21

Als ich aufwache, scheint wie gewohnt die Sonne auf das Glasdach. Das Licht ist grün, gefiltert von vielen Lagen Blätter zwischen Dach und Himmel, und es fällt sanft auf mich. Ich könnte ohne Weiteres sofort wieder einschlafen. Aber mein Wecker ist gnadenlos.

Dann fällt mir die Unterhaltung zwischen Onkel Paolo und den Corpus-Vertretern wieder ein und ich setze mich kerzengerade und hellwach auf.

Sie testen mich heute. Ich kralle die Finger in die Bettdecke, bis meine Knöchel weiß werden. Und es ist der letzte Test.

Es klopft und ich falle fast aus dem Bett. Das Timing ist gespenstisch. Es ist Mutter.

»Dein Stundenplan hat sich geändert, Pia«, verkündet sie. »Du sollst in einer halben Stunde bei Dr. Alvez im Tierhaus sein.« Sie kommt hereinmarschiert und zieht mir mit einem Ruck die Decke weg.

»He!« Beleidigt ziehe ich die Knie an.

Mutter setzt sich auf die Bettkante und beugt sich dicht zu mir. »Du musst stark sein, Pia. Jetzt geht es um alles. Alles. Du musst alles tun, was sie verlangen, sonst nehmen sie uns Paolo.« Sie packt mich vorne am T-Shirt. Ich bin so erschrocken, dass ich mich nicht wehre. »Ich darf ihn nicht verlieren, Pia. Verstehst du mich? Paolo ist… Ich darf ihn nicht verlieren.«

Ihre Finger sind eiskalt, die Augen verquollen von zu wenig Schlaf. Hat sie gestern Nacht noch mit Onkel Paolo geredet? Hat er ihr von Strauss’ und Laszlos Drohungen erzählt? Ich wusste immer, dass Mutter Onkel Paolo verehrt, doch in ihrem Blick liegt etwas so Eindringliches, wie ich es noch nie gesehen habe. Sonst ist sie reserviert und beherrscht. Sie so zu sehen, macht mich nervös. Hoffentlich verschwinden Strauss und Laszlo bald, damit hier alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

»Ich stehe jetzt auf«, flüstere ich. »Alles wird gut. Du wirst sehen. Ich bin bereit.«

Sie hält mich noch einen Moment lang fest, dann seufzt sie und lässt los. Bevor sie hinausgeht, schaut sie sich noch einmal um und sagt: »Das will ich dir auch raten. Denn ich werde alles tun, um ihn hier zu halten.«

Ich glaube ihr aufs Wort.

Im Tierhaus sind nicht nur Onkel Paolo, Laszlo und Strauss – heute in einem anderen weißen Hosenanzug –, sondern auch Tante Harriet. Sie und Jonas Brauer, der Leiter des Tierhauses, reden über ein krankes Seidenäffchen in einem Drahtkäfig. Sie sehen mich und winken, fahren aber in ihrer Unterhaltung fort.

Eine gewisse Besorgnis rührt sich in mir, als ich auf Onkel Paolo zugehe, doch ich bin wild entschlossen, den Test zu bestehen, egal was er von mir verlangt. Ich denke an mein unsterbliches Volk. Ein Volk von Brüdern und Schwestern und Freunden, die nie sterben werden. Eine unsterbliche Familie, unangefochten von Leid und Tod, die nur das Leben und die Liebe und die Schönheit kennt. Ich versuche sie mir vorzustellen, versuche vor meinem geistigen Auge ihre Gesichter erstehen zu lassen… aber ich sehe nur einen Jungen mit blauen Augen, der am Fluss sitzt und mir die Sterne schenkt.

Ich zwinge mich, stattdessen an Mutter und Onkel Paolo zu denken und daran, wie stark und beherrscht sie sind. Ich kann sein wie sie, denke ich. Ich kann es schaffen. Sie haben mich aufgrund meiner Unsterblichkeit schon immer voller Stolz betrachtet, aber ich will ihnen zeigen, dass mehr in mir steckt, dass ich stark und diszipliniert bin. Ein Kreis und eine Linie…

»Hallo, Onkel Paolo.« Ich lächle und hoffe, dass er mir meine Nervosität nicht ansieht. Strauss und Laszlo ignoriere ich. Wenn sie kein Interesse daran haben, mit mir zu reden, habe ich auch kein Interesse daran, mit ihnen zu reden. Ich bestehe ihren kleinen Test, aber dabei brauchen wir ja keine Freunde zu werden.

»Hallo, Pia. Sylvia.« Er nickt meiner Mutter zu.

»Wir sollten anfangen«, sagt Strauss kühl.

Onkel Paolo geht voraus zum hinteren Teil des Tierhauses. Ich erwarte, dass das Corpus-Duo ihm folgt, doch die beiden warten, bis Mutter und ich uns in Bewegung setzen, dann folgen sie uns wie Jaguare, die ihre Beute belauern.

Ich ahne, welchen Käfig Onkel Paolo ansteuert, und mein Magen krampft sich zusammen. Ich hoffe, er biegt um die Ecke, bleibt vor dem Tarantel- oder Schlangenterrarium stehen, aber er geht weiter – und bleibt vor dem Ozelotkäfig stehen, genau wie ich befürchtet habe.

Ich sehe Jinx mit ihrem Jungen, das Onkel Jonas Sneeze getauft hat. Jinx ist dreiundsiebzig Jahre alt, unser einziger unsterblicher Ozelot. Sie wurde mit einem sterblichen Männchen gepaart, dem kurz zuvor eine Dosis Immortis injiziert worden war. Es war ein Experiment. Die Wissenschaftler hatten gehofft, ihr Nachwuchs würde Spuren von Elysia in sich tragen. Doch Sneeze wurde vollkommen normal geboren, ein weiterer Beweis dafür, dass ein Unsterblicher sich mit einem anderen Unsterblichen paaren muss, wenn ihre Unsterblichkeit an den Nachwuchs weitergegeben werden soll.

Jinx und Sneeze liegen neben ihrem Wassernapf und Jinx fährt mit ihrer rauen Zunge über Rücken und Kopf des Kleinen. Er maunzt sie ärgerlich an und lässt dann sein typisches Niesen hören, das ihm seinen Namen gegeben hat. Sie sehen so friedlich aus, dass ich auf der Stelle weglaufen möchte, bevor Onkel Paolo mir sagen kann, worin der Test heute besteht. Aber das geht nicht. Ich muss ans Immortis-Team denken und an den Platz, der dort für mich reserviert ist – falls ich den Test bestehe.

»Pia«, beginnt Onkel Paolo, nachdem er einen Blick auf das Blatt an der Wand geworfen hat, auf dem Sneezes Entwicklung festgehalten wird, »sag mir, was wir hier haben.«

Ich lese das Blatt und fasse zusammen: »Sneeze –«

»Objekt 294, Pia. Oder, wenn dir das lieber ist, junger männlicher Ozelot. Aber nicht Sneeze. Gib deinen Objekten nie einen Namen, Pia.« Er sieht Strauss kurz von der Seite an, als hätte er Angst, sie könnte uns anspringen.

Und was ist mit Testperson 77? Der hast du selbst ihren Namen gegeben.

»Richtig. Objekt 294 ist ein männlicher Ozelot, Leopardis pardalis, vier Wochen und drei Tage alt. Objekt 294 wurde positiv auf das feline Immunschwäche-Virus getestet, das es von seiner Mutter, Objekt 282 geerbt hat, aber ausgesprochen gut zu tolerieren scheint.« Die bei Katzen auftretende Form von HIV, FIV, ist normalerweise nicht tödlich und zeigt sich oft erst nach Jahren.

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet«, murmelt Onkel Paolo. »Du kannst dir jetzt sicher schon denken, welcher Art dieser Test sein wird, Pia.«

»Ja«, antworte ich leise. Ich spüre, dass Onkel Jonas und Tante Harriet jetzt auch herüberschauen, aber ich konzentriere mich ganz auf Sneeze. Er versucht mit den Pfoten den hin und her zuckenden Schwanz seiner Mutter zu fangen, was ihm jedoch nicht gelingt.

»Dies ist dein letzter Wickham-Test, Pia.«

»Der letzte?« Ich tue mein Bestes, überrascht zu wirken. Strauss beobachtet mich mit Argusaugen.

»Ja. Wenn du diesen Test bestehst, wirst du zu einem vollwertigen Mitglied des Elysia-Forschungs-Teams und erfährst die geheime Formel, der du deine eigene Existenz zu verdanken hast.«

»Immortis«, flüstere ich.

Er nickt. »Deshalb ist dieser Test so ungeheuer wichtig. Ich möchte, dass du es dir gut überlegst. Du musst dir absolut sicher sein, dass du bereit dafür bist. Danach gibt es kein Zurück mehr, Pia.«

»Okay.«

Er gibt mir eine Spritze. »Pentobarbital«, sagt er nur.

Von weiter vorn auf dem Flur höre ich, wie Tante Harriet scharf die Luft einzieht. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich war auf etwas Schlimmes gefasst, aber nicht auf etwas so Schlimmes. »Ich soll…« Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich kann das Ozelotbaby nicht mehr anschauen. »Aber das Virus beeinträchtigt ihn nicht! Er könnte ein vollkommen normales Leben führen –«

»Und das Virus an seine Nachkommen weitergeben«, unterbricht mich Onkel Paolo. »Dr. Zingre forscht über einen Impfstoff gegen FIV und dafür braucht er infizierte Kadaver, die er untersuchen kann.«

»Gibt es ein Problem?«, fragt Laszlo in scharfem Ton.

»Nein!«, blafft Onkel Paolo. Ich sehe Schweißperlen auf seiner Stirn, als er sich mir wieder zuwendet. »Wir haben es alle irgendwann getan. Wir mussten es tun. Little Cambridge ist anders als die meisten Forschungszentren, Pia. Es ist härter. Schwieriger. Wichtiger. Während die meisten Wissenschaftler ihre Zeit mit Malaria und Krebs oder einem Mittel gegen Warzen vertrödeln, geht es bei uns um Unsterblichkeit. Um das ewige Leben unserer eigenen Spezies. Es gibt nichts Wichtigeres als das, Pia. Das Ziel. Denk immer an das Ziel.« Er fasst mich an den Armen und blickt mich eindringlich an. »Zum Besten der Spezies, Pia. Nur das zählt. Der Zweck heiligt die Mittel.«

Hier geht es nicht um Sneeze oder einen Impfstoff gegen FIV. Es geht nicht einmal um Strauss und Laszlo und ihre Drohungen. Hier geht es um mich. Sicher, dieser besondere Test hätte erst in etlichen Monaten, vielleicht sogar Jahren stattfinden sollen. Aber er war vorgesehen. Eines Tages hätte ich mich beweisen müssen.

Dieser Tag ist heute.

Bin ich stark genug? Kann ich mich meiner eigenen Rasse als würdig erweisen? Ein kurzer Stich mit der Nadel, ein Daumendruck, um die Chemikalie zu injizieren, mehr ist es nicht. Und Sneeze wird einfach einschlafen.

Doch als ich mich zwinge, ihn anzuschauen, wie er vollkommen ahnungslos mit dem Schwanz seiner Mutter spielt, beginnen meine Knie zu zittern. Ich will nur noch weglaufen und mich verstecken und weinen. Strauss und Laszlo beobachten jede meiner Bewegungen. Tante Harriet kann ich nicht anschauen. Ich habe das Gefühl, wenn ich es tue, verliere ich völlig die Nerven und fange auf der Stelle an zu heulen.

»Wir müssen in der Lage sein, auch harte Entscheidungen zu treffen, Pia«, fährt Onkel Paolo fort. »Wenn wir das nicht könnten, gäbe es dich nicht. Das hier«, er zeigt auf die Spritze, »ist dein Vermächtnis und deine Bestimmung. Du musst lernen, deine Emotionen zu kontrollieren und dich ganz auf das Ziel zu konzentrieren.«

Er ist doch noch ein Baby, denke ich, während ich Sneeze beobachte.

»Der letzte Test ist immer der schwerste, Pia«, sagt Onkel Paolo. »Du musst dir ganz sicher sein. Ich möchte, dass du dir Zeit lässt. Überlege es dir. Nimm dir einen Tag. Eine Woche. Was immer du brauchst. Aber du musst zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Fortschritt oder Rückschritt. Überleben oder Aussterben. Stärke oder Schwäche.«

»Eine Woche?«, unterbricht Strauss gepresst. »Ist das nicht ein wenig… großzügig, Alvez?«

Onkel Paolo antwortet mit zusammengebissenen Zähnen. »Indem ich ein paar Tests überspringe, verstoße ich bereits gegen einen über hundert Jahre feststehenden Plan, Mrs Strauss. So läuft der letzte Test ab. Schludrige Arbeit führt zu schludrigen Ergebnissen. Lassen Sie mich das auf meine Art machen – nein, nicht auf meine Art. Auf Little Cams Art. Es tut mir leid, wenn Ihnen das nicht passt, aber es gibt Dinge, die darf man nicht überstürzen.«

Ausnahmsweise fällt Strauss dazu keine ätzende Bemerkung ein.

Onkel Paolo wendet sich wieder an mich. »Es liegt jetzt in deinen Händen, Pia. Dein Traum von einer unsterblichen Rasse – alles liegt in deinen Händen.«

Ich schweige und umklammere die Spritze, bis meine Finger weiß werden.

»Komm, Sylvia.« Paolo legt einen Arm um meine Mutter. »Lassen wir ihr Zeit.«

»Sei stark«, sagt meine Mutter. Ihre Worte sind mehr Warnung als Ermutigung.

Laszlo geht hinter ihnen hinaus, doch Strauss bleibt noch. Sie nimmt meinen Arm, ihre Fingernägel bohren sich in mein Handgelenk und mir ist klar: Sie weiß, dass ich Schmerz empfinden kann. Ich merke, dass Tante Harriet zu uns herüberkommt.

»Wir haben dich erschaffen«, flüstert Strauss. »Wir können dich auch vernichten. Also bring es hinter dich.«

»Ähem.« Tante Harriet legt eine Hand auf meine Schulter. »Ich bin sicher, sie hat es verstanden, Mrs Strauss.«

Strauss schaut Tante Harriet an und zwingt die Zornesfalten aus ihrem Gesicht. Der stahlharte Blick allerdings bleibt. »Harriet. Schön, Sie wiederzusehen.«

Tante Harriet sagt nichts.

»Nun gut.« Strauss macht einen Schritt zur Seite und streicht ihr weißes Jackett glatt. »Ich werde gerne Evie von Ihnen grüßen.«

Tante Harriet presst die Lippen zusammen.

Nachdem Strauss weg ist, sinke ich auf den Boden und starre die beiden Ozelots an. Sie sind so unschuldig, so ahnungslos. Wenn ich daran denke, dass ich den Tod in meinen Händen halte, wird mir schlecht.

»Es ist schrecklich, so etwas von jemandem zu verlangen«, sagt Tante Harriet.

»Wer ist Evie?«

»Eine ehemalige Kollegin. Niemand Wichtiges«, antwortet Tante Harriet rasch. »Und – wirst du es tun?«

»Irgendwann. Heute nicht.« Ich bin noch nicht so weit, genau wie Onkel Paolo sagt. Ich brauche Zeit, um mich darauf vorzubereiten, meine Nerven zu stählen und meinen Magen. Und ich will Strauss nicht die Genugtuung verschaffen, es zu schnell »hinter mich zu bringen«.

»Ich halte es für barbarisch. Was sollst du damit überhaupt beweisen? Was verlangen sie als Nächstes von dir, nachdem du ihnen gezeigt hast, dass du keinerlei moralisches Empfinden mehr hast?«

Moral. Dieses Wort hört man in Little Cam nicht oft. Es wird im Verborgenen gehalten, zusammen mit Worten wie Liebe und San Francisco. »Ich weiß es nicht. Aber schlimmer als das kann es nicht sein, oder?«

»Woher soll ich das wissen? Ich weiß weniger als du. Ich bin neu hier. Vergessen?«

»Er ist doch noch ein Baby.«

Tante Harriet beobachtet mich, wie ich Sneeze beobachte. Dann setzt sie sich mit untergeschlagenen Beinen neben mich, die Hände hat sie unter dem Kinn verschränkt. »Du willst es nicht tun.«

»Natürlich nicht!«

»Das ist gut. Es bedeutet, dass du ein Mensch bist.«

Ich schaue sie an und merke, dass mir die Tränen kommen. »Wenn ich ein richtiger Mensch wäre, gäbe es nur eines für mich, genau wie für Onkel Paolo, nämlich die Fortentwicklung meiner Spezies. Irgendein blödes Tierjunges würde mich nicht kümmern.«

Tante Harriet presst die Lippen zusammen. »Das haben sie dir wahrscheinlich so beigebracht. Aber was soll’s. Wie kann ich aus der großen weiten Welt, von der du noch nie etwas gehört hast, daherkommen und dir sagen wollen, was Recht ist und was Unrecht, wenn das all diese herausragenden Wissenschaftler schon getan haben? Aber du willst eigentlich nicht auf sie hören, stimmt’s? Du wünschst, es gäbe einen anderen Weg.«

Ich nicke nur, da ich meiner Stimme nicht traue.

»Das ist dein moralischer Kompass, Pia.«

»Mein was?«

»Moralischer Kompass. Sie versuchen ihn zu manipulieren, damit er in die falsche Richtung zeigt, aber er wehrt sich, dreht sich immer wieder in die entgegengesetzte Richtung. Spürst du das nicht?«

Doch, ich spüre es und ich frage mich, woher sie es weiß. Genau so fühle ich mich.

»Dein moralischer Kompass«, wiederholt sie.

»Willst du damit sagen, dass ich es nicht tun sollte?«, frage ich und halte die Spritze hoch. »Dass ich alles aufgeben sollte – all meine Träume – für ein unbedeutendes Leben?«

»Du solltest…« Sie zögert und ihre Augen spiegeln Dinge wider, die ich nicht verstehe. Normalerweise kann ich Menschen ganz gut einschätzen, aber Tante Harriet ist wie ein Buch mit sieben Siegeln für mich. »Du solltest es dir gründlich überlegen, Pia«, sagt sie schließlich. »Und vor allem: Bedenke den Preis, den du dafür bezahlst. Frage dich, was sie tatsächlich von dir verlangen. Schau dir die Pia von heute an und überlege dir, wie sie dich haben wollen.«

»Perfekt«, antworte ich automatisch. »Sie wollen, dass ich perfekt bin.«

»Perfekt«, wiederholt sie ausdruckslos. »Was perfekt ist, liegt im Auge des Betrachters.«

»Woher hast du das denn?«

»Ein Mann namens Plato hat einmal etwas Ähnliches gesagt. Ich nehme nicht an, dass sie dir von Plato erzählt haben, oder? Ich seh schon, die Antwort lautet nein. Ich hätte es mir denken können. Sieh zu, dass dir der Name nicht irgendwann herausrutscht, sonst kommen wir beide in Teufels Küche. Und im Moment muss ich mich schon mit genügend anderen potenziellen Problemen herumschlagen, herzlichen Dank auch. Also halt den Mund.«

Sie erhebt sich und klopft Stroh und Staub von ihrer Jeans.

Als sie gehen will, fällt mir etwas ein. »Tante Harriet?«

»Ja?«

»Jeder, der nach Little Cam kommt, muss sich einem Test unterziehen. Was war deiner?«

Sie dreht den Kopf so, dass ich hinter ihren roten Kräusellocken ihr Gesicht nicht sehen kann. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

Damit verlässt sie rasch das Tierhaus. Ich bleibe zurück, allein mit den Tieren und der Spritze in meiner Hand.