Der Auserwählte

Sein Weg schien ihn immer wieder an diesen Ort zurückzuführen. Die Trümmer von Senkendorf inspirierten Drizzt Do'Urden, sie gaben dem Jäger immer wieder neuen Hunger auf die Jagd. Er ging um den eingestürzten Turm herum, um die niedergerissenen Mauern, aber selten begab er sich in den Südteil der zerstörten Siedlung. Er hatte mehrere Tage gebraucht, um den Mut aufzubringen, an diesem scheußlichen Götterbild vorbeizugehen. Wie er bereits befürchtet hatte, fand er keine Spur, die auch nur vermuten ließ, dass es Überlebende gegeben hatte.

Drizzt suchte die Überreste von Senkendorf immer wieder auf, und bei jeder Rückkehr hoffte er, hier ein paar Orks zu finden, die vielleicht plündern wollten.

Er fand, es wäre sehr angemessen, Orks im Schatten der Ruinen zu töten, die von Senkendorf geblieben waren.

An diesem Nachmittag glaubte er, endlich eine Gelegenheit dazu zu erhalten. Guenhwyvar neben ihm war unruhig, ein deutliches Zeichen, dass Monster in der Nähe waren, und schon von der Anhöhe nördlich der Siedlung – von hier aus hatten die Riesen Senkendorf als Vorspiel zu dem Ork-Angriff mit Steinen bombardiert – bemerkte Drizzt Schatten, die sich rings um die Ruinen bewegten.

Sobald er jedoch etwas näher gekommen war, wurde ihm klar, dass er an diesem Tag keinen Kampf bekommen würde. Es waren tatsächlich Orks in Senkendorf, aber es waren Tausende. Mehrere Stämme lagerten rings um die Überreste dieser großen Holzstatue südlich der eingestürzten Mauer.

Guenhwyvar neben ihm legte die Ohren an und gab ein lang gezogenes, tiefes Grollen von sich.

Das ließ den Dunkelelf lächeln – das erste Lächeln, das seit langer Zeit den Weg auf seine Lippen gefunden hatte.

»Ich weiß, Guen«, sagte er, streckte die Hand aus und kraulte das Ohr der Katze. »Hab Geduld. Wir werden eine bessere Gelegenheit finden.«

Guenhwyvar sah ihn an und blinzelte träge, dann legte sie den Kopf schief, so dass er eine bestimmte Stelle an ihrem Hals kraulen konnte. Das Grollen verklang.

Drizzt lächelte weiterhin. Er kraulte die Katze, aber er schaute auch nach wie vor über die Schlucht hinweg zu den Ruinen von Senkendorf, zu den Horden von Orks. Er ging seine Erinnerungen immer wieder durch, hatte sie lebhaft vor Augen; er würde sich nicht erlauben zu vergessen.

Das Bild von Bruenor, der in die Trümmer stürzte. Das Bild von Riesen, die ihre großen Felsblöcke über die Schlucht hinweg auf seine Freunde schleuderten. Das Bild der Ork-Horden, die die Siedlung überrannten.

Aber er würde es ihnen heimzahlen; das wusste er.

»König Obould weiß von dieser Scharade?«, fragte Arganth Fauch, der großäugige Schamane des gleichnamigen Ork-Stamms. Mit seinem bunten Federkopfschmuck und einer Halskette aus Zähnen der unterschiedlichsten Geschöpfe, die bis unter seine Taille reichte, war Arganth zweifellos der auffälligste der zwölf Schamanen, die sich um das zerstörte Bild von Gruumsh versammelt hatten, und mit seiner kreischenden, beinahe vogelhaften Stimme war er auch der lauteste.

»Und versteht er, um was es hier geht? Nun? Nun?«, fragte der Schamane und sprang rasch von einem seiner Kollegen zum Nächsten. »Das glaube ich nicht! Denn wenn er das täte, würde er dieser … dieser … dieser Blasphemie die angemessene Bedeutung zumessen! Das hier ist erheblich wichtiger als seine Eroberungen!«

»Es sei denn, er führt seine Eroberungen im Namen von Gruumsh durch«, bemerkte die Schamanin Achtel Krallenfinger, und das ließ Arganth innehalten.

Achtels Gewand war nicht so weit und auffällig wie das von Arganth, aber es war genauso bunt, und sie trug dazu einen leuchtend roten Reiseumhang mit Kapuze und eine grellgelbe Schärpe, die von der Hüfte zur Schulter und um ihre Taille reichte. In der Hand hielt sie ein Zepter mit einem Schädel, das verzaubert war, um auch als schreckliche Waffe dienen zu können – jedenfalls hatte Arganth das gehört. Außerdem hatte die Priesterin mit dem zottigen braunen Haar schon deshalb gewaltigen Einfluss, weil ihr Stamm hier der größte war und sie allein sechshundert Krieger mitgebracht hatte.

Der auffällige Schamane starrte Achtel mit großen Augen an, aber sie wich keinen Zoll zurück.

»Das tut Obould«, erklärte Arganth.

»Wir marschieren zum Ruhm von Gruumsh«, stimmte ein anderer aus der Gruppe zu. »Einauge wünscht, dass alle Zwerge besiegt werden.«

Das rief Jubel von allen Seiten hervor, außer von Arganth, der Achtel immer noch anstarrte. Nach und nach konzentrierten sich alle Blicke auf die Gestalt mit dem gefiederten Kopfschmuck.

»Das genügt nicht«, erklärte Achtel. »König Obould Todespfeil marschiert für den Ruhm von König Obould Todespfeil.«

Entsetztes Keuchen war zu hören.

»Das ist nun einmal unsere Art«, sagte Arganth rasch, denn er spürte die Ablehnung der gefährlichen Schamanin. »So war es immer schon, und das war gut so. Aber nun, nachdem dieses Götterbild so geschändet wurde, müssen wir beide zusammenbringen, Obould und Gruumsh! Ihr Ruhm muss ein und dasselbe werden!«

Die anderen Schamanen jubelten weder, noch johlten sie höhnisch. Sie standen einfach nur da und starrten den lebhaften Schamanen des Stammes Fauch an.

»Für jeden Stamm?«, begann einer zögernd und schüttelte den Kopf.

Die Ork-Stämme hatten auf Oboulds Ruf geantwortet – vor allem, nachdem sie vom Tod König Bruenor Heldenhammers gehört hatten, eines ihrer gefürchtetsten Feinde –, aber die Armeen waren immer noch in erster Linie die der einzelnen Stämme.

Arganth Fauch sprang vor den Schamanen, der das gesagt hatte, die gelblichen Augen so weit aufgerissen, dass es aussah, als würden sie aus den Höhlen fallen.

»Keine Stämme mehr!«, schrie er. »Stämme sind zweitrangig! Gruumsh ist wichtiger!«

»Gruumsh!«, riefen ein paar andere.

»Und Gruumsh ist Obould?«, fragte Achtel ruhig. Sie schien jedes Wort sorgfältig abzuwägen.

»Gruumsh ist Obould!«, erklärte Arganth. »Oder er wird es jedenfalls bald sein, ja!«

Er begann mit einem wilden, hüpfenden und zuckenden Tanz um das zerstörte Abbild seines Gottes, die hohle Statue, die die Zwerge benutzt hatten, um direkt in die Mitte von Oboulds Streitkräften zu gelangen. Der Sieg hatte direkt vor den Orks gelegen, sie hatten Senkendorf schon beinahe dem Erdboden gleichgemacht, aber diese abscheuliche Täuschung der widerwärtigen Zwerge hatte einigen Feinden zur Flucht vor dem verholfen, was ansonsten ein komplettes Gemetzel gewesen wäre.

Für diesen tückischen Trick ausgerechnet das Abbild des Ork-Gottes zu benutzen, war nach Ansicht der hier versammelten religiösen Führer von mehr als dreitausend Orks einfach widerwärtig.

»Gruumsh ist Obould!«, begann Arganth zu singen, während er weitertanzte, und alle Schamanen nahmen den Ruf auf, als sie nach und nach anfingen, hinter dem wild gestikulierenden, grell gekleideten Ork herzutanzen.

Alle bis auf Achtel. Die nachdenkliche und ruhigere Schamanin trat ein paar Schritte zurück und beobachtete die Bewegungen ihrer Kollegen, wobei sich ihre Gedanken recht deutlich auf ihrer Miene abzeichneten.

Alle anderen wussten, wie sie in dieser Sache dachte und wieso sie gezögert hatte, ihrem Häuptling zu raten, den Stamm aus seinem sicheren Zuhause zu führen, um gegen die mächtigen Zwerge zu kämpfen. Bisher hatte niemand gewagt, ihre Überzeugung in Frage zu stellen.

»Du musst wieder gesund werden«, flüsterte Catti-brie ihrem Vater ins Ohr. Sie glaubte fest daran, dass Bruenor sie hören konnte, obwohl man es ihm nicht ansah und er sich tatsächlich seit mehreren Tagen nicht mehr bewegt hatte. »Die Orks glauben, sie hätten dich umgebracht, und wir können diese Herausforderung nicht einfach unbeantwortet lassen!«, fuhr sie fort und legte ihre ganze Begeisterung und Energie in ihre Worte, um den Zwergenkönig zu einer Reaktion zu veranlassen.

Sie drückte Bruenors Hand, und einen Augenblick lang glaubte sie zu spüren, wie er den Druck erwiderte.

Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

Sie seufzte tief und schaute zu ihrem Bogen, der an der Wand des von Kerzen beleuchteten Raums lehnte. Sie würde bald wieder nach draußen gehen müssen, das wusste sie, denn der Kampf auf der Klippe würde sicher in Kürze von neuem beginnen.

»Ich denke, er hört dich«, erklang eine Stimme hinter Catti-brie, und sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie sich zu ihrem Freund Regis umdrehte.

Der Halbling sah aus wie ein Veteran, denn er trug einen Arm in der Schlinge und fest gegen die Brust gebunden. Mit diesem Arm hatte er das zuschnappende Maul eines großen Worg aufgehalten.

Catti-brie stand von der Bettkante auf und umarmte den Halbling.

»Die Priester haben dich noch nicht geheilt?«, fragte sie mit einem Blick auf seinen Arm.

»Sie haben schon ziemlich viel erreicht«, antwortete Regis vergnügt, und um seinen Optimismus zu demonstrieren, bemühte er sich, mit den Fingern zu wackeln. »Sie wären schon damit fertig, aber es gibt so viele andere, die Heilzauber und Salben viel dringender brauchen als ich. Mir geht es nicht schlecht.«

»Du hast uns alle gerettet, Knurrbauch.« Catti-brie benutzte den Spitznamen, den Bruenor dem rundlichen Halbling gegeben hatte. »Du hast Hilfe geholt, und wir wären längst tot, wenn du Pwent und die Jungs nicht zu uns gebracht hättest.«

Regis zuckte die Achseln und errötete leicht.

»Wie sieht es draußen aus?«, fragte er.

»Nicht schlecht«, antwortete Catti-brie. »Die Orks haben uns bis zum Rand gescheucht, aber wir haben einige in einer Falle erwischt, und als sie mit voller Wucht angegriffen haben, haben wir sie in die Flucht geschlagen. Du solltest sehen, was Banak Starkamboss, Ivan Felsenschulter und Torgar Hammerschlag aus Mirabar geleistet haben. Sie haben die Zwerge in Karrees und Keilen aufgestellt und die Formationen dann immer wieder verändert, und die Orks standen da und kratzten sich verwirrt am Kopf, bis sie einfach überrannt wurden.«

Regis gelang ein breites Grinsen und sogar ein leises Lachen, aber das verging ihm schnell wieder, als er an Catti-brie vorbei zu Bruenor schaute.

»Wie geht es ihm heute?«

Catti-brie sah ihren Vater an und konnte nur die Achseln zucken.

»Die Priester glauben nicht, dass er aufwachen wird«, sagte Regis, und Catti-brie nickte, denn sie hatte selbstverständlich das Gleiche von ihnen gehört. »Aber ich denke, er wird wieder wach werden«, fuhr Regis fort. »Obwohl es auch dann noch lange dauern wird, bis er wieder gesund ist.«

»Er wird zu uns zurückkommen«, versicherte Catti-brie ihrem kleinen Freund.

»Wir brauchen ihn«, sagte Regis leise. »Mithril-Halle braucht König Bruenor.«

»Pah, so solltet ihr in solch schweren Zeiten nicht reden«, erklang eine Stimme aus dem Flur, und die beiden drehten sich zu dem alten Zwerg um, der das Zimmer betrat.

Es war General Dagna, einer der verlässlichsten Kommandanten von Bruenor und der Vater von Dagnabbit, der in Senkendorf gefallen war. Die beiden Freunde sahen einander an. Ihre Mienen verdüsterten sich, und sie bedachten den Zwerg, der seinen tapferen Sohn verloren hatte, mit mitleidigen Blicken.

»Er ist gut gestorben«, erklärte Dagna, der verstanden hatte, um was es ihnen ging. »Kein Zwerg kann mehr erwarten.«

»Er ist wunderbar gestorben«, stimmte Catti-brie zu. »Er hat den Orks und Riesen gerade mit der Faust gedroht, als der Turm einstürzte. Viele Feinde haben seinen Zorn gespürt, bevor er fiel.«

Dagna nickte düster.

»Banak führt die Armee draußen an der Klippe?«, fragte er einen Augenblick später.

»Er hat die Situation gut in der Hand«, antwortete Catti-brie. »Und die Zwerge aus Mirabar und die Felsenschulter-Brüder, die aus der Erhebenden Bibliothek im Schneeflockengebirge gekommen sind, helfen ihm dabei.«

Dagna nickte und murmelte »Gut, gut.«

»Wir werden dort oben standhalten«, versprach Catti-brie.

»Das wäre auch besser so«, erwiderte Dagna, »Ich habe mit den Gängen und Stollen mehr als genug zu tun. Wir werden die Feinde nicht durchs Unterreich hereinlassen, während sie uns über der Erde ablenken.«

Catti-brie trat einen Schritt zurück und warf Regis einen Hilfe suchenden Blick zu. Sie hatte so etwas schon erwartet, denn nachdem Banaks Kurier mit der Bitte eingetroffen war, eine zweite Streitmacht aus Mithril-Halle zum westlichen Ende des Tals zu schicken, waren sie nicht besonders erfreut empfangen worden. Es gab unter den Anführern von Mithril-Halle unterschiedliche Ansichten darüber, ob man sich in die eigentliche Festung zurückziehen oder nach draußen gehen und sich der Herausforderung durch die Orks stellen sollte. »Haben sie die Seile ins Tal gelassen, so dass Banak sie alle rausbringen kann?«, fragte Dagna.

»Es gibt bereits mehrere Strickleitern bis zur Talsohle«, antwortete Catti-brie. »Und Kommandant Banak hat befohlen, dass noch viele weitere angebracht werden. Torgars Ingenieure kümmern sich darum. Aber Banak hat nicht vor, so schnell herunterzukommen. Wenn er davon ausgehen kann, dass das Tal hinter ihm sicher ist, wird er auf der Klippe bleiben, bis die Orks eine Möglichkeit finden, ihn runterzuschubsen.«

Dagna brummte etwas Unverständliches, und obwohl Catti-brie und Regis ihn nicht verstehen konnten, war ziemlich offensichtlich, dass der barsche alte Krieger von dieser Aussicht nicht begeistert war.

»Wir haben die richtigen Leute dort draußen, um das Kommando zu führen«, versicherte ihm Catti-brie.

»Das stimmt«, gab Dagna zu. »Ich selbst habe Banak Starkamboss rausgeschickt, weil ich wusste, dass es in der ganzen Heldenhammer-Sippe keinen Besseren gibt.«

»Dann gib ihm die Hilfe, die er braucht, um dieses Gelände zu halten.«

Dagna warf Catti-brie einen langen Blick zu und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht meine Entscheidung«, sagte er. »Die Priester haben mich gebeten, die Gänge zu verteidigen, und das werde ich tun. Sie haben mich nicht aufgefordert, Bruenors Krone zu verwalten.«

Dann sah er Regis an, und Catti-brie folgte seinem Blick zu ihrem kleinen Freund, der plötzlich verlegen wirkte.

»Was ist los?«, fragte sie den Halbling leise.

»Ich … ich habe ihnen gesagt, dass du es machen solltest«, stotterte Regis. »Oder Wulfgar, wenn du nicht willst.«

Catti-brie wandte sich verwirrt Dagna zu, dann sah sie wieder den Halbling an.

»Du?«, fragte sie Regis. »Willst du mir damit sagen, dass du nun Verwalter von Mithril-Halle bist?«

»Das ist er«, antwortete Dagna an Stelle des Halblings. »Und ich war derjenige, der ihn vorgeschlagen hat. Mit allem Respekt für dich und deinen Stiefbruder, aber wir waren alle der Ansicht, dass niemand besser weiß, was Bruenor denkt, als Regis hier.«

Catti-bries Miene, als sie sich wieder Regis zuwandte, war eher amüsiert als zornig. Sie hob leicht den Kopf, damit sie über den Kragen des Halblings spähen konnte, wo ein gewisser Rubinanhänger an einer Kette hing. Diese Andeutung war beinahe so offensichtlich, als hätte Catti-brie den Halbling ganz offen gefragt, ob er seinen Rubinanhänger benutzt hatte, um ein paar Zwerge zu »überreden«, ihn in Bruenors Abwesenheit zum Verwalter zu machen.

Regis schluckte laut.

»Du sprichst also mit der Stimme des Königs?«, fragte Catti-brie.

»Er hat die erste Stimme unter den Anführern«, verbesserte Dagna. »Der König ist hier drüben, falls du das vergessen hast.« Der alte Zwerg wies mit dem Kinn auf Bruenor.

»Ja, und er wird bald wieder bei uns sein«, stimmte Catti-brie zu. »Und bis dahin ist Regis also Verwalter.«

Jemand rief aus dem Flur nach Dagna, und der alte Zwerg sagte noch ein paar Mal »Pah« und entschuldigte sich dann. Catti-brie war froh darüber, denn sie musste ein paar vertrauliche Worte mit einem gewissen Halbling wechseln.

»Ich habe … nichts Unangemessenes getan«, stotterte Regis, sobald er mit Catti-brie allein war. Er war blass geworden, was deutlich zeigte, dass er ihre Unruhe verstand.

»Das sagt auch keiner.«

»Sie haben mich gebeten, es für Bruenor zu tun«, fuhr Regis unsicher fort. »Wie hätte ich da Nein sagen können? Du und Wulfgar, ihr werdet unterwegs sein, und niemand weiß, wann Drizzt zurückkehrt.«

»Die Zwerge würden ohnehin keinem von uns folgen«, stimmte Catti-brie ihm zu. »Aber sie werden kein Problem mit einem Halbling haben. Und jeder weiß, wie oft Bruenor dich auf dem Rückweg aus dem Eiswindtal ins Vertrauen gezogen hat. Eine gute Wahl, würde ich sagen, Verwalter Regis. Ich zweifle nicht daran, dass du tun wirst, was für Mithril-Halle das Beste ist, und das ist schließlich der Sinn der Sache.«

Regis schien ein wenig ruhiger zu werden, und es gelang ihm sogar zu lächeln.

»Und das Beste für Mithril-Halle wäre zweifellos, dass Verwalter Regis tausend weitere Zwerge rausschickt, um den Westrand des Tals der Hüter zu verteidigen«, fügte Catti-brie hinzu. »Und zweihundert weitere, die sich darum kümmern, dass Versorgungsmaterial ins Tal und zu Kommandant Banak und den Streitkräften auf der Klippe geschafft wird.«

»Wir können nicht so viele nach draußen schicken«, widersprach Regis. »Wir haben schon zwei Gruppen draußen, wenn man die mitzählt, die die Verteidigungslinie am Surbrin halten sollen.«

»Dann hol diese zweite Gruppe rein und lass das Osttor schließen«, schlug Catti-brie vor. »Wir wissen, dass es oben auf der Klippe zu einem Kampf kommen wird, und wenn die Orks uns umgehen und ins Tal gelangen, wird Banak seine gesamte Streitmacht verlieren.«

»Wenn die Orks mit Booten den Surbrin entlangkommen …«, begann Regis.

»Dann wird schon ein einziger an der richtigen Stelle postierter Späher sie sehen«, erwiderte Catti-brie. »Und sie werden außerdem einigen unserer Verbündeten gefährlich nahe kommen.«

Regis dachte eine Weile darüber nach, dann nickte er.

»Ich werde den größten Teil von ihnen reinholen«, sagte er, »und sie ins Tal schicken. Brauchen wir im Westen wirklich so viele?«

»Es sollten mindestens fünfhundert sein, meint Banak«, erklärte Catti-brie. »Aber wenn die Orks ihnen noch lange genug Ruhe lassen, damit sie sich ordentlich verschanzen können, genügen vielleicht auch weniger.«

Regis nickte erneut.

»Aber ich werde die Verteidiger der Minen und Gänge nicht einsetzen«, sagte er. »Wenn die Orks über der Erde zuschlagen, können wir unten ebenfalls mit Ärger rechnen. Bruenor hat den Leuten in der Region gegenüber eine gewisse Verantwortung, das stimmt schon, aber seine erste Pflicht besteht darin, Mithril-Halle selbst zu verteidigen.«

Catti-brie warf einen Blick an Regis vorbei zu der reglosen Gestalt ihres geliebten Adoptivvaters.

Sie lächelte wehmütig und flüsterte: »Stimmt.«

Er setzte den Fuß ganz sachte auf. Als Erstes berührten die Zehen den Boden, dann verlagerte er sehr langsam das Gewicht, um weiterhin vollkommen im Gleichgewicht zu bleiben und kein Geräusch zu verursachen. Eine Bewegung brachte den anderen Fuß nach vorn, und er machte einen weiteren beinahe lautlosen Schritt.

Er schlich durch das größte der zwölf Lager rings um die Ruinen von Senkendorf, glitt mit einer Geschicklichkeit durch die dunkle Nacht, die nur ein Drow-Krieger erreichen konnte. Er kam dicht an einer Gruppe ahnungsloser Orks vorbei, die sich über etwas stritten, das ihn kein bisschen interessierte.

Er schlich sich zum Eingang eines Zelts, ging dann lautlos hinein und direkt zwischen zwei schnarchenden Orks hindurch. Auf der anderen Seite zerschnitt er das Zelttuch mit dem Krummsäbel und verließ das Zelt wieder, so lautlos wie eine leichte Brise.

Normalerweise hätte er innegehalten, um die beiden Schlafenden zu töten, aber Drizzt Do'Urden hatte etwas anderes im Sinn, etwas, das er nicht wegen geringerer Trophäen gefährden wollte.

Denn in der Mitte des Lagers befand sich ein größeres, aufwendig geschmücktes Zelt, dessen hirschlederne Eingangsklappen mit Zeichen und Malereien verziert waren, die alle etwas mit dem Ork-Gott zu tun hatten. Drei schwer bewaffnete Wachen gingen vor dem Eingang auf und ab. Dort, so nahm Drizzt an, schlief der Anführer des Stamms, und dieser Stamm war der größte der hier versammelten.

Der Jäger bewegte sich mit leichtem, raschem Schritt weiter, stets im Gleichgewicht, stets bereit; er hatte die Krummsäbel gezogen und bewegte sie ebenfalls im Gleichklang mit seinem Körper, während er vorwärts ging oder sich drehte, zurückwich oder plötzlich einen Sprung nach vorn machte. Er wusste, es genügte nicht, die Waffen einfach an den Seiten zu halten, denn er trug die verzauberten Bänder um die Fußgelenke, die seine Schritte schneller machten, und wenn er so rasch an Nischen und unübersichtlichen Ecken vorbeikam, musste er bereit sein, jeden Augenblick präzise zuzuschlagen. Also vollführten die gebogenen Klingen einen Tanz um ihn herum, während seine Beine ihn durch das Lager trugen, unvermeidlich auf dieses große, geschmückte Zelt zu.

Im Schutz eines Unterstands direkt gegenüber dem Eingang des großen Zelts steckte Drizzt die Säbel wieder ein. Er musste den geeigneten Moment sorgfältig auswählen.

Er sah sich um und wartete darauf, dass sich eine andere Gruppe von Orks noch ein Stück weiter entfernte.

Zufrieden, einen Augenblick für sich gehabt zu haben, legte er die Hände auf die Knäufe der Waffen und ging schließlich lächelnd und in lässiger Haltung auf das Zelt zu.

Die Ork-Wachen spannten sich sofort an, einer packte seine Waffe fester, ein anderer befahl Drizzt, stehen zu bleiben.

Der Drow blieb tatsächlich stehen und prägte sich ihr Bild ein, ihre genaue Platzierung, die Zahl der Schritte, die ihn direkt vor sie bringen würde.

Der Ork in der Mitte redete weiter, gab Befehle und stellte Fragen, und Drizzt blieb weiterhin stehen und lächelte.

Gerade als sich einer der Wachposten umdrehte, um das Zelt zu betreten, nutzte der Drow seine angeborene Magie und warf eine Kugel von Dunkelheit über die drei. Noch während er diese Kugel heraufbeschwor, hatte er sich bereits wieder bewegt. Er hatte die Krummsäbel gezogen, bevor er noch zwei Schritte zurückgelegt hatte, und war in der Dunkelheit verschwunden, bevor die Orks überhaupt begriffen, dass die Welt plötzlich schwarz geworden war. Drizzt wandte sich zunächst nach links, immer noch das Bild der drei Wachposten im Kopf und überzeugt, dass sich noch keiner von ihnen bewegt hatte.

Blaues Licht zuckte in Halshöhe und verwandelte einen beabsichtigten Hilfeschrei in ein Röcheln.

Eine Drehung brachte beide Klingen in Position, um den zweiten Wachposten niederzustrecken, und ein plötzlicher Sprung beförderte den Drow direkt hinter den dritten Ork, und wieder fanden seine Klingen das Ziel. Dieser letzte Wachposten fiel durch die Zeltklappe nach drinnen, und Drizzt machte einen Schritt über ihn hinweg und aus der Dunkelheit heraus.

Mehrere verblüffte Gesichter starrten ihn an, darunter das einer rot gekleideten Schamanin.

Leider befand sie sich auf der anderen Seite des Zelts.

Ohne langsamer zu werden, griff Drizzt den nächsten Ork an, schnitt ihm den erhobenen Arm ab, mit dem er einen Schlag abwehren wollte, und eilte rasch an ihm vorbei, wobei er ihm den zweiten Säbel in den Bauch stieß.

Zwischen ihm und dem nächsten Ork rechts im Zelt befand sich ein Tisch. Der Ork duckte sich hinter diesen Tisch, in der Hoffnung, dass das Möbelstück den Drow aufhalten würde, aber Drizzt sprang über das Hindernis, als wäre es nicht vorhanden. Er trat auch den kleinen Hocker weg, den der andere nach ihm warf.

Nachdem auch dieser Ork den Krummsäbeln zum Opfer gefallen war, drehte sich der Jäger um und brachte beide Waffen defensiv vor sich. Die erste traf die Spitze eines Speers, während die zweite das ungeschickt geworfene Ding endgültig zur Seite schlug.

Aber nun hatten die anderen Orks sich gefasst und waren verteidigungsbereit, und die Schamanin beschwor einen Zauber herauf.

Wieder benutzte Drizzt seine eigene Magie, aber vorher hielt er lange genug inne, um »Olacka acka eento« zu flüstern – magisch klingendes Geschwätz.

Er warf sogar eine seiner Klingen in die Luft und fuchtelte dramatisch mit den Fingern, um die Täuschung noch glaubwürdiger zu machen. Die Schamanin fiel darauf herein, und nachdem es zunächst im Zelt laut geworden war, schwiegen nun plötzlich alle.

Es war vollkommen und auf magische Art still, denn die Schamanin hatte einen Schweigezauber gewirkt, um einen magischen Angriff durch Drizzt aufzuhalten.

Das verhinderte jedoch nicht Drizzts angeborene Magie, und so fand sich die Schamanin plötzlich mit lilafarbenen Flammen überzogen, die ihre Umrisse deutlich zeigten und sie zu einem einfacheren Ziel machten.

Drizzt ließ es damit nicht genug sein, sondern beschwor eine weitere Kugel aus Dunkelheit herauf, direkt vor die angreifenden Ork-Krieger.

Er schuf eine zweite Kugel, um dafür zu sorgen, dass nun im gesamten Zelt Dunkelheit und Verwirrung herrschten, und versenkte sich noch tiefer in die Haltung des Jägers.

Er konnte nichts hören und nichts sehen, also richtete er sich ganz nach Berührung und Instinkt. Er ging in einem wirbelnden Tanz über, seine Klingen peitschten um ihn her, und wieder und wieder stieß er zu oder zog die Säbel in einem weiten Bogen herum.

Und wann immer er die Nähe eines Orks spürte – den Geruch eines solchen Geschöpfs, den heißen Atem, eine leichte Berührung –, schlug er rasch zu, und die Krummsäbel trafen mit tödlicher Präzision und fanden die Lücken in der Verteidigung der anderen, denn Drizzt wusste, wie groß seine Gegner waren und welche Haltungen sie einnahmen, wenn sie sich verteidigten oder angriffen.

Er arbeitete sich durch das Zelt und dann wieder zur Zeltstange in der Mitte, die er als Drehpunkt benutzte.

Hätte er sich nicht in dieser überaus wahrnehmungsfähigen Verfassung befunden, wäre er vielleicht überrascht worden, als die Schamanin seiner Dunkelheit magisches Licht entgegensetzte.

Er war von Orks umgeben, und sie waren alle überrascht bis auf die Schamanin, die an der Rückwand des Zelts stand, die Augen blitzend, den Körper immer noch von dem Zauberfeuer des Drow umrissen, die Finger schon mit einem weiteren Bann beschäftigt.

Die überraschten Orks, die Drizzt am nächsten standen, fielen schnell, und der Drow fuhr herum, um sich denen zu stellen, die von links kamen; seine Waffen wirbelten und zuckten, schlugen Schwerter weg, trafen Arme und Hände, trieben die verbliebenen vier Krieger zurück.

Dann wurde er plötzlich langsamer und fühlte sich, als wären seine Arme aus Blei, als eine Welle magischer Energie ihn durchströmte. Er wusste sofort, dass die Schamanin ihn mit einem Lähmungszauber angegriffen hatte, und wäre er nicht vollkommen in der Haltung des Jägers versunken gewesen, bei der Instinkt und urtümlicher Zorn eine verteidigende Mauer um ihn errichteten, wäre sein Leben schnell zu Ende gewesen.

Dennoch, seine Reaktionen wurden langsamer, so dass einer seiner Gegner die Möglichkeit hatte, ihm einen Keulenschlag gegen die Hüfte zu versetzen.

Einen sehr festen Schlag, aber der Jäger spürte keinen Schmerz.

Wieder umgab er sich mit einer Kugel aus Dunkelheit, und er stürzte sich auf den Ork mit der Keule, steckte einen zweiten Treffer ein, der erheblich weniger fest war, und erwiderte ihn mit drei schnellen Stichen und Schnitten, von denen jeder Einzelne genügt hätte, um den Ork zu töten.

Die magische Stille ging zu Ende oder wurde nicht weiter aufrechterhalten, und sofort spitzte der Jäger die Ohren, registrierte die Bewegungen der Orks in der Nähe und hörte auch die Rezitationen der Schamanin. Er brachte die Krummsäbel diagonal vor sich, kreuzte sie und zog sie in einen Bogen, um zwei weitere Orks abzuwehren. Bei der Abwärtsbewegung sprang er vorwärts, schlug einen Salto, landete leichtfüßig und rannte aus der Dunkelheit heraus.

Direkt hinter ihm erklang ein scharfes Geräusch, so als wäre die Luft selbst explodiert, und der Drow taumelte und wäre beinahe gestürzt.

Und wenn die Magie sich so auf ihn auswirkte, konnte er sich gut vorstellen, was sie den Orks hinter ihm angetan hatte.

Er fing sich wieder, drehte sich und kehrte in die Dunkelheit zurück, die Klingen in wilder Bewegung. Er traf nichts, denn wie erwartet waren die Orks zu Boden gegangen, aber er hatte sie auch nicht treffen wollen. Stattdessen hielt er inne, drehte sich nach links, sprang dann abermals aus der Dunkelheit heraus und stand damit direkt vor der Schamanin, die erneut angefangen hatte, die Finger zu bewegen.

Blaues Licht schnitt diese Finger ab.

Eistod nahm ihren Kopf.

Da er vor dem Eingang des Zelts gewaltigen Lärm hörte, rannte der Jäger direkt an der Schamanin vorbei zur hinteren Zeltwand, durchtrennte sie und zwängte sich rasch durch den Schnitt nach draußen.

Er rannte durch das Lager, und Orks beeilten sich, ihm aus dem Weg zu springen, während die Schreie aus dem Hauptzelt hinter ihm lauter wurden. Er wählte seinen Weg sorgfältig, rannte gebückt von Schatten zu Schatten.

Bald schon hatte er das Lager hinter sich gelassen, und seine verzauberten Knöchelbänder verliehen ihm auf dem Weg zu dem unwegsameren Gelände nordöstlich der Siedlung noch größere Geschwindigkeit.

Er hatte nur eine Hand voll Orks getötet, aber er war sicher, dass er seinen Feinden an diesem Tag großen Schaden zugefügt hatte.