35
Die Welt zu meinen Füßen tut sich auf und ich will genau wie Paolo, Timothy und Sergei zu Onkel Antonio stürzen. Doch Eio packt meine Hand und zieht mich weg, und bevor sie es begriffen haben, sind wir schon ein gutes Stück gelaufen und wir rennen weiter.
Sie rufen hinter uns her. Wir lassen uns nicht aufhalten. Durch das Wäldchen, über die Zufahrt, durch das Tor – mir bleibt nur ein kurzer Moment, um den Kopf zu drehen und zu sehen, wer es für uns geöffnet hat.
Mein Vater. Mein gütiger, freundlicher, sanftmütiger Vater, der nicht widersprechen würde, selbst wenn jemand behauptete, der Himmel sei grün und die Sonne nichts weiter als eine große Zitrone. Traurig winkt er uns zu, als wir vorbeihasten. Es bleibt nicht einmal Zeit, ihm etwas zuzurufen. Als ich noch einmal zurückschaue, sehe ich, wie er von Paolo und Timothy überwältigt wird.
Bitte tut ihm nichts!, flehe ich stumm. Er hat nie etwas Böses getan. Diese kleine, aber hilfreiche Geste, so banal im Vergleich zu dem abscheulichen Verrat meiner Mutter, ist wie eine Salbe auf der Wunde, die sie in meine Seele gerissen hat. Sie heilt dadurch nicht, aber es lindert ein wenig den Schmerz. Wenigstens ein Elternteil hat zu mir gehalten, als es darauf ankam.
Gewehrkugeln pfeifen uns um die Ohren und eine trifft sogar meinen Oberschenkel. Ich habe noch nie einen solchen Schmerz gespürt, aber natürlich durchdringt sie nicht die Haut.
»Schneller!«, schreit Eio und zieht mich weiter. Ausgeschlossen, dass sie mit uns Schritt halten können, nicht mit mir, die ich schneller bin als jeder andere Mensch, und nicht mit Eio, der im Dschungel aufgewachsen ist.
Sie können nicht mit uns Schritt halten, aber ihre Kugeln schon. Eio stolpert, als ihn eine an der Schulter trifft, aber er stürzt nicht.
»Du bist getroffen!« Ich ziehe an seiner Hand, damit er stehen bleibt, aber er schüttelt stumm den Kopf und läuft weiter, wenn auch nicht mehr ganz so schnell. Wir verlassen die Straße und schlagen uns in den Dschungel.
»Kann nicht… stehen bleiben«, ruft er und ich sehe, dass er Tränen in den Augen hat. »Ich hab ihm versprochen, dass ich dich von hier wegbringe – eher sterbe ich, als ihn zu enttäuschen!«
Dagegen kann ich nichts sagen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Onkel Antonio zu Boden gehen, sehe, wie die Kraft ihn verlässt und die Augen ihren Glanz verlieren. Jetzt weine auch ich und die Tränen machen mich unbeholfen. Wir haben unsere Verfolger abgehängt, aber Eio wird immer schwächer.
»Ist alles okay mit dir?«, rufe ich, als ich über einen umgestürzten Baumstamm springe. Er muss mühsam darüberklettern und ich warte auf ihn. »Schaffst du es? Wenn sie uns schnappen, schießen sie noch einmal auf dich und dann treffen sie richtig!«
»Alles okay«, behauptet er. »Lauf weiter, ich bin direkt hinter dir.« Und um es zu beweisen, steigert er das Tempo wieder.
Aber nur für ein paar Schritte. Dann stolpert er und fällt. Ich laufe zurück und helfe ihm sich aufzusetzen. »Eio, du kannst so nicht weiterlaufen. Du blutest zu stark.«
»Erde«, presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Um die Blutung zu stoppen. Erde und Blätter.«
Ich beginne auf der Stelle, mit den Händen zu graben, bis ich unter festem Boden auf die feuchte Erde stoße. Ich gebe Eio eine Handvoll nach der anderen und er schmiert sie sich auf die Schulter. Er stöhnt vor Schmerzen und zuckt bei jeder Berührung zusammen. Noch nie habe ich mich hilfloser gefühlt.
Als die ganze Schulter mit Erde bedeckt ist, legt er sich zurück und schließt die Augen. Seine Brust hebt und senkt sich wie unter Krämpfen. Auch meine Atmung ist unregelmäßig, als wollte mein Körper seinen nachahmen.
»Eio?« Ich nehme seine Hand. »Was soll ich tun? Soll ich Kapukiri holen?«
»Er ist tot.«
»Was? Was ist passiert?« In meinem Schreck drücke ich fest Eios Hand. »Nicht Kapukiri.« Eio öffnet die Augen und schaut hinauf in den Blätterhimmel. »Papi.«
Oh. Ja. Onkel Antonio ist tot. In meinem Kopf spielt sich die Szene noch einmal ab: Onkel Antonio, wie er in die Nadel hineinfällt, zu Boden geht, unnatürlich verrenkt auf der Erde liegt. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinauf und hinunter. Ich habe das Gefühl, von den fleischfressenden Ameisen überrannt zu werden.
»Warum hat er es getan?«, frage ich leise. »Ich hätte etwas mit ihnen ausgehandelt. Ihr hättet beide frei sein können.« Aber ich weiß, weshalb er es getan hat. Weiß es nur zu gut. Es gibt nichts Nobleres, als sein Leben für andere zu geben.
Eio schließt wieder die Augen. Ich frage mich, was mehr schmerzt, die Kugel oder die Trauer.
»Geh, Pia. Ich verstecke mich. Sie finden mich nie. Hör zu. Die Ai’oaner… sie treffen Vorbereitungen zum Kampf. Sie wollen Little Cam angreifen. Du musst sie davon abbringen… Sie kommen nur um dabei.« Er beißt die Zähne zusammen und muss innehalten, um zu Atem zu kommen. »Du musst weiterlaufen. Mir wird nichts passieren. Der Dschungel ist mein Zuhause. Er wird… mir ein Versteck bieten und mich beschützen.«
»Eio…«
»Geh«, knurrt er und klingt genau wie sein Vater.
»Okay«, flüstere ich zurück. »Aber geh nicht zu weit weg. Ich komme zurück und hole dich.«
Der Schmerz muss so stark sein, dass er die Augen weiter geschlossen hält, aber er nickt. Ich berühre seine Wange, streiche mit dem Daumen über sein kantiges Kinn. »Pass auf dich auf.«
»Mach ich. Du auch.«
»Ich meine es ernst, Eio. Du – du bist alles, was ich noch habe«, flüstere ich.
»Lauf, Pia.«
Ich laufe.
Eio hat nicht gelogen. Die Ai’oaner sind in Aufruhr. Die Männer füllen ihre Kalebassen mit Curare und die Frauen sammeln Speere. Ich renne zwischen den Hütten hindurch auf der Suche nach Achiri oder Luri.
Plötzlich packt mich jemand hinten am T-Shirt und wirbelt mich herum. Es ist Burako. Er hat sich rote Farbe ins Gesicht geschmiert und hält mir ein Messer an die Kehle – was mich natürlich nicht schreckt.
»Du«, zischt er und schüttelt mich. »Karaíba! Bist du hergekommen, um die Sache zu Ende zu bringen?«, fragt er auf Ai’oanisch. »Um unsere Kinder zu töten, ja? Ihr Blut zu trinken? Mörderin!«
»Nein! Natürlich nicht! Ich bin gekommen, um zu helfen –« »Lügnerin!« Er drückt das Messer fester gegen meinen Hals. Was glaubt er wohl, welche Probleme er damit lösen kann?
»Halt!«, ruft eine dünne Stimme und Ami steht plötzlich neben ihm. »Lass sie los! Sie hat mich gerettet!«
Burako blickt unsicher von mir zu Ami, lässt mich aber nicht los.
Ami stemmt die Hände in die Hüften und blickt ihn finster an. »Ich hab gesagt, sie hat mich gerettet. Sie ist auf unserer Seite, Burako!«
In jeder anderen Situation fände ich es zum Lachen, wie sie versucht, den muskelbepackten Krieger einzuschüchtern. So aber atme ich nur erleichtert auf, als er mich loslässt. In seinem Blick liegt allerdings immer noch Misstrauen und ich kann es ihm nicht einmal verübeln.
Ami schlingt ihre Arme um meine Taille. »Du bist wieder da, Pia!«
»Ja. Wie geht es deinem Arm, Ami?«
»Gut.«
Jemand hat den Verband erneuert. Er ist jetzt fester gewickelt und sieht ordentlicher aus und ich bin froh, dass die Blutung anscheinend gestoppt wurde. Mindestens ebenso erleichtert bin ich, dass sie nach dem E13 nicht in die Bewusstlosigkeit gefallen ist – oder schlimmer. Aber ich bedaure nicht, es ihr gegeben zu haben. Hätte ich es nicht getan, wäre sie nicht mehr am Leben.
Ami schaut sich um. »Wo ist Eio?«
»Er kommt. Er wurde verletzt, ist aber bestimmt bald wieder gesund.« Er soll sich gefälligst anstrengen, sonst bringe ich ihn um. »Wo sind Achiri und Kapukiri?«
Sie führt mich zu ihnen. Die Ai’oaner grüßen mich, als ich vorbeigehe, treffen aber weiter ihre Vorbereitungen. Sie haben ihre Gesichter mit roter Farbe bemalt und ihre Mienen sind grimmig und voller Zorn. So habe ich sie noch nie gesehen. Keine Spur von ihrer sonstigen Ruhe und Gelassenheit. Sie erinnern mich an Onkel Wills Ameisen: unerbittlich, wild und mörderisch.
»Achiri!« Als ich die Stammesmutter entdecke, laufe ich zu ihr. Sie malt gerade blutrote Zickzacklinien auf Luris Gesicht. Auf Ai’oanisch rufe ich ihr zu: »Achiri, du musst mir zuhören!«
Ohne mit dem Bemalen innezuhalten, fragt sie: »Was gibt’s, Pia-Vogel? Wo ist der Weitwanderer?«
»Er ist verletzt. Er liegt im Dschungel. Kannst du jemanden schicken, der ihn holt?«
Achiri nickt, schnippt mit den Fingern und befiehlt mehreren Männern, sich auf die Suche zu machen.
»Er hat mich hergeschickt, damit ich euch sage – ihr dürft Little Cam nicht angreifen.«
Sie inspiziert ihre Arbeit und grunzt zufrieden. »Du kannst gehen, Luri.« Luri schenkt mir ein entschlossenes Lächeln und trabt davon. Achiri wischt sich die Hände an ihrem Rock ab und wendet sich mir zu. »Was ist passiert? Sag es mir. Zuerst kommt Ami und erzählt von bösen Männern, die sie umbringen wollten, und dass du ihr zur Flucht verholfen hast. Dann rennt Eio davon, um dich zu suchen, und kommt nicht zurück. Und jetzt stehst du vor mir und willst, dass wir uns nicht vor denen schützen, die Jagd auf unsere Kinder machen?« Sie schaut auf Ami hinunter und macht ein finsteres Gesicht. »Selbst wenn diese Kinder so dumm sind, alleine loszulaufen.«
Ami blickt genauso finster zurück. »Ich musste Pia ihren Anhänger bringen!«
»Dummes Ding«, knurrt Achiri. »Und deshalb gehst du allein in den Dschungel? Ts, ts, ts.« Sie wendet sich wieder an mich. »Sag, Pia-Vogel, sollen wir uns diesen Fremden etwa zu Füßen legen und uns abschlachten lassen?«
Eingeschüchtert von ihrer Stärke – und den roten Schlieren auf ihrem Gesicht – weiche ich zurück. »Nein! Natürlich nicht! Wenn jemand meint, dass ihr kämpfen solltet, bin ich es! Aber sie haben Gewehre, Achiri, und viele Ai’oaner werden sterben, wenn ihr euch ihnen entgegenstellt.«
Sie schaut mich skeptisch an und dann steht plötzlich wieder Burako neben mir und sagt auf Ai’oanisch: »Wir werden kämpfen! Hör nicht auf die Fremde. Siehst du nicht, wie viel Unheil sie uns gebracht hat?«
»Halt den Mund, Burako!«, blafft Achiri. »Kapukiri, komm her!«
Der Medizinmann humpelt herüber. Er ist der Einzige, der keine Gesichtsbemalung trägt. Achiri zeigt auf mich. »Pia sagt, wir sollen nicht kämpfen. Burako sagt, wir sollen es tun. Eio Weitwanderer ist noch nicht zurückgekehrt.« Sie wirft die Hände in die Luft. »Kämpfen oder nicht kämpfen? Es gibt zu viele Stimmen und zu viele Finger, die in verschiedene Richtungen weisen! Sag, Kapukiri, hast du gesehen, welchen Weg wir gehen sollen?«
Kapukiri blinzelt ungerührt und schaut sich dann um. Die Ai’oaner haben inzwischen mitbekommen, worum es geht. Sie werden still und treten näher, um zu hören, was ihr Anführer zu sagen hat. Ami schmiegt sich eng an mich und umklammert meine Hand mit beiden Händen.
»Ich habe das Mal von Jaguar, Mantis und Mond gesehen«, beginnt Kapukiri schließlich, »in den Augen der Tochter Miuas. Die mit dem Jaguar als Wächter geht und der Pfeil und Speer nichts anhaben können, wurde geschickt, um uns zu führen.«
Die Ai’oaner murmeln Zustimmung. Nur Burako macht ein grimmiges Gesicht.
Kapukiri weist mit seiner knotigen Hand auf mich. »Sprich, Unvergängliche, und wir werden dir zuhören.«
Er tritt zurück und plötzlich sind alle Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet. Es verschlägt mir die Sprache und erst Amis fester Blick, so voller Hoffnung und Zuversicht, bringt die Worte heraus.
»Ai’oaner, ich bin, wie ihr sagt, eine Karaíba, eine Fremde. Aber ihr kennt die Geschichte der Kaluakoa. Ihr wisst, dass Unvergängliche erst geboren werden, wenn viele vor ihnen sterben. Das war so bei den Kaluakao und es trifft auch auf mich zu.« Ich schließe die Augen und atme tief durch. Ich wünschte, Eio wäre hier, und versuche nicht daran zu denken, wie Onkel Antonio zusammenbrach. Wenn ich mich nur noch ein paar Minuten zusammenreißen kann… »Ich habe heute erfahren, dass viele sterben mussten – und dass euer Blut in ihnen floss. Die Wissenschaftler, die mich erschaffen haben, täuschten eure Leute mit Lügen und… töteten sie mit Elysia, mit Yresa. Ihr Blut wurde genommen und weitergegeben und jetzt fließt es in mir.« Ich hebe die Arme und drehe die Handgelenke nach vorn, als Gemurmel durch die Reihen geht. »Ich bin eine Fremde, doch in mir fließt das Blut der Ai’oaner und das ist ein großes Unrecht. Ich kann euch eure Toten nicht zurückgeben, aber ich kann versuchen, euch davon abzuhalten, dass es noch mehr werden. Bitte greift Little Cam nicht an. Die Wissenschaftler haben Gewehre. Ihr seid zwar alle tapfer und das Recht ist auf eurer Seite, das weiß ich, aber gegen sie kommt ihr nicht an. Ich stimme euch zu: Die Fremden müssen gehen. Ihr müsst euch euren Dschungel zurückerobern, aber das ist nicht der richtige Weg.«
»Wie sieht er dann aus?«, will Achiri wissen.
»Kommt mit mir zu der Stelle, wo das Yresa wächst.« Die Idee kommt mir beim Sprechen und ich weiß, es ist unsere einzige Möglichkeit. »Wenn wir die Pflanzen vernichten, nehmen wir den Fremden die Grundlage für ihr Hiersein. Wenn es kein Yresa mehr gibt, werden sie gehen.«
Ich trete zurück als Zeichen, dass ich mit meiner Rede am Ende bin. Sie beginnen zu flüstern und das Flüstern wird immer lauter, bis Burako einen Schrei ausstößt, damit wieder Ruhe einkehrt.
»Mir gefällt nicht, was die Unvergängliche gesagt hat«, verkündet er. Ich verliere den Mut. »Aber ihre Worte sind wahr.«
Hoffnungsvoll hebe ich den Kopf. Er nickt und schaut mich fest an. »Wir werden zur Yresa-Schlucht gehen und alle Pflanzen vernichten. Heute soll niemand mehr sterben.«
Ami drückt meine Hand und stößt einen leisen Freudenschrei aus.
Ich würde die Freude gern mit ihr teilen und ich bin auch froh, dass die Ai’oaner auf mich gehört haben. Aber im Moment will ich nur eines: Mich an Eios Schulter ausweinen.
* * *
Es ist schon fast Abend, als wir die Falkschlucht endlich erreichen. Fünf Wachleute sind da; vielleicht hat Paolo uns erwartet. Aber mit dem gesamten Stamm der Ai’oaner hat er bestimmt nicht gerechnet. Die Wachen mit Curare zu lähmen, bevor sie uns überhaupt sehen, ist ein Kinderspiel für die Jäger des Dschungels.
Dann beginnt unsere eigentliche Arbeit. Die Frauen leeren ihre Körbe voller Speere und füllen sie mit Blüten.
Mir fällt es seltsam schwer, obwohl ich doch weiß, wie viele Opfer nötig sind, bevor die Pflanze ihre sagenhafte Wirkung entfalten kann. Das Blut Dutzender Menschen klebt daran und doch sind sie eng mit meiner Existenz verbunden. Wir teilen einen kleinen Abschnitt unserer DNA, die Pflanze und ich. Aber ich muss gnadenlos sein. Keine einzige Pflanze darf übrig bleiben.
Die Körbe quellen bald über, sodass die Leute sich die Arme damit beladen. In großen Blättern und mit T-Shirts transportieren wir sie ab. Einige Frauen flechten sie sogar in ihr Haar. Rotgoldene Orchideen werden für die Ai’oaner zur Zierde. Sie behängen sich mit denselben Blüten, die so vielen ihrer Leute das Leben gekostet haben.
Luri kommt herüber und drückt mich fest an sich. »Du musst nicht die Last der bösen Taten eines anderen tragen, Pia. Es ist nicht deine Schuld. Wir machen dir keinen Vorwurf.«
Ich löse mich aus ihrer Umarmung. »Wenn ich nicht gewesen wäre, Luri –«
»Wenn du es nicht wärst«, unterbricht sie mich ruhig, »wäre es jemand anders. Und wer weiß? Jemand anders hätte vielleicht nicht so ein gutes Herz wie du. Vielleicht wäre es schlimm für uns ausgegangen. Aber was nicht ist, braucht uns nicht zu beschäftigen; wir sollten uns Gedanken machen über das, was ist. Und Tatsache ist, dass du, Py’a, dich als Freundin der Ai’oaner erwiesen hast. Nein… du hast bewiesen, dass du selbst eine Ai’oanerin bist.« Sie ist nicht ganz so groß wie ich, doch als sie mir in die Augen sieht, wirkt sie viel, viel größer. »Du hast gesagt, unser Blut fließt in deinen Adern. Gut. Wir sind stolz darauf, dich in unserer Mitte zu haben.«
Der Schraubstock, in den mein Herz eingespannt schien, lockert sich etwas. Am liebsten würde ich die Arme um sie schlingen und meinen Tränen freien Lauf lassen. Ich möchte, dass sie mich festhält, wie meine Mutter es nie getan hat, so wie sie die kleine Ami festhält, und ich möchte, dass sie mir versichert, alles wird gut. Doch es ist noch zu viel Schmerz in mir und so balle ich die Hände zu Fäusten und blicke zu Boden.
Luri hebt mit einem Finger mein Kinn. »Es gibt Monster auf dieser Welt, kleine Tapumiri.« Sie steckt mir eine Elysia-Blüte hinters Ohr, streicht mir das Haar aus dem Gesicht und lächelt. »Aber du bist keines. Nimm dir die Toten nicht zu Herzen. Überlasse sie den Göttern. Der Tod ist nicht immer traurig – für einige bedeutet er das Tor in eine Welt, in der jeder Yresa trinkt und alle unsterblich sind.«
Durch einen Tränenschleier hindurch schaue ich sie an. Es ist eine wunderschöne Vorstellung, aber sie nimmt nur einen winzigen Teil meines Schmerzes.
Auf der anderen Seite der Schlucht sehe ich die Krieger, die nach Eio gesucht haben. Sie kommen ohne ihn zurück. Ich ziehe scharf die Luft ein. Vor lauter Tränen sehe ich alles nur noch verschwommen.
Luri dreht mein Gesicht so, dass ich sie wieder anschauen muss. »Eio ist stark und er kann auf sich selbst aufpassen. Mach dir um ihn keine Sorgen.«
Der Atem scheint in meiner Kehle zu gefrieren und ich muss mich beherrschen, um nicht auf der Stelle in den Dschungel zu laufen. Aber ich habe ihm versprochen, mich um die Ai’oaner zu kümmern, und all das Schlimme, das mein Leben in dieser Welt angerichtet hat, darf durch ein gebrochenes Versprechen nicht noch vermehrt werden.
Als wir alle Pflanzen eingesammelt haben, gehen wir zum Fluss. Es wird schon dunkel und eigentlich müssten wir schneller laufen. Aber ich kann sie nicht zur Eile antreiben. Für die Ai’oaner ist das, was wir tun, wahrscheinlich eine Art spirituelle Handlung. Vielleicht wird ja eine Tradition daraus. Vielleicht gehen die Ai’oaner jedes Jahr zu einer Schlucht, in der Pflanzen blühen, die sie dann pflücken und zum Fluss tragen. Vielleicht tun sie es auch noch in hundert Jahren, erzählen dazu die Geschichte vom Pia-Vogel, ohne genau zu wissen, was wirklich passiert ist, und halten das Andenken dennoch in Ehren.
Ich bedaure, dass man mir nicht mehr über die Religionen der Welt beigebracht hat. Wer weiß? Vielleicht gibt es irgendwo eine Antwort auf die Frage, was hinter allem steht. Wie sagte Paolo oft? Die Wahrheit findet immer einen Weg, sich zu offenbaren. Im Nachhinein möchte ich behaupten, es war das einzig Wahre, das er je von sich gegeben hat.
Wir erreichen den Fluss und werfen die Pflanzen hinein. Bald ist der Little Mississip voller Elysia. Etwas Schöneres habe ich noch nie erlebt – außer vielleicht an jenem Nachmittag am Badeplatz mit Eio und Ami, als wir alle lachten und glücklich waren und nichts ahnten von dem Bösen, das unsere Welt überschattete. Ich frage mich, wo Eio ist und warum er noch nicht zu uns gestoßen ist. Womöglich ist er allein, blutet stark oder liegt gar im Sterben. – Ich darf gar nicht daran denken und rufe mir ins Gedächtnis, was er gesagt hat: »Der Dschungel wird mich beschützen.«
Die letzte Blüte steckt noch hinter meinem Ohr. Ich ziehe sie hervor und betrachte den Nektar darin. Schönheit und Tod, so eng verflochten. Dies scheint das zentrale Thema in meinem Leben zu sein.
Ich werfe die Blüte ins Wasser. Im Gegensatz zu den anderen, die bereits den Fluss hinuntergetrieben und nicht mehr zu sehen sind, sinkt diese auf den Grund und taucht nicht mehr auf.
Als ich hochschaue, sehe ich am gegenüberliegenden Ufer ein Paar gelbe Augen zwischen den Blättern. Einen Moment stehe ich reglos da, dann rufe ich: »Alai! Alai, komm!«
Er tritt aus dem Gebüsch heraus, bleibt im weichen Boden der Uferböschung stehen und schaut zu mir herüber. Ich habe diesen Blick schon einmal gesehen, nach der Nacht, die ich in Ai’oa verbrachte, als Alai in den Dschungel lief und fast nicht zurückgekommen wäre. Nach einer endlos langen Minute nicke ich. »Leb wohl.«
Als hätte er verstanden, senkt er seinen gefleckten Kopf, dann dreht er sich um. Mein Herz wird schwer, als ich meinen ältesten Freund im Dschungel verschwinden sehe. Doch einen Augenblick später ist es wieder leicht.
Es ist Zeit für uns beide, in Freiheit zu leben.