24
Ich kehre auf demselben Weg nach Little Cam zurück, auf dem ich auch hinausgelangt bin. Dieses Mal bin ich jedoch so durcheinander, dass ich mich nicht konzentrieren kann und nicht schnell genug bin. Der Strom fährt durch meine Hand, ich schreie auf und plumpse auf der anderen Seite des Zauns hinunter auf den Boden. Verletzt bin ich nicht, aber fünftausend Volt und ein Sturz aus fünf Metern Höhe sind nicht gerade ein Zuckerschlecken, selbst für mich nicht. Ich stöhne und bleibe einen Augenblick lang einfach liegen. Meine Hand prickelt, doch wenigstens vertreibt der Schmerz ein Stück weit die Panik, die Eio in mir ausgelöst hat.
Er wollte mich küssen. Küssen! Noch eine Sekunde und unsere Lippen… Ich atme schnell und flach, nicht vor Erschöpfung, sondern voller entsetztem Staunen. Ich ziehe den geschnitzten Vogel, den er mir geschenkt hat, aus der Tasche und betrachte ihn. Hätte ich es getan? Hätte ich es zugelassen? Ich wollte es, das steht außer Frage. In diesem Augenblick, als er so nah war und warm und lebendig, wollte ich seine Lippen auf meinen spüren. Doch jetzt, in der vertrauten Umgebung von Little Cam, frage ich mich, ob ich es wirklich getan hätte. Die Vorstellung jagt mir einen wohligen Schauer über den Rücken und gleichzeitig ängstigt sie mich.
Er wollte mich küssen.
Als ich Schritte höre, rapple ich mich rasch auf und stecke den Vogel wieder in die Tasche. Onkel Timothy kommt mit einem automatischen Gewehr über der Schulter um die Ecke des Werkstattgebäudes. Als er mich sieht, schüttelt er den Kopf und seufzt.
»Was hast du vor, sag schon.«
»Tut mir leid. Ich bin hier herumgeschlendert und zu nah drangekommen.« Ich bin sicher, er kann mein Herz hämmern hören. Ich jedenfalls kann es.
Onkel Timothy guckt von mir zum Zaun und lässt den Blick dann über den Dschungel dahinter gleiten. »Ich renne den ganzen Weg hierher, nur weil du an den Zaun gekommen bist?«
Ich schlucke und nicke.
Seine dunklen Augen ruhen wieder auf mir und ich sehe ihm an, dass er es mir nicht abkauft.
»Ich habe mich entschuldigt«, sage ich. »Und es ist schließlich nicht so, dass es das erste Mal wäre. Leute kommen ständig versehentlich an den Zaun.«
Er nickt langsam. »Ja… Aber nicht du.«
Ich zucke mit den Schultern, versuche, lässig auszusehen, und will an ihm vorbeigehen. Aber er hält mich fest und beugt sich auf Augenhöhe zu mir herunter. »Du machst doch keine Dummheiten, Pia, oder?«
»Nein! Lass mich los. Ich muss… zu Onkel Paolo. Ich bin ohnehin schon zu spät dran.«
Er folgt mir, als ich loslaufe, und auch wenn er versucht, sich nichts anmerken zu lassen, weiß ich, dass er mir nicht traut. Also gehe ich zum Laborblock A. Als ich mich an der Tür umdrehe, sehe ich, dass er mich immer noch beobachtet. Jetzt muss ich mich hier mindestens eine Stunde lang beschäftigen, sonst schöpft er erneut Verdacht.
Ich gehe in den ersten Stock und suche Onkel Paolo. Auf dem Weg begegne ich Onkel Haruto und Onkel Jakob, die leise auf dem Flur miteinander reden und mir zunicken, als ich vorbeigehe. Onkel Paolo ist allein in dem Labor neben meinem. Er hört es nicht einmal, als ich die Tür öffne. Er steht über einen Tisch gebeugt und sortiert Fotos, allesamt Porträts. Ich nähere mich von hinten und schaue ihm zu. Die Menschen auf den Fotos blicken ausdruckslos und ernst; es sind alles Fremde.
»Pia!« Endlich bemerkt Onkel Paolo mich. »Was machst du denn hier? Ich dachte, ich hätte die Tür abgeschlossen.«
»Hast du nicht.«
Er blickt sich um wie ein Affe, den man bei etwas ertappt hat. Gibt es da etwas, das ich nicht sehen soll? Doch nachdem er eine rasche Bestandsaufnahme gemacht hat von dem, was offen herumliegt, entspannt er sich und schickt mich nicht hinaus.
»Woran arbeitest du gerade?«, frage ich. »Wer sind sie?«
Er blickt auf die Fotos hinunter. »Sie sind die erste Generation von Projekt 793.«
»Projekt 793?«
Er zögert und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. »Corpus… hat den Wunsch geäußert, dass wir die Erschaffung weiterer Unsterblicher vorantreiben.«
»Und… das ist das Projekt 793?« Wir machen Mister Perfect, denke ich. So hat es Tante Harriet doch einmal ausgedrückt. »Und sie?«
Er tippt auf ein Foto. »Das sind die Kandidaten, die Corpus für den Beginn des Prozesses ausgewählt hat.«
»Sie kommen hierher? Von außerhalb?«
»Bald. Wenn wir bereit sind für sie.«
»Wo sollen sie denn alle wohnen?«
»Im Wohngebäude B. Die meisten Zimmer dort sind leer. Es wurde für Testgruppen wie diese gebaut.«
»Bleiben sie für immer hier?«
»Nein, nicht für immer.« Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und legt den Knöchel seines linken Fußes auf sein rechtes Knie. Er wippt mit dem Fuß, während er redet. »Die Männer werden drei Jahre hier sein, lange genug, um drei Immortis-Injektionen zu erhalten. Dann holen wir uns von jedem Spermaproben und schicken sie nach Hause. Die Frauen bleiben nach der In-vitro-Fertilisation noch etwas länger. Sie gebären und werden dann zurückgeschickt. Vorher müssen sie natürlich Verträge unterschreiben und sich zu unbedingtem Stillschweigen über alles verpflichten, was sie hier gesehen und getan haben. Wir können eine Population von dieser Größenordnung hier nicht länger halten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.«
»Ist das denn sicher? Was ist, wenn ihnen etwas herausrutscht?«
»Darum kümmert sich Corpus«, antwortet er ausweichend. »Außerdem werden sie nie erfahren, worum es bei unserer Arbeit wirklich geht. Deine wahre Natur wird ein streng gehütetes Geheimnis bleiben. Sie erfahren lediglich, dass sie uns zu biomedizinischen Forschungszwecken ihren genetischen Code zur Verfügung stellen.«
»Warum macht jemand so etwas?« Ich schaue in die ausdruckslosen Gesichter der Leute auf den Fotos. »Warum kommt jemand für drei Jahre hierher wegen eines Projekts, von dem er eigentlich nichts weiß?«
Onkel Paolo blickt mich stirnrunzelnd an. »Weshalb machst du dir Gedanken über ihre Motivation?«
»Ich bin Wissenschaftlerin.« Ich zucke mit den Schultern. »Oder zumindest fast. Du sagst immer, ein Wissenschaftler hat in Wirklichkeit nur eine Aufgabe: Fragen zu stellen und Antworten zu finden.«
»Okay. Der Punkt geht an dich.« Er schiebt die Fotos auf dem Tisch herum. »Die meisten der Leute hier sind Sportler, Gelehrte und Künstler. Sie sind außergewöhnlich begabt, entweder geistig oder körperlich, haben aber alle zu irgendeiner Zeit in ihrem Leben falsche Entscheidungen getroffen. Sie brauchen alle etwas – Geld, eine neue Identität und einige einfach eine saubere Weste, um wieder neu anfangen zu können. Und wir brauchen genetisches Material. Beide Seiten profitieren.«
»Und die Kinder?« Mein Herz macht einen Sprung. »Es wird viele Kinder in Little Cam geben, nicht wahr?«
Er nickt, seufzt und reibt sich den Nasenrücken. »Was bedeutet, dass wir Kindermädchen anstellen müssen, die sich um sie kümmern. Antonio kann das nicht allein bewältigen.«
»Und die Kinder werden wieder Kinder haben und so weiter und so weiter…« Ich nehme ein Foto von einer dunkelblonden Frau in die Hand. Sie ist sehr hübsch, doch ihre Augen schauen traurig ins Leere. »Und ich erlebe sie alle. Ich bin hier, wenn sie geboren werden, sehe sie heranwachsen und werde sie auch sterben sehen.«
Onkel Paolo nimmt mir das Foto aus der Hand und legt es wieder zu den anderen. »Pia? Ist alles in Ordnung?«
»Alles okay«, antworte ich automatisch. »Wann werden sie eintreffen? Wann sind wir so weit?«
»Das«, erwidert er gedehnt und blickt mich an, »hängt größtenteils von dir ab.«
»Oh.« Ich weiß, worauf er anspielt, will jetzt aber nicht daran denken. Deshalb wechsle ich das Thema und gehe zu dem über, das mich die letzten Tage umgetrieben hat. »Onkel Paolo, wann genau hat es im Laborblock B gebrannt? In diesem alten Flügel, der danach nicht mehr zu benutzen war?«
Er strafft die Schultern und blickt mich scharf an. »Weshalb fragst du?«
»Warum nicht? Es gehört zu den wenigen Dingen in Little Cam, über die ich nicht Bescheid weiß. Und was war die Ursache für das Feuer? Das muss doch eine große Sache gewesen sein. Ich finde es seltsam, dass man nicht darüber spricht.« Mein Ton ist zwar beiläufig, aber ich beobachte ihn genau. Ich sehe, wie sich sein Nacken anspannt, seine Miene jedoch bleibt unverändert. Komm schon, sag einfach die Wahrheit. Ich wünsche mir so sehr, dass er es ausspricht: Es gab kein Feuer, Pia. Das kann doch nicht so schwer sein. Würde er mir die Wahrheit sagen, wäre ich das ungute Gefühl los, das ich mit mir herumtrage, seit Tante Harriet und ich die Räume entdeckten.
Doch statt auf meine Frage einzugehen, dreht Onkel Paolo den Spieß um und richtet ihn erneut gegen mich: »Weshalb machst du dir darum Gedanken? Du solltest lieber über deinen Test nachdenken.«
Sofort gehe ich in die Defensive. »Du hast gesagt, ich kann mir Zeit lassen –«
»Ich habe gesagt, ich würde dich nicht drängen, Pia, das stimmt. Aber dafür« – er weist auf die Fotos – »brauchen wir dich im Boot. Je länger du wartest, desto mehr muss ich fürchten, dass du vielleicht doch nicht so weit bist, wie wir alle gehofft hatten.«
»Ich… ich bin fast so weit.« Ich straffe die Schultern, blicke ihm in die Augen und hoffe, dass ihn das überzeugt.
Er nickt, doch sein Blick ist nach wie vor drängend. Dann mach voran, scheint er zu sagen.
Verzweifelt frage ich: »Ist es denn wirklich nötig? Welchem Zweck dient es? Worauf genau bereitet mich das Töten von Sneeze – ich meine Testtier 294 – vor?«
»Pia –«
»Ich sehe einfach nicht ein, wie das Töten eines Kätzchens beweisen soll, dass ich in der Lage bin, die Rezeptur für Immortis zusammenzumischen«, sage ich mit Nachdruck und bin froh, den Hauptgrund für meinen Frust endlich geäußert zu haben. »Vielleicht will ich es ja gar nicht tun! Vielleicht will ich mich eurem Test ja gar nicht unterziehen! Wer sagt denn, dass ich es muss?« Mit jedem Wort ereifere ich mich mehr. Es sprudelt aus mir heraus wie aus einer kaputten Plastikflasche. »Ich habe es satt, immer nur zu tun, was du sagst, Onkel Paolo. Ich habe es satt, hier eingesperrt zu sein!«
»Pia –«
»Warum ich? Wenn du ein totes Tier brauchst, das Onkel Sergei sezieren kann, mach es doch selbst!« Ich haue mit der Faust auf den Tisch, dass die Fotos herunterflattern. Das Maß ist voll. In mir rumoren Verwirrung wegen Eio, Frust auf Onkel Paolo, Zorn auf diese Victoria Strauss und ihre entsetzlichen weißen Hosenanzüge. Noch nie haben sich so viele Gefühle in mir angestaut. Jetzt kommen alle heraus und ich fühle mich ihnen hilflos ausgeliefert. »Ich will… ich will…« Was will ich denn? Vor lauter Frust kommen mir die Tränen und ich wische sie mit den Fingern weg.
Onkel Paolos Lippen zucken und seine Augen verengen sich gefährlich. Einen Moment lang fürchte ich fast, er könnte mich schlagen. Doch er schluckt und sagt dann ruhig: »Es hat mit dieser Fields zu tun, nicht wahr?«
»Nein –«
»Sie hat dir Flausen in den Kopf gesetzt. Ich wusste, dass es so kommt. Sie ist so. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte sie nie… Pia, hör mir zu.« Er fasst mich an den Schultern und senkt den Kopf, damit er mir direkt ins Gesicht schauen kann. Um seinen Mund herum sehe ich Bartstoppeln. Er hat für den Corpus-Besuch so lange und hart gearbeitet, dass er sich nicht einmal die Zeit zum Rasieren genommen hat. »Du bist perfekt. Perfekt. Und das beantwortet nicht nur die Frage, wer du bist, sondern auch, was du bist. Was du für deine gesamte Rasse bedeutest. Du bist der Gipfel menschlicher Perfektion, der Traum, den die Menschheit seit Jahrtausenden träumt. Es gibt kein wertvolleres Gut als dich, Pia. Du bist das Ende aller Diskussionen über Religion und Moral. Es gibt kein Richtig und Falsch. Es gibt nur Vernunft und Chaos. Fortschritt und Rückschritt. Leben und Tod. Wir haben dich im Namen der Vernunft erschaffen, Pia, im Namen des Fortschritts und des Lebens. Des Lebens. Es ist das höchste aller Güter und du hast mehr davon als jeder andere in der Geschichte der Menschheit.«
Sein Blick ist wild wie der von Eio, als er gegen die Schlange kämpfte. Er wird immer lauter, jetzt brüllt er fast: »Wir gaben dir das Leben, Pia. Und wir machten dich perfekt! Und wir mussten dafür Opfer bringen. Wir haben unser Leben und unseren Ruf als herausragende Wissenschaftler geopfert. Wir haben auf ein bequemes Leben im Kreis von Familie und Freunden verzichtet, um in diesem gottverdammten Dschungel zu leben und zu arbeiten und zu sterben. Wir taten Dinge – wir tun Dinge, die die Leute da draußen falsch und böse nennen, aber sie haben keine Ahnung, Pia. Sie sind dumm und schwach. Doch du wirst alldem ein Ende setzen. Du wirst einer dunklen, sterbenden Welt Vernunft und Fortschritt und Leben bringen. Und wo andere mit dem Finger zeigen und böse! schreien, wissen wir – wir wissen, Pia, dass das, was wir tun, wirklich die höchste und nobelste Form der Menschlichkeit ist. Wir –« Er hält keuchend inne und lässt sich auf einen Hocker fallen. Ich reibe meine Schultern, als er seinen festen Griff löst.
»Es tut mir leid«, flüstere ich.
Er schließt die Augen und reibt sich den Nasenrücken, bis er sich wieder beruhigt hat. Dann schaut er zu mir auf. Sein Blick ist nicht mehr ganz so wild. »Aber begreifst du, Pia? Begreifst du, was ich sage? Du bist perfekt und etwas Großartigeres als das gibt es nicht. Es gibt Dinge, die auf der Strecke bleiben, ja, auch junge Ozelotkätzchen. Es ist notwendig. Du verstehst das jetzt noch nicht, aber du wirst es verstehen. Du musst es tun. Du musst uns beweisen, dass du bereit bist. Dass du die Bedeutung deiner eigenen Existenz und deinen Stellenwert für die Menschheit verstanden hast. Dass du dich voll und ganz auf dich konzentrieren kannst und auf die, die nach dir kommen werden. Sie werden zu dir aufschauen, Pia, weil du die Erstgeborene unter den Unsterblichen bist. Eines Tages, es ist noch sehr lange hin, wirst du das älteste Wesen auf dieser Erde sein. Du wirst wie eine Königin über Männer und Frauen herrschen, wie eine Göttin. Und all das beginnt heute. Es beginnt in dem Moment, in dem du deine Entscheidung triffst, in dem du in den Spiegel schaust und zu dir selbst sagst: ›Das ist es. Ich gehe vorwärts und nie mehr zurück.‹ Ohne Reue und ohne Schuldgefühle.« Er erhebt sich wieder und bringt sein Gesicht dicht vor meines. »Du musst Objekt 294 töten und in der Lage sein, es zu vergessen. Verstehst du das? Dann, und erst dann bist du bereit.«
Es schnürt mir die Luft ab wie in dem Moment, als die Anakonda sich um meinen Brustkorb gewickelt hat. Onkel Paolos Worte sind wie eine Schlange, erschreckend und gleichzeitig wunderschön.
»Es tut mir leid, Pia.« Offenbar sieht er die Angst in meinem Blick. »Ich wollte dich nicht anschreien. Ich hatte gehofft, dass du das alles von allein erkennen würdest. Aber vielleicht war ich zu nachgiebig. Vielleicht habe ich deine Kraft überschätzt. Zeig mir, wie stark du sein kannst. Bring den Test zu Ende.«
Ich nicke, und als er mir mit einer Geste zu verstehen gibt, dass ich entlassen bin, stürze ich aus dem Zimmer.
Ich suche mir ein stilles Plätzchen hinter dem Glashaus unter einem Chinarindenbaum mit tief herabhängenden Ästen. Dort knie ich mich hin und lasse meinen Tränen freien Lauf. Sie fallen auf meine Hände, tropfen auf den Boden und färben die Erde darunter dunkel. Was wollt ihr von mir? Was wollt ihr noch von mir? Ist es nicht genug, dass ich unsterblich bin und schnell und klug? Warum muss ich… noch mehr sein? Was soll ich sein? Was wollen sie von mir?
Keinerlei moralisches Empfinden, höre ich Tante Harriets Stimme in meinem Kopf. Hat sie das nicht erst heute Morgen gesagt? Natürlich hat sie es gesagt und du weißt es, spottet meine innere Stimme. Dein Gedächtnis ist schließlich…
»Perfekt«, flüstere ich und ziehe ein Büschel Gras aus der Erde. Cynodon dactylon, denke ich, während ich die schmalen Halme betrachte.
Ich sollte es einfach tun. Es hinter mich bringen. Das Pentobarbital liegt immer noch in meiner Sockenschublade. In weniger als einer Minute hätte ich es geholt. Dann wäre alles vorbei. Der Frust, die Angst…
»Chipmunk?«
Ich drehe den Kopf zur anderen Seite und versuche, meine Tränen abzuwischen, bevor er sie sieht. »Onkel Antonio.«
»Ist alles in Ordnung?«
Ich wende mich ihm zu und muss zweimal hinschauen. »Dein Bart!«
Er streicht mit der Hand über sein glattes Kinn. »Wie? Gefällt es dir nicht?« Er wird tatsächlich rot. »Harriet hat gesagt, es gefällt ihr so besser…«
Doch es ist nicht der fehlende Bart, weshalb ich ihn so anstarre, es ist das, was die ganze Zeit darunter verborgen war. Fassungslos und mit offenem Mund schaue ich ihn an. Mein Blick zeichnet die Form seines Kinns nach, das ich vorher nie gesehen habe, die schmalen Lippen, das Grübchen unter dem linken Mundwinkel. Ich kenne dieses Gesicht. Ich schaue auf seine Taille, um ganz sicher zu sein… und da ist er: ein Gürtel aus Anakondahaut. Warum ist mir das nicht schon vorher aufgefallen? Eine ganze Minute lang starre ich ihn sprachlos und mit großen Augen an, während meine Gedanken sich überschlagen.
»Du bist Papi«, flüstere ich schließlich.
Er reißt den Kopf zurück und wirft einen Blick über die Schulter. Dann kniet er sich vor mich hin und sein Blick ist so wild wie der von Onkel Paolo. Langsam bin ich diese wilden Blicke leid. »Wo hast du diesen Namen gehört?«, zischt er.
Ich stehe noch immer unter Schock. Von allen Wissenschaftlern in Little Cam hätte ich ihn zuletzt… Aber nein. Es ergibt Sinn. Onkel Antonio. Der stille Onkel Antonio, der der Vater eines Unsterblichen hätte sein sollen. Bei dem man seit dem Zwischenfall nie so recht wusste, weshalb er noch in Little Cam ist. Dessen Lippen zucken, wann immer mich jemand perfekt nennt, und dessen Augen mich nach jedem Test, den ich absolviere, so traurig anblicken.
Ich triumphiere insgeheim, da ich vor Eio behauptet habe, ich würde schon selbst herausfinden, wer sein Papi ist. Und Wissen verleiht Macht. Vielleicht verleiht mir genau das den Mut, um die Wahrheit zu sagen. »Ich habe es auch getan.«
»Was… getan?« Er ist extrem nervös, steht kurz vor dem Platzen. Noch nie habe ich ihn so angespannt gesehen.
»Sie besucht.« Ich weiß, er versteht, was ich meine, und sein Seufzen gibt mir recht.
Er sagt nur: »Harriet.«
Ich nicke. »Harriet.«
»Das Loch im Zaun?«
»Das Loch im Zaun«, bestätige ich. Es ist so wunderbar einfach, endlich alles rauszulassen, nachdem ich so lange gelogen habe. Ich habe keine Angst, dass Onkel Antonio mich verrät. Schließlich hüten wir dasselbe Geheimnis.
»Eio?«
Ich nicke wieder und flüstere: »Er hat mich vor einer Anakonda gerettet. Sie war fast sieben Meter lang.«
Das beeindruckt ihn nicht. Er ist immer noch ganz aufgebracht. »Pia, du darfst nicht… du musst damit aufhören. Darfst dich nicht mehr nach Ai’oa schleichen.«
»Warum nicht? Du tust es doch auch.«
»Ich bin… älter. Ich habe weniger zu verlieren.«
»Weniger zu verlieren?« Ich schnaube. »Ich bin unsterblich. Was können sie mir wegnehmen? Mein Abendessen?«
»Die Sache ist sehr viel ernster!«, blafft er.
»So ernst wie der leere Flügel im Laborblock B?«, frage ich. »Ich weiß, dass es dort nicht gebrannt hat. Tante Harriet und ich waren dort.«
Er blickt mich lange an. »Du… Pia, bitte. Versprich mir, dass du nicht mehr hingehst.«
»Das kann ich nicht. Ich werde wieder gehen und du kannst mich nicht davon abhalten. Es sei denn, du verpfeifst mich. Aber dann werde ich dich auch verpfeifen.«
Er stöhnt. »Wie oft bist du dort gewesen?«
Ich zucke mit den Schultern. »Bis jetzt nur vier Mal. Dagegen bist du ein richtig böser Junge, Onkel Antonio. Du schleichst dich schon seit Jahren hinaus. Du hast sogar ein Kind mit –«
»Das geht dich nichts an«, unterbricht er mich rasch. »Und nur damit du es weißt: Ich habe Larula geliebt.«
»Warum hast du sie dann nicht nach Little Cam gebracht? Und Eio gleich mit?« Wie anders ich aufgewachsen wäre, wenn ich einen Spielkameraden gehabt hätte. Und Eios Mutter wäre vielleicht nicht gestorben.
Plötzlich sehe ich die Ironie der Sache. Ohne den Zwischenfall wäre Onkel Antonio der Vater meines unsterblichen Mister Perfect geworden. Stattdessen wurde er der Vater von Eio. Aber Eio kann nicht mein… oder doch? Ich denke an unseren Beinahe-Kuss und mein Herz macht einen Sprung.
»Ich konnte sie nicht hierherbringen«, antwortet Onkel Antonio. »Es war zu… Ich hatte meine Gründe. Pia, du musst mir versprechen, dass du nicht mehr hingehst. Glaub mir, wenn sie dich erwischen, nähmen sie dir mehr als nur dein Abendessen. Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen, Pia. Sie sind wild entschlossen zu kriegen, was sie wollen, und jeder, der sich ihnen in den Weg stellt, wird einfach überrollt. Für sie ist das dann lediglich ein notwendiges Übel.«
Ich denke an mein Gespräch mit Onkel Paolo vor nicht einmal einer Stunde, an den Laborblock B und die Drohung von Victoria Strauss, das Immortis-Team zu verlagern, und kann mir vorstellen, dass Onkel Antonio recht hat. Mir wird ganz mulmig.
»Versprich es mir, Pia.«
»Ich verspreche es.« – Dass ich wieder hingehe. Noch hundert Mal. So oft es sein muss. Vielleicht werde ich all das tun, was Onkel Paolo von mir verlangt, aber ich werde nach Ai’oa zurückgehen, um mich daran zu erinnern, dass ich auch ein menschliches Wesen bin.
»Wie gehst du unbeobachtet hinaus?«, erkundige ich mich neugierig.
»Das brauchst du nicht zu wissen.«
»Na gut. Ich habe dir mein Geheimnis verraten, da wäre es doch nur fair, wenn du mir deines anvertraust.« Ich schmolle, aber im Grunde macht es mir nichts aus.
»Pia.«
»Tut mir leid.«
Früher oder später wird Onkel Antonio nach Ai’oa zurückgehen und sei es nur, um Eio zu verbieten, dass er herkommt und nach mir Ausschau hält. Wenn er geht, werde ich ihn nicht aus den Augen lassen. Nach meinem heutigen Gespräch mit Onkel Paolo habe ich so ein Gefühl, dass er meinen »Studien« mit Tante Harriet ein Ende bereitet. Das bedeutet dann auch das Ende der Ausreden für meine Abwesenheit. Aber ich habe Eio versprochen, dass ich wiederkomme. Das heißt, ich muss mir etwas Neues einfallen lassen.
Onkel Antonio wird mir helfen einen Weg zu finden.