9

Als ich am nächsten Morgen auf den von Onkel Paolo zusammengestellten Stundenplan für diese Woche schaue, muss ich unwillkürlich lächeln. Statt des üblichen Unterrichts bei Onkel Antonio soll ich heute bei Onkel Will im Insektenzimmer arbeiten. Aber es hätte mir auch nichts ausgemacht, wenn da gestanden hätte, ich solle den Griesgram baden. Nach dem Abenteuer von letzter Nacht – ich kann es immer noch nicht glauben und es macht mir auch ein bisschen Angst, dass es überhaupt passiert ist – fühle ich mich wie benommen und gleichzeitig aufgekratzt. Es kommt mir irgendwie unwirklich vor, und wäre da nicht die Passionsblume, die ich in meiner Nachttischschublade versteckt habe, würde ich die Erinnerung vielleicht als einen wilden, besonders lebhaften Traum abtun. Bevor ich mein Zimmer verlasse, werfe ich noch einen kurzen Blick auf die Blüte, nur um mich zu vergewissern, dass sie tatsächlich da ist. Bei ihrem Anblick flattern Schmetterlinge in meinen Bauch auf und ich frage mich, was der Grund dafür ist: weil sie von draußen kommt – oder weil Eio sie mir geschenkt hat.

Das entomologische Labor ist in Block A untergebracht und überall stehen Regale voller Insekten. Schmetterlinge, Spinnen, Raupen – egal, was du suchst, Onkel Will hat es. Je größer und ekliger die Viecher, desto lieber sind sie ihm. Mit seiner Liebe für diese Tiere steht Onkel Will allerdings ziemlich allein da. Alle anderen in Little Cam versuchen sein Labor möglichst zu meiden. Ich finde es nicht so schlimm. Es gibt nur ein Exemplar in seiner Sammlung, für das ich nichts übrig habe, und ich hoffe, dass wir es heute beim Unterricht nicht brauchen.

Onkel Will schaut von seinem Mikroskop auf, als ich den Raum betrete, und schenkt mir ein kurzes Lächeln.

»Pia«, sagt er, und das ist auch schon alles. Mein Vater ist der stillste Mensch in Little Cam. Nur selten ist er in der Lounge oder im Fitnessraum zu finden. Er zieht das Alleinsein vor. Unter den Bewohnern haben sich diverse Cliquen gebildet, doch ich habe noch nie mitbekommen, dass Onkel Will irgendeiner davon angehört. Er scheint sich in der Gesellschaft von Insekten wohler zu fühlen als in der von Menschen. Manchmal stelle ich mir vor, wie eines Tages alle Little Cam verlassen, zurückgehen in die Welt da draußen und die Gebäude leer und dunkel zurücklassen. Nur Onkel Will nicht. Ich kann ihn mir nirgendwo anders vorstellen als genau da, wo er jetzt ist. Auch wenn alle anderen weg sind, ist er immer noch da und steckt tote Käfer auf Styropor.

»Onkel Paolo hat mich hergeschickt, damit du mir etwas beibringst. Hat er es dir nicht gesagt?«

Onkel Will nickt geistesabwesend. Er ist bereits wieder ganz auf sein Mikroskop konzentriert. Ich setze mich auf einen Metallhocker und warte. Der blaue Polsterbezug der Sitzfläche hat Risse und gelber Schaumstoff quillt heraus.

Nach etlichen Minuten schaut Onkel Will wieder auf. »Pia.«

»Hm… ja?«

»Heute beschäftigen wir uns mit meinem kleinen Liebling.« Er öffnet den Deckel eines Terrariums und holt die grässlichste Kreatur in ganz Little Cam heraus. Der Käfer ist größer als meine Hand, hat einen glänzenden schwarzen Panzer und ein Paar gefährlich aussehende Kieferzangen. Mir rutscht das Herz in die Kniekehlen. Dann ist heute also Babó dran. Ich ekle mich normalerweise nicht so schnell vor etwas, aber beim Anblick dieses abnormal großen Käfers dreht sich mir der Magen um. Als ich drei war, hat Onkel Will mir einen Riesenbockkäfer wie diesen geschenkt, weil er dachte, er sei das ideale Haustier. Eines Nachts ist er aus seinem Käfig entwischt und ich habe ihn erst zwei Tage später wieder gefunden – unter meinem Kopfkissen. Sie haben mir noch Jahre später erzählt, dass man meine Schreie in ganz Little Cam gehört hätte.

»Oh…« Ich schüttle den Kopf. »Können wir nicht einfach Schmetterlinge untersuchen? Oder Ameisen? Oder meinetwegen auch Würmer? Bitte! Alles, nur das nicht.«

Onkel Will scheint fast beleidigt. »Babó tut dir nichts, Pia. Er ist ganz sanft, siehst du?«

Er setzt das Monster auf den Metalltisch neben mir und ich weiche automatisch zurück. Babó krabbelt über Papier und Petrischalen, stößt Sachen um und bringt alles durcheinander.

»Sieht so aus, als hätte er Hunger«, bemerke ich.

»Nein, nein, Babó frisst nicht. Er ist ein Männchen. Männliche Riesenbockkäfer fressen nicht, sie fliegen nur herum und halten nach paarungswilligen Weibchen Ausschau.«

Ich weiß das alles, aber Babó ist Onkel Wills Lieblingsthema. Mein Vater sagt kaum mehr als drei Worte pro Tag, doch wenn man von dem Käfer anfängt, kann er so redselig werden wie Dr. Tollpatsch. Entweder wir reden über Babó oder ich habe eine sehr schweigsame Unterrichtsstunde vor mir.

»Reizend«, kommentiere ich.

»Und wie, und wie!« Onkel Will nickt vergnügt. Er freut sich, dass ich endlich begriffen habe, welch enorme Faszination von Riesenbockkäfern ausgeht.

Er plaudert weiter über Babó, während der groteske Riesenkäfer am Mikroskop hinaufzukrabbeln versucht. Onkel Will nimmt ihn weg, passt aber auf, dass er mit seinen Fingern nicht in Reichweite der Kieferzangen gerät.

»Schau mal, wie stark er ist.« Er nimmt mit der anderen Hand einen Stift und lässt ihn vor Babós Kopf hin und her schwingen. Der Käfer scheint weniger an dem Stift interessiert zu sein als vielmehr daran, Onkel Wills Griff zu entkommen, und ich runzle skeptisch die Stirn.

Plötzlich legt Babó seine Zangen um den Stift und bricht ihn mittendurch. Ich schreie und springe vom Hocker. Onkel Will lacht und ich komme mir ziemlich dumm vor.

»Er hat das Ding mittendurch gebrochen!« Ich drücke mich an das Terrarium voller Ameisen, möglichst weit weg von dem Monstrum.

»Willst du ihn mal halten?«

»Nein!« Ich kipple auf den Fersen nach hinten und der Ameisenkasten in meinem Rücken schwankt.

Onkel Will stößt einen Schrei aus, lässt Babó fallen und stürzt auf mich zu. Ich frage mich, was in ihn gefahren ist, bis ich merke, dass die Ameisenfarm gleich von ihrem Gestell kippt. Mein Vater wirft sich darauf und hält sie fest, bis alles wieder sicher steht. Er hat Schweißperlen auf der Stirn und ich sehe, dass er zittert.

»Onkel Will? Tut mir leid, ich wollte die Ameisen nicht –«

»Das sind nicht einfach nur Ameisen, Kind!« Fast panisch schaut er in das Terrarium. »Eciton burchellii. Zumindest vor den Experimenten waren es Eciton burchellii.«

»Experimente?«

Onkel Will kaut auf seiner Unterlippe herum. Er will offensichtlich nicht darüber reden, aber ich blicke ihn durchdringend an und warte auf eine Antwort. Babó hat sich in die gegenüberliegende Laborecke verzogen, wo ich ihn in einem Berg Styropor herumwühlen höre.

»Ich… ich habe eine Rezeptur entwickelt, hauptsächlich aus Ilex paraguariensis…«

»Ein Steroid«, werfe ich ein. Ein paar Ilex-Blätter liegen noch auf dem Tisch.

»Ja. Manchmal zeigt sie keine Wirkung. Manchmal rennen die Versuchstiere im Kreis herum, bis sie vor Erschöpfung sterben. Aber dieses Mal…« Sein Blick wird düster. »Dieses Mal war es anders.«

Ich schaue zu den Ameisen. Sie sind riesig, aber nicht so abnorm groß wie Babó. Das Terrarium ist nicht mit Erde und Sand gefüllt wie bei den meisten Ameisenfarmen. Hier sollen Blätter und Äste den Boden des Regenwaldes simulieren. Ich sehe, dass viel, viel mehr Ameisen darin sind, als ich zunächst dachte. Was ich für eine Humusschicht auf dem Boden des Terrariums gehalten habe, ist in Wirklichkeit ein lebender Teppich aus Ameisen. »Eciton burchellii sind Armeeameisen«, sage ich. »Fleischfresser, die in Schwärmen jagen.«

Er nickt. »Genau. Aber es kam zu einem Unfall. Ich habe mich an einem zerbrochenen Reagenzglas in den Finger geschnitten, als ich die Rezeptur zusammenmischte. Ich dachte, ich hätte alles Blut sauber weggewischt, fand aber später heraus, dass ein Tropfen in die Mischung geraten sein muss.« Seine Stimme zittert und er fährt heiser fort: »Die Ameisen… sie sind gierig auf Menschenfleisch.«

»Was?«

Er räuspert sich, aber seine Stimme zittert immer noch, als er einen bandagierten Finger hochhält. Er wickelt die Binde ab und ich schlucke.

Der Finger sieht aus, als hätte er ihn in ein Glas Säure getaucht. Die Haut ist rot und zerbissen. Man sieht, dass Hunderte winziger Kiefer am Werk gewesen sind. »Sie haben mich angegriffen. Ich wollte das Wasser im Terrarium wechseln und da haben sie mich… angegriffen. Einfach so.«

Menschenfressende Ameisen. Ich habe von Ameisenarten gelesen, die Menschen auffressen können, aber noch nie, dass welche es speziell auf Menschen abgesehen haben. »Was, wenn sie entkommen –«

»– dann bin ich auf diesen unwahrscheinlichen Fall vorbereitet.« Er zeigt auf ein weißes Kästchen an der Wand, in dem ein breiter roter Hebel zu sehen ist.

Ich weiß sofort, worum es sich handelt. »Der Notruf.« In jedem Gebäude in Little Cam hängt ein solches Kästchen, selbst im Glashaus. Wird der Hebel betätigt, ertönt überall auf dem Gelände ein lauter Alarm, der die sofortige Evakuierung sämtlicher Bewohner zur Folge hat. Soviel ich weiß, wurde der Alarm noch nie ausgelöst.

»Und ich habe das hier.« Onkel Will öffnet einen Metallschrank unter dem Terrarium. Er ist voller Spraydosen mit Insektengift.

Ich tippe an eine Wand des Terrariums. Statt auseinanderzustieben, krabbeln die Ameisen übereinander und versuchen sich durch das Glas zu beißen, um an meinen Finger zu kommen.

»Hoffen wir, dass wir das Zeug nie brauchen«, sage ich. »Warum vernichtest du sie nicht, bevor sie ausbüxen und uns alle auffressen?«

Onkel Will fängt Babó wieder ein und setzt ihn in seinen Käfig zurück. »Wir können immer noch so viel von ihnen lernen«, erklärt er ein wenig verlegen. »Es ist das Risiko wert.«

Während er das Durcheinander, das Babó auf dem Tisch angerichtet hat, beseitigt, schiebe ich gedankenversunken eine Petrischale mit Wasser hin und her und beobachte die Wellen. Mein Kopf ist voll mit Erinnerungen an die vergangene Nacht, vor allem daran, wie unheimlich blau Eios Augen waren, als ich ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet habe. Dann kommt mir plötzlich ein Gedanke.

»Onkel Will?«

»Hmm?«

»Wann hast du Little Cam das erste Mal verlassen?«

Er runzelt die Stirn, als er Styroporflocken in einen Papierkorb fegt. »Ich glaube, mit neun. Ich war ein oder zwei Stunden mit Dr. Sato draußen, um Spinnen zu fangen.«

»Neun! So jung!« Empört straffe ich die Schultern.

»Damals…« Er hält inne und verzieht das Gesicht. »Damals war alles anders.«

Ich bemühe mich nach Kräften, meinen Ärger über die Ungerechtigkeit nicht zu zeigen. Der Grund meiner Frage ist ein anderer. »Du meinst, vor dem Zwischenfall?«

»Ja.«

»Hast du jemals einen der Menschen gesehen, die im Dschungel leben?«

»Eingeborene?« Er zuckt mit den Schultern. »Ein paar. Warum?«

»Wie sind sie?«

»Wenn wir nicht zum Handeln kommen, gehen sie uns aus dem Weg.« Er runzelt die Stirn. »Moment. Ich weiß nicht, ob es Onkel Paolo recht ist, wenn ich dir das alles erzähle.«

»Vergiss Onkel Paolo«, bitte ich. »Erzähl mir mehr.«

Er schüttelt unsicher den Kopf. »Lieber nicht.«

»Onkel Will –«

»Pia, bitte.« Flehentlich schaut er mich an. »Lass uns mit dem Unterricht weitermachen, ja?«

Ich beobachte ihn schweigend, als er verschiedene Plastikbehälter mit Präparaten sortiert, und frage mich, ob er es je gewagt hat, sich hinauszuschleichen wie ich. Und wenn ja, würde er es mir erzählen? Nein. Er ist zu scheu, zu versunken in seine Welt aus Riesenbockkäfern und Armeeameisen. Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass er beim Schachspielen schummelt, und erst recht nicht, dass er sich aus Little Cam hinausschleicht und nach Ai’oa geht.

Onkel Will wird zwar nicht meine Fragen beantworten… aber ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass Eio nicht mein Bruder ist.

Überrascht stelle ich fest, dass ich lächle.

Als meine Zeit bei Onkel Will um ist, gehe ich hinaus und sehe, dass es in Strömen gießt. Der Regen prasselt auf die Blumen im Garten und bringt den Fischteich zum Überlaufen. Ein Goldfisch wurde auf den Weg geschwemmt und schlägt jetzt in einer winzigen Pfütze hilflos mit den Flossen. Ich spurte zu ihm, nehme ihn hoch und werfe ihn zurück in den Teich.

Clarence und Mick arbeiten in gelben Ponchos im Hof und sammeln die Reste von der gestrigen Party auf. Angebissenes Obst, Servietten und heruntergefallenes Besteck liegen auf dem Boden herum, dazwischen Blätter und Äste, die beim Unwetter abgerissen wurden. Mit gesenktem Kopf eile ich an ihnen vorbei, froh, dass diese Arbeit nicht mir zugeteilt wurde. Bis ich zu Hause ankomme, bin ich vollkommen durchnässt.

Nachdem ich mich umgezogen und mir die Haare gefönt habe, schließe ich die Tür und lege mich vor der gläsernen Wand, die auf den Dschungel zeigt, der Länge nach auf den Boden. Ich lege den Kopf auf Alais Flanke und sein Schnurren vibriert durch meinen Körper. Die wenigen Fleckchen Himmel, die ich sehen kann, sind voller kohlschwarzer Wolken. Der Regen schüttelt die Blätter an den Bäumen so heftig wie bei einem Sturm. Obwohl die Fensterscheibe durch das überhängende Dach ein wenig geschützt ist, laufen schmale Rinnsale über das Glas. Durch sie betrachtet, sieht die Welt draußen aus wie das Bild in einem Kaleidoskop, vervielfältigt und verzerrt, eine Farbexplosion aus grünen, schwarzen und braunen Tönen.

Ein leises Klopfen an der Tür erinnert mich daran, dass ich heute Morgen vergessen habe, meine schmutzige Wäsche für Tante Nénine vor die Tür zu stellen. Als ich die Tür öffne, steht sie mit einem großen tropfenden Schirm in der Hand vor mir.

»Tut mir leid, Tante Nénine«, murmle ich und flitze durchs Zimmer, um alles, was gewaschen werden muss, zusammenzusuchen. Als ich mein Partykleid unter dem Bett hervorziehe und sehe, in welchem Zustand es ist, verschlägt es mir den Atem. Schmutz, Blätter und der eine oder andere Riss sind der Beweis für meinen nächtlichen Ausflug. In der Nacht hatte es nicht so schlimm ausgesehen, aber da war ich auch noch zu überwältigt von dem, was ich erlebt hatte, um wirklich darauf zu achten.

Es ist zu spät. Tante Nénine hat es gesehen.

»Pia! Was hast du nur mit deinem wunderschönen Kleid gemacht?« Sie nimmt es mir aus der Hand und inspiziert es erschrocken. Dann steckt sie den Finger in einen Riss und schüttelt den Kopf. »Ich kann es flicken, aber ich muss es ein paar Mal waschen, bis es sauber ist.«

»Ich…« Mein Kopf ist vollkommen leer.

»Was hast du dir denn dabei gedacht, damit ins Tierhaus zu laufen? Sieh nur, was der Jaguar mit seinen Klauen angerichtet hat!« Missbilligend schnalzt sie mit der Zunge.

»Oh… natürlich. Das Tierhaus!« Ich sacke zusammen und münze meine Erleichterung in Reue um. »Tut mir echt leid, Tante Nénine. Ich fürchte, ich habe überhaupt nicht nachgedacht.«

»Ich werde sehen, was ich machen kann.« Seufzend schlurft sie hinaus, mein Kleid und die anderen Sachen in einem Wäschesack über dem Arm.

Nachdem sie draußen ist und ich mich wieder entspanne, falte ich einen Teil meiner Karte auf und studiere den Pazifischen Ozean. Mein Gehirn speichert die Namen der Inseln, die wie Skittles auf dem Blau verteilt sind, doch nach einer Weile gehen meine Gedanken auf Wanderschaft.

Ich hole die Passionsblume aus der Nachttischschublade, wo sie in einer flachen Schale mit Wasser gelegen hat, stelle sie neben mich auf den Teppich und betrachte die kompliziert gebaute Blüte. Nur wenige Blüten sind so komplex wie die der Passionsblume und kaum eine ist schöner. Ich erinnere mich an damals, als ich Elysia in der Hand hielt, und bin mir sicher: Diese beiden Blüten sind die schönsten, die ich je gesehen habe. Die Lebensblume und die Passionsblume.

Natürlich muss ich beim Anblick der Blüte sofort an Eio denken. An seinen Jaguar-Anhänger aus Jade auf seiner nackten Brust. An seine dschungelblauen Augen.

Wieder frage ich mich, wer wohl sein Vater ist. Onkel Will habe ich von der Liste gestrichen. Es muss ja nicht einmal unbedingt ein Wissenschaftler sein. Genauso gut könnte es Clarence oder Jacques sein. Wenn ich Eio das nächste Mal sehe, will ich ihn bitten, mir seinen Papi zu beschreiben.

Falls ich ihn das nächste Mal sehe.

»Wann habe ich beschlossen ihn wiederzusehen, Alai?« In dem Moment, in dem ich es gerade eben gedacht habe? Warum habe ich das getan? Ich kann nicht noch einmal hinausgehen. Letzte Nacht war gefährlich genug…

Wovor hast du solche Angst?

Vor Onkel Paolo. Mutter. Selbst vor Onkel Antonio.

Was können sie schon mit dir machen? Mit dir, dem Mädchen, das nicht bluten kann?

Was würden sie tun? Mir das bisschen Freiheit nehmen, das ich habe? Der Gedanke beunruhigt mich zutiefst. Bisher habe ich mich mit dieser Frage nie wirklich beschäftigt. Was habe ich denn, das sie mir verweigern könnten?

Sie würden mich ja bestimmt nicht einsperren oder so.

Oder würden sie doch? Ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Auch wenn ich nicht mehr in den Dschungel gehe, muss ich immer daran denken, dass die Möglichkeit besteht. So wie ich die Karte unter dem Teppich verstecke. Selbst wenn ich sie dort ließe und nie mehr hervorholte, wüsste ich doch, dass sie da ist für den Fall, dass ich sie wirklich bräuchte.

Gibst du dich damit zufrieden? Bist du bereit zu verdursten, wenn du ein Glas Wasser in Reichweite hast?

Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht. Ich drehe mich um und vergrabe mein Gesicht in Alais geflecktem Fell. In meinem ganzen Leben war ich noch nicht so durcheinander. Früher war es einfacher. Befasse dich mit der Biologie, Pia. Iss dein Abendbrot, Pia. Geh schlafen, Pia. Lass Onkel Paolo deinen Puls messen und deinen Speichel und deine Augen und Ohren und die Nase checken, Pia.

Lauf, Pia.

Ich verstehe nicht, wieso ich diesen Drang verspüre wegzulaufen. Es gibt keinen Grund dafür. In letzter Zeit jedoch wird dieser Wunsch immer stärker. Vielleicht hätte sich dieses Gefühl wieder verflüchtigt, wenn ich das Loch im Zaun nicht entdeckt hätte. Vielleicht ist es nur eine Phase.

Vielleicht auch nicht.

Ein neues Gefühl überkommt mich: Schuld. Wenn ich mir meiner Aufgabe hier in Little Cam so sicher bin, weshalb habe ich meinen kurzen Ausflug in die Freiheit dann so genossen? Du bist nicht dazu da, im Regenwald herumzurennen und dich mit Gedanken an männliche Dschungelbewohner von deiner Arbeit ablenken zu lassen, sage ich mir. Onkel Paolo hat recht. Ich bin noch nicht so weit. Ich bin zu undiszipliniert, zu leicht abzulenken. Ich muss mich in den Griff bekommen.

Ich wünsche mir die Freiheit des Dschungels. Ich möchte jemanden erschaffen, der ist wie ich. Meine Träume schlingen sich einer um den anderen wie Pflanzen im Wettstreit um den besten Platz an der Sonne. Sie erwürgen sich gegenseitig in dem Versuch, die Oberhand zu gewinnen. Ich weiß, was ich wirklich will. Mein ganzes Leben lang habe ich gewusst, was ich mir wünsche. Doch jetzt ergreift ein neues Verlangen von mir Besitz, ein wilder, unkalkulierbarer Traum, der alles zunichtemachen könnte, wofür ich bisher gearbeitet habe.

Was finde ich eigentlich an diesem Jungen? Ich erinnere mich an die tiefe Einsamkeit, die ich letzte Nacht auf meiner Party empfand, und an das Verlangen nach jemandem, der versteht, wie es ist, ewig zu leben. Eio ist nicht dieser Jemand. Kann dieser Jemand nie sein. Er ist wie alle anderen: kurzlebig, vergänglich. Ein Feuer, das hell lodert, ja, aber ein Feuer, das eines Tages erlischt.

Ich erinnere mich, wie es war, als Clarence von seiner Frau sprach und dass sie bei einem Autounfall ums Leben kam. Ich erinnere mich an den Schmerz in seinem Blick und an das Zittern seiner Hände, als er von ihr erzählte. Ich merke, dass ich Angst habe – entsetzliche Angst –, jemanden auf diese Art zu verlieren. Ich stelle mir vor, dass Onkel Antonio oder Mutter plötzlich nicht mehr da sind, mir genommen von einer Kraft, die ich nie verstehen werde. Tod.

Wieder überläuft mich ein Schauer.

Wenn ich mein Herz an einen Sterblichen verliere, kann ich mich genauso gut an einen Blitz ketten. Mein Nacken verspannt sich, ich beuge mich vor, das Gesicht in den Händen, und starre vor mich hin, ohne etwas zu sehen.

Aber… der Augenblick, als ich zum ersten Mal in diese blauen Augen schaute… das hatte mit einem Blitzschlag ganz und gar nichts zu tun.

Es war eher so, als verschluckte ich einen Blitz. Ein Stromschlag in meinen Bauch.

Ich dachte, ich hätte mein wildes Ich im Dschungel zurückgelassen oder seinen Hunger wenigstens für eine Weile gestillt. Aber wie es scheint, ist es dadurch, dass es Nahrung bekam, nur noch hungriger geworden. Ich bin nur noch hungriger geworden.

Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt, dass ich eine seelische Störung entwickle wie etwa Schizophrenie. Es gibt nur eine Pia. Die wilde und die schüchterne Pia sind ein und dieselbe. Aber das Gefühl der Zerrissenheit verschwindet trotzdem nicht. Im Gegenteil, ich bin nur noch verwirrter.

Onkel Paolo sagt immer, egal wie kompliziert eine DNA oder das Ökosystem oder auch nur eine einzige Zelle sein mögen, am Ende macht die Wissenschaft alles ganz einfach. Eine Formel kann die komplizierteste Zahlenreihe verständlich machen. In der Wissenschaft gibt es kein Vielleicht, außer in einer Hypothese. Und mit Hypothesen geht man nicht um wie mit einer Wahrheit, sie sind Sprungbretter, die dich in sorgfältige Analysen, Experimente und Dokumentationen katapultieren. Erst dann wirst du die Wahrheit finden, und wenn du das geschafft hast, ist alles wieder ganz einfach.

Onkel Paolo sagt, dass am Ende alles auf die Wissenschaft hinausläuft. Es gibt nichts, das wissenschaftliche Methoden nicht lösen können. Grenzen bestehen nur in den Fragen, an die wir noch nicht gedacht haben. Und er hat sich noch nie geirrt, also muss auch das stimmen. Schließlich hat er mitgeholfen, mich zu erschaffen. Wenn ich jemandem vertrauen kann, dann ist es Onkel Paolo.

Wenn ich noch einmal in den Dschungel gehe, bestärke ich all das in mir, das unwissenschaftlich ist. Anstatt zielstrebig vorwärtszugehen, mache ich zu viele Schritte zurück. Ich weiß, dass ich kurz vor dem Ziel bin, es kann gar nicht anders sein. Mein Leben lang habe ich darauf hingearbeitet. Kann ich es mir wirklich leisten, mich jetzt ablenken zu lassen?

Ich streiche mit den Fingern über meine Arme und stelle mir vor, es sei Eio – nein, nicht Eio –, jemand anders, ein anderer Junge, ein Junge mit einer Haut wie meine, der niemand eine Verletzung zufügen kann. Ein unsterblicher Junge. Mister Perfect.

Ich habe mich entschieden. Ich werde Onkel Paolo alles erzählen: von Eio und seinem Dorf Ai’oa, von dem Loch im Zaun, selbst von der wilden Pia. Er wird ein paar Tabellen aufstellen, dazu vielleicht ein paar Gleichungen, ein Buch über Psychologie zu Rate ziehen und alles wissenschaftlich erklären. Alles wird wieder ganz einfach sein.

Alles wird wieder sein, wie es war.