12
»Euch retten?«, wiederhole ich. »Wovor soll ich euch retten?«
Doch Eio antwortet nicht. Er nimmt meine Hand, zieht mich zum größten Feuer und bedeutet mir, mich zu setzen. Alai streckt sich zu meinen Füßen aus. Die Ai’oaner bringen nach und nach Bananenblätter und Schüsseln mit Essen. Das meiste erkenne ich wieder, da Little Cam regelmäßig mit den Eingeborenen Handel treibt und Obst und Fleisch gegen Kleidung tauscht. Aber es sind auch Schalen dabei, deren Inhalt ich noch nie gesehen habe und die ich nicht anfassen möchte.
Alle beobachten mich erwartungsvoll und drängen mich, etwas zu essen. Also versuche ich ein kleines bisschen von jeder Schale, die an mir vorbeigereicht wird. Was soll ich auch tun? Eio sitzt rechts von mir, Luri links. Ich verstehe zwar nicht, weshalb, aber Eio hat eine in meinen Augen übertrieben selbstgefällige Miene aufgesetzt. Die Drei sitzen auf der anderen Seite des Feuers. Obwohl sie inmitten von Ai’oanern sitzen, scheinen sie doch nicht Teil der Gruppe zu sein. Sie beobachten mich still und nach einer Weile beschließe ich, sie so weit wie möglich zu ignorieren. Nun kann ich das Essen genießen. Erst nachdem ich alles probiert habe, beginnen auch die Ai’oaner zu essen, obwohl es bereits Mitternacht sein muss.
Ich weiß, dass ich nach Hause gehen sollte, kann mich aber nicht losreißen. Das Dorf und seine Bewohner sind so voller Leben und so anders als alles, was ich bisher kennengelernt habe. Ich habe Angst, bin verwirrt und verzaubert. Ob mein Vater sich so fühlt, wenn er einen neu entdeckten Käfer untersucht, oder Onkel Paolo, wenn er bei einem seiner Experimente eine bahnbrechende Entdeckung macht?
Aus irgendeinem Grund bin ich heute Abend der Ehrengast. Es muss etwas mit dem Jaguar-Mantis-Mond-Mal zu tun haben, das Kapukiri in meinen Augen gesehen haben will. Wovor ich sie retten soll, verraten sie mir nicht. Doch es fällt schwer, darüber nachzugrübeln, während sie mich mit Orchideengirlanden behängen. Kinder drängen sich um mich und stellen schüchtern Fragen in einer Mischung aus Englisch und Ai’oanisch. Es scheint ihnen nichts auszumachen, wenn ich nicht antworte. Sie versuchen Alai zu streicheln, doch er warnt sie mit einem Fauchen.
Die Kinder faszinieren mich. Ich habe noch nie jemand Jüngeres als mich gesehen. Ich bin immer das einzige Kind in Little Cam gewesen. Die Spiele der Kinder, ihr Lachen und die Art, wie sie sich bewegen – als seien sie Blumen, die sich im Wind wiegen –, fesseln mich. Sie sind so klein und so frei. Ihnen zuzuschauen, tut fast weh.
Wenn meine unsterbliche Rasse ihre volle Anzahl erreicht hat, wird es keine Kinder mehr geben. Das muss so sein, wenn wir keine Überbevölkerung riskieren wollen. Wie oft habe ich schon davon geträumt, meine Unsterblichen zu erschaffen, doch für einen Augenblick jagt mir der Gedanke einen Schauer über den Rücken.
Ich muss ein Stück vom Feuer abrücken, als einige Ai’oaner zu tanzen beginnen. Kein Vergleich zu den steifen, festgelegten Tanzschritten an meiner Geburtstagsparty. Die Bewegungen der Ai’oaner sind wild, spontan, so geschmeidig und lebhaft wie Flammen. Ein paar schlagen die Trommel oder spielen auf schlanken Holzflöten und die Tänzer wiegen sich und springen im Rhythmus der Musik. Keiner bewegt sich wie der andere. Ich höre auf zu essen und schaue nur noch mit großen Augen zu. Wahrscheinlich sehe ich reichlich dämlich aus. Aber ich kann nicht anders. Das Schauspiel ist hinreißend.
»Komm.« Ich blicke auf. Vor mir steht Eio und hält mir die Hand hin.
Ich schüttle den Kopf. »Ich kann nicht tanzen, glaub mir.«
»Komm.«
Widerstrebend nehme ich seine Hand. Sie ist warm und stark, er zieht mich hoch und wirbelt mich herum, bevor ich es mir anders überlegen kann. Dann gibt es kein Entrinnen mehr. Wie von einem Magneten angezogen bewege ich mich im Kreis der Tänzer. Und es ist mir nicht peinlich. Bald vergesse ich alles und spüre nur noch die Musik, das Feuer, die Bewegung der Körper, die um mich herumwirbeln und mich mitziehen. Eio ist an meiner Seite. Er hält immer noch meine Hand. Wir beide bewegen uns wie zwei Flammen einer Fackel, wie Onkel Antonio und Dr. Tollpatsch, als sie tanzten. Aber wir sind wilder, ungezwungener und jeder Schritt entspringt einem Urinstinkt, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich ihn in mir hatte.
Ich vergesse, dass ich unsterblich bin und eigentlich nicht hier sein sollte. Ich vergesse Onkel Paolo und den armen Roosevelt. Ich vergesse, dass all diese Menschen irgendwann sterben werden und ich weiterlebe. Jetzt in diesen kostbaren Minuten gehöre ich dem Ringtanz. Ich gehöre in den Dschungel und zu den Ai’oanern und zu ihren berauschenden Feuern. Ich bin nicht Pia. Ich bin niemand. Ich bin nur ein weiterer Körper, der sich den Trommeln hingibt.
Sich Eios Armen hingibt.
Er wirbelt mich herum und fängt mich auf, und wo immer ich mich hindrehe, er ist da. Seine Berührungen sind wie Feuer, leicht und kaum zu spüren, aber sie gehen durch und durch. Seine Fingerspitzen brennen auf meinen Handgelenken und auf meiner Schulter. Nicht aufhören, denke ich. Bitte nicht aufhören! Meine Gedanken machen mir Angst – zumindest der einen, schüchternen Pia machen sie Angst. Doch in dieser Nacht bin ich die wilde Pia und nichts kann mich erschrecken, nicht einmal das Kribbeln, das mich überläuft, wenn unsere Blicke sich treffen.
Doch auch wenn ich die ganze Nacht tanzen könnte, Eio ist bald erschöpft. Wir winden uns aus dem Kreis und lassen uns lachend auf den Boden fallen. Sofort kommen Kinder und bringen Früchte und Blumen. Ich nehme mir eine geröstete Kochbanane auf einem langen Stock und lächle das Mädchen, das sie mir angeboten hat, an. Sie lächelt ebenfalls, bevor sie kichernd wegläuft.
»Eio, was glaubt der alte Mann in meinen Augen gesehen zu haben?«
»Kapukiri?« Eio ist immer noch außer Atem. Er legt sich lang auf die Erde und schließt die Augen. »Er hat das Mal von Jaguar, Mantis und Mond gesehen. Das Zeichen der Kaluakoa.«
»Aber was bedeutet das? Als ich mich das letzte Mal im Spiegel gesehen habe, waren meine Augen nicht anders als die anderer Leute.«
Eio weist auf das Feuer vor uns. »Da liegt deine Antwort. Das Zeichen kann man nur im Schein eines Feuers sehen. Gibt es in deinem Dorf voller Wissenschaftler keine offenen Feuer?«
Ich gäbe in diesem Moment alles für einen Spiegel. Ich bin mir zwar nicht hundertprozentig sicher, ob ich ihm glauben soll, aber das finde ich nur heraus, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe. »Du hast gesagt, sie glauben, ich sei gekommen, um sie zu retten. Was hast du damit gemeint? Wovor soll ich sie retten?«
Er setzt sich wieder auf und zuckt mit den Schultern. »Wer weiß das schon? Vielleicht ist es noch gar nicht da. Aber weshalb sollten die Geister sonst eine Unvergängliche schicken?«
Erschrocken rücke ich ein Stück weit ab. »Eine Unvergängliche…«
Er erwidert meinen Blick gelassen, weicht nicht aus. Etwas in mir, etwas, das im Schein der Feuer lebendig wurde, zerbröckelt wieder. »Aber… woher hast du gewusst, was ich bin?«
»Ich hab’s nicht gewusst. Es ist, wie Kapukiri sagt: Ich bin nur dem Ruf des Jaguars gefolgt. Aber Kapukiri hat das Mal von Jaguar, Mantis und Mond gesehen. Es ist das Zeichen der Kaluakoa und der Tapumiri. Der Unvergänglichen, die den Tod nicht kennen.«
Eine seltsame Traurigkeit überkommt mich und die geröstete Banane erscheint mir plötzlich weniger köstlich. Dann weiß Eio also, was ich bin, und ich werde wieder zur unsterblichen, perfekten Pia. Einzigartig. Vollkommen anders. Vollkommen allein. Das Wort fährt wie ein Eiszapfen durch meinen Körper, prallt an den Rippen ab und bleibt im Magen liegen.
Aber… ich war immer allein. Deshalb wünsche ich mir ja so sehr, weitere Unsterbliche zu erschaffen, damit ich es nicht mehr bin. Weshalb trifft dieses Wort mich also so schwer, in diesem Moment und an diesem Ort? Es hat noch nie so… wehgetan wie jetzt.
Allein.
Dann weiß ich es.
Ich kam als Wissenschaftlerin und Fremde zu den Ai’oanern, doch das war auch schon alles, was uns unterschied. Als diese wilden, temperamentvollen Geschöpfe des Dschungels mich in ihren Tanz aufnahmen, ließ ich die Wissenschaftlerin hinter mir. Ich wurde zu etwas anderem, zu einem neuen Menschen. Der sich einfügte, anstatt außen vor zu bleiben. Obwohl wir uns kaum kannten, bestand eine… Verbindung zwischen diesen Ai’oanern und mir. Und für kurze Zeit… gehörte ich dazu.
Doch dann drängte sich die Wirklichkeit wie ein Messer dazwischen und durchtrennte die zarten Bande. Ich bin eine Unsterbliche unter Sterblichen und werde nie dazugehören. Nicht hier. Nicht in Little Cam. Nirgendwo, außer bei meinesgleichen.
Plötzlich will Eio wieder tanzen, und obwohl ich mich zunächst wehre, zieht er mich auf die Beine. Ich versuche mich im Tanz der Ai’oaner zu verlieren. Wir wirbeln herum und schlagen Trommeln und ein zahmer Affe springt von Schulter zu Schulter, kreischt und bombardiert den genervten Alai mit Beeren.
Aber egal, wie schnell und wild ich tanze, ich bekomme das Wort nicht aus meinem Kopf.
Wir tanzen ein paar Runden, dann zieht Eio mich aus dem Kreis und ein Stück vom Dorf weg. Alai folgt uns, froh, dem kleinen Affen zu entkommen. Wir sind noch in Sichtweite der Tänzer, doch hier herrschen die Geräusche des Dschungels vor und Ai’oa schiebt sich in den Hintergrund. Der Schein der Feuer reicht nur noch, um Eios Nase, Stirn und Wangenknochen zu beleuchten. Lichtpünktchen tanzen in seinen Augen. Sie sehen aus wie Glühwürmchen in einem Glas.
»Komm, ich möchte dir etwas zeigen.«
»Was?«
»Sei still. Wenn sie uns hören, folgen sie uns.« Er nimmt meine Hand und zieht mich in den Dschungel.
»Aber wohin –«
Er bleibt stehen, dreht sich zu mir um und legt sacht einen Finger auf meine Lippen. »Pst! Du redest zu viel, Pia.«
Sein Gesicht ist nur Zentimeter von meinem entfernt. Ein kleines, verschmitztes Lächeln umspielt seine Lippen. Ihm plötzlich so nah zu sein, lässt mich fast das Atmen vergessen.
Ich nicke, er nimmt seinen Finger von meinen Lippen, ergreift wieder meine Hand und zieht mich weiter.
Wie Funken schießen Fragen durch meinen Kopf – Wie weit? Was ist es? Warum hält er immer noch meine Hand? –, doch ich stelle sie nicht laut, sondern lasse mich stumm und mit klopfendem Herzen durch den Dschungel ziehen.
Das Gelände fällt ab. Wir entfernen uns immer weiter von Ai’oa und Little Cam. Wir stapfen durch ein Dickicht aus Farnsträuchern, die mir bis zur Taille reichen. Hoch droben folgt uns der Ruf des Tagschläfers – dem Pfeifen eines Menschen gespenstisch ähnlich. Er beginnt hoch und weich, dann folgen acht immer tiefer werdende Töne. Ich kann jeden einzelnen unterscheiden. Der Tagschläfer ist nur einer der vielen Vögel, die in dieser Nacht singen. Die Bäume scheinen fast zu vibrieren von ihrem Gesang.
Wir sind knapp fünf Minuten unterwegs, als Eio langsamer geht. Wir halten uns weiter an den Händen. Unsere Handflächen sind feucht, doch keiner lässt los.
Als wir aus einer Gruppe dicht stehender Palmen treten, bleibt mir vor Staunen beinahe die Luft weg. Eio hat mich zu einem Fluss geführt. Dem Fluss. Das muss der Little Mississip sein.
Das Wasser ist ruhig und still. Wären nicht die sanften Wellen, die am Ufer entlangstreichen, würde ich nicht einmal sehen, dass es fließt. Ich schaue auf und sehe mehr Himmel als je zuvor, da der Fluss so breit ist, dass das Blätterdach sich darüber nicht schließen kann. Der Nachthimmel ist mit Sternen übersät. Auch der Fluss ist voll davon, Zehntausende Glitzerpünktchen spiegeln sich auf seiner blaugrauen Oberfläche.
Es ist niemand da außer uns. Außer uns und den Sternen und dem Fluss. Wir gehen ans Ufer, bis das Wasser fast über unsere Füße leckt. Alai kauert sich hin und trinkt.
»Ich habe noch nie…« Ich halte inne und schüttle den Kopf. Die Worte zerfallen in meinem Mund. Es ist zu viel. Was ich sehe, lässt sich nicht in Worte fassen. Besser, ich versuche es erst gar nicht. Meine Unfähigkeit, mich auszudrücken, könnte den Zauber schmälern.
Eio betrachtet mich neugierig. Ich sehe ihm an, dass meine Reaktion ihn überrascht. »Du warst wirklich noch nie außerhalb des Zaunes, stimmt’s?«
Wieder schüttle ich den Kopf. Er streicht mit den Fingern über mein Gesicht und wischt Tränen ab. Ich wusste nicht einmal, dass sie da waren. »Es ist wunderschön hier«, flüstere ich. »Es ist… es ist fast zu viel. Was ist da unten?« Ich zeige auf die Flussbiegung. »Wo endet er?«
»Im Meer«, antwortet er. »Und hinter der Biegung liegt die Stadt. Ich war schon dort.«
»Wirklich?« Ich bekomme große Augen. »Wie ist sie?«
Er zuckt mit den Schultern. »Ich bin nicht hineingegangen, nur bis zum Rand, Papi hat gesagt, ich soll hingehen. Also hab ich es getan, hab sie gesehen und bin zurückgekehrt.«
»Warum wollte er, dass du dorthin gehst?«
»Er sagte, es sei Teil eines Planes. Mehr wollte er nicht verraten. Ich war froh, dass ich es getan habe. Kein Ai’oaner ist je so weit gegangen. Nach meiner Rückkehr nannten sie mich Eio Weitwanderer.«
»Ein… hübscher Name«, bemerke ich, da er ziemlich stolz darauf zu sein scheint.
»Die Drei wollten nicht, dass ich gehe, aber im Zweifel muss man zuerst dem Vater gehorchen. Häuptling Burako fürchtete, es sei ein Trick, um mich zu einem Fremden zu machen, wie mein Papi einer ist. Mein ganzes Leben lang machen sie sich schon Sorgen deshalb, da ich mehr Ähnlichkeit mit den Fremden habe als mit den Ai’oanern. Und es gab ja auch immer wieder Ai’oaner, die das Dorf verließen und nie zurückkamen. Die Wissenschaftler versprachen ihnen, sie in die Städte zu bringen und dass sie in Flugzeugen und Zügen reisen könnten. Sie haben sich überreden lassen und Ai’oa den Rücken gekehrt und sind in die Welt da draußen verschwunden. Ich kenne keinen Ai’oaner, der das getan hat. Sie verließen das Dorf vor langer Zeit, bevor ich geboren wurde. Aber Burako fürchtete, dass andere meinem Beispiel folgen würden, wenn ich ginge, und das Dorf wieder viele Bewohner verlieren würde. In Ai’oa darf ich nicht über meine Reise oder über die Stadt reden. Burako will, dass ich ganz und gar Ai’oaner bin.« Er wirft einen Kieselstein in den Fluss. Er hüpft über die Oberfläche und schafft es fast bis ans andere Ufer. »Aber er kann Regeln festlegen, so viele er will, ich bleibe trotzdem ein halber Karaíba.«
»Verstehe.« Eio ist in seinem eigenen Dorf ein Außenseiter wie ich in meinem. »Wo ist deine Mutter?«
»Sie starb, als ich noch klein war. Ich erinnere mich kaum an sie. Achiri wurde meine Mutter. Diese Stelle nimmt sie für alle Mutterlosen in Ai’oa ein. Es ist ihre Aufgabe als Dritte der Drei.«
»Sie ist erstaunlich«, flüstere ich. »Deine Welt. Sie liegt so dicht neben meiner und ist doch so anders.«
Er schaut hinauf zu den Sternen. »Es ist falsch, Pia. Sie sollten dich nicht wie einen Vogel gefangen halten. Du hättest das hier schon längst sehen sollen.« Sein Blick wandert zurück zum Fluss. »Wir nennen ihn Ymbyja. Sternenwasser.«
»Ymbyja«, wiederhole ich leise. Das Wort werde ich von jetzt an nie mehr vergessen.
»Schau, da.« Eio nimmt meine Hand und hebt sie zum Himmel hinauf. »Siehst du das? Diese Gruppe von Sternen?«
Ich nicke.
»Wir nennen sie den Jäger. Und das dort« – er führt meine Hand ein Stück weiter über den Himmel, bis sie auf eine andere Ansammlung von Sternen zeigt – »ist das Gürteltier.« Er zieht meine Hand herunter, lässt sie aber nicht los. »In Ai’oa erzählt man sich die Geschichte, wie der Jäger das Gürteltier über den Himmel jagte, bis das Gürteltier sich in einem Loch versteckte. Als der Jäger in dem Loch stocherte, damit es herauskommt, stieß er zu tief und durchbohrte den Himmelsboden. Er fiel auf die Erde, wo er den Fluss und die Bäume fand. Da führte er seinen ganzen Stamm hinunter auf die Erde und sie wurden die ersten Menschen.«
Nicht gerade eine wissenschaftliche Erklärung für den Ursprung der Menschheit, doch hier draußen im nächtlichen Dschungel unter dem Sternenhimmel klingt die Geschichte magisch und alles andere als lächerlich. Onkel Paolo würde vielleicht darüber lachen, doch in mir ist plötzlich eine geheimnisvolle Sehnsucht, als wollte ein Teil von mir gern glauben, dass sie wahr ist. »Und der Jäger war ein Ai’oaner? Glaubt ihr, dass ihr von diesen ersten Menschen abstammt?«
»Natürlich nicht.« Er lacht. »Das ist lange her. Und wer weiß, ob die Geschichte überhaupt stimmt. Aber irgendwo muss es angefangen haben, oder? Das bedeutet, dass jeder auf dieser Erde von irgendwelchen Ersten abstammt und wir alle irgendwie miteinander verbunden sind, weil wir ganz am Anfang ein Volk waren. Ein Stamm.« Er schaut mich von der Seite an und lächelt. »Du siehst also, so verschieden sind wir gar nicht.«
»Wenn man es so betrachtet«, gebe ich zu.
»Wir leben unterschiedliche Leben«, fährt er fort, »aber wir sind alle Menschen. Unsere Wurzeln liegen in derselben Erde.«
Ich blicke ihn an. Aber was ist, wenn man nicht durch und durch Mensch ist?
Wir sitzen noch eine ganze Weile am Ufer und schauen vom Fluss zum Himmel und vom Himmel zum Fluss. Ich glaube, Eio versucht es so zu sehen, wie ich es sehe, aber ich fürchte, er kann es nicht. Ich habe einmal von einem Zustand gehört, den man Reizüberflutung nennt. Ich glaube, dass ich mich gerade in diesem Zustand befinde.
Doch während ich von all den neuen Eindrücken überwältigt werde, spüre ich gleichzeitig, wie mich eine warme, friedvolle Ruhe durchströmt, so als käme ich schon mein ganzes Leben lang hierher. Als seien dieser Fluss und diese Sterne eine Erinnerung, die in mir war und die ich jetzt eben wieder hervorhole.
Als säße ich jeden Abend auf weichem, duftendem Moos neben einem Jungen, der so viel Wärme ausstrahlt wie die Sonne. Ich staune, wie verwirrend neu und gleichzeitig vertraut sich alles anfühlt.
Irgendwann fällt mir auf, dass Eio mehr mich anschaut als den Fluss. Ich werde rot, genau wie heute Morgen in meinem Zimmer, und ich versuche ihn zu ignorieren. Doch bald erwidere ich seinen Blick. Die Sterne spiegeln sich im Fluss und der Fluss spiegelt sich in Eios Augen.
»Hast du je daran gedacht wegzulaufen?«, fragt Eio leise. »Nicht mehr nach Little Cam zurückzukehren?«
Mir stockt der Atem. »Natürlich nicht.«
»Aber warum nicht? Warum willst du zurückkehren an einen Ort, der dir das hier verbietet?« Er zeigt auf den Fluss. »Warum entscheidest du dich für deinen Käfig?«
»Es ist kein Käfig. Nicht… nicht wirklich.«
Er schaut mir in die Augen. »Was haben sie mit dir vor? Wozu brauchen Wissenschaftler eine Tapumiri? Oder halten sie da drin noch mehr von deiner Sorte gefangen?«
»Weißt du das nicht? Hat dein Vater dir das nicht erzählt?«
»Er redet nicht über das, was innerhalb des Zauns ist«, antwortet Eio.
»Hm. Ich bin die einzige… Tapumiri auf der Welt. Es gibt keine anderen. Noch nicht.«
Eio hebt eine Augenbraue. »Noch nicht?«
»Little Cam…« Ich hole tief Luft. Das ist unser am besten gehütetes Geheimnis, aber dank Kapukiri weiß er ohnehin schon das meiste davon. Alle Ai’oaner wissen davon. Und soll ich dir was sagen, Onkel Paolo? Die Menschen außerhalb des Zaunes haben mich nicht eingesperrt. Sie fallen nicht in Little Cam ein und versuchen deine sämtlichen Forschungsergebnisse zu stehlen. Was sagst du nun? Der nächste Gedanke durchfährt mich wie ein eisiger Wind. Und was würdest du tun, wenn du wüsstest, was sie über mich wissen?
»Pia?«
»Hm?« Ich merke, wie komisch es auf Eio wirken muss, wenn ich mitten im Satz innehalte und mit trübem Blick ins Leere starre, während sich meine Gedanken überschlagen. »Oh, tut mir leid. Ich habe gesagt, dass ich die Einzige meiner Art bin. Aber das wird nicht immer so bleiben. Wir sind dabei, weitere Unsterbliche zu machen. Mehr Tapumiri, würdet ihr wohl sagen. Deshalb ist es nicht falsch, wenn ich innerhalb des Zaunes bleiben muss, Eio. Sie brauchen mich und ich brauche sie. Ich muss ihnen helfen, weitere Unsterbliche zu machen, denn solange ich es nicht tue… bin ich allein. Die Einzige meiner Art auf der ganzen Welt. Nur wenn ich in Little Cam bleibe und mithelfe, mehr Tapumiri zu machen, habe ich eine Chance, jemals irgendwo dazuzugehören. Verstehst du das?«
Stirnrunzelnd blickt er übers Wasser.
»Eio? Was ist los?«
»Ihr wollt Unsterbliche machen?«
»Das habe ich doch gerade gesagt.«
»Wie?«
»Äh… Ich weiß es nicht. Sie haben es mir noch nicht gesagt«, gebe ich zu. »Es ist ein Geheimnis. Sie wollen nicht, dass ihnen jemand ihre Forschungsergebnisse stiehlt, deshalb hüten sie dieses Wissen wie ihren Augapfel.«
Er betrachtet mich mit einem ganz seltsamen Ausdruck, als wisse er nicht, ob er mir glauben könne oder nicht. Er muss jedoch zu einer Entscheidung gekommen sein, denn seine Miene verändert sich, er sieht aus, als habe er in diesem Augenblick etwas begriffen. Was genau, kann ich nicht sagen.
»Du weißt darüber nichts, oder?«, fragt er. »Über den Ursprung von Yresa?«
»Was?« Yresa. Mein Gedächtnis findet den Begriff. Es ist ihr Wort für Elysia. »Was meinst du, Eio?«
Er wirkt aufgewühlt, nimmt dann meine Hand, steht auf und zieht mich hoch. »Nichts. Vergiss es. Hör mal. Sie schlagen immer noch die Trommeln.« Er lächelt und wieder funkeln Sterne in seinen Augen. »Wollen wir noch einmal tanzen?«
Wie könnte ich widerstehen?