Je länger sie hinsah, desto deutlicher erschien ihr der Kopf des Weißen wie der einer Giftschlange. Angestrengt kniff sie die Augen zusammen, konzentrierte sich ganz auf seinen Blick. Verflixt, waren das nicht geschlitzte Pupillen? Und waren seine Zähne nicht spitz und scharf wie die eines Raubtiers?
Großer Gott, tatsächlich, sein Gesicht veränderte sich! Es verschob sich mehr und mehr zu einer grauenvollen Monstrosität, nicht Echse, nicht Wolf, sondern etwas ganz und gar Fremdes, das Dea eiskalte Schauder über den Rücken jagte.
Panisch schaute sie sich um. Warum, zum Teufel, bemerkte es keiner der anderen? Immer noch lauschte die Menge andächtig den verführerischen Worten des Predigers. Niemand schien das zu sehen, was Dea sah – eine Kreatur, die alles Mögliche sein mochte, nur kein Mensch!
Und dann traf sie der Blick des Weißen.
Er schaute nicht etwa wahllos über seine Zuhörerschaft und streifte dabei Dea. Nein, er schien sie direkt aus der Menschenmeute auszuwählen, starrte kalt auf sie herab. Sie fühlte, wie sich etwas in ihr Bewusstsein bohrte, geschliffen scharf wie eine Klinge aus Kristall. Und ebenso mörderisch.
Doch plötzlich geschah etwas Sonderbares.
Der Weiße zuckte zusammen. Ein, zwei Atemzüge lang kam seine Rede ins Stocken. Das Stechen in Deas Kopf hörte abrupt auf; fast, als wären die Geistwaffen dieses Wesens auf etwas gestoßen, das es zum Rückzug zwang.
Dea blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie warf sich auf der Stelle herum und floh. Achtlos drängte sie sich durch die Menge, trat und schubste, bis man sie durchließ. Hinter ihr ergriff der Weiße erneut das Wort, und halb erwartete sie, dass er die Menschen gegen sie aufbringen würde. Haltet sie!, hörte sie ihn in Gedanken rufen. Lasst sie nicht entkommen!
Aber der Weiße sagte nichts dergleichen. Ruhig fuhr er mit seiner Ansprache fort und schenkte Dea keine weitere Aufmerksamkeit. Doch als sie einmal kurz über die Schulter schaute, sah sie, dass er ihr verstohlen hinterherstarrte. Sie konnte fühlen, wie er sich ihr Gesicht einprägte. Ihren Körper. Ihre Bewegungen. Er würde sie finden, würde sie wieder erkennen, würde sie – Vor ihr endete die Menschenmenge, und Dea verdrängte alle weiteren Gedanken an den Dämon oben auf dem Podium.
Alles, was sie denken konnte, war, dass sie zu ihrem Vater musste. Goten würde wissen, was zu tun war. Vielleicht konnte er die Menschen auf dem Marktplatz noch retten, bevor sie sich dem Zug des Weißen anschlossen – einer Pilgerfahrt, die ganz gewiss nicht im Heiligen Land enden würde. Wohl eher in der Hölle.
Sie rannte wie eine Besessene durch die Gasse, vorbei an Häusern, quer über Straßen, bis sie schließlich den Vorplatz der Zitadelle erreichte. Sie wäre wohl auch einfach durch das offene Portal auf den Innenhof gestürmt, hätte nicht einer der Wachmänner sie aufgehalten.
»Wohin?«, fragte er barsch, aber seinem Gesichtsausdruck war bereits anzusehen, dass er sie nirgendwohin gehen lassen würde, ganz gleich, was sie antworten mochte.
»Ich will zu meinem Va–«, begann sie, verbesserte sich aber sofort: »Zu meinem Meister. Zu Goten, dem Hexenjäger.« Niemand durfte wissen, dass sie seine Tochter war, und wenn sie dergleichen hier behauptet hätte, hätte man sie, ohne zu zögern, aus der Stadt geworfen.
»Zu Goten? Soso«, sagte der Wachmann mit selbstgefälligem Grinsen. »Und was willst du von ihm?«
»Ihn bitten, dich bei lebendigem Leibe häuten zu lassen«, stieß sie wutentbrannt aus, trat dem Mann mit aller Kraft vors Schienbein und hetzte an ihm vorbei ins Innere der Zitadelle. Hinter ihr wurde Geschrei laut, erst das des Wächters, dann auch aus den Kehlen anderer Soldaten.
Na, prächtig, dachte sie. Und wie lautet jetzt dein Plan? Du weißt ja nicht mal, wo sich die Hexenjäger versammelt haben! Du wirst ihn niemals finden!
Sie stürmte an einem Mann vorbei, der mit beiden Händen nach ihr greifen wollte, tauchte unter der ausgestreckten Lanze eines anderen hinweg. Blitzschnell rannte sie auf einen Torbogen zu, der in das Hauptgebäude der Zitadelle führte. Wenn überhaupt irgendwo, dann würde sie wohl dort auf die Versammlung der Hexenjäger stoßen.
Der Gang, der vom Tor aus tiefer in die Zitadelle führte, war zu ihrer Erleichterung menschenleer. Offenbar handelte es sich nur um einen Nebeneingang. Hinter sich hörte sie immer noch das Gebrüll der Wachleute, das Rasseln ihres Rüstzeugs und das schrille Schleifen von Klingen, die aus ledernen Scheiden gezogen wurden. Dea war klar, dass sie so gut wie tot war, wenn die Männer sie in die Finger bekamen. Ihr Vater war ihre einzige Rettung!
Vor ihr trat aus einer Tür eine Magd, die einen hohen Haufen mit Laken auf den Armen balancierte. Die Stoffe waren so hoch gestapelt, dass sie das Gesicht der Frau verdeckten. Noch hatte sie Dea nicht bemerkt.
Dea stellte ihr ein Bein. Mit einem Aufschrei stürzte die Magd vornüber und fiel mit dem Gesicht in die Laken. Als sie wieder aufschaute, stand Dea schon über ihr und hatte den stumpfen Dolch gezückt, den sie einst vom Giebelsteiner Dorfschmied geschenkt bekommen hatte. Möglichst grimmig blickte Dea auf die Frau herab, die sofort zu wimmern und zu schreien begann, sich aufrappelte und mit hoch erhobenen Armen davonlief.
Dea steckte den Dolch weg, sammelte die Laken auf und trug sie nun ihrerseits auf beiden Armen vor sich her. Ihr Gesicht war nun verdeckt, was sie immerhin vorübergehend tarnen würde.
Mit dem Stoffbündel lief sie weiter und gelangte in einen hohen Raum, in dem mehrere Mägde und Bedienstete allerlei Arbeiten nachgingen. Fast alle trugen irgendetwas umher. Zwischen ihnen fiel Dea nicht weiter auf.
Hinter ihr erreichte ein halbes Dutzend Bewaffneter den Raum. Suchend schauten die Männer sich um und rannten weiter. Sie hatten Dea hinter den Stoffballen nicht erkannt. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit, bis die aufgeregte Magd irgendwen über ihre Begegnung mit dem Mädchen in Kenntnis setzen würde. Spätestens dann war Deas notdürftige Tarnung nutzlos.
Sie lief weiter, drang tiefer in die düstere Zitadelle vor, bis sie schließlich durch ein offenes Portal eine Versammlung von Männern entdeckte. Und da – sie konnte ihr Glück kaum fassen – war auch Goten!
Augenscheinlich hatte die eigentliche Beratung noch nicht begonnen, denn viele der Hexenjäger hatten noch nicht an der großen Tafel im Zentrum der Halle Platz genommen. Es mussten etwa zwanzig sein, schätzte Dea, vielleicht sogar mehr. Goten saß allein für sich an einer Ecke der Tafel und redete mit niemandem. Dea wusste, dass er die Gesellschaft der anderen Hexenjäger nicht schätzte.
Sie atmete tief durch, dann schleuderte sie die Laken beiseite und rannte geradewegs in die Halle auf Goten zu.
Er entdeckte sie, als sie ihn fast erreicht hatte. Auch einige der anderen Kirchenrichter bemerkten sie, hielten in ihren Gesprächen inne oder wichen überrascht beiseite.
»Dea!«, entfuhr es Goten. Zum ersten Mal sah sie ihn wirklich überrascht. »Was tust –«.
Sie unterbrach ihn, während sie atemlos vor ihm stehen blieb. »Die Wachen sind hinter mir her«, rief sie japsend. »Und die Magd. Und überhaupt wahrscheinlich jeder in dieser ganzen blöden Bruchbude. Und sie –«.
Goten sprang auf und zog sie beiseite, bevor sie noch mehr Aufmerksamkeit unter den anderen Hexenjägern erregen konnte. »Nur meine Gehilfin«, sagte er zu jenen, die am nächsten standen; dann schob er Dea hinter eine mächtige Steinsäule, wo sie vor den Blicken der übrigen Männer geschützt waren.
»Dea, verdammt!«, zischte er zornig. »Hast du eine Ahnung, wo du hier bist? Kinder haben hier drinnen nichts zu suchen. Diese Leute verstehen gewiss keinen Spaß, wenn jemand gegen die Gesetze verstößt.«
Dea musterte ihn. »Das klingt ja so, als hättest du Angst vor deinen eigenen Leuten.«
»Angst um dich, Dea«, gab er leise zurück. »Und das da sind nicht ,meine Leute’.«
Sie holte tief Luft, und dann erzählte sie ihm alles, was vorgefallen war. Von der Versammlung auf dem Platz, von dem Prediger in Weiß. Und davon, wie sich sein Gesicht vor ihren Augen in die Fratze eines Dämons verwandelt hatte – und dass es niemand außer Dea bemerkt hatte.
Goten hörte ihr aufmerksam zu, und sie bemerkte voller Dankbarkeit und Stolz, dass er nicht einen Herzschlag lang an ihren Worten zweifelte. Er nahm sie ernst, und das war das wertvollste Geschenk, das er ihr machen konnte.
Nachdem sie geendet hatte, sagte Goten: »Es ist gut, dass du zu mir gekommen bist. Ich weiß nicht, warum gerade du die Maskerade des Dämons durchschaut hast, aber es gibt wohl keinen Zweifel, dass es sich tatsächlich um einen handelt. Jetzt ist es an uns, diesen Weißen einmal genauer anzusehen.«
»Sofort?«
»Bevor er all diese Menschen ins Unglück führt.«
Goten straffte sich, dann trat er hinter der Säule hervor. »Warte hier«, sagte er zu Dea. »Es gibt jemanden, den ich darüber in Kenntnis setzen muss.«
Dea sah zu, wie er sich entfernte und zum fernen Kopf der gewaltigen Tafel eilte.
Dort saß, auf einem leicht erhöhten Stuhl, ein Mann mit breiten Schultern und einem mächtigen weißen Bart, der über der Brust gegabelt war. Der Schädel des Hexenjägers war weitgehend kahl, nur rund um seinen Hinterkopf fiel wallendes langes Haar über die Kapuze seiner Kutte. Er hatte tief liegende Augen, sehr dunkel und Furcht einflößend, aber solange Dea ihn auch anstarrte, blieb er doch ein gewöhnlicher Mensch. Keine Veränderung zum Dämon wie bei dem Prediger in der Stadt. Falls ihr Talent, die Maskerade des Bösen zu durchschauen, eine bleibende Angelegenheit war, so konnte sie nun zumindest sicher sein, dass das Oberhaupt aller Hexenjäger kein verkappter Dämon war.
Ein verkappter Dämon, wiederholte Dea im Stillen. Jetzt vermutete sie schon hinter jedem, der ihr nur über den Weg lief, eine Ausgeburt der Hölle. Aber trotzdem – der Mann hatte grausame Augen, und sie wollte am liebsten nichts mit ihm zu tun haben. Nun fiel ihr auch sein Name wieder ein – Abakus!
Goten blieb neben ihm stehen, verbeugte sich flüchtig und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Die Miene des obersten aller Hexenjäger verfinsterte sich noch weiter. Schließlich erhob er sich von seinem Stuhl. Alle Gespräche im Saal verstummten.
»Mein Freund Goten ließ mir gerade eine Nachricht von erheblicher Bedeutung zukommen«, sprach Abakus würdevoll.
Ein Raunen ging durch die Versammlung, und manch neidvoller Blick traf Goten. Viele hier wünschten sich, von Abakus »Freund« genannt zu werden.
»Verzeiht, wenn wir den Beginn unserer Beratung noch eine kurze Weile hinauszögern müssen«, fuhr Abakus fort. »Goten und ich werden bald wieder bei euch sein.«
Damit löste er sich von der Tafel und eilte zu einem Seitenausgang im hinteren Teil der Halle. Goten winkte Dea herbei, die sofort zu ihm lief und an seiner Seite hinter Abakus herging. Im Saal ließen sie aufgeregtes Murmeln und zahlreiche überraschte Mienen zurück.
Ein Pferdewagen brachte Abakus, Goten und Dea durch die Straßen der Stadt zu dem Platz, auf dem der Weiße seine Predigt hielt. Ihnen folgte ein Dutzend Berittener mit blitzendem Rüstzeug und scharfen Klingen.
Dea verhielt sich still und gab sich Mühe, niemals den Blick des obersten Hexenjägers zu kreuzen. Abakus sprach kein Wort mit ihr, tat vielmehr so, als wäre sie gar nicht anwesend. Nur einmal bemerkte sie, dass er sie verstohlen musterte. Sie fragte sich, ob er wohl wusste, dass sie Gotens leibliche Tochter war.
Abakus sah aus wie jemand, vor dem man keine Geheimnisse haben konnte, nicht einmal der gefürchtete Goten. Obwohl beide es in Statur und finsterer Ausstrahlung durchaus miteinander aufnehmen konnten, ordnete Goten sich dem Mann sichtlich unter. Dea überraschte das ein wenig – so zurückhaltend hatte sie ihren Vater zuvor noch nie erlebt.
Der Platz war immer noch voller Menschen. Oben auf dem Podest hatte der Weiße beide Arme ausgestreckt, als wollte er die ganze Menge an seine Brust ziehen. Viele Männer und Frauen blickten verträumt zu ihm auf, so als stünde dort oben nicht ein hagerer Prediger, sondern der Erlöser persönlich.
Abakus blickte über die Köpfe der Menschen hinweg auf den Weißen, dann nickte er. Zum ersten Mal sah er Dea direkt an. »Du hast Recht, Mädchen. Ich weiß nicht, warum gerade du ihn erkannt hast, aber du hast tatsächlich Recht. Das da vorne ist kein Mensch.«
Goten nickte anerkennend.
Abakus gab den Soldaten einen Wink. Sie sprangen von ihren Pferden und verteilten sich unauffällig in der Menge. Abakus und Goten warteten, bis die Männer Positionen nahe des Podiums bezogen hatten, dann verließen sie den Pferdewagen.
»Du bleibst hier«, zischte Goten Dea zu, als sie ebenfalls aussteigen wollte.
»Aber ich hab ihn doch entdeckt!«
»Du bleibst!«
Abakus trat von hinten an Goten heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Die Kleine ist etwas Besonderes. Lass sie mitkommen.«
Goten schaute überrascht auf, dann seufzte er und nickte. Dea sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, nachzugeben. Er machte sich tatsächlich Sorgen um sie. Ihr wurde ganz schwindelig bei diesem Gedanken.
»Du hältst dich die ganze Zeit hinter mir, verstanden?«, sagte er. »Egal, was geschieht.«
Sie nickte zackig wie ein Soldat. »Wie Ihr befehlt, Meister Goten!«
Abakus lächelte amüsiert, aber Gotens Stirn zerfurchte sich nur noch tiefer. Dea überlegte, ob ihm wohl gerade klar wurde, dass eine Tochter zu haben mehr bedeutete, als hin und wieder ein paar Kleidungsstücke zu kaufen. Er würde lernen müssen, mit Widerworten zu leben. Armer Goten! Das war in der Tat eine neue Erfahrung für ihn.
Die Menge teilte sich widerwillig, als Abakus und Goten nebeneinander über den Platz schritten. Dea hielt sich nah hinter ihnen, um nicht durch das Gedränge von ihnen getrennt zu werden.
Sie hatten etwa die Hälfte des Weges bis zum Podest zurückgelegt, als der Weiße in seiner feurigen Rede innehielt. Er hatte die beiden Hexenjäger entdeckt. Schlagartig sanken seine Arme herunter. Er fletschte die Zähne wie ein wildes Tier, das bereit ist für einen Kampf auf Leben und Tod.
Zu Deas Verwunderung blieben Abakus und ihr Vater völlig gelassen. Das animalische Gehabe des Dämons beeindruckte sie nicht im Geringsten; es schien fast, als hätten sie dergleichen schon unzählige Male miterlebt.
Sie hatte Mühe, zwischen den beiden Hexenjägern hindurch zum Podium zu blicken. Trotzdem sah sie, wie sich Abakus’ Soldaten von allen Seiten auf den Prediger zuschoben. Ein heftiges Raunen und Flüstern rauschte wie eine Welle durch die Menschenmenge. Einige Männer und Frauen schienen aus dem Bann des Dämons zu erwachen, doch die meisten blickten nur verwirrt und fragend zu dem teuflischen Prediger empor. Einige stimmten Gebete und kirchliche Gesänge an.
Auf ein Handzeichen Abakus’ schnappte die Falle zu. Plötzlich stürmten von allen Seiten die Bewaffneten auf das Podest des Predigers. Der Dämon heulte laut auf, als er von mehreren Männern gepackt wurde. Sein Gesicht hatte jetzt nichts Menschliches mehr an sich, auch wenn Dea vermutete, dass sie die Einzige war, die diese Verwandlung wahrnahm. Was Goten und Abakus anging, so war sie nicht sicher; doch von den übrigen Menschen erkannte keiner, was wirklich vorging, nicht einmal die Soldaten, die den Dämon festhielten.
Abakus, Goten und Dea erreichten den Rand des Podests. Hinter ihnen ertönte das Wehklagen und Lamentieren der Menschen, die sich um ihre Erlösung betrogen fühlten. Allein die Anwesenheit der Soldaten und ihrer blitzenden Waffen hielt die Mutigen unter den Anhängern des Weißen auf ihren Plätzen.
Der Dämon zischte hasserfüllt, als Abakus an ihn herantrat. Doch dann fiel der Blick seiner geschlitzten Raubtieraugen auf Dea.
»Ich erkenne dich«, zischte seine Stimme. Sie klang, als sprächen mehrere Männer gleichzeitig, einer bösartiger als der andere. »Ich hätte meinen Anhängern befehlen sollen, dich zu zerfleischen!«
Abakus sprang auf das Podest und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Der Schädel des Dämons wurde von der Gewalt des Schlages zur Seite geschleudert. Als er wieder aufschaute, war sein Blick weiterhin auf Dea gerichtet.
»Ich sehe deine Zukunft, Menschenkind.« Die Kreatur lachte hämisch auf, ein gehässiges, Abscheu erregendes Jauchzen. »Ich sehe viel Leid und große Trauer. Ich sehe nicht enden wollendes Verhängnis. Oh ja, Menschenkind, du wirst leiden!

Und für jeden Triumph wirst du mit zehn Niederlagen büßen. Viele wirst du sterben sehen, mehr als jeder andere Mensch vor dir. Du wirst jeden deiner Freunde verlieren, alle, die dir teuer sind. Bis nur noch du allein da bist. Du ganz allein!«
Abakus packte das Schwert eines Soldaten und schlug dem Dämon mit einem einzigen gewaltigen Hieb den Kopf von den Schultern. Der hässliche Schädel polterte auf das Podest und rollte von dort aus in die Menge. Die Zuschauer sprangen beiseite, als das fangzahnbewehrte Maul der Bestie nach ihren Füßen schnappte, bevor es schließlich erstarrte.
Dea war stocksteif geworden. Nicht enden wollendes Verhängnis? Viel Leid und große Trauer? Warum sagte der Dämon so etwas zu ihr? War das nur seine Rache dafür, dass sie ihn ans Messer geliefert hatte? Oder hatte er wirklich ihre Zukunft vor Augen gehabt?
»Komm.« Goten legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie vom Podest, fort vom Kadaver der Bestie. Um sie herum schien die Menge wie aus einem Traum zu erwachen. Plötzlich hatte es einer eiliger als der andere, von hier fortzukommen.
»Wie hat er das gemeint?«, fragte sie mit tonloser Stimme.
Goten blickte starr geradeaus. »Der Teufel ist der Meister der Lüge. Und seine Diener stehen ihm darin kaum nach.«
»Du meinst, er hat das alles nur erfunden?«
Goten schwieg einen Moment. »Ja … ja, ich bin sicher, er hat gelogen.«
Sie blickte im Gehen zu ihm auf, wollte ihm in die Augen sehen. Doch ihr Vater schaute immer noch stur nach vorne und offenbarte nichts von dem, was wirklich in seinem Kopf vorging.
Gelogen, dachte sie schaudernd. Ja, natürlich – die Frage war nur, wer hier wen anlog. Und wer wem etwas verschwieg.