht. »Das klingt wie ein Zitat.«
Ich seufzte. »Stimmt, genau so hat er es in seiner E-Mail ausgedrückt.«
»Autsch!«
»Ich weiß.«
Schweigend liefen Wes und ich Seite an Seite durch die Dunkelheit. Komisch, wie viel man mit jemandem gemeinsam haben kann, bei dem man das auf den ersten Blick nicht für möglich gehalten hätte, dachte ich. An jenem Abend vor unserem Haus, als ich ihn kennen lernte, hätte ich das jedenfalls nie gedacht. Ich hatte bloß einen umwerfend gut aussehenden Jungen wahrgenommen und mit Recht vermutet, dass ich ihn dieses eine Mal und ansonsten nie wieder sehen würde. Was er wohl über mich gedacht hatte?
Wieder stieg die Straße leicht an, dieses Mal umsäumt von Bäumen. »Ich bin dran«, verkündete Wes.
Ich schob meine Hände in die Hosentaschen.
»Und? Wie lautet die Frage?«
»Was ist der wahre Grund, warum du aufgehört hast zu laufen?«
Ich merkte, dass ich scharf die Luft einsog, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt, so jäh und unvermittelt überfiel mich die Frage. Über Jason konnte ich reden, kein Problem. Aber das hier war etwas anderes. Etwas ganz anderes. Es ging weit über die Frage selbst hinaus. Doch ich hatte mich nun mal drauf eingelassen, Wahrheit zu spielen. Und soweit ich es bisher beurteilen konnte, spielte Wes absolut fair. Es war dunkel, es war still. Wir waren allein. Und plötzlich merkte ich, dass ich schon angefangen hatte zu antworten.
»An dem Tag, an dem mein Vater gestorben ist, kam er morgens in mein Zimmer, um mich zu wecken.« Ich hielt meine Augen stur auf die Straße vor uns gerichtet. »Er wollte, dass ich mitkomme, aber ich war noch viel zu verpennt und faul. Deshalb habe ich bloß abgewunken und gemeint, er solle ohne mich laufen gehen.«
Ich hatte diese Geschichte noch nie jemandem erzählt, meine Gedanken und Gefühle dazu noch nie Wort für Wort ausgesprochen. Und ich konnte kaum glauben, dass ich es nun tatsächlich tat.
»Kurze Zeit später änderte ich allerdings meine Meinung.« Ich unterbrach mich. Schluckte. Ich brauchte nicht weiterzuerzählen, nein. Wenn ich wollte, konnte ich jederzeit aufhören und mich geschlagen geben. Aber aus irgendeinem Grund redete ich wie ein Wasserfall. »Deshalb stand ich doch auf und rannte ihm nach. Ich wusste, wo er langlaufen würde, wusste, dass ich ihn einholen konnte. Er nahm dieselbe Route wie jedes Mal, wenn wir zusammen joggten. Raus aus unserer Straße, rechts auf den Willow Drive, links in die McKinley Road.«
Wes schwieg, aber ich wusste, dass er aufmerksam zuhörte. Spürte es einfach.
»Ich hatte einen guten halben Kilometer hinter mir. An der Stelle steigt die Straße leicht an. Als ich oben ankam, sah ich ihn. Er lag auf dem Bürgersteig.«
Ich wusste, dass Wes mich ansah, wusste allerdings auch, diesen Blick durfte ich nicht erwidern, sonst hätte ich nicht weitergesprochen. Deshalb schaute ich stur geradeaus und redete weiter. Immer weiter. Meine Schritte, unsere Schritte erklangen gleichmäßig auf dem Asphalt. Sag was, dachte ich, nicht aufhören.
»Im ersten Moment habe ich es überhaupt nicht richtig begriffen«, fuhr ich fort. »Ich meine, ich sah ihn dort liegen, aber mein Gehirn konnte die Eindrücke nicht verarbeiten, deshalb sah ich im Prinzip gar nichts, obwohl es sich unmittelbar vor meinen Augen abspielte.«
Die Worte stürzten nur so aus meinem Mund. Im Grunde genommen redete ich viel zu schnell, konnte das jedoch genauso wenig kontrollieren wie die Tatsache, dass sie überhaupt kamen. Die Worte. Sich geradezu rausdrängten. Und weil sie so lang in mir gefangen gewesen waren, konnte niemand und nichts sie mehr aufhalten, nicht einmal ich selbst.
»Ich fing an zu rennen. Schneller, immer schneller. Ich rannte wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich denke, es lag am Adrenalin. Nie bin ich so schnell gewesen wie in dem Moment. Nie!«
Alles, was ich hörte, waren unsere Schritte. Die stille Dunkelheit. Und meine Stimme.
»Neben meinem Vater kniete ein Mann.« Ich hörte und hörte nicht auf zu sprechen. »Ein Passant, der auf dem Weg zum Einkaufen gewesen war und versuchte meinen Vater durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Was er allerdings ungefähr in dem Moment aufgab, als ich bei ihnen war. Der Notarztwagen kam, wir fuhren ins Krankenhaus. Aber es war zu spät.«
Und damit hatte ich es geschafft. Es war vorbei. Ich merkte, dass ich schneller atmete als sonst, spürte den Luftzug an meinen Zähnen, meinen Lippen. Außerdem wurde mir etwas schwindelig; als hätte ich dadurch, dass ich diese Geschichte nicht mehr so krampfhaft umklammerte und an mich drückte wie bisher, mein Gleichgewicht verloren. Trauer kann eine Last sein, aber auch ein Anker. Man gewöhnt sich an das Gewicht der Trauer. Gewöhnt sich daran, wie es einen stabilisiert und verwurzelt. Wie man sich daran festhalten kann.
»Bitte nicht«, erwiderte ich, denn ich wusste, was als Nächstes kam, irgendeine Beileidsbekundung, die ich jedoch nicht hören wollte. In diesem Moment nicht. Und vor allem nicht von ihm. »Bitte. Du brauchst jetzt gar nichts –«
Unvermittelt wurden wir von Licht überflutet. Helles, gelbes Licht, das am oberen Ende der Steigung vor uns aufflammte und sich über uns ergoss. Plötzlich warfen wir wieder Schatten. Und mussten beide blinzeln. Wes schirmte sich die Augen mit der Hand ab. Der Motor des sich nähernden Wagens ratterte ziemlich laut. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er neben uns anhielt.
»Hallo ihr.« Eine Männerstimme. Vermutlich der Fahrer. Aber das konnte ich letztlich ebenso wenig erkennen wie sein Gesicht, dazu war der Übergang von dunkel zu hell einfach zu abrupt. »Soll ich euch mitnehmen? Was treibt ihr überhaupt hier draußen?«
»Wir hatten kein Benzin mehr«, sagte Wes. »Wo ist die nächste Tankstelle?«
Der Mann deutete mit dem Daumen in die entgegengesetzte Richtung. »Ungefähr fünf Kilometer da lang. Wo steht euer Auto?«
»Etwa drei Kilometer da lang«, antwortete Wes und deutete in dieselbe Richtung wie der Typ.
»Dann steigt mal ein.« Er griff nach hinten, um die Türen zu entriegeln. »Ich fahre euch hin. Habt ihr mich erschreckt, als ihr so plötzlich aus der Dunkelheit aufgetaucht seid. Ich dachte, jetzt habe ich gleich ein Reh auf der Kühlerhaube.«
Wes öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite, hielt sie auf, damit ich einsteigen konnte, und glitt neben mir auf die Rückbank. Im Wageninneren roch es nach Motoröl und Zigarrenrauch. Der Mann fuhr los. Von schräg hinten konnte ich ihn nur im Profil sehen; er hatte weiße Haare, eine leicht gebogene Nase und er fuhr fast so langsam wie Bert. Seltsam, dass wir seinen Wagen nicht eher gesehen hatten. Er war einfach plötzlich erschienen, als wäre er vom Himmel gefallen.
Ich lehnte mich zurück. Mein Herz fühlte sich an, als würde es zittern. Ich konnte immer noch nicht fassen, was ich soeben getan hatte. Nie wieder würde ich diese Geschichte zurücknehmen, ordentlich zusammenfalten und erneut an dem Ort verstauen können, wo ich sie die ganze Zeit, bis heute, aufbewahrt hatte. Egal was noch geschah – von nun an würde ich mich für immer an Wes erinnern, denn indem ich ihm die Geschichte erzählt hatte, war er ein Teil von ihr geworden. Ein Teil meiner eigenen Geschichte.
Wir fuhren an Delias Lieferwagen vorbei. »Ist das eurer?« Der Mann sah uns im Rückspiegel fragend an.
»Ja«, antwortete Wes.
»Ihr konntet es wohl nicht besser wissen«, sagte er. Im ersten Moment wusste ich nicht, was er meinte, doch als wir kurze Zeit später über eine niedrige Anhöhe gefahren und um eine Kurve gebogen waren, sah ich sie: eine hell erleuchtete Tankstelle. Das Neonschild im Fenster verkündete geradezu aufdringlich GEÖFFNET. »Ihr hattet keine Ahnung, wie nah ihr im Grunde dran wart«, setzte der Mann hinzu.
»Nein, offensichtlich nicht«, meinte Wes.
Als wir vor den Zapfsäulen anhielten, drehte ich mich zur Seite, weil ich Wes noch etwas sagen wollte. Doch er öffnete bereits die Tür, stieg aus und lief um den Wagen herum, um den Benzinkanister aus dem Kofferraum zu holen. Also blieb ich einfach hocken. Starrte ins Leere. Das Neonlicht flackerte über mir. Der Mann ging in den Laden, um Zigaretten zu kaufen. Wes füllte den Kanister mit Benzin. Er stand mit dem Rücken zu mir und hielt die Augen auf die Anzeiger der Zapfsäule gerichtet, deren Zahlen unaufhaltsam weiterklickten.
Ich blickte auf. Merkte, dass Wes sich umgedreht hatte und mich ansah. Innerlich ging ich sofort in Habachtstellung, um für das gewappnet zu sein, was ich in seinem Gesicht lesen würde. Sein Gesicht, das ich seit mehr als einer Stunde zum ersten Mal wieder deutlich erkennen konnte. Ich musste mich schützen. Schließlich hatte ich bei Jason die Erfahrung gemacht, dass er sich jedes Mal zurückzog, ja, mich abwies, wenn ich mich geöffnet hatte. Ich machte mich darauf gefasst, dass es mir mit Wes ebenso ergehen würde. Im Grunde ging ich fest davon aus.
Aber als ich Wes’ Blick nun erwiderte, sah ich nur das Gesicht, das ich bereits kannte und das mir jetzt sogar noch vertrauter erschien als zuvor. Dieselben ebenmäßigen Gesichtszüge, dasselbe angedeutete Lächeln. Er signalisierte mir das Fenster runterzukurbeln.
»Hey«, sagte er.
»Hey.«
Ich wartete. Was kam jetzt? Was für Worte würde er finden? Womit würde er versuchen die Situation erträglicher zu machen, sie vielleicht sogar zu entspannen?
»Mir ist doch noch eins eingefallen«, sagte er.
Perplexer Blick meinerseits. »Bitte?«
»Suppengrün«, sagte er stolz und fügte rasch hinzu: »Und wehe, du behauptest jetzt, das sei nichts zu essen. Es ist ganz eindeutig was zu essen. Und dieses Mal werde ich nicht kampflos nachgeben. Dieses Mal habe ich Recht.«
Ich lächelte. »Kein Kampf. Suppengrün gilt.«
Der Kanister war voll, die Pumpe stellte sich automatisch ab. Wes hängte den Einfüllstutzen wieder an die Zapfsäule und schraubte die Verschlusskappe auf den Kanister. »Brauchst du irgendwas?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf.
Wes ging los, um zu bezahlen.
Neben meinen Füßen summte etwas. Mein Handy. Ich öffnete meine Tasche, holte es raus und drückte auf den Knopf, während ich es mir ans Ohr hielt. »Hal –«
»Wo bleibt ihr denn?«, fragte Kristy energisch. Im Hintergrund hörte ich Partygeräusche: Musik, laute Stimmen. »Wir machen uns Sorgen um euch. Monica dreht schon fast durch, sie kann sich gar nicht mehr beruhigen –«
»Wir hatten kein Benzin mehr.« Ich wechselte das Handy von einem Ohr zum anderen. »Ich habe dir auf deine Mailbox gesprochen. Wir waren in der Pampa gestrandet, mitten im Nirgendwo.«
»Nachricht? Ich habe keine –« Pause. Vermutlich checkte sie gerade zum ersten Mal an diesem Abend, ob sie Nachrichten auf ihrer Mailbox hatte. »Ach so . . . ja . . . meine Güte! Wo seid ihr? Alles okay?«
»Ja, uns geht’s gut, macht euch keinen Kopf. Zum Glück hat uns jemand mitgenommen. Im Moment sind wir an einer Tankstelle.«
»Da bin ich aber froh.« Ich hörte, wie sie die Information an Monica weitergab, deren Gesicht beim Zuhören bestimmt genauso ausdruckslos und gelangweilt wirkte wie sonst, da konnte sie sich vorher noch solche Sorgen gemacht haben. Oder auch nicht. Jetzt ertönte Kristys Stimme wieder durchs Handy: »Aber es hat auch sein Gutes, denn diese Party ist der totale Flop. An eurer Stelle würde ich direkt nach Hause fahren. Ich habe mich so was von geirrt. Oder irgendwer hat mir echten Quatsch erzählt. Jedenfalls gibt es hier nur langweilige Typen.«
Ich wandte den Kopf, um in den Tankladen hineinzublicken, wo Wes gerade an der Kasse stand und bezahlte. Der Mann, der uns mitgenommen hatte, wartete geduldig neben ihm. »Pech«, sagte ich zu Kristy.
»Halb so schlimm. Eines Tages führe ich dir den ultimativen Supertypen vor, Macy. Einen Jungen, der garantiert nicht so ist wie alle anderen.« Ihre Stimme drang zuversichtlich an mein Ohr. »Es gibt sie, glaub mir.«
»Keine Angst«, antwortete ich. »Ich glaube dir aufs Wort.«