Nanfoodles Drache
»Haltet die Karrees zusammen!«, brüllte Banak Starkamboss seinen Leuten zu – seinen dezimierten Leuten. Die geringere Anzahl von Kriegern hatte nicht nur damit zu tun, dass das Gemetzel die zwergischen Verteidiger immer teurer zu stehen kam; Banak hatte auch mehrere Dutzend weggeschickt, um Nanfoodle zu helfen. Sie waren damit beschäftigt, die Metallrohre zu sichern, die von den Gängen unterhalb des Tals der Hüter bis zum Klippenrand verliefen. Das hatte zur Folge, dass der zwergische Kommandant nur noch defensiv kämpfte und sich darauf konzentrierte, den neuesten heftigen Angriff abzuwehren, aber keinerlei Gegenangriff befahl.
Banaks Zwerge hielten sich gut und würden weiterhin standhalten, was die Orks anging. Aber der Kommandant schaute immer wieder zu dem Gebirgskamm im Nordwesten, wo die Riesen eifrig damit beschäftigt waren, ihre großen Katapulte fertig zu bauen. Hin und wieder erregte das Aufblitzen von Weiß auf diesem Kamm Banaks Aufmerksamkeit. Seine Späher berichteten, dass Nanfoodles Gestank durch die Risse im Stein nach oben stieg und eine übel riechende gelbe Wolke über dem Kamm lag. Aber zu Banaks Ärger hatte das die Riesen nicht vertrieben. Sie hatten ihre Gesichter in behandeltes Tuch gewickelt und methodisch mit ihrer Arbeit weitergemacht.
»Wir haben nicht mehr viel Zeit, Banak«, erklang eine Stimme von der Seite.
Der Kommandant drehte sich um und sah Ivan Felsenschulter.
»Wir werden sie zurückhalten«, erwiderte Banak.
»Pah, diese Orks da sind nichts«, sagte der zähe Ivan. »Aber es sieht so aus, als würde der Trick des Kleinen nicht funktionieren. Du siehst ja selbst, dass die Riesen immer noch arbeiten. Die Katapulte werden fertig sein und Steine werfen, bevor die Sonne das nächste Mal aufgeht. Und dann werden sie uns mit ihren Steinen auf den Boden klatschen.«
Banak rieb sich die müden Augen.
»Wir sollten uns vielleicht ins Tal absetzen«, schlug Ivan vor.
Banak schüttelte den Kopf. »Der Kleine arbeitet immer noch daran«, erklärte er, »und hundert meiner Leute arbeiten mit ihm.«
»Nach allem, was ich höre, sichert er nur die Rohre«, entgegnete Ivan.
Er bedeutete Banak, ihm zu folgen, und machte sich auf den Weg nach Westen, zu der Reihe von Zwergen, die an der Steilwand zum Tal der Hüter hingen. Dort stießen sie auf Nanfoodle und Ivans Bruder, die am Klippenrand standen und Berge von Pergamenten und Zeichnungen durchgingen. Hin und wieder beugte sich Nanfoodle ein wenig vor und rief den Zwergen zu, sie sollten die Verbindungen neu teeren – alle Verbindungen.
»Und dann wird es so sehr stinken, dass die Riesen nicht oben bleiben können?«, fragte Banak, als er und Ivan näher gekommen waren.
Nanfoodle blickte zu ihm auf, und der eindeutig beunruhigte Gnom wurde bleich.
»Immer mit der Ruhe, Kleiner«, sagte Banak. »Dein Gestank verlangsamt sie wenigstens, und dafür sind wir dankbar.«
»Sie sollten es nicht einmal riechen können!«, rief Nanfoodle.
»Pah!«, schnaubte Pikel zustimmend.
Ivan schaute seinen Bruder an und schüttelte den Kopf.
»Der Gestank sollte nicht bis zum Kamm hochziehen«, versuchte Nanfoodle zu erklären. »Das bedeutet nämlich nur, dass die heiße Luft… das Pech sollte die Gänge versiegeln … wir brauchen eine gewisse Konzentration …«
Er stotterte und stammelte und hielt ein Pergament hoch, auf dem Zahlen und Formeln standen, die Banak nicht einmal annähernd entziffern konnte.
»Verstehst du, was er sagt?«, fragte Banak Ivan.
»Die Riesen sollten nicht stinken«, erklärte Ivan.
»Aber dann würden sie ihre Belagerungsmaschinen ohne jedes Hindernis weiterbauen«, sagte der Kommandant.
»Ja«, stimmte Ivan zu.
»Aber dann …«, begann Banak, aber dann hielt er inne und schüttelte den Kopf. Er warf Nanfoodle einen verwirrten Seitenblick zu, dann schüttelte er abermals den Kopf, als er zu den vielen Zwergen hinabschaute, die damit beschäftigt waren, die an der Steilwand angebrachten Metallrohre zu sichern – Zwerge, die die Verteidigungskarrees hätten verstärken können, um die angreifenden Orks schneller zurückzuschlagen.
Banak schnaubte und wandte sich wieder dem Schlachtfeld zu.
»Nein, er versteht es nicht«, sagte Nanfoodle zu Ivan.
Der blonde Zwerg hob beschwörend die knorrigen Hände, um den Kleinen zu beruhigen. »Das wird er auch nie«, erwiderte er.
»Der Gestank hätte nicht entweichen dürfen«, versuchte Nanfoodle abermals zu erklären.
»Ich weiß, Kleiner«, versicherte Ivan ihm.
»Bumm«, murmelte Pikel leise.
»Wir müssen es auffangen, es dichter werden lassen«, drängte Nanfoodle.
»Ich weiß, Kleiner«, unterbrach Ivan Nanfoodle, aber der Gnom schwatzte weiter.
»Der Gestank würde sie nie vertreiben – vielleicht aus den Gängen, wo die Konzentration höher ist…«
»Kleiner«, sagte Ivan, und als Nanfoodle weiterschwatzte, wiederholte er es noch einmal, bis er schließlich die Aufmerksamkeit des aufgeregten Gnomen auf sich gelenkt hatte.
»Kleiner, ich habe deinen Kasten gebaut«, erinnerte ihn Ivan.
Er tätschelte Nanfoodles Schulter, dann eilte er hinter Banak her, um bei der Schlacht zu helfen.
Auf dem Weg warf er einen Blick nach Westen, nicht zu dem Gebirgskamm, sondern darüber hinaus, wo die Sonne untergegangen war und das Zwielicht sich übers Land senkte. Dann erst wandte er sich dem Kamm und den dunklen Silhouetten der arbeitenden Riesen zu.
Ivan wusste, dass sie schon vor dem nächsten Sonnenaufgang noch viel größeren Ärger bekommen würden.
»Was immer diese Zwerge vorhatten, es hat offenbar nicht funktioniert, Kommandant«, sagte ein Ork zu Urlgen.
Sie standen zwischen den beiden Armeen, die Urlgen befehligte: seiner eigenen, die weiterhin hangaufwärts gegen die Zwerge ankämpfte, und der zweiten, die sein Vater ihm geliehen hatte und die immer noch außer Sichtweite der Feinde lagerte. Urlgen blickte nach Westen zum Gebirgskamm und zu den Riesen. Die Zeit wurde knapp, denn Obould hatte Nachricht geschickt, dass er im Morgengrauen angreifen würde. Wenn das geschah, musste Urlgen die Zwerge über die Klippe treiben, und das würde ohne die Katapulte der Riesen nicht einfach sein.
»Sie werden bereit sein«, sagte der Ork.
Urlgen starrte ihn an.
»Die Zwerge und ihr Gestank haben die Riesen nicht aufgehalten«, erklärte der Ork.
Urlgen nickte und schaute wieder nach Westen. Die Riesen hatten ihm versichert, dass die Katapulte vor Morgengrauen schussbereit sein würden.
Drüben im Norden ging der Kampf weiter; nicht mit voller Wucht, denn das hatte Urlgen nicht vorgehabt, aber heftig genug, damit die Zwerge sich nicht vollständig zurückziehen konnten. Er musste sie beschäftigen, bis sein Vater ihnen alle Rückzugsmöglichkeiten abgeschnitten hatte. Der Ork-Anführer knurrte leise und ballte in freudiger Erwartung die Faust. Das Morgengrauen würde ihm seinen größten Sieg bringen.
Dennoch spähte er immer wieder nervös zu dem Bergkamm im Westen, und der Gedanke, dass seine Aufgabe ohne die Katapulte der Riesen sehr viel schwieriger sein würde, ließ ihn nicht los.
Nikwillig drehte den kleinen Spiegel immer wieder hin und her. Er blickte nach Westen zum Bergkamm, dann nach Osten, wo die höheren Gipfel lagen. Er konzentrierte sich auf einen kleineren Berg am Rand der Kette, nicht so hoch, aber schwierig zu erklettern. Dorthin musste er gehen, um die Morgensonne einzufangen. Sollte Banak verlieren, wäre eine Rückkehr von diesem Ort beinahe unmöglich.
»Was höre ich da?«, hörte er Tred rufen und wischte den beunruhigenden Gedanken beiseite. Er sah, wie sein Freund aus der Zitadelle Felbarr rasch näher kam.
»Was höre ich da?«, fragte Tred abermals und baute sich empört vor dem sitzenden Nikwillig auf.
»Irgendwer muss es doch tun.«
Tred stemmte die Hände in die Hüften und sah sich im Lager um. Er war gerade vom Schlachtfeld zurückgekehrt, hatte zwei verwundete Zwerge mitgeschleppt und eigentlich vorgehabt, sich sofort wieder in den Kampf zu stürzen.
»Ich habe mich schon gefragt, wieso du nicht bei uns an der Front warst«, sagte er.
»Dort schade ich mehr, als ich helfen kann; das weißt du genauso gut wie ich«, sagte Nikwillig. »Ich war noch nie ein Krieger.«
»Pah, du hast dich gut geschlagen.«
»Es ist nicht mein Platz, Tred.«
»Du hättest zurück zu König Emerus gehen und ihm eine Botschaft bringen können«, erwiderte Tred. »Ich habe dich gebeten, genau das zu tun. Es war dein eigener Starrsinn, der dafür gesorgt hat, dass wir beide hier geblieben sind.«
»Und hier gehören wir auch hin«, sagte Nikwillig schnell. »Das sind wir Bruenor und Mithril-Halle schuldig. Und du kannst sicher sein, dass sie froh sind, dass Tred hier oben war und mit ihnen gekämpft hat.«
»Und Nikwillig!«
»Pah, ich habe noch keinen einzigen Ork getötet und wäre mehr als einmal selbst umgekommen, wenn du mich nicht aus dem Kampf gezerrt hättest.«
»Also hast du dich für diesen Weg entschlossen?«, erklang die ungläubige Frage.
»Irgendwer muss es schließlich tun«, sagte Nikwillig abermals. »So sehe ich es jedenfalls. Und ich bin hier noch am entbehrlichsten.«
»Was ist mit Pikel?«, fragte Tred. »Oder dem verdammten Gnom – ja, es war schließlich seine verrückte Idee.«
»Pikel kann mit seinem einen Arm vermutlich nicht einmal dort raufklettern. Und Nanfoodle könnte hier gebraucht werden – das weißt du. Das Gleiche gilt für Pikel, der bisher ziemlich wichtig gewesen ist. Nein, Tred, hör auf zu jammern. Das ist eine gute Aufgabe für mich. Ich kann es genauso gut tun wie jeder andere, und keiner wird mich hier wirklich vermissen.«
Tred setzte zum Widerspruch an, aber Nikwillig stand auf, und seine strenge Miene ließ den aufgeregten Zwerg verstummen.
»Und ich will es auch tun«, erklärte Nikwillig. »Mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Nun kann ich mich endlich angemessen für die Hilfe der Heldenhammers bedanken.«
»Es könnte schwer für dich werden, danach zur Halle zurückzukommen. Oder überhaupt irgendwo hinzukommen.«
»Wenn das passiert, dann werden alle anderen, die hier kämpfen, auch Schwierigkeiten haben«, sagte Nikwillig. Er schnaubte, dann musste er plötzlich lachen. »Du selbst willst dich kopfüber in ein Meer stinkender Orks stürzen und hast Angst um mich?«
Als er es auf diese Weise formuliert hörte, musste Tred ebenfalls lachen. Er hob die Hand und tätschelte seinem alten Freund die Schulter.
»Es gefällt mir einfach nicht, dass wir vielleicht so weit voneinander entfernt sterben werden«, sagte er.
Nikwillig erwiderte das Schultertätscheln und den Blick und sagte: »Mir auch nicht. Aber ich will mich so gut wie möglich nützlich machen, und diese Aufgabe ist perfekt für Nikwillig.«
Wieder wollte Tred protestieren – es war ein Reflex –, und wieder schnitt Nikwillig ihm das Wort ab.
»Das weißt du!«, sagte er tonlos.
Tred schwieg und sah seinen Freund einen Moment an, dann gab er mit einem zögernden Nicken nach.
»Pass auf dich auf.«
»Du hast eins vergessen«, erwiderte Nikwillig mit einem Blinzeln. »Ich weiß, wie man wegrennt.«
Ein Ruf vom Abhang her erweckte ihre Aufmerksamkeit. Die Orks waren zwischen zwei Karrees durchgebrochen – nichts Ernstes, aber es genügte, um ein paar von dem bärtigen Volk in offensichtliche Gefahr zu bringen.
»Moradin, gib mir Kraft!«, brüllte Tred und stürzte den Abhang hinab.
Nikwillig lächelte, als er seinem Freund hinterhersah. Dann wandte er sich wieder nach Osten und den dunklen Silhouetten dieser hoch aufragenden Berge zu. Er blickte noch einmal zurück, um sich zu orientieren und sich den kritischen Bereich des Gebirgskamms besser einzuprägen, dann steckte er den Spiegel in seinen Rucksack und machte sich zu jenem Weg auf, den er für den letzten in seinem Leben hielt.
Mehrere Stunden später, als der Himmel immer noch dunkel war, sich aber am östlichen Horizont das erste leichte Schimmern der bevorstehenden Dämmerung zeigte, erfuhr Banak, dass man im Südwesten eine Ork-Armee gesichtet hatte, die sich rasch den Zwergenstellungen am westlichen Rand des Tals der Hüter näherte. Rasch rief der Zwerg seine Anführer zusammen und winkte außerdem Nanfoodle, Pikel und Shoudra Sternenglanz hinzu, die die Information selbst gebracht hatte, nachdem sie sich mit Hilfe ihrer magischen Fähigkeiten im Westen umgesehen hatte.
»Es ist eine große Armee«, warnte Shoudra. »Eine mächtige Armee. Es wird unseren Freunden schwer fallen, lange gegen sie zu bestehen.«
Das waren bedrückende Nachrichten, und die Zwerge sahen einander ratlos an.
»Empfiehlst du, nach unten zu gehen?«, fragte Banak.
Darauf hatte Shoudra keine Antwort, und Banak wandte sich Nanfoodle zu.
»Ich hoffe, hier siegen zu können«, erklärte er. »Aber das geht nicht, wenn die Riesen anfangen, unsere Flanke unter Beschuss zu nehmen. Also hängt alles von deinem Plan ab, Gnom.«
Nanfoodle versuchte selbstsicher dreinzuschauen – und versagte.
»Wenn wir gehen müssen, müssen wir eben gehen«, sagte Banak. »Aber ich denke, wir sollten diesen Ork-Schweinen ordentlich wehtun.«
Thibbledorf Pwent knurrte zustimmend.
»Sie werden schon bald hier sein«, warf Ivan Felsenschulter ein. »Sie machen sich zu einem weiteren Angriff bereit.«
»Weil sie wissen, dass die Riesen bald anfangen werden, uns zu beschießen«, erklärte Wulfgar.
»Aber wenn die Riesen es nicht tun …«, sagte Banak listig. Abermals wandte er sich Nanfoodle zu, und auch alle anderen sahen den Gnom an.
»Ei, ei!«, versuchte Pikel den kleinen Alchemisten zu unterstützen.
»Wird es funktionieren?«, fragte Banak.
»Ei, ei!«, sagte Pikel abermals und stieß die Faust in die Luft.
»Es hätte nicht stinken dürfen …«, begann Nanfoodle, aber dann hielt er inne und holte tief Luft. »Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Ich denke …«
»Du denkst?«, schnaubte Banak. »Wir haben mehr als tausend Zwerge hier oben, Kleiner. Du denkst? Kämpfen wir jetzt weiter, oder gehen wir nach unten?«
Der kleine Alchemist hatte keine Ahnung, was er sagen und wie er diese schwere Verantwortung auf seinen schmalen Schultern tragen sollte.
»Ei, ei!«, rief Pikel.
»Es wird funktionieren«, fügte Ivan hinzu.
»Also sollten wir bleiben?«, fragte Banak.
»Das ist deine Entscheidung«, erwiderte Ivan. »Aber ich denke, diese Riesen da werden sich schon bald wünschen, wir hätten uns umgedreht und wären davongerannt!«
Er ging zu Nanfoodle und tätschelte ihm die Schulter.
»Ei, ei!«, rief Pikel.
»Die Orks kommen«, meldete ein anderer Zwerg – der Priester Felsenfuß. »Diesmal ein großer Angriff.«
»Gut. Mir wurde schon langweilig«, sagte Thibbledorf Pwent, der noch blutverschmiert war vom Kampf des Vorabends – ein Teil des Bluts war sein eigenes, aber der größte Teil stammte von seinen unzähligen Opfern.
»Die Sonne geht erst in einer Stunde auf«, stellte Ivan fest.
»Dort, wo Nikwillig ist, wird sie schneller zu sehen sein«, sagte Catti-brie.
»Also halten wir stand«, entschied Banak.
Er wandte sich Nanfoodle zu und nickte; mehr Unterstützung konnte er dem absurden Plan des Gnomen in solch finsteren Zeiten nicht gewähren. Banak setzte viel aufs Spiel, und das wusste er, ebenso wie jeder andere in der Nähe. Wenn die Riesen erst anfingen, ihre Steine zu werfen, und die Orks sie heftiger bedrängten, würde es sehr schwierig für die Zwerge werden, ins Tal hinunterzuklettern. Und wenn Shoudras Einschätzung der zweiten Ork-Armee zutraf, könnte der Abstieg ins Tal sich sogar als fatal erweisen.
»Treib sie zurück, Thibbledorf Pwent«, befahl Banak. »Halte uns die Schweine vom Hals.«
Zur Antwort hob Pwent einen vollen Weinschlauch, tippte ihn grüßend an die Stirn und rannte zurück zu seinen blutigen und zerschlagenen Knochenbrechern.
Wieder wanderten alle Blicke zu Nanfoodle, der unter dem Druck zu schrumpfen schien. Sein Plan musste funktionieren, aber die Vorzeichen waren nicht gerade viel versprechend.
Schon bald waren wieder Kampfgeräusche vom Abhang zu hören, als Pwent den Gegenangriff der Zwerge anführte.
Kurz darauf drangen die Geräusche eines anderen Kampfes von unten herauf, vom Westrand des Tals der Hüter.
Und einen Augenblick später schoss das erste Riesenkatapult. Ein gewaltiger Stein flog über die hintere Zwergenlinie hinweg und krachte auf den Klippenrand.
»Habt ihr eure Schläuche?«, fragte Thibbledorf Pwent die versammelten Knochenbrecher, als sie wieder den Abhang hinaufstiegen und sich neu formierten. Alle Zwerge zeigten die geblähten Blasen. »Einige von euch werden sie nicht brauchen«, fügte er feierlich hinzu. »Und es könnte sein, dass einige von euch sie nicht erreichen können. Aber ihr wisst, was ihr zu tun habt!«
Wie ein einziger Mann jubelten und brüllten die Schlachtenwüter.
»Greift sie an und durchbrecht ihre Linien«, befahl ihr Anführer. »Treibt sie zurück und nehmt dann euren Platz unter den Toten ein.«
Und wieder stürmten die Knochenbrecher vor, ein weiterer wilder Angriff, der die Ork-Front tatsächlich zusammenbrechen ließ. Pwent führte seine Leute diesmal tiefer den Abhang hinab, als die Zwerge je zuvor vorgedrungen waren. Sie brachen nicht nur durch die Front der Orks, sondern drangen bis in die Nachhut vor. Ihr Ziel bestand mehr darin, Verwirrung zu stiften, als tatsächlichen Schaden anzurichten – was für die gemetzelhungrige Knochenbrecher-Brigade nicht einfach war –, und das erreichten sie auch. Der Ork-Angriff brach in sich zusammen, und viele waren gezwungen, sich zurückzuziehen, um sich neu zu formieren.
Thibbledorf Pwent hielt seine Leute dicht beisammen und gestattete ihnen nicht wie üblich, die Feinde zu verfolgen. Er hob seinen Weinschlauch zum Gruß und zur Erinnerung für die anderen. Dann fand er eine abgebrochene Waffe, die er später benutzen wollte, und blinzelte denen in seiner Nähe zu, damit sie verstanden, was er vorhatte.
Wie eine Meereswelle rollten die Orks zurück und sammelten Kraft für den nächsten Angriff. Und während dieser kurzen Ruhe vor dem nächsten Sturm schleuderten die Riesenkatapulte weiter gewaltige Steine in die Morgenluft. Zunächst flogen nur wenige Geschosse weit genug, und die ersten Salven waren deshalb nicht sonderlich wirkungsvoll, aber die Zwerge wussten, wie schnell sich das ändern konnte.
»Wir müssen den Osten halten!«, rief Tred den anderen zu, vor allem Wulfgar, der von Beginn der Kämpfe an das Ende dieses Flügels gesichert hatte.
Wulfgar nickte grimmig, und das beruhigte den Zwerg aus Felbarr und erinnerte ihn daran, was er die ganze Zeit gewusst hatte: Es würde schwer für Nikwillig werden, zu ihnen zurückzukehren.
Banak ging nervös am Klippenrand auf und ab und schaute dabei ebenso oft nach Südwesten wie zu der tobenden Schlacht am Abhang.
Das war's also, dachte er.
Das hier war der Höhepunkt all seiner Anstrengungen und der Anstrengungen seines Feindes. Die Orks schlossen ihren Schraubstock im Norden und Westen, während die Riesen das hintere Ende von Banaks Front aufweichten.
Ein Stein prallte nicht allzu weit entfernt auf und polterte direkt an Banak vorbei, hätte ihn beinahe gestreift und von der Klippe geworfen.
Der zähe Zwerg zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern ging weiter auf und ab, und sein Blick wanderte immer öfter zum heller werdenden Osthimmel.
»Also los, Nikwillig aus Felbarr«, flüsterte er, und noch während er die Worte sprach, sah er in der Ferne einen Spiegel aufblitzen, der die ersten Strahlen der Morgensonne auf der anderen Seite des Ostkamms einfing.
Andere bemerkten es ebenfalls und zeigten aufgeregt nach Osten. Catti-brie kam zu Banak gerannt, den Bogen in der Hand, und Nanfoodle, Shoudra und Pikel folgten rasch.
»Zielen, zielen«, sagte Shoudra leise und beobachtete den Spiegel in der Ferne.
Nanfoodle ballte die Fäuste und wagte kaum zu atmen.
»Da!«, sagte Catti-brie und zeigte auf den Gebirgskamm, wo die Reflexion von Nikwilligs umhertastendem Sonnenstrahl schließlich den zweiten Spiegel gefunden hatte und ihn hell aufblitzen ließ. Sie hob den Bogen.
Banak hielt den Atem an, ebenso wie die anderen.
Unter ihnen tobte der Kampf weiter. Orks schwärmten in größerer Zahl als je zuvor den Abhang hinauf. Ein Großangriff, so schien es, und überall entlang der Zwergenfront erklang der Ruf zum Rückzug, und es gab sogar ein paar erschrockene Forderungen, sie sollten sich ins Tal zurückziehen.
»Also, was machen wir?«, fragte Catti-brie und schaute ebenso wie die anderen zu Nanfoodle.
Nanfoodle begann, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu tänzeln, unfähig, auch nur richtig Luft zu holen, und einen Moment lang sah es so aus, als würde er einfach umfallen. Er blickte hinüber zu Pikel, der neben den Rohren saß, nahe an einer Verbindung. Nanfoodle fand irgendwie Kraft in diesem Bild, in der vergnügten Selbstsicherheit des grünbärtigen Zwergs.
Der Gnom holte tief Luft und nickte Pikel zu.
»Ei, ei!«, rief der Zwergendruide.
Er bewegte die Hand über die Verbindung zwischen den beiden Rohren, dann drückte er auf den plötzlich weich gewordenen Stein und versiegelte das Rohr.
Ein weiterer tiefer Atemzug und ein Schlucken, und Nanfoodle zwang sich, ruhiger zu werden.
»Schieß!«, rief er und hielt sich dann wimmernd die Augen zu.
Catti-brie hob Taulmaril, zielte auf den blitzenden Spiegel – den Reflektor, den Ivan an der Seite des Kastens angebracht hatte, der nun im Gestein des Kamms saß.
Weitere große Steine prallten ganz in der Nähe auf – mehrere Zwerge schrien vor Entsetzen, als ihre Kameraden getroffen wurden.
Catti-brie spannte den Bogen, aber der weit entfernte Nikwillig musste seinen Spiegel ein wenig bewegt haben, denn die Reflexion am Kamm verschwand plötzlich.
Catti-brie hielt den Bogen weiter gespannt und wartete.
»Bresche!«, schrie ein Zwerg aus dem Norden.
»Schieß schon!«, flehte Banak Catti-brie an.
Sie atmete nicht und schoss auch nicht, sondern wartete und verließ sich auf Nikwillig. Sie sah, wie die Reflexion seines Sonnenstrahls über die dunklen Steine am Gebirgskamm kroch und das Ziel suchte.
»Komm schon!«, flüsterte Shoudra.
Banak rannte davon.
»Lasst euch zurückfallen!«, rief er den kämpfenden Zwergen zu. »Bildet eine zweite Front!«, brüllte er den Reserven zu, die näher an der Klippe standen und damit beschäftigt waren, Deckung vor dem immer heftiger werdenden Katapultbeschuss zu suchen.
Catti-brie verbannte alles aus ihrem Kopf, hielt sich vollkommen reglos und konzentrierte sich auf den reflektierten Sonnenstrahl – sie sah nur noch diese kriechende Linie aus Licht.
Dann blitzte es am Kamm wieder auf. Taulmaril summte, der silberne Pfeil schoss davon. Catti-brie gab noch einen zweiten und einen dritten Schuss auf das gleiche Ziel ab.
Das war jedoch unnötig, denn schon der erste Pfeil hatte getroffen, war durch das Glas des Spiegels gedrungen und gegen das Stück Holz dahinter geprallt. Die Wucht des Aufpralls trieb das Holz zurück, zerschlug die große Phiole, und das verzauberte explosive Öl erwachte zum Leben.
Einen kurzen Augenblick lang geschah überhaupt nichts, und dann …
BUMM!
Der ganze Westen wurde hell, als wäre die Sonne selbst hinter dem Gebirgskamm hervorgesprungen. Flammen brachen aus jedem Riss im Gestein, loderten zwischen den verdutzten Riesen und ihren großen Belagerungsmaschinen auf, sprangen höher als alle Flammen, die die ehrfürchtigen Zuschauer je gesehen hatten. Tausend Fuß hoch in die Luft flackerte Nanfoodles orangefarbenes Feuer, machte die Nacht zum Tag und schleuderte Dreck und kleine und große Steine hoch in den Himmel.
Die Flammen loderten nur einen Augenblick, denn das Gas brannte sich in einer einzigen Explosion aus. Dann rollte eine heiße Welle von erstaunlicher Kraft über Catti-brie, Shoudra und Nanfoodle, über den quiekenden Pikel und den staunenden Banak, über die kämpfenden Krieger, Zwerge und Orks hinweg und schleuderte sie allesamt zu Boden.
Mit dieser heißen Luftwelle kam der Schutt: Tonnen und Abertonnen von Steinen, groß und klein, prasselten auf das Schlachtfeld nieder. Da der größte Teil des Hangs weiter im Norden lag, bekamen die Ork-Horden das Schlimmste ab, und Hunderte wurden niedergestreckt.
Drüben im Westen war der Gebirgskamm, einstmals eine beinahe gleichmäßige Linie, nun zerklüftet und zerrissen. Katapulte und Riesen – die wenigen, die immer noch standen – brannten, die Belagerungsmaschinen zerfielen, die Riesen sprangen wild umher.
Nanfoodle erhob sich und starrte beinahe dümmlich nach Westen.
»Erinnerst du dich an diesen Feuerball bei deinem Besuch auf dem Magiermarkt vor ein paar Jahren, von dem du mir erzählt hast?«, fragte er Shoudra.
»Elmisters Feuer, ja«, erwiderte die erschütterte Frau. »Der größte Feuerball, der je geschleudert wurde.«
Nanfoodle schnippte mit den kleinen Fingern und sagte: »Jetzt nicht mehr.«