Lieber Jason,
ich habe deine E-Mail bekommen und muss gestehen, ich war sehr überrascht, als ich merkte, dass du anscheinend das Gefühl hast, ich hätte
Lieber Jason,
ich habe deine E-Mail bekommen. Es wäre schön gewesen, wenn du mir vielleicht etwas eher gesagt hättest, dass du findest, unsere Beziehung ist
Lieber Jason,
ich habe deine E-Mail bekommen. Ich fasse es ehrlich gesagt nicht, dass du mir so was antust, nur weil ich Ich liebe dich geschrieben habe. Die meisten Menschen, die zusammen sind, können das
Nein, dachte ich, und noch mal nein. So definitiv nicht.
Montagmorgen. Seit zwei Tagen mühte ich mich damit ab, eine Mail an Jason zu entwerfen, war allerdings noch keinen Schritt weiter als zu Beginn. Es lag vor allem am Ton; seine Mail war so kalt, sachlich und gefühllos gewesen, dass ich bei jedem Anlauf unwillkürlich seinen Stil zu kopieren versuchte, es jedoch einfach nicht hinkriegte. Und genau da lag das Problem. Egal wie sorgfältig ich mir jedes Wort überlegte – am Ende spürte ich aus jeder einzelnen Zeile den Kummer und die Verzweiflung, die mich beim Schreiben überfielen. Zwischen den Buchstaben traten mir meine Fehler und mein Versagen wie mutlose, traurige Gestalten entgegen. Deshalb entschied ich mich schließlich für die Antwort, die mir am sichersten erschien, nämlich gar keine. Da ich nichts mehr von ihm gehört hatte, nahm ich an, dass er mein Schweigen für Zustimmung hielt. Wahrscheinlich war es ihm ohnehin am liebsten so.
Auf meinem Weg zur Bibliothek stand ich an einer Ampel plötzlich hinter einem Krankenwagen, worauf ich sofort wieder an Wish Catering denken musste. Was nichts Neues war, denn seit Freitag hatte ich eigentlich ständig daran gedacht. Außerdem hatte meine Mutter das T-Shirt mit dem Rotweinfleck in der Waschküche entdeckt, wo es still und leise in Chlorbleiche vor sich hin weichte. Also musste ich ihr notgedrungen von meinem neuen Job erzählen.
»Du hast doch schon einen Job, mein Schatz.« Ihre Stimme klang eher fragend denn missbilligend. Es war ja auch noch früh am Tag.
»Ich weiß«, antwortete ich. Meine Mutter warf einen prüfenden Blick auf das T-Shirt, vielmehr den Fleck. »Aber als ich Delia am Freitag zufällig im Supermarkt getroffen habe, kam sie mir so hektisch und überlastet vor, dass ich ihr spontan meine Hilfe anbot. Ich meine, ich habe es nicht geplant oder so.« Zumindest das entsprach vollständig der Wahrheit.
Meine Mutter schloss die Waschmaschinentür, verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich an. »Ich habe bloß Angst, dass du dich überforderst. Mit deiner Arbeit in der Bibliothek hast du eine große Verantwortung übernommen. Jason verlässt sich drauf, dass du dich voll und ganz auf deine Aufgaben dort konzentrierst.«
In einem anderen Leben wäre das der ideale Augenblick gewesen, um meiner Mutter von Jasons einsamem Entschluss und unserer Trennung zu erzählen. Aber ich tat es nicht. Für meine Mutter war ich die gute Tochter – die, bei der sie sich darauf verlassen konnte, dass sie genauso zielstrebig und ehrgeizig war wie sie selbst. Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass ich in ihrer Achtung sinken würde, wenn sie von der Trennung erfuhr, vor allem weil sie von Jason ausgegangen war. Schlimm genug, dass ich das Gefühl hatte, Jasons Erwartungen nicht zu entsprechen. Für meine Mutter würde das noch viel schlimmer sein.
»Das mit dem Catering mache ich ja bloß sporadisch«, sagte ich. »Ich werde mich davon nicht ablenken lassen. Wer weiß, vielleicht gibt es gar kein zweites Mal. Es hat bloß . . . ich meine, es war okay. Hat Spaß gemacht.«
»Spaß?« Sie wirkte so überrascht, als hätte ich ihr gerade erzählt, ich fände es schön, meinen Arm mit Nägeln zu durchbohren. Weil es Spaß machen würde. »Ich stelle es mir schrecklich vor, die ganze Zeit auf den Beinen zu sein und all diese Leute zu bedienen. Außerdem . . . also, mir kommt die Frau ziemlich chaotisch und unorganisiert vor. Ich würde verrückt werden, glaube ich.«
»Das war bloß bei uns so«, erwiderte ich. »Letzten Freitag lief die Sache völlig anders.«
»Wirklich?«
Ich nickte. Noch eine Lüge. Aber meine Mutter hätte sowieso nicht begriffen, warum ich mich in gewisser Weise zu dem Chaos hingezogen fühlte, das in Delias Catering-Welt herrschte. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich es überhaupt hätte erklären können, wusste nur eins: Das Wochenende selbst war sehr, sehr anders gewesen als die paar Stunden am Freitagabend davor. Tagsüber hatte ich brav meine Pflichten erfüllt, ging zum Yoga, erledigte die Wäsche, putzte mein Badezimmer und versuchte, diese E-Mail an Jason zu schreiben. An beiden Tagen, Samstag und Sonntag, aß ich sowohl mittags als auch abends immer zur selben Zeit, benutzte jeweils denselben Teller, dieselbe Schüssel, dasselbe Glas, wusch sie nach jeder Mahlzeit ab, stellte sie ordentlich zum Abtropfen hin und ging um elf ins Bett, obwohl ich – wenn überhaupt – selten vor zwei einschlief. Achtundvierzig Stunden lang redete ich mit keinem Menschen, bis auf die üblichen paar Werbeanrufe. Es war so still, dass ich manchmal am Küchentisch saß und mir selbst beim Atmen zuhörte – als bräuchte ich inmitten all der Ordnung und Sauberkeit einen Beweis dafür, dass ich lebte.
»Okay, warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln«, hatte meine Mutter gesagt. Ich beugte mich vor und stellte die Waschmaschine an. Gurgelnd lief das Wasser ein. »Aber der Job in der Bibliothek steht für dich nach wie vor an erster Stelle, oder?«
»Ja«, antwortete ich. Und damit war die Sache erst einmal erledigt.
Trotzdem hatte ich ein ganz seltsames, beklommenes Gefühl, während ich auf meinen Platz hinter der Infotheke zulief: meine zweite Woche in der Bibliothek. Obwohl wir offiziell um neun Uhr anfingen zu arbeiten und es erst zehn vor war, saßen Bethany und Amanda bereits auf ihren Stühlen. Aber das hätte ich mir natürlich denken können. Was war das nur für ein Gefühl, das mich gerade beschlich? Angst? Nein, eher so etwas wie eine unheilvolle Vorahnung. Vielleicht lag es am Schweigen. An der Stille, der Ruhe. Oder an der Art, wie Amanda ihren Kopf hob und mich stirnrunzelnd ansah.
»Ach hallo, Macy«, sagte sie. Ihre Stimme klang wie jeden Tag, wenn sie mich begrüßte. Immer schwang darin ein verwunderter Unterton mit; als hätte sie gar nicht mehr mit meinem Kommen gerechnet. »Ich habe mich schon gefragt, ob du heute auftauchen würdest . . . ich meine, nach dem, was geschehen ist.«
Natürlich wusste ich sofort, worauf sie anspielte. Jason war auf jeden Fall diskret und tratschte nicht gleich alles rum; doch außer ihm waren noch ein paar andere von unserer Highschool mit im Schlaumeiercamp, unter anderem ein gewisser Rob, der die Angewohnheit hatte, ständig zu blinzeln. Und Rob war mit Jason ebenso gut befreundet wie mit Amanda. Aber durch welche Kanäle die Neuigkeit auch gedrungen war – diese Trennung war nicht länger mein Geheimnis, sondern Information. Info wie in Infotheke. Und was Information anging, waren Amanda und Bethany Expertinnen.
»Ich meine, nach dem, was geschehen ist . . .«, wiederholte Amanda langsam, als ob ich sie vielleicht nicht gehört hätte, weil ich nicht sofort reagierte, ». . . zwischen dir und Jason.«
Ich drehte mich so, dass ich sie frontal anschauen konnte. »Die Trennung ist nur vorübergehend. Eine Art Atempause. Und mit meinem Job hier hat das überhaupt nichts zu tun.«
»Mag ja sein«, sagte Amanda. Bethany legte einen Kugelschreiber an ihre Lippen. Amanda fuhr fort: »Wir haben uns nur gefragt . . . besser gesagt, wir haben uns Sorgen gemacht, ob es dich vielleicht so beeinträchtigen könnte, dass deine Leistung darunter leidet.«
»Nein, bestimmt nicht.« Ich wandte mich ab und meinem Computer zu, aber ich sah die beiden trotzdem noch, denn ihre Gesichter spiegelten sich im Bildschirm. Daher bekam ich mit, wie Amanda herablassend und mitleidig den Kopf schüttelte, wie Bethany mit gekräuselten Lippen ihre Zustimmung dazu signalisierte, bevor sie sich langsam umwandte und wieder geradeaus blickte.
So begann mein bis dahin längster Tag in der Bibliothek. Viel tat ich nicht, obwohl ich sensationelle zwei Fragen beantworten durfte: eine von einem unrasierten Mann mit Alkoholfahne, der sich erkundigte, ob zufällig gerade eine Stelle frei sei; die andere von einer Sechsjährigen, die unbedingt die Adresse von Mickymaus brauchte – beides Fragen, die Amandas und Bethanys Ansicht nach unter ihrer Würde, aber für mich gerade richtig waren. Jedenfalls zeigte sich an diesem Tag noch deutlicher als sonst, dass ich ihnen nur lästig war und sonst gar nichts. In der vergangenen Woche hatten sie mich immerhin noch halbwegs toleriert. Doch von nun an ignorierten sie mich gänzlich – erstens weil es wegen Jasons Verhalten jetzt noch leichter geworden war, und weil sie sich, zweitens, als seine Freundinnen völlig im Recht fühlten.
Wir hatten gerade zu Abend gegessen und ich erledigte noch meine üblichen Nach-dem-Essen-Aufgaben, wischte also die Arbeitsflächen in der Küche ab, als das Telefon klingelte. Ich ging gar nicht erst ran, weil es garantiert nicht für mich war, sondern einer der Kunden meiner Mutter. Doch plötzlich hörte ich, wie sich die Arbeitszimmertür öffnete.
»Macy? Für dich.«
Nachdem ich das Telefon in der Küche abgenommen hatte, hörte ich als Erstes ein leises Schluchzen mit langen Pausen. Eine Art Zwischen-Schluchzen, so wie jemand vor sich hin schnieft, der schon geweint hat und demnächst wieder damit loslegt.
»Bitte, Lucy, bitte, Schätzchen.« Die Stimme übertönte das Schluchzen. »Das machst du jedes Mal, wenn ich telefonieren muss. Warum? Hmm? Warum –«
»Hallo?«, sagte ich.
»Hi, Macy, hier ist Delia.« Das Blubberschluchzen entwickelte sich prompt zu einem lautstarken Protestgebrüll. »Lucy, Süße, bittebittebitte lass mich fünf Sekunden in Ruhe telefonieren, sei so lieb, okay? Schau mal, hier . . . dein Häschen.«
Ich wartete, den Hörer in der Hand, während das Weinen langsam wieder leiser wurde, erst in ein Schnüffeln, dann in einen Schluckauf überging und schließlich ganz aufhörte.
»Entschuldige bitte, Macy«, sagte sie. »Bist du noch da?«
»Ja.«
Sie seufzte. Einer dieser abgrundtiefen, erschöpften Seufzer, die ich bereits als typisch Delia empfand, obwohl ich sie kaum kannte. »Ich rufe an, weil ich einen Engpass habe und dringend zusätzliche Hilfe gebrauchen könnte. Ich soll morgen Mittag einen Lunch liefern, eine ziemlich große Veranstaltung, aber zurzeit fehlen mir noch mehr als zweihundert Sandwichhappen und überhaupt. Könntest du kurzfristig vorbeikommen und helfen?«
»Heute Abend?« Ich warf einen Blick auf die Uhr am Herd. Fünf nach sieben. Normalerweise ging ich um diese Zeit nach oben, checkte meine E-Mails, putzte mir die Zähne, reinigte sie mit Zahnseide und las noch ein paar Seiten in dem Buch mit den Übungsfragen für die College-Aufnahmeprüfung, damit ich kein allzu schlechtes Gewissen hatte, wenn ich es mir anschließend vor dem Fernseher bequem machte, bis ich müde genug war, um einzuschlafen.
»Ich weiß, es ist kurzfristig, aber die anderen haben alle schon was vor«, sagte Delia. Sie musste zwischendurch den Wasserhahn aufgedreht haben, denn ich hörte Plätschern im Hintergrund. »Ist kein Problem, wenn du nicht kannst, aber ich wollte zumindest fragen. Zum Glück hatte ich die Visitenkarte deiner Mutter noch, deshalb dachte ich mir, ich rufe mal an und versuche dich herzulocken.«
»Ja, also«, begann ich und wollte schon Nein sagen. Nein, tut mir Leid, es geht nicht – die Worte lauerten auf meiner Zungenspitze, meine Lippen formten sie, ich konnte es regelrecht fühlen. Aber dann sah ich mich in unserer stillen, blitzsauberen Küche um. Ein Sommerabend. Ein früher Sommerabend. Das war mal meine Lieblingstageszeit zu meiner Lieblingsjahreszeit gewesen: früher Sommerabend. Wenn die Glühwürmchen allmählich zum Vorschein kamen und die Luft sachte abkühlte. Wie hatte ich das bloß vergessen können?
». . . ich weiß zwar nicht, warum du deine kostbare Zeit dafür opfern solltest, bis zum Ellbogen in Brunnenkresse und Frischkäse herumzumanschen.« Delias Stimme holte mich in die Wirklichkeit zurück. »Außer natürlich, du hast sonst nichts Besseres vor.«
»Hab ich nicht«, antwortete ich zu meiner eigenen Verblüffung. »Zumindest nichts, was ich nicht verschieben könnte.«
»Wirklich? Das ist toll. Wunderbar. Du bist ein Engel. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen. Dann beschreibe ich dir mal, wie du herfindest. Ist ein bisschen außerhalb, aber ich bezahle dir die Fahrzeit natürlich mit, das heißt, ab jetzt tickt die Uhr.«
Ich nahm einen Stift aus dem Glas, das neben dem Telefon stand, zog den Notizblock näher an mich heran – und verspürte plötzlich einen leichten Stich. Ob das wohl gutgehen würde? Wenn ich mich so ablenken ließ, meine Routine unterbrach? Andererseits ging es bloß um einen Abend unter vielen, um eine kleine Abweichung von meinem sonstigen Tagesablauf. Warum sollte ich es nicht ausprobieren und einfach mal abwarten, was sich daraus entwickelte? Wahrscheinlich schwirrten draußen längst die Glühwürmchen herum. Vielleicht hatte ich ja nicht nur eine Jahres- oder Tageszeit vergessen, sondern eine ganze Welt. Doch wenn ich diese Welt nicht betrat, würde ich es nie herausfinden. Also los.
Delias Wegbeschreibung war wie Delia selbst: zum Teil glasklar, dann wieder total chaotisch. Am Anfang hatte ich jedenfalls keinerlei Probleme. Ich fuhr auf der Hauptstraße einmal quer durch die Stadt, dann jenseits der Stadtgrenze vorbei an Neubausiedlungen, Bürogebäuden, Bauernhöfen, bis ich schließlich bei Feldern und Weideland inklusive Kühen landete. Von genau dieser Straße aus hätte ich zu Delia abbiegen müssen, hatte die Abzweigung allerdings irgendwie verpasst, also entweder ihre Beschreibung nicht richtig gedeutet oder mich verfahren. Oder beides. Die bewusste Abzweigung war einfach nicht da, Punkt – egal wie oft ich die Strecke, wo sie sich meiner Meinung nach befinden musste, entlangfuhr. Hin, wenden, wieder zurück. Was zu allem Überfluss irgendwann ziemlich peinlich wurde, weil ich jedes Mal an einem Obst- und Gemüsestand am Straßenrand vorbeikam; auf dem Schild stand TOMATEN BLUMEN KUCHEN & PASTETEN – ALLES FRISCH. Knallrote Buchstaben. Eine ältere Frau saß am Stand auf einem Gartenstuhl und las im Schein einer großen Taschenlampe ein Buch. Als ich zum dritten Mal an ihr vorbeikam, ließ sie ihr Buch sinken und blickte mir nach. Beim vierten Mal trat sie in Aktion.
»Hast du dich verfahren?«, rief sie, als ich im Schneckentempo an ihr vorbeifuhr und angestrengt die Landschaft absuchte, um endlich die blöde Abzweigung zu entdecken.
»Eine schmale, ungeteerte Straße, die man leicht übersieht, da brauchst du bloß einmal im falschen Moment zu blinzeln«, hatte Delia gesagt. Ob das wohl eine Art Test für neue Mitarbeiter sein sollte? Ich bremste, legte den Rückwärtsgang ein, ließ den Wagen vor den Verkaufsstand rollen. Die Frau war mittlerweile aufgestanden und beugte sich durch das Fenster auf der Beifahrerseite. Sie war vielleicht Anfang fünfzig, trug Jeans, ein weißes, ärmelloses T-Shirt und einen Pullover um die füllige Taille. Die grauen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ihr dickes, buntes Taschenbuch hielt sie noch in der Hand. Ich erhaschte einen Blick auf den Titel, auf dem ein Mann mit nacktem Oberkörper prangte, an den sich eine Frau in knallengem Kleid schmiegte: Die Entscheidung, von Barbara Starr. Statt Lesezeichen steckte eine Nagelfeile in dem Schmöker.
»Ich suche den Sweetbud Drive«, sagte ich. »Angeblich muss man irgendwo von dieser Straße abbiegen, aber –«
»Gleich da drüben.« Sie wandte sich halb um und zeigte auf einen Schotterstreifen rechts von dem Obst- und Gemüsestand, der so schmal war, dass man ihn eher für einen Feldweg oder eine Zufahrt zu einem Privathaus halten konnte als für eine richtige Straße. »Ist nicht deine Schuld, dass du die Abzweigung übersehen hast. Gestern Nacht wurde nämlich wieder mal das Schild geklaut. Bestimmt von den Kiffern.« Mein Blick folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger zu einem dünnen Metallpfosten, an dem – kein Schild befestigt war. »Schon das vierte Mal in diesem Jahr. Jetzt kann mal wieder niemand mein Haus finden, bis das Verkehrsamt endlich wen zu uns rausschickt, um ein neues Schild anzubringen.«
»Ist ja schrecklich«, sagte ich.
»Vielleicht nicht direkt schrecklich, aber auf jeden Fall lästig.« Ihr Taschenbuch wechselte von der einen Hand in die andere. »Als wäre das Leben nicht so schon kompliziert genug. Da sollte man doch zumindest Schilder haben, an denen man sich orientieren kann.« Sie richtete sich auf. Reckte sich. »Ach, und pass unterwegs gut auf, in der Fahrbahn ist ein tiefes Loch, gleich hinter der Skulptur. Das Ding ist wirklich mörderisch. Am besten hältst du dich ganz weit links.« Bevor sie zu ihrem Stuhl zurückging, klopfte sie aufmunternd auf meine Motorhaube und lächelte mich an.
»Danke«, rief ich ihr nach. Sie hob grüßend die Hand, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich wendete, bog ab und fuhr vorsichtig den Sweetbud Drive entlang, wobei ich nach einer Skulptur und einem Loch in der Straße Ausschau hielt. Die Skulptur sah ich zuerst.
Sie stand neben der schmalen Fahrspur auf einem freien Platz zwischen zwei Bäumen, war aus rostigem Metall in Form einer Hand und groß. Sehr groß, mindestens zwei Meter. Dazu wurde sie von einer zu einem Kranz gebogenen Metallstrebe eingerahmt, um die sich eine Fahrradkette wie eine Art Girlande wand. Mittendrin hatte die Handfläche ein herzförmiges Loch, in dem ein leuchtend rot bemaltes, etwas kleineres Herz aus Metall hing, das sich leicht im Wind drehte. Während die Räder meines Autos zentimeterweise knirschend über den Kies rollten, saß ich am Steuer und starrte fasziniert zu der Skulptur rüber. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dieses Motiv schon mal gesehen zu haben.
Und dann fuhr ich in das Loch.
Mit einem scharfen Klong! verschwand mein linkes Vorderrad im wahrsten Sinne des Wortes in der Versenkung, und zwar vollständig. Aha, dachte ich, während sich mein Auto insgesamt schräg auf die Seite legte, deshalb hat sie was von mörderisch gesagt.
Während ich noch so überlegte, wie ich mich wohl möglichst unauffällig aus dem Schlamassel befreien konnte – es wäre mir nämlich schon peinlich gewesen, meinen ersten Auftritt bei Delia in Form einer Panne hinzulegen –, sah ich plötzlich, wie jemand aus einem Haus weiter unten an der Straße trat und auf mich zulief. Es wurde allmählich dunkel, deshalb erkannte ich ihn nicht gleich. Erst als er schon fast vor meiner schiefen Stoßstange stand, merkte ich, es war Wes.
»Was auch immer Sie jetzt tun, auf keinen Fall rückwärts rausfahren«, rief er mir zu. »Dadurch wird’s nämlich nur noch schlimmer.« Er beugte sich etwas vor, erkannte mich und wirkte auf einmal etwas verdutzt. Keine Ahnung, mit wem er gerechnet hatte – mit mir jedenfalls nicht. »Hallo.«
»Hi.« Ich schluckte. »Ich . . . äh . . . ich bin anscheinend –«
»Stecken geblieben.« Er vollendete den Satz für mich und verschwand für einen Moment außer Sichtweite. Offenbar war er in die Hocke gegangen, um das Loch mit meinem Rad drin zu begutachten. Ich reckte den Hals, um ihn sehen zu können. Dadurch dass mein Auto so schräg stand, befand ich mich auf Augenhöhe mit seinem Hinterkopf, und als er sich nun wieder aufrichtete, waren unsere Gesichter plötzlich sehr dicht beieinander. Obwohl ich eigentlich weiß Gott anderes im Kopf hatte, fiel mir sofort wieder auf, wie unglaublich gut er aussah, allerdings auf eine fast beiläufige Art. So als wäre das gar nichts. Wodurch es nur schlimmer wurde. Oder besser. Oder was auch immer. Jedenfalls schien es ihm nicht bewusst zu sein.
»Bingo«, sagte er, als hätte daran irgendein Zweifel bestanden. »Du steckst fest, aber so was von.«
»Dabei bin ich sogar vorgewarnt worden«, sagte ich. Wes stand auf. »Aber die Skulptur hat mich wohl zu sehr abgelenkt«, fuhr ich fort.
»Die Skulptur?« Er sah erst die Skulptur und dann wieder mich an. »Wahrscheinlich weil du sie schon mal gesehen hast, oder?«
»Was meinst du?«
Einen Moment sah er mich verwirrt an, doch dann schüttelte er den Kopf. »Ach nichts, ich dachte bloß, du hättest sie . . . äh . . . vielleicht schon mal gesehen. In der Innenstadt stehen ein paar von den Dingern rum.«
»Nein«, antwortete ich. Der Wind hatte sich gelegt; in der stillen Luft hing das Herz reglos in der Mitte der Handfläche. »Aber sie ist auf jeden Fall irre.«
Irgendwo rechts von mir fiel eine Tür ins Schloss. Als ich den Kopf wandte, sah ich, dass Delia mit verschränkten Armen auf der Veranda eines weißen Hauses stand. »Macy?«, rief sie. »Bist du das? So was Dummes aber auch, ich habe vergessen dir das mit dem Loch zu sagen. Moment, wir holen dich da raus. Was bin ich bloß für ein Idiot! Warte, ich muss nur schnell Wes holen.«
»Bin schon da«, rief Wes zurück. Delia ließ sich erleichtert auf ihren Verandastufen nieder. Zu mir sagte er: »Bleib, wo du bist, bin gleich wieder da«, und setzte sich in Trab.
Ich blickte ihm nach, bis er auf dem Hof des Hauses am Ende der Straße verschwand. Kurze Zeit später hörte ich, wie ein Motor angelassen wurde. Dann erschien ein weißer kleiner Ford-Truck und fuhr auf mich zu. Die Strecke war wegen der Baumwurzeln in der Fahrbahn ziemlich holprig, weshalb der Truck ab und zu kleine Hüpfer machte. Wes rangierte an mir vorbei und setzte so lange zurück, bis unsere beiden hinteren Stoßstangen etwa einen halben Meter auseinander waren. Dann stieg er aus; aus dem Klirren und Scheppern, das seine Bewegungen begleitete, schloss ich messerscharf, dass er etwas an meinem Auto befestigte. Schließlich sah ich im seitlichen Rückspiegel, wie er zu mir nach vorne kam. Sein weißes T-Shirt leuchtete im Zwielicht der Dämmerung.
»Der Trick besteht darin, genau den richtigen Winkel zu erwischen.« Er beugte sich vor, ergriff durchs Fenster mein Lenkrad und drehte es leicht zur Seite. »Ungefähr so, okay?«
»Okay.« Ich legte meine Hände dahin, wo seine das Lenkrad berührt hatten.
»Gleich bist du frei«, sagte er, lief zu seinem Truck zurück, stieg ein und legte den Gang ein. Meine Hände umschlossen das Lenkrad. Gespannt saß ich da und wartete.
Der Motor heulte dröhnend auf und gleich darauf rollte der Truck ein Stück vorwärts. Zuerst geschah nichts – doch dann setzte sich mein Auto auf einmal in Bewegung. Nach oben, Zentimeter um Zentimeter, immer ein bisschen weiter, bis ich im Licht meiner Scheinwerfer das Loch vor mir auf der Fahrbahn erkennen konnte. Ein Loch, das nun wieder leer war. Und riesig. Ein wahrer Mondkrater. Mörderisch war genau der richtige Ausdruck für dieses Loch.
Als mein Wagen wieder waagerecht stand, sprang Wes aus dem Führerhaus und machte das Abschleppseil los. »Alles in Ordnung, jetzt müsstest du es allein schaffen«, rief er mir zu, wobei seine Stimme irgendwo auf Höhe meiner hinteren Stoßstange schwebte. »Halt dich einfach ganz weit links.«
Ich steckte meinen Kopf durchs Fenster. »Vielen Dank.«
Er zuckte lässig die Schultern. »Eine meiner leichtesten Übungen. Gestern musste ich den UPS-Mann rausziehen.« Er warf das Abschleppseil auf die Ladefläche, wo es mit einem dumpfen Klatschen landete. »Er wirkte ganz schön unglücklich bei der Aktion.«
»Das ist allerdings auch ein sehr tiefes Loch.« Ich sah es mir noch einmal genauer an.
»Ja, ein echtes Monsterloch.« Wes fuhr sich mit der Hand durchs Haar, wobei ich die Tätowierung auf seinem Arm zwar sehen, aber nicht erkennen konnte, was sie darstellte, dazu stand er zu weit weg. »Wir müssten es zuschütten, das ist uns auch klar. Aber es wird nicht passieren.«
»Warum nicht?«
Er schaute zu Delias Haus rüber. Sie kam gerade über den Gartenweg auf uns zu, barfuß, in rotem T-Shirt und langem Rock.
»Ist so ein Familiending«, antwortete Wes. »Manche Menschen glauben fest daran, dass es keine Zufälle gibt, sondern alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Selbst Monsterlöcher auf der Straße.«
»Und du nicht?«
»Nein.« Sein Blick wanderte an meinem Wagen vorbei Richtung Loch, das er für einen Moment nachdenklich betrachtete. Erst als er mich unvermittelt ansah, wurde mir bewusst, dass ich ihn die ganze Zeit beobachtet hatte. »Egal«, sagte er schließlich. Ich konzentrierte mich wieder auf mein Lenkrad. »Man sieht sich«, fügte er hinzu.
»Noch mal vielen Dank.« Ich legte den ersten Gang ein.
»Kein Thema. Und denk dran: links halten.«
»Ganz weit links«, antwortete ich. Er nickte, klopfte zweimal gegen meinen Kotflügel – dong dong – und marschierte auf seinen Truck zu. Ich drehte mein Lenkrad bis zum Anschlag und fuhr vorsichtig in einem weiten Bogen um das Loch herum. Knapp dreißig Meter weiter stand ich vor der Zufahrt zu Delias Haus, wo sie bereits auf mich wartete. Als ich die Fahrertür öffnen wollte, sah ich in meinem Rückspiegel Wes’ Truck als verschwommenes Spiel aus Licht und Schatten. Im Führerhaus waren seine Umrisse zu erkennen, sein Gesicht wurde von der Beleuchtung des Armaturenbretts angestrahlt. Dann verschwand er hinter einer Reihe Bäume, der Kies knirschte ein letztes Mal und weg war er.
»Wes denkt eben, er kann alles reparieren.« Delia nahm sich ein Messer und schlitzte eine weitere Packung Truthahnfleisch auf. »Und falls er es nicht reparieren kann, will er aus den Bruchstücken und Einzelteilen zumindest was Neues basteln.«
»Was findest du daran so schlimm?« Zum x-ten Mal an diesem Abend tauchte ich mein Messer in das Riesenglas Mayonnaise vor mir, um das nächste Sandwich zu bestreichen.
»Nicht schlimm«, erwiderte sie. »Bloß – eigen.«
Wir befanden uns in Delias Garage, dem Hauptquartier von Wish Catering. Möblierung: zwei gigantische Profiöfen, ein mindestens so riesiger Kühlschrank und mehrere blitzende Stahltische, auf denen sich Schneidebretter und diverse andere Küchenutensilien türmten. Wir saßen einander gegenüber und bereiteten Sandwiches vor. Die Garagentür stand offen, draußen zirpten die Grillen.
»Ich stehe auf dem Standpunkt«, fuhr sie fort, »dass man manche Dinge so lassen muss, wie sie sind, weil sie genau so sein sollen.«
»Wie zum Beispiel das Loch?« Sofort fiel mir wieder ein, wie Wes zu Delia hinübergeschaut hatte, als wir darüber sprachen.
Sie legte die Packung mit dem Truthahn aus der Hand und sah mich an. »Ich kann mir denken, was er zu dir gesagt hat. Nämlich dass das Loch nur meinetwegen überhaupt noch da ist. Und wenn ich es ihn endlich zuschütten ließe, wäre der Briefträger nicht so sauer auf uns, dass er sich quasi weigert uns die Post zu bringen. Außerdem blieben mir die Rechnungen von der Autowerkstatt erspart, die mir ständig ins Haus flattern – wenn die Post denn mal kommt –, weil wieder irgendein armer Mensch seine Autoreifen auf dem Weg hierher ruiniert hat.«
»Nein, das hat er nicht gesagt.« Langsam und bedächtig bestrich ich die nächste Scheibe Brot, die vor mir lag, mit einer dünnen Mayonnaiseschicht. »Sondern dass manche Menschen glauben, es gäbe keine Zufälle. Und andere glauben das eben nicht.«
Sie blickte nachdenklich vor sich hin. »So kann man das auch nicht sagen. Ich glaube nicht, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert«, meinte sie schließlich. »Es ist bloß so . . . ich denke, manche Dinge sollen einfach nicht heil sein. Nicht perfekt, sondern chaotisch, improvisiert. Auf diese Weise sorgt das Universum für Gegensätzlichkeit, für Abwechslung. Auf der Straße müssen ein paar Löcher sein, genau wie im Leben. Weil es so ist.«
Wir schwiegen. Der letzte Schimmer Sonnenuntergang verblasste schwach rosa hinter den Bäumen, die ich von meinem Platz in der Garage aus sehen konnte.
»Trotzdem . . .« Ich nahm mir eine neue Scheibe Brot. »Es ist ein ziemlich tiefes Loch.«
»Ein gigantisches Loch«, pflichtete sie mir bei und streckte die Hand nach dem Mayonnaiseglas aus. »Aber genau darum geht’s. Ich will es nicht zuschütten, weil es für mich gar kein Loch ist, ich meine, in dem Sinn, dass die Straße kaputt wäre oder so. Das Loch ist eben da und ich lebe damit. Passe mich an, fahre drum herum. Aus demselben Grund würde ich mir nie einen anderen Wagen besorgen, obwohl die Klimaanlage und das Autoradio nie gleichzeitig funktionieren. Ich muss mich entscheiden: Musik oder Kühlung. Was ich, ehrlich gesagt, aber nicht so tragisch finde.«
»Die Klimaanlage funktioniert nicht, wenn das Radio läuft? Ist ja eigenartig.«
»Ich weiß.« Sie nahm drei weitere Brotscheiben aus dem Plastikbeutel, bestrich sie mit Mayonnaise und legte je ein Salatblatt drauf, alles wie am Fließband. »Das Prinzip setzt sich auf einer anderen, tieferen oder von mir aus auch höheren Ebene fort: Auch wenn es zum Beispiel schön wäre, nicht ständig mit dem Gefühl zu leben, dass eine Katastrophe die nächste jagt, möchte ich keinen festen Geschäftspartner für meinen Catering-Service, obwohl der Laden ohne Wish das reinste Chaos ist. Ich kann nun mal nicht besonders gut organisieren.«
Ich machte mich ans nächste Sandwich und hörte einfach nur zu.
»Aber wenn alles immer glatt liefe und perfekt wäre«, fuhr sie fort, »würde man sich zu sehr daran gewöhnen. Ein bisschen Durcheinander braucht der Mensch. Sonst kann man es gar nicht mehr genießen, wenn alles klappt. Du hältst mich jetzt bestimmt für verrückt, womit du übrigens nicht allein stehst.«
»Ich halte dich nicht für verrückt«, antwortete ich.
Doch Delia schüttelte zweifelnd den Kopf. »Schon okay. Du glaubst nicht, wie oft ich Wes schon dabei erwischt habe, wie er zusammen mit jemandem von der Kiesgrube heimlich versucht hat, das Loch zuzuschütten.« Sie arrangierte die nächste Brotscheibenreihe vor sich. »Und Pete, mein Mann, wollte mich schon zweimal mit zum Autohändler schleifen, um mein altes Auto gegen ein neues einzutauschen. Allerdings, was das Catering angeht – na ja, ich weiß nicht. Aus irgendeinem Grund redet mir da niemand rein. Wegen Wish. Was eine echte Ironie des Schicksals ist, denn wenn sie jetzt reinspazieren und mitkriegen würde, was hier abgeht . . . sie würde ausflippen. Sie war ein Organisationsgenie.«
»Wish.« Ich angelte mir die Mayonnaise. »Was für ein cooler Name.«
Sie lächelte. »Ja, nicht? Eigentlich hieß sie Melissa. Aber das konnte ich als kleines Mädchen nicht gut aussprechen, sagte immer Ma-wisha oder so was in der Art. Daraus wurde Wish, als Abkürzung, und irgendwann nannten alle sie so. Was ihr nichts ausmachte, zumal der Name zu ihr passte.« Sie schnappte sich ein Messer und schnitt die belegten Brote sorgfältig erst einmal und dann noch einmal durch; die so entstandenen Sandwich-Dreiecke schichtete sie auf das Tablett, das neben uns stand. »Das Catering war ihre Idee und ihr Neuanfang nach der Scheidung von Wes’ und Berts Vater. Er zog in den Norden und sie stampfte den Laden aus dem Boden, bis alles wie am Schnürchen lief. Aber dann wurde sie krank – Brustkrebs. Sie war erst neununddreißig, als sie starb.«
Es fühlte sich seltsam an, ausnahmsweise auf der anderen Seite zu stehen und jemand anderem sein Beileid ausdrücken zu müssen anstatt es zu hören, dieses Es-tut-mir-so-Leid. Ich wollte, dass die Worte echt klangen, aufrichtig, denn so waren sie gemeint. Doch das Schwierige am Trauern und an den Trauernden besteht ja darin, dass sie eine andere Sprache sprechen und dass die Worte niemals dem genügen, was man eigentlich ausdrücken will.
»Es tut mir so Leid, Delia. Wirklich.«
Sie blickte auf, in jeder Hand eine Scheibe Brot. »Danke. Mir auch.« Lächelte traurig, legte die Scheiben auf den Tisch und begann, das nächste Sandwich zusammenzubauen. Ich machte es ihr nach. Ein paar Minuten lang arbeiteten wir ohne zu reden. Das Schweigen zwischen uns war allerdings anders als die langen Phasen der Stille, an die ich mich in letzter Zeit wohl oder übel gewöhnt hatte, denn es war kein leeres, sondern ein bewusstes, selbst gewähltes Schweigen. Wenn man nicht allein ist, sondern das Schweigen jeden Augenblick gebrochen werden könnte – gebrochen werden kann –, fühlt Stille sich ganz anders an. Es ist so ähnlich wie der Unterschied zwischen einer Pause und einem endgültigen Abschluss.
»Weißt du, was geschieht, wenn jemand stirbt?«, fragte Delia so unvermittelt, dass ich leicht zusammenzuckte. Es klang, als würde sie gleich weitersprechen, daher antwortete ich nicht und fuhr wortlos fort, mein angefangenes Sandwich fertig zu belegen.
»Jeder reagiert anders. Es ist so, als würden bei jedem die Sollbruchstellen des Lebens neu berechnet. Nimm zum Beispiel Wes, im Gegensatz zu mir. Nach der Scheidung trieb er sich mit den falschen Leuten rum, wurde sogar verhaftet; seine Mutter wusste überhaupt nicht mehr, was sie mit ihm anstellen sollte. Aber durch ihre Krankheit änderte er sich. Wurde fast ein neuer Mensch, kümmerte sich rührend um Bert – das tut er übrigens bis heute –, konzentriert sich auf seine Skulpturen, steht dauernd in der Werkstatt, schweißt und lötet und macht. Es ist eben seine Art, damit umzugehen.«
»Wes kann schweißen?« Plötzlich fiel mir die Skulptur wieder ein. »Hat er etwa . . .«
». . . das Herz in der Hand gemacht?«, ergänzte sie meine Frage. »Ja. Ein irres Ding, was?«
»Allerdings. Ich hatte keine Ahnung. Dabei haben wir uns darüber unterhalten. Aber er hat mit keiner Silbe erwähnt, dass die Skulptur von ihm ist.«
»Er hängt das nicht an die große Glocke.« Sie zog das Mayonnaiseglas dichter zu sich heran. »In der Beziehung ist er wie seine Mutter. Ruhig, still, bescheiden – aber dahinter einfach unglaublich. Ich gebe zu, ich bin sogar ein bisschen neidisch auf Menschen, die so sind.«
Sie schnitt zwei weitere Sandwiches in je vier Teile. Das Messer klackte auf dem Schneidebrett. Ich sah ihr zu.
»Aber du bist doch auch unglaublich«, sagte ich schließlich. »Jedenfalls kommt es mir so vor. Was du alles schaffst. Hast ein Kind, bekommst noch ein zweites und schmeißt trotzdem deinen eigenen kleinen Catering-Laden.«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Glaub mir, ich bin nichts Besonderes, jedenfalls nicht so wie Wes oder Wish. Als sie starb, war ich völlig am Boden. Mir ging’s wie bei dem blöden Spiel, das Wes und Bert immer veranstalten, du weißt schon, wenn sie plötzlich aus dem Nichts hervorspringen und Buh brüllen: Wishs Tod war das ultimative Buh!« Delia betrachtete die Sandwichviertel, die vor ihr auf der Arbeitsplatte lagen. »Ich hatte mir immer eingebildet, es würde schon alles gut gehen. Wäre nicht im Traum draufgekommen, dass sie eines Tages einfach – weg sein könnte. Verstehst du?«
Ich nickte, fast unmerklich. Hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr nichts von meinem Vater erzählte, nicht zugab, wie gut ich verstand, sie nicht wissen ließ, was ich wusste und zu unserem Gespräch hätte beitragen können. Was einen ganz egoistischen Grund hatte, denn für Delia war ich nicht das Mädchen, das seinen Vater sterben sah, war niemand Besonderer. Und das gefiel mir, ich gebe es zu.
»Aber dann, plötzlich, war sie weg.« Delias Hand lag auf dem Brotbeutel. »Einfach so. Weg. Buh! Plötzlich musste ich mich nicht nur um mein neugeborenes Baby kümmern, sondern auch noch um ihre beiden Söhne. Ein unfassbarer Verlust, eine Riesenlücke, ein Loch, verstehst du?«
»Ja«, antwortete ich leise.
»Manche Menschen können einfach irgendwie weitermachen«, sagte sie und ich war mir nicht sicher, ob sie mein Ja überhaupt registriert hatte. »Verstehst du, was ich meine? Sie weinen, sie trauern und dann geht das Leben weiter. Sie schließen damit ab, zumindest wirkt es nach außen so. Ich dagegen . . . ich weiß nicht. Ich wollte nichts drüberkleistern, wollte es nicht vergessen. Da war nichts kaputtgegangen, das man irgendwie hätte reparieren können, sondern . . . es war eben einfach passiert. Und ich muss jeden Tag neue Möglichkeiten finden, damit zu leben. Wie bei dem Loch in der Straße. Mich erinnern, es wahrnehmen, respektieren und gleichzeitig damit klarkommen. Verstehst du?«
Ich nickte, obwohl ich nichts verstand. Im Gegensatz zu Delia hatte ich mich dafür entschieden, die Richtung zu ändern, einen Riesenumweg zu machen. Als würde es von selbst verschwinden, wenn ich es verdrängte. Ich beneidete Delia. Zumindest wusste sie, wogegen sie kämpfte. Vielleicht war das der Lohn, wenn man sich seiner Trauer stellte: Man bekam endlich ein Gefühl dafür, wie tief die Trauer war, wie groß, wie weit, wie man sich hindurch- oder drum herumarbeiten konnte, egal wofür man sich letztendlich entschied.