Die Hexen erhoben sich von ihren Plätzen. Zwei traten von hinten neben Dea und legten ihr die Hände auf die Schultern. Mit sanftem Druck führten sie sie zum Ausgang der Halle.

Dea schaute sich ein letztes Mal um, in einem Anflug reiner Panik, doch Goten erwiderte ihren flehenden Blick nicht. Er gab sich kühl und unnahbar, ganz so, wie Abakus es von ihm erwartete.

Die Hexen geleiteten Dea durch das Tor und dann einen langen Gang hinunter, an dessen Ende nichts zu sein schien als Furcht und Kälte und pechschwarze Schatten.

»Wie werden dich lehren, wie wir zu sein«, säuselte eine der Hexen verführerisch in ihr Ohr, und das Echo raste den Steinflur hinunter und kehrte verzerrt wieder zurück.

Deas Herz gefror zu Eis.

Wie wir … wie wir … wie wir …

 

Es war schlimm, natürlich.

Allein die alten schwarzen Mauern und der ständige eiskalte Luftzug, der durch die Gänge und Kammern pfiff, waren Grund genug, davonzulaufen. Auch die Anwesenheit der Hexen machte Dea zu schaffen, die Blicke ihrer lauernden Augen, die nach außen hin freundlich wirkten, in deren Zentrum aber ein schwarzes verzehrendes Feuer loderte. Schönheit und Bösartigkeit vereinten sich in diesen sechs Geschöpfen wie in keinem anderen lebenden Wesen.

Oh ja, es war schlimm.

Und doch, es hätte noch furchtbarer, noch abscheulicher, noch Ekel erregender kommen können. Denn zu Deas maßlosem Erstaunen gaben sich die Hexen die größte Mühe, freundlich zu ihr zu sein. Mehr noch, sie behandelten sie nicht einmal wie ein Kind! Und das war, von der Zeit mit Goten abgesehen, eine wirklich neue Erfahrung für Dea.

Die Hexen wiesen ihr eine Kammer im ersten Stock der Festungsruine zu. Als sie eintraten – erst Dea, dann die sechs Frauen eine nach der anderen hinter ihr her –, brannte bereits ein Feuer im Kamin. Die Bettstelle war mit Kissen und seidigen Decken gepolstert, und in mehreren weit geöffneten Truhen entdeckte sie neue Kleidung, glitzerndes Geschmeide und … Bücher! Überall Bücher! Sie hatte geglaubt, es könne unmöglich mehr geben als jene, die hinten auf Gotens Wagen lagen – denn wer, zum Teufel, sollte die alle lesen? Aber hier wurde sie eines Besseren belehrt. Offenbar gab es mehr unterschiedliche Bücher als Sterne am Himmel.

»Das gehört alles dir«, sagte eine der Hexen.

Dea beugte sich über die erste Kiste und zog ein Kleid hervor, ähnlich wundersam gefertigt wie jene der Hexen. Sie legte es mit zitternden Fingern beiseite, achtete überhaupt nicht auf das Goldgeschmeide in der Kiste, sondern versuchte stattdessen, die Titel der Bücher zu lesen. Es waren große, schwere Bände, mit handgemalten Buchstaben und wunderschönen Bildern. Die Hexen schienen bemerkt zu haben, dass Dea keine Begeisterung für den Schmuck zeigte, denn als Dea die Bücher zurück in die Kiste legte, war das Geschmeide verschwunden. Ganz so, als wäre es nie da gewesen. Die Hexen hatten es einfach fortgezaubert, genauso mühelos, wie sie zuvor alles herbeigehext hatten.

Dea hielt sich das schwarze Kleid vor den Körper.

»Muss ich das tragen?«

»Nur, wenn du möchtest«, entgegnete eine der Hexen mit jener künstlichen Herzlichkeit, die ihnen allen zu Eigen war.

»Ich würde lieber weiter Hose und Wams anziehen«, meinte Dea. Sie gab sich große Mühe, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. Sie wollte nicht, dass die Hexen bemerkten, wie durcheinander und verängstigt sie war.

»Ganz wie du willst«, sagte eine andere Hexe und tätschelte ihr mit falscher Zärtlichkeit den Kopf.

»Was dir gefällt, wird auch uns gefallen.«

Dea wünschte sich insgeheim, dass das Weib an seiner triefenden Höflichkeit erstickte – ehe ihr plötzlich die Frage durch den Sinn schoss, ob die Hexen wohl ihre Gedanken lesen konnten. Aber, nein, offenbar war das nicht der Fall, sonst hätten sie wohl längst die wahren Gründe erkannt, die Dea und ihren Vater hergeführt hatten.

Die Hexen zogen sich zurück – alle bis auf eine. Sie war jung und schön wie die anderen, hatte wallendes schwarzes Haar und große dunkle Augen.

»Du heißt Dea, nicht wahr?«

Dea nickte.

»Unser Meister hat uns viel von dir erzählt. Ja, wirklich, du musst gar nicht die Stirn runzeln! Wir wissen, wie du den Prediger als Dämon überführt hast. Und du musst keine Angst haben, wir nehmen dir so was nicht übel. Er war dumm, sich so offen zu zeigen. Dummheit wird bestraft, hier noch mehr als anderswo. Magister Abakus kennt keine Gnade mit Schwachköpfen.«

»Dann hat er dem Dämon deshalb den Kopf abgeschlagen?«

»Deshalb, und weil es seiner eigenen Tarnung als Hexenjäger dienlich war.«

Dea überlegte. »Dann sind nicht alle Hexen und Dämonen Freunde?«

Die junge Hexe lachte laut auf. »Ach, Dea, du musst viel über uns lernen … Nein, nein, natürlich sind wir nicht alle Freunde. Wir benutzen die Dämonen für unsere Zwecke, so wie den dort draußen vor dem Tor. Das war eine besonders mächtige Kreatur, und niemand außer dem Magister hätte sie heraufbeschwören können. Aber es gibt auch Hexen, die von Dämonen beherrscht werden. Natürlich keine von uns hier in der Festung! Aber draußen im Land gibt es schwache oder dumme Hexen, die in den Bann mächtiger Höllenfürsten geraten sind und ihnen bedingungslos dienen müssen.«

»Aber dient nicht auch ihr dem Meister?« Es fiel Dea schwer, den grässlichen Abakus so zu nennen.

Die Hexe legte für einen Moment die Stirn in Falten, doch gleich darauf glättete sie sich wieder, so als wäre dies ein Makel, den der Schönheitszauber der Frau nicht zuließ. »Wir dienen ihm nicht, wir sind seine engsten Verbündeten. Das ist ein großer Unterschied.«

Ja, dachte Dea, für dich. Aber die Frage ist doch, ob Abakus das genauso sieht.

Aber statt ihren Einwand laut auszusprechen, nickte sie nur. »Bist du jetzt meine Lehrerin?«

»Wir alle werden dich lehren, was es bedeutet, eine von uns zu sein«, erwiderte die Hexe. »Und, ja, ich bin ganz besonders für dich da. Wenn du Fragen hast oder Sorgen, dann wende dich an mich.«

Dea war immer noch überrascht, wie freundlich hier mit ihr umgegangen wurde. Und bei dieser Hexe schien die Freundlichkeit nicht einmal so gekünstelt zu sein wie bei den anderen. Sie würde Acht geben müssen, dass sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlor. Die Hexen waren ihre Feinde. Sie waren böse und mussten vernichtet werden, mochten sie ihr gegenüber auch noch so oft Freundschaft heucheln.

»Wie heißt du?«, fragte Dea die Hexe.

»Morgwen«, erwiderte die Frau. »Ich war die Erste, die der Meister an seine Seite rief.«

»Dann musst du wohl eine besonders … mächtige Hexe sein.« Puh, beinahe hätte sie »besonders böse« gesagt.

Morgwen lächelte geschmeichelt. »Mag sein«, erwiderte sie kess und klang dabei kokett wie ein junges Mädchen. Und vielleicht war sie das ja wirklich – schließlich mussten sich nicht alle Hexen mithilfe ihrer Zauberei verjüngt haben. Möglich, dass Morgwen tatsächlich erst um die zwanzig war.

Liebe Güte, durchfuhr es Dea, ich muss verflixt aufpassen, dass ich nicht anfange, sie zu mögen!

Morgwen schenkte ihr ein weiteres Lächeln, dann wandte sie sich zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal zu Dea um.

»Heute solltest du erst einmal schlafen«, sagte die Hexe mit ihrer sanften, schönen Stimme. »Morgen früh, wenn du ausgeruht bist, beginnt deine Lehrzeit.« Sie hauchte ihrer Schülerin eine Kusshand zu, eine merkwürdige Geste, die Dea nie zuvor gesehen hatte. »Du wirst eine mächtige Hexe werden, Dea. Und du wirst überrascht sein, wie schnell du eine von uns bist. Nie zuvor habe ich eine wie dich getroffen, der die Macht aus allen Poren dringt.«

Dea blickte Morgwen mit großen Augen hinterher, als sie hinaus auf den Gang trat und die sperrige Tür hinter sich zuzog.

Wenn sie keine Hexe wäre, dachte Dea bedauernd, könnte sie glatt meine Freundin werden.

Ein gefährlicher Gedanke, dessen war sie sich bewusst. Verdammt gefährlich!

Da erst fielen ihr die letzten Worte der Hexe wieder ein.

Eine, der die Macht aus allen Poren dringt …

Dea strich sich mit den Fingern über die nackten Unterarme, suchte nach Zeichen, nach irgendetwas, das die sonderbare Bemerkung der Hexe bestätigt hätte. Doch sie entdeckte nichts. Haut wie jede andere. Ein Mädchen wie jedes andere.

Oder etwa nicht?