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Onkel Antonio versucht auf dem Laufband zu trainieren und gleichzeitig ein Blatt mit der Lernzielkontrolle zu studieren. Keine gute Idee, aber ich sage nichts. Wir sind für eine Mikrobiologiestunde in den Fitnessraum gegangen. Außer uns ist niemand da, was an einem frühen Nachmittag höchst selten ist, aber ich weiß, wo sie alle sind: Sie helfen dieser Harriet Fields sich einzuleben. Beim Abendessen gestern war sie das einzige Gesprächsthema und um ihren Tisch drängten sich die Wissenschaftler und wetteiferten darum, sie mit ihrem Wissen zu beeindrucken. Ich saß mit Mutter in einer Ecke, zwei Teller Thunfischsalat vor uns, und wir beobachteten alles mit finsterer Miene. Ich glaube, Mutter mag Dr. Tollpatsch genauso wenig wie ich.

Onkel Antonios Stimme ist belegt vom Laufen. »Typhus wird übertragen durch Rick–«

»Rickettsia prowazekii«, ergänze ich.

Onkel Antonio drückt auf Stopp und läuft langsam aus. Er atmet schwer und auf seinem blauen T-Shirt sind mehr Schweißflecken als trockene Stellen. Nachdem er wieder zu Atem gekommen ist, meint er: »Das wollte ich nicht wissen, Chipmunk. Ich wollte wissen, welches Tier –«

»Läuse. Pediculus humanus.« Ich erhöhe die Geschwindigkeit meines Laufbands etwas und passe meine Schrittlänge dem veränderten Tempo an.

»Hey, wer ist hier der Lehrer?« Onkel Antonio stellt sich vor mein Laufband und wirft einen Arm über die Sicherheitsstange. Mit der anderen Hand umklammert er seine Wasserflasche, als halte nur sie ihn am Leben. Er schaut auf die digitale Anzeige und schüttelt den Kopf. »Du bist einfach phänomenal, Mädchen.«

»Warum sind alle so aus dem Häuschen wegen der Neuen?«, frage ich. Meine Frage klingt alles andere als beiläufig. »Was ist so besonders an ihr?«

Er hebt spöttisch die Augenbrauen. »Bist du etwa eifersüchtig, Chipmunk?«

»Nein!«

Sein amüsierter Ausdruck ärgert mich noch mehr.

»Ich glaube doch. Du bist eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die sie bekommt.«

»Bin ich nicht«, entgegne ich. »Ich will schließlich nicht, dass alle den ganzen Tag um mich herumtanzen.«

»Nein?« Er setzt sich auf eine Hantelbank, die kein Mensch je benutzt. »Und doch ist es die übliche Tagesordnung.«

Ich blicke ihn finster an, aber er lacht nur. »Sie ist neu und anders, Pia. Das ist alles. Warte ein paar Monate und sie ist eine von uns, eine von der Stammbesatzung. Aber du wirst immer einmalig sein, unsterblich und etwas Besonderes. Mach dir also keine Sorgen. Niemand macht dir deinen Platz streitig.«

»Ich verstehe nicht, wozu wir sie überhaupt brauchen. Bald gehöre ich zum Immortis-Team, dann machen wir weitere Unsterbliche. Wozu brauchen wir Harriet Fields?«

Sein Lächeln erlischt, dafür nimmt seine Miene einen seltsamen düsteren Ausdruck an. »Ich weiß es nicht.«

»Meinst du, wenn ich das Sagen habe, heuern sie keine neuen Wissenschaftler mehr an?«

»Ich weiß es nicht.« Immer noch dieser grimmige Ausdruck. Vielleicht überspanne ich den Bogen, was diese Dr.-Tollpatsch-Geschichte angeht.

»Du irrst dich«, sage ich. »Ich bin nicht eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die sie bekommt. Aber glaubst du… glaubst du, sie ist hier, weil Onkel Paolo der Meinung ist, ich sei noch nicht so weit? Glaubt er, wir brauchen jemanden als Ersatz, falls ich den nächsten Wickham-Test nicht bestehe?«

Onkel Antonio schaut mich an. »Nein«, antwortet er leise, aber ich frage mich, ob er es nur gesagt hat, weil es das ist, was ich hören will.

»Wo kommt sie eigentlich her?«, frage ich, um unserer Unterhaltung die Schwere zu nehmen.

»Dr. Fields?« Er zuckt mit den Schultern. »Spielt keine Rolle.«

»Jetzt hör schon auf, Onkel Antonio.« Ich halte das Laufband an, um meinen Pferdeschwanz zurechtzuziehen. Beim Laufen lösen sich immer ein paar Strähnen. »Du interessierst dich genauso für sie wie alle anderen. Ich hab gesehen, wie du ihr gestern beim Abendessen nicht von der Seite gewichen bist. Wie eine Klette hast du dich an sie gehängt.«

»Ich hab mich nicht an sie gehängt.«

»Hast du wohl.«

Er lächelt. »Okay, vielleicht ein bisschen.«

»Es ist seltsam, findest du nicht? Neue Wissenschaftler, die hierher kommen, haben außerhalb von Little Cam doch ein vollkommen anderes Leben geführt. Fragst du dich das manchmal? Woher sie wohl kommen? Wer sie waren, bevor sie in den Dschungel kamen?«

Er blickt mich argwöhnisch an. »Wieso? Tust du es?«

»Das sind doch ganz normale Fragen. Und ich bin Wissenschaftlerin. Es ist meine Aufgabe, Fragen zu stellen, Onkel Antonio.« Ich setze mich neben ihn und kaue eine Weile auf meiner Unterlippe herum, bevor ich leise hinzufüge: »Fragst du dich manchmal… du weißt schon… wie es wohl wäre? Da draußen?«

Onkel Antonio starrt auf seine Hände. »Da draußen?«

»Du weißt, was ich meine. Draußen… hinter dem Zaun.«

Als er mir endlich in die Augen blickt, hat er die Lippen zunächst fest zusammengepresst. »Nein«, antwortet er dann, »das tue ich nicht.«

Ohne ein weiteres Wort erhebt er sich und geht hinaus.

Ich blicke auf die Tür, die sich hinter ihm schließt. Ich glaube ihm nicht.

Kein Wort.

Als ich an diesem Nachmittag zum wöchentlichen Check in mein Labor gehe, begegne ich auf dem Flur Harriet Fields. Sie sagt Hallo und wedelt auf Hüfthöhe mit der Hand und ich erwidere den Gruß mit einem Nicken. Ich spüre ihren Blick in meinem Rücken, als ich vorbei bin.

Ich nenne es mein Labor, weil es ganz auf mich ausgerichtet ist. Es ist wie ein zweites Zimmer für mich und ich bin ziemlich stolz darauf. Auf dem Fensterbrett steht eine ganze Reihe Orchideen in Töpfen und die Wände hängen voller Fotos von mir. Sie sind einigermaßen langweilig, weil sie aufgenommen wurden, um zum Beispiel die Entwicklung meiner Gesichtsknochen zu dokumentieren, aber immerhin.

Onkel Paolo wartet wie üblich schon auf mich. Er sitzt neben dem Untersuchungstisch aus Metall und blättert durch einige ältere Ergebnisberichte.

»Guten Morgen«, grüße ich. Bei einem Glaskäfig in der Ecke bleibe ich stehen. Die dicke, träge Ratte darin rümpft die Nase. »Guten Morgen, Roosevelt.«

Onkel Paolo lächelt. »Guten Morgen, Pia.« Ich setze mich auf den Untersuchungstisch. »War bei der letzten Lieferung etwas Gutes für dich dabei?«

»Skittles.« Ich schwinge mit den Beinen vor und zurück und beobachte, wie er sich auf seinem Klemmbrett etwas notiert.

»Oh ja.« Er zieht ein Stethoskop heraus und prüft meinen Herzschlag. »Ich habe seit Jahren keine Skittles mehr gegessen. Ich muss mir unbedingt welche besorgen.«

»Zu spät. Ich habe sie mir schon unter den Nagel gerissen. Sie sind für meine Party.«

»Die Party«, wiederholt er. »Planst du immer noch deinen Märchenball? Aufmachen.«

Ich öffne den Mund und er streicht mit einem Wattestäbchen über die Innenseite meiner Wange. »Es wird kein Märchenball, sondern eine richtige Party, wie es sie in Städten gibt.«

»Was weißt denn du über Städte?«

»Ich habe einiges im Lexikon nachgelesen. ›Ein zentraler Ort, an dem eine große Anzahl Menschen lebt und arbeitet‹«, zitiere ich. Er grunzt nur und streicht die Speichelprobe auf einen Objektträger.

Nur um zu sehen, wie er reagiert, füge ich hinzu: »Ich weiß, dass Manaus eine Stadt ist.«

Das Wattestäbchen fällt auf den Boden. »Verdammt. Mach noch mal auf, ich muss noch eine Probe nehmen.«

Ich frage mich, ob das »Verdammt« dem heruntergefallenen Wattestäbchen gegolten hat oder meinem Zufallstreffer. »Dann ist es also eine Stadt?«

»Pia.« Er legt das zweite Wattestäbchen auf ein kleines Metalltablett und beginnt, seine Latexhandschuhe auszuziehen. »Fang nie wieder von Manaus an.«

»Warum nicht?«

Er hält inne, einen Handschuh halb abgestreift, und zieht scharf die Luft ein, bevor er fortfährt: »Ich habe es dir schon hundert Mal gesagt, Pia. Es ist gefährlich da draußen. Diese Leute hätten kein Verständnis für dich. Du würdest sie mit deiner bloßen Existenz erschrecken und sie würden sehr bald neidisch werden. Du kannst nicht sterben, aber das heißt nicht, dass sie dir nicht wehtun können.«

»Diese Leute«, wiederhole ich leise.

»Ja. Die da draußen. Sie sehen die Dinge nicht so wie wir hier, Pia. Sie würden dich in einen Käfig stecken und nie mehr rauslassen. Begreifst du das nicht?«

Ich nicke. Die Ammer und der Käfig unter Strom kommen mir in den Sinn und ich sehe mich anstelle des Vogels. Ein Schauer überläuft mich.

»Fang nie wieder von Manaus an.« Sein Ton ist streng, wie normalerweise nur an Testtagen, doch dann wird seine Miene freundlicher. Er legt seine Hände auf meine. »Du bist hier sicher. Im Moment ist das dein Zuhause. Eines Tages wirst du die Welt sehen, Pia. Daran darfst du nie zweifeln. Doch bis die Welt so weit ist, dass sie dich sehen kann, musst du dich leider mit Little Cam begnügen.«

»Okay«, erwidere ich kleinlaut.

Er lächelt und drückt meine Hände. »Ich war dabei, als du geboren wurdest. Ich war der Erste, der dich auf den Armen gehalten hat. Ich habe dir deinen Namen gegeben.«

»Ach ja?« Das hatte er bisher noch nicht erwähnt.

»Ja. Pia, weil es ›ehrfurchtsvoll‹ bedeutet und ich mich genau so gefühlt habe, als ich dich sah.«

Er schaut mir fest in die Augen und sein Blick ist warm und ernst. Ich lächle unwillkürlich.

Die restliche Untersuchung läuft ab wie immer. Es dauert nicht lange. Ich bin so daran gewöhnt, dass ich sie auch selbst machen könnte. Herzschlag, Speichelprobe, Augen, Ohren und Nase, prüfen, prüfen, prüfen und fertig. Blutproben zu nehmen, versucht Onkel Paolo schon seit Jahren nicht mehr. Egal aus welchem Material die Nadeln sind und egal wie stark der Druck, durch meine Haut kommt nichts durch.

»Wir sind so weit, Pia. Geh und plane deine Party oder sonst was.«

»Ich muss noch meine Orchideen gießen.«

Er nickt und werkelt noch ein bisschen im Labor herum, dann geht er.

Ich bin gerade dabei, die erste Orchidee zu gießen, als ich Schritte hinter mir höre. Ich drehe mich um und will Onkel Paolo schon fragen, was er vergessen hat. Aber er ist es nicht. Es ist Dr. Tollpatsch.

»Was wollen Sie?«, frage ich.

Sie hebt überrascht die Augenbrauen. Sie sind so rot wie ihr Haar. »Entspann dich! Ich möchte nur ein bisschen reden. Wir hatten gestern keine Gelegenheit, uns richtig kennenzulernen.«

Super. Ich wende mich wieder meinen Orchideen zu. »Hallo. Freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits«, erwidert sie genauso kühl wie ich. »Du lieber Himmel, Mädchen! Gib mir wenigstens eine Chance, bevor du mich zu deiner Feindin erklärst. Komm, lass mich dir helfen.«

Sie will mir die Gießkanne aus der Hand nehmen. Dabei stößt sie sie um und das Wasser fließt über meine Schuhe.

»Huch!« Während ich noch mit offenem Mund auf die Pfütze starre, gibt sie mir ein Handtuch. Ich wische das Wasser auf und beiße mir dabei auf die Zunge, damit mir nichts herausrutscht, das ich anschließend bereuen müsste. Dr. Tollpatsch hockt sich auf den Untersuchungstisch und schaut sich um.

»Schreckliche Fotos«, meint sie, als sie meine Porträts an der Wand betrachtet.

Normalerweise würde ich das niemandem so an den Kopf werfen, aber bei ihr kann ich nicht anders. Die Frau geht mir gegen den Strich. »Sie sind perfekt.«

»Oh ja«, meint sie und betrachtet mich nachdenklich. »Ich hatte noch nicht mal Zeit, mir den Dreck von der Straße vom Gesicht schrubben, als euer Doktor Paolo Alvez mich schon in Beschlag genommen hat. Ich musste mir den Pia-Vortrag in voller Länge anhören.«

»Den Pia-Vortrag?« Meine Neugier siegt über meine Sturheit und ich trete näher. »Was ist das?«

»Soll das heißen, du hast ihn noch nicht gehört?« Sie zieht eine Packung Zigaretten aus der Tasche und zündet sich eine an. Ich hasse Zigaretten. Sie sind das Einzige auf der ganzen Welt, das mich krank macht, auch wenn meine Mutter behauptet, mir sei nur der Geruch zuwider und ich würde überhaupt nicht krank. »Man hat mich regelrecht festgenagelt, Alvez ist mir auf die Pelle gerückt und hat mir was von Geheimhaltung erzählt und von Vertragsklauseln und Konsequenzen und sonstigen Schauerlichkeiten. Und der zentrale Punkt von allem« – sie inhaliert tief und bläst einen Schwall ekliger Luft in meine Richtung – »warst du.«

»Na ja«, erwidere ich steif, »ich bin nun mal der Grund, weshalb es diesen Ort überhaupt gibt.«

»Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte, worauf ich mich da eingelassen habe, als ich den Job annahm. Ich dachte, ich komme her, um die Zellstruktur von Moskitos zu studieren oder vielleicht ein paar Ratten zu klonen. Sie sagten mir, das hier sei ein Forschungszentrum, das auf die ›großen Themen‹ abziele – Krebs, Herzerkrankungen« – sie verharrt plötzlich reglos, als betrachtete sie etwas weit Entferntes – »zerebrale Lähmung. Es kam mir zwar seltsam vor, dass ich mich für mindestens dreißig Jahre verpflichten musste, aber…« Ihre Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger scheint vergessen. Eine dünne Rauchfahne kringelt sich über ihr Gesicht. »Sagen wir einfach so: Das Angebot, das sie mir gemacht haben, hat mich überzeugt.«

Ihr Blick wird wieder klar, sie schaut mich an und ihre Augen verengen sich argwöhnisch. »Und dann dieses undurchsichtige, geheimnisvolle Getue auf dem Weg hierher. Dieser Riese von einem Mann, Timothy, wollte mir nichts verraten, rein gar nichts. Und dann fragt er mich als Erstes, ob ich losziehen und ein Kleid für ein siebzehnjähriges Mädchen kaufen könnte.« Sie schüttelt den Kopf und erst jetzt fällt mir auf, dass sie ihre wilde Kräuselmähne gezähmt hat und einen Zopf trägt. Mit einer ordentlichen Frisur ist sie ganz hübsch und anscheinend jünger, als ich dachte.

Ich zucke mit den Schultern. »Das Kleid ist okay.« Kein Grund, ihr zu sagen, dass ich ganz verschossen in das Teil bin. Sie soll schließlich nicht auf die Idee kommen, wir seien jetzt Freunde oder so.

»Eine Party in Abendrobe mitten im Dschungel ist ziemlich schräg.«

»Sie sprechen einfach aus, was Ihnen gerade in den Kopf kommt, oder?«

»Immer. Ohne Ausnahme. Nur so weiß ich, dass ich ganz und gar ich bin.«

»Warum sind Sie nach Little Cam gekommen?«

»Hast du nicht zugehört? Um Tapire und Dreizehenfaultiere zu studieren.«

»Was hat Ihnen Onkel Paolo über mich erzählt?«

»Dass du unsterblich bist.« Am Zucken ihrer Mundwinkel sehe ich, dass sie es nicht glaubt.

»Das bin ich tatsächlich.«

»Hm. Dann hat er noch gesagt, du seist perfekt.«

»Das bin ich auch.«

»Puh. Aber sicher, Liebes.«

»Es stimmt!« Mir stellen sich die Nackenhaare auf wie bei Alai. »Schauen Sie her.«

Ich greife nach einem Skalpell auf Onkel Paolos Instrumententablett. Dr. Tollpatsch bekommt große Augen. »Pia…«

»Schauen Sie einfach her.« Ich fahre mit dem Skalpell über meinen Arm, von oben nach unten, und drücke, so fest ich kann. Es brennt, aber nicht sehr. Ich kann Schmerz empfinden, wenn auch nicht so intensiv wie andere. Das Skalpell hinterlässt lediglich eine dünne weiße Linie, die innerhalb von Sekunden wieder verschwindet.

Dr. Tollpatsch zieht scharf die Luft ein. Sie macht immer noch große Augen und denkt nicht mehr an ihre Zigarette. »Mein lieber Schwan…«

Eine merkwürdige Redensart, finde ich, aber ihre Reaktion bereitet mir eine seltsame Freude. Ich lege das Skalpell zurück, ziehe ein zusammengerolltes Schaubild aus einer Schublade und breite es neben ihr auf dem Untersuchungstisch aus. Sie verfolgt jede meiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Was ist das?«

»Das«, verkünde ich voller Stolz, »ist mein Stammbaum. Hat Onkel Paolo Ihnen die Geschichte, die hinter Little Cam, mir und allem hier steckt, denn nicht erzählt?«

»Er sagte, das käme alles bei der Einführung heute Abend. Aber -« Sie beugt sich vor und flüstert: »Ich bin entsetzlich neugierig. Also erzähl du sie mir.«

Ich freue mich riesig über diese Chance. Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit, jemandem meine Geschichte zu erzählen, zumindest nicht so. »Begonnen hat alles vor über hundert Jahren, 1902, um genau zu sein. Ein Wissenschaftler-Team suchte im Dschungel nach neuen Pflanzen, um Arzneimittel daraus herzustellen. Sie drangen tiefer vor als jeder andere von außerhalb des Regenwaldes und begegneten Eingeborenen, die noch nie Menschen mit weißer Haut und Schnauzbart gesehen hatten. Chef der Expedition war ein Biologe und Botaniker namens Heinrich Falk. Er hatte von einer Pflanze im Herzen des Dschungels gehört, von der es hieß, sie könne menschliches Leben verlängern. Alle anderen hielten es für einen Mythos. Geschichten dieser Art gab es mehr als Blätter an einem Kapokbaum und keine hatte sich je bewahrheitet. Aber Dr. Falk fand die Pflanze. Epidendrum elysius. Er nannte sie Elysia. Im ganzen Regenwald – und auf der ganzen Welt – wächst sie nur an einer einzigen Stelle. In der Falkschlucht. Sie sagen, es sei nicht weit von hier, aber ich war noch nie dort.«

»Und was hat diese Zauberpflanze dann bewirkt?«, fragt sie. Ich höre die Skepsis, die sich wieder bei ihr einschleicht. Gut so. Ich bin noch nicht fertig mit meiner Geschichte.

»Es hat nichts mit Zauberei zu tun. Es ist Wissenschaft. Und der Nektar, der sich im Blütenkelch sammelt, tötet einen innerhalb von Minuten, wenn man ihn trinkt.« Ich war zwar noch nie in der Falkschlucht, aber eine Elysia-Pflanze habe ich schon gesehen. Onkel Antonio hat mir einmal eine mitgebracht, einen einzelnen Stängel der kostbaren Pflanze, die der Grundstein meiner Existenz ist. Die Blüten sind von einem intensiven Violettrot und die Spitzen der Blütenblätter schimmern golden. Sie sieht ganz ähnlich aus wie einige meiner Orchideen auf dem Fensterbrett. Ich habe versucht sie einzupflanzen, aber sie ist eingegangen. Ich war nicht die Erste, die das versucht hat. Eine der größten Hoffnungen der Wissenschaftler von Little Cam ist es, einen Weg zu finden, Elysia aus Ablegern zu vermehren. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen. Es wäre keine so große Sache, wenn wir wüssten, wie sie sich vermehrt, aber das ist auch so ein Geheimnis. Die Pflanzen, die jetzt in der Falkschlucht wachsen, sind genau dieselben, die Falk und sein Team entdeckten. Der Lebenszyklus von Elysia konnte noch nicht entschlüsselt werden; soweit wir wissen, vermehrt sie sich nicht.«

Dr. Tollpatsch schnaubt und erinnert sich wieder an ihre Zigarette. Bevor sie jedoch daran zieht, meint sie: »Das klingt ja doch nach handfester Zauberei. Dann war das mit Falk also folgendermaßen: Er kommt daher, frech wie Oskar, nennt die Pflanze und den Ort nach sich selbst, isst das verdammte Zeug dann prompt und fällt tot um?«

»Nein, so war es überhaupt nicht. Sie haben ihr Lager aufgeschlagen und angefangen mit Ratten zu experimentieren. Immer wieder sind sie mit ihrem Lager umgezogen, bis sie schließlich hierherkamen und blieben. Ich glaube, es war Dr. Falks Nachfolger, Wickham, der den Ort schließlich Little Cambridge genannt hat.« Und den Wickham-Test entwickelte, den jeder Wissenschaftler durchlaufen muss, bevor er in das Projekt aufgenommen wird. Ich frage mich, wie der Wickham-Test von Dr. Tollpatsch ausgesehen hat.

»Und was hat es jetzt mit dem Stammbaum auf sich?«

»Dazu komme ich noch. Ein bisschen Geduld, ja?« Ich streiche mir das Haar hinter die Ohren und atme tief durch. »Sie haben also mit Ratten experimentiert und fanden heraus, dass sie die tödliche Wirkung des Nektars aufheben konnten, wenn sie ihn dem Nektar einer anderen Pflanze beimischten. So konnte er gefahrlos Ratten und Menschen injiziert werden. Ich habe diese andere Pflanze nie gesehen, aber Onkel Paolo sagt, dass sie einfach ›Katalysator‹ genannt wird. Sie muss sehr selten sein, denn ich finde sie in keiner Enzyklopädie und in keiner Datenbank. Jedenfalls haben sie mit der Injektion bei den Ratten angefangen und nichts ist passiert. Die Tiere haben ihr normales Rattenleben gelebt und starben, wenn sie alt waren. Ende.«

»Bitte?«

»Bitte was?«

»Ist das wirklich das Ende der Geschichte?«

»Natürlich nicht!« Die Frau mag ja Biomedizinerin sein, aber so langsam glaube ich, dass sie auch eine ganz gewaltige Meise hat. »Denn es ist etwas passiert, womit niemand gerechnet hat. Die Wissenschaftler hatten dem Nachwuchs der Ratten und deren Nachwuchs Immortis gespritzt – die durch den Katalysator nicht tödliche Form von Elysia –, ohne wirklich an ein Ergebnis zu glauben. Die Ratten lebten, die Ratten starben, ohne dass sich etwas Ungewöhnliches feststellen ließ. Bis…« Ich gehe durchs Zimmer, hebe den Deckel von einem Käfig und hole die Ratte, die darin sitzt, heraus. »Bis Roosevelt.«

Ich halte ihn Dr. Tollpatsch unter die Nase in der Hoffnung, dass sie – Doktor der Biomedizin hin oder her – kreischt und zusammenzuckt. Stattdessen nimmt sie mir Roosevelt aus den Händen und gurrt ihm etwas ins Ohr, als sei er ein kleines Kätzchen. Ein wenig überrascht, aber auch irgendwie erfreut, dass sie so angetan von ihm ist, erkläre ich: »Roosevelt wurde 1904 geboren.«

Sie lässt ihn fast fallen und er quiekt entrüstet. »Du lügst!«

»Es ist die reine Wahrheit. Roosevelt ist über hundert Jahre alt. Die meisten Ratten werden nicht älter als zwei oder drei Jahre.«

Dr. Tollpatsch schaut von Roosevelt zu mir. »Was ist passiert?«

Aha. Ich habe wieder ihre volle Aufmerksamkeit und weiß, dass sie mich jetzt nicht mehr unterbrechen wird. »Roosevelt hatte noch ein paar Überraschungen parat. Er war die einzige Ratte im Wurf, was an sich schon ungewöhnlich ist. Als Dr. Falk ihm Immortis spritzen wollte, ist die Nadel abgebrochen. Genau wie das nächste Dutzend oder so, mit dem er es versucht hat. Ja, die Haut von Roosevelt ist so dick wie meine, das heißt, sie ist undurchdringlich. Dazu kommt, dass Roosevelt schneller und geschickter ist als jede andere Ratte.« Ich nicke, als sie mich fragend anschaut. »Ja, ich auch. Aber das Wichtigste kommt erst noch: Drei, vier, zwanzig Jahre vergehen und Roosevelt lebt so glücklich und zufrieden weiter, wie man sich das nur wünschen kann. Natürlich führt Dr. Falk daraufhin Dutzende von Experimenten an Hunderten von Ratten durch und kommt hinter das Geheimnis.«

Ich mache eine Pause und genieße es, wie Dr. Tollpatsch an meinen Lippen hängt. Schließlich fahre ich fort: »Des Rätsels Lösung ist die allmähliche Veränderung des menschlichen – oder rattenspezifischen – Genoms. Es dauert fünf Generationen, nicht mehr und nicht weniger, in denen regelmäßig Immortis gespritzt werden muss, bis das Unsterblichkeitsgen der Pflanze sich in den genetischen Code des Menschen oder der Ratte eingliedert. Dr. Falk ging zurück in die Welt außerhalb des Dschungels und suchte sich zweiunddreißig der gesündesten, sportlichsten, intelligentesten und schönsten jungen Leute, die die Gesellschaft zu bieten hatte. Er brachte sie nach Little Cam und begann mit der Injektion des Serums. Das hat dem Zentrum hier so richtig Aufschwung gegeben. Die jungen Leute bekamen Kinder, ihre Kinder hatten auch wieder Kinder, deren Kinder bekamen Kinder und diese Kinder bekamen mich.«

Ich nehme ihr Roosevelt ab, streichle sein seidiges Fell und spüre seinen Herzschlag in meiner Hand. »Und genau wie alle im Lauf dieses Jahrhunderts der Forschung, des Experimentierens und der selektiven Fortpflanzung gehofft hatten, kam es… ich bin unsterblich.«