Leichtsinn
»Wenn er so weitermacht, werden sie ihn noch umbringen«, flüsterte Tarathiel Innovindil zu, als die beiden auf einem flachen Felsüberhang lagen und den zurückkehrenden Drizzt Do'Urden beobachteten. Der Drow hinkte eindeutig und schonte die rechte Hüfte.
»Seine Entschlossenheit grenzt an Dummheit«, erwiderte Innovindil. Sie sah ihren Gefährten an. Die Augen der beiden hatten beinahe die gleiche Farbe – ein leuchtendes Blau –, aber sie wirkten in ihren Gesichtern sehr unterschiedlich, denn Innovindils Haar war golden und das von Tarathiel so schwarz wie ein Rabenflügel. »Ich habe noch nie gesehen, dass jemand so … zornig war.«
Die beiden Elfen hatten Drizzt seit der Plünderung von Senkendorf im Auge behalten. Als der Drow bei diesem Kampf auf der anderen Seite der Schlucht die Riesen abgelenkt hatte, waren Tarathiel und Innovindil ihm zu Hilfe gekommen. Die Elfen glaubten, er hätte sie gesehen, wie sie hoch oben auf ihren Pegasi – Sonne und Mond – vorbeigeflogen waren, aber er hatte nach diesem Vorfall nicht versucht, sie zu finden.
Anders als die Elfen. Beide waren geschickte Spurensucher, und Tarathiel hatte Drizzt schon bald nach diesem schicksalhaften Kampf aufgespürt – die Spur toter Orks, die der Drow hinter sich herzog, war dabei sehr hilfreich gewesen. In den beiden Zehntagen seit dem Fall von Senkendorf hatte Drizzt beinahe jeden Tag Ork-Lager oder Patrouillen überfallen. Der letzte Angriff gegen einen der großen Stämme, der vor kurzem vor den Ruinen von Senkendorf erschienen war, zeigte, dass er mutiger wurde – gefährlich mutig.
Dennoch, er siegte jedes Mal, und Tarathiel und Innovindil bewunderten ihn dafür.
»Er hat in Senkendorf Freunde verloren«, erinnerte Tarathiel seine Gefährtin. »Die Orks behaupten, dass Bruenor Heldenhammer dort gestorben ist.«
Innovindil blickte hinunter auf den Drow-Krieger. Er hatte sich ausgezogen und säuberte seine neueste Wunde – eine von vielen – in einem kleinen Bach nahe seiner jämmerlichen Unterkunft.
»Ich würde ihn mir nicht zum Feind wünschen«, flüsterte sie.
Tarathiel drehte sich zu ihr um, denn ihm war aufgefallen, welche Bedeutung ihre Worte für ein anderes Mitglied ihres Klans hatten. Sobald sie gehört hatten, dass Bruenor Heldenhammer zusammen mit seinen Freunden nach Mithril-Halle zurückkehren würde, hatten Tarathiel und Innovindil eine Gelegenheit gesucht, mit Drizzt zusammenzutreffen. Denn eine ihrer Verwandten, die arme, verwirrte Ellifain, hatte den Drow verfolgt, weil sie Rache suchte für einen Überfall der Dunkelelfen vor mehreren Jahrzehnten, als Ellifain noch ein Kind gewesen war. Ellifains gesamte Familie war bei diesem schrecklichen Gemetzel umgekommen, und Drizzt Do'Urden hatte zu der Truppe von Drow gehört, die dafür verantwortlich war.
Aber Drizzt hatte an dem Gemetzel nicht wirklich teilgenommen, wie die Elfen inzwischen wussten. Tatsächlich hatte er Ellifain sogar gerettet, indem er sie mit dem Blut ihrer eigenen Mutter beschmiert und unter deren Leiche versteckt hatte. Für Tarathiel, Innovindil und alle anderen Elfen aus dem Mondwald war Drizzt Do'Urden eher ein Held als ein Schurke, aber die arme Ellifain hatte ihre Trauer nie abschütteln können und war nie in der Lage gewesen, in dem edlen Drow-Waldläufer etwas anderes zu sehen als einen Lügner.
Trotz aller Anstrengungen ihres Klans, Ellifain zu informieren und zu beruhigen, war die junge Elfenfrau vor ein paar Jahren aus dem Mondwald verschwunden, um Rache zu nehmen. Tarathiel und Innovindil hatten sie verfolgt und sie aufhalten wollen, aber sie hatten ihre Spur in Silbrigmond verloren.
Nun war Drizzt wieder in der Region, und sehr lebendig. Was bedeutete das für Ellifain?
Als Tarathiel und Innovindil Drizzt gefunden hatten, hatte Innovindil daran gedacht, direkt zu ihm zu gehen und mit ihm darüber zu sprechen, aber Tarathiel hatte den Drow eine Weile beobachtet und sich dagegen ausgesprochen. Allem Anschein nach war Drizzt Do'Urden eine unbekannte Größe, ein unberechenbares Geschöpf, das nur für seinen Zorn und seine Überlebensinstinkte lebte.
Er trug nicht einmal Stiefel, wenn er sich jeden Tag über den steinigen Boden bewegte, und bei den zwei Gelegenheiten, bei denen Tarathiel Drizzt im Kampf beobachtet hatte, hatte sich der Drow alles andere als vorsichtig verhalten. Tarathiel hatte gesehen, wie Drizzt Treffer hingenommen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, und wie er seinen Feinden ohne das geringste Anzeichen von Zögern oder Bedauern die Köpfe abschlug.
In vielerlei Hinsicht erinnerte der Drow Tarathiel an ihre Freundin aus dem Mondwald, die sie verloren hatten, diese junge Elfenfrau, die so voller Zorn gewesen war, dass es sie für alles andere auf der Welt blind machte.
»Wir müssen mit ihm sprechen, bevor er umgebracht wird«, sagte Tarathiel nun plötzlich.
Diese gefühllosen Worte, so sachlich ausgesprochen, bewirkten, dass Innovindil ihn überrascht ansah, denn aus Tarathiels Tonfall wurde deutlich, dass er ein solches Ergebnis – Drizzts Tod – für unvermeidlich hielt. Tarathiel spürte ihren forschenden Blick und reagierte mit einem schlichten Schulterzucken.
»Ist das, was er da tut, mörderisch oder selbstmörderisch?«, fragte er. »Oder vielleicht beides?«
»Wir sollten ihn vielleicht von diesem Kurs abbringen.«
Tarathiel lachte leise und schaute zurück zu dem weit entfernten Drizzt, der inzwischen aufgehört hatte sich zu waschen und zu langsamen, stetigen Dehnbewegungen und Gleichgewichtsübungen übergegangen war, wobei er sich überwiegend auf seine verwundete rechte Hüfte konzentrierte.
»Er weiß vielleicht von Ellifain«, fuhr Innovindil fort.
»Und wenn er Ellifain gegenübergestanden und sie besiegt hat, was wird er dann von uns erwarten, wenn wir auf ihn zukommen?«
»Du bist für Drizzt Do'Urden kein vollkommen Fremder«, widersprach Innovindil. »Hat er dich nicht schon vor Jahren, als er den Mondwald durchquerte, davon überzeugen können, dass er auf der Seite des Guten steht? Hat die Göttin Mielikki ihm nicht vor deiner Nase einen Besuch bei ihrem Einhorn gewährt?«
Das alles stimmte natürlich, aber wenn Tarathiel diesen zornigen Krieger betrachtete, der dort unter ihm seine Übungen durchführte, hatte er irgendwie das Gefühl, nicht mehr den gleichen Drizzt Do'Urden vor sich zu haben, den er damals kennen gelernt hatte.
Er war vollkommen im Gleichgewicht, ohne ein einziges Muskelzittern oder eine plötzliche Bewegung zu seinem Standbein hin. Langsam ging Drizzt mit dem waagrecht ausgestreckten rechten Bein alle Bewegungen durch, streckte seine Kniesehne und die Muskeln und versuchte, die Spannung in seiner rechten Hüfte loszuwerden.
Es überraschte ihn ein wenig, wie schwer er bei diesem letzten Kampf getroffen worden war, und er befürchtete, ein Knochen könnte gebrochen sein.
Während er die Bewegungen vollzog, ließ seine Angst langsam nach. Von eher dumpfen Schmerzen einmal abgesehen, konnte er keine Behinderung feststellen.
Drizzt hatte das Glück gehabt, eine weitere Begegnung mit dem Feind relativ unversehrt zu überleben, und er mochte sich vielleicht nachträglich fragen, was ihn dazu getrieben hatte, sich in ein so großes Lager zu schleichen, aber diese Gedanken wichen schnell der Erinnerung an die Szene, die er hinter sich gelassen hatte. Er hatte den Orks einen Schlag versetzt, den sie nicht so schnell vergessen würden.
Aber das genügte nicht, wusste der Jäger.
Nicht einmal annähernd.
Drizzt blickte zum Vormittagshimmel auf und überlegte, wann er Guenhwyvar wieder zu sich rufen könnte. Der Panther musste sich auf der Astralebene ausruhen, aber er würde schon bald bereit sein, seine Jagd von neuem zu beginnen – ein Gedanke, der ein boshaftes Lächeln auf die Lippen des Drow brachte.
Die Orks würden sich vielleicht verteilen, um ihn zu suchen, und wenn das der Fall war, würden er und Guenhwyvar sicher ein paar versprengte Feinde finden, die sie töten konnten.
Drizzts Aufmerksamkeit wandte sich jedoch rasch von diesen angenehmen Gedanken ab und den beiden Elfen zu, die oben auf dem flachen Felsen lagen und ihn beobachteten.
Ja, der Jäger wusste von ihnen, denn in seinem derzeitigen Zustand war Drizzt viel zu sehr auf seine Umgebung eingestellt, als dass ihm dieses gut eingespielte, sich nur verstohlen bewegende Paar entgehen konnte. Er wusste nicht, wer sie waren, aber angesichts seiner letzten tragischen Begegnung mit einer Oberflächenelfe waren die Möglichkeiten wenig erfreulich.
»Es war ein Drow!«, widersprach der Ork so heftig er es wagte. »Ich habe einen Drow gesehen!«
Arganth Fauch sprang vorwärts, um sich direkt vor dem beharrlichen Geschöpf aufzubauen; die lange Zahnhalskette des Schamanen schwang wild herum und klatschte sogar ins Gesicht seines trotzigen Gegenübers.
»Du hast einen Drow gesehen?«, fragte der Schamane »Das hab ich doch gerade gesagt!«, erklärte der Ork.
Arganth ignorierte die Antwort und fuhr zu den anderen Schamanen herum, die sich alle am Schauplatz von Achtels Hinscheiden versammelt hatten.
»Sollte es etwa Ad'non Kareese gewesen sein?«, fragte ein anderer, das Gesicht vor Empörung verzerrt.
Arganth suchte nach einer Antwort, die diesem Mord nichts von seiner Bedeutsamkeit nehmen würde – schließlich wollte der Schamane das Ereignis für seine eigenen Zwecke ausbeuten. Achtel war die Einzige unter den versammelten Schamanen gewesen, die sich gegen Arganths Behauptung gestellt hatte, König Obould sei eins mit Gruumsh. Sie hatte die Unabhängigkeit ihres mächtigen Stamms nicht aufgeben wollen und insgeheim mit ein paar anderen Schamanen darüber diskutiert, ob ein Zusammenschluss der Stämme wirklich so weise war.
Und nun war Achtel nicht nur tot, sondern es sah so aus, als wäre sie gezielt ausgewählt worden. Für Arganth war die Antwort offensichtlich: Achtels Dreistigkeit hatte Gruumsh Einauge erzürnt, und der Gott hatte sie dafür rasch und gnadenlos bestraft. Arganth musste allerdings befürchten, dass die anderen Schamanen Oboulds Drow-Freunde mit dem Mord an Achtel in Verbindung brachten und daraus vielleicht schlossen, dass etwas Hinterhältiges im Gange war und Obould und seine Verbündeten versuchten, durch Terror zu überzeugen – eine bei Orks ohnehin beliebte Vorgehensweise.
»Nein, es war nicht Ad'non«, wagte der Zeuge einzuwerfen. »Es war der … der Eine.«
Seine plötzlich heisere Stimme, als er diese seltsame Bezeichnung verwendete, sagte den anderen genau, von wem er sprach. Es hatte in allen Rängen der Ork-Armee, die aus ihren Berglöchern gekommen war, Gerüchte gegeben, dass ein einzelner Drow, ein Verbündeter des toten Königs Bruenor, hinter ihren Linien arbeitete, und zwar mit tödlicher Wirkung.
»Der Drizzit«, sagte Arganth mit tiefer, drohender Stimme. »Gruumsh hat unseren Feind gegen unseren Feind benutzt.«
»Achtel war unser Feind?«, fragte ein anderer Schamane.
»Achtel hat geleugnet, dass Gruumshs Geist mit König Oboulds Körper verbunden ist«, erklärte Arganth. »Nun sehen wir es klar vor uns. Dieses Zeichen kann man nicht mehr abstreiten!«
Überall ringsumher begannen die Orks aufeinander einzureden, aber die meisten von ihnen nickten zustimmend.
»Obould ist Gruumsh!«, wagte Arganth zu erklären.
Und es erklang kein Wort des Widerspruchs mehr.
»Er verschwendet keine Zeit«, sagte Innovindil zu Tarathiel, als sie ihn hinter einem Hain an dem Berghang einholte, wo Drizzt Do'Urden sich in seine Höhle zurückgezogen hatte.
»Ist er schon wieder draußen?«, fragte Tarathiel und blickte zum Himmel auf, um sich zu überzeugen, dass ihnen bis zum Sonnenuntergang noch ein paar Stunden blieben. »Ich hätte gedacht, er muss seine Hüfte schonen.«
»Er hat den Panther gerufen«, erklärte Innovindil.
Tarathiel nickte und schaute abermals zum Himmel, und seine blauen Augen glitzerten im Licht.
»Ich fürchte, er macht einen Fehler«, sagte der Elf. »Er ist schwerer verletzt, als ihm klar ist – wenn die Wunde an der Hüfte ihn aus dem Gleichgewicht bringt…«
Innovindil zog ihr schlankes Schwert und zuckte die Achseln. Sie wandte sich dem Weg zu, der sie zu dem Dunkelelfen führen würde.
»Vielleicht sollte ich ihm allein folgen«, bot Tarathiel an. »Auf Sonne, und hoch über der jagenden Katze.«
Innovindil warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Mond ist noch nicht so weit, einen Reiter tragen zu können«, erklärte Tarathiel. »Bald vielleicht, aber jetzt noch nicht.«
Innovindil konnte dem wenig entgegensetzen. Im Kampf mit den Riesen nördlich von Senkendorf war ihr Pegasus von einem Stein am Flügel getroffen worden, was eine schwere Prellung und einen Riss zur Folge gehabt hatte. Mond schien sich gut zu erholen, denn Pegasi waren widerstandsfähige Geschöpfe, aber Tarathiel hatte Recht, und Innovindil würde es nicht wagen, Mond jetzt schon wieder fliegen zu lassen, vor allem nicht mit ihrem zusätzlichen Gewicht.
Aber sie hatte auch nicht vor, einfach zurückzubleiben.
»Du würdest am Nachmittagshimmel ein gutes Ziel abgeben«, sagte sie. »Oder willst du etwa immer noch in der Luft sein, wenn die Sonne untergeht und dein Reittier blind über die Bergkämme fliegen muss?«
»Ich fürchte nur, dass wir dem Panther begegnen könnten, wenn er mit Drizzt unterwegs ist«, erklärte Tarathiel. »Ich habe keine Lust auf einen Kampf mit diesem Geschöpf.«
»Wenn wir vorsichtig sind, wird es dazu nicht kommen«, sagte Innovindil störrisch.
Sie zeigte in die Richtung, in der Drizzt verschwunden war.
Tarathiel war sofort an ihrer Seite, und sie machten sich mit leisem, raschem Schritt auf den Weg. Schon bald waren sie Drizzt und Guenhwyvar auf der Spur.
Es gab in der Region inzwischen so viele Orks, dass Drizzt und Guenhwyvar bereits eine Bande gefunden hatten, als die Sonne immer noch am westlichen Himmel stand.
»Gerti sagt dies, Gerti sagt das«, beschwerte sich eins der Geschöpfe, als es einen Eimer in das kalte Wasser eines kleinen Flusses hängte. »Gerti, Gerti, Gerti!«
»Woher wissen wir denn schon, was Gerti wirklich sagt und was die Riesen behaupten, dass Gerti sagt?«, schimpfte ein anderer, der ebenfalls einen Eimer ins Wasser tauchte.
»Gerti redet zu viel«, fiel ein Dritter ein.
»Gerti«, flüsterte Drizzt Guenhwyvar zu. »Eine Riesin.«
Der intelligente Panther schien jedes Wort zu verstehen und legte die Ohren flach an. Drizzt hielt es für klüger, zunächst festzustellen, wie groß die Gruppe war, also bedeutete er Guenhwyvar, die Orks rechts zu umkreisen, während er sich selbst nach links wandte. Und tatsächlich hatte er innerhalb von ein paar Minuten eine Eisriesin entdeckt, die sich an einer Flussbiegung bequem auf ein paar Steinen niedergelassen hatte und den Kopf zurücklehnte, um die Spätnachmittagssonne zu genießen. Ihre schweren Stiefel standen am Ufer, einer aufrecht, der andere umgeknickt, und ihr riesiges Hackmesser lag ebenfalls dort. Sie schien die ganze Welt vergessen zu haben, während sie mit den nackten Füßen im eisigen Wasser planschte.
Drizzt entdeckte Guenhwyvar am anderen Flussufer, winkte ihr zu und zeigte dann auf die Riesin.
Der Jäger kehrte über die Felsen zurück zu der Stelle hinter der Biegung, wo die Orks immer noch an der Arbeit waren – sie schienen eine weite, flache Grube zu füllen. In der Nähe brannte ein Feuer, und Steine waren ringsumher aufgeschichtet. Hin und wieder legte ein Ork einen dieser erhitzten Steine in die mit Wasser gefüllte Senke.
»Eine Badewanne?«, flüsterte Drizzt erstaunt.
Dann schob der Drow diese unwichtigen Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die vor ihm lag. Er rieb sich unwillkürlich die verwundete Hüfte, während er die Umgebung betrachtete, sich mögliche Fluchtwege einprägte – mehr für die Orks als für sich selbst – und das hügelige Gelände nach weiteren Ork-Banden in unmittelbarer Nähe absuchte.
Ein Knurren von der Flussbiegung, gefolgt von einem überraschten Schrei, beendete diese Suche und ließ den Jäger aufspringen und auf die Orks zurennen. Die schweinsgesichtigen Geschöpfe heulten schrill auf und warfen die Eimer beiseite.
Einer rannte nach rechts den Fluss entlang, aber Drizzt, beschleunigt durch die magischen Fußbänder, fing ihn ab und stach ihn nieder. Er drehte sich rasch um – er wäre beinahe gestolpert, als ein scharfer Schmerz von seiner Hüfte ausging – und wandte sich der Hauptgruppe zu.
Die beiden, die ihm am nächsten waren, hoben Speere, um ihn aufzuhalten, aber er rutschte vor ihnen auf die Knie und kam dann schnell wieder hoch, während sie noch den Winkel ihrer Waffen korrigierten. Zwei rasche Schritte brachten Drizzt nach links, und zwei Speere zuckten in diese Richtung.
Aber der Jäger hatte sich bereits wieder nach rechts gedreht und blieb einen winzigen Augenblick geduckt, gerade lange genug, dass die Orks ihre Speere wieder senkten und versuchten, ihren Schwung umzukehren.
Drizzt sprang hoch und vorwärts, trat nach links und rechts, traf einen Ork direkt im Gesicht und streifte den Unterarm des anderen, als der mit dem Speer zur Abwehr ansetzte. Der Jäger landete geschickt auf einem Fuß – und wieder verspürte er diese schrecklichen Schmerzen, die von der Hüfte ausgingen. Dennoch drehte er sich sofort und zog die Krummsäbel in einer weit ausholenden Bewegung herum.
Beide Orks fielen auf den Rücken, und leuchtend rote Streifen auf ihren Körpern zeigten, wo die Krummsäbel getroffen hatten.
Der Jäger rannte an ihnen vorbei und auf den nächsten in der Reihe zu. Eine Drehung, eine Finte, dann eine zweite, und der Ork wandte sich hierhin und dorthin, während der Drow direkt an ihm vorbeieilte. Ein Drehen des Handgelenks, und ein Stoß nach hinten traf das verwirrte Geschöpf in den Rücken. Und schon lief Drizzt weiter und wurde nicht einmal langsamer, als hinter der Flussbiegung lautes Brüllen ertönte, gefolgt vom Platschen der laufenden Riesin.
Sie kam um die Biegung und stolperte über die vielen großen, glatten Flusssteine, die Hände erhoben in dem Versuch, den störrischen Panther, der sich in ihr Gesicht verbissen hatte, wegzureißen.
Der Jäger zwang einen weiteren Ork mit einem doppelten Rückhandstoß rückwärts zu springen, was das Geschöpf aus dem Gleichgewicht brachte und dann nach vorn taumeln ließ. Der Drow folgte mit zwei Aufwärtsstichen, die den Ork an Gesicht und Hals trafen. Bevor das sterbende Geschöpf auch nur umgefallen war, hatte sich der Jäger bereits umgedreht und konzentrierte sich auf die Riesin.
Er sah, dass es der Riesin schließlich gelungen war, den Panther von ihrem zerfetzten Gesicht wegzureißen. Sie hob Guenhwyvar hoch in die Luft und schleuderte sie weg. Drizzt hörte das Kreischen der verwundeten Katze und spürte für einen Augenblick den Schmerz des Panthers.
Aber er war der Jäger, nicht Drizzt, und er griff nicht sofort nach der Statuette, um seine gepeinigte Freundin wieder auf die Astralebene zu schicken, wo sie sich in Ruhe erholen konnte. Stattdessen hob er die Krummsäbel und griff die schrecklich verwundete und offensichtlich blinde Riesin an, stach ihr tief in Bauch und Rücken und eilte um sie herum, damit sie sich ebenfalls drehen musste. Immer einen Schritt voraus, schlug der Jäger wieder und wieder zu, und als die Riesin schließlich im Fluss auf die Knie sank, griff er noch wütender an und fand bei jedem Stoß ihren Hals.
Blut spritzte, was den Jäger nur in noch größere Raserei versetzte. Er schlug und schnitt ohne nachzudenken, selbst als die Riesin schon vor ihm im Wasser lag. Seine Umgebung zählte nicht mehr. Er sah Ellifain am Ende seines Krummsäbels fallen, sah Bruenor, der auf dem brennenden Turm stand. Und er kämpfte mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele gegen diese Bilder, schlug sie mit jedem Hieb in den Schädel der Riesin ein Stück weiter von sich weg. Die sterbende Riesin wurde zum Konzentrationspunkt all seines Zorns, und in diesen wenigen Sekunden reiner Intensität war Drizzt frei von seinem inneren Aufruhr.
Das Kreischen der verwundeten Guenhwyvar riss ihn jedoch aus seinem Rausch und verursachte ihm sofort Schuldgefühle. Der Panther lag am anderen Ufer des Flusses und versuchte, sich mit den Vorderpfoten aus dem Wasser zu ziehen, während seine Hinterbeine schlaff und verrenkt dalagen, die Hüfte zerschmettert von dem festen Griff der Riesin.
Hinter Guenhwyvar näherte sich eine weitere Gruppe von Orks mit erhobenen Speeren, und einige warfen bereits nach dem Panther.
»Geh nach Hause, Guen«, rief Drizzt leise und nahm die Onyxstatuette aus dem Beutel. Er wusste, der Panther würde auf der Astralebene schnell gesund werden, wusste, dass die Wunden, die Guenhwyvar auf dieser Existenzebene erhielt, ihr nicht wirklich schaden konnten.
Dennoch, im Augenblick hatte sie Schmerzen, schreckliche Schmerzen, die zusammen mit ihrer Klage in Drizzts Herz drangen.
Ein gut gezielter Speer schoss auf den Panther zu.
Aber er ging durch das Tier hindurch, denn Guenhwyvar hatte sich bereits in einen wirbelnden grauen Nebel verwandelt, der sich schließlich in nichts auflöste.
Die Orks änderten die Richtung und rannten auf den Drow zu, der mitten im Fluss stand. Erst bemerkte er sie kaum, weil er immer noch Guenhwyvars Schrei hörte, immer noch das Gewicht ihres Schmerzes spürte.
Er blickte auf zu den näher kommenden Orks und versuchte, den Schmerz zu benutzen, um wieder in seine Wut zu versinken und ganz und gar zum Jäger zu werden. Hinter sich hörte er weitere Orks.
Er hob die Krummsäbel, und als er sich umsah, begriff er, wie sehr die Feinde in der Überzahl waren.
Der Jäger lächelte nur …
… dann griff er durch einen Regen fliegender Speere hindurch an, und seine Säbel zuckten, um die Geschosse aus der Luft zu holen. Er wich aus und drehte sich, seine Sinne so sehr auf die Geräusche eingestellt, die ihn umgaben, dass er ohne hinzusehen wusste, wann einer der Speere von hinten auf ihn zuraste, und reagieren konnte – eine rasche Drehung in vollendetem Gleichgewicht –, um ihn wegzuschlagen.
Er sprang auf fünf glatten Steinen durch den Fluss, und seine nackten Füße rutschten nicht einen einzigen Zoll. Nach ein paar Laufschritten über das steinige, sandige Ufer schlug er einen Salto, sprang auf und wandte sich zur Seite.
Er ging direkt durch die Reihen der Orks, schnitt sich den Weg frei. Seine Hände arbeiteten so schnell, dass die Bewegung nur noch verschwommen zu sehen war, während er vorwärts und seitwärts sprang, die Füße nach vorn, die Füße seitwärts, jeder Schritt sicher und schnell, und sein Gewicht verlagerte sich ohne jede Anstrengung, um mit den Bewegungen der Beine mitzuhalten.
Sein Schwung ließ nur wenig nach; er rannte lange, lange Zeit weiter. Aber wohin er sich auch wendete, waren Orks, bedrängten ihn, schlugen mit Keulen und Schwertern nach ihm, stachen mit Speeren zu. Blaues Licht und Eistod klirrten wiederholt auf Metall und Holz, fingen Klingen hoch oder niedrig ab oder drängten sie zur Seite, so dass Drizzt genügend Platz hatte.
Aber die Orks waren nicht dumm, und sie waren auch nicht feige. Sie nahmen die Verluste hin, hielten ihre Formationen und arbeiten in Gruppen zusammen, um dem Drow jede mögliche Fluchtroute abzuschneiden.
Schließlich fand sich der erschöpfte Drizzt in einer flachen Senke auf einer sandigen Anhöhe zwanzig Fuß vom Fluss entfernt. Umzingelt von Orks, von denen jedoch keiner nahe genug war, dass er hätte zuschlagen können, fiel er in eine defensive Stellung, die Krummsäbel bereit, jeden Speer abzufangen.
Einer der Orks brüllte ihm einen Befehl zu, ein Wort, das, wie er annahm, »Ergib dich!«, bedeutete. Dieser Ork würde als Erster sterben, beschloss der Jäger. Er verlagerte das Gewicht. Orks ringsumher deuteten einen Angriff oder einen Wurf an, aber sie blieben auf höherem Gelände.
Der Jäger wollte, dass sie sich als Erste bewegten und ihm eine Möglichkeit gaben, seinen Angriff darauf abzustimmen.
Aber das taten sie nicht.
Der Jäger sprang zur Seite, auf die Ork-Linie zu, und seine Waffen blitzten. Aber die Orks hielten stand, ihre Verteidigung dicht und koordiniert.
Wieder griff er sie an, und wieder wurde er zurückgeschlagen.
Sie waren selbstsicherer geworden, erkannte er an ihrem breiten, zähnestarrenden Grinsen, und er wusste auch, dass diese Selbstsicherheit nicht unbegründet war. Sie waren einfach zu viele. Seine Wut hatte ihn in eine Situation gebracht, die über seine Fähigkeiten hinausging.
Eine Bewegung an der Seite ließ ihn herumfahren und die Waffen abwehrend heben. Aber er wurde nicht angegriffen; viele Orks schauten nicht einmal mehr zu ihm hin. Ebenso verwirrt wie seine Feinde sah er zu, wie die hinteren Reihen flohen oder fielen und Orks andere Orks hektisch beiseite stießen.
Nun riss der Kreis tatsächlich auf, und zwei schlanke Gestalten erschienen in der Senke vor dem Jäger. Sie waren in weiße Hemden und braune Hosen gekleidet, und waldgrüne Umhänge flatterten hinter ihnen. Beide bewegten sich in einem wirbelnden Schwerttanz, und es sah beinahe so aus, als wären sie miteinander verbunden, Unterarm an Unterarm. Langes Haar, schwarz und blond, wehte hinter ihnen, als sie immer wieder die Seiten wechselten, dabei aber stets einen gewissen Kontakt wahrten, die Angriffswinkel unabhängig, aber in vollendeter Harmonie mit den Bewegungen und Entscheidungen des Partners änderten.
Einer bewegte sich zur Seite und abwärts, und die Orks in der Nähe reagierten entsprechend – nur dass der Elf (und es handelte sich in der Tat um Oberflächenelfen, wie Drizzt nun deutlich erkannte) sich einfach an ihnen vorbeidrehte, während seine Partnerin von oben angriff, weit über der Verteidigung der Orks. Die Feinde schrien auf und fielen, und weitere Orks traten an ihre Stelle.
Auch sie starben.
Der Jäger riss sich von dem verblüffenden Spektakel los, dem anmutigsten, perfektesten Tanz, den er je gesehen hatte. Er wandte dem Paar bewusst den Rücken zu, weil er sich nicht ablenken lassen wollte, und griff die nächsten Orks an, die plötzlich verständlicherweise mehr am Wegrennen als am Kämpfen interessiert waren.
Er holte ein paar von ihnen ein und tötete sie, und viele andere flüchteten heulend über die Bergpfade. Nachdem die Gefahr vorüber und der Kampf gewonnen war, drehte er sich zu seinen unbekannten Verbündeten um und grüßte sie mit erhobenem Säbel.
Der Mann erwiderte den Gruß mit seinem blutigen Schwert, schwer atmend, aber mit einem unbeschwerten Lächeln auf den Lippen, und was er dann sagte, brachte den Drow vollkommen aus dem Gleichgewicht: »Ich freue mich, dich wieder zu sehen, Drizzt Do'Urden.«
Über den Rand der Zeit hinaus**:
»Ich habe schon von eurer Zitadelle gehört«, sagte Nanfoodle zu Nikwillig.
Der Gnom hatte sich vor dem Westtor von Mithril-Halle umgesehen, als er auf einen anderen Besucher der Festung der Heldenhammer-Sippe stieß, der auf einem flachen Stein im Tal der Hüter saß. Von Norden her, aus Richtung der Klippe, war Schlachtenlärm zu hören.
»Mein Verwandter Tred ist da oben«, erklärte Nikwillig.
»Du hast Angst um ihn«, vermutete der Gnom.
»Um Tred?«, erwiderte der Zwerg lachend. »Nein, ganz bestimmt nicht. Ich heiße Nikwillig, Kleiner, und wer bist du?«
»Nanfoodle Buswilligan, zu deinen Diensten, guter Zwerg«, antwortete der Gnom und verbeugte sich höflich. »Ich bin zu Besuch in Mithril-Halle, ebenso wie du.«
»Kommst du aus Silbrigmond?«
»Mirabar«, antwortete Nanfoodle. »Ich arbeite dort als Markgraf Elastuls Erster Alchemist.«
»Ein Alchemist?«, wiederholte Nikwillig, und sein Tonfall machte deutlich, dass er von diesem Handwerk nicht besonders viel hielt. »Nun, was macht denn ein Alchemist hier im Wilden Land?«
Diese Frage ließ in Nanfoodles Kopf die Alarmglocken schrillen und erinnerte ihn daran, dass er angesichts seines wahren Auftrags vielleicht nicht so offen sein sollte. Torgar und die anderen wussten selbstverständlich, woher er kam und was er in Mirabar tat, aber er brauchte es zumindest den anderen Zwergen nicht so leicht zu verraten.
»Ich denke, es wäre besser, wenn dein Markgraf einen militärischen Berater geschickt hätte«, fügte der Zwerg hinzu.
»Ja, aber als wir abreisten, wussten wir nicht, dass Mithril-Halle angegriffen wird«, antwortete Narifoodle, und zufällig ertönten in diesem Augenblick Hörner von oben, gefolgt von dem lauten Jubel eines weiteren Zwergenangriffs. »Ich bin zusammen mit der Sceptrana gekommen, nachdem viele Zwerge Mirabar verlassen hatten.«
»Davon habe ich gehört«, erwiderte Nikwillig. Er wandte sich der Klippe hinter ihm zu und nickte. »Torgar und seine Jungs sind nach allem, was ich höre, jetzt ebenfalls da oben.«
»Und Mirabar kann stolz auf sie sein, obwohl sie keine Bürger der Stadt mehr sind.«
»Seid ihr gekommen, um sie zur Rückkehr zu überreden?«
Nanfoodle schüttelte den Kopf. »Wir wollten nur sehen, wie es ihnen geht«, erklärte der Gnom. »Ob ihre Reise gut verlaufen ist und man sie hier angemessen empfangen hat. Es gibt Brücken, die wieder aufgebaut werden müssen – Feindseligkeit dient weder Mirabar noch Mithril-Halle.«
Wie sehr Nanfoodle sich wünschte, an diese Worte, die er da sprach, auch glauben zu können!
»Ah«, murmelte Nikwillig. »Nun, macht euch keine Sorgen. Es gibt keine besseren Gastgeber auf der Welt als König Bruenor und seine Verwandten, es sei denn, man geht zur Zitadelle Felbarr und an den Hof von König Emerus Kriegerkron.«
»Sie haben dich und deinen Freund gut behandelt?«
»Was denkst du wohl, wie König Bruenor zu seinen Wunden gekommen ist?«, fragte Nikwillig. »Er hat die Bande von Orks und Riesen verfolgt, die mich und Tred angegriffen hat. Wir haben es ihnen heimgezahlt, obwohl am Ende zu viele von diesen stinkenden Orks gegen uns aufmarschiert sind. Ja, es gibt keinen besseren Freund als Bruenor Heldenhammer.«
»Wie wird dein König auf diesen Angriff reagieren?«, fragte Nanfoodle neugierig.
Der Gnom hatte immer schon bewundert, wie eng Zwerge sich einander verbunden fühlten, und hatte sich gewaltig angestrengt, Markgraf Elastul und seinen Beratern deutlich zu machen, dass sie mit ihrem Vorgehen gegen Torgar Hammerschlag einen schweren Fehler machten. Es rührte ihn zu hören, wie dieser Zwerg aus der Zitadelle Felbarr, der am nächsten an Mithril-Halle gelegenen Zwergenfestung, die zweifellos, was den Handel anging, in scharfer Konkurrenz zur Heldenhammer-Sippe stand, so anerkennend von Bruenor und seinen Leuten sprach.
Der Gnom blickte zu der hohen Klippe hinauf und dachte daran, dass Tred jetzt da oben war und sein Leben für ein Königreich aufs Spiel setzte, das nicht sein eigenes war. Und dass Torgar dort oben war, ebenso wie Shingles McRuff und die anderen, und sie zweifellos mit all der Wut kämpften, die sie auch zur Verteidigung von Mirabar aufgebracht hätten.
Nanfoodle setzte zu einer weiteren Frage an, aber der Zwerg hob plötzlich den Kopf und schaute an ihm vorbei. Dann sprang er von seinem Stein und drängte sich an den Gnom vorbei, um einen Zwerg anzusprechen, der ein langes Gewand trug.
»Wie geht es König Bruenor?«, fragte Nikwillig. »Bist du bei ihm gewesen?«
Der Zwerg, der noch recht jung war, aber müde und abgehärmt aussah, straffte die Schultern und steckte den braunen Bart in seine Schärpe.
»Sei gegrüßt, Nikwillig aus der Zitadelle Felbarr«, sagte er.
»Das hier ist mein neuer Freund Nanfoodle«, erklärte Nikwillig und zog den Gnom nach vorn.
»Aus Mirabar, ja«, erwiderte der Zwerg, und er schüttelte Nanfoodles kleine Hand. »Cordio Muffinkopf, zu deinen Diensten.«
»Ein Moradin-Priester«, stellte der Gnom fest, und Cordio verbeugte sich tief.
»Und ja, ich komme gerade von König Bruenor, wo ich und andere abermals unsere magischen Energien um seinetwillen erschöpft haben.«
»Hat es geholfen?«, fragte Nikwillig.
»Das dachten wir«, erwiderte der verzagte Priester. »König Bruenor hatte zuvor ein paar Worte gemurmelt, und wir hofften, er hätte einen Weg zu uns zurückgefunden. Aber er rief nach seinem Vater und dem Vater seines Vaters und warnte sie vor dem Schatten.«
»Dem Schatten?«, fragte Nanfoodle.
»Vielleicht meinte er den Schattendrachen«, fügte Cordio hinzu.
»Dann hat er wohl wirklich die Vergangenheit gesehen«, erklärte Nikwillig. »Eine lange zurückliegende Zeit, bevor die Heldenhammer-Sippe aus Mithril-Halle verscheucht wurde, um umherzuziehen und sich schließlich im Eiswindtal anzusiedeln.«
»Wo ich zur Welt gekommen bin«, sagte Cordio. »Ich habe Mithril-Halle erst kennen gelernt, als König Bruenor die Festung zurückerobert hat. Und was für ein Kampf das war! Ich war die ganze Zeit dabei und kämpfte neben Dagnabbit, dem besten jungen Krieger der Sippe.«
»Dagnabbit ist in Senkendorf gefallen«, erklärte Nikwillig Nanfoodle, und der Gnom nickte Cordio respektvoll zu.
»Ich habe an diesem Tag einen guten Freund verloren«, sagte Cordio. »Aber er ist im Kampf gegen Orks gestorben – kein Zwerg könnte sich einen besseren Tod wünschen.«
Er drehte sich um und schaute zur Klippe. Viele andere Zwerge waren in der Nähe damit beschäftigt, Nachschub zu den Armeen zu schaffen – sowohl die Strickleitern hinauf zu Banak Starkamboss und seinen Jungs als auch nach Westen, wo sich eine Streitmacht zur Verteidigung des Tals der Hüter verschanzte. Andere Zwerge kamen von der Klippe zurück, wo sie die Verwundeten und Toten abgeholt hatten.
»Dieses Land hat eine lange und blutige Geschichte«, stellte Cordio fest. »Viele tote Zwerge.«
»Mehr tote Orks«, erinnerte ihn Nanfoodle. »Und mehr tote Goblins.«
Das ließ den müden Priester lächeln, und Nikwillig schlug dem Gnom freundlich auf die Schulter.
»Genau hier, wo wir gerade sitzen, sind einmal sehr viele Zwerge aus Mithril-Halle gestorben«, erklärte Cordio Nanfoodle.
»Im Kampf gegen die Drow?«, fragte Nikwillig.
»Nein«, antwortete der Priester. »Lange vorher. Lange vor der Zeit des Vaters meines Vaters und von dessen Vater. König Gandalug war damals noch ein Junge.«
Das bewirkte, dass sowohl Nikwillig als auch der Gnom die Augen weit aufrissen. Gandalug Heldenhammer war in Mirabar, in der Zitadelle Felbarr und im gesamten Norden als großer Held bekannt. Er war vor vielen Jahrhunderten der stolze und hochverehrte König von Mithril-Halle gewesen, aber dann hatten ihn die Drow mit Hilfe von Magie gefangen genommen und er hatte in den Fängen der Oberinmutter Baenre von Menzoberranzan festgesessen. Als die Drow vor ein paar Jahren Mithril-Halle angegriffen hatten, hatte Bruenor Baenre getötet und Gandalug befreit. Bruenor war schließlich ins Eiswindtal zurückgekehrt – jahrhundertelang sein Zuhause – und hatte Mithril-Halle seinem zurückgekehrten Ahnherrn überlassen.
»Gandalug hat mir viel von den alten Tagen erzählt«, fuhr Cordio Muffinkopf fort, und seine grauen Augen schienen in die Ferne zu spähen, hinweg über Raum und Zeit. »Er war oft mit mir hier im Tal der Hüter unterwegs. Das Tal war in Gandalugs Kindheit kein Tal, sondern diese ganze Region …« Er hielt inne und streckte die kurzen Arme aus, um das gesamte felsige Tal zu umfassen. »Dieser Bereich war der großartige Eingang nach Mithril-Halle, und was für eine Eingangshalle das war! Es gab Säulen und Türme …« Er lachte und zeigte auf ein paar Obelisken in der Nähe, von denen so viele aus dem Tal aufragten. »Jeder Einzelne davon war mit Reliefs überzogen; großartige Reliefs, die Schlachten aus längst vergangenen Zeiten abbildeten und sogar darstellten, wie man Mithril-Halle gefunden hat. Ihr könnt sie jetzt nicht mehr sehen – der Wind hat sie genommen und sie über den Rand der Zeit hinaus geblasen. Genau wie die Toten. Sie sind wirklich von dieser Welt verschwunden, wenn wir uns nicht mehr an sie erinnern.« Cordio zuckte hilflos mit den Schultern und fügte hinzu: »Ich werde nicht zulassen, dass Gandalug und Dagnabbit ebenfalls diesen Weg gehen.«
Nanfoodle saß schweigend da, starrte diesen ungewöhnlichen Zwerg an und staunte über die Wirkung, die seine Worte offenbar auf Nikwillig hatten. Die Verbindung zwischen den beiden war für den Gnom deutlich zu erkennen. Sie war so fest wie ein Zwergenhandschlag und so zäh wie der Met, den die Zwerge als heiliges Wasser betrachteten.
Nikwillig fragte, was geschehen war, um ein Gebiet von der Größe des Tals der Hüter zu zerstören, und als Nanfoodle sich umsah, war er vor allem über den Mangel an Trümmern erstaunt.
»Ein Schwarm Drachen?«, vermutete Nikwillig, und Nanfoodle antwortete noch vor Cordio mit »Nein«.
Nun sahen beide Zwerge den Gnom fragend an.
»Du kennst die Geschichte?«, wollte Cordio wissen.
»Es gab hier unterirdische Gänge und Stollen«, erklärte Nanfoodle. »Minen. Und sie sind auf heiße Luft gestoßen.«
Er brauchte den beiden Zwergen, die viele Jahre in den Minen verbracht hatten, nicht zu erklären, wie gefährlich »heiße Luft« war – ein natürliches Gaslager. Jeder Zwerg konnte Stunden über die Gefahren der Stollen oder des tiefen Unterreichs reden, über Goblins, Drow und Schattendrachen. Wenige jedoch sprachen offen über die heiße Luft, denn dagegen konnten sie selbst mit Hammer und Axt nichts ausrichten.
Nanfoodle konnte nur ahnen, welche Katastrophe das Tal der Hüter geschaffen hatte. Es musste ein beträchtliches Gaslager gewesen sein. Der Gnom konnte sich die letzten hektischen Augenblicke gut vorstellen – vielleicht hatten die Zwerge den unsichtbaren Mörder schließlich doch bemerkt. Und dann die Explosion, eine saubere Wolke aus feurigem Orange und das Krachen von berstendem Stein. Rings um das Tal der Hüter waren riesige Felsblöcke verstreut. Nanfoodle wusste nun, was sie dorthin geschafft hatte.
»Jetzt gibt es keine Minen mehr unter dem Tal«, erklärte Cordio Muffinkopf. »Wir haben die Gänge schon vor Jahrhunderten geschlossen und gut versiegelt!«
Nanfoodle nickte zustimmend. Bevor er hier herausgekommen war, hatte er sich die Unterstadt von Mithril-Halle mit ihren Reihen von Schmiedeöfen und den vielen Wegen für die Karren mit dem Erz angesehen, das aus den Minen gefördert wurde. Es gab dort unten mehrere Landkarten der unterirdischen Stadt, alte und neue, und nun erinnerte sich Nanfoodle wieder, dass ihm aufgefallen war, dass das Westtor nach Mithril-Halle tatsächlich der westlichste Punkt der Festung war, unten wie oben.
Ihre Gedanken wurden von weiterem Schlachtenlärm auf der Klippe im Norden unterbrochen. Cordio Muffinkopf schaute nach oben und seufzte tief.
»Ich muss gehen und mich ausruhen«, erklärte er. »Ich fürchte, meine Kräfte werden nur zu bald wieder gebraucht werden.«
»Verfluchte Orks«, murmelte Nikwillig.
Nanfoodle musterte den Zwerg aus Felbarr eine Zeit lang, dann kehrte er wieder zum Tor und nach Mithril-Halle zurück. Dort machte er sich auf dem Weg in die Unterstadt, zu den Landkarten, denn er wollte sie sich im Licht von Cordios Geschichte noch einmal ansehen.
Regis war überrascht, als Torgar Hammerschlag später an diesem Tag bei ihm erschien.
»Sei gegrüßt, Verwalter«, sagte der Zwerg aus Mirabar und verbeugte sich tief.
»Wie sieht es auf der Klippe aus?«
Torgar zuckte die Achseln und antwortete: »Die Orks strengen sich im Moment nicht besonders an. Ich würde sagen, sie wollen vor allem unsere Verteidigungsanlagen niederreißen und uns davon abhalten, uns zu tief einzugraben.«
»Während ihre Verbündeten schon auf dem Weg sind«, fügte Regis hinzu, und Torgar nickte.
»Eine Gruppe Riesen ist unterwegs hierher.«
»Ich bin überrascht, dass du in dieser Situation hier heruntergekommen bist.«
»Nur für einen Augenblick«, sagte Torgar. »Nur, um persönlich mit dir zu sprechen. Wenn es dunkel wird, werde ich meine Zwerge aus Mirabar an Banaks linke Flanke bringen. Wir werden die Gänge unterhalb des Gebirgskamms besetzen.«
»Wir haben euren Rücken, das westliche Ende des Tals der Hüter, so gut wie möglich geschützt«, erklärte Regis. »Jeder Zwerg, von den Arbeitern in der Halle einmal abgesehen, ist jetzt an den Fronten, aber ich konnte nicht so viele rausschicken, wie ich wollte. Wir haben gehört, dass es auch in Nesme, nicht allzu weit im Südwesten, Ärger gibt, und es gibt Gänge, die diese Stadt mit unseren Minen verbinden.«
»Schützt die Halle um jeden Preis«, stimmte Torgar zu. »Die Verteidiger draußen können sich notfalls hierher zurückziehen.«
Regis reagierte mit einem freundlichen Lächeln, denn er war wirklich froh über jeden, der seinen Entscheidungen zustimmte. Die Bürde seines Amts lastete schwer auf ihm, obwohl er genau wusste, dass die wahren Anführer von Mithril-Halle in Bruenors Abwesenheit, die zähen Heldenhammer-Zwerge, ihn nichts tun lassen würden, womit sie nicht einverstanden waren.
»Und ich bin hier heruntergekommen, um mit dir über die Verteidigung der Halle zu sprechen«, fuhr Torgar fort. »Man hat mir erzählt, dass du Besucher aus Mirabar hattest.«
»Die Sceptrana persönlich, und ein Gnom«, bestätigte Regis.
»Das sind eigentlich gute Seelen«, sagte Torgar. »Aber vergiss nicht, dass Mirabar sich jetzt in einer ziemlich verzweifelten Lage befindet, nachdem so viele Zwerge die Stadt verlassen haben. Nanfoodle ist ein kluger Bursche, und Shoudra verfügt über mächtige Magie.«
»Du glaubst, sie wurden nicht nur hierher geschickt, um sich nach deinem Wohlergehen zu erkundigen?«
»Das kann ich nicht wissen«, gab Torgar zu. »Aber als ich von Catti-brie gehört habe, dass sie hergekommen sind, war mein erster Gedanke, dass man diese beiden lieber gut im Auge behalten sollte.«
»Aus der Ferne«, stimmte Regis zu, und Torgar nickte abermals.
»Was immer du für das Beste hältst, Verwalter Regis«, sagte er, und der Halbling wäre bei dieser Wiederholung seines Titels beinahe zusammengezuckt. »Ich dachte nur, es wäre das Beste, wenn ich direkt mit dir spreche und dich wissen lasse, wie ich denke.«
»Das weiß ich zu schätzen, Torgar«, erwiderte Regis rasch. »Wahrscheinlich mehr, als du ahnst. Ihr Jungs aus Mirabar habt euch bereits als gute Freunde der Halle erwiesen, und ich erwarte, dass Bruenor einiges dazu zu sagen hat, wenn er erwacht. Er begrüßt neue Mitglieder in seiner Sippe gerne selbst.«
Regis wusste, dass er die richtigen Worte gefunden hatte, als er das Strahlen hinter Torgars Bart sah. Der Zwerg nickte und verbeugte sich, dann ging er davon und ließ Regis allein zurück.
Was sollte er mit Shoudra und Nanfoodle machen?, fragte sich der Halbling. Regis hatte sich über die Herzlichkeit und Offenheit der beiden gefreut, und sicherlich waren sie recht vernünftige Leute. Aber der Verwalter von Mithril-Halle konnte nicht ignorieren, dass sie auch großes Unheil anrichten könnten – gerade jetzt, wenn für die Heldenhammer-Sippe so viel auf dem Spiel stand.
»Dir ist hoffentlich klar, dass du nicht alleine hier heruntergekommen bist«, sagte Shoudra zu Nanfoodle, als sie den Gnom in der Unterstadt eingeholt hatte.
Überall erklangen Hämmer, und Rauch hing in der unangenehm warmen Luft, denn alle Schmiedeöfen brannten und an jedem Amboss wurde gearbeitet. An den Seiten drehten sich unaufhörlich große Wetzsteine, Waffe um Waffe wurde neu geschliffen, damit sie wieder zu den Kriegern gebracht werden konnten, die die Orks bekämpften.
»Sie sind ziemlich unauffällig«, erwiderte der Gnom und bezog sich damit auf die beiden Zwerge, die bisher jede seiner Bewegungen in den Gängen beschattet hatten. Nanfoodle wischte sich den Schweiß ab, dann zog er sein rotes Obergewand aus und wollte es zusammenfalten. Als er bemerkte, wie viel Ruß sich bereits auf dem schönen Kleidungsstück niedergelassen hatte, rümpfte der Gnom die lange Nase, wischte das Gewand ab und drehte es dann mit dem braunen Futter nach außen. »Konnten wir denn etwas anderes erwarten?«
»Selbstverständlich nicht«, stimmte Shoudra zu. »Und ich will mich ja auch gar nicht darüber beschweren, wie man uns behandelt hat. Verwalter Regis ist ein guter Gastgeber. Aber wenn wir unsere Aufträge ausführen wollen, brauchen wir ein wenig täuschende Magie. Und das ließe sich recht einfach bewerkstelligen.«
Die Sceptrana kniff missbilligend die Augen zusammen, als sie Nanfoodles säuerliche Miene bemerkte.
Mit einem Achselzucken machte sich der Gnom wieder auf den Weg. Shoudra ging neben ihm her.
»Warum bist du hierher gekommen?«, fragte sie. »Hätten wir nicht eine bessere Gelegenheit in den unteren Verladeräumen, wo das Erz auf die Auslieferung wartet?«
Immer noch trug der Gnom diese säuerliche Miene zur Schau, und er ging nun merklich schneller.
»Oder hast du vielleicht vergessen, wieso der Markgraf uns nach Mithril-Halle geschickt hat?«, fragte Shoudra ganz offen.
»Ich habe gar nichts vergessen«, fauchte Nanfoodle.
»Hast du es dir anders überlegt?«
»Ist dir aufgefallen, wie man Torgar und die anderen hier behandelt?«
»Regis braucht Krieger«, erwiderte Shoudra. »Torgar kam ihm sehr gelegen.«
Nanfoodle hielt inne und starrte sie an.
Die Sceptrana lächelte hilflos zurück. Selbstverständlich hatte der Gnom Recht. Torgar und die anderen Zwerge aus Mirabar waren eine große Hilfe für Regis und Mithril-Halle, aber gerade dass sie eine so wichtige Rolle spielten, bewies Nanfoodles These. Bruenors Sippe hatte die Zwerge aus Mirabar ehrenhaft aufgenommen, ohne eine einzige Frage. Besonders in solch gefährlichen Zeiten war das keine Kleinigkeit.
»Ich habe gehört, du hast dich mit einem anderen Besucher in Mithril-Halle angefreundet«, sagte sie, als Nanfoodle sich wieder auf den Weg machte.
»Nikwillig aus der Zitadelle Felbarr – ein Ort, der ebenso mit Mithril-Halle rivalisiert wie Mirabar«, erklärte der Gnom. »Hast du seine Geschichte gehört?«
»Ja. Bruenor wurde verwundet, als er die Zwerge aus Felbarr rächen wollte«, sagte Shoudra, denn sie kannte die Geschichte tatsächlich.
Sie hatten inzwischen einen großen Tisch aus Holz und Stein erreicht, an dessen Vorderseite sich eine Reihe von Ablagen befand, in denen jeweils eine Pergamentrolle steckte. Nanfoodle beugte sich vor, las die Beschriftungen und holte dann eine der Landkarten heraus, um sie auf der schrägen Tischplatte zu entrollen. Ein rascher Blick darauf führte zu einem frustrierten Seufzer, und der Gnom bückte sich abermals und suchte weiter.
»Niemand ist fähiger als diese Zwerge, wenn es darum geht, eine Axtklinge zu schärfen, aber man sollte eigentlich annehmen, dass sie auch im Stande wären, eine schlichte Karte zu beschriften!«, beschwerte er sich.
Shoudra legte ihm warnend die Hand auf die Schulter.
»Man beobachtet uns«, sagte sie.
»Selbstverständlich.«
»Und was willst du hier?«
Nanfoodle holte die zweite Karte heraus und richtete sich wieder auf, um sie über die erste Karte zu breiten.
»Ich versuche herauszufinden, wie ich der Heldenhammer-Sippe helfen kann«, erklärte der Gnom vollkommen sachlich.
Shoudra legte entschlossen die Hand in die Mitte der Karte.
»Bruenor hat für die Zwerge aus Felbarr gekämpft«, erwiderte der Gnom. »Bruenor selbst! Kämpft für einen Rivalen! Würde Markgraf Elastul auch nur im Traum an so etwas denken?«
»Steht es uns zu, ihn dafür zu verurteilen?«
»Steht es uns etwa nicht zu?«
Shoudra warf einen zornigen Blick auf ihren kleinen Begleiter – oder sie versuchte es zumindest, denn tatsächlich fiel es ihr schwer, ihren Auftrag zu verteidigen. Der Markgraf hatte sie angewiesen, Nanfoodles alchemistische Lösungen zu benutzen, um insgeheim einen großen Teil des Erzes von Mithril-Halle zu verderben, so dass die Heldenhammer-Sippe minderwertige Arbeit produzierte – vielleicht genug, um den Ruf von Mithril-Halle bei den Kaufleuten im Norden zu schwächen und damit Mirabar die Oberhand im Handelskrieg zu verschaffen.
»Sind wir beide wirklich so kleinlich, Shoudra?«, fragte Nanfoodle leise. »Ja, der Markgraf bezahlt mich gut, aber wie könnte ich ignorieren, was ich hier sehe? Diese Zwerge folgen in erster Linie einem Kurs der Gerechtigkeit. Sie haben Torgar und dieses verirrte Paar aus Felbarr mit offenen Herzen aufgenommen.«
»Von Zwerg zu Zwerg«, kam die skeptische Erwiderung.
»Und von Zwerg zu Gnom, und von Zwerg zu Sceptrana«, entgegnete Nanfoodle. »Vergleiche einmal unseren Empfang hier mit dem, den Elastul König Bruenor bereitet hat.«
»Du klingst langsam ein bisschen zu sehr wie Torgar Hammerschlag«, stellte Shoudra fest.
»Du hattest nichts gegen Torgars Ansichten.«
»Nicht, was seine Begrüßung von König Bruenor betraf, nein«, gab Shoudra zu. »Aber dass er Mirabar verlassen hat? Dagegen hatte ich sehr viel, Nanfoodle. Ich freue mich selbstverständlich darüber, wie man uns empfangen hat, und ich wünsche Bruenor und seiner Sippe nichts Böses, aber ich bin in erster Linie Sceptrana von Mirabar, und meine Loyalität gehört zunächst einmal der Stadt.«
»Bitte mich nicht, ihr Metall zu vergiften«, bettelte Nanfoodle. »Nicht jetzt… ich flehe dich an!«
Shoudra starrte ihn einen Moment lang an, dann trat sie einen Schritt zurück und nahm die Hand von der Landkarte.
»Nein, selbstverständlich nicht«, stimmte sie zu, und Nanfoodle seufzte erleichtert. »Unsere Taten würden ihnen weit mehr antun, als ihnen nur geschäftlich zu schaden; es würde wahrscheinlich viele, die gegen diese schrecklichen Orks kämpfen, das Leben kosten. Elastul wird sicher einverstanden sein, wenn wir unseren Auftrag nicht ausführen … zumindest im Augenblick noch nicht.«
Nanfoodle nickte und lächelte, aber seine Miene sagte Shoudra deutlich, dass er diese letzte Aussage ebenso wenig glaubte wie sie. Shoudra wusste – zu ihrem tiefsten Bedauern –, dass Markgraf Elastul darauf bestehen würde, das Erz sogar noch mehr zu verunreinigen, wenn wegen des Krieges gegen die Orks die Hoffnung bestand, dass es zu einer größeren Katastrophe für Mithril-Halle führen würde.
»Sag mir also, wonach du suchst und was du vorhast«, bat sie den Gnom und spähte über seine Schulter. Sie erkannte sofort, dass die Landkarte die westlichen Ausläufer von Mithril-Halle, das Tor zum Tal der Hüter und die Gänge darunter zeigte.
»Ich weiß es noch nicht«, gab Nanfoodle zu. »Aber ich werde sehen, was ich herausfinden kann, und dann meine Kenntnisse nutzen, um der Sache zu dienen.«
»Erwartest du, dass König Bruenor dir mehr zahlt als der Markgraf?«, fragte Shoudra mit ironischem Grinsen.
Nanfoodle wollte schon protestieren, aber dann bemerkte er, dass sie das nicht ernst gemeint hatte.
»Ich bin erst ein paar Tage hier, und es fühlt sich bereits an, als wäre Mithril-Halle mehr mein Zuhause, als Mirabar es jemals war«, gab er zu.
Shoudra widersprach nicht. Sie war nicht ganz so begeistert von diesem Ort, was viel damit zu tun hatte, dass die gesamte Stadt unter der Erde lag, aber sie konnte die Gefühle des Gnoms verstehen.
»Wir sollten uns diese Karten zusammen ansehen«, sagte Nanfoodle und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Pergament zu. »Deine magischen Fähigkeiten könnten in dieser dunklen Zeit von großem Wert für die Heldenhammer-Sippe sein.«
Auch dagegen konnte Shoudra nicht wirklich etwas einwenden.
Erschöpft und mit mehreren neuen Wunden, um die sie sich kümmern musste, hatte Catti-brie an diesem Abend kaum Mithril-Halle erreicht, als sie hörte, wie die Priester zum Zimmer ihres Vaters eilten. Sie ließ Umhang, Bogen und sogar den Schwertgurt einfach im Flur fallen und rannte ebenfalls zu dem Zimmer, in dem König Bruenor von einer Hand voll Priestern und Pikel Felsenschulter umgeben war. Alle rezitierten, beteten, legten einer nach dem anderen ihre Hände sanft auf Bruenors Brust und setzten ihre heilende Magie frei.
Auf halbem Weg durch diesen Prozess bewegte sich Bruenor tatsächlich ein wenig und hustete sogar, aber dann fiel er wieder zurück in seinen vollkommen reglosen Zustand.
Cordio Muffinkopf und Stumpet Reißklaue, die beiden höchstrangigen Priester, untersuchten den Zwergenkönig kurz, dann sahen sie einander an und nickten zufrieden. Sie hatten eine weitere potenzielle Katastrophe abgewandt, hatten Bruenor wieder einmal von der Schwelle des Todes zurückgeholt.
Catti-brie konzentrierte sich einen Augenblick mehr auf die Priester als auf ihren ruhenden Vater. Einige lehnten sich offensichtlich erschöpft auf den Rand von Bruenors Bett, und obwohl sie ein weiteres Wunder gewirkt hatten, schien keiner von ihnen übermäßig erfreut – nicht einmal der sonst so vergnügte Pikel.
Sie begannen nach draußen zu gehen, vorbei an Catti-brie, und die meisten tätschelten ihr im Vorbeigehen die Schulter.
»Jeden Tag kommen wir zu ihm …«, bemerkte Cordio Muffinkopf, als er und Catti-brie allein im Zimmer waren.
Catti-brie ging zu ihrem Vater und kniete sich neben das Bett. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie an ihre Brust. Wie kühl er sich anfühlte – als wäre die Lebenskraft schon fast vollkommen aus ihm gewichen. Sie blickte sich flüchtig im Zimmer um, sah die vielen Kerzen und gemütlichen Möbel und versuchte sich vor Augen zu führen, dass das hier ein ganz anderer Ort war als die engen, dunklen, feuchten Gänge unter den Ruinen von Withegroos eingestürztem Turm in Senkendorf. Das Zimmer war bequemer möbliert und gut belüftet und beleuchtet, aber es kam Catti-brie dennoch gar nicht so anders vor. Die junge Frau konzentrierte sich allerdings nicht wirklich auf die Möbel und das Licht, sondern auf die Gestalt, die so reglos dort im Bett lag.
Als sie ihn in diesem Augenblick ansah, musste Catti-brie an einen anderen Freund denken, der einmal dem Tod sehr nahe gewesen war. Damals an der Schwertküste hatten sie und die anderen Drizzt in einem ganz ähnlichen Zustand vorgefunden: Er hatte tödlich verwundet auf einer Seite des Zimmers gelegen, in dem Le'lorinel – Ellifain, diese tragischste aller Elfen – ebenso verwundet auf der anderen Seite lag. Drizzt hatte sie angefleht, statt seiner Ellifain zu retten, diese eine Dosis des magischen Tranks, die sie hatten, zu benutzen, um die Wunden der Elfenfrau zu heilen und nicht seine eigenen.
Bruenor hatte diesen Gedanken sofort von sich gewiesen, und so hatte Drizzt überlebt. Dennoch, Catti-brie und die anderen hatten in diesem Augenblick vor einer schwierigen Wahl gestanden, und sie hatten ihren eigenen Bedürfnissen entsprechend und zum größeren Nutzen der Allgemeinheit gehandelt.
Aber wie war es jetzt damit bestellt? Führten ihre persönlichen und vielleicht selbstsüchtigen Wünsche sie möglicherweise auf einen Weg, der dem großen Ganzen eher schadete?
Der heldenhafte Einsatz der Priester hielt Bruenor am Leben – wenn man diesen Zustand überhaupt noch als Leben bezeichnen konnte. Jeden Tag mussten sie mindestens einmal hierher eilen und ihre größten Heilanstrengungen vollbringen, um ihn von der Schwelle des Todes in diesen komatösen Zustand eines Beinahe-Toten zurückzuholen.
»Sollten wir dich vielleicht einfach gehen lassen?«, fragte sie Bruenor leise.
»Was hast du gesagt?«, fragte Cordio und eilte zurück ans Bett.
Catti-brie blickte den Zwerg an, sah seine besorgte Miene, dann lächelte sie und sagte: »Nichts, Cordio. Ich habe nur seinen Namen gesagt.« Sie schaute zurück zu Bruenors grauem Gesicht und fügte hinzu: »Aber er hört mich nicht.«
»Er weiß, dass du hier bist«, flüsterte der Zwerg, legte die Hände auf die Schultern der jungen Frau und versuchte, ihr ein wenig von seiner Kraft zu geben.
»Ich glaube nicht«, erwiderte Catti-brie. »Vielleicht ist das das Problem. Hast du allen Mut und alle Hoffnung verloren?«, fragte sie Bruenor. »Glaubst du, dass ich tot bin und dass Wulfgar, Regis und Drizzt ebenfalls in Senkendorf umgekommen sind?«
Sie starrte Bruenor noch einen Moment lang an, dann blickte sie wieder auf zu Cordio, und seine Miene drückte Zustimmung aus.
»Ist alles in Ordnung?«, erklang eine Stimme von der Tür her, und dann kam Regis hereingestürzt, dicht gefolgt von Wulfgar.
Cordio versicherte ihnen, dass Bruenors Zustand unverändert war, dann verabschiedete er sich, aber zuvor beugte er sich noch einmal zu Catti-brie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Rede weiter mit ihm«, flüsterte er.
Catti-brie drückte Bruenors Hand noch fester und konzentrierte all ihre Sinne auf diese Hand, wartete auf eine Erwiderung des Drucks, einen winzigen Hinweis dafür, dass Bruenor ihre Gegenwart spürte.
Nichts. Nur die kalte, scheinbar leblose Haut.
Sie holte tief Luft, drückte Bruenors Hand noch einmal und zwang sich dann aufzustehen und ihre Freunde anzusehen.
»Wir müssen hier ein paar Entscheidungen fällen«, sagte sie. Es brauchte große Entschlossenheit, dieses Thema so ruhig anzuschneiden.
Wulfgar sah sie neugierig an, aber Regis, dem das, was in der Halle vor sich ging, vertrauter war, seufzte laut.
»Die Priester sind mehr und mehr frustriert«, sagte er.
»Und sie werden anderswo ebenso gebraucht wie hier«, zwang sich Catti-brie zuzugeben, obwohl ihr jedes einzelne Wort wehtat. Sie schaute zurück zu dem armen Bruenor, der so flach atmete, dass man nicht einmal sehen konnte, wie seine Brust sich hob und senkte. »Wir haben Verwundete mit Verletzungen, die behandelt werden können.«
»Glaubst du, sie werden ihren König im Stich lassen?«, fragte Wulfgar mit einer Spur von Zorn. Sie sah ihn an. »Bruenor ist Mithril-Halle. Er hat seine Sippe hierher zurückgebracht, hat ihnen die Stellung wieder verschafft, die sie vor Jahrhunderten hatten. Sie schulden ihm alles, was sie tun können, und noch mehr.«
»Und du glaubst, Bruenor würde das wollen?«, fragte Regis, bevor Catti-brie antworten konnte. »Wenn er wüsste, dass andere leiden oder vielleicht sogar sterben, weil so viele Priester die ganze Zeit hier festsitzen, um ihn am Leben zu erhalten, wäre er nicht erfreut.«
»Wie kannst du so etwas sagen?«, brüllte Wulfgar. »Nach allem, was Bruenor –«
»Wir lieben ihn ebenso sehr wie du«, unterbrach Catti-brie den Barbaren. Sie ging zu ihm, schob seine Hand mit dem anklagenden Finger beiseite und rang einen Augenblick mit ihm, bevor sie ihn umarmen und an sich ziehen konnte. »Ich liebe ihn, und Knurrbauch liebt ihn auch.«
Dann drückte sie Wulfgar noch fester an sich, und er wehrte sich nicht.
»Wir können nicht an seine Stelle treten«, bemerkte Regis. »Ich bin Verwalter von Mithril-Halle, aber nur, weil ich für Bruenor spreche. Ich kann nicht ohne Bruenor sprechen – nicht mit der Heldenhammer-Sippe.«
»Ich ebenfalls nicht, und das Gleiche gilt auch für Wulfgar und Drizzt«, stimmte Catti-brie zu, ließ den erschütterten Barbaren schließlich los und trat ein paar Schritte zurück. »Nur ein Zwerg kann König von Mithril-Halle sein, aber ich denke, wir drei werden als Bruenors Familie und Freunde bei seiner Nachfolge ein Wörtchen mitzureden haben. Wir sind es Bruenor schuldig, eine gute Wahl zu treffen.«
»Es wäre Dagnabbit gewesen, denke ich«, sagte Regis.
»Also sein Vater?«, fragte Catti-brie, und obwohl sie selbst damit angefangen hatte, konnte sie nicht glauben, dass sie wirklich über solche Dinge sprachen.
Regis schüttelte den Kopf: »Dagna würde es nicht annehmen … er hat sich auch geweigert, Verwalter zu werden. Wir sollten selbstverständlich mit ihm sprechen, aber er hat wenig Interesse gezeigt.«
»Wer also sonst?«, fragte Wulfgar.
»Cordio Muffinkopf hat sich als erstaunlich guter Anführer erwiesen«, stellte Regis fest. »Er hat die Verteidigung der unteren Gänge brillant organisiert und alle Priester in Schichten eingeteilt, um sich um die Verwundeten und um Bruenor zu kümmern.«
»Aber Cordio ist kein Heldenhammer«, erinnerte ihn Catti-brie. »Und noch nie war ein Priester König von Mithril-Halle.«
»Die Starkamboss' sind die nächsten Vettern von Bruenor«, sagte Wulfgar. »Und sicher hat sich keiner mehr ausgezeichnet als Banak.«
Die anderen beiden dachten einen Augenblick darüber nach, dann nickten sie zustimmend.
»Also Banak«, sagte Regis. »Wenn er den Krieg mit den Orks überlebt.«
»Und wenn …«, setzte Catti-brie an, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, und sie drehte sich um, um Bruenor anzusehen.
Sie würde Banak als neuen König von Mithril-Halle empfehlen, aber selbstverständlich nur, nachdem ihr Vater, dieser liebe alte Zwerg, der sie als Waisenkind aufgenommen und sie voller Würde und Hoffnung aufgezogen hatte, die Welt von Fleisch und Blut verlassen hatte.